Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 9. April 2017

Le soldatesse 1965 Valerio Zurlini


Sergente Castagnoli (Mario Adorf) und Tenente Martino (Tomas Milian)...
Inhalt: Athen Frühjahr 1942 – Griechenland ist seit einem Jahr von deutschen und italienischen Truppen besetzt und besonders die städtische Bevölkerung leidet unter großem Hunger. Der junge italienische Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian), der diese Situation unerträglich findet, erhält den Auftrag zwölf Frauen als Nachschub für die Bordelle an Stützpunkte der italienischen Armee zu verteilen. Nur der Hunger trieb die jungen Griechinnen in die Prostitution, was Martinos Aufgabe zusätzlich erschwert, denn die in der unübersichtlichen Hügellandschaft lauernden Partisanengruppen reagieren mit Hass auf diese Erniedrigung.

... nehmen die Frauen in Empfang (vorne Valeria Moriconi)
Nachdem sie jeweils eine Essensration erhielten, setzt sich der von Sergente Castagnoli (Mario Adorf) gelenkte LKW mit den Frauen auf der Ladefläche in Bewegung. Im letzten Augenblick springt noch die jüngere Schwester von Toula (Lea Massari) auf, weshalb Martino die Fahrt sofort stoppen lässt. Er kann nur mit zwölf Frauen den von den Deutschen am Rand Athens bewachten Kontrollpunkt passieren, weshalb sie wieder abspringen soll. Aber die Frauen geben sie nicht wieder heraus, weshalb Martino das Risiko auf sich nimmt. Es gelingt ihnen die Kontrolle zu passieren, aber mit Major Alessi (Aleksandar Gavric), einem Offizier der faschistischen Miliz, gesellt sich ein Passagier dazu, der zu seiner Einheit mitgenommen werden will. Ihn stören die Frauen nicht – im Gegenteil... 


In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017 mit 84 Jahren 

Tomas Milians Auseinandersetzungen im Polizieschi der 70er Jahre mit Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) sind ebenso legendär wie sein "Superbulle" Nico Giraldi ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)) oder seine Outlaw-Rollen im Italo-Western ("La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Nevada, 1966)). Obwohl die Stimme des gebürtigen Kubaners synchronisiert werden musste, wirkte er immer authentisch - ein entscheidender Grund für seine anhaltend große Beliebtheit. Aus heutiger Sicht ist nur noch schwer nachvollziehbar, wie politisch seine Rollen in ihrer Entstehungszeit waren. Seine Diskussionen mit dem nicht weniger authentischen "Law and Order"-Mann Merli am Set bildeten die Grundlage für ihre Dispute auf der Leinwand und die Verkörperung eines Polizisten mit antibürgerlicher Attitüde, der Sympathien für die kleinen Gauner in seinem römischen Viertel zeigte, war ein klarer Verstoß gegen das typische Abbild eines "Gesetzeshüters".

Aus seiner linksgerichteten politischen Haltung hatte Milian nie ein Geheimnis gemacht, aber sein Einstieg ins europäische Kino, dass ihn mit Regisseuren wie Mauro Bolognini ("La notte brava" (Wir von der Straße, 1959)), Alberto Lattuada ("L'imprevisto", (Bevor das Licht erlöscht,1961)), Nanni Loy ("Un giorna da leoni", 1961) oder Luchino Visconti ("Boccaccio '70" dritte Episode, 1962) zusammenarbeiten ließ, ist heute nahezu vergessen. Valerio Zurlinis "Le soldatesse" entstand ein Jahr bevor Milians Popularität mit seinem ersten Italo-Western neue Dimensionen erreichte und steht stellvertretend für diese Phase. 


"Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen?" 

Begutachtung im Bordell
Die von der jungen Griechin Elenitza (Anna Karina) spöttisch an den italienischen Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian) gerichtete Frage bleibt ohne Antwort, führt aber mitten in ein Kapitel des 2.Weltkriegs, das dessen Irrsinn plakativ offenbart. Diktator Benito Mussolini hatte entgegen dem Wunsch seines Verbündeten Adolf Hitler im Frühjahr 1941 von Albanien aus Griechenland angegriffen, wurde von der griechischen Armee aber innerhalb weniger Tage wieder hinter die Ausgangslinie zurückgedrängt. Anders als geplant sah sich die deutsche Heeresleitung deshalb gezwungen, Griechenland (und parallel Jugoslawien) anzugreifen, um Italien zu Hilfe zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass das Land nicht nur von deutschen Soldaten okkupiert wurde, sondern auch von italienischen, die erneut in das Geschehen eingriffen, nachdem sich die Situation zu ihren Gunsten gewendet hatte. Der Makel eines Siegers zweiter Klasse blieb haften. Darauf ging Regisseur Zurlini zwar nicht näher ein, aber das selbstherrliche Verhalten der Armee gegenüber der einheimischen Bevölkerung lässt sich in „Le soldatesse“ nicht losgelöst davon betrachten.

Elenitza (Anna Karina)
Die Handlung setzt ein Jahr später ein, als in Griechenland in Folge der Besatzung eine verheerende Hungersnot herrscht. Tenente Martinos Stimme erklingt aus dem Off und beschreibt Athen als einen Ort, in dem das Sterben alltäglich geworden ist. Sein Wunsch, von hier verlegt zu werden, erfüllt sich schneller als erwartet. Doch der Auftrag, der ihn zurück nach Albanien führen soll, steigert noch die Absurdität einer Situation, deren Konsequenzen Ugo Pirro in seiner Drehbuch-Vorlage auf die private Ebene verlagerte – auf die Beziehung von Mann und Frau. Gemeinsam mit Sergente Castagnoli (Mario Adorf), der ihm als Fahrer zugewiesen wird, soll Martino mit einem LKW zwölf Prostituierte auf mehrere Stützpunkte der italienischen Armee verteilen, wo sie Mannschaft und Offizieren im Bordell zur Verfügung stehen sollen.

Toula (Lea Massari)
Außer der gebürtigen Italienerin Ebe (Valeria Moriconi), die seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Strich geht, ging keine der zwölf Frauen vor Kriegsausbruch der Prostitution nach. Erst der Hunger trieb die jungen Griechinnen dazu, ihre Körper zu verkaufen. Ihnen gegenüber stehen Männer, die nicht nur Mitschuld an ihrer Situation tragen, sondern als Sieger ganz selbstverständlich ihre Dienste in Anspruch nehmen. Eine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung, die den Hass der Partisanengruppen noch zusätzlich schürt und Martinos Tour mit dem Lastwagen durch die schwer einsehbare Hügellandschaft zu einem Himmelfahrtskommando werden lässt. In dieser Zuspitzung erinnert „Le soldatesse“ an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst, 1953), aber Regisseur Zurlini forcierte nicht die offensichtliche Dramatik – auch hinsichtlich der Action-Einlagen blieb er zurückhaltend – sondern konzentrierte sich auf das Verhältnis der Protagonisten untereinander und schlug so den Bogen in die Gegenwart des Jahres 1965.

Eftikia (Marie Laforet)
In seiner kräftigen Schwarz-Weiß-Optik, den Bildern von Zerstörung des Krieges und dem Leid der Bevölkerung, zitierte Zurlini den Neorealismus der 40er Jahre. Dagegen scheinen die schönen jungen Frauen, die als Bezahlung eine Essensration bekommen, mit ihren toupierten Frisuren und den langen künstlichen Wimpern direkt aus den 60er Jahren zu stammen. Anna Karina („Une femme est une femme“ (Eine Frau ist eine Frau, 1960)), Lea Massari ("L'avventura" (Die mit der Liebe spielen, 1960)) und Marie Laforêt („Chasse à l'homme“ (Jagd auf Männer, 1964)) gehörten zur selbstbewussten Riege junger Darstellerinnen im aufkommenden Avantgarde-Kino der 60er Jahre und diese Attitüde sollten sie auch in Zurlinis Film nicht ablegen. Anna Karina gab die kecke Blondine, die sofort mit Martinos Befehlshaber (Guido Alberti) flirtet, Lea Massari als Toula erträgt die Situation mit fatalistischer Geduld und die intellektuelle Eftikia (Marie Laforêt) verweigert sich in offen gezeigter Ablehnung.

Major Alessi (Aleksandar Gavric) hat seinen Spaß...
Ihnen gegenüber stehen drei exemplarische Männer-Typen. Mario Adorf spielte einen so rustikalen, wie sympathischen Unteroffizier, der sich mit den Mädels seinen Spaß macht und sich bald mit der nicht weniger pragmatischen Ebe anfreundet. Tomas Milian als junger Offizier, der sich einst freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, ist mit seinem Anstand und seiner Ernsthaftigkeit ein Kontrapunkt innerhalb des Militärs. Er behandelt die Frauen nicht nur mit Respekt, sondern ist angewidert von der Übergriffigkeit seiner Geschlechtsgenossen. Elenitza verliebt sich in ihn und verbringt eine gemeinsame Nacht mit ihm, aber sie spürt, dass sein Herz der spröden Eftikia gehört. Die reflexive Figur des Tenente Martino lässt sich nur schwer in den 40er Jahren verorten, sondern repräsentierte die kritische Haltung des Regisseurs und seiner Autoren Mitte der 60er Jahre. Dagegen erscheint Major Alessi (Aleksandar Gavric), ein Offizier der faschistischen Miliz (MVSN), der an einem Kontrollpunkt als dritter männlicher Protagonist dazu stößt, in seinem charakteristischen „Schwarzhemd“ prototypisch für diese Phase.

...den seine Miliz-Kameraden auch verlangen
Doch Zurlini war weniger an dessen politischer Haltung interessiert, als an dessen männlicher Überheblichkeit. Der eitle Alessi agiert geradezu lässig - als wäre alles ein großes Abenteuer - und lässt sich in einer Pause auch nicht die Gelegenheit entgehen, mit Toula ins Gebüsch zu steigen. Sehr zum Ärger von Martino, der den inneren Widerwillen der jungen Frau spürte. Auffällig ist, wie häufig Mussolinis Waffengarde im italienischen Film bis zur Lächerlichkeit karikiert wurde. In Filmen wie "Amori di mezzo secolo" (3. Episode, 1954) oder Dino Risis Komödie über den „Marsch nach Rom“ („La marcia su Roma“, 1962) wurden die „Schwarzhemden“ als vergnügungssüchtige Nutznießer ihrer Machtposition überzeichnet. „Le soldatesse“ demonstrierte dieses Verhalten in einer Szene, in der ein LKW voller johlender Milizen über die Landstraße fährt, die sofort mehrere Mädchen von Martino einfordern. Gezwungenermaßen überlässt er ihnen eine noch sehr junge Frau, die von den Männern freudestrahlend auf der Ladefläche in Empfang genommen wird. Am nächsten Tag sind sie alle tot. Erschossen von Partisanen, in deren Hinterhalt sie geraten sind.

Abendliche Entspannung am Eisenbahnwaggon
Eine Szene, die signifikant für den Paradigmen-Wechsel in „Le soldatesse“ steht. Trotz seines realistischen Szenarios wird Zurlinis Film in seinen ersten zwei Dritteln durch die Konfrontation sexuell ausgehungerter junger Männer mit den hübschen Frauen geprägt. Wenn Martino mit seinem LKW an Kontrollpunkten und Stützpunkten auftaucht, treten die Kriegswirren in den Hintergrund. Den Höhepunkt dieser Phase erreicht der Film, als sie auf ihrer Fahrt einen zurückgelassenen Zugwaggon entdecken, der ihnen eine Nacht mit Bett und sanitären Annehmlichkeiten bietet. Frisch rasiert und geschminkt kommen sich Männer und Frauen näher – ein Zustand der Normalität, der auch den Betrachter die lebensgefährliche Situation einen Moment lang vergessen lässt. Und damit die Schockwirkung vergrößert, als plötzlich Gewalt und Tod über die Beteiligten hereinbrechen.

Martino und Eftikia
Vordergründig erscheint „Le soldatesse“ widersprüchlich. Szenen von Menschen in größter Not treffen auf Feierlaune, Kriegsgefahr stößt auf Amüsement, der Suche nach schneller Befriedigung steht Martinos sensibles Zugehen auf die Griechin Eftikia gegenüber. Welche Intention verfolgte der Film? – Für eine Komödie oder Persiflage ist er zu ernsthaft, für eine Anklage an Krieg und Faschismus wirkt er zu leicht und als Plädoyer für Völkerverständigung zu privat. Schon der Filmtitel irritiert. Von weiblichen Soldaten ist hier nichts zu sehen. Die Prostituierten wollen nur überleben. Zurlini kam dem allgemeinen Irrsinn damit ganz nah, denn an den charakterlichen Schattierungen jedes Einzelnen wird deutlich, dass hier Jeder zum Opfer wird – unabhängig davon, ob er auf der Seite der Besiegten oder der Sieger steht. Für Zurlini ein Fakt, aber kein Grund zum Fatalismus. Seine Protagonistinnen – als Prostituierte auf der untersten sozialen Hierarchie-Ebene angekommen – lassen sich nicht unterkriegen und machen dem Filmtitel damit alle Ehre. 

"Le soldatesse" Italien, Frankreich 1965, Regie: Valerio ZurliniDrehbuch: Ugo Pirro, Valerio Zurlini, Piero De Benardi, Leonardo Benvenuti, Franco SolinasDarsteller : Tomas Milian, Anna Karina, Valeria Moriconi, Lea Massari, Marie Laforêt, Mario Adorf, Aleksandar Gavric, Guido Alberti, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Valerio Zurlini: 

"Estate violenta" (1959)

Mittwoch, 12. März 2014

La mala ordina (Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: In der New Yorker Mafia-Zentrale erteilt Corso (Cyril Cusack) geschäftsmäßig den Befehl an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), nach Mailand zu fliegen, um dort Luca Canali (Mario Adorf) zu töten – ganz offiziell und mit Unterstützung der Mailänder Mafia. Deren Boss Tressoldi (Adolfo Celi) reagiert keineswegs erfreut auf die Ankunft der US-Killer, die ihn dazu auffordern, ihnen Canali auszuliefern, denn er versteht nicht, warum seine eigenen Leute den Job nicht erledigen sollen.

Tressoldi befürchtet, dass ihm die New Yorker auf die Schliche gekommen sind, dass er selbst die Drogengelder gestohlen hat und nicht der Zuhälter Canali, dem er diese Tat untergeschoben hat. Canali, der sich wie gewohnt um seine Prostituierten kümmert und zwischendurch seine kleine Tochter trifft, die er nach der Scheidung von seiner Frau (Silvia Koscina) nur noch selten sieht, ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Nicht nur die beiden Killer, auch Tressoldi hat es auf ihn abgesehen, um den New Yorkern zuvor zu kommen…


Neben dem schrillen deutschen Filmtitel "Der Mafia Boss - sie töten wie Schakale" existieren noch eine Vielzahl weiterer Varianten in unterschiedlichen Sprachen, darunter "Manhunt in the city" oder "L'empire du crime". Nur die schlichte Übersetzung des Originaltitels "La mala ordina" fehlt, obwohl damit der Inhalt des Films ideal beschrieben wurde. "Ordina" bedeutet Reihenfolge, Ordnung, Auftrag oder Befehl und fasst in einem Begriff die Grundlagen des organisierten Verbrechens zusammen, die auf strengen hierarchischen Regeln beruhen, die keine Abweichung dulden. Das Attribut "mala" (schlecht) scheint entsprechend überflüssig, aber es vermittelt erst die Komplexität einer inneren Abhängigkeit, der sich Niemand entziehen kann.

Der Befehl der New Yorker Mafia-Zentrale an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), den Mailänder Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) zu töten, erscheint vordergründig "schlecht", ist aber nur die Folge eines Verstoßes gegen die innere Ordnung. Der ortsansässige Boss Tressoldi (Adolfo Celi) hatte sich persönlich an Drogengeldern bedient und den Kleinkriminellen Canali als Bauernopfer vorgeschoben. Fernando Di Leo lässt offen, ob die ungewöhnliche Maßnahme, zwei Profis aus den USA für einen Job zu schicken, den jeder gedungene Mörder in Mailand auch hätte ausführen können, darauf beruht, dass New York die Mailänder Abteilung durchschaut hat, aber er offenbart damit die Fragilität eines Systems, dass keine Abweichung verträgt und jeden Beteiligten zum Opfer werden lässt.

Auch in Di Leos zuvor gedrehtem Film "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1972) ging es um die inneren Mechanismen des organisierten Verbrechens und geriet der Protagonist in eine unausweichlich scheinende tödliche Situation, aber die Auseinandersetzungen fanden noch persönlich statt und wurden entsprechend emotional geführt. Dass Luca Canali getötet werden soll, ist dagegen nur noch die Folge strategischer Überlegungen ohne persönliche Ressentiments. Mario Adorf agiert hier zwar sympathischer als in seiner Rolle als Mann fürs Grobe in "Milano calibro 9", aber sein Wechsel vom Täter zum Opfer bedarf nur einer minimalen Verschiebung innerhalb des Mafia-Kosmos. Mit dem Verzicht auf staatliche Ermittler betonte Di Leo zudem die Gefährlichkeit dieser kriminellen Institution nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für jedes seiner Mitglieder. Dass sich Luca Canali gegen seine Opferrolle wehrt und dem Film nach dem brutalen Mord an seiner Ex-Frau und seiner kleinen Tochter mit seinem Furor Emotionen verleiht, erzeugt zwar Schwung und lässt einige Mafia-Granden alt aussehen, ändert wie das äußerlich coole Verhalten der nur auf Befehl handelnden beiden Killer aber nichts daran, dass sie reagierende und innerhalb des Systems schwache Figuren bleiben – dem Ende, dem keine kathartische Wirkung mehr anhaftete, lässt sich entsprechend wenig Optimistisches abgewinnen. 

Viel mehr nutzte Fernando Di Leo die Charaktere der drei Protagonisten und ihr Umfeld zu einer kritischen Betrachtung des damaligen moralischen Wandels in der Gesellschaft, womit er sich endgültig vom Italo-Western verabschiedete, dessen Einfluss auf „Milano calibro 9“ noch deutlich spürbar war. Sex findet nur noch am Straßenstrich, auf Hotelzimmern oder nach Partys statt und die Anzahl nackt agierender Frauen hätte jedem Erotik-Film gut zu Gesicht gestanden. Luca Canali schläft zwar mit Nana (Femi Benussi), eine seiner Prostituierten, aber mit Liebe hat das nichts mehr zu tun, wie sie in „Milano calibro 9“ noch eine - wenn auch tragische - Rolle spielte. Di Leos fatalistische Sichtweise sollte sich im nachfolgenden „Il boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973) weiter fortsetzen. Die Beziehung zwischen dem Profi-Killer und der entführten Mafiaboss-Tochter ist ein Paradebeispiel an selbstsüchtiger Egozentrik, während die attraktive weibliche Darstellerriege hier – neben Femi Benussi, noch Luciana Paluzzi, Silvana Koscina und Francesca Romana Caluzzi – selbstbewusst agierte. Francesca Romana Caluzzi als der freien Liebe frönende Linke mit Che Guevara-Poster an der Wand ist zwar ein Klischee, aber als eine von Wenigen entzieht sie sich der Erwartungshaltung ihrer Umgebung und gewinnt durch ihre Unabhängigkeit Sympathien.

„La mala ordina“ scheint angesichts der Abwesenheit jeder Staatsgewalt weniger als Fernando Di Leos frühere Filme „I ragazzi del massacro“ (Note 7 – die Jungen der Gewalt, 1969) und „Milano calibro 9“ dem „Polizieschi“ – Genre anzugehören, entwickelte den Kriminalfilm aber entscheidend weiter. Neben der zunehmenden Verzahnung mit den moralischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, wie sie typisch für das Genre werden sollte, blieb es in „La mala ordina“ zwar noch einem Mitglied des Milieus vorbehalten, Selbstjustiz zu üben, aber schon in dem wenig später gedrehten "Milano trema - la polizia vuole giustizia" (1973) von Sergio Martino übernahm der Commissario diese Aufgabe selbst. Gespielt von Luc Merenda, dem Fernando Di Leo in „Il poliziotto é marcio“ (1974), der „Il boss“ folgte, die Rolle des gnadenlosen Rächers zuweisen sollte.

"La mala ordina" Italien, Deutschland 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Giorgio Scerbanenco (Kurzgeschichte), Darsteller : Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Luciana Paluzzi, Adolfo Celi, Femi Benussi, Cyril Cusack, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"Milano calibro 9" (1972)

Sonntag, 9. März 2014

Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: Mit scheinbarer Perfektion wechselt ein Geldpaket unauffällig von Hand zu Hand, doch als es bei seinem Adressaten anlangt, befindet sich nur Zeitungspapier darin. Jemand aus der Kette der Beteiligten muss das Geld gestohlen haben, wodurch Rocco (Mario Adorf) auf den Plan gerufen wird, der als Mann fürs Grobe dem „Americano“ (Lionel Stander) dient, einem einflussreichen Mailänder Boss, der aus den USA stammt. Doch auch sein hartes Durchgreifen lässt die verschwundenen Dollars nicht wieder auftauchen, weshalb aus Sicht des Gangsterbosses nur noch Ugo Piazza (Gastone Moschin) als möglicher Täter übrig bleibt, der unmittelbar nach dem Diebstahl verhaftet wurde und drei Jahre im Gefängnis saß.

Es hilft ihm nicht, zu beteuern, dass er das Geld nicht genommen hat, denn Rocco wartet schon auf ihn und lässt ihn keinen Moment in Ruhe. Mehrfach wird er verprügelt und bleibt nur am Leben, weil seine Peiniger erst das Versteck erfahren wollen. Fast verzweifelt wäre Piazzas Lage, wäre da nicht die schöne Nachtclub-Tänzerin Nelly (Barbara Bouchet), mit der er früher zusammen war. Sie hatte ihn zwar nie im Gefängnis besucht, aber jetzt empfängt sie ihn mit offenen Armen…


Fernando Di Leos von 1972 bis 1973 in die Kinos gekommenen Filme "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1971), "La mala ordina" (Der Mafiaboss - sie töten wie Schakale, 1972) und "Il boss" (Der Teufel führt Regie, 1973) gelten heute als "Mafia"-Trilogie, da sie sich - obwohl inhaltlich voneinander unabhängig - jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der "Mafia"- Thematik auseinandersetzten. So griffig und werbewirksam eine solche Bezeichnung der frühen Phase Di Leos, Anfang der 70er Jahre, heute erscheinen mag, so sehr vermittelt diese eine thematische Abgeschlossenheit, die seinen insgesamt zehn zwischen 1969 und 1977 dem Genre des "Polizieschi" zuzurechnenden Filmen nicht gerecht wird, die fast prototypisch dessen Entwicklung ausgehend vom Italo-Western parallel zu den gesellschaftspolitischen Veränderungen nachzeichneten.

"I ragazzi del massacro" (Note 7 - die Jungen der Gewalt,1969) war noch mehr Gesellschaftsstudie als Kriminalfilm und reagierte auf typische bürgerliche Ängste angesichts einer revoltierenden Jugend, bevor Fernando Di Leo mit "Milano calibro 9" seinen einzigen Italo-Western als Regisseur schuf, genauer die neben Sergio Sollimas "Città violenta" (Brutale Stadt, 1970) und "Revolver" (Die perfekte Erpressung, 1973) ideale Kombination aus Polizeifilm und Western - ein Genre, an dem er als Drehbuchautor entscheidend mitgewirkt hatte. Nachdem er bei den zwei ersten Sergio Leone-Western "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) und "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) dem Autoren-Team angehörte, bewies er mit "Il ritorno di Ringo" (Ringo kommt zurück, 1965) und "Le colt cantarono la morte e fu... tempo di massacro" (Django - sein Gesangsbuch war der Colt, 1966) früh Eigenständigkeit. Mit "Ognuno per se" (Das Gold von Sam Cooper, 1968) hatte er noch wenige Jahre zuvor einen prägenden Western geschrieben, bevor er das Thema eines Einzelgängers, der nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt und sich seiner Vergangenheit stellen muss, in die italienische Gegenwart transferierte.

Dass er die Story von "Milano calibro 9" innerhalb des organisierten Verbrechens ansiedelte, war folgerichtig und wurde prägend für den Polizieschi, in dem es fast immer ums große Ganze und selten um einzelne Kriminalfälle ging. Auch im Italo-Western bekam es der "Held" in der Regel mit einer Übermacht zu tun, die von einem in der bürgerlichen Gesellschaft angesehenen Großgrundbesitzer streng hierarchisch geleitet wurde. Zu einer solchen Truppe gehörte immer ein Mann für die Drecksarbeit, eine Figur, die Mario Adorf als Rocco geradezu beängstigend überzeugend in ihrer Mischung aus Brutalität, Sadismus und absoluter Hörigkeit gegenüber seinem Boss interpretierte. Auch Gastone Moschin als Piazza, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit den ehemaligen Kumpanen konfrontiert wird, die ihm unterstellen, Drogengelder gestohlen zu haben, agierte faszinierend als stoischer Einzelgänger, der erst leiden muss, bevor der von seiner Umgebung unterschätzte Mann zurückschlägt - eine klassische Western Konstellation.

Die "Mafia"-Thematik spielte in "Milano calibro 9" dagegen noch eine untergeordnete Rolle, mehr als Hintergrund für die inneren psychologischen Abhängigkeiten unter den ehemaligen und aktuellen Bandenmitgliedern. Eine in ihrer Ganovenehre fast romantisch anmutende Figur wie Chino (Phillipe Leroy), der seinen erblindeten Boss in einer einfachen Wohnung betreut, und den Piazza (Gastone Moschin) als Einzigen um Hilfe bittet, wäre in Di Leos folgenden, die Mechanismen der Mafia in ihrem ganzen Zynismus entlarvenden Filmen unvorstellbar. Auch die Beziehung zu der Nachtclub-Tänzerin Nelly (Barbara Bouchet), die Piazza wieder mit offenen Armen aufnimmt, entsprach in ihrer Zwiespältigkeit mehr einem klassischen Drama und erzeugte eine emotionale Nähe zu dem Protagonisten, unterstützt von der eindringlichen Musik Luis Bacalovs, die Fernando Di Leo in seinen folgenden Filmen zunehmend verlor. Dank seines Temperaments konnte Mario Adorf in "La mala ordina" noch eine Identifikation mit seiner Rolle als Zuhälter aufbauen, in "Il boss" existieren solche Emotionen nicht mehr.

Eine von Di Leo beabsichtigte Richtung, die den Weg zum klassischen Poliziesco, in dem ein Einzelgänger gegen eine Übermacht aus Korruption und Verbrechen antrat, vorbereitete. Der in Deutschland nahezu unbekannte "Il poliziotto è marcio" (1974) mit Luc Merenda in der Hauptrolle als Rache nehmender Polizist setzte diese Linie konsequent fort. Anders als „Milano calibro 9“ der über die grobe Mafia-Thematik hinaus kaum Ähnlichkeiten zu „Il boss“ aufweist, werden die Parallelen in „Il poliziotto è marcio“ schon in der Anfangsszene offensichtlich, in der ein Gangsterboss und seine mit Maschinengewehren bewaffneten Männer eine Gruppe gnadenlos massakrieren, weil sie es gewagt hatten, mit Anderen Geschäfte zu machen. Dagegen erinnern die Szenen in „Milano calibro 9“, in denen zwei Polizei-Offiziere (Frank Wolff und Luigi Pistilli) politisch kontrovers die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen diskutieren, noch an den Vorgängerfilm "I ragazzi del massacro" - ein solches gedankliches Engagement, unabhängig von der jeweiligen Haltung, traute Di Leo den Polizisten in "Il boss" nicht mehr zu.

Die Einordnung in eine Trilogie und besonders die damit verbundene Vergleichbarkeit können einem solitären Werk wie "Milano calibro 9" nicht gerecht werden, in dem Di Leo noch das menschliche Element suchte. Möglicherweise führte die daraus entstehende Tragik zur Konsequenz der folgenden Filme, in denen die Befindlichkeiten des Einzelnen innerhalb der Mechanismen einer gnadenlosen Verbrecherordnung keine Rolle mehr spielten.

"Milano calibro 9" Italien, Frankreich 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Giorgio Scerbanenco (Roman), Darsteller : Gastone Moschin, Mario Adorf, Barbara Bouchet, Philipp Leroy, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Lionel Stander, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"La mala ordina" (1972)

Freitag, 17. Mai 2013

Gli specialisti (Fahrt zur Hölle, ihr Halunken) 1969 Sergio Corbucci


Inhalt: Die Insassen einer Postkutsche werden von mexikanischen Banditen an einer Station aufgefordert, ihre Habseligkeiten heraus zu geben. Die vier Vagabunden unter ihnen schmeißen sie in eine Pfütze, wo sie unter dem Gelächter der Mexikaner im Schlamm wühlen müssen. Hud (Johnny Halliday), der sich in der Station befand, will sich das Schauspiel nicht mehr länger ansehen und erschießt die Männer, die zur Bande von „El Diablo“ (Mario Adorf) gehören. Danach verfolgt er seinen Weg weiter, der ihn zu der Hütte von Boot (Serge Marquand) führt.

Die Bewohner von Blackstone wissen schon von seiner baldigen Ankunft und beschwören den Sheriff (Gastone Moschin), gegen Hud vorzugehen. Sie befürchten, dass er seinen Bruder rächen will, den sie vor zwei Monaten nach dessen Bankraub gelyncht hatten, um sich die Beute selbst holen, die bisher nicht gefunden wurde. Doch der Sheriff bleibt ruhig und reitet Hud entgegen, um ihm die sein Gewehr und den Revolver abzunehmen, da sich Niemand bewaffnet im Dorf aufhalten darf. Hud willigt ein, entgeht aber nur knapp einem Anschlag, da die Direktorin der Bank, die Witwe Virginia Pollywood (Françoise Fabian) für ein Empfangskomitee in Blackstone gesorgt hatte…


Sergio Corbuccis "Gli specialisti" (Fahrt zur Hölle, ihr Halunken) entstand 1969 mitten in einer Phase, die seine Entwicklung von einer ernsthaften, auch politisch relevanten Interpretation des Western-Genres zu einer zunehmend ironischen Sichtweise kennzeichnete. Corbuccis Revolutions-Western "Il mercenario" (Mercenario - der Gefürchtete) und "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg), dessen Pessimismus unmittelbar auf den Vietnam-Krieg reagierte, entstanden 1968 kurz hintereinander und sind ohne die politisch-gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit nicht vorstellbar. Der 1970 folgende "Vamos a matar, compañeros" (Lasst uns töten, Companeros) nahm die Thematik des Revolutions-Western zwar erneut auf, betonte aber mehr den komödiantisch, unterhaltenden Charakter, und wies schon auf Corbuccis späte Western-Parodien ("Il bianco il giallo il nero" (Drei Halunken erster Klasse, 1975) hin.

Doch anders als die genannten Filme seiner intensiven Schaffensphase Ende der 60er Jahre, findet "Gli specialisti" heute kaum noch Erwähnung, obwohl der Einfluss der Hippie-Ära und der anti-bürgerlichen Protestbewegung hier - zudem in einer für das Western-Genre fremdartig wirkenden Umsetzung - sehr deutlich ist. Die vier unbewaffneten und ungepflegten Vagabunden, denen Hud (Johnny Halliday) zu Beginn das Leben rettet, als einige Bandenmitglieder von El Diablo (Mario Adorf) ihre Spielchen mit ihnen treiben, wirken in einem Western deplaziert. In einer grotesken Szene konfrontiert Corbucci den traditionellen Western mit der Gegenwart der späten 60er Jahre – die vier an Hippies erinnernden Herumtreiber wollen die hübsche Sheba (Silvie Fennec) dazu nötigen, an ihrem Joint zu ziehen, was sie mit den Worten, sie sei doch ein Mädchen, entrüstet ablehnt. Worauf sich eine der Vier als kurzhaarige Frau entpuppt, die ihr Geschlecht dadurch beweist, dass sie eine ihrer Brüste vorzeigt. Die Charakterisierung dieser sich respektlos und vulgär benehmenden Figuren ist offenkundig negativ, was noch in weiteren Szenen betont wird, die weder mit der eigentlichen Story, noch mit dem Western generell etwas zu tun haben.

Diese seltsame Konstellation lässt sich am ehesten durch die ungewöhnlichen Umstände einer italienisch/deutsch/französischen Co-Produktion erklären, die wie ein Mix aus einem klassischen Western und einem 60er Jahre Experimentalfilm wirkt. Sie war gleichzeitig ein Vehikel für einen der größten französischen Stars, dem Rock-Musiker Johnny Hallyday, der in „Gli specialisti“ seine erste Hauptrolle spielte. Bis heute hält Hallyday sämtliche Zuschauerrekorde für Live-Konzerte in Frankreich, aber in den 60er Jahren stand er auch für den Protest gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. 1963, nach einem Konzert in Paris vor 150000 Zuschauern wurde die Innenstadt stark verwüstet und fanden Straßenkämpfe mit der Polizei statt – eine Entwicklung, die sich fortsetzte und die Auswirkungen der späten 60er Jahre schon vorweg nahm. Ohne dieses Image ist Hallyday als schweigsamer Pistolero Hud nicht korrekt einzuordnen. Vordergründig wirkt er in dieser Rolle ähnlich deplaziert wie die vier Vagabunden, aber zur Entstehungszeit des Films - besonders in Frankreich - war keine weit reichende Charakterisierung notwendig, um ihn als Klassenkämpfer zu personifizieren.

Hud (in der deutschen Synchronisation "Brad") kommt wieder zurück in seine alte Heimatstadt, um die Unschuld seines Bruders zu beweisen, der wegen eines angeblichen Bankraubs vom Mob gelyncht wurde. Zwar zeigt Hud in der ersten Szene seine überragenden Schießkünste, aber danach sieht man ihn nur noch selten in Aktion. Stattdessen übergibt er dem Sheriff (Gastone Moschin) ohne Widerstand seine Waffen, die Niemand im Ort bei sich tragen darf. Äußerlich gibt sich Hallyday zwar cool, aber mit den zwiespältigen Revolverhelden eines Clint Eastwood oder Giuliano Gemma hat er wenig gemein. Auch über seine bisherige Rolle als Revolverheld erfährt man nichts, aber er handelt nie zum eigenen Vorteil. Er schießt nur in Notwehr oder um Andere zu beschützen und verfolgt keine egoistischen Ziele. Zwar wird ihm von den Bürgern des Ortes unterstellt, er wäre auf der Suche nach der bisher verschwundenen Beute seines Bruders, aber hinter dieser falschen Behauptung verbirgt sich nur der wahre Bösewicht des Films – eine egoistische, nur an ihrem Geld interessierte, feige Gesellschaft.

Viele Western Corbuccis verwendeten als Hintergrund eine Bürgerschaft, die ihre Interessen rücksichtslos verfolgte, aber in „Gli specialisti“ geht er darüber hinaus. Françoise Fabian verkörpert als Witwe Virginia Pollywood - die Anspielung ist offensichtlich - den Kapitalismus in Reinkultur. Ungeniert ihre körperlichen Reize einsetzend - im damaligen Westen unvorstellbar für eine Frau der besseren Gesellschaft - setzt die Bankdirektorin ihre Pläne ohne Skrupel um. Zwar gibt es mit dem mexikanischen Bandenboss „El Diablo“ auch einen echten Banditen, aber im Vergleich zu der verschlagenen Pollywood und den anderen Honoratioren der Stadt bis zum zwielichtigen Sheriff, ist er nur ein sympathischer Grobian. Schon zu Jugendzeiten war er ein Freund von Hud, mit dem er sich immer sportlich fair duellierte. Und seine Angewohnheit, seine heroischen Taten einem Jungen in dessen Schreibblock zu diktieren, verleiht dem sonst ernsthaften Film ein wenig Humor.

Die abschließende, knapp zehnminütige Sequenz des Films treibt die Verfremdung des Western auf die Spitze. Die Rache-Story ist beendet und die Schuldigen sind bestraft, aber die Demütigung der Bürger steht noch aus. Hud, schwer verletzt und mehr an einen Märtyrer als an einen Revolverhelden erinnernd, verbrennt das wieder gefundene Geld vor den Augen der Bewohner der Stadt, die jammernd versuchen, noch einen Rest davon zu erhaschen. Doch damit endet ihre Tortur noch nicht, denn die vier Hippies bekommen noch ihren großen Auftritt und zwingen sie, sich nackt auszuziehen, auch um Hud damit herausfordern. Ein letztes Mal rafft er sich auf, um sie mit einer ungeladenen Pistole in die Flucht zu schlagen, bevor er allein davon reitet – einen Moloch aus nackten, verängstigten und erniedrigten Leibern hinter sich lassend, während Orgelmusik erklingt.

„Gli specialisti“ kam stark gekürzt in die deutschen Kinos, obwohl der Film nur wenige Gewaltszenen beinhaltet. Dahinter verbarg sich der Versuch, einen „normalen“ Italowestern zu kreieren, was schon daran scheitern musste, dass Johnny Hallydays Interpretation eines Westernhelden nicht den Standards entsprach. Dass „Gli specialisti“ heute kaum noch bekannt ist, erklärt sich durch diese Umstände, ist aber nicht gerechtfertigt. Als „Italo-Western“ hinterlässt er zwar einen uneinheitlichen, phasenweise fremdartigen Eindruck, aber als Gesamtwerk im zeitlichen Kontext ist er von großer Originalität.

"Gli specialisti" Italien / Frankreich / Deutschland 1969, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Sabatino Ciuffini, Darsteller : Johnny Hallyday, Francoise Fabian, Sylvie Fennec, Gastone Moschin, Mario Adorf, Laufzeit : 99 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

"Django" (1966)
"Navajo Joe" (1966)
"Il mercenario" (1968)

Freitag, 26. April 2013

A cavallo della tigre (Vergewaltigt in Ketten) 1961 Luigi Comencini


Inhalt: Nachdem Giacinto (Nino Manfredi) bei dem Versuch, einen Überfall auf sich vorzutäuschen, um seine Familie zu ernähren, erwischt wurde, landet er für drei Jahre im Gefängnis. Dort arbeitet er als „Schwester“ auf der Krankenstation und bemüht sich, von den Schwerverbrechern nicht allzu sehr herumgeschubst zu werden. Als Mario Tagliabue (Mario Adorf), ein für seine Brutalität bekannter Mörder, ihn um einen Gefallen bittet, traut er sich nicht, diesen abzulehnen. Auch als er dessen Zellenkumpanen weitere Dinge, darunter eine Feile, besorgen soll, verweigert er sich nicht.

Offensichtlich haben die Männer vor, auszubrechen, was er dem alten Mithäftling „Il commandante“ anvertraut, der ihm daraufhin den Tipp gibt, den Plan an den Gefängnisdirektor zu verraten, um seine Haftzeit ein halbes Jahr verkürzen zu können. Als Gegenleistung für diesen Vorschlag erwartet der „Commandante“, dass ihm Giacinto seine Wäsche säubert. Aber er bekommt keine Chance, diesen Vorschlag umzusetzen. Bevor er am nächsten Tag beim Direktor vorsprechen kann, sorgen die Häftlinge dafür, dass er in eine andere Zelle umgelegt wird – zu Tagliabue, Papaleo (Gian Maria Volonté) und der „Maus“ (Raymond Bussières), die schon auf ihn warten…


"A cavallo della tigre" (Vergewaltigt in Ketten) brachte 1961 vier führende Vertreter der „Commedia all’italiana“ zusammen. Mario Monicelli, Agenor Incrocci (genannt "Age") und Furio Scarpelli hatten seit "Totò cerca casa" (1950) das tief im Neorealismus verwurzelte komödiantische Genre maßgeblich beeinflusst und einige stilbildende Filme - darunter "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer, 1958) und "Le grande guerra" (Man nannte es den großen Krieg, 1959) - herausgebracht. Auch Regisseur und Mit-Autor Luigi Comencini wurde vom Neorealismus geprägt und war seit "Pane, amore e fantasia" (Liebe,Brot und Fantasie, 1953) für seine leichten Komödien in einem realistischen Umfeld bekannt geworden. Ein Jahr zuvor hatte er gemeinsam mit Scarpelli und Age das Drehbuch zu dem Kriegs-Drama "Tutti a casa" (Zwischen den Fronten, 1960) entwickelt, die Hinzuziehung von Mario Monicelli versprach eine weitere Steigerung der Qualität. Auch die männlichen Hauptrollen waren mit Nino Manfredi, Mario Adorf und Gian Maria Volonté in seiner ersten größeren Rolle ausgezeichnet besetzt, aber „A cavallo della tigre“ taucht nicht nur in keiner repräsentativen Liste der „Commedia all’italiana“ auf, sondern erntete bei seinem Erscheinen heftige Kritik.

Dabei beginnt der Film urkomisch, wenn Giacinto (Nino Manfredi) versucht einen Überfall auf sich selbst vorzutäuschen. Erst vergräbt er seine Tasche mit Habseligkeiten, dann fährt er sein schrottreifes Auto gegen eine herbei gerollte Baumwurzel, um sich mit einem Stein noch selbst zu schlagen, damit seine Verletzung überzeugender ist, bevor er sich selbst fesselt, in dem er sich in ein Seil hineindreht, dass er zuvor am Fahrzeug befestigte. Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Polizei davon hätte täuschen lassen, aber dazu kommt es erst gar nicht. Als er einem vorbeigehenden Fischer zuruft, er wäre überfallen worden und er möge bitte Hilfe holen, erzählt dieser der Polizei, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte – darauf, dass der Fischer ihn die gesamte Zeit beobachtet hatte, war Giacinto nicht gekommen. Der Versuch eines Versicherungsbetrugs war eine Verzweiflungstat, um seine Familie zu ernähren, bringt ihm stattdessen aber drei Jahre Gefängnis ein.

Nach dieser kurzen Vorgeschichte wird Giacinto auf der Krankenstation des Gefängnisses gezeigt, wo er im weißen Kittel als „Krankenschwester“ arbeitet – einen Job, den er schon während des Krieges in der Armee innehatte. Manfredi spielt die Figur des Giacinto als sympathischen und gutmütigen Naivling, der alles richtig machen will und sich ohne Egoismus für eine Sache einsetzt. Das er immer mehr in Schwierigkeiten gerät, verdankt er seinem fehlenden Durchsetzungsvermögen und der Unfähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Von dem brutalen Mörder Mario Tagliabue (Mario Adorf), dessen Zellengenossen Papaleo (Gian Maria Volonté) - trotz seines intellektuellen Gehabes ein gefährlicher Gewalttäter - und einem kleinen, älteren Mann (Raymond Bussières), genannt „Il sorcio“ (Die Maus), wird er dazu gezwungen, Dinge zu organisieren, die sie für einen Ausbruch benötigen. Als er das dem „Commandante“ erzählt, einem älteren von Tagliabue misshandelten Häftling, rät dieser Giacinto, damit zum Gefängnisdirektor zu gehen, da er dann ein halbes Jahr früher frei käme.

Allein die Vorstellung, in einem Gefängnis um einen Termin beim Gefängnisdirektor zu bitten, nachdem man unmittelbar in eine geheime Aktion involviert war, ist absurd, aber Giacinto denkt sich nichts dabei. Es kommt zu den erwartenden Konsequenzen – seine Zellengenossen sorgen dafür, dass er zu Tagliabue und seinen Kameraden verlegt wird, die ihm seine Idee schnell austreiben. Im Gegenteil planen sie ihn mitzunehmen, damit er sie nicht verraten kann, aber Giacinto fleht sie an, ihn zurückzulassen, da er in wenigen Monaten seine Strafe abgesessen hätte. Tagliabue fragt ihn, ob er einem harten Verhör standhalten würde, was Giacinto vehement bejaht, aber als er schon bei einem Ohrdreher damit herausrückt, dass der „Commandante“ ihm den Tipp mit dem Direktor gegeben hatte, entscheidet Tagliabue endgültig, ihn mitzunehmen. Allein diese Szene ist in ihrer Direktheit sehr komisch, aber das täuscht darüber hinweg, dass nur Nino Manfredis hingebungsvolles, jede Konsequenz annehmendes Spiel eine Realität kontrastiert, die nicht härter und demoralisierender sein könnte, ohne das „A cavallo della tigre“ bei seiner Darstellung des Gefängnisalltags und der Armut der Bevölkerung übertreibt.

Der deutsche Titel „Vergewaltigt in Ketten“ ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern vermittelt eine extreme, außergewöhnliche Situation. „Der Ritt auf dem Tiger“ - wie der Film nach einem chinesischen Sprichwort wörtlich übersetzt heißt – bezeichnet dagegen die generelle Schwierigkeit, aus einer Sache auszusteigen (vom Tiger abzusteigen) und bezieht sich auf die vordergründigen Ereignisse um den geplanten Ausbruch, mehr noch aber auf Giacintos armseliges Leben, das ihm von Beginn an keine Chance ließ. Auch in Monicellis „I soliti ignoti“ wechselten sich unmittelbar komische und tragische Momente ab, aber die Story hatte ein Herz für die Armen und betrachtete sie mit Sympathie. In „A cavallo della tigre“ gibt es dagegen keine Solidarität mehr unter den Benachteiligten, wird Giacinto mehrfach von Tagliabue und den anderen Männern brutal verprügelt und entkommt nur knapp dem Tod. Auch nach dem Ausbruch, der sich als gerissenes Meisterstück herausstellt, versucht jeder nur seinen eigenen Vorteil aus der Sache herauszuschlagen.

Trotz mancher gelungener Aktion entsteht in Comencinis Film nie der Eindruck von Entspannung oder Zufriedenheit, wie er den Protagonisten in anderen Komödien zumindest zeitweise gegönnt wird. In der Darstellung der Realität einer durch Armut korrumpierten Bevölkerung ähnelt der Film dagegen Antonionis „Il grido“ (Der Schrei, 1957), der diesem Zustand jede Sentimentalität ausgetrieben hatte. Denn trotz der Widrigkeiten, die Giacinto im Knast und auf der Flucht widerfahren waren, hinterlässt die Wiederbegegnung mit seiner Frau und seinen zwei Kindern den tristesten Eindruck. Anstatt ihn zu begrüßen, beschimpft ihn seine Frau (Valeria Moriconi) und verteidigt ihr Zusammenleben mit einem anderen Mann damit, das dieser sie und ihre Kinder wenigstens ernährt hätte. Schnell nutzen die die Gelegenheit, die Belohnung für den ausgebrochenen Ehemann einzufordern. Und fordern von Giacinto, auch seinen Kameraden Tagliebue auszuliefern, da die für sein Ergreifen ausgesetzte Summe allein zu niedrig wäre – solidarische Gefühle sind längst egoistischen Interessen gewichen.

Einzig der sympathische und alles stoisch ertragene Giacinto vermittelt in „A cavallo della tigre“ eine gewisse Komik, aber der Kontrast zu einer Realität, die weder Hoffnung bietet, noch dem Protagonisten irgendeine Befriedigung erlaubt, war zu groß, um den Film noch als Komödie zu empfinden – wahlweise galt das Spiel Manfredis als zu übertrieben oder der reale Hintergrund als zu ernst. Doch dieses Urteil, das später revidiert wurde, wird einem Film nicht gerecht, der die Ansichten seiner vier Macher perfekt widerspiegelte und zu einer radikalen bitterbösen „Commedia all’italiana“ wurde, allen sonstigen Einordnungen zum Trotz.

"A cavallo della tigre" Italien 1961, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Agenore Incrocci, Mario Monicelli, Furio Scarpelli, Darsteller : Nino Manfredi, Mario Adorf, Gian Maria Volonté, Valeria Moriconi, Raymond Bussières, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.