In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Samstag, 3. Oktober 2009

Ossessione (Besessenheit) 1942 Luchino Visconti

Inhalt: Als der verarmte Gelegenheitsarbeiter Gino (Massimo Girotti) bei einer Trattoria einkehrt, sieht er Giovanna (Clara Calamai) in der Küche arbeiten. Sofort sind sie fasziniert voneinander und er macht ihr den Hof. Doch Giovanna ist mit dem Besitzer der Trattoria, Signore Bragana (Juan de Landa), verheiratet und so entsteht eine heimliche Liebesbeziehung, die aber durch Braganas aufdringliche Art zunehmend erschwert wird.

Als sie spüren, daß sie nicht voneinander lassen können, beschließen die Liebenden, den lästigen Ehemann umzubringen...


Die Geschichte, die Luchino Visconti in seinem ersten Film erzählt, ist eine klassische Dreiecksgeschichte nach dem Roman "Wenn der Postmann zweimal klingelt", angesiedelt in der Umgebung von Ancona. Trotz der Tatsache, dass es sich bei dem Film um die Adaption eines Kriminalstücks handelt, gilt "Ossessione" heute als Beginn des "Neorealismus", denn Visconti nutzte die dramatische Geschichte für einen genauen Blick auf die Realität eines Italien im Jahr 1942, noch während der Regierungszeit von Benito Mussolini. Mit dieser Entlarvung der tatsächlichen Verhältnisse in Italien stellte sich Visconti gegen die gängige Propaganda der Faschisten.

Der Gelegenheitsarbeiter Gino Costa (Massimo Girotti) kommt während der Durchreise auf der Ladefläche eines LKWs zufällig bei einer Trattoria vorbei, die von Signore Bragana (Juan de Landa) und seiner Frau Giovanna (Clara Calamai) geführt wird. Der völlig verarmte Gino geht trotz seiner heruntergekommenen Kleidung und kaputten Schuhe selbstbewusst in die Trattoria und trifft dort Giovanna, die in der Küche arbeitet. Sie finden sofort Gefallen aneinander und Gino gelingt es mit einem Trick, dass Giovannas Ehemann den restlichen Tag in die nahe gelegene Stadt fährt. So beginnt schon am Tag ihrer ersten Begegnung ihre Liebesbeziehung.

Die Art wie Visconti diese Begegnung erzählt, erzeugt einen genauen Eindruck von den obsessiven Gefühlen, die in diesem Moment entstehen. Jede kleine Geste, jeder Blick lässt erahnen, was in ihnen vor sich geht und wenn Gino völlig selbstverständlich - nachdem der Ehemann gegangen ist - die Türen der Trattoria hinter sich zuschließt, dann ist jedem klar, was gleich geschehen wird. Ihre Liebe hat etwas von der Abhängigkeit zweier Ertrinkender - sie brauchen sich, ziehen sich aber gleichzeitig in den Abgrund.

Visconti stilisiert Gino als ein Bild von einem Mann. Ganz nah streicht die Kamera um dessen muskulösen Körper, aber seine Schönheit verbirgt seine gleichzeitige Schwäche, denn Gino fehlt der Mut, sich festzulegen. Er vagabundiert durch die Gegend, benutzt die Menschen - Männer wie Frauen - die sich zu ihm hingezogen fühlen, und ist außer Stande, Verantwortung zu übernehmen. Der "Spanier" ( Elio Marcuzzo) begleitet Gino eine Zeit lang und es ist offensichtlich, dass er ihn liebt. Diese homosexuelle Alternative, die Visconti ihm - abweichend von der Romanvorlage - anbietet, hätte ihn retten können. Das er sie nicht annimmt, hat nichts mit Ginos sexueller Orientierung zu tun, sondern nur mit seiner Unsicherheit.

Giovanna hat den viel älteren, unattraktiven, aber wohlhabenden Signore Bragana geheiratet, um der Armut zu entfliehen. Sie hasst ihren Mann, aber sie kann sich nicht von ihm lösen. Was sich nach einer oberflächlichen, materiell orientierten Intention anhört, bekommt bei Visconti das Bild einer zwingenden Notwendigkeit, denn Armut und Niedergang sind in "Ossessione" gegenwärtig. Eine Frau wie Giovanna hätte keine Chance in diesem System, weshalb sie die Verbindung zu Bragana nicht zu lösen bereit ist. "Wenn der Postmann zweimal klingelt" beinhaltete immer eine fatale Liebesgeschichte, deren innere Zwänge zu dem Mordkomplott führen, aber Visconti transferiert diese in die damalige italienische Gegenwart, von der beide Charaktere maßgeblich geprägt sind. Durch die Begegnung zwischen dem ziellosen und damit beeinflussbaren Mann und der lebenshungrigen, ihre bisherigen Bedürfnisse unterdrückenden, Frau, entsteht ein unheilvolles Konglomerat.


Signore Bragana verkörpert dagegen den nachvollziehbaren Charakter eines italienischen Bürgers. Ihm bereitet das Leben Freude - sein Beruf hat ihm Geld eingebracht, er hat viele Kontakte und Freunde und ist immer für einen Spaß zu haben. Die ausführliche, fast dokumentarische Beschreibung eines Sängerwettstreits, ist nicht nur ein frühes Beispiel für realistische Stilelemente, sondern vermittelt auch Sympathien für den korpulenten Mann, der sich, im Gegensatz zu dem unterdrückten Egoismus der beiden Liebenden, offen auslebt. Auch wenn Visconti keine Nähe zur faschistischen Politik erkennen lässt, wird es offensichtlich, dass Bragana hier die privilegierte Gesellschaftsschicht verkörpert. Diesen Kontrast betont er, in dem er einerseits die Lebensfreude des italienischen Alltags mit ihren Volksfesten und Versammlungen zeigt, andererseits die Armut und die daraus entstehende Einsamkeit. Optisch unterstreicht er das mit einem starken Hell - Dunkel Kontrast. Während draußen gleißendes Sonnenschein vorherrscht und damit fast blendende Helligkeit, sind die Innenräume zumeist stark abgedunkelt. Immer wieder verwendet er das Motiv des Eintretens aus dem Licht in die Dunkelheit und zurück.

Die Mordtat und ihre Folgen entsprechen prinzipiell der Romanvorlage und haben scheinbar wenig mit den späteren neorealistischen Werken zu tun, die sich auch inhaltlich der Gegenwartsrealität unterordneten. Auch fehlt "Ossessione" der anklagende und eindeutig politische Charakter, bedingt schon durch den Entstehungszeitraum, der ihn zu verklausulierender Kritik an den Zuständen zwang. Das "Ossessione" als Beginn des Realismus im italienischen Film gilt, hat trotzdem seine Richtigkeit, lässt aber deutlich werden, dass eine Begrenzung dieser Stilrichtung auf wenige Jahre falsch ist. Viscontis Interpretation eines amerikanischen Romans ist viel mehr ein frühes Beispiel für die Vielfältigkeit, Realität zu dokumentieren und zu kritisieren. "Ossessione" schlägt somit einen Bogen bis in die 70er Jahre, in denen Regisseure wie Francesco Rosi, Ettore Scola, Damiano Damiani oder Elio Petri nichts anderes mit ihren Polit - Thrillern, Komödien oder surrealistischen Werken verfolgten - dass Abbild und damit eine Kritik an den realen Zuständen.

"Ossessione" Italien 1942, Regie: Luchino Visconti, Drehbuch: Luchino Visconti, Antonio Pietrangeli, Giuseppe De Santis, James McCain (Roman), Darsteller : Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan De Landa, Dhia Cristiani, Elio Marcuzzo, Laufzeit : 135 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luchino Visconti:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.