Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 9. April 2017

Le soldatesse 1965 Valerio Zurlini


Sergente Castagnoli (Mario Adorf) und Tenente Martino (Tomas Milian)...
Inhalt: Athen Frühjahr 1942 – Griechenland ist seit einem Jahr von deutschen und italienischen Truppen besetzt und besonders die städtische Bevölkerung leidet unter großem Hunger. Der junge italienische Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian), der diese Situation unerträglich findet, erhält den Auftrag zwölf Frauen als Nachschub für die Bordelle an Stützpunkte der italienischen Armee zu verteilen. Nur der Hunger trieb die jungen Griechinnen in die Prostitution, was Martinos Aufgabe zusätzlich erschwert, denn die in der unübersichtlichen Hügellandschaft lauernden Partisanengruppen reagieren mit Hass auf diese Erniedrigung.

... nehmen die Frauen in Empfang (vorne Valeria Moriconi)
Nachdem sie jeweils eine Essensration erhielten, setzt sich der von Sergente Castagnoli (Mario Adorf) gelenkte LKW mit den Frauen auf der Ladefläche in Bewegung. Im letzten Augenblick springt noch die jüngere Schwester von Toula (Lea Massari) auf, weshalb Martino die Fahrt sofort stoppen lässt. Er kann nur mit zwölf Frauen den von den Deutschen am Rand Athens bewachten Kontrollpunkt passieren, weshalb sie wieder abspringen soll. Aber die Frauen geben sie nicht wieder heraus, weshalb Martino das Risiko auf sich nimmt. Es gelingt ihnen die Kontrolle zu passieren, aber mit Major Alessi (Aleksandar Gavric), einem Offizier der faschistischen Miliz, gesellt sich ein Passagier dazu, der zu seiner Einheit mitgenommen werden will. Ihn stören die Frauen nicht – im Gegenteil... 


In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017 mit 84 Jahren 

Tomas Milians Auseinandersetzungen im Polizieschi der 70er Jahre mit Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) sind ebenso legendär wie sein "Superbulle" Nico Giraldi ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)) oder seine Outlaw-Rollen im Italo-Western ("La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Nevada, 1966)). Obwohl die Stimme des gebürtigen Kubaners synchronisiert werden musste, wirkte er immer authentisch - ein entscheidender Grund für seine anhaltend große Beliebtheit. Aus heutiger Sicht ist nur noch schwer nachvollziehbar, wie politisch seine Rollen in ihrer Entstehungszeit waren. Seine Diskussionen mit dem nicht weniger authentischen "Law and Order"-Mann Merli am Set bildeten die Grundlage für ihre Dispute auf der Leinwand und die Verkörperung eines Polizisten mit antibürgerlicher Attitüde, der Sympathien für die kleinen Gauner in seinem römischen Viertel zeigte, war ein klarer Verstoß gegen das typische Abbild eines "Gesetzeshüters".

Aus seiner linksgerichteten politischen Haltung hatte Milian nie ein Geheimnis gemacht, aber sein Einstieg ins europäische Kino, dass ihn mit Regisseuren wie Mauro Bolognini ("La notte brava" (Wir von der Straße, 1959)), Alberto Lattuada ("L'imprevisto", (Bevor das Licht erlöscht,1961)), Nanni Loy ("Un giorna da leoni", 1961) oder Luchino Visconti ("Boccaccio '70" dritte Episode, 1962) zusammenarbeiten ließ, ist heute nahezu vergessen. Valerio Zurlinis "Le soldatesse" entstand ein Jahr bevor Milians Popularität mit seinem ersten Italo-Western neue Dimensionen erreichte und steht stellvertretend für diese Phase. 


"Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen?" 

Begutachtung im Bordell
Die von der jungen Griechin Elenitza (Anna Karina) spöttisch an den italienischen Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian) gerichtete Frage bleibt ohne Antwort, führt aber mitten in ein Kapitel des 2.Weltkriegs, das dessen Irrsinn plakativ offenbart. Diktator Benito Mussolini hatte entgegen dem Wunsch seines Verbündeten Adolf Hitler im Frühjahr 1941 von Albanien aus Griechenland angegriffen, wurde von der griechischen Armee aber innerhalb weniger Tage wieder hinter die Ausgangslinie zurückgedrängt. Anders als geplant sah sich die deutsche Heeresleitung deshalb gezwungen, Griechenland (und parallel Jugoslawien) anzugreifen, um Italien zu Hilfe zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass das Land nicht nur von deutschen Soldaten okkupiert wurde, sondern auch von italienischen, die erneut in das Geschehen eingriffen, nachdem sich die Situation zu ihren Gunsten gewendet hatte. Der Makel eines Siegers zweiter Klasse blieb haften. Darauf ging Regisseur Zurlini zwar nicht näher ein, aber das selbstherrliche Verhalten der Armee gegenüber der einheimischen Bevölkerung lässt sich in „Le soldatesse“ nicht losgelöst davon betrachten.

Elenitza (Anna Karina)
Die Handlung setzt ein Jahr später ein, als in Griechenland in Folge der Besatzung eine verheerende Hungersnot herrscht. Tenente Martinos Stimme erklingt aus dem Off und beschreibt Athen als einen Ort, in dem das Sterben alltäglich geworden ist. Sein Wunsch, von hier verlegt zu werden, erfüllt sich schneller als erwartet. Doch der Auftrag, der ihn zurück nach Albanien führen soll, steigert noch die Absurdität einer Situation, deren Konsequenzen Ugo Pirro in seiner Drehbuch-Vorlage auf die private Ebene verlagerte – auf die Beziehung von Mann und Frau. Gemeinsam mit Sergente Castagnoli (Mario Adorf), der ihm als Fahrer zugewiesen wird, soll Martino mit einem LKW zwölf Prostituierte auf mehrere Stützpunkte der italienischen Armee verteilen, wo sie Mannschaft und Offizieren im Bordell zur Verfügung stehen sollen.

Toula (Lea Massari)
Außer der gebürtigen Italienerin Ebe (Valeria Moriconi), die seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Strich geht, ging keine der zwölf Frauen vor Kriegsausbruch der Prostitution nach. Erst der Hunger trieb die jungen Griechinnen dazu, ihre Körper zu verkaufen. Ihnen gegenüber stehen Männer, die nicht nur Mitschuld an ihrer Situation tragen, sondern als Sieger ganz selbstverständlich ihre Dienste in Anspruch nehmen. Eine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung, die den Hass der Partisanengruppen noch zusätzlich schürt und Martinos Tour mit dem Lastwagen durch die schwer einsehbare Hügellandschaft zu einem Himmelfahrtskommando werden lässt. In dieser Zuspitzung erinnert „Le soldatesse“ an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst, 1953), aber Regisseur Zurlini forcierte nicht die offensichtliche Dramatik – auch hinsichtlich der Action-Einlagen blieb er zurückhaltend – sondern konzentrierte sich auf das Verhältnis der Protagonisten untereinander und schlug so den Bogen in die Gegenwart des Jahres 1965.

Eftikia (Marie Laforet)
In seiner kräftigen Schwarz-Weiß-Optik, den Bildern von Zerstörung des Krieges und dem Leid der Bevölkerung, zitierte Zurlini den Neorealismus der 40er Jahre. Dagegen scheinen die schönen jungen Frauen, die als Bezahlung eine Essensration bekommen, mit ihren toupierten Frisuren und den langen künstlichen Wimpern direkt aus den 60er Jahren zu stammen. Anna Karina („Une femme est une femme“ (Eine Frau ist eine Frau, 1960)), Lea Massari ("L'avventura" (Die mit der Liebe spielen, 1960)) und Marie Laforêt („Chasse à l'homme“ (Jagd auf Männer, 1964)) gehörten zur selbstbewussten Riege junger Darstellerinnen im aufkommenden Avantgarde-Kino der 60er Jahre und diese Attitüde sollten sie auch in Zurlinis Film nicht ablegen. Anna Karina gab die kecke Blondine, die sofort mit Martinos Befehlshaber (Guido Alberti) flirtet, Lea Massari als Toula erträgt die Situation mit fatalistischer Geduld und die intellektuelle Eftikia (Marie Laforêt) verweigert sich in offen gezeigter Ablehnung.

Major Alessi (Aleksandar Gavric) hat seinen Spaß...
Ihnen gegenüber stehen drei exemplarische Männer-Typen. Mario Adorf spielte einen so rustikalen, wie sympathischen Unteroffizier, der sich mit den Mädels seinen Spaß macht und sich bald mit der nicht weniger pragmatischen Ebe anfreundet. Tomas Milian als junger Offizier, der sich einst freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, ist mit seinem Anstand und seiner Ernsthaftigkeit ein Kontrapunkt innerhalb des Militärs. Er behandelt die Frauen nicht nur mit Respekt, sondern ist angewidert von der Übergriffigkeit seiner Geschlechtsgenossen. Elenitza verliebt sich in ihn und verbringt eine gemeinsame Nacht mit ihm, aber sie spürt, dass sein Herz der spröden Eftikia gehört. Die reflexive Figur des Tenente Martino lässt sich nur schwer in den 40er Jahren verorten, sondern repräsentierte die kritische Haltung des Regisseurs und seiner Autoren Mitte der 60er Jahre. Dagegen erscheint Major Alessi (Aleksandar Gavric), ein Offizier der faschistischen Miliz (MVSN), der an einem Kontrollpunkt als dritter männlicher Protagonist dazu stößt, in seinem charakteristischen „Schwarzhemd“ prototypisch für diese Phase.

...den seine Miliz-Kameraden auch verlangen
Doch Zurlini war weniger an dessen politischer Haltung interessiert, als an dessen männlicher Überheblichkeit. Der eitle Alessi agiert geradezu lässig - als wäre alles ein großes Abenteuer - und lässt sich in einer Pause auch nicht die Gelegenheit entgehen, mit Toula ins Gebüsch zu steigen. Sehr zum Ärger von Martino, der den inneren Widerwillen der jungen Frau spürte. Auffällig ist, wie häufig Mussolinis Waffengarde im italienischen Film bis zur Lächerlichkeit karikiert wurde. In Filmen wie "Amori di mezzo secolo" (3. Episode, 1954) oder Dino Risis Komödie über den „Marsch nach Rom“ („La marcia su Roma“, 1962) wurden die „Schwarzhemden“ als vergnügungssüchtige Nutznießer ihrer Machtposition überzeichnet. „Le soldatesse“ demonstrierte dieses Verhalten in einer Szene, in der ein LKW voller johlender Milizen über die Landstraße fährt, die sofort mehrere Mädchen von Martino einfordern. Gezwungenermaßen überlässt er ihnen eine noch sehr junge Frau, die von den Männern freudestrahlend auf der Ladefläche in Empfang genommen wird. Am nächsten Tag sind sie alle tot. Erschossen von Partisanen, in deren Hinterhalt sie geraten sind.

Abendliche Entspannung am Eisenbahnwaggon
Eine Szene, die signifikant für den Paradigmen-Wechsel in „Le soldatesse“ steht. Trotz seines realistischen Szenarios wird Zurlinis Film in seinen ersten zwei Dritteln durch die Konfrontation sexuell ausgehungerter junger Männer mit den hübschen Frauen geprägt. Wenn Martino mit seinem LKW an Kontrollpunkten und Stützpunkten auftaucht, treten die Kriegswirren in den Hintergrund. Den Höhepunkt dieser Phase erreicht der Film, als sie auf ihrer Fahrt einen zurückgelassenen Zugwaggon entdecken, der ihnen eine Nacht mit Bett und sanitären Annehmlichkeiten bietet. Frisch rasiert und geschminkt kommen sich Männer und Frauen näher – ein Zustand der Normalität, der auch den Betrachter die lebensgefährliche Situation einen Moment lang vergessen lässt. Und damit die Schockwirkung vergrößert, als plötzlich Gewalt und Tod über die Beteiligten hereinbrechen.

Martino und Eftikia
Vordergründig erscheint „Le soldatesse“ widersprüchlich. Szenen von Menschen in größter Not treffen auf Feierlaune, Kriegsgefahr stößt auf Amüsement, der Suche nach schneller Befriedigung steht Martinos sensibles Zugehen auf die Griechin Eftikia gegenüber. Welche Intention verfolgte der Film? – Für eine Komödie oder Persiflage ist er zu ernsthaft, für eine Anklage an Krieg und Faschismus wirkt er zu leicht und als Plädoyer für Völkerverständigung zu privat. Schon der Filmtitel irritiert. Von weiblichen Soldaten ist hier nichts zu sehen. Die Prostituierten wollen nur überleben. Zurlini kam dem allgemeinen Irrsinn damit ganz nah, denn an den charakterlichen Schattierungen jedes Einzelnen wird deutlich, dass hier Jeder zum Opfer wird – unabhängig davon, ob er auf der Seite der Besiegten oder der Sieger steht. Für Zurlini ein Fakt, aber kein Grund zum Fatalismus. Seine Protagonistinnen – als Prostituierte auf der untersten sozialen Hierarchie-Ebene angekommen – lassen sich nicht unterkriegen und machen dem Filmtitel damit alle Ehre. 

"Le soldatesse" Italien, Frankreich 1965, Regie: Valerio ZurliniDrehbuch: Ugo Pirro, Valerio Zurlini, Piero De Benardi, Leonardo Benvenuti, Franco SolinasDarsteller : Tomas Milian, Anna Karina, Valeria Moriconi, Lea Massari, Marie Laforêt, Mario Adorf, Aleksandar Gavric, Guido Alberti, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Valerio Zurlini: 

"Estate violenta" (1959)

Freitag, 29. Mai 2015

La colomba non deve volare 1970 Sergio Garrone

Inhalt: Aden, Jemen 1943 – Ein Mann, der sich gerade die Schuhe putzen lässt, wird niedergestochen, zwei weitere auf einer engen Straße brutal mit dem Auto überfahren. Major Harris (William Berger) vom englischen Geheimdienst macht keine Gefangenen und lässt auch alle Anwesenden in einem Gebäude der Stadt erschießen, dass als Geheimversteck feindlicher Agenten diente. Von hier aus sollte unter der Leitung des Spaniers Pablo Vallajo (Horst Buchholz) ein Attentat auf die in Aden stationierte englische Luftwaffe vorbereitet werden. Nur Vallajo, der zufällig abwesend war, gelingt es zu entkommen, aber Major Harris bleibt ihm auf der Spur.

Diese führt zu Anna (Sylva Koscina), eine diplomatische Mitarbeiterin, die im neutralen Bahrein ohne ihr Wissen dem italienischen Geheimdienst als Kontaktperson dient. Über sie soll Pablo an ein Päckchen mit den neuesten Instruktionen gelangen. Pablo kann Anna von seinen Absichten überzeugen und erfährt so, dass er für eine Fliegerstaffel Benzin organisieren und an einen geheimen Ort in die Wüste transportieren soll. Dort soll eine italienische Bomberstaffel unter Leitung von Major Ridolfi (Riccardo Garrone) zwischenlanden und nachtanken, um ihren Angriff fortsetzen zu können. Eine sehr schwierige Aufgabe für Pablo, da ihm Major Harris und seine Leute unmittelbar im Nacken sitzen…


Der Kriegsfilm "La colomba non deve volare" (Die Taube darf nicht fliegen) kam weder in die deutschen Kinos, noch erhielt er eine deutschsprachige Synchronisation oder einen eigenen Verleihtitel - selbst die spätere Vermarktung auf Video blieb aus. An sich nicht ungewöhnlich, trotz der Schwemme an italienischen Action-Filmen, die in den 80er Jahren auf VHS herauskamen, wäre "La colomba non deve volare" keine deutsche Co-Produktion mit Horst Buchholz in der männlichen Hauptrolle. Im Jahr zuvor hatte er noch unter der Regie von Antonio Pietrangeli in "Come, quando, perché" (Wo, wann, mit wem?) gespielt, der im September 1969 auch in Deutschland angelaufen war. Zudem wirkt die Produktions-Beteiligung der Inter-West Film GmbH, die schon Buchholz' Karrierebeginn mit "Die Halbstarken" (1956) und "Endstation Liebe" (1958) begleitet hatte, wie der Versuch eines Neustarts in Deutschland. Nur warum erschien "La colomba non deve volare" dann nicht auch hierzulande?

Buchholz‘ Renommee hatte in den 60er Jahren gelitten, seitdem er es nach seinem letzten rein deutschen Film „Das Totenschiff“ (1959) bis nach Hollywood geschafft hatte, sein Aufstieg danach aber schnell ins Stocken geraten war und er fast ausschließlich in Italien arbeitete. Sergio Garrones fünfter Film nach zuvor vier Italo-Western, von denen drei zeitnah auch in Deutschland einen Verleih fanden, verfügte aber noch über genügend weitere populäre Zutaten. Mit Sylva Koscina, dem Österreicher William Berger und Garrones Bruder Riccardo in weiteren tragenden Rollen, Drehbuchautor Tito Carpi und Kameramann Franco Dello Colli hatte Sergio Garrone eine illustre Western-erfahrene Truppe mit an Bord. Begleitet von Riz Ortolanis gewohnt stimmungsvoller Filmmusik, stand einer erfolgreichen Umsetzung nur wenig entgegen, zumal die Produktionsmittel offensichtlich nicht knapp bemessen waren. Sieht man von den 60er Jahre Frisuren ab, gelang Sergio Garrone eine atmosphärisch stimmige Umsetzung der während des 2.Weltkriegs 1943 in Nordafrika und West-Asien spielenden Handlung. Ein Eindruck, der sich durch die Verzahnung mit dokumentarischen Militär-Aufnahmen noch verstärkt, gerade weil sie der Regisseur schwarz-weiß beließ und erst gar nicht versuchte sie optisch anzupassen.

Allerdings erreichte das Kriegsfilm-Genre nie die Popularität des Italo-Western oder Giallo in Deutschland, obwohl in Italien Ende der 60er Jahre versucht wurde, die im Western populär gewordenen Mechanismen auf den Kriegsfilm zu übertragen – in der Hoffnung, das Geschäft wiederzubeleben. Denn während der Western seinen Zenit überschritten hatte, erlebten Kriegsfilme in Folge des Vietnamkriegs auch in Hollywood einen kurzen Boom. Mit einer kritischen Reflexion hatten diese fast ausschließlich während des 2.Weltkriegs spielenden Werke nichts zu tun – viel mehr galt es eine spannende, bis zum Showdown zugespitzte Story zu präsentieren, die mit möglichst vielen Action-Elementen angereichert wurde. Sergio Garrone hatte zuvor schon das Drehbuch zu "5 per l'inferno" (Todeskommando Panthersprung, 1969) geschrieben, der die Kriegs-Thematik ähnlich des US-Erfolgs „The dirty dozen“ (Das  dreckige Dutzend, USA 1967) von der ironisch, überspitzten Seite angegangen war – allerdings ohne Aldrichs subversiven Subtext.

„La colomba non deve volare“ orientierte sich dagegen an einer realen, aus italienischer Sicht geschilderten Militäraktion. Nach der Landung der Alliierten im Süden Italiens sind die auf Sizilien stationierten deutschen und italienischen Soldaten eingeschlossen. Ein italienisches Bomber-Kommando erhält den Auftrag, den Besatzer-Ring anzugreifen, um ihre Soldaten bei einem Durchbruchsversuch zu unterstützen. Die Schwere dieses Vorhabens begründet sich durch die große Entfernung des Stützpunkts der italienischen Fliegerstaffel. Um wieder von Sizilien aus zurückkehren zu können ist es notwendig in der Wüste von Bahrein auf dem Hinflug den Tank aufzufüllen – ein äußerst riskantes Vorgehen für die Piloten, denn jeder Schritt muss genau ineinander greifen, um ein Gelingen zu ermöglichen. Doch der englische Geheimdienst kennt die Pläne und will verhindern, dass „die Taube“ abhebt, weshalb er alles daran setzt, einen spanischen Geheimagenten zu beseitigen, der für den notwendigen Benzin-Nachschub in der Wüste sorgen soll.

Schon die ersten Minuten lassen wenig Zweifel daran, wem in Garrones Film die Sympathien gelten. Zwar stellt sich heraus, dass es die getöteten Männer auf den in Aden stationierten englischen Luftwaffenstützpunkt abgesehen hatten, aber die brutale und hinterhältige Vorgehensweise, mit der der englische Geheimdienstoffizier Major Harris (William Berger) diese ermorden ließ, klassifiziert ihn als Bösewicht. Dagegen erweist sich der spanische Agent Pablo Vallajo (Horst Buchholz), der als Einziger lebend aus Aden entkommen konnte, als so charmanter, wie tatkräftiger Mann. Zuerst muss er Anna (Sylva Koscina), die ihm in Bahrein als Kontaktperson dient, noch in ihrer Wohnung überwältigen, aber schnell gewinnt er ihr Vertrauen und wird in seinem weiteren Vorgehen von ihr unterstützt. Neben Pablo wird der Offizier der italienischen Luftwaffe Major Ridolfi (Riccardo Garrone), der den Luftangriff leitet, zum eigentlichen Helden. Und sein Flugzeug, ein Bomber vom Typ „Savoia-Marchetti S.M.79“, den Sergio Garrone sowohl im Original wie in dokumentarischen Aufnahmen ausführlich im Bild festhält. Ihnen gilt die den Film abschließende Tafel mit der Aufschrift „Das legendäre Unternehmen der Helden von Bahrein erhielt so seinen Eintrag ins goldene Geschichtsbuch“.

Vielleicht lag es an dieser kritiklosen Heldenverehrung, die keinen Moment den politischen Hintergrund beleuchtete, dass "La colomba non deve volare" nicht nach Deutschland kam?  - Offiziere der deutschen Wehrmacht tauchen als Verbündete nur in einer kurzen Szene auf und die Nähe des spanischen Agenten zur Franco-Diktatur findet ebenso wenig Erwähnung wie die faschistische Mussolini-Administration. Im Gegenteil zeigen sich die an unterschiedlichen Orten agierenden Vallajo und Ridolfi einzig an der Sache interessiert und wenden Gewalt nur im Notfall an – als wäre die Bombardierung der US-Armee eine neutrale Hilfsaktion für eingesperrte Soldaten. Immerhin schürte ihr wenig emotionaler Pragmatismus keine Ressentiments.

„La colomba non deve volare“ wurde wegen seines ruhigen, nur von wenig Action unterbrochenen Stils kritisiert, obwohl darin seine Stärke liegt. Die abschließenden Szenen mit dem Gefecht in der Wüste und den dokumentarischen Aufnahmen des Luftangriffs erfüllten zwar die Erwartungshaltung an einen Kriegsfilm, sind aber ebenso verzichtbar wie die Heldenbilder des Major Ridolfi. Garrones Film ist immer dann am besten,  wenn er sich als Western im Kriegsfilmgewand allein auf seine Protagonisten konzentriert. Besonders Horst Buchholz gelingen in der Wüste einige prägnante und spannende Szenen, aber auch sein Zusammenspiel mit Sylva Koscina verfügt über einen erotischen Subtext, der keine Konkretisierung benötigt. Seine Rolle des spanischen Agenten erinnert ein wenig an den von Clint Eastwood gespielten „Mann ohne Namen“ aus Sergio Leones „Per un pugno di dollari“ (Für eine Handvoll Dollar, 1964). Er hat weder Vergangenheit, noch Zukunft. Und verschwindet, nachdem er seinen Job erledigt hatte, wieder in der Wüste – hätte Garrone auch seinen Film so enden lassen, hinterließe „La colomba non deve volare“ einen weniger zwiespältigen Eindruck.

"La colomba non deve volare" Italien, Deutschland 1970, Regie: Sergio Garrone, Drehbuch: Tito Carpi, Sergio Garrone, Giuseppe Masini, Mario di Nardo, Darsteller : Horst Buchholz, Sylva Koscina, William Berger, Riccardo Garrone, Howard Ross, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Garrone:

Sonntag, 20. Juli 2014

Geheimcode Wildgänse (Arcobaleno selvaggio) 1984 Antonio Margheriti

Inhalt: Wesley (Lewis Collins) befehligt eine Einheit freischaffender Söldner, die sich auf besonders gefährliche Einsätze spezialisiert hat, weshalb auch die Trainingsmethoden wenig zimperlich ausfallen. Wegen seiner Härte rumort es innerhalb der Mannschaft, aber Wesley kann sich bei der Auswahl seiner Männer keine Schwächen und Disziplinlosigkeiten leisten.

Wie notwendig diese Perfektion ist, erweist sich, als Wesley von Fletcher (Ernest Borgnine) und Charleton (Klaus Kinski) in Hongkong empfangen wird, die ihn und seine Männer beauftragen, ein Drogen-Camp zu zerstören, dass sich inmitten eines von Militärdiktatur und Guerilla umkämpften Gebiets befindet. Den US-Amerikaner Fletcher motivieren persönliche Gründe, aber die Rolle Charletons bleibt im Ungewissen. Schon in Hongkong entkommt Wesley nur knapp seinen Verfolgern – ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihn im asiatischen Dschungel erwartet…


Knapp zehn Jahre nach dem Rückzug des US-amerikanischen Militärs aus Vietnam schien auch Regisseur Antonio Margheriti seine Schlachten geschlagen zu haben. Der amerikanische Darsteller David Warbeck hatte als Vertreter der US-Armee gefährliche Missionen in "L'ultimo cacciatore" (Jäger der Apokalypse, 1980), "Fuga dall'arcipelago maledetto" (Höllenkommando zur Ewigkeit, 1982) und "Tornado" (Im Wendekreis des Söldners, 1983) im vietnamesischen Dschungel bestanden, jeweils gedreht auf den Philippinen und produziert von Gianfranco Couyoumdjian, der auch die Drehbücher schrieb - zu den beiden Nachfolgern von "L'ultimo cacciatore" gemeinsam mit Tito Carpi. Nur der Schweizer Produzent Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich noch nicht genug davon und verpflichtete das komplette Kreativ-Team für einen erneuten Söldner-Aufguss, nachdem er sein fast 20jähriges Engagement im Erotik-Genre beendet hatte.

Wie schon während seiner Zusammenarbeit mit Jesus Franco (siehe den Essay "Die 70er Jahre Erotik-Connection") hatte Dietrich erheblichen Einfluss auf die Besetzung des als deutsch-italienische Co-Produktion entstandenen Films. Mit seinem Kameramann Peter Baumgartner gehörte sein langjähriger Mitstreiter ebenso zum Team wie eine Vielzahl damals unbekannter deutscher Schauspieler, die unter dem als neuen Hauptdarsteller verpflichteten englischen TV-Star Lewis Collins ("Die Profis" 1977-1983) Mitglieder der Söldner-Truppe mimten. Manfred Lehmann, Thomas Danneberg oder Frank Glaubrecht haben heute einen hervorragenden Ruf als Synchron-Sprecher, als Stars wurden von Dietrich aber die leicht gealterten Ernest Borgnine und Lee Van Cleef engagiert, dazu noch die US-Mimin Mimsy Farmer - ebenfalls erfahren im italienischen Genre-Film ("Il profumo della signora in nero" (Das Parfüm der Dame in Schwarz, 1974)) - und fast obligatorisch Klaus Kinski, der nach seinen vielen Italo-Western-Einsätzen nun auch im italienischen Action-Film der 80er Jahre sein Talent als Finsterling beweisen durfte.

So vorhersehbar diese Konstellation klingt, muss man Dietrich zugestehen, Margheritis Dschungel-Action-Filmen damit neuen Schwung verliehen zu haben. Zwar entstand "Geheimcode Wildgänse" (italienischer Verleihtitel "Arcobaleno selvaggio") ebenfalls auf den Philippinen, aber nicht mehr der Vietnam-Krieg stand im Mittelpunkt, sondern die Herstellung von Heroin im sogenannten „Goldenen Dreieck“ in den angrenzenden asiatischen Staaten Thailand, Laos und Burma, kombiniert mit klassischen Elementen der Militärdiktatur, dabei konkrete Anspielungen auf tatsächliche Ereignisse vermeidend. Autor Gianfranco Couyoumdjian, auch Co-Produzent an der Seite Dietrichs, und Tito Carpi nutzten diese Vorlage für ein buntes Gemisch aus Guerilla-Kämpfen, Militär-Aktionen und den Interessen internationaler Multis am einträglichen Drogen-Geschäft, die von Hongkong aus agieren.

Hier beginnt auch die Handlung, in der Wesley (Lewis Collins) und seine Spezialeinheit den Auftrag erhalten, die schwer bewachten Drogen-Küchen auszuschalten. Zwar bekommen sie Unterstützung durch die heimischen Guerilla-Kämpfer, aber nachdem sie ein erstes Drogen-Camp ausgeschaltet haben, erweist sich ihre Aufgabe zunehmend als Todeskommando, da auch ihre Auftraggeber eigene Interessen verfolgen, wie sich schon in Hongkong ankündigte, als Wesley nur knapp einem Anschlag entging. Ein zu tiefes Eindringen in die inhaltliche Logik erweist sich als ebenso wenig sinnvoll, wie die häufig geäußerten Vorwürfe von Rassismus und Gewaltverherrlichung, denen sich Margheritis Dschungelfilme während ihrer Entstehungszeit ausgesetzt sahen. Trotz typischer Klischees – hier die europäischen/us-amerikanischen Kämpfer für die richtige Sache, dort die asiatischen Despoten – erstaunt aus heutiger Sicht die Ausgewogenheit in der Schuldfrage international agierender Banden und der fehlende Heroismus in den Aktionen der Söldner trotz ihrer ständigen Kämpfe, Schusswechsel und Explosionen.

Selbst die Gewaltdarstellungen wirken mit dem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten weniger explizit oder sadistisch, sondern reihen sich angemessen in ein gut inszeniertes Abenteuerspektakel - wie gewohnt überzeugte Margheriti mit atemberaubenden Stunts und knalligem Feuerwerk - das trotz seiner linearen Erzählform und den üblichen Charakteren des Kriegsfilm-Genres unterhaltend und im Detail überraschend bleibt. Für die langjährigen Begleiter des Regisseurs - Gianfranco Couyoumdjian und Tito Carpi - wurde es die letzte Zusammenarbeit, während Produzent Dietrich noch zwei weitere Filme mit Lewis Collins in der Hauptrolle und seiner Stammbesetzung folgen ließ – „Kommando Leopard“ (1985) und „Der Commander“ (1986) – die die Thematik nur leicht variiert wiederholten, aber nicht mehr an die qualitative Dichte von „Geheimcode Wildgänse“ herankamen.

"Geheimcode Wildgänse" Deutschland, Italien 1984, Regie: Antonio Margheriti, Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Couyoumdijan, Michael Lester, Darsteller : Lewis Collins, Ernest Borgnine, Lee Van Cleef, Klaus Kinski, Mimsy Farmer, Manfred Lehmann, Thomas Danneberg, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Margheriti:

Montag, 14. April 2014

L'ultimo cacciatore (Jäger der Apokalypse) 1980 Antonio Margheriti

Inhalt: Nachdem Captain Henry Morris (David Warbeck) nicht verhindern konnte, dass einer seiner besten Freunde erst einen Kameraden und dann sich selbst erschoss, ist er bereit, einen gefährlichen Auftrag anzunehmen, der ihn mitten in den vom Vietcong kontrollierten Dschungel führt. Er soll eine Radiostation zerstören, deren englischsprachige Sendung die Moral der US-Soldaten untergräbt.

Nachdem er von einem Hubschrauber abgesetzt wurde, trifft er auf eine Gruppe Soldaten und die Kriegsberichterstatterin Jane Foster (Tisa Ferrow), die ihre Aktion begleiten will. Morris macht sich sofort auf den Weg, der ihn zu einer mitten im Dschungel stationierten, von vietnamesischen Kämpfern umzingelten US-Einheit führt, die jede militärische Disziplin vermissen lässt...


Nach einer längeren Durststrecke in der ersten Hälfte der 70er Jahre - Kriegs-Action galt angesichts der Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg als wenig opportun - hatte die italienische Filmindustrie auch das Kriegsfilm-Genre wieder entdeckt. Umberto Lenzi brachte mit "Il grande attacco" (Die große Offensive, 1978) und "Da Dunkerque alla vittoria" (Nur Drei kamen durch, 1979) zwei mit internationaler Beteiligung gedrehte Weltkrieg II-Filme auf die Leinwand, die parallel zur beginnenden Welle der Hollywood-Epigonen und im Dschungel gedrehten Kannibalen-Filme entstanden. Auch Regisseur Antonio Margheriti hatte sich in dieser Hinsicht vorgetan, war mit "Killer-Fish" (Piranha II - Die Rache der Killerfische, 1978) auf Spielbergs "Der weiße Hai"-Spuren gewandelt und schuf mit "Apocalypse domani" (Asphalt-Kannibalen, 1980) einen Film, der die Vietnam-Thematik schon streifte, sie aber mit der aktuellen Zombie/Kannibalismuswelle verband. 

"L'ultimo cacciatore" (Jäger der Apokalypse) kam nicht nur unmittelbar nach "Apocalypse domani" in die italienischen Kinos, sondern wurde ebenfalls nach einem Drehbuch von Dardano Sacchetti auf den Philippinen gedreht. Weitere Querverbindungen sind trotz der verschiedenen Produzenten und Darsteller - wie im italienischen Film-Business gewohnt - mannigfaltig. Die Karriere von Gianfranco Couyoumdijan als Produzent und später Co-Autor fand im Erotik- („La bella Antonia, prima Monica e poi Domina“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972) und im Polizieschi-Genre („La banda del trucido“ (Die Gangster-Akademie, 1977) ihren Ursprung, bevor er mit „Zombie Holocaust“ (Zombies unter Kannibalen, 1980) seinen Beitrag zur Kannibalismus-Welle leistete. Mit Dardano Sacchetti hatte er erstmals bei „La banda del trucido“ zusammengearbeitet, der parallel das Drehbuch zu Lucio Fulcis „Paura nella città die morti viventi“ (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980) schrieb. In Fulcis Vorgängerfilm „Zombie 2“ (Woodoo,1979) war neben ihm und Couyoumdjian auch Tisa Ferrow schon mit an Bord, die im selben Jahr noch in D’Amatos „Antropophagus“ (Man-Eater,1980) in der weiblichen Hauptrolle auftrat, bevor sie ihre Karriere früh beendete. 

Dass die Produzenten von „Apocalypse domani“ zuvor schon an Lenzis Kriegsfilm „Nur Drei kamen durch“ beteiligt waren, überrascht da schon nicht mehr, denn „L’ultimo cacciatore“ kombinierte eine Vielzahl damals aktueller Strömungen: die Kriegsfilmthematik - konsequent an den Hollywood-Vorbildern „The deer hunter“ (Die durch die Hölle gehen, 1978) und „Apocalypse now“ (1979) orientiert - die vom Kannibalismusfilm gewohnte exotische Dschungel-Optik und diverse Splatter-Einlagen, die gemessen an den üblichen Kriegsverletzungen übertrieben wirkten. Als einer der verzichtbaren Begleit-Soldaten von einer mit angespitzten Bambushölzern ausgestatteten Falle erwischt wird, quellen gleich seine Gedärme heraus. Entsprechend wenig Reputation erfuhr Margheritis Film, der trotz der zitierten Hollywood-Antikriegsfilme schnell den Ruf eines reinen Action- und Baller-Vehikels erhielt, dass den Hintergrund des Vietnam-Kriegs nur für eine besonders gewalttätige und dreckige Umsetzung nutzte. Auch Regisseur Margheriti machte keinen Hehl aus seinen vor allem der Unterhaltung dienenden Absichten mit einem US-Soldaten als Helden im Mittelpunkt, der sich im Dschungel einem gesichtslosen Vietcong ausgesetzt sieht.

Angesichts der sensiblen Thematik um den erst wenige Jahre zuvor beendeten Kampfeinsatz der US-Armee, war eine differenzierte Betrachtungsweise zur Entstehungszeit des Films kaum zu erwarten, aber „L’ultimo cacciatore“ vermittelt aus heutiger Sicht trotz der ausführlich gezeigten Kampfhandlungen weder einen befriedigenden, noch heroischen Charakter und verwendete die Zitate aus „Deer hunter“ und „Apocalypse now“ eigenständig. Michael Ciminos „Deer hunter“ wird nur in einer der letzten Szenen des Films konkret kopiert, als Captain Morris (David Warbeck) in einen Wasserkäfig gesperrt wird, wo er nicht nur von Wasserratten angegriffen wird, sondern miterleben muss, wie ein Mithäftling aufgefressen wird. Wie üblich steigerten die italienischen Epigonen das Gewalt-Level der US-Vorbilder, aber damit verstießen sie auch gegen deren Tabus. Der Wahnsinn, der in Coppolas „Apocalypse now“ zum allgegenwärtigen, bewusst überzeichneten Zustand innerhalb der US-Armee wird, bekam in „L’ultimo cacciatore“ einen realistischeren Anstrich und vermittelte einen ungeschönten Blick. 

John Steiner als Befehlshaber einer mitten im Dschungel stationierten Einheit verwahrloster und unmotivierter Soldaten wirkt im Vergleich zu Marlon Brandos ähnlich angelegter Rolle in Coppolas Film zwar wie ein seriöser Offizier, schickt aber einen seiner Männer nur zum Spaß unter dem Dauerbeschuss der Vietnamesen in den Urwald, um eine Kokosnuss vom Baum zu pflücken. Besonders die Eingangssequenz, in der ein alter Freund von Captain Morris erst einen Kameraden und dann sich selbst in einem herunter gekommenen Strip-Lokal erschießt oder später die Vergewaltigungsszene um die Bildreporterin Jane Foster (Tisa Ferrow) lassen kein gutes Haar an den US-Soldaten, die gegenüber den anonym bleibenden vietnamesischen Angreifern größtenteils als wehrloses Kanonenfutter herhalten müssen. 

Margheriti verfolgte damit weder kritische Absichten, noch bemühte er gesellschaftspolitische Zusammenhänge, aber die geradlinige und kurzweilige Inszenierung lässt in ihrer kompromisslosen Direktheit keine positiven Emotionen aufkommen - zu verdanken auch dem reduzierten, in der Originalfassung wortkargen Spiel des Neuseeländers David Warbeck, der der Hauptrolle in „L’ultimo cacciatore“ nach jahrelanger Untätigkeit seine zweite Karriere als Schauspieler verdankte. Zwar schlägt er sich erfolgreich durch alle Widrigkeiten, aber patriotische Töne sind von ihm nicht zu hören. Sein gern zitierter Satz, er hasse den Vietcong nicht, sondern erschießt ihn, wirkt aus dem Zusammenhang gerissen zynisch und menschenverachtend, verliert diese Dimension aber angesichts der Beiläufigkeit, mit der Captain Morris nicht nur so die Frage der Journalistin beantwortet, sondern generell seinem Auftrag nachgeht. Der Anlass, eine die Moral der US-Armee untergrabende Radio-Station auszuheben, mag etwas konstruiert scheinen, aber die Szenen, in denen die Soldaten zu der freundlichen weiblichen Stimme abgeschlachtet werden, die ihnen empfiehlt, sich lieber nach Hause zu ihrer Freundin zu begeben, verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch die von Mia Ferrows Schwester Tisa gespielte Kriegsberichterstatterin ist weniger klischeehaft als im Genre üblich - optisch glaubwürdig und ohne Bunny-Attitüde, verzichtete der Film auf die gebetsmühlenartigen Vorträge, dass Frauen hier nichts zu suchen hätten, und kehrte einmal sogar die Rettungssituation um.

„L’ultimo cacciatore“ reihte sich Anfang der 80er Jahre hinsichtlich seines Action- und Gewaltpotentials zwar mühelos in die parallel entstandenen Horror- und Apocalypse-Filme ein, aber die mit einem im Vergleich zu den US-Produktionen geringen Budget ausgestattete italienische Machart hielt sich nicht mit Ausgewogenheiten auf, sondern schuf einen atmosphärisch stimmigen Kriegsfilm, der ohne Verherrlichungen auskam.

"L'ultimo cacciatore" Italien 1980, Regie: Antonio Margheriti, Drehbuch: Gianfranco Couyoumdijan, Dardano Sacchetti,  Darsteller : David Warbeck, Tisa Ferrow, Tony King, Bobby Rhodes, John Steiner, Laufzeit : 97 Minuten

Abschlussfilm beim 1. Festival des italienischen Genre-Filmfestivals "Terza Visione" in Nürnberg vom 25. bis 27.04.2014


weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Margheriti:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.