Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Montag, 16. Juni 2014

La lama nel corpo (Die Mörderklinik) 1966 Elio Scardamaglia

Inhalt: Die neue Krankenschwester erfährt schnell, dass eine zu große Anteilnahme am Schicksal der Insassen des Sanatoriums für Nervenkranke nicht erwünscht ist. Sowohl die Oberschwester als auch der als Handlanger dienende Hausmeister pflegen einen eher rustikalen Umgang mit den Patienten, die generell als gefährlich angesehen werden. Nur Dr. Vance (William Berger), der Leiter der Klinik, wirkt besonnen, aber auch er scheint nichts von den seltsamen Geräuschen zu bemerken, die offensichtlich vom Dachboden her nach unten dringen.

Außer Dr.Vance und der Oberschwester hat Niemand Zutritt zu diesem Bereich, aber auch darüber hinaus pflegt er seine Geheimnisse. Nachts lässt er einen erstochenen Körper verschwinden, um unliebsame Nachforschungen der Polizei zu vermeiden. Gisèle de Brantome (Françoise Prévost) wird zufällig Zeuge dieses Vorgangs, ohne die Hintergründe zu ahnen. Doch ihr kommt dieses Wissen sehr gelegen, denn die junge attraktive Frau befindet sich in einer Notlage. Gerade hatte sie ihren älteren und ihr unbequem gewordenen Mann zu Tode schleifen lassen, befand sich danach aber allein in der einsamen Küstengegend. Sie folgt Dr. Vance heimlich bis zu dessen Klinik…


Der Originaltitel "La lama nel corpo" verweist wesentlich neutraler als es "Die Mörderklinik" (oder wahlweise "Das Monster auf Schloß Moorley") vermag, auf die bevorzugte Tötungsform der Handlung hin - das Messer im Körper. Womit der 1966 entstandene Film mitten im "Giallo"-Universum angekommen zu sein schien, dessen Markenzeichen - ein Messer, gehalten von einer mit einem Lederhandschuh bekleideten Hand - offensichtlich Pate stand. Tatsächlich entstand "La lama nel corpo" nach Mario Bavas stilbildendem "Sei donne per l'assassino" (Blutige Seide, 1964) und bevor der "Giallo" - von der allgemeinen Liberalisierung der moralischen Standards profitierend - Anfang der 70er Jahre seine höchste Popularität erlangte, in einer Phase, in der das Genre ein eher stiefmütterliches Kino-Dasein führte (siehe dazu auch den Essay "Schundromane, Misogynie und gesellschaftlicher Umbruch").

In seiner Mischung aus Gothic-Style, Drama, erotischen Einlagen und Horrorelementen wurde "La lama nel corpo" zum Abbild der Zusammenarbeit einflussreicher Filmkünstler, die Mitte der 60er Jahre sonst andere Genres bevorzugten. Für den Produzenten Elio Scardamaglia blieb es nicht nur die einzige Regiearbeit, sondern ein einmaliger Ausflug ins Giallo - Fach zwischen Sandalen-Film und Italo-Western ("Arizona Colt" (1966)). Auch für Ernesto Gastaldi und Luciano Martino war das nach einem Roman Robert Williams entstandene Drehbuch für mehrere Jahre der einzige Beitrag zum Giallo-Genre, da sie sich, ähnlich wie der österreichische Hauptdarsteller William Berger ("Faccia a faccia" (Von Angesicht zu Angesicht, 1967)), zunächst auf den immens populären Italo-Western konzentrierten. Erst später waren sie entscheidend an der Blütezeit des Giallo beteiligt ("Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971)) - signifikant für die stilistische Stellung dieses solitären Films, der nur auf den ersten Blick typisch wirkt.

Ein alter Herrensitz abseits größerer Ansiedlungen, voll verwinkelt angelegter Räume, deren Wände dick gerahmte Bilder und Brokat-Teppiche zieren, nur von flackerndem Kerzenlicht schwach beleuchtet, bildet den pittoresk-stimmigen Hintergrund als Sanatorium für psychisch erkrankte Menschen – eingeliefert gemäß der Diagnose des englischen Arztes Dr. Robert Vance (William Berger), dessen Methoden noch ganz dem Denken des vorletzten Jahrhunderts verpflichtet sind. Entsprechend unzurechnungsfähig erweisen sich die Insassen, die zwischen tiefen Depressionen und extremen Aggressionen schwanken, deren Ursache mehr in der Art der Betreuung zu suchen ist, weniger im angeblichen Krankheitsbild. Offensichtlich gebar dieser Geist auch ein Monster, das über den Dachboden schlurft, auch wenn der Doktor und die gestrenge Oberschwester dessen Anwesenheit hartnäckig leugnen. Ist es verantwortlich für die Morde, deren Spuren Doktor Vance heimlich in der Nacht zu vertuschen versucht?

Was sich nach einer klassischen Grusel-Story über einen Mad-Scientist und seinen monströsen Helfer anhört, erweist sich zunehmend als komplexes Gebilde, dass seine Geheimnisse nur langsam preis gibt. Statt einfach Mord an Mord aneinander zu reihen und die Frage nach dem Täter in den Mittelpunkt zu stellen, bricht „La lama nel corpo“ wiederholt die Handlungslinie und offenbart auf diese Weise die inneren Beziehungen zwischen den Protagonisten, zu denen auch Vance‘ Ehefrau Lizabeth (Mary Young), eine hübsche neue Krankenschwester und der willfährige Hausmeister gehören. Besonders das Auftauchen von Gisèle de Brantome (Françoise Prévost) bricht mit den Gepflogenheiten, denn die nach einem Unglück mit ihrer Kutsche plötzlich an dem Landsitz auftauchende verführerische Schönheit eignet sich nicht als klassisches Opfer. Sie selbst hatte gerade dafür gesorgt, dass ihr älterer, unbequem gewordener Ehemann das Zeitliche segnete, bevor sie kurz darauf zufällig beobachtete, wie Dr.Vance eine Leiche vergrub. Mit diesem Wissen verspricht sie sich Vorteile in der Klinik, in der sie als angeblich hilflos Verirrte um Hilfe bittet.

„La lama nel corpo“ lässt die Frage nach dem Täter lange Zeit offen, aber stärker ist der Film in der Anlage seiner Charaktere. Die dahinter verborgene Ambivalenz vermeidet typische Rollenmuster und erlaubt überraschende Wendungen, die auch eine tragische Seite hinter den Gewalttaten offenbaren. Deren wenig grafische Ausarbeitung überzeugt durch ihre stimmige, sich in den Gesamtkontext integrierende Gestaltung, die dem Film trotz diverser 60er Jahre Anleihen, hinsichtlich der weiblichen Optik und erotischer Einlagen, einen erfrischend altmodischen Charakter verleiht – eine gelungene frühe Fingerübung der späteren Meister des Giallo-Fachs.

"La lama nel corpo" Italien, Frankreich 1966, Regie: Elio Scardamaglia, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Luciano Martino, Robert Williams (Roman)Darsteller : William Berger, Francoise Prévost, Mary Young, Barbara Wilson, Philippe Hersent, Laufzeit : 83 Minuten

Abendlicher Eröffnungsfilm beim 1. Festival des italienischen Genre-Filmfestivals "Terza Visione" in Nürnberg vom 25. bis 27.04.2014

Freitag, 21. Februar 2014

Nove ospiti per un delitto (Neun Gäste für den Tod) 1977 Ferdinando Baldi

Inhalt: Mehrere bewaffnete Männer steigen aus einem Fahrzeug und nähern sich einem Paar, das sich am Strand liebt. Der Liebhaber der jungen Frau versucht zu fliehen, wird aber gnadenlos von Hinten angeschossen und bleibt blutend im Sand liegen. Die Männer heben eine Grube aus und schmeißen den Schwerverletzten hinein, um ihn lebend zu begraben.

Einige Jahre später befindet sich der reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) auf dem Weg zu seiner Insel, um dort mit seiner Familie einen erholsamen Urlaub zu verbringen. Neben seiner erst kürzlich geheirateten deutlich jüngeren Frau Giulia (Caroline Laurence) begleiten ihn seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) mit ihren Ehepartnern. Schon auf der Yacht lassen sich die gegenseitigen Animositäten nicht übersehen, die besonders zwischen den Brüdern und ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini) auftreten. Lorenzo gilt bei den anderen Männern als Schlappschwanz, da er sich nicht dagegen wehrt, dass ihn seine Frau Greta (Rita Silva) mit Walter betrügt. Und Patrizia, die dem Treiben ihres Mannes ebenfalls scheinbar wehrlos gegenüber steht, wird auch von den anderen Frauen als hysterisch und überspannt angesehen. Nur mit sich selbst beschäftigt, fallen ihnen die ersten Todesfälle zuerst nicht auf…


Der ältere, reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) lädt seine nächsten Anverwandten zu einem sommerlichen Aufenthalt im gut ausgestatteten Ferienhaus auf der familieneigenen Insel ein. Mit an Bord des Segelschiffs befinden sich seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) nebst Anhang. Auch Ubaldos viel jüngere Ehefrau Giulia (Caroline Laurence) und die allein stehende Tante Elisabetta (Dana Ghia) begleiten sie. Doch wie der Filmtitel "Nove ospiti per un delitto" (Neun Gäste für den Tod) schon verrät, erwartet sie kein vergnüglicher Aufenthalt, sondern ein Verbrechen, zu dem sie als Gäste beitragen sollen. In einer zwei Jahrzehnte zurückliegenden Eingangssequenz wird der Anlass dafür geliefert - brutal erschießen mehrere Männer den Liebhaber einer jungen Frau und verscharren den noch Lebenden im Sand.

Als Regisseur Fernando Baldi den Film 1977 in die Kinos brachte, hatte der Giallo seinen Zenit schon überschritten, aber "Nove ospiti per un delitto" sollte kein klassischer Genre-Vertreter werden, sondern wirkt im Zusammenspiel aus Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein"-Thematik, grafischen, aber nicht übertrieben brutal inszenierten Morden, erotischen Aufnahmen schöner Frauen und den ausschließlich egoistischen und selbstverliebten Protagonisten wie ein Kommentar auf zwei Jahrzehnte italienisches Genre-Kino, an dem Baldi und sein Drehbuchautor Fabio Pittorru intensiv mitgewirkt hatten. Während Fernando Baldi Sandalen-Filme ("Orazi e Curiazi" (Die verlorene Legion, 1961)) und später eine Vielzahl an Italo-Western ("Texas, addio" (Django, der Rächer, 1966)) drehte, war Pitturro mehr im Polizieschi ("La polizia accusa: il servizio segreto uccide" (Der lautlose Killer, 1975)), im Erotik - ("Una ondata di piacere", 1975) und politischen Film ("Mussolini: ultimo atto" (Mussolini - Die letzten Tage, 1974)) involviert  - eine Mischung, die sich in "Nove ospiti per un delitto" wiederentdecken lässt.

Die gnadenlose Hinrichtung zu Beginn erinnert an einen Lynch-Mord im Western – eine gemeinschaftliche, ohne Eile durchgeführte Aktion von Tätern, die sich im Recht glauben und vor der Justiz geschützt wissen. Die Kamera fängt deren Gesichter nicht ein, aber der Film lässt keinen Zweifel an der Identität der Mörder und der zurückgelassenen Geliebten, bei der es sich um die inzwischen als wunderlich geltende Tante Elisabetta handelt. Mit dem klassischen Szenario einer Jahrzehnte zurückliegenden, verschwiegenen Tat, deren Folgen eruptiv an die Oberfläche gelangen, hat diese Ausgangssituation nichts gemeinsam. Weder werden die Täter von schlechtem Gewissen, noch von unterdrückten Schuldgefühlen geplagt – im Gegenteil erweisen sie sich als genau die rücksichtslosen, egoistischen Zeitgenossen, denen ein solcher Mord zur Wahrung der Familieninteressen zuzutrauen ist. Autor Pitturro nutzte diese Konstellation zu der genüsslich ausgearbeiteten Charakterisierung einer dekadenten, nur mit sich selbst beschäftigten Ansammlung reicher Schnösel mittleren Alters, ohne deshalb - wie in seinen früheren Filmen - den gesellschaftskritischen Aspekt zu betonen. Viel mehr diente deren Verhalten im ersten Drittel des Films für Testosteron geschwängerte Auseinandersetzungen und sexuelle Wechselspielchen, die genügend Gelegenheiten boten, schöne Frauen erotisch ins Bild zu rücken und den Hass der Protagonisten untereinander anzufachen.

Michele treibt es mit der Frau seines Vaters, Lorenzos Frau Greta (Rita Silva) wiederum mit ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini), wodurch sich mögliche Mordmotive leicht erahnen lassen, als die ersten Leichen auftauchen. Für die Protagonisten erscheint es zuerst, als ob es sich bei den Todesfällen um Unfälle handelt, aber der Betrachter weiß es besser, nachdem kurz nach der Ankunft auf der Insel die Crew des Segelschiffs von einem Taucher massakriert wird und damit ein leichtes Entkommen von der Insel unmöglich gemacht wurde. Baldi und Pittorro entwickelten aus dieser vertrauten Situation keine neuen Ideen, aber sie reduzierten die Anlage auf ihre wesentlichen Elemente und kamen schnell zur Sache. Nach der kurzen Eingangssequenz und der Einführung der Charaktere werden die klassischen Stufen durchlaufen: nachdem sich die Unfalltheorie als falsch herausstellte beginnt die Phase der Panik und gegenseitigen Verdächtigungen, zwischendurch werden okkulte Kräfte bedient im Glauben an die Wiederauferstehung des Ermordeten bis es zum Showdown der wenigen Übriggebliebenen kommt, unter denen sich der Täter befinden muss.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen. Das „Giallo“ – Genre erlebte seinen Höhepunkt in den frühen 70er Jahren und verstand sich in seiner Mischung aus Sex und Tod innerhalb einer zunehmend hedonistischeren Gesellschaft als Provokation auf die vorherrschende bürgerliche Moral. Anhänger und Kenner des Genres werden sich in „Nove ospiti per un delitto“ an den durchgehend sinistren Charakteren, den erotischen Aufnahmen und abwechslungsreichen Morden bis zum abschließenden Höhepunkt zwar erfreuen, aber das lässt nicht übersehen, dass es sich um eine Stilübung zweier erfahrener Filmemacher handelte, die zu oberflächlich blieb, um Ende der 70er Jahre noch Tabus zu brechen.

"Nove ospiti per un delitto" Italien 1977, Regie: Ferdinando Baldi, Drehbuch: Fabio PittorruDarsteller : Arthur Kennedy, Massimo Foschi, Caroline Laurence, John Richardson, Rita Silva, Laufzeit : 88 Minuten

Freitag, 1. November 2013

Le notti della violenza (Der Killer der sündigen Mädchen) 1965 Roberto Mauri

Inhalt: Carla Pratesi (Hélène Chanel), schönes und erfolgreiches Call-Girl, verabschiedet ihren reichen Kunden, weil sie noch einen wichtigen Abend-Termin hat - die Geburtstagsfeier ihres Vaters (Nerio Bernardi), einem gesellschaftlich hoch angesehenen Diplomaten. Doch ein Anruf der Maitresse (Dada Gallotti) stoppt ihre Pläne, denn sie will, dass Carla noch einen wichtigen Klienten trifft. Sie weigert sich zuerst, aber die Maitresse erpresst sie damit, ihrem Vater von Carlas Job zu erzählen, weshalb sie diesem mit einer Lüge absagt.

Als sie ihre Wohnung verlässt, ahnt sie nicht, dass sie beobachtet wird. Doch ein Mann ist ihr gefolgt, denn als sie mit einem geplatzten Vorderrad in einer verlassenen Gegend liegen bleibt, taucht er nur wenig später auf und bietet ihr an, das Rad zu wechseln. Carla erschrickt bei dessen Anblick und läuft davon, aber der Mann folgt ihr - am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden. Commissario Ferretti (Alberto Lupo) sieht sich offensichtlich mit einem gefährlichen Psychopathen konfrontiert...


"Le notti della violenza" (wörtlich: Nächte der Gewalt) gehört zu den vielen Werken der Filmengeschichte, die versuchten, sich an gerade populäre Strömungen im Kino anzuhängen. Doch auch der reißerische Filmtitel "Der Killer der sündigen Mädchen", mit dem sich der deutsche Verleih noch um zusätzliche Aufmerksamkeit bemühte, konnte nicht verhindern, das der im Fahrwasser der "Edgar-Wallace-Filme" schwimmende und Motive aus Mario Bavas "Sei donne per l'assassino" (Blutige Seide, 1964) kopierende Film, inzwischen in Vergessenheit geraten ist. "Zurecht" ließe sich anmerken, aber "Le notti della violenza" ist in seiner Symbiose aus moralischem Zeigefinger, voyeuristischer Effekthascherei, klassischem Kriminalfilm und kritischer Rührseligkeit so absurd und inkonsequent, dass er - neben seinem überraschenden Unterhaltungswert - als Paradebeispiel für die Unsicherheit der Filmschaffenden, angesichts der gesellschaftspolitische Umbruchphase Mitte der 60er Jahre, dienen kann.

Regisseur und Drehbuchautor Roberto Mauri, der mit "La strage die vampiri" (1962) zuvor schon im Gothic-Horror-Bereich tätig war, orientierte sich zu Beginn des Films konkret an Bavas "Sei donne per l'assassino", indem er ebenfalls eine Vielzahl junger schöner Frauen in den Mittelpunkt des Films stellte, die mit Lisa Gastoni, Marilù Tolo, Hélène Chanel und Christina Gaioni adäquat besetzt waren. Doch anders als Bavas als erster "Giallo" geltender Film, arbeiten sie bei Mauri nicht als Models, sondern gehören einem Call-Girl-Ring an, der von der Maitresse (Dada Galotti) geleitet wird. In dieser Hinsicht bediente Mauri die bestehenden Vorurteile gegenüber sexuell offensiv auftretenden Frauen konkreter, womit er die bis heute gültige Regel im Horror-Film, nach der sexuell aktive oder sich promiskuitiv gebende Frauen zu den ersten Opfern gehören, noch betonte. Wie schon der deutsche Titel vermuten lässt, kommt es gleich zu Beginn zu einem Mord an einem Call-Girl. Als Carla Pratesi (Hélèn Chanel) auf dem Weg zu ihrem nächsten Kunden wegen eines geplatzten Reifen im nächtlichen Park anhalten muss, kommt ihr ein seltsamer Mann mit einer Gesichtsmaske zu Hilfe, vor dem sie entsetzt flieht. Er folgt ihr und am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden.

So konsequent "Le notti della violenza" beginnt, so unschlüssig fährt er fort. Dass Mauri die Gewalttat nicht zeigt, ließe sich verkraften, aber obwohl der maskierte Täter schon in der folgenden Nacht wieder aktiv wird und eine Kollegin (Cristina Gaioni) des Call-Girls überfällt, kommt es zu keinen weiteren Morden, denn zufällig befindet sich immer Jemand in Hörweite, der rechtzeitig zu Hilfe eilen kann. Auch die Auswahl der Opfer lässt die anfängliche Prämisse des Unbekannten vermissen, es nur auf „sündige Mädchen“ abgesehen zu haben, denn nach einer Party von Jugendlichen, schlägt dieser ausgerechnet eines der zwei Mädchen nieder, die pünktlich, so wie sie es ihren Eltern versprochen hatten, nach Hause gehen, obwohl ihre Freunde zuvor versuchten, sie davon abzuhalten. Auch in diesem Fall kommt es zu keiner schwereren Straftat - stattdessen nimmt der Film zunehmend einen pädagogischen Gestus an.

Die Schwester der Ermordeten (Marilù Tolo) beharrt wider besseren Wissens darauf, dass ihre Schwester keine Prostituierte gewesen sein kann, was sie mit dem immer gleichen Mantra begründet: sie wäre schön, intelligent und aus einer wohlhabenden Familie gewesen – weshalb hätte sie als Prostituierte arbeiten sollen? - Eine Antwort auf diese Frage bleibt Mauris Film schuldig. Zwar zeigt er in der ersten Szene Carla Pratesi noch bei ihrer Profession, aber schon ihren nächsten Auftrag nimmt sie nur an, weil die Maitresse (Dada Gallotti) sie damit erpresst, ihrem Vater zu verraten, womit sie ihr Geld verdient – als ob sie sich nicht selbst in diese Situation gebracht hätte. Der Film kann sich nicht entscheiden, ob seine Protagonistinnen nun „sündig“ sind oder nicht, und wirkt, als ob er sich eher als Warnung davor versteht.

Ähnlich inkonsequent wird der maskierte Täter charakterisiert. Zwar wird Commissario Ferretti (Alberto Lupo) ausführlich auf der Jagd nach dem angeblichen Serienmörder gezeigt – zeitweise wirkt der Film wie ein früher Poliziesco - aber weder kann er das Versprechen „gewalttätiger Nächte“ („Le notti della violenza“) erfüllen, noch stellt er einen echten Killer in den Mittelpunkt. Im Gegenteil nimmt das Ende geradezu groteske Züge an, indem mit einer überraschenden Wendung versucht wird, Mitleid und Verständnis für den Täter zu erzeugen, wofür sogar die über Hiroshima abgeworfene Atombombe herhalten muss. Überzeugend gelingt dieser Anflug von Tragik nicht, denn selbst wenn der Tod von Carla Pratesi ein Unglück gewesen sein sollte, lässt sich damit nicht begründen, warum er an den folgenden Abenden ihre Kollegin und die beiden Teenager überfallen hatte, auch wenn es keine weiteren Toten gab.

Als "Le notti della violenza" 1965 herauskam, hatte sich der Genre-Begriff „Giallo“ noch nicht manifestiert – die Hochphase sollte erst Anfang 1970 beginnen. Mauris Film orientierte sich zwar an Bavas erfolgreichem „Sei donne per l’assassino“, wagte aber nicht dessen Konsequenz. Baute der Film in seinem ersten Drittel noch eine klassische Thriller-Situation auf, die mit dem Call-Girl-Ring und dem maskierten Täter über ausreichend Potential für eine moralisch anrüchige, gewalttätige Story verfügt hätte, trat der Film in seiner zweiten Hälfte heftig auf die Bremse, als ob der Regisseur Angst vor der eigenen Courage bekommen hätte - vielleicht gab es auch Zwänge seitens der Produktion. Objektiv betrachtet ist das Drehbuch eine Katastrophe, im Zeitkontext gesehen wird daran aber deutlich, wie diffizil das Spiel mit den moralischen Standards in der Entstehungszeit war. Dank der guten Darsteller und eines agilen Commissario, gepaart mit ordentlich Action, kann "Le notti della violenza", wenn auch teilweise unfreiwillig komisch, unterhalten – als „Giallo“, der sich nicht traut.

"Le notti della violenza" Italien, USA 1965, Regie: Roberto Mauri, Drehbuch: Roberto Mauri, Edoardo MulargiaDarsteller : Alberto Lupo, Marilù Tolo, Lisa Gastoni, Hélène Chanel, Christina Gaioni, Laufzeit : 78 Minuten

Samstag, 14. September 2013

L'assassino ha riservato nove poltrone (Der Mörder hat neun Parkettsitze reserviert) 1974 Giuseppe Bennati

Inhalt: Nach einer Party macht sich eine illustre Gesellschaft auf, um sich bei Nacht das leer stehende, aber sehr gut erhaltene Theatergebäude von Patrick Davenant (Chris Avram) anzusehen. Er wird von seiner jungen Verlobten Kim (Janet Agren) begleitet, die eine heimliche Liebesbeziehung mit Russel (Howard Ross) pflegt, die seine Töchter Lynn (Paola Senatore) und Rebecca (Eva Czemerys) ahnen. Besonders Lynn, die ihren Vater wie einen Geliebten behandelt, obwohl sie sich selbst in Begleitung von Duncan (Gaetano Russo) befindet, hält wenig von Kim, während ihre Schwester offen die Beziehung zu Doris (Lucrezia Love) pflegt. Auch Vivian (Rosanna Schiaffino), die Partnerin von Albert (Andrea Scotti), steht in einem nicht gelösten Verhältnis zu Patrick.

Als er beinahe von einem Balken erschlagen wird, dessen Halterung offensichtlich durchgeschnitten wurde, äußert er seinen Verdacht gegenüber Einigen der Beteiligten, weshalb Russell erbost das Haus verlassen will. Doch alle Türen sind verschlossen und es gelingt ihm nicht aus dem Gebäude zu gelangen. Bevor er sich deshalb an Patrick wenden kann, wird er Zeuge, wie Kim, die eine Szene auf der Bühne gespielt hatte, in der sie Selbstmord beging, tatsächlich stirbt – ein Dolch steckt in ihrem Rücken…


Als "L'assassino ha riservato nove poltrone" (Der Mörder hat neun Parkettsitze reserviert) im Mai 1974 in die italienischen Kinos kam, hatte der "Giallo" seine Hochphase schon hinter sich. Genre-Impresario Mario Bava hatte seinen prägenden Stil in "Lisa e il diavolo" (Der Teuflische) bereits 1973 rekapituliert, Sergio Martino sich inzwischen dem Poliziesco zugewandt ("Milano trema: la polizia vuole giustizia" 1973) und Dario Argento den klassischen "Giallo" individuell weiter entwickelt ("Profondo rosso" (Rosso - die Farbe des Todes, 1975)), weshalb "L'assassino ha riservato nove poltrone" außerhalb Italiens kaum noch vermarktet wurde. Zudem war Regisseur Giuseppe Benati, der seit den frühen 60er Jahren ("Congo vivo" 1962) nur noch einmal für das italienische Fernsehen gearbeitet hatte, wenig bekannt und erntete auch in Italien Kritik für seinen späten, sein Filmschaffen abschließenden Schritt zum "Giallo".

Auch die Story bot von ihrer Anlage her nichts Neues. Wie schon die Zahl "Neun" im Filmtitel andeutet, erzählt "L'assassino ha riservato nove poltrone" die bekannte Geschichte von zehn Menschen, die sich unentrinnbar an einem Ort befinden, an dem sie der Reihe nach ermordet werden. Die Sitze - "poltrone" bezeichnet genauer die Sperrsitze oder Parkettplätze - weist direkt auf die eindrucksvolle Location hin, in der die Handlung stattfindet. Ein Jahrhunderte altes Theatergebäude - ein unübersichtlicher, mondäner Ort mit seiner Bühnenkonstruktion und dem Schnürboden, den verwinkelt gelegenen Nebenräumen und dem darunter gelegenen Gewölbe, der nicht zum ersten Mal als Schauplatz für die dem Theaterspiel nahen Abläufe eines "Giallo" diente. Ähnliches gilt für die Balance zwischen Realität und Mysterium, die zu einem festen Bestandteil des Genres wurde. So auch hier, denn als die Protagonisten nach dem ersten Mord, der ganz klassisch auf der Bühne stattfindet, versuchen, die Polizei zu benachrichtigen, müssen sie feststellen, dass sie nicht mehr aus dem Theater heraus können - auch die Schlüssel helfen ihnen nicht, dem hermetisch abgeriegelten Gebäude zu entrinnen.

Zudem befindet sich ein Mann unter ihnen, den Niemand näher kennt - zwei Frauen hatten ihn nach der Party mitgenommen, von der aus die Gruppe zu dem alten Theatergebäude aufgebrochen war, welches Patrick Davenant (Chris Avram), dessen zwei erwachsene Töchter Lynn (Paola Senatore) und Rebecca (Eva Czemerys) ebenfalls zu seinen Begleiterinnen gehören, geerbt hatte. Die Szenen zu Beginn, in denen sich die Lichter ihrer Autos einen Weg durch die Nacht suchen, während die Kamera schon ihre Beziehungen im Inneren erfasst, erinnert an den 1971 erschienenen "Qualcosa striscia nel buio" (Etwas kriecht im Dunklen), der noch weitere Ähnlichkeiten aufweist - die nächtliche Zusammenkunft von zehn Frauen und Männern, größtenteils aus wohlhabenden Gesellschaftsschichten stammend, an einem von der Umwelt abgeschlossenen Ort, bei dem es sich bei dem älteren Film zwar um eine alte Villa auf dem Land handelte, die aber optisch ähnlich eingefangen wurde.

Bei diesen Parallelen handelte es sich um keinen Zufall, denn Kameramann Giuseppe Aquari war entscheidend an beiden Filmen beteiligt. Auch die übrige Crew bestand aus Genre erfahrenen Mitarbeitern, besonders Komponist Carlo Savina, ständiger Begleiter der Filme Fellinis, und sowohl für die Musik zu Bavas "Lisa e il diavolo", als auch zu "The godfather" (Der Pate, 1972) verantwortlich, dem es schon in den ersten Minuten gelingt, den Betrachter mit einer dichten Atmosphäre aus scheinbarer Harmonie und 70er Jahre Feeling in seinen Bann zu ziehen. Kostümdesigner und Dekorateur Enzo Eusepi hatte 1972 "Ludwig II." von Luchino Visconti ausgestattet und Autor Biagio Proietti war am Drehbuch zu Duccio Tessaris "La morte risale a ieri sera" (Das Grauen kam aus dem Nebel (1970)) beteiligt.

Die Darstellerriege wurde von Rosanna Schiaffino, bekannt seit den 50er Jahren ("La sfida" (Die Herausforderung, 1958, von Francesco Rosi)), die hier in einer ihrer letzten Rollen zu sehen war, und dem ebenfalls Bava-erfahrenen Chris Avram ("Reazione a catena" (Im Blutrausch des Satans, 1971)) angeführt, der den Erben und geheimnisvollen Mittelpunkt der Gruppe spielte, auf den zu Beginn ein misslungener Mordanschlag verübt wird. Mit Janet Agren, Eva Czemerys, Lucrezia Love und Paola Senatore verfügt der Film zudem über vier attraktive, in Erotik- und Genrefilmen der 70er und 80er häufig besetzte Darstellerinnen, die dem Film sowohl optisch, wie inhaltlich einen erotisch-promiskuitiven Charakter verliehen, der zwar mit inzestiösen und lesbischen Elementen spielte, diese aber geschickt in die inneren Abläufe integrierte, ohne sie vordergründig zu benutzen.

Obwohl die heimlichen Liebesbeziehungen dazu Anlass gäben, bleiben offene Animositäten größtenteils aus. Selbst als die Gruppe schon deutlich reduziert wurde, kommt es nicht zu den aus ähnlichen Konstellationen bekannten eskalierenden Streitigkeiten. Der Film verzichtet entsprechend auf spezifische Identifikationen - weder existieren ausgesprochene Sympathieträger, noch typische Feindbilder - wodurch sowohl die Reihenfolge der Opfer, als auch der mögliche Täter im Ungewissen bleiben. Zudem kommt es zu keiner explizit gezeigten Gewalt, werden die Opfer nicht optisch zerstört. Das Schlagen eines Nagels durch eine weibliche Hand wird letztlich zum Teil eines Arrangements zweier toter Frauen, das Schönheit und Verbundenheit ausstrahlt - nicht ohne Grund warb das Filmplakat mit dieser skulpturellen Anordnung.

Warum der Täter sich diese Mühe gab, bleibt ebenso offen, wie eine Vielzahl der hier gezeigten Abläufe nicht näher erklärt werden. Sicherlich ein Grund für die Kritik an Bennatis Film, die aber nicht anerkennt, dass das Gewicht des Films auf seiner dichten, ganz in der Tradition des "Giallo" mit Licht und Farben spielenden Bildsprache liegt, die dem Ort gewidmet ist, an dem der Film ausschließlich spielt - dem Theater und damit einem Schauspiel, für das der Mörder neun Plätze in der ersten Reihe reserviert hat. "L'assassino ha riservato nove poltrone" verwendete bekannte Muster im Rahmen einer konventionellen Geschichte, kehrte die Intention aber um. Keine menschlichen Regungen wie Rache oder Habsucht forcierten hier letzlich das atmosphärisch mitreißende Geschehen, sondern eine übergeordnete Macht - wie die Hand eines Regisseurs.

"L'assassino ha riservato nove poltrone" Italien 1974, Regie: Giuseppe Bennati, Drehbuch: Biaggo Proietti, Paolo Levi, Giuseppe Bennati, Darsteller :  Rosanna Schiaffino, Chris Avram, Paola Senatore, Janet Agren, Lucretia Love, Eva Czemerys, Laufzeit : 99 Minuten

Mittwoch, 9. Januar 2013

Qualcosa striscia nel buio (Etwas kriecht im Dunkeln) 1971 Mario Colucci


Inhalt: Das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) befindet sich bei schlechtem Wetter auf einer Fahrt zu einer ihrer Freundinnen, die ihre frisch vom Schönheitschirurgen operierte Nase feiern lassen möchte, worüber sich Donald sehr abschätzig auslässt. Während sie weiter streiten, werden sie von zwei waghalsig rasenden Fahrzeugen überholt, deren Verfolgungsjagd an einer vom Unwetter zerstörten Brücke endet. Inspektor Wright (Dino Fazio) gelingt es so, den gesuchten Mörder Spike (Farley Granger) zu verhaften, aber das ändert nichts daran, dass sie genauso an diesem Ort festsitzen wie das Ehepaar Forrest und das wenig später eintreffende Fahrzeug von Dr. Williams (Stelvio Rossi), der zu einem dringenden Notfall unterwegs war.

Gezwungenermaßen begeben sie sich zu einer alten Villa, die nur sehr widerstrebend von Joe (Gianni Medici) geöffnet wird, der sich gerade mit seiner Freundin (Giulia Rovai) vergnügt hatte. Er hatte das Haus von der verstorbenen Lady Marlowe erworben, die ein unglückliches Schicksal ereilt hatte. Die gelangweilte und immer nach Unterhaltung gierende Silvia Forrest schlägt deshalb vor, eine Seance zu veranstalten, um den Geist von Lady Marlowe herauf zu beschwören...


"Qualcosa striscia nel buio" (Etwas kriecht im Dunkeln) bedeutete für Einige der Beteiligten den Endpunkt ihrer Karriere, andere nahmen sie wieder auf. Während Regisseur Mario Colucci, der in den 60er Jahren hauptsächlich als Drehbuchautor tätig war, nach seiner zweiten Regiearbeit (zuvor drehte er den Italowestern "Vendetta per vendetta" (Rache für Rache, 1969)) die Filmbranche nicht einmal 40jährig verließ und Mia Genberg als Darstellerin letztmals auftrat, befand sich Lucia Bosé nach einer langjährigen Schaffenspause wieder voll im Geschäft. Und Farley Granger, dessen einzige Arbeit in Italien - Viscontis "Senso" (Sehnsucht, 1954) - viele Jahre zurücklag, hatte eine zweite Karriere in Italien begonnen, die ihn an vielen Genre-Filmen bis Mitte der 70er Jahre mitwirken ließ. 

Auch die sonstige Besetzung bestand aus im Genre erfahrenen Darstellern wie Stelvio Rosi, Giacomo Rossi-Stuart und Angelo Francesco Lavagnino, die für die notwendige Qualität sorgten. Denn Colucci entwarf die klassische Ausgangssitution einer zusammen gewürfelten Gruppe, die gezwungen wird, sich für eine Nacht gemeinsam an einem Ort aufzuhalten. Die Art wie er diese Situation vorbereitet, gibt schon einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse, denn während das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich nur in ihrer gegenseitigen Abneigung einig sind, während sie bei schlechtem Wetter mit ihrem Auto unterwegs sind, nähern sich in rasender Fahrt zwei Autoscheinwerfer, die von einem anderen Paar Lichter verfolgt werden – eine sehr atmosphärische Zusammenführung der Beteiligten, die sich alle an einer vom Unwetter zerstörten Brücke begegnen.

Nicht nur Spike (Farley Granger), ein gesuchter Mörder, wird zum Halt gezwungen, auch Inspektor Wright (Dino Fazio) und Detective Sam (Franco Beltramme) kommen nicht weiter, können ihn aber festnehmen. Nur wenig später stößt das kurz zuvor überholte Ehepaar Forrest auf die drei Männer, gefolgt von einem weiteren Fahrzeug, indem sich Dr.Williams (Stelvio Rosi) und seine Assistentin Susan (Mia Genberg) befinden, die noch einen liegen gebliebenen Fahrer mitgenommen hatten, den undurchsichtigen Professor Lawrence (Angelo Francesco Lavagnino). Sie alle sind gezwungen, sich zu einer nahe gelegenen Villa zu begeben, in der Hoffnung telefonieren zu können. Der dortige Bewohner Joe (Gianni Medici) zeigt sich wenig begeistert von deren Ankunft, aber Inspektor Wright weiß sich durchzusetzen, weshalb Joe das Schäferstündchen mit seiner Freundin (Giulia Rovai) unterbrechen muss. Damit ist die Gruppe, klassisch aus 10 Personen bestehend, vollständig und das fröhliche Reduzieren kann beginnen.

Doch obwohl die Telefonleitung während Wrights Gespräch unterbrochen wird und mit einer Seance die tragisch verstorbene Lady Marlowe, die frühere Besitzerin der Villa, gerufen werden soll, setzt Colucci nicht auf den typischen Agatha Christie-Effekt, sondern variiert die Thematik in einer Balance aus Gesellschaftssatire und Gruselfilm. Besonders Lucia Bosè als gelangweilte Ehefrau aus besseren Kreisen gelingt eine überzeugende Performance als ständig nach Unterhaltung gierender Nervensäge, der ihr Ehemann mit seinen zynischen Bemerkungen Paroli bietet. Mit ihrer übergriffigen Art provoziert sie nicht nur die unscheinbare Susan, der sie unterstellt, in Dr.Williams verliebt zu sein, sondern auch Spike, dessen Erfahrungen als Mörder sie faszinieren. Selbstverständlich ist sie es, die die Seance gegen den Willen ihres Mannes vorschlägt, den sie als Medium auserkoren hatte. Trotz seiner Weigerung scheint die Stimme Lady Marlowes aus ihm zu sprechen.

Ab diesem Moment beginnt Colucci mit scheinbar übernatürlichen Kräften zu spielen, ohne die Balance zur Realität zu verlieren. Er nutzt die inneren Konflikte und geheimen Sehnsüchte der unfreiwillig Zusammengepferchten dazu, jederzeit auch eine logisch erscheinende Lösung anzubieten. Als sich Susan (wenig überraschend) als schöne Frau entpuppt und Dr.Williams auf seinem Zimmer verführt, wirkt sie wie verwandelt, erschrickt aber plötzlich vor ihrem eigenen Verhalten. War der Geist Lady Marlowes in sie gedrungen oder hatte sie einfach ihre Sehnsucht überwältigt? – Auch als der erste Mord geschieht, ist Inspektor Wright sofort klar, wer der Mörder ist, auch wenn es dazu widersprüchlich scheinende Indizien gibt. Immer versucht er, die Ereignisse logisch zu erklären bis auch er von unerklärlichen Vorkommnissen heimgesucht wird.

„Qualcosa striscia nel buio“ bleibt immer im Gleichgewicht zwischen Konkretem und Ungefähren, ohne die Ereignisse erklären zu wollen, womit der Film trotz seiner zurückhaltenden, wenig aufwändigen Inszenierung modernen Gruselfilmen, die nicht mehr ohne eine noch so an den Haaren herbei gezogene Begründung auskommen, überlegen ist. So ist Farley Granger als cooler Krimineller für die handfesten Vorkommnisse zuständig, prügelt sich und versucht zu fliehen, gerät dann aber in eine geheimnisvolle Situation, die der Betrachter nur erahnen kann. Innerhalb der stimmigen Atmosphäre der alten Villa gibt es nur wenige aktionistische Momente, bleiben die fantastischen Augenblicke zurückhaltend, jederzeit unterbrochen von der Realität des Banalen, aber über allem bleibt die Frage offen, was wirklich in den Schatten des Hauses geschah. Auch das Lachen am Ende kann diese Frage nicht beantworten, denn vielleicht gilt es nur den Zuschauern?

"Qualcosa striscia nel buio" Italien 1971, Regie: Mario Colucci, Drehbuch: Mario Colucci, Darsteller : Stelvio Rosi, Lucia Bosé, Mia Genberg, Farley Granger, Giacomo Rossi-Stuart, Dino Fazio, Laufzeit : 92 Minuten

Donnerstag, 30. August 2012

Profondo rosso (Rosso - die Farbe des Todes) 1975 Dario Argento


Inhalt: Während eines Kongresses für Parapsychologie kommt es zu einem Eklat, als das Medium Helga Ulmann (Masha Méril) spürt, das sich ein Mensch unter den Besuchern befindet, der schon einmal gemordet hat. Sie kann die Person nicht identifizieren, aber als sie – stark von dessen Bösartigkeit getroffen – ihren Vortrag abbricht und nach Hause geht, wird sie verfolgt. Doch in ihrer Wohnung findet sie keinen Schutz, denn der unbekannte Mörder will nicht riskieren, von ihr erkannt zu werden.

Der Musiker Marcus Daly (David Hemmings), der am späten Abend zu seiner Wohnung im Zentrum Roms unterwegs ist, wo er oberhalb von Helga Ulmann lebt, wird unmittelbar Zeuge des Verbrechens, als er - auf dem Platz vor dem Gebäude stehend - sieht, wie der Mörder die junge Frau mit der Fensterglasscheibe tötet. Obwohl er sofort zu ihr rennt, kann er sie nicht mehr retten, entdeckt aber auch den Mörder nicht, der sich geschickt in der Wohnung verbirgt. Von oben muss er mit ansehen, wie sich eine dunkle Gestalt langsam über den leeren Platz entfernt. Nur sein Freund Carlo (Gabriele Lavia), der in einer nahe gelegenen Nachtbar als Pianist arbeitet, müsste diese gesehen haben, kann sich aber an keine Details erinnern.

Daly will herausfinden, wer der Mörder ist, wird aber nicht nur mit dem Verschwinden seines Freundes Carlo konfrontiert, sondern mit weiteren Morden…


Im Gegensatz zu vielen italienischen Filmemachern der von mir betrachteten Epoche, existieren zu den Werken Dario Argentos schon umfangreiche Texte im Internet. Erst die Gelegenheit, zwei seiner früheren Werke beim „Cinestrange“ – Festival in Dresden auf der Kinoleinwand sehen zu können (Neben „Profondo rosso“ noch „Suspiria“ (1977)), eröffnete mir den Zugang zu seinen Filmen. Entscheidend waren aber die für mich überraschende persönliche Anwesenheit des Regisseurs und dessen ausführliche Erläuterungen zu beiden Filmen. Diese bilden die Grundlage zu meinem Text, der bewusst knapp gehalten ist und sich auf Argentos analytische Angaben konzentriert, verbunden mit meinen eigenen Eindrücken.



Das Attribut "profondo" bezeichnet nicht nur die Tiefe der Farbe Rot im Titel "Profondo rosso", sondern geht im Italienischen darüber hinaus. Hintergründigkeit und Verinnerlichung verbergen sich hinter dem Rot des Blutes, dem äußeren Zeichen des Todes - genauer konnte Dario Argento seinen Film nicht überschreiben. Der deutsche Titel "Rosso - Farbe des Todes" bleibt dagegen oberflächlich. 

Von der ersten Szene an, als der Pianist und Dirigent Marcus Daly (David Hemmings) sein Orchester freundlich zurecht weist, bevor Argento die Szene zum Kongress für Parapsychologie wechselt, wo das Medium Helga Ulmann (Macha Méril) von ihren Erfahrungen spricht, wird die Stilisierung deutlich, die Argento anstrebt. Mehr Menschen als in dem Theatersaal werden im weiteren Film innerhalb einer Einstellung nicht mehr zu sehen sein, aber auch in dieser wird schon spürbar, das die eigentliche Handlung im Hintergrund abläuft - nie überdeckt Argento die innere Symbolik mit äußerlichem Aktionismus.  

Der Ort, an dem Daly zufällig Zeuge des Mordes an Helga Ulmann wird, befindet sich im Zentrum Turins, ein Platz mit einem wunderschönen Brunnen inmitten klassischer Bürgerhäuser, aber er wirkt wie eine Theaterkulisse. Seitlich dieses Platzes befindet sich eine stylische Bar mit einer Glasfassade, aber Leben wird diesem Ort nicht eingehaucht. Einzig Daly und sein Freund Carlo (Gabriele Lavia), ebenfalls Pianist, der seine Rolle als Barpianist im Suff ertränkt, agieren innerhalb dieser Kulisse. Auch Helga Ulmann war allein in ihre Wohnung zurückgekehrt, nachdem sie die Anwesenheit eines Mörders bei dem Kongress gespürt hatte und deshalb ihren Vortrag unterbrach. Ihre Wohnung ist riesig, voller Gemälde und weiterer Kunstgegenstände, aber sie wirkt innerhalb dieser Fülle schutzlos und einsam, dem Angreifer hilflos ausgeliefert.  

Argento hatte David Hemmings nicht nur wegen seiner Rolle in "Blow up" (1966) als Hauptdarsteller engagiert, indem er ebenfalls Zeuge eines Mordes wurde, sondern wegen seiner Begeisterung für Michelangelo Antonionis Stil. Mit diesem verbindet ihn die Begeisterung für die Architektur, die ein bestimmendes Element in "Profondo rosso" bleibt und erst den Raum für seine Kreationen schafft - Straßen und Plätze, das Dach mit den Glaseinfassungen, die Schulbibliothek, die große Villa mit dem geheimnisvollen Zimmer. Immer sind diese Räume leer, bevölkert nur von den wenigen handelnden Personen, ohne das es deutlich wird, wer der Mörder ist. Argento nutzt diese Stilmittel für einen geschickt aufgebauten Giallo, der Daly von einer Spur zur nächsten treibt, nur um ihn mit weiteren Morden zu konfrontieren, die teilweise mit großer Brutalität inszeniert werden. 

Trotzdem wäre es falsch, "Profondo rosso" auf einen "Who done it ?" - Film zu reduzieren, denn seine eigentliche Spannung zieht er nicht aus diesem Rätsel, sondern aus den genau inszenierten, klar strukturierten Szenen, der morbiden Atmosphäre, deren Wirkung stark durch die gezielt eingesetzte, mal getrieben rhythmische, mal unwirklich klingende Filmmusik beeinflusst wird, und einer Leere, die nicht nur die äußerliche Situation der Agierenden widerspiegelt, sondern auch ihre innere Leere verdeutlicht, worin sich wieder Parallelen zu Antonionis Stil zeigen. Das daraus keine sprichwörtlich "todernste" Angelegenheit wurde, liegt am Zusammenspiel von Daly und der Jornalistin Gianna (Daria Nicolodi), die ihn auf der Suche nach dem Mörder begleitet. Daly ist davon keineswegs begeistert, wodurch sich urkomische Streitgespräche um das Verhältnis von Mann und Frau ergeben, die auch in schwierigen Situationen nicht enden. 

Dario Argento beabsichtigte damit keineswegs eine gezielt witzige Auflockerung, sondern ließ seinen Protagonisten den Freiraum für ihre Diskussionen, die trotz ihrer Komik nie wie ein Bruch innerhalb der Handlung wirken. Im Gegenteil entstand durch diese Lebendigkeit erst das Gleichgewicht zwischen der tiefgründigen Ästhetik, der akustischen Effekte und der mörderischen Handlung, der "Profondo rosso" zu einem stilbildenden Giallo werden ließ.

"Profondo rosso" Italien, Spanien 1975, Regie: Dario Argento, Drehbuch: Dario Argento, Bernadino Zapponi, Darsteller : David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Macha Méril, Clara Calamai, Laufzeit : 127 Minuten

Donnerstag, 3. März 2011

Il profumo della signora in nero (Das Parfüm der Dame in Schwarz) 1974 Francesco Barilli

Inhalt: Silvia Hacherman (Mimsy Farmer) lebt allein in einer großen Wohnung in einem herrschaftlichen alten Gebäude. Außer zu ihren Nachbarn, Signor Rossetti (Mario Scaccia), und der jungen Francesca (Donna Jordan), hat sie nur zu wenigen Menschen Kontakt und auch ihr Freund Roberto (Maurizio Bonuglia) hat es nicht immer leicht mit ihr. Denn Silvia ist gerne allein und zieht sich in ihre Wohnung zurück. Als sie nach einem Abend mit Roberto erst am nächsten Nachmittag von ihrer Haushälterin geweckt wird, erschrickt sie, denn sie hatte noch nie so lange geschlafen. Zudem liegt das alte Familienbild mit zersplittertem Rahmen auf dem Boden, weshalb sie es zur Reparatur weggibt. 

Die merkwürdigen Ereignisse häufen sich und Silvia sieht immer wieder Menschen, die scheinbar nicht real sind. Zunehmend empfindet sie ihre Umgebung als Bedrohung, aber die Gefahr lauert auch in ihrer Wohnung, in die sich sich zunehmend flüchtet...


Als Francesco Barilli mit "Il profumo della signora in nero" seinen ersten Film drehte, hatte er trotz seiner Jugend schon einige Erfahrungen als Darsteller, Regie-Assistent und Drehbuchautor gesammelt. Das der Film, neben "Pensione paura" aus dem Jahr 1977, sein einziger Kinofilm blieb, ist angesichts seiner Qualitäten auch als Regisseur bedauerlich, verdeutlicht aber auch die intensive Beziehung zu seinen wenigen Werken.

Silvia Hachermann, verkörpert von der amerikanischen Darstellerin Mimsy Farmer, wird von Barilli in einer Art inszeniert, die von einer unmittelbaren Emotionalität zu der selbst erdachten Hauptfigur zeugt. Es ist nicht nur die weibliche Schönheit, die fließenden Kleider, der leichte Gang und die anmutigen Bewegungen, die diesen Eindruck erzeugen, sondern eine Aura der Einsamkeit und Verletzlichkeit, die Silvia vom ersten Moment an umgeben. Obwohl äußerlich gesellschaftlich integriert - sie hat einen gut bezahlten Job und mit Roberto (Maurizio Bonuglia) einen attraktiven, gebildeten Freund - wirkt sie nie wie ein Teil dieser Realität. Auch sexuell entzieht sie sich einer plumpen Zuordnung - den wenigen Momenten ihrer Nacktheit fehlt jeglicher voyeuristischer Anstrich, so wie der einzige Sexualakt mit ihrem Freund fast grob wirkt in seiner Unmittelbarkeit, damit schon die Entfremdung zwischen Silvia und Roberto verdeutlichend.

Barillis Blick auf diese weibliche Figur überträgt sich in einer Art auf den Betrachter, welche die Identifikation mit ihr weniger durch eine charakterliche Nähe prägt, als dem Miterleben ihrer solitären Situation. Schon in den ersten sehr ästhetischen Bildern, untermalt von einer gleichzeitig altmodisch wie geheimnisvoll klingenden, immer wieder kehrenden Musik, baut sich eine innere Spannung auf und wird der Betrachter zum Teil ihres sehr geordneten, ruhigen Lebens. Dieses Tempo behält Barilli über die gesamte Laufzeit bei, verfällt nie in schnelle Bewegungen, sondern verharrt selbst in den Momenten des Erschreckens in einer Ruhe, die sich nie der Banalität einer Realität hingibt.

Auch die Silvia umgebenden Figuren, neben Roberto vor allem die hübsche Francesca (Donna Jordan), die auch in ihrem Haus wohnt, der väterliche Nachbar Signor Rossetti (Mario Scaccia) oder Andy (Jho Jhenkins), ein Bekannter von Roberto, der Silvia mit seinen Erzählungen über afrikanische Kult-Handlungen erschreckt, sind ausgesprochen freundlich und wohl erzogen, aber der Film fokussiert sie zunehmend aus Silvias Blickwinkel, durch den alles Außenstehende bedrohlich wirkt. Dabei gelingt es dem Film, das Vertrauen in die Menschen, mit denen Silvia befreundet ist, zu verändern - Skepsis verursachende Personen erweisen sich als vertrauenswürdig, schützende Menschen wirken plötzlich gefährlich. Doch wirklich konkret wird der Film nie, sondern behält immer den Blickwinkel einer durch Silvias Empfinden geprägten Subjektivität.

Das gilt auch für ihre Vergangenheit und sie stark prägende Ereignisse ihrer Kindheit, die Barilli nie mit einem aufklärerischen Gestus verfolgt, sondern nur durch Andeutungen, real wirkende Verknüpfungen und dem Auftauchen einer geheimnisvollen Dame in Schwarz, die sich mit Parfüm bestäubt - offensichtlich Silvias Mutter. Diese Szenen scheinen, vor allem wenn sich Silvia mit sich selbst als Kind unterhält, ein deutliches Anzeichen für die geistige Verwirrtheit der Protagonistin abzugeben, aber der Film verweigert trotzdem eine eindeutige Bewertung dieses Verhaltens - ist es ihr sich verschlechternder geistiger Zustand, wie ihr Freund Roberto vermutet, oder nur eine Reaktion auf eine sie real bedrohende Umwelt ?

Die sich langsam steigernde Gefahr, die sich häufenden verwirrenden Ereignisse, entziehen sich üblichen Erklärungen und einer nachvollziehbaren Logik, da Barilli nie deutlich werden lässt, ob sie im Innen- oder Außenraum stattfinden. Das gilt letztlich auch für die abschließende Szene, die in ihrer groben Schockwirkung scheinbar aus dem Rahmen fällt - weniger durch die konkrete Handlung, als durch ihren realistischen Anstrich, der sich einen Moment von der Ästhetik des Films entfernt und eine unwirkliche Kälte annimmt. Doch die Finsternis des Endes, aus dem der Betrachter auf die weit entfernte Silvia blickt, lässt erahnen, dass damit der Schrecken noch nicht beendet ist.


"Il profuma della signora in nero" Italien 1974, Regie: Francesco Barilli, Drehbuch: Francesco Barilli, Barbara Alberti, Amedeo Pagani, Darsteller : Mimsy Farmer, Maurizio Benuglia, Mario Scaccia, Jho Jenkins, Donna Jordan, Laufzeit : 99 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Barilli:

Donnerstag, 27. Januar 2011

Interrabang 1969 Giuliano Biagetti

Inhalt: Auf dem Weg zu einem Foto-Shooting, dass auf einer Mittelmeerinsel stattfinden soll, hören der Fotograf Fabrizio (Corrado Pani), sein Model Margerita (Shoshanna Cohen), seine Ehefrau Anna und deren Schwester Valeria im Radio, dass drei Gewaltverbrecher ausgebrochen sind, von denen sich noch Einer auf freiem Fuß befindet. Doch Fabrizio, der sich vor den Augen seiner Frau auf der Motoryacht mit Margerita vergnügt, schenkt dem nicht viel Aufmerksamkeit.

Auf der Insel angekommen, beginnt er Margerita zu fotografieren, bis ihm seine Frau zuruft, dass die Motor-Yacht nicht mehr anspringt. Notgedrungen nimmt er die Gelegenheit eines zufällig vorbei kommenden Motorboots wahr, um Benzin zu besorgen, und lässt damit die drei Frauen auf der Insel allein. Er ahnt nicht, dass sich ein Mann in der felsigen Küste verbirgt, der bald Kontakt zu den Frauen aufnehmen wird...


Wer immer sich den Filmtitel ausgedacht hat, hatte ein gutes Gespür für die lautmalerische Umsetzung eines Filmgeschehens und bewies zudem ein Gefühl für Modernität. Nicht nur das man unter dem Begriff "Interrabang" ein gleichzeitiges Frage- und Ausrufezeichen versteht, auch die offensichtlichen Assoziationen an aktive Sexualität, leiten unmittelbar zur Handlung über.

Diese beginnt mit einem geradezu paradiesischem Zustand, zumindest aus der Sicht des Fotografen Fabrizio (Corrado Pani), der sich mit dem Model Margerita ( Shoshanna Cohen) auf einer Motor-Yacht vergnügt, die bei strahlendem Sonnenschein das blaue Meer durchpflügt. Beim Knutschen lässt er sich auch durch die Rufe seiner Frau Anna (Beba Rancor) nicht stören, die das Boot fährt, während sie cool einen Zigarillo raucht. Mit an Bord ist noch ihre Schwester Valeria (Haydée Politoff), die einen eher zynischen Sprachstil mit Fabrizio pflegt, der ihn aber keinen Moment aus der Ruhe bringen kann.

Die drei Frauen verkörpern ganz unterschiedliche Typen, die alle einer Gebrauchsanleitung für Machos entnommen sein könnten - das Model mit der langen dunklen Mähne, dass sich nur für Flirten und Sex interessiert, sonst schnell gelangweilt ist und ihr geringes Interesse an Bildung und hochtrabenden Gesprächen offen zur Schau stellt. Sich aber gerne als richtige Frau bezeichnet, was sie wiederum der kurzhaarigen Valeria abspricht, die Bücher liest und diskutiert, während sie ihr Gesicht selten zu einem Lächeln verzieht. Und Anna, die kühle hellhäutige Blondine, die an alle Situationen rational heran geht, weshalb sie auch nicht auf ihren Ehemann eifersüchtig ist, der es gerne krachen lässt.


Gemeinsam ist den Frauen allerdings, dass sie alle ausgesprochen schön sind. Nachdem sie an einer kleinen, felsigen Insel angelegt haben, wo Fabrizio sein Foto-Shooting beginnt, ergeht sich die Kamera in langen Einstellungen der drei Frauen, die sie beim Sonnen, beim Weg über die Felsen oder beim Modeln beobachtet. Als Anna feststellt, dass der Motor der Yacht nicht mehr anspringt, nimmt Fabrizio die Gelegenheit eines zufällig vorbei kommenden Motorbootes wahr, um Benzin zu besorgen. Spätestens jetzt gehört die Insel, das Meer und die Kamera nur noch den Frauen.

Man könnte diese Phase des Films eintönig finden, aber das Gegenteil ist der Fall, denn begleitet von der sommerlich, gefälligen Filmmusik Berto Pisanos, inszeniert Luciano Biagetti dieses Schauspiel sehr geschmackvoll. Dabei kam ihm auch der Entstehungszeitraums, Ende der 60er Jahre, entgegen, als unbedingte Nacktheit noch kein Kriterium war. Das gibt dem Film heute einen leicht altmodischen, aber sehr stylishen Touch. Zudem streut er immer wieder kleine Ereignisse ein, die die Spannung unmerklich anziehen. So entdeckt Valeria einen toten Polizisten auf den Felsen, ohne den anderen Frauen etwas davon zu verraten, oder ein Polizeiboot kommt vorbei, das nach einem ausgebrochenen Gewalttäter sucht, nicht ohne vorher die Frauen durch ein Fernglas zu beobachten. Alleine der lässige Dialog zwischen den Polizisten und der blonden Anna ist schon der Film wert.


Die Handlung beginnt sich parallel zu verändern als ein unbekannter Mann auftaucht, der sich zuerst zwischen den Felsen zu verstecken scheint, dann aber offen Margerita gegenüber tritt, die mit dem fremden Schönling auch gleich einen heftigen Flirt beginnt. Er gibt sich ihr gegenüber als Marco (Umberto Orsini) aus, der hier die Abgeschiedenheit zum Dichten sucht, und angeblich in einem nahe gelegenen Haus wohnt. Nur gibt es in diesem Teil der Insel gar kein Gebäude, was den Verdacht vor allem bei Anna erhärtet, dass es sich bei ihm um den gefährlichen, entlaufenen Sträfling handeln könnte.

"Interrabang" nimmt zunehmend Züge eines klassischen Giallo an, der eine Vielzahl möglicher Konstellationen und Verschwörungen durchspielt und langsam verdeutlicht, dass hinter den sommerlichen Mienen der jungen Frauen ganz düstere Gedanken lauern. Dabei verliert der Film keinen Moment seinen männlichen Blick, denn so sehr die Frauen auch glauben, das sie Diejenigen sind, die das Spiel bestimmen, so sehr hat Marco die Fäden in der Hand - doch als Fabrizio wieder mit dem Benzin zurück kommt, überschlagen sich die Ereignisse.

Auch die abschließenden Wendungen, die der Story immer wieder eine andere Richtung geben, machen aus "Interrabang" keinen Emanzipation-Reißer mehr, so sehr die Frauen auch zeitweise schön, stark und selbstbewusst auftreten. Letztlich ist "Interrabang" ein Film für den anspruchsvollen männlichen Voyeur - nicht besonders gewalttätig, angenehm im Tempo und Spannungsaufbau, stimmungsvolle Musik, lässige Dialoge und schön inszenierte, knapp bekleidete Frauenkörper - aber niemals vulgär.

"Interrabang" Italien 1969, Regie: Giuliano Biagetti, Drehbuch: Luciano Lucignani, Darsteller : Haydèe Politoff, Corrado Pani, Shoshanna Cohen, Beba Rancor, Umberto Orsini, Laufzeit : 88 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.