Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 9. April 2017

Le soldatesse 1965 Valerio Zurlini


Sergente Castagnoli (Mario Adorf) und Tenente Martino (Tomas Milian)...
Inhalt: Athen Frühjahr 1942 – Griechenland ist seit einem Jahr von deutschen und italienischen Truppen besetzt und besonders die städtische Bevölkerung leidet unter großem Hunger. Der junge italienische Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian), der diese Situation unerträglich findet, erhält den Auftrag zwölf Frauen als Nachschub für die Bordelle an Stützpunkte der italienischen Armee zu verteilen. Nur der Hunger trieb die jungen Griechinnen in die Prostitution, was Martinos Aufgabe zusätzlich erschwert, denn die in der unübersichtlichen Hügellandschaft lauernden Partisanengruppen reagieren mit Hass auf diese Erniedrigung.

... nehmen die Frauen in Empfang (vorne Valeria Moriconi)
Nachdem sie jeweils eine Essensration erhielten, setzt sich der von Sergente Castagnoli (Mario Adorf) gelenkte LKW mit den Frauen auf der Ladefläche in Bewegung. Im letzten Augenblick springt noch die jüngere Schwester von Toula (Lea Massari) auf, weshalb Martino die Fahrt sofort stoppen lässt. Er kann nur mit zwölf Frauen den von den Deutschen am Rand Athens bewachten Kontrollpunkt passieren, weshalb sie wieder abspringen soll. Aber die Frauen geben sie nicht wieder heraus, weshalb Martino das Risiko auf sich nimmt. Es gelingt ihnen die Kontrolle zu passieren, aber mit Major Alessi (Aleksandar Gavric), einem Offizier der faschistischen Miliz, gesellt sich ein Passagier dazu, der zu seiner Einheit mitgenommen werden will. Ihn stören die Frauen nicht – im Gegenteil... 


In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017 mit 84 Jahren 

Tomas Milians Auseinandersetzungen im Polizieschi der 70er Jahre mit Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) sind ebenso legendär wie sein "Superbulle" Nico Giraldi ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)) oder seine Outlaw-Rollen im Italo-Western ("La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Nevada, 1966)). Obwohl die Stimme des gebürtigen Kubaners synchronisiert werden musste, wirkte er immer authentisch - ein entscheidender Grund für seine anhaltend große Beliebtheit. Aus heutiger Sicht ist nur noch schwer nachvollziehbar, wie politisch seine Rollen in ihrer Entstehungszeit waren. Seine Diskussionen mit dem nicht weniger authentischen "Law and Order"-Mann Merli am Set bildeten die Grundlage für ihre Dispute auf der Leinwand und die Verkörperung eines Polizisten mit antibürgerlicher Attitüde, der Sympathien für die kleinen Gauner in seinem römischen Viertel zeigte, war ein klarer Verstoß gegen das typische Abbild eines "Gesetzeshüters".

Aus seiner linksgerichteten politischen Haltung hatte Milian nie ein Geheimnis gemacht, aber sein Einstieg ins europäische Kino, dass ihn mit Regisseuren wie Mauro Bolognini ("La notte brava" (Wir von der Straße, 1959)), Alberto Lattuada ("L'imprevisto", (Bevor das Licht erlöscht,1961)), Nanni Loy ("Un giorna da leoni", 1961) oder Luchino Visconti ("Boccaccio '70" dritte Episode, 1962) zusammenarbeiten ließ, ist heute nahezu vergessen. Valerio Zurlinis "Le soldatesse" entstand ein Jahr bevor Milians Popularität mit seinem ersten Italo-Western neue Dimensionen erreichte und steht stellvertretend für diese Phase. 


"Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen?" 

Begutachtung im Bordell
Die von der jungen Griechin Elenitza (Anna Karina) spöttisch an den italienischen Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian) gerichtete Frage bleibt ohne Antwort, führt aber mitten in ein Kapitel des 2.Weltkriegs, das dessen Irrsinn plakativ offenbart. Diktator Benito Mussolini hatte entgegen dem Wunsch seines Verbündeten Adolf Hitler im Frühjahr 1941 von Albanien aus Griechenland angegriffen, wurde von der griechischen Armee aber innerhalb weniger Tage wieder hinter die Ausgangslinie zurückgedrängt. Anders als geplant sah sich die deutsche Heeresleitung deshalb gezwungen, Griechenland (und parallel Jugoslawien) anzugreifen, um Italien zu Hilfe zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass das Land nicht nur von deutschen Soldaten okkupiert wurde, sondern auch von italienischen, die erneut in das Geschehen eingriffen, nachdem sich die Situation zu ihren Gunsten gewendet hatte. Der Makel eines Siegers zweiter Klasse blieb haften. Darauf ging Regisseur Zurlini zwar nicht näher ein, aber das selbstherrliche Verhalten der Armee gegenüber der einheimischen Bevölkerung lässt sich in „Le soldatesse“ nicht losgelöst davon betrachten.

Elenitza (Anna Karina)
Die Handlung setzt ein Jahr später ein, als in Griechenland in Folge der Besatzung eine verheerende Hungersnot herrscht. Tenente Martinos Stimme erklingt aus dem Off und beschreibt Athen als einen Ort, in dem das Sterben alltäglich geworden ist. Sein Wunsch, von hier verlegt zu werden, erfüllt sich schneller als erwartet. Doch der Auftrag, der ihn zurück nach Albanien führen soll, steigert noch die Absurdität einer Situation, deren Konsequenzen Ugo Pirro in seiner Drehbuch-Vorlage auf die private Ebene verlagerte – auf die Beziehung von Mann und Frau. Gemeinsam mit Sergente Castagnoli (Mario Adorf), der ihm als Fahrer zugewiesen wird, soll Martino mit einem LKW zwölf Prostituierte auf mehrere Stützpunkte der italienischen Armee verteilen, wo sie Mannschaft und Offizieren im Bordell zur Verfügung stehen sollen.

Toula (Lea Massari)
Außer der gebürtigen Italienerin Ebe (Valeria Moriconi), die seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Strich geht, ging keine der zwölf Frauen vor Kriegsausbruch der Prostitution nach. Erst der Hunger trieb die jungen Griechinnen dazu, ihre Körper zu verkaufen. Ihnen gegenüber stehen Männer, die nicht nur Mitschuld an ihrer Situation tragen, sondern als Sieger ganz selbstverständlich ihre Dienste in Anspruch nehmen. Eine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung, die den Hass der Partisanengruppen noch zusätzlich schürt und Martinos Tour mit dem Lastwagen durch die schwer einsehbare Hügellandschaft zu einem Himmelfahrtskommando werden lässt. In dieser Zuspitzung erinnert „Le soldatesse“ an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst, 1953), aber Regisseur Zurlini forcierte nicht die offensichtliche Dramatik – auch hinsichtlich der Action-Einlagen blieb er zurückhaltend – sondern konzentrierte sich auf das Verhältnis der Protagonisten untereinander und schlug so den Bogen in die Gegenwart des Jahres 1965.

Eftikia (Marie Laforet)
In seiner kräftigen Schwarz-Weiß-Optik, den Bildern von Zerstörung des Krieges und dem Leid der Bevölkerung, zitierte Zurlini den Neorealismus der 40er Jahre. Dagegen scheinen die schönen jungen Frauen, die als Bezahlung eine Essensration bekommen, mit ihren toupierten Frisuren und den langen künstlichen Wimpern direkt aus den 60er Jahren zu stammen. Anna Karina („Une femme est une femme“ (Eine Frau ist eine Frau, 1960)), Lea Massari ("L'avventura" (Die mit der Liebe spielen, 1960)) und Marie Laforêt („Chasse à l'homme“ (Jagd auf Männer, 1964)) gehörten zur selbstbewussten Riege junger Darstellerinnen im aufkommenden Avantgarde-Kino der 60er Jahre und diese Attitüde sollten sie auch in Zurlinis Film nicht ablegen. Anna Karina gab die kecke Blondine, die sofort mit Martinos Befehlshaber (Guido Alberti) flirtet, Lea Massari als Toula erträgt die Situation mit fatalistischer Geduld und die intellektuelle Eftikia (Marie Laforêt) verweigert sich in offen gezeigter Ablehnung.

Major Alessi (Aleksandar Gavric) hat seinen Spaß...
Ihnen gegenüber stehen drei exemplarische Männer-Typen. Mario Adorf spielte einen so rustikalen, wie sympathischen Unteroffizier, der sich mit den Mädels seinen Spaß macht und sich bald mit der nicht weniger pragmatischen Ebe anfreundet. Tomas Milian als junger Offizier, der sich einst freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, ist mit seinem Anstand und seiner Ernsthaftigkeit ein Kontrapunkt innerhalb des Militärs. Er behandelt die Frauen nicht nur mit Respekt, sondern ist angewidert von der Übergriffigkeit seiner Geschlechtsgenossen. Elenitza verliebt sich in ihn und verbringt eine gemeinsame Nacht mit ihm, aber sie spürt, dass sein Herz der spröden Eftikia gehört. Die reflexive Figur des Tenente Martino lässt sich nur schwer in den 40er Jahren verorten, sondern repräsentierte die kritische Haltung des Regisseurs und seiner Autoren Mitte der 60er Jahre. Dagegen erscheint Major Alessi (Aleksandar Gavric), ein Offizier der faschistischen Miliz (MVSN), der an einem Kontrollpunkt als dritter männlicher Protagonist dazu stößt, in seinem charakteristischen „Schwarzhemd“ prototypisch für diese Phase.

...den seine Miliz-Kameraden auch verlangen
Doch Zurlini war weniger an dessen politischer Haltung interessiert, als an dessen männlicher Überheblichkeit. Der eitle Alessi agiert geradezu lässig - als wäre alles ein großes Abenteuer - und lässt sich in einer Pause auch nicht die Gelegenheit entgehen, mit Toula ins Gebüsch zu steigen. Sehr zum Ärger von Martino, der den inneren Widerwillen der jungen Frau spürte. Auffällig ist, wie häufig Mussolinis Waffengarde im italienischen Film bis zur Lächerlichkeit karikiert wurde. In Filmen wie "Amori di mezzo secolo" (3. Episode, 1954) oder Dino Risis Komödie über den „Marsch nach Rom“ („La marcia su Roma“, 1962) wurden die „Schwarzhemden“ als vergnügungssüchtige Nutznießer ihrer Machtposition überzeichnet. „Le soldatesse“ demonstrierte dieses Verhalten in einer Szene, in der ein LKW voller johlender Milizen über die Landstraße fährt, die sofort mehrere Mädchen von Martino einfordern. Gezwungenermaßen überlässt er ihnen eine noch sehr junge Frau, die von den Männern freudestrahlend auf der Ladefläche in Empfang genommen wird. Am nächsten Tag sind sie alle tot. Erschossen von Partisanen, in deren Hinterhalt sie geraten sind.

Abendliche Entspannung am Eisenbahnwaggon
Eine Szene, die signifikant für den Paradigmen-Wechsel in „Le soldatesse“ steht. Trotz seines realistischen Szenarios wird Zurlinis Film in seinen ersten zwei Dritteln durch die Konfrontation sexuell ausgehungerter junger Männer mit den hübschen Frauen geprägt. Wenn Martino mit seinem LKW an Kontrollpunkten und Stützpunkten auftaucht, treten die Kriegswirren in den Hintergrund. Den Höhepunkt dieser Phase erreicht der Film, als sie auf ihrer Fahrt einen zurückgelassenen Zugwaggon entdecken, der ihnen eine Nacht mit Bett und sanitären Annehmlichkeiten bietet. Frisch rasiert und geschminkt kommen sich Männer und Frauen näher – ein Zustand der Normalität, der auch den Betrachter die lebensgefährliche Situation einen Moment lang vergessen lässt. Und damit die Schockwirkung vergrößert, als plötzlich Gewalt und Tod über die Beteiligten hereinbrechen.

Martino und Eftikia
Vordergründig erscheint „Le soldatesse“ widersprüchlich. Szenen von Menschen in größter Not treffen auf Feierlaune, Kriegsgefahr stößt auf Amüsement, der Suche nach schneller Befriedigung steht Martinos sensibles Zugehen auf die Griechin Eftikia gegenüber. Welche Intention verfolgte der Film? – Für eine Komödie oder Persiflage ist er zu ernsthaft, für eine Anklage an Krieg und Faschismus wirkt er zu leicht und als Plädoyer für Völkerverständigung zu privat. Schon der Filmtitel irritiert. Von weiblichen Soldaten ist hier nichts zu sehen. Die Prostituierten wollen nur überleben. Zurlini kam dem allgemeinen Irrsinn damit ganz nah, denn an den charakterlichen Schattierungen jedes Einzelnen wird deutlich, dass hier Jeder zum Opfer wird – unabhängig davon, ob er auf der Seite der Besiegten oder der Sieger steht. Für Zurlini ein Fakt, aber kein Grund zum Fatalismus. Seine Protagonistinnen – als Prostituierte auf der untersten sozialen Hierarchie-Ebene angekommen – lassen sich nicht unterkriegen und machen dem Filmtitel damit alle Ehre. 

"Le soldatesse" Italien, Frankreich 1965, Regie: Valerio ZurliniDrehbuch: Ugo Pirro, Valerio Zurlini, Piero De Benardi, Leonardo Benvenuti, Franco SolinasDarsteller : Tomas Milian, Anna Karina, Valeria Moriconi, Lea Massari, Marie Laforêt, Mario Adorf, Aleksandar Gavric, Guido Alberti, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Valerio Zurlini: 

"Estate violenta" (1959)

Montag, 23. März 2015

Squadra antifurto (Hippie Nico von der Kripo) 1976 Bruno Corbucci

Inhalt: Bei einem Einbruch müssen die Ganoven um „Er Trippa“ (Bombolo) und „Er Zagaja“ (Vittorio Stagni) feststellen, dass es in der Wohnung nichts zu holen gibt. Der Besitzer hatte während seines Urlaubs alle Wertsachen an einem sicheren Ort untergebracht, was „Er Trippa“ dazu veranlasst, auf dessen Sessel zu kacken. Leider hinterließ sein Kumpel Zagaja eindeutige Fußabdrücke, weshalb Maresciallo Nico Giraldi (Tomas Milian) nicht lange braucht, um ihnen auf die Spur zu kommen - und um „Er Trippa“ seine Hinterlassenschaft wieder zu präsentieren.

Als Ermittler des Diebstahl- und Einbruch-Dezernats und eingefleischter Römer kennt Giraldi alle Tricks seiner Umgebung und kann dank unkonventioneller Methoden eine Vielzahl an Delikten aufklären. Als aber einige der ihm bestens bekannten Kleinkriminellen ermordet werden, steht er vor einem Rätsel. Er ahnt nicht, dass sie bei einem Einbruch in die Villa des US-Amerikaners Mr.Douglas (Robert Webber) in dessen Tresor Papiere fanden, die dieser unbedingt zurückhaben möchte. Ihr Versuch, den Mann, der diplomatischen Schutz genießt, damit zu erpressen, erweist sich als lebensgefährlich…


Nur ein gutes halbes Jahr nach seinem ersten Auftritt als Nico Giraldi in "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) kam Tomas Milian als unkonventioneller Maresciallo, der als Mitglied der Carabinieri in Rom auf eigene Weise für Recht und Ordnung sorgt, erneut ins Kino. Unmittelbar nachdem er in "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976) in nahezu identischer Bürgerschreck-Optik einen Kleinganoven gegeben hatte, der als Teil der römischen Szene zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen konnte. Damit variierte Milian seine Polizisten-Rolle noch zusätzlich, woran die damalige Beliebtheit dieser Figur beim italienischen Publikum deutlich wird, die erklärt, warum es Nico Giraldi bis 1984 auf insgesamt elf Kinofilme brachte.

Der deutsche Verleih betonte dessen nonkonformistisches Aussehen noch mit dem lautmalerischen Titel "Hippie Nico von der Kripo", was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass der Erfolg dieser Reihe auf seiner Nähe zu den spezifisch italienischen, mehr noch römischen Eigenarten beruhte. In einer kurzen Szene mit Nello Pazzafini als Kapitän eines spanischen Schiffes äfft Milian dessen Akzent nach. Eine ironische Umkehrung der Realität, denn die Stimme des Kubaners Milian musste synchronisiert werden, damit Nico Giraldi mit römischem Dialekt sprechen konnte. In der deutschen Synchronisation kamen Anspielungen wie diese platter und betont auf Klamauk gebürstet herüber, passten aber zu der Vermarktung des Polizisten als "Superbulle" Toni Maroni, wie er ab dem dritten Film der Reihe "Squadra antitruffa" (Der Superbulle schlägt wieder zu, 1977) in Deutschland genannt wurde.

Anders als sein Vorgänger kam "Squadra antifurto" nicht in die deutschen Kinos. Vordergründig verständlich angesichts der Tatsache, dass Regisseur Bruno Corbucci und Co-Autor Mario Amendola bei Giraldis zweitem Auftritt scheinbar exakt das Erfolgsmodell von "Squadra antiscippo" kopierten, sieht man davon ab, dass Giraldi von der "Antiscippo" (Taschendiebstahl) zur "Antifurto" (Schwerer Diebstahl) – Abteilung befördert worden war. Zuerst einen  Einbruch oder Diebstahl an den nächsten reihend, erhielt Milian wieder genügend Gelegenheit zu eigenwilligen Aktionen bei der Verbrechensbekämpfung - darunter auch unter dem etwas sparsameren Gebrauch eines Gelände-Motorrads - bevor mit dem Auftritt eines US-Amerikaners (diesmal Robert Webber statt Jack Palance) die komödienhafte Handlung wieder die ernsthafteren Züge eines Poliziesco annahm, ohne deren tragische Konsequenz zu besitzen. Denn trotz einer Vielzahl an brutalen Morden unter den Kleinganoven Roms und Nico Giraldis abschließendem Vergeltungs-Trip nach New York, blieben Corbucci und Milian ihrem humorvollen Stil treu.

Genauer steigerten sie ihn noch im Vergleich zum Erstling. Die Schilderung des römischen Biotops und Giraldis tiefe Verzahnung mit der Bevölkerung nahmen in „Squadra antifurto“ noch mehr Raum ein und machen die sympathische Qualität des Films aus. Zwar kannte Milian hinsichtlich des expressiv-geschmacklosen Kleidungsstils seiner Figur wie gewohnt keine Grenzen, blieb aber hinsichtlich seines gossenhaften Benehmens zurückhaltender. Dafür nutzte er seinen Schlag bei Frauen hemmungslos für Ermittlungsergebnisse, was Corbucci mit romantischer Bildsprache persiflierte. Ob er von Olimpia  - gespielt von Olimpia di Nardo, die ab Teil 7 („Delitto a porta romana“ (Elfmeter für den Superbullen, 1980)) fünfmal als seine Ehefrau Angela mitwirkte - bei der Beerdigung ihres ermordeten Freundes die Adresse eines Bandenmitglieds erfahren will oder er dem dunkelhäutigen amerikanischen Dienstmädchen den Wohnungsschlüssel abluchsen will, jeweils fährt Nico Giraldi das komplette Verführungs-Programm. Um nach erfolgreicher Umsetzung sofort wieder zur Tat zu schreiten.

Hielt „Squadra antiscippo“ noch die Waage zwischen Komödie und ernsthaftem Poliziesco, forcierte „Squadra antifurto“ den satirischen Blick auf die Klischees des damals sehr populären Polizei-Films bis hin zur geplanten Selbstjustiz, bevor die Reihe in ihrer Skurrilität immer eigenständiger wurde. Eine Entwicklung, an der nicht zuletzt Milian-Side-Kick Bombolo beteiligt war, der ab Teil 3 „Squadra antitruffa“ als „Venticello“ zum festen Besetzungsstamm gehörte und den Schub Richtung Komödie weiter beschleunigte. Zwar hatte Franco Lechner, wie „Bombolo“ bürgerlich hieß, in „Squadra antifurto“ seinen ersten Auftritt, spielte aber nur eine kleine Rolle zu Beginn als „Er Trippa“ (Fettwanst), der bei einem misslungenen Einbruch – der Besitzer hatte seine Wertsachen zuvor in Sicherheit gebracht – auf dessen Sessel kackt. Mit unangenehmen Folgen für „Er Trippa“, der seine Exkremente von Nico Giraldi als Mahlzeit serviert bekommt. Deftigkeiten dieser Art blieben noch die Ausnahme, hinterließen aber offensichtlich einen bleibenden Eindruck, weshalb Bruno Corbucci, der den römischen Straßenverkäufer „Bombolo“ für den Film entdeckte, diesem bis zum letzten Nico Giraldi Film „Delitto al Blue Gay“ (Ein Superesel auf dem Ku'Damm, 1984) treu blieb.

Angesichts des Filmposters mit Al Pacino, das Giraldis Wand ziert, ließ Milian keinen Zweifel daran, dass er sich an dessen „Serpico“ (1973) - Interpretation orientierte. Um gleich darauf das Vorbild wieder zu verulken, denn bei dem von ihm gerufenen „Serpico“ handelt es sich um eine kleine weiße Maus. Auf diese passt Vanessa in seiner Abwesenheit auf - im Film die von Giraldi bevorzugte Dame, die von der kürzlich verstorbenen Lilli Carati (23.09.1956 - 20.10.2014) in einer ihrer ersten Rollen gespielt wurde. Trotz des Erfolgs der beiden kurz nacheinander erschienenen Giraldi-Filme muss den Machern um Corbucci aber bewusst gewesen sein, dass sie nicht nach demselben Strickmuster weiter verfahren konnten, weshalb mehr als ein Jahr verging, bis „Squadra Antitruffa“ in die Kinos kam. Giraldis Versetzung ins Betrugs-Dezernat und ein weiterer Schritt in Richtung Komödie.

"Squadra antifurto" Italien 1976, Regie: Bruno Corbucci, Drehbuch: Bruno Corbucci, Mario Amendola, Darsteller : Tomas Milian, Robert Webber, Lilli Carati, Olimpia Di Nardo, Bombolo, Massimo Vanni, Nello Pazzafini, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Bruno Corbucci:

"Isabella, duchessa dei diavoli" (1969)

Montag, 16. Dezember 2013

Delitto al ristorante cinese (Ein Schlitzohr außer Rand und Band) 1981 Bruno Corbucci

Inhalt: Bombolo muss seinen Chef (John Chan) zum Flughafen bringen, da dieser einen längeren Aufenthalt in China plant. Bis zu seiner Rückkehr hat er Vincenzo (Enzo Cannavale) als Leiter seines China-Restaurants eingesetzt, von dem er erwartet, dass es während seiner Abwesenheit keine Klagen gibt. Dafür soll auch der neue Koch Ciù Ci Ciao (Tomas Milian) sorgen, den Bombolo gleichzeitig am Flughafen abholt und dessen Spezialität gefüllte Reiskörner sind.

Zuerst scheint die Ankunft des neuen Kochs die Erwartungen zu erfüllen, aber als dieser und Bombolo einen Gast tot auffinden, geraten sie in Schwierigkeiten. Ciù Ci Ciao, der Angst hat, wieder nach China abgeschoben zu werden und um die Reputation des Restaurants fürchtet, schlägt Bombolo vor, den Toten in dessen Wohnung zu transportieren. Zwar gelingt es ihnen nach einigen Anstrengungen, aber Nico Giraldi (Tomas Milian), der trotz seines Gipsbeins als Ermittler auf den Fall angesetzt wurde, kommt Bombolo sofort auf die Spur, der der Versuchung nicht widerstehen konnte, eine exotische Briefmarke für seine Sammlung aus einem in der Wohnung liegenden Briefumschlag zu schneiden...


Die von elektronischen Rhythmen begleitete Disco-Musik während der Credits zu Beginn ließ keinen Zweifel aufkommen: die 70er Jahre waren vorbei und das Polizieschi-Genre hatte seinen Höhepunkt schon seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts überschritten, das vom Team Bruno Corbucci/Tomas Milian mit der Rolle des römischen "Superbullen" Nico Giraldi seit "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) persifliert worden war. Inzwischen waren sie bei der siebten Fortsetzung "Delitto al ristorante cinese" (Ein Schlitzohr außer Rand und Band) angekommen, weshalb sie dem "Franchise" offensichtlich eine Frischzellenkur verordnen wollten. Zwar spielte der italienische Originaltitel auf den Vorgängerfilm "Delitto a Porta Romana" (Elfmeter für den Superbullen, 1980) an, aber die deutschen Verleiher ließen angesichts der inhaltlichen Veränderungen den "Superbullen" verschwinden  - auch in den noch folgenden drei Fortsetzungen sollte er nicht mehr im Filmtitel auftauchen.

Natürlich trat Tomas Milian auch in "Delitto al ristorante cinese" im gewohnten Outfit als Nico Giraldi auf, aber der Anteil einer kriminalistisch geprägten Handlung nahm deutlich zugunsten humoristischer Szenen ab. Außer dem titelgebenden Mord im China-Restaurant geschieht im Film kein weiteres Verbrechen und bis auf eine kurze Szene zu Beginn greift Nico Giraldi erst nach einem Drittel der Laufzeit in die Handlung ein. Deshalb musste der Betrachter aber nicht auf Tomas Milian verzichten, der in einer zweiten Rolle als Ciù Ci Ciao die Stelle des neuen Kochs im besagten China-Restaurant antritt, in dem Bombolo schon als Chauffeur und Kellner arbeitet und der Neapolitaner Enzo Cannavale in Abwesenheit des Chefs (John Chan) die Leitung übernommen hat.

Allein diese Besetzung und Milian als Chinese, der jedes Klischee noch potenzierte, ließen keinen Zweifel daran, dass "Delitto al ristorante cinese" besonders die Liebhaber absurder italienischer Komödien ansprechen wollte, was vortrefflich gelang. Obwohl Milian in seiner Rolle als chinesischer Koch kaum einen bekannten Witz ausließ - darunter die ständigen Verwechslungen von "r" und "l", die in der italienischen Originalfassung teilweise sehr komisch sind - vermied er jede Herabwürdigung dieser Figur, da er auch in der skurrilen Verkleidung gewohnt selbstbewusst auftrat. Zudem schaffte es Bombolo mühelos, jeden noch so kleinen Anflug an Intelligenz zu unterbieten, wodurch das chinesisch-römische Gespann zu einem sympathischen Chaos-Duo mutierte, das in einer Parallel-Handlung zu den polizeilichen Ermittlungen auftrat, auch wenn sie den toten Gast im Restaurant entdeckten und äußerst ungeschickt in dessen Wohnung transportierten.

Tomas Milian ist in beiden Rollen nie gleichzeitig im Bild zu sehen, was er dazu nutzte, den Polizei-Inspektor Nico Giraldi wieder cooler und ohne die zuletzt gewohnten Albernheiten anzulegen - diese lebte er hier ausschließlich als Ciù Ci Ciao aus. Trotz seiner üblichen Wortgefechte mit Ehefrau Angela (Olimpia di Nardo) und der Tatsache, dass er mit Gipsbein und einer Krücke in Form einer riesigen Zuckerstange unterwegs ist, agierte Milian in der Tradition der frühen "Superbullen" - Filme, weshalb der Handlungsstrang um die Aufklärung des Mordes nachvollziehbar blieb und ihm genügend Gelegenheiten gab, seine Umgebung ironisch zu kommentieren, bis zu der Anspielung auf die Tradition von Schwarz-Bauten, die in Italien nicht mehr abgerissen werden dürfen, sobald das Dach fertig gestellt wurde - wie es Vittorio de Sica in "Il tetto" (Das Dach, 1956) einst ernsthaft thematisierte.

"Delitto al ristorante cinese" gehört zu den gelungensten Filmen um Nico Giraldi, weil er dank der Doppelrolle Tomas Milians die in den Vorgängerfilmen zunehmend absurder angelegte Figur des Polizisten in zwei Charaktere spaltete. Als unorthodoxer römischer Ermittler musste Milian nicht mehr allein den gesamten Film tragen und konnte sich auf die von den ersten Folgen der Reihe gewohnte Art der Verbrechensbekämpfung konzentrieren, während er als chinesischer Koch, gemeinsam mit Bombolo, einem absurden, zum Teil albernen, aber nie geschmacklosen Spiel frönte – zusammen führte das zu einem sehr unterhaltsamen Ergebnis, dass noch einmal die Stärken des Teams Bruno Corbucci/Tomas Milian demonstrierte.

"Delitto al ristorante cinese" Italien 1981, Regie: Bruno Corbucci, Drehbuch: Bruno Corbucci, Mario Amendola, Darsteller : Tomas Milian, Bombolo, Enzo Cannavale, Olimpia di Nardo, Giacomo Furia, Laufzeit : 97 Minuten

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"Isabella, duchessa dei diavoli" (1969)

Montag, 14. Oktober 2013

Il giustiziere sfida la città (Flash Solo) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Rambo (Tomas Milian) besucht nach vielen Jahren seinen alten Freund Pino (Mario Piave) und dessen Familie in Mailand. Pino will Rambo dazu überreden, ebenfalls bei dem privaten Sicherheitsdienst mitzumachen, für den er seit neuestem arbeitet. Auf Grund der steigenden Anzahl an Entführungen haben diese Dienste Konjunktur und Pino erhofft sich davon, endlich Karriere zu machen. Rambo tut ihm den Gefallen und besucht ihn auf dem Trainingsgelände seiner Firma, aber obwohl er sowohl im Nahkampf, als auch im Schießen überzeugen kann, lehnt er die Offerte des Chefs dankend ab - für den Individualisten ist das kein geeigneter Job.

Auch Pino verfolgt eigene Pläne, denn er will die Entführung des Sohnes des reichen Industriellen Dr. Marco Marsili (Silvano Tranquili) aufklären, um sich weiter zu profilieren. Er entdeckt eine Spur zu der Bande von Conti (Luciano Catenacci) und bittet Rambo, ihn als Freund zu unterstützen, aber bevor dieser eingreifen kann, wird Pino ermordet am Straßenrand aufgefunden. Jetzt wird der Fall zu einer persönlichen Angelegenheit für Rambo...


Umberto Lenzis zweiter gemeinsam mit Tomas Milian gedrehter Film "Il giustiziere sfida la città" (Der Scharfrichter fordert die Stadt heraus) wirkt zwischen "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) und "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976) wie ein Fremdkörper. In Deutschland wurde der Film erst in den 80er Jahren unter dem stimmigen Titel "Flash Solo", der die alleinige Vorgehensweise des von Milian gespielten Individualisten betonte, auf Video veröffentlicht, später wurde daraus "Der Vernichter", der eine stringente Linie zwischen den Milian / Umberto Lenzi Filmen vermitteln sollte, die nicht existiert. Hatte er als "Berserker" und "Viper" (später noch als "Kröte" in "La banda del gobbo" (1978)) jeweils gefährliche Verbrechertypen verkörpert, ist er in "Il giustiziere sfida la città" der eindeutige Sympathieträger, der im Alleingang den Mord an seinem Freund Pino (Mario Piave) rächt.

Auf Grund der Veröffentlichungspraxis in Deutschland, aber auch in Unkenntnis über den genauen Erscheinungszeitpunkt, wird "Il giustiziere sfida la città" häufig als typischer Vertreter des 70er Jahre Polizieschi-Genres angesehen, auch wenn die Polizei im Film kaum eine Rolle spielt. Übersehen wird dabei, dass der Film einen vollständig neuen Helden-Typus schuf, der nicht nur entscheidenden Einfluss auf Tomas Milians weitere Karriere haben sollte. Das Drehbuch stammte von Vincenzo Mannino, der zuvor an Enzo G.Castellaris "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht, 1973) mitgearbeitet hatte und Maurizio Merlis ersten Auftritt als knallharter Cop in "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) verantwortete, der fast zeitgleich zu "Il giustiziere sfida la città" in die italienischen Kinos kam und auch darüber hinaus Parallelen aufweist.

Milian und Merli, die in Lenzis "Roma a mano armata" wenig später zu erbitterten Gegnern wurden, verkörpern Beide einen Typus, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, dabei auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckend. Diese Konstellation war nicht neu, sondern griff ein Motiv aus dem Italo-Western auf, das angesichts steigender Kriminalitätsraten, Anfang der 70er Jahre, zunehmend die Charakterisierung von Gesetzesvertretern veränderte, die bereit waren, die Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen. In den frühen "Polizieschi" wurde diese Vorgehensweise noch kontrovers betrachtet, aber schon in Sergio Martinos "Milano trema - la polizia vuole giustizia" von 1973 erschießt Luc Merenda in seiner Rolle als Commissario gleich zu Beginn zwei unbewaffnete Gangster, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Trotz dieses offensichtlichen Einflusses ging der von Tomas Milian gespielte Rambo in "Il giustiziere sfida la città" einen neuen, eigenständigen Weg, der ihn unmittelbar zu seiner Figur Nico Giraldi in "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) führen sollte - bekanntlich der Beginn der langjährigen "Superbullen" - Reihe. Zwar startet Rambo seinen Rache-Feldzug genretypisch erst nachdem sein Freund Pino ermordet wurde, aber anders als in klassischen Revenge - Filmen, in denen aus einem friedlichen Bürger ein rächender Killer wird, veränderte er seinen Charakter nicht. Im Gegenteil bleibt sich Rambo im gesamten Film treu und verlässt Mailand auf gleiche Weise, wie er gekommen ist - cool, immer überlegt agierend und jederzeit freundlich. Die Zwiespältigkeit dieser Figur ist aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehen, aber der aus dem kriminellen Milieu stammende Motorradfahrer, immer in Lederkluft gekleidet, war 1975 ein klassischer Bürgerschreck, dem Niemand als Tomas Milian besser hätte Leben einhauchen können.

Als "Superbulle" Nico Giraldi griff er ein Jahr später erneut auf das Motorrad zurück (allerdings eine geländetaugliche Maschine), auch die Strickmütze zitierte die hier etwas gefälligere Kopfbedeckung, aber Milian kombinierte diese Figur noch mit seinem "Er monnezza" aus "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976), womit er Nico Giraldi einen komischeren Anstrich gab. Dagegen bleibt er als Rambo jederzeit ernst und verfällt der Film weder in trashige, noch alberne Momente, auch wenn die Story um die beiden Gangsterbosse Conti (Luciano Catenacci) und Paternò (Joseph Cotten), die Rambo gegeneinander ausspielt, vorhersehbar bleibt. Cotton und Catenacci agieren zwar wie gewohnt souverän, aber die Rolle von Paternòs Sohn Ciccio (Adolfo Lastretti) bleibt zu inkonsequent, um wirkliche Gefahr ausstrahlen zu können.

Zudem lässt der Film schon in den den ersten Minuten deutlich werden, dass Rambo ein in jeder Hinsicht fähiger Mann ist, dem Niemand wirklich gewachsen ist. Auch die Szene mit der Schutzweste, die ihm sein Freund Pino vorführt, als Rambo sich dessen Firma - es handelt sich um einen privaten Sicherheitsdienst - ansieht, lässt eine erneute Verwendung im Film erwarten. Doch das spielt in "Il giustiziere sfida la città" letztlich keine Rolle, denn Programm ist nur Tomas Milian in einer Rolle, die einen individualistischen, außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stehenden Mann in den Mittelpunkt rückt, der weder das Gesetz vertritt, noch Anpassung anstrebt. Gleichzeitig gibt es keinen sozialeren und vorurteilsfreieren Menschen im Film, was seinen Selbstjustiz-Aktionen die Schärfe nimmt, da Milian Emotionen wie Hass, Verzweiflung oder übertriebene Befriedigung vermeidet.

Rambo ist eine konsequent künstliche Figur, die dank des Gleichgewichts zwischen Outlaw-Attitüde und Kumpeltyp sympathisch bleibt - und stilprägend für Milians späteren Rollentypus wurde. Dahinter verbarg sich ein politisches Statement des politisch links stehenden Mimen, der sich am Set häufige Wortgefechte mit dem konservativen Maurizio Merli lieferte und auch den von ihm gespielten Verbrechertypen zunehmend menschlichere Züge verlieh ("La banda del gobbo"), denn sein Protagonist wurde nicht zum Vorbild für Vigilantismus, sondern - besonders im Zeitkontext betrachtet - für mehr Toleranz.

"Il giustiziere sfida la città" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Vincenzo Mannino, Darsteller : Tomas Milian, Joseph Cotton, Luciano Catenacci, Silvano Tranquilli, Mario Piave, Femi Benussi, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Dienstag, 30. Juli 2013

40 gradi all'ombra del lenzuolo (Müssen Männer schön sein?) 1976 Sergio Martino



Inhalt: Episodenfilm mit fünf erotisch-komödiantischen Geschichten: 

1. "La cavallone" (Das Pferdchen) 

Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) macht die gesamte Männerwelt des toskanischen Ortes verrückt, wenn sie in ihrem engen roten Kleid, egal ob mit oder ohne ihren stolzen Ehemann an der Seite, über den Plaza schreitet. Sie verrenken sich den Hals und rufen ihr Komplimente zu - nicht immer ganz jugendfrei. Nur der noch bei seiner Mutter lebende Cavaliere Marelli (Tomas Milian), der noch nie eine Freundin hatte, reagiert scheinbar uninteressiert. Doch tatsächlich werden seine wildesten Fantasien von Emilia bestimmt, die er am Telefon auszuleben versucht...



2. "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment) 

Esmeralda (Giovanna Ralli) wird von ihrem neuen Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) in ihrem Roll's Royce aufs Land gefahren, wo sie ein Picknick in schöner Lage geplant hat. Doch Filippo kann seine Augen kaum auf der Straße halten, da er nur Augen für Esmaralda hat, obwohl sie sich ständig darüber beschwert und ihm mit Kündigung droht. Trotz einiger Zwischenfälle gelangen sie an den Zielort, aber Fillipos Drängen nimmt immer mehr zu...



3. "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) 

Alex (Marty Feldman) nimmt seinen Job so wörtlich, dass er sich immer in unmittelbarer Nähe der schönen Mariana (Dayle Hadden) aufhält, egal, ob sie gerade duscht, sich ankleidet oder im Bett liegt. Mariana, die in Abwesenheit ihres reichen Vaters eine große Party zu Ehren eines modernen Künstlers geplant hat, um abschließend mit dem attraktiven Mann im Bett zu landen, reagiert verärgert, aber ihr Vater besteht auf den Diensten von Alex. Doch als er auch die Gäste der Party einer genauen Leibesvisitation unterzieht, scheint das Maß voll...



4. "I soldi in bocca" (Geld im Mund) 

Als ein junger Mann (Enrico Montenaso) an ihrer Haustür klingelt, glaubt die junge Ehefrau (Barbara Bouchet) an einen Vertreter, aber der höfliche Gast bietet ihr stattdessen 20 Millionen Lire für ein gemeinsames Schäferstündchen. Er würde am nächsten Tag von der Schweiz nach Australien auswandern und das wäre sein letzter großer Wunsch. Sie reagiert empört, aber dann erliegt sie dem verlockenden Angebot, von dem sie sich in Gedanken viele schöne Dinge kaufen kann, ohne ihren reichen Ehemann zu fragen. Am nächsten Tag steht der junge Mann erneut vor ihrer Tür, wieder mit 20 Millionen Lire in seinem Koffer...



5. "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) 

Adriano Serpetti (Aldo Maccione) hat eine ruhige Wohnung angemietet, um ungestört von Frau und Kindern seinen eigenen Bedüfnissen nachgehen zu können. Doch als er sich gerade entspannen will, sieht er eine knapp bekleidete, schöne junge Frau (Sydne Rome) auf dem Sims stehen, die sich offensichtlich in die Tiefe stürzen will. Mit einem Trick gelingt es ihm, sie nach innen in die Wohnung zu ziehen, und überzeugt sie davon, dass das Leben doch viel zu schön ist, um sterben zu wollen. Sie dankt ihm überschwenglich und kommt ihm körperlich sehr nah, was ihm sehr recht ist. Bereitwiilig schwört er jeden von ihr verlangten Liebesschwur, um in ihrem Bett zu landen, doch er hat die Rechnung ohne ihren eifersüchtigen Bewacher gemacht, einem großen Schäferhund... 


Regisseur Sergio Martino genießt bis heute den Ruf als einer der wichtigsten Vertreter des Giallo, dem er sich beginnend mit "Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971) intensiv widmete. Dass er auch den Poliziesco all'italiana mit prägte, ist zumindest bekannt, unterschlagen wird dagegen häufig seine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der italienischen Spielart des mit der sexuellen Revolution aufkommenden Erotik-Films - die erotische Komödie, die in ihren besten Momenten die Tradition der "Commedia all'italiana" fortführte, die unter dem Deckmantel einer humorvollen Handlung beißende Gesellschaftskritik übte.

Auf Grund einer geradezu sintflutartigen Produktion billiger Sex-Komödien ab Mitte der 70er Jahre, die ihre austauschbare Handlung nur nutzten, um nackte Tatsachen auf die Leinwand zu bringen, nahm die einzelnen Filme kaum noch ein Verleiher ernst, weshalb sie unabhängig von ihrer individuellen Ausrichtung geschnitten, ummontiert und mit einer dem Charakter  widersprechenden Synchronisation versehen wurden. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" (übersetzt etwa "40 Grad im Schatten zwischen den Bettlaken") ist in dieser Hinsicht ein besonders prototypisches Beispiel. In Deutschland kam der Film um etwa dreizehn Minuten gekürzt auf die Leinwand, was angesichts der fünf durchschnittlich 20minütigen Episoden beinahe dem Wegfall eines Teils entspräche. Den wenigen Nacktaufnahmen, die 1976 Niemanden mehr aus der Reserve locken konnten und die nur in drei Episoden vorkommen, kann dieser rigorose Wegfall nicht angelastet werden, sondern nur mit einer generellen Respektlosigkeit gegenüber dem Erotik-Genre begründet werden. Das gilt auch für die etwas weniger gekürzte englischsprachige Version, die die Episoden in der falschen Reihenfolge anordnete und damit die innere Entwicklung verfälschte.

Schon 1973 hatte Sergio Martino mit "Giovannona Coscialunga disonorata con onore" (1973) eine Erotik-Komödie gedreht, in der die damalige Lebensgefährtin seines älteren Bruders und Produzenten seiner Filme Luciano Martino, Edwige Fenech, ebenso die Hauptrolle übernommen hatte wie zuvor in den meisten seiner Gialli. Martinos stilistische Entwicklung bis zu "40 gradi all'ombra del lenzuolo" lässt sich entsprechend nachvollziehen. Nach einer weiteren Komödie "Cugini carnali" (1974) nahm auch Martinos letzter Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) einen zunehmend absurderen Gestus an, so dass sein komödiantischer Episoden-Film wie eine vorläufige Zusammenfassung wirkt, zu der er prominentes Personal versammeln konnte, das den Film qualitativ über die üblichen Sex-Komödien stellte. Dass Martino mit "Spogliamoci così senza pudor" (Lollipops und heißen Höschen) noch im selben Jahr einen weiteren Episodenfilm folgen ließ, der diesen Standard nicht mehr erreichte, war den geschäftlichen Gepflogenheiten geschuldet. Die Besetzung von Ursula Andress in zwei der Episoden des Nachfolgefilms wies schon auf Martinos kommende Kannibalismus/Urwald-Phase hin ("La montagna del dio cannibale" (Die weiße Göttin der Kannibalen, 1978)), an der Andress maßgebend mitwirkte.

Neben Giorgio Salvioni ("La decima vittima" (Das zehnte Opfer, 1965)) und Sergio Martino, war mit Tonino Gierra einer der profiliertesten Autoren des italienischen Kinos an "40 gradi all'ombra del lenzuolo" beteiligt, für den das Sujet eine Abwechslung zu seinen Drehbüchern für Federico Fellini ("Amacord" (1973)), Francesco Rosi ("Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976)) oder Michelangelo Antonio ("Il mistero di Oberwald" (Das Geheimnis von Oberwald, 1979)) bedeutete, gleichzeitig aber erneut die enge, Genre übergreifende Verzahnung im italienischen Kino bewies. Der deutsche Titel "Müssen Männer schön sein?" bezog sich wenig schmeichelhaft auf das Äußere der fünf männlichen Protagonisten, die sich in den einzelnen Episoden an besonders attraktiven weiblichen Antipoden versuchen, lenkte aber von der tatsächlichen Intention des Films ab, denn lächerlich machen sich nur die beiden Männer in der ersten und letzten Episode, was auch der inneren Ordnung des Films entspricht.

Tomas Milian spielte gegen sein sonstiges Image in der ersten Episode "La cavallone" (Das Pferdchen) ein verklemmtes, mit dicken Gläsern bebrilltes Muttersöhnchen, das als einziger Mann des Ortes nicht in die allgemeine Begeisterung für die schöne Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) einstimmt. Sobald sie über den Platz des toskanischen Ortes in ihrem eng anliegenden roten Kleid schreitet - meist in Begleitung ihres stolzen Ehemanns – kennen die Männer keine Zurückhaltung mehr, sondern stehen geifernd, glotzend und sprachlich hemmungslos ihre Gefühle ausdrückend Spalier. Eine Überzeichnung des männlichen Machismo, an dem sich nur der Cavaliere Marelli (Tomas Milian) nicht beteiligt. Doch dessen äußerlich gewahrte Zurückhaltung basiert nicht auf Anstand, sondern ist nur Zeichen seiner sexuellen Verklemmtheit, denn in seiner Fantasie treibt er es mit Emilia an den verwegensten Orten. Was wie eine leicht alberne Satire auf männliches Geprotze beginnt, vertiefte der Film geschickt, denn Emilia geht ernsthaft auf die Anrufe des Cavaliere ein, in denen er ihr seine Fantasien schildert, und ist bereit sich mit ihm zu treffen.

Eine Überforderung für den nur von seinem sicheren Ort heraus mutig agierenden Cavaliere, der sich zuerst davor drückt, die Verabredung einzuhalten, um dann seine Empörung darüber auszudrücken, dass sie realen Sex ausüben wollte. Zu diesem kommt es tatsächlich, da sich zufällig der rustikale Typ mit der größten Klappe dort aufhielt und von der Situation profitiert – eine zusätzliche Erniedrigung für den verklemmten Cavaliere, als er von dessen lauthals verbreiteten Erlebnissen erfährt. Die erste Episode wirkt oberflächlich wie eine alberne Farce mit Tomas Milians Brettfrisur und seinen Flaschenboden-Brillengläsern, ist aber ein ironisches Spiel mit dem typischen männlichen Imponiergehabe, dass auch einen schadenfrohen Betrachter nicht befriedigen kann, da ausgerechnet der unangenehmste Angeber zum Ziel kommt. Die Voyeur-Perspektive kehrt sich letztlich um, auch wenn Edwige Fenech wie gewohnt optisch überzeugen kann, denn am Ende stehen die Männer im Visier und hinterlassen keine gute Figur.

Die zweite Episode "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment), die fast ausschließlich zwischen Esmeralda (Giovanna Ralli), einer Dame aus guter Gesellschaft, und ihrem Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) spielt, wirkt im Gesamtkontext am schwächsten, auch weil das ständige Drängen des Chauffeurs und die halbherzigen Zurückweisungen der Dame zunehmend nerven. Die Auflösung klärt zwar dieses Verhalten, kann aber nur im Zeitkontext überzeugen, als dem Ausleben von sexuellen Fantasien, kombiniert mit männlicher Impotenz, noch etwas Aufregendes anhaftete (siehe auch Woody Allens „Was sie schon immer über Sex wissen wollten…(1972), der hier Pate stand). Auffällig ist hier das Gleichgewicht zwischen Mann und Frau, das sich auch in der dritten Episode fortsetzt, auch wenn zuerst ein anderer Eindruck entsteht. Die Episode mit Marty Feldman ließe sich leicht aus dem Episoden-Kontext herauslösen, da sie weniger das generelle sexuelle Verhalten beleuchtet, als dem englischen Komiker die Möglichkeit bot, seinen ureigenen Humor auszuleben. Für seine Anhänger ist "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) entsprechend ein Fest, die Szenen um die verwöhnte Tochter Mariana (Dayle Hadden) und ihre Party gaben Sergio Martino zwar die Gelegenheit für einige Nacktszenen, sind darüber hinaus aber nicht besonders originell.

Es sind die beiden abschließenden Kurzfilme, die dem Film neben der Eingangsepisode Gestalt geben, weshalb sie zu recht am Ende stehen. Die vierte Episode "I soldi in bocca" (Geld im Mund), die im Gegensatz zu den sonstigen Geschichten in der Schweiz angesiedelt ist, worauf der Film mit witzig klingenden deutsch gesprochenen Dialogen anspielt (nur in der Originalfassung), ist intelligent und überraschend erzählt, und bereichert das nach wie vor aktuelle Thema um die Schweizer Bankkonten um eine erotische Variante. Hier kommt keines der beiden Geschlechter gut weg, sieht man vom männlichen Protagonisten (Enrico Montenaso) einmal ab, von dessen leicht linkischen Auftreten man sich nicht täuschen lassen sollte, auch wenn sein Äußeres im starken Kontrast zur schönen Barbara Bouchet steht. Die deutsche Fragestellung „Müssen Männer schön sein?“ erweist sich trotzdem in keiner Episode als passend, da es nie um die traditionelle Eroberung einer Frau geht. Bekam in der ersten Episode die Angebetete ihren Kavalier gar nicht erst zu Gesicht, war der zweite Film ein Spiel unter Partnern und wird Marty Feldman im dritten Teil zum unerwarteten Helden, so sind es in der vierten Episode nur die 20 Millionen Lire, die die Frau weich werden lassen.

Das bleibt signifikant für einen Film, in dem Sex nur egoistisch motiviert ist, was die fünfte Episode geschickt an einer scheinbar emotionalen Situation verdeutlicht. Denn Adriano Serpetti (Aldo Maccione), der gerade in seiner frisch angemieteten Wohnung angekommen ist, wo er sich eine Auszeit von Ehefrau und Kindern verschaffen will, rettet der schönen jungen Nachbarin (Sydne Rome) das Leben, als sie sich vom Sims aus in den Tod stürzen will. Doch der Versuch des Familienvaters, diese Situation auszunutzen, um in ihrem Bett zu landen, ist genauso unangemessen, wie ihre Forderung nach ewiger Liebe. Das Einzige, was in "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) authentisch ist – genauer betrachtet sogar im gesamten Film – ist der Schäferhund, der eifersüchtig über sein Frauchen wacht. Da bleibt Mann nur die Flucht. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" ist kein Film über ein paar lächerliche Idioten, die sich an schöne Frauen heranmachen  - wie es der deutsche Titel suggeriert - sondern eine intelligente Sezierung von Männern und Frauen, denen es weniger um Sex geht, als um ihren eigenen Vorteil. Ein wenig Selbstreflexion ist schon notwendig, um Sergio Martinos gelungene Erotik-Komödie zu mögen.

"40 gradi all'ombra del lenzuolo" Italien 1976, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Tonino Guerra, Giorgio Salvioni, Sergio Martino, Darsteller : Edwige Fenech, Tomas Milian, Giovanna Ralli, Alberto Lionello, Dayle Hadden, Marty Feldman, Barbara Bouchet, Enrico Montenaso, Sydne Rome, Aldo Maccione, Laufzeit : 102 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.