Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Montag, 3. Juni 2013

Sette dollari sul rosso (Django - die Geier stehen Schlange) 1966 Alberto Cardone

Inhalt: „El Cachal“ (Fernando Sancho) überfällt mit seinen Männern die Ranch von Johnny Ashley, tötet dessen indianische Ehefrau und raubt ihren zweijährigen Sohn Jerry. Johnny Ashley (Anthony Steffen) kann nach seiner Rückkehr nur noch die Toten begraben und schwört Rache für das grausame Verbrechen. Der Sheriff warnt ihn davor, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, aber Johnny will sich seinen Männern nicht anschließen, sondern seinen Weg alleine gehen. Er ahnt nicht, dass Jerry bei „El Cachal“ aufwächst, der seine Bande nach einem erfolgreichen Raub auflöst und verschwindet, weshalb Johnny ihn sehr lange vergeblich zu finden versucht.

Zwanzig Jahre später ist Jerry (Roberto Miali) selbst zu einem gnadenlosen Verbrecher geworden, der sich Frauen mit Gewalt nimmt und Wehrlose erschießt. Sein vermeintlicher Vater will mit ihm die Bank einer Großstadt ausrauben, weshalb er die Lage auskundschaften soll. Dazu begibt er sich in den Saloon der Schwestern Emily (Loredana Nusciak) und Sybil (Eilsa Montés), nicht ahnend, dass auch Johnny Ashley dort bei Emily zu Besuch ist…


Die Geschichte ist altbekannt - obwohl  "Sette dollari sul rosso" (wörtlich "Sieben Dollar auf Rot") 1966 noch kurz vor Corbuccis "Django" in die italienischen Kinos kam, erging es dem Film in Deutschland wie vielen anderen Italo-Western dieser Zeit. Der von Anthony Steffen gespielte Protagonist Johnny Ashley wurde in "Django" umbenannt, um den Film 1969 unter dem Titel "Django - die Geier stehen Schlange" in die Kinos bringen zu können, zusätzlich mit dem Werbesatz "Der neueste Django - einer der härtesten, die es bisher gab" versehen. Es ließe sich leicht über diese falsche Behauptung und die Namensänderung hinwegsehen, wäre dieser Umgang nicht signifikant für den niedrigen Stellenwert der Filme im Auge der damaligen Vertriebsgesellschaft. Ende der 60er Jahre war der Zenit des Italo-Western-Genres schon überschritten, weshalb die Filme möglichst reißerisch vermarktet wurden, wozu auch eine Synchronisation beitrug, die vor allem auf flotte Sprüche setzte, was den dramatischen Charakter von "Sette dollari sul rosso" abschwächte und damit die Intention des Films verfälschte.

Johnny Ashley (Anthony Steffen) ist eine tragische Figur, der bei seiner Heimkehr nicht nur seine erschossene Frau auffindet, sondern feststellen muss, dass sein zweijähriger Sohn Jerry verschwunden ist. Anthony Steffen, der in "Perché uccidi ancora" (Jetzt sprechen die Pistolen, 1965) und "Una bara per lo sceriffo" (Eine Bahre für den Sheriff) kurz hintereinander gleich in zwei Hauptrolle im Western reüssierte und zu einem führenden Vertreter des Genres werden sollte, spielte diesen Mann, den die Verzweiflung antreibt, ernsthaft und mit sparsamer Mimik, ohne den Gestus eines von sich selbst überzeugten Pistoleros. Im Gegenteil fällt die deutliche Betonung auf, dass "Selbstjustiz" kriminell ist - eine Ausnahme innerhalb des Italo-Western-Genres. Ashley wird deshalb vom Sheriff gefragt, ob er die Position eines Hilfssheriffs übernehmen will, damit er im Namen des Gesetzes handeln könnte. Er lehnt die Bitte zwar ab, um allein Rache zu üben, hält sich aber doch an diese Regel und tötet ausschließlich in Notwehr.

Für den Part des Gegenspielers wählte Alberto Cardone, dessen wenige Regiearbeiten sich hauptsächlich auf das Western-Genre beschränkten, Fernando Sancho, der den mexikanischen Bandenboss "El Cachal" wie gewohnt mit brachialer Lust am Verbrechen spielt und ohne zu zögern Frauen und Unbewaffnete erschießt. Auch Ashleys Frau hatte er getötet, bevor er den kleinen Jerry mitnahm, um ihn von seiner Frau als seinen eigenen Sohn aufziehen zu lassen. Erwachsen geworden tritt Jerry (Roberto Miali) ganz in die Fußstapfen seines vermeintlichen Vaters und übertrifft ihn sogar noch an hinterhältiger Rücksichtslosigkeit. Der große charakterliche Unterschied zwischen "El Cachal" und Jerry sowie dem einsamen Rächer Ashley ist von entscheidender Bedeutung für die dramatische Entwicklung des Films, weshalb der penetrante Versuch der deutschen Synchronisation, aus dem Scout und Familienvater einen knallhart vorgehenden, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen führenden "Django"-Typus zu machen, die innere Tragik dieser Situation nicht zulässt. Als Emily (Loredana Nusciak) gegenüber Ashley nichts als Angst, Einsamkeit und Bitterkeit für ihre Zukunft sieht, geht die Synchro einfach lässig darüber hinweg, um den Unterhaltungswert nicht zu stören.

Allerdings erleichterte „Sette dollari sul rosso“ diese Vorgehensweise, weil sich der Film nach dem dramatischen Beginn ein wenig in den Weiten der Italo-Western-Welt verliert. Der Grund lag in der storytechnischen Aufgabe, etwa 20 Jahre überbrücken zu müssen, damit aus dem Kleinkind Jerry ein erwachsener Fiesling werden konnte – ein epischer Zeitraum aus dem Blickwinkel von Banditen und Revolverhelden im Western. Um zu erklären, warum Ashley so viel Zeit benötigt bis er endlich den Mörder seiner Frau findet, wird „El Cachal“ ein gewinnträchtiger Überfall angedichtet, woraufhin sich dessen Bande auflöst. Ashley hilft es deshalb wenig, ein früheres Mitglied zu erwischen und zum Reden zu bringen, denn der Unterschlupf der Bande ist längst verlassen und „El Cachal“ macht nicht mehr von sich Reden. Die Szenen im Mittelteil bieten zwar gelungene Western-Action, wirken aber beliebig aneinander gereiht und ohne stringent auf den Showdown am Ende hinzuführen. Im Gegenteil stellt sich die Frage, wieso „El Cachal“ nach einer so langen Zeit einer „bürgerlichen Existenz“ plötzlich wieder zum Banditen wird, der diesmal zusammen mit seinem Sohn die Bank einer Stadt überfallen will ? – Zudem ausgerechnet in dem Ort, indem sich auch Ashley gerade eingefunden hat, leicht angegraut von seiner jahrzehntelangen Suche.

Dem Drehbuch gelingt es nicht, die sehr gute und im Italo-Western außergewöhnliche Idee, einen Vater auf seinen als Kleinkind geraubten und zum Verbrecher gewordenen Sohn treffen zu lassen, über die gesamte Laufzeit schlüssig umzusetzen, da die Überleitung zwischen Ausgangssituation und dem dramatischen Ende nicht funktioniert. Trotzdem ist das letzte Drittel des Films spannend und nachvollziehbar inszeniert – zumindest in der Originalfassung – und entwickelt im Zusammenspiel der drei männlichen Protagonisten mit den beiden Schwestern Emily und Sybil (Elisa Montés) eine dramatische Zuspitzung, begleitet von einem stimmigen melancholischen Score, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist.

"Sette dollari sul rosso" Italien / Spanien 1966, Regie: Alberto Cardone, Drehbuch: Juan Cobos, Melchiade Coletti, Arnaldo Francolini, Amedeo Mellone, Darsteller : Anthony Steffen, Fernando Sancho, Roberto Miali, Loredana Nusciak, Elisa Montés, Laufzeit : 96 Minuten

Sonntag, 21. Oktober 2012

L'uomo che viene da Canyon City (Die Todesminen von Canyon City) 1965 Alfonso Balcázar


Inhalt: Nachdem Red (Luis Davila) und Carrancho (Fernando Sancho) gemeinsam aus der Gefangenschaft fliehen konnten, ziehen sie eine Zeit lang aneinender gefesselt durch die Lande, bis sie sich von einer Eisenbahn die Ketten sprengen lassen. Natürlich musste Red auf den Gleisen liegen, so wie sie die Grenze nach Mexiko in Richtung Carranchos Heimat überschritten, denn dieser gewann jedesmal, wenn sie einem Münzwurf die Entscheidung überließen - bis Red den faulen Trick seines alten Kumpels durchschaute.

In Canyon City angekommen, entscheidet sich Red für ein getrenntes Programm und schließt sich den Männern von Morton (Robert Woods) an, die die mexikanischen Arbeiter in dessen Silbermine ausbeuten und misshandeln. Carrancho erkennt das Leid seiner Landsleute, hat aber zuerst seinen eigenen Vorteil im Sinn, denn wie Red weiß er, das Morton siebzigtausend Dollar in seinem Safe liegen hat...


In der Folge von "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) von Sergio Leone - nicht zuletzt wegen dessen überraschenden wirtschaftlichen Erfolgs - begannen zunehmend Western aus dem Boden zu schießen, die sich dessen schmutziger Optik, den rauen Umgangsformen mit ihren oft nihilistischen Gewaltexzessen, aber auch dessen kritischen Blick auf die us-amerikanische Sozialisation anschlossen - und sich damit als Gegenentwurf zum klassischen US-Western hollywoodscher Prägung verstanden. In dieser Phase entstand auch der Genre-Begriff des "Europäischen Western" oder bekannter "Italo-Western", die meist in Spanien gedreht wurden, dessen südliche Regionen große Ähnlichkeit mit der staubigen Gegend im us-amerikanischen/mexikanischen Grenzbereich aufwiesen, wo auch "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) spielt.

Verantwortlich für dieses frühe Beispiel des Genres war der spanische Regisseur Alfonso Balcázar, der sich besonders dem Italo-Western verschrieb, dem er mit "I bandoleros della dodicesima ora" (Desperado, 1972) bis in dessen Phase des Niedergangs treu blieb. Vor "L'uomo che viene da Canyon City" (wörtlich "Der Mann, der aus Canyon City kommt") hatte er mit "Los Pistoleros de Arizona" (Die Gejagten der Sierra Nevada, 1965) schon einen Western gedreht, der sich - typisch für die europäischen Genre-Vertreter dieser Übergangsphase - noch deutlich am amerikanischen Vorbild orientierte. Davon hatte sich "L'uomo che viene da Canyon City" inzwischen emanzipiert, der nicht nur über ein gut aufgelegtes Darsteller-Trio verfügte, sondern seine Handlung vor dem Hintergrund der Ausbeutung mexikanischer Arbeiter durch den skrupellosen amerikanischen Geschäftsmann Morgan (Robert Woods) ansiedelte.

Sowohl für Woods, als auch Luis Dávila und Fernando Sancho als das ungleiche Paar "Red" und "Carrancho", bedeutete die Zusammenarbeit mit Alfonso Balcázar den Beginn (nicht nur) ihrer Western-Karriere, die besonders den spanischen Darsteller Fernando Sancho zum allgegenwärtigen mexikanischen Banditen werden ließ - wie beispielsweise in "Arizona Colt" (1966). Hier spielt er noch einen sympathischen Gauner, der gemeinsam mit Red der Gefangenschaft entkommt, bevor sie zufällig Zeuge eines Überfalls werden. Dieser misslingt, aber sie erfahren, dass mit der Kutsche 70000 Dollar nach Canyon City transportiert werden, die dort Morgan, dem Besitzer der Silbermine, übergeben werden sollen. Ein Grund für die Beiden, den selben Weg einzuschlagen.

Dass der Film erst 1967, zwei Jahre nach seiner Entstehung, in die deutschen Kinos kam, wird daran deutlich, das Red dort in "Django" umbenannt wurde, seit Sergio Corbuccis "Django" (1966) der zugkräftigste Name an der Kinokasse. Aus der heutigen Sicht wirkt das deplaziert, da Red die blasseste Figur innerhalb des Darsteller-Trios abgibt, auch wenn seine Fähigkeiten mit dem Revolver, Parallelen zu Corbuccis Held aufweisen. Carrancho wirkt dagegen viel gewitzter, so geschickt wie er Red immer genau in die von ihm beabsichtigte Richtung bringt, abgesehen davon, das er es ist, der letztlich den Aufstand gegen Morgan organisiert. Ganz im Geiste des Italo-Western sind allerdings die Beweggründe der beiden "Helden", denn sie sehen sich die sadistische Behandlung gegenüber den mexikanischen Einheimischen lange Zeit in Ruhe an, bevor sie erst gezwungenermaßen eingreifen. Ihr echtes Interesse gilt dem Inhalt von Morgans Safe, um den sie eine Art privaten Wettstreit veranstalten.

Ihr witziger Disput und das arrogant, selbstherrliche Auftreten des Besitzers der Silbermine, der seine Schergen mit rigoroser Gewalt auf die Arbeiter hetzt, sind die klaren Pluspunkte des Films, dessen Kritik an den ausbeuterischen Verhältnissen wenig generell ist. Letztlich trägt nur der Verbrecher Morgan, der den früheren Besitzer offenbar ermordet hatte und dessen Tochter Viviane (Loredana Nusciak) zur Ehe zwang, die Schuld daran. Dagegen will der Vertreter der USA, um weitere Bezahlungen garantieren zu können, überprüfen, ob die Mexikaner auch anständig behandelt werden - ein Ansinnen, das er nicht überlebt, das aber die tatsächlichen Hintergründe verharmlost. Ähnlich inkonsequent bleibt die gesamte Story des Films, die zwar eine Vielzahl von Ereignissen, Nebenfiguren und Intentionen vereint, über das hohe erzählerische Tempo aber manchmal die Nachvollziehbarkeit aus den Augen verliert. Viele interessante Aspekte wie die Vorgeschichte von Morgan und die Beziehung zu seiner Frau, werden nur angerissen, während den Wortgefechten von Red und Carrancho viel Zeit eingeräumt wird.

Trotz seiner im Tempo holprigen Erzählform, bleibt "L'uomo che viene da Canyon City" durchgehend unterhaltend. Sowohl die kompromisslose Darstellung von Gewalt, als auch die zwiespältige Vorgehensweise der beiden "Helden" weisen ihn schon als würdigen Vertreter des Italo-Western-Genres aus. Um so seltsamer erscheint heute die damalige Vorgehensweise des deutschen Verleihs - einerseits mit dem falschen "Django"-Titel für das Genre werbend, andererseits nicht nur die Gewaltszenen schneidend, sondern auch Carranchos anfänglichen Versuch, seine mexikanischen Landsleuten unter dem Vorwand eines geplanten Aufstands zu beklauen. Dass was aus heutiger Sicht die größte Qualität des Films darstellt - die uneindeutige Charakterisierung der Protagonisten - durfte damals nicht sein.

"L'uomo che viene da Canyon City" Italien, Spanien 1965, Regie: Alfonso Balcázar, Drehbuch: Adriano Bolzoni, Attilio Riccio, Darsteller : Robert Woods, Fernando Sancho, Luis Dávila, Loredana Nusciak, Renato Baldini, Laufzeit : 86 Minuten

Dienstag, 17. Juli 2012

Django 1966 Sergio Corbucci


Inhalt: Ein Mann (Franco Nero), der zu Fuß einen Sarg hinter sich her zieht, wird Zeuge, wie Mitglieder einer mexikanischen Gang eine junge Frau überwältigen, fesseln und auszupeitschen beginnen. Bis sie von amerikanischen Männern plötzlich erschossen werden. Doch diese wollten keineswegs die Gefangene befreien, sondern bereiten ein Kreuz vor, an das sie sie als Verräterin ihrer Rasse binden wollen, weil sie sich mit Mexikanern eingelassen hätte.

Inzwischen hat sich der unbekannte, schwarz gekleidete Mann mit seinem Sarg der Szene genähert und drückt sein Missfallen über das Verhalten der Männer aus. Diese drohen ihm, aber er erschießt sie, ohne das sie reagieren können. Er stellt sich Maria (Loredana Nusciak) als „Django“ vor, verspricht sie zu schützen und nimmt sie mit an einen kleinen Ort, wo er ihr in dem Saloon das Zimmer einer der Animierdamen besorgt. Nur wenig später kündigen sich Colonel Jackson und seine Männer an, die zuvor aus Spaß wehrlose Menschen abgeknallt hatten. Die Anwesenheit Djangos weckt sofort ihr Misstrauen…


In den frühen 70er Jahren gab es einen harmlosen Kinderwitz, der gerne erzählt wurde:

Django betritt eine Straßenbahn. Kurz darauf kommt der Fahrkartenkontrolleur auf ihn zu und bittet ihn um seine Fahrkarte, worauf Django mit tiefer brummiger Stimme entrüstet antwortet „Django kauft keinen Fahrschein!“ – (längere Pause) - „Django hat eine Monatskarte!“

Ohne Django gesehen zu haben, wusste man auch als Kind, wie absurd ein solcher Wortwechsel war, denn sein Name war ein Markenzeichen, ein Synonym für Härte und Coolness. Daran wird deutlich, dass Sergio Corbucci - gemeinsam mit seinem Bruder Bruno, der am Drehbuch mitwirkte - eine Marke erschaffen hatte, die ins Bewusstsein der Gesellschaft eingedrungen war. Aus der heutigen Sicht wirkt das erstmalige Auftauchen dieser Figur wie eine Revolution im Western - weg vom amerikanischen Vorbild, hin zu einer schäbigen Realität mit herunter gekommenen Orten, durch die schlammige Straßen führten.

Tatsächlich hatte die Entwicklung in Richtung des Italo-Western schon deutlich früher begonnen. Auch im amerikanischen Western der späten 50er und frühen 60er Jahre hatten die Helden langsam ihren Glorienschein verloren. Klassiker wie „Weites Land“, „Rio Bravo“ oder „Die 4 Söhne der Katie Elder“ vermittelten schon einen staubigen Westen, in dem der Held sich mit Alkoholproblemen und seiner bürgerlichen Umgebung herumschlagen musste. Und Sergio Leone hatte 1964 Clint Eastwood in „Per un pugno di Dollari“ (Für eine Handvoll Dollar) als coolen Helden eingeführt, der überirdisch schießen konnte und dem moralische Bedenken fremd waren. Dagegen wirkt „Django“, für den Corbucci den damals noch unbekannten Franco Nero verpflichtete, wie eine ehrliche Haut. Seine Beweggründe sind moralisch nachvollziehbar und er verwandelt sich zunehmend von einem coolen Revolverhelden zu einem Märtyrer.

Django ist eine ins Extreme gesteigerte, aus schon bekannten Versatzstücken zusammen gesetzte Figur, die auf die Komödien - und Historienfilm - Vergangenheit Corbuccis zurückzuführen ist. In den späten 50er und frühen 60er Jahren wechselten sich Filme mit antiken Helden wie „Il figlio di spartacus“ (Der Sohn des Spartacus, 1963) mit einer Vielzahl von Komödien ab, in denen meistens Totò die Hauptrolle spielte – unter anderen „Totò, Peppino…e la dolce vita“ (Toto, Peppino und das süße Leben, 1961), eine Persiflage auf Fellinis Film – bis sich Corbucci an seinen ersten Western wagte. „Massacro al grande Canyon“ (Keinen Cent für Ringos Kopf, 1964) drehte er noch unter dem Pseudonym Stanley Corbett als Co-Regisseur, bevor er mit „Minnesota Clay“ (1964) seinen ersten Western unter eigenem Namen heraus brachte, der sich noch am us-amerikanischen Genre orientierte.

Bei „Django“ nahm er wieder die Mithilfe seines Bruders in Anspruch, der sich zuvor vor allem als Drehbuchautor von Komödien einen Namen gemacht hatte. Vielleicht war es diese Zusammenarbeit, die sich noch einmal bei „Il grande silenzio“ (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) wiederholte, die zur Geburt eines künstlichen Heldentypus führte, der zum Markenzeichen des Italo - Western wurde, obwohl Corbucci an dessen Entwicklung bis zu „Django“ nicht beteiligt war. Seine späteren Western "Navajo Joe" (1966), „Il Mercenario“ (Mercenario – der Gefürchtete, 1968) oder „Il grande silenzio“ verfügten nicht nur über vielschichtigere Charaktere, sondern waren gesellschaftskritischer angelegt, wie auch „Il bestione“ (Die cleveren Zwei, 1974), einem Film, der zwar in der italienischen Gegenwart spielte, aber über einen ähnlichen Gestus verfügte. „Django“ wirkt dagegen fast comichaft in seiner eindeutigen Stilisierung, nahe an einer Persiflage auf den idealtypischen Italo – Westernhelden. Diese Vereinfachung der Symbole und die damit verbundene Gewalt hatte es zuvor in dieser Eindeutigkeit im Western noch nicht gegeben.

Django ist nicht nur ein wortkarger Pistolero, der zu Fuß unterwegs ist, sondern er verbreitet Schrecken wie der leibhaftige Tod, der einen Sarg hinter sich her schleift. Allein schon diese Konstellation, die jeder praktischen Erwägung in einer archaischen Umgebung spottet, ist pure Übertreibung, auch wenn der Sarg ein praktisches Geheimnis birgt. Überleben kann er mit diesem Ballast nur, weil jede seiner Bewegungen langsam und überlegt ist, außer er wird gezwungen zu schießen – dann ist er der Schnellste und Treffsicherste. Doch anders als es seine Optik und sein anfängliches Verhalten vermuten lassen, kann er vom Charakter her mit den strahlenden Helden des amerikanischen Edelwestern problemlos mithalten. Schon zu Beginn, als er die gefangen genommene Maria (Loredana Nusciak) befreit, wird deutlich, dass er seine Fähigkeiten ausschließlich gegen bösartige Verbrecher wendet, die allerdings deutlich in der Mehrzahl sind.

Einzig seine kompromisslose Art, ohne Vorwarnung zu schießen, könnte man als Kritikpunkt an seinem eindimensionalen Charakter ansehen, aber das relativiert sich unmittelbar angesichts der zahlenmäßig überlegenen Horde, der er gegenüber steht. Normale Verbrecher hätten dafür nicht ausgereicht, so das Corbucci gleich eine Armada an sadistischen Schweinen auflaufen lässt, die wehrlosen Menschen aus Spaß in den Rücken schießen. Menschliche Regungen sind diesen von Colonel Jackson (Eduardo Fajardo) angeführten Rassisten, die in ihrem Fanatismus und ihren roten Kapuzen an den Ku-Klux-Klan erinnern, selbstverständlich fremd. Auch die mexikanische Gang, die sich mit Jacksons Truppe um dasselbe Terrain streitet, führt sich gleich standesgemäß ein, indem deren Chef, General Hugo (José Bódalo), dem bigotten Prediger des Ortes dessen eigenes Ohr verfüttert.

Nur Django scheint sich bei dessen Auftauchen plötzlich zu verändern. Nicht nur, das ihn mit dem mexikanischen General, der im eigenen Land nicht mehr willkommen ist, scheinbar freundschaftliche Gefühle verbinden, auch sonst verliert er seine bisherige Überlegenheit und handelt bei seinen Aktionen seltsam unprofessionell. Die gesamte Episode mit General Hugo und seinen Männern wirkt im Gesamtkontext unmotiviert und auch die Anspielungen auf eine Revolution in Mexico bleiben wenig differenziert (anders als in Damiano Damianis „Quien sabe?“ (Töte Amigo!, 1966) oder in seinem eigenen Film "Il Mercenario"). Corbucci nutzt diese Szenerie nur, um Django vom coolen Revolvermann zum Märtyrer werden zu lassen, der versucht, ein altes Trauma zu überwinden.

Mit einer Realität, wie sie in Sergio Leones oder Corbuccis späteren Western in ihrer schmutzigen Optik auch immer erfahrbar blieb, hat das wenig zu tun, genauso wie Djangos hehrer Charakter wenig mit Leones egoistischen und den menschlichen Dingen zugetanen Protagonisten gemeinsam hat. In „Django“ gilt nur das Gesetz des Stärkeren im Kampf „gut“ gegen „böse“ in einer gesetzlosen Umgebung, in der jeder Mensch, der sich nicht wehren kann, schon Opfer ist. Die Abläufe bleiben vorhersehbar und die klischeehaften Dialoge sind in ihrer Ernsthaftigkeit teilweise unfreiwillig komisch. Einzig der Inhalt des Sarges bleibt eine gewisse Zeit ein Rätsel.

Ob die Corbucci - Brüder die Figur des „Django“ selbst nicht ganz ernst nahmen, bleibt fraglich, denn die beeindruckenden Bilder sind von morbider Qualität und die Musik, besonders der Titelsong, verbreitet cooles Sixty-Feeling. Es gelang ihnen der seltene Fall, mit ihrem Film einen Typus zu kreieren, der sich von seiner filmischen Vorlage löste und bis in die Gegenwart überdauerte – wahrscheinlich hätte ein zu komplexer Film mit vielschichtigen Charakteren dabei nur gestört.

"Django" Italien / Spanien 1966, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Bruno Corbucci, Darsteller : Franco Nero, Loredana Nusciak, Eduardo Fajardo, José Bódalo, Ángel Álvarez, Laufzeit : 88 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.