Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Samstag, 1. Mai 2010

Nenè (Nenè - Die Frühreife) 1977 Salvatore Samperi

Inhalt: Italien 1948, kurz vor den ersten freien Wahlen. Während die Priester ohne Umschweife die Wahl der Christdemokraten fordern und der Vertreter der kommunistischen Partei (Ugo Tognazzi) versucht, die nach dem Krieg entstandene Solidarität für seine Partei zu bündeln, hat der Vater (Tino Schirinzi) des 9jährigen Ju (Sven Valsecchi) andere Sorgen. Wie Vielen anderen auch, fehlt es ihm an Arbeit und Geld, weshalb seine aus einer reichen Familie stammende Frau (Paola Senatore) ständig über ihr Leben mit ihm nörgelt. Zudem haben ihm die Erlebnisse im Krieg stark zugesetzt, weshalb er schnell aufbraust und seine Rechte als Familienvater mit Autorität durchsetzt. Sowohl seine Frau als auch seine Tochter Pa (Vittoria Valsecchi) bekommen schnell den Stock zu spüren, nur mit seinem Sohn geht er liebevoll um.

Entsprechend bestimmt er auch, dass sie zusätzlich die 14jährige Tochter Nenè (Leonora Fani) seines im Sterben liegenden Bruders aufnehmen, obwohl Platz und Nahrungsmittel knapp sind. Vor allem für Ju erweist sich die Anwesenheit seiner Cousine als willkommene Bereicherung, denn seine zunehmende Neugier auf das weibliche Geschlecht, wird von ihr verständnisvoll erwidert...


Die ersten freien, demokratischen Wahlen in Italien am 18. April 1948 bilden den historischen Hintergrund, vor dem die Handlung in "Nenè" angesiedelt ist. Trotzdem ist dem Film seine Entstehung in den 70er Jahre deutlich anzumerken. Regisseur Salvatore Samperi, der nach Cesare Lanzas Roman auch das Drehbuch verfasste, blieb zwar inhaltlich im historischen Kontext, doch nicht nur die Parallelen zur Politik Italiens, sondern besonders der provokative Umgang mit der Sexualität verweisen auf die Entstehungszeit des Films. Zudem entsprachen die Frisuren der Kinder, aber auch des Friseurs „Baffo“ (Ugo Tognazzi) dem 70er Jahre Zeitgeschmack - für Samperi typisch, dem mehr Wert auf eine stimmige Atmosphäre legte, als auf die exakte Wiedergabe einer historischen Phase.

Obwohl im Film immer wieder die Auswirkungen des erst wenige Jahre zuvor beendeten 2. Weltkriegs erwähnt werden, vermittelte Samperi in "Nenè" von Beginn an ein Bild der italienischen Gesellschaft, das auch in der Entstehungszeit des Films vorstellbar gewesen wäre. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Ju (Sven Valsecchi), ein neunjähriger Junge, aus dessen Blickwinkel die Geschichte erzählt wird. Seine Neugierde, besonders seine erwachende Sexualität, trägt den gesamten Film. Während Ju ständig auf der Suche ist, die Umgebung erkundet und Fragen stellt, verweilen die übrigen Familienmitglieder in ihren tradierten Rollen. Seine Mutter (Paola Senatore), die sich mit dem Haushalt abplagt und versucht, mit dem wenigen Geld, dass ihr zur Verfügung steht, die Familie zu versorgen, beklagt dauernd ihr Schicksal. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und wirft ihrem Mann vor, sie in diese Situation gebracht zu haben. Jus Vater (Tino Schirinzi), einerseits durch die Erlebnisse im Krieg traumatisiert, andererseits selbst frustriert über seine materiell schwache Position, versucht seine Rolle als Familienvorstand souverän auszufüllen, verfällt aber immer wieder in übertriebene Autorität, die er mit Stockschlägen auslebt. Auch Jus ältere Schwester Pa ist in ihrer Passivität, die ihre Mutter noch durch ihre Tiraden gegenüber Männern fördert, ganz dem konservativen Rollenmuster verpflichtet.

Ju wirkt dagegen wie der Vorbote einer Moderne. Der intelligente Junge, der von einer Frau privat unterrichtet wird, besiegt seinen Vater beim Schach – was dieser Zähne knirschend akzeptiert – befreundet sich mit einem farbigen Jugendlichen aus der Nachbarschaft an, und lebt offen seine Neugier auf den weiblichen Körper aus.


Allein durch die Tatsache, dass er als Sohn die Solidarität des Vaters genießt, der seine Aggressionen ausschließlich gegenüber den weiblichen Mitgliedern der Familie auslebt, kann sein Freiraum nicht erklärt werden. Viel mehr ist seine Rolle als Kommentar aus der Sicht eines intelligenten, aber noch unbelasteten Menschen zu verstehen. Zwar plappert auch er die Vorurteile seiner Umgebung nach – wie bei der ersten Begegnung mit Rodi (Alberto Cancemi ), dem „Mulatten“ – aber sie haben seinen Geist noch nicht vernebelt, weshalb er schnell davon ablässt und anders handelt. 

Neben Ju gibt es eine zweite „naive“ Rolle, die noch deutlicher auf die politische Situation in den 70er Jahren hinweist. Ugo Tognazzi spielt einen Barbier, der voller Enthusiasmus für die kommunistische Partei eintritt und zu den Wahlen am 18. April ein großes Fest veranstaltet, bei dem er den Wahlsieg feiern will. Diese Erwartungshaltung ergab sich aus der Solidarität zwischen den Widerstandskämpfern und der Bevölkerung nach dem 2.Weltkrieg. Fast zwingend schien die kommunistische Partei an der Reihe zu sein, angesichts eines jahrzehntelangen Rechtsradikalismus, der Italien ins Unglück gestürzt hatte, aber längst waren wieder andere Kräfte im Spiel - wie der Priester in der gut besuchten Ortskirche, der sehr deutlich werden lässt, welche Partei ein gläubiger Christ zu wählen hat. Dieses scheinbare Erstarken der kommunistischen Partei, die die Wahl überraschend klar gegen die Christdemokraten verlor, erinnerte auch an die Situation der Partei Mitte der 70er Jahre, als sie sich – ebenfalls vergeblich – ein zweites Mal der Regierungsverantwortung annäherte. Ugo Tognazzis abschließende Rede ist dann auch mehr ein Manifest der persönlichen Enttäuschung als des trotzigen Aufbegehrens. Sein Glauben an die Bevölkerung scheint verloren gegangen zu sein und es wäre interessant zu erfahren, warum er – trotz seiner prägnanten Rolle – in den Credits nicht aufgeführt wird.


Allerdings ist das symptomatisch für einen Film, der nach einer Figur benannt ist, die erst nach etwa 20 Minuten auf dem Bildschirm erscheint. Bei "Nenè" (Leonora Fani) handelt es sich um Jus 14jährige Cousine, die sein Vater kommen ließ, weil sein Bruder im Sterben liegt und ihre Mutter als gebürtige Deutsche wieder in ihr Heimatland zurückkehrte. Ganz schlüssig wirkt diese Konstellation nicht, angesichts einer Jugendlichen, die sich schon am ersten Abend recht offenherzig gegenüber ihrem kleinen Cousin zeigt. Der Film versucht zwar, ihr Außenseiterdasein zu betonen, das sich in der beginnenden Beziehung zu Rodi, ebenfalls einem Geächteten der Gesellschaft, manifestiert, aber Leonora Fani – in Wirklichkeit schon über 20 – überzeugt mehr mit frivol, unschuldiger Nacktheit als mit einem schweren Schicksal. Samperi entwirft ein erotisches Geplänkel, das zwischen schüchterner Annäherung unter Jugendlichen und Nenès offenem Umgang mit ihrem kleinen Cousin schwankt. Selbst in den 70er Jahren waren diese Handlungen noch provokativ, auch wenn Samperi sehr zurückhaltend in seiner Darstellung bleibt, während es kaum vorstellbar ist, dass Kinder und Jugendliche in der Nachkriegszeit so viel Freiraum hatten.

Durch die Vermischung eines zeitgenössischen gesellschaftskritischen Hintergrunds und einer Handlung, die Züge eines sensiblen 70er Jahre Erotikfilms aufweist, entsteht in "Nenè" eine diffuse Mischung aus zwei unterschiedlichen Genres, die erst in den letzten Szenen zueinander finden. Sicherlich wollte Samperi das komplexe Bild einer Gesellschaft entwerfen, die am Scheideweg zwischen Tradition und Moderne stand, aber eine Vielzahl unterschiedlicher Sichtweisen vom Kind über die Jugendliche bis zum desillusionierten Erwachsenen, ergab nicht automatisch ein komplexes Gesamtbild. Allerdings ist es Nenès amourösen Handlungen zu verdanken, dass der Film trotz seines realen Hintergrunds eine gewisse Leichtigkeit behält.

Wirklich in Erinnerung bleiben aber Tognazzis Schlussplädoyer und besonders der kleine Ju, dessen Neugier ihn unfreiwillig die Realitäten der Welt lehren lässt – am Ende des Films haben Beide ihre Naivität verloren.


"Nenè" Italien 1977, Regie: Salvatore Samperi, Drehbuch: Salvatore Samperi, Cesare Lanza (Roman), Darsteller : Leonora Fani, Tino Schirinzi, Paola Senatore, Alberto Cancemi, Laufzeit :  93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Salvatore Samperi:

"Malizia" (1973)
"Peccato veniale" (1974)
"Scandalo" (1976)

Mittwoch, 6. Januar 2010

Lezioni private (Private Lessons) 1975 Vittorio De Sisti

Inhalt: Schon am Tag ihrer Ankunft treffen Alessandro (Rosalino Cellamare) und Laura Formenti (Caroll Baker) aufeinander, als er sie zufällig umrennt. Da weiß er noch nicht, dass es sich um die neue Lehrerin der Klavier - Klasse am Konservatorium handelt, zu deren begabtesten Schülern Alessandro zählt.

Die attraktive
Frau gefällt dem 18jährigen Alessandro sofort, was nicht nur seiner Mitschülerin Emanuela (Leonora Fani) missfällt, sondern vor allem seinem Freund Gabriele, der einen perfiden Plan ersinnt...


Die Auswirkungen der "sexuellen Revolution" der späten 60er Jahre wurden Im Laufe der 70er Jahre auch im konventionellen Kino erkennbar. Zunehmend wurde es akzeptiert, dass Nacktheit und offene Ausübung von Sexualität aus dem Umfeld der Non-Stop-Kinos heraustrat und storytechnisch in ein bürgerliches Umfeld eingeordnet wurde. Obwohl viele dieser Filme aus heutiger Sicht wenig relevant wirken, spiegeln sie in ihrer Unterschiedlichkeit bezüglich ihrer Herkunftsländer, die damaligen Eigenarten der moralischen Standards anschaulich wider. Während die französischen Filme es schnell frivol krachen liessen, setzte man in Deutschland zuerst auf einen aufklärischen Gestus, bevor vor allem derber Humor die sexuellen Freuden begleitete.

In Italien entwickelte sich eine eigene Form des Erotikfilms, die noch stark von den durch die katholische Kirche beeinflussten Moralvorstellungen geprägt war. Während junge Italienerinnen möglichst unberührt in die Ehe gehen sollten, durften die jungen Männer sich schon mal ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln. Immer wieder gibt es im italienischen Film die Situation, in der ein männlicher Heranwachsender eine reife Frau beobachtet, um damit erste Blicke auf den sonst züchtig verhüllten weiblichen Körper zu werfen. Im Idealfall lernt er von ihr die Liebe. Solche Momente gibt es sicherlich auch in anderen Ländern, aber in Italien war es damals wesentlich üblicher, dass ein junger Mann zu einer Prostituierten ging, um von ihr ins Liebesspiel eingewiesen zu werden.

"Lezione private" (Privatstunden) ist nicht nur in dieser Hinsicht signifikant für den italienischen erotischen Film der 70er Jahre, sondern verfügt noch über weitere prototypische Elemente. Anders als der zeitgleich entstandene "L'insegnante" (wörtlich : Die Lehrerin, deutscher Kinotitel "Die Bumsköpfe"), der motivisch auch eine Lehrerin in den Mittelpunkt stellte, bleibt er in seiner Gestaltung fast durchgehend ernsthaft. Einzig das wiederholte Auftreten eines Exhibitionisten, der in unterschiedlichen Situationen sein bestes Stück vorzeigt, ist albern un
d wirkt im Film wie ein Fremdkörper. Die banale Gestaltung dieser Figur, die im Hochsommer mit einem speckigen Mantel unterwegs ist, verdeutlicht die damalige Gratwanderung im Kino, die zwischen Tabubruch und klischeehafter Verulkung schlingerte.

Wesentlich prägender für den Film sind die zwei Hauptdarstellerinnen, die die beiden Pole darstellen, zwischen denen sich der 18jährige Alessandro (Rosalino Cellamare) bewegt. Als Hintergrund für seine Geschichte entwarf Regisseur und Drehbuchautor Vittorio De Sisti, der mit Dokumentarfilmen über Sexualität ("Inghilterra nuda", 1969 über das freizügige "nackte England", und "Sesso in confessionale" 1974 über das noch sehr religiös geprägte Italien) begonnen hatte, eine sehr bürgerlich geprägte Atmosphäre. In einer Kleinstadt fängt die neue Lehrerin für Klavier, Laura Formenti, am örtlichen Konservatorium an.

Gespielt wird sie von der us-amerikanischen Schauspielerin Caroll Baker, die 1956 als "Baby Doll" im gleichnamigen Film bekannt wurde. Nachdem sie 1965 "Jean Harlow" gespielt hatte, welches ihre Festlegung auf das laszive Fach weiter untermauerte, ging sie für ein Jahrzehnt nach Europa, wo sie vor allem in Gialli und erotischen Filmen besetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Entstehung von "Lezioni private" war sie schon 44, aber man kann ihr nic
ht absprechen, dass sie in den nicht wenigen erotischen Szenen eine gute Figur machte.

Als Gegenspielerin Emanuela, wie Alessandro Mitglied der Klavierklasse, fungierte Leon
ora Fani. Fani profitierte in den 70er Jahren von ihrem jugendlichen Aussehen, weshalb sie auf Rollen als Minderjährige ("Nenè" 1977) oder junge Erwachsene festgelegt war. Nicht ohne Grund dauerte ihre Karriere nur 8 Jahre, in denen sie in qualitativ sehr unterschiedlichen Filmen mitwirkte. Ihre Rolle in "Lezioni private" bleibt blass, da sie eine passive Haltung einnimmt. Ihr offensiv vorgetragener Wunsch, mit Alessandro zusammen sein zu wollen, vor allem aber die Szene, als sie mit ihrer Freundin vor einem Spiegel die Wirkung ihres Busens bespricht, sollen nur voyeuristische Blicke befriedigen. Ihre Rolle ist das bürgerliche, nach außen rein und jungfräulich wirkende Mädchen.

Auch der Lehrerin werden natürlich züchtige Verhaltensformen abgefordert, aber ihre (im Gegensatz zu den Schülerinnen) kurzen Röcke und das offene Dek
olletè strafen diese Vorgaben lügen. Nicht erstaunlich, dass die jungen Männer angesichts der attraktiven Blondine auf andere Gedanken kommen. Darunter befindet sich auch die interessanteste Figur des Films - Gabriele, Bruder von Emanuela und Freund Alessandros. Er fällt zu Beginn durch alberne Scherze auf, aber als er merkt, dass sein Freund in seine Lehrerin verliebt ist, beginnt er sich für sie zu interessieren. Als er ihr einmal zu ihrer Wohnung folgt, sieht er durch das geöffnete Fenster, dass sie sich selbst befriedigt, besorgt sich eine Kamera und macht Nacktaufnahmen von ihr.

Die im Gesamtzusammenhang viel zu lange Szene mit der Selbstbefriedigung ist natürlich der Erwartung an erotische Aufnahmen geschuldet, aber sie startet den spannendsten Teil des Films, denn Gabriele beginnt sie mit den Fotos, die die Lehrerin in der Kleinstadt diskreditieren würden, zu erpressen. Er zwingt sie, sich vor ihrer Klasse, besonders aber vor Alessandro, auszuziehen, beginnend mit dem Verzicht auf einen BH bis zur kompletten Nacktheit bei den Privatstunden, die sie Alessandro in dessen Elternhaus gibt. Es wird zunehmend offensichtlich, dass Gabriele selbst kein Interesse an ihr hat, sondern nur seinen Freund damit konfrontieren will, den das Verhalten der Lehrerin verstört. Spätestens in einer Brunnenszene, in der sich die beiden jungen Männer umarmen, werden seine homoerotischen Gefühle offensichtlich, die ihm die Lehrerin zum Schluß konkret vorhält.

Das Gabriele in "Lezioni private" die Rolle eines gemässigten Bösewichts einnimmt und letztlich nicht zu seiner Homosexualität steht, ändert nichts an der lange Zeit sensiblen Darstellung, die ein komplexes Bild der unterschiedlich erwachenden Gefühle vermittelt. Diesen Eindruck unterstreicht noch die Gestaltung der älteren Männer, die nur als dumpfe Machos daher kommen. Alessandros Vater (Carlo Giuffrè, ähnlich einfältig viril wie in "Pensione paura") schwärmt ständig von seiner Zeit als Soldat in Afrika, wo er es angeblich ganz toll getrieben hatte, und vergisst immer das Alter seines Sohnes, und auch der Onkel (Renzo Montagnani) hat nichts besseres zu tun, als dem Neffen die körperlichen Vorzüge seiner Geliebten feixend vorzuführen.

Insgesamt ist De Sisti hier bemüht, die Sexualität aus dem schenkelklopfenden Image herauszuhalten, was "Lezioni private" über den Durchschnitt der damaligen Erotikfilme hebt, auch wenn der Film zeitgenössische Anpassungen vornehmen muss. Alessandros Weg bleibt im idealen Sinne konventionell. Der hübsche, blonde und sehr begabte Jung - Pianist wird durch seine Lehrerin auch in die Liebeskunst eingewiesen, bevor er mit gestärktem Selbstbewußtsein, dieses an die junge Emanuela weiter gibt. Emotional wirkte die Beziehung zwischen ihm und der reiferen Frau wesentlich überzeugender, aber trotz aller gewährten Blicke auf nackte Frauenkörper und kurzer Tabubrüche bleibt der Film letztlich doch ganz brav.

"Lezioni private" Italien 1975, Regie: Vittorio De Sisti, Drehbuch: Vittorio De Sisti, Paolo Brigenti, Darsteller: Caroll Baker, Rosalino Cellamare, Leonora Fani, Carlo Giuffrè, Renzo Montagnani, Laufzeit: 89 Minuten

Sonntag, 11. Oktober 2009

Pensione Paura 1977 Francesco Barilli

Inhalt: Rosa (Leonora Fani) hilft ihrer Mutter (Lidia Bondi), während des 2. Weltkrieges das Familienhotel aufrecht zu erhalten. Von ihrem geliebten Vater, der als Soldat im Krieg kämpfen muss, hat sie lange nichts gehört, hofft aber täglich auf seine Rückkehr.

Die wenigen Gäste des Hotels sind nicht nur schwierig, sondern belästigen Rosa außerdem. Besonders der eitle Rodolfo (Luc Merenda) hat es auf sie abgesehen, obwohl er sich von einer wesentlich älteren Geliebten (Jole Fierro) aushalten lässt. Zudem versteckt Rosas Mutter einen Mann (Francisco Rabal) unter dem Dach, der von den Faschisten gesucht wird und mit dem sie ein Verhältnis hat. Als sie plötzlich tot aufgefunden wird, ist
Rosa nicht nur allein für das Hotel verantwortlich, sondern den zunehmenden Repressalien der Gäste hilflos ausgesetzt...


Als Regisseur und Autor Francesco Barilli mit 34 Jahren seinen zweiten und, abgesehen von späteren Arbeiten für das italienische Fernsehen, auch letzten Film "Pensione Paura" drehte, besaß er schon einige Erfahrung. Als 20jähriger hatte er mit Antonio Pietrangeli bei "La parmigiana" (Das Mädchen aus Parma) als Assistent gearbeitet, bevor er ein Jahr später in Bertoluccis "Prima della Revoluzione" (Vor der Revolution) die männliche Hauptrolle spielte, die letztlich seine Einzige in einem Langfilm blieb. In den folgenden Jahren widmete er sich dem Western oder Horror-Genre als Regie-Assistent oder Autor, bevor er mit "Il profumo della signora in nero" (Das Parfüm der Frau in Schwarz, 1974) seinen ersten eigenen Film drehte.

Bei "Pensione Paura" handelt es sich, wie schon bei seinem Vorgänger, um einen mysteriösen, mit Horrorelementen versehenen Film, der auch hinsichtlich seiner erotischen Bilder und dem nicht geringen Blutzoll über die notwendigen Voraussetzungen verfügt, als "Giallo" eingeordnet zu werden. Barillis Kunst liegt darin, die Gene-Zutaten elegant und stimmig in eine Geschichte einzubinden, die sich realitätsnah dem Zeitgeschehen der Endphase des 2.Weltkriegs widmet. Trotz aller Fantasie und angenehmen Ironie, mit der hier Irrsinn, Abhängigkeit und Angst dargestellt werden, kann der Film ein authentisches Gefühl der Endphase des Faschismus in Italien vermitteln, was seinem unterhaltenden Charakter eine zusätzliche Tiefe gibt.

Im Mittelpunkt steht Rosa (Leonora Fani), ein junges Mädchen, dass ihrer Mutter beim Betreiben der Familien-Pension hilft. Sie vermisst ihren Vater, der als Soldat im Krieg kämpft, und schreibt ihm lange Briefe. Obwohl sie schon lange nichts mehr von ihm gehört hat, will sie nicht an seinen Tod glauben, und steht ihrer Mutter Marta (Lidia Bondi) kritisch gegenüber, die einen Mann (Francisco Rabal) unter dem Dach ihres Hauses vor den Faschisten versteckt, mit dem sie auch ein Verhältnis hat. Die weiteren, nicht weniger seltsamen Gäste behagen ihr ebenfalls nicht, da sie ihr zudem noch sexuell eindeutige Angebote machen.

"Pensione paura" gewinnt seinen Reiz aus dem Gegensatz zwischen der jungfräulichen und blassen Rosa (Leonora Fani war für diese jugendlichen Rollen in den 70er Jahren prädestiniert) und dem promiskuitiven Treiben in der Pension. Besonders der eitle Rodolfo (Luc Merenda), der sich von einer wesentlich älteren Frau (Jole Fierro) aushalten lässt, lässt keine Gelegenheit aus, Rosa zu bedrängen, auch wenn das seine Geliebte entsprechend verärgert. Trotz dieser Vorgänge behält der Film in seiner ersten Hälfte den langsam dahin gleitenden Charakter einer dekadenten Sommergesellschaft, in der der Horror des Krieges nur einen Moment lang zu spüren ist, als Bomber über die Pension hinweg fliegen. Und auch wenn Barilli nicht ohne Hintergedanken regelmäßig den mädchenhaften Busen Rosas ins Bild rückt, behält diese doch die Unschuld einer Dorfschönheit in einem kleinen italienischen Ort und steht damit in deutlichem Gegensatz zu den übrigen Protagonisten.

Das ändert sich rigoros, als Rosas Mutter am Fuße einer Treppe tot aufgefunden wird. Die Ursache dafür ist nebensächlich, weshalb auch keinerlei Polizei in dem Film auftaucht, aber ab diesem Moment ist die schützende Hand über dem Mädchen verschwunden. Zuerst verdeutlicht sich ihre Schutzlosigkeit darin, dass sie - anders als ihre Mutter - keine Nahrungsmittel mehr bekommt. Guido, ein junger Mann, der in sie verliebt ist, kann ihr in diesem Fall noch helfen, aber bald eskalieren die Ereignisse, als zwei Faschisten im Hotel ein Zimmer nehmen, die mit Rodolfo gemeinsame Sache machen. Die Pension wird immer mehr zum Schreckensort, aus dem es kein Entrinnen gibt...

Francesco Barilli entwirft in "Pensione paura" eine morbide, erotisch aufgeheizte Atmosphäre, die trotz gewisser Zuspitzungen zum Ende hin, nie ihren stimmigen, aus einer realen Situation heraus entwickelten Charakter verliert. Neben den Bildern ist es vor allem die von Adolfo Waitzman komponierte Musik, die dem Film von Beginn an einen treibenden, immer wieder von sehr ruhigen, von beinahe unwirklichen Momenten unterbrochenen Gestus gibt. Das Ende von "Pensione paura" scheint vordergründig wenig realistisch, aber das ist ein Irrtum - es erhebt sich nur darüber.

"Pensione paura" Italien / Spanien 1977, Regie: Francesco Barilli, Drehbuch: Francesco Barilli, Barbara Alberti, Amedeo Pagani, Darsteller : Leonora Fani, Luc Merenda, Francisco Rabal, Lidia Bondo, Wolfgango Soldati, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Barilli:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.