Inhalt: Karin Bjösen (Ingrid Bergman) wartet in einem italienischen Flüchtlingslager auf ihre Ausreise nach Argentinien. Als ihr Antrag abgelehnt wird, heiratet sie spontan Antonio, einen Soldaten, mit dem sie sich angefreundet hatte. Sie entkommt damit zwar ihrem rechtlosen Dasein, wird von Antonio aber auf seine Heimatinsel "Stromboli" mitgenommen, einer kargen Vulkaninsel, auf der die Menschen in einfachsten Verhältnissen leben...Ausgeliefert zu sein ist für den Mitteleuropäer der Gegenwart ein eher seltenes Gefühl, aber kurz nach dem 2.Weltkrieg gab es viele Flüchtlinge, die ihrer Heimat entfremdet waren. Die Litauerin Karin Bjösen (Ingrid Bergman), die vor dem Krieg als Diplomatentocher zu den priveligierten Bevölkerungsschichten gehörte und nicht mehr in ihr Heimatland zurück kann, befindet sich in einem Lager und hofft auf ein Visum für Argentinien. Während ihrer Lagerzeit hatte sich die schöne Frau mit dem italienischen Soldaten Antonio angefreundet, der jetzt um ihre Hand anhält. Sie zögert, aber als das Visum abgelehnt wird ,heiratet sie Antonio noch im Flüchtlingslager, um ihrer Rechtlosigkeit zu entkommen. Mit ihm zusammen fährt sie in dessen Heimat - der Vulkaninsel „Stromboli“.
Als Rosselini 1950 diesen Film drehte, galt er neben De Sica und Visconti als Hauptvertreter des neorealistischen Stils. In dieser Phase hatte er den damals sehr populären Hollywood-Star Ingrid Bergman kennengelernt, die ihre Familie seinetwegen verliess, was zu einem großen Skandal führte, der Ingrid Bergmans Karriere in den USA zum Erliegen brachte. "Stromboli" wurde letztlich eine Symbiose aus ihrem Starappeal und seiner neorealistischen Intention. Anders als Visconti in "La Terra Trema", der zwei Jahre zuvor ebenfalls das harte und karge Leben der Fischer auf einer Insel schilderte, weicht Rossellini von seiner neorealistischen Linie ab, indem er mit Ingrid Bergman eine in Charakter und Erscheinung wesensfremde Person auf die Einwohner der Insel stossen liess, was folgerichtig Reaktionen provozierte. Er verbindet in "Stromboli" zwei unterschiedliche realistische Szenarien - einerseits die Flüchtlingssituation, andererseits das traditionelle Leben auf der Insel - zu etwas Neuem, dass einen Ausblick auf die gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Krieg wirft. Damit entfernte er sich von seiner bisherigen Betonung einer realistischen Zustandsbeschreibung.Diese in sich abgeschlossene Welt konfrontiert er mit der Figur der Karin. Ingrid Bergman wirkt dabei keineswegs wie eine Leidende oder gar ein Opfer. Sie gibt sich selbstbewusst und als sie die ärmliche Situation auf der Insel bemerkt, will sie diese sofort wieder verlassen und macht ihrem Mann Antonio, der sich alle Mühe gibt, heftige Vorwürfe. Schon in einer frühen Szenen wird Karin von dem Vertreter der argentinischen Botschaft als verlogen bezeichnet und Ingrid Bergman wirkt auch im gesamten Film so, als täte sie Alles nur zu ihrem eigenen Vorteil. Sie ist die klassische Tochter aus gutem Hause, für die immer alles bereitet war, der aber durch die Kriegswirren diese Grundlage verloren ging, weshalb sie mit fast allen Mitteln versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Keinen Moment scheint sie an ihrem Mann, zu dem sie auch keine körperliche Nähe herstellt, oder an der Situation der Inselbewohner interessiert.
Im Gegenteil erfüllt sie mit ihrem ignoranten Verhalten die Vorurteile der Inselbewohner an eine mondäne junge Frau. Bis sie den Pfarrer verführen will, da dieser über ein gewisses treuhänderisches Vermögen verfügt. In dieser Szene - eine der kontroversesten des Films - verschweigt Rosselini auch die offensichtliche Neigung des Pfarrers zu der schönen Karin nicht. Beinahe erliegt er ihr. Sie scheitert nur, weil sie ihr Ansinnen zu betont vorbringt, denn ihr fehlt im entscheidenden Moment das Einfühlungsvermögen. Diese Szene veranschaulicht die Veränderungen, die auf beide Seiten zukommen werden. Karin, als Vertreterin der bürgerlichen Klasse der Vorkriegszeit muss erkennen, dass die alten Mechanismen nicht mehr funktionieren, aber auch die traditionellen Werte einer in sich geschlossenen Gemeinschaft sind gefährdet.
Die Gegenreaktion der Anwohner auf diesen "Eindringling" ist nachvollziehbar, aber obwohl Rossellini ein zunehmend agressiveres Verhalten ihr gegenüber zeigt, vermeidet er es, die Bewohner von „Stromboli“ nur als Ablehnende gegenüber der "Moderne" zu schildern, sondern vermittelt auch deren notwendige Einsicht in eine vorhandene Situation. Das Verhalten der Frauen gegenüber Karin ist exemplarisch für eine solche Situation, aber Rossellini vermeidet dabei jedes klischeebeladene Drama – trotz aller Anfeindungen bleibt seine Schilderung immer sachlich und unaufgeregt. Genauso ist Karin letztlich kein Opfer der Inselbewohner oder der äußerlichen Situation, sondern ihrer eigenen Erwartungshaltung und ihrer Unfähigkeit, sich einfühlen zu können. Ingrid Bergman gelingt es durch ihr überzeugendes Spiel, dem sperrigen Charakter der Karin Sympathien zu verleihen, denn letztlich unterliegt sie der gleichen Situation wie Alle - sie wird gezwungen, sich zu verändern.
Mit Fortschreiten des Films und durch den Focus auf Ingrid Bergman, deren "Schauspiel" sich von den sonstigen Laiendarstellern abgrenzt, entfernt sich Rosselini immer mehr vom neorealistischen Ursprung. Er erhebt den Vulkan zu einem epischen Symbol, dessen Wucht scheinbar über den menschlichen Problemen liegt. Karins Flucht führt sie zu seinem Gipfel, aber Erlösung kann er ihr nicht bringen.
"Stromboli" Italien 1950, Regie: Roberto Rossellini, Drehbuch: Roberto Rossellini, Darsteller : Ingrid Bergman, Mario Vitale, Renzo Cesana, Mario Sponzo, Laufzeit : 97 Minuten
- weitere im Blog besprochene Filme von Roberto Rossellini :
"Roma, citta apertà" (1945)
"Viaggio in Italia" (1954)
"Amori di mezzo secolo" (1954)



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