Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 8. Oktober 2013

L'avvertimento (Die tödliche Warnung) 1980 Damiano Damiani

Inhalt: Commissario Baresi (Giuliano Gemma) entdeckt auf seinen Kontoauszügen eine große Summe, deren Herkunft er sich nicht erklären kann. Auf Nachfrage bei seiner Bank, ob es sich um einen Fehler handelt, wird ihm die ordnungsgemäße Überweisung auf sein Konto bestätigt. Als er wenig später in seinem Büro im römischen Polizeihauptquartier einen anonymen Anruf erhält, der eine Gegenleistung für diese Bezahlung einfordert, beschließt er spontan, seinen Dienst zu quittieren, um nicht erpressbar zu sein.

Doch ein schrecklicher Vorfall macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Sein Kollege Vincenzo Laganà (Franco Odoardi) wird gemeinsam mit dem Anwalt Milanesi (Giordano Falzoni) im Poizeigebäude von drei Männern ermordet, die sich als Polizisten verkleidet hatten. Laganà hatte gegen die Mafia ermittelt, aber seine Kontoauszüge lassen den Verdacht zu, dass er selbst in die Sache verwickelt war - eine Verdächtigung, gegen die sich seine Witwe Silvia (Laura Trotter) vehement wehrt. Baresi, der gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten Martorana (Martin Balsam) den Fall aufklären soll, vermutet, dass sie mehr weiß, als sie zugibt. Als sie erpresst wird, scheint sich eine erste Spur zu ergeben...


"L'avvartimento" (Die tödliche Warnung) bedeutete nicht nur einen Einschnitt im Schaffen des Regisseurs Damiano Damiani, ab diesem er nur noch selten für das Kino arbeitete und sich vermehrt dem Fernsehen zuwendete, sondern setzte auch einen Schlusspunkt im Polizieschi-Genre. Nachdem er mit "Amityville II: the possession" (Amityville 2: der Besessene) 1982 eine Auftragsarbeit in Hollywood abgeliefert hatte, setzte Damiani mit "La piovra" (Allein gegen die Mafia) 1984 neue Maßstäbe für eine Fernsehserie. In dieser griff er seine seit "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule, 1968) mehrfach wiederholte Thematik der Unterwanderung der italienischen Gesellschaft durch die Mafia erneut auf, die auch in "L'avvartimento" den Anlass für die Handlung lieferte, ohne selbst Gegenstand einer genaueren Betrachtung zu werden.

Im Mittelpunkt stehen die polizeilichen Ermittlungen, da die Story fast ausschließlich aus dem Blickwinkel von Commissario Antonio Baresi (Giuliano Gemma) erzählt wird, womit Damiano Damiani ein letztes Mal auf Stilmittel des Polizieschi-Genre zurückgriff, das seinen Zenit 1980 überschritten hatte. Ein Jahr zuvor hatte Giuliano Gemma in "Un uomo in ginocchio" (Ein Mann auf den Knien), seinem ersten Film unter der Regie Damianis, einen Dieb verkörpert, der in die Mühlen der Mafia gerät, in "L'avvartimento" trat er dann das Erbe Franco Nero an, der in Damianis frühen Polit-Thrillern meist für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zuständig war. Der Bogen, den der Film damit über mehr als ein Jahrzehnt spannte, lässt sich auch den beteiligten Drehbuchautoren ablesen - Massimo De Rita und Arduino Mauri waren schon an Carlo Lizzanis "Banditi a Milano" (Die Banditen von Mailand, 1968) und Sergio Sollimas "Città violentà" (Brutale Stadt, 1970) beteiligt, die das Polizieschi-Genre früh beeinflusst hatten.

Schon in der Eingangssequenz charakterisiert Damiani seinen Protagonisten als einen Einzelkämpfer, der konsequent nur seinen eigenen Maßstäben folgt. Während die nächtliche Geliebte seine Wohnung in dem Wissen verlässt, dass ein Wiedersehen eher unwahrscheinlich ist, entdeckt Baresi auf seinem Kontoauszug einen hohen Geldbetrag, dessen Herkunft er sich nicht erklären kann. Nachdem ihm seine Bank die Korrektheit der Überweisung bestätigte und er wenig später im Polizei-Präsidium einen anonymen Anruf erhält, der Gegenleistungen dafür erwartet, formuliert er sofort seinen Austritt aus dem Polizeidienst, um nicht erpressbar zu sein. Nur ein brutales Attentat auf seinen Vorgesetzten Lagana (Franco Odoardi), der mitten im Polizeigebäude von drei als Polizisten verkleideten Attentätern ermordet wird, ändert seine Pläne - gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten Martorana (Martin Balsam) soll er nicht nur die Mörder finden, sondern das Geflecht aus Korruption, in dem scheinbar auch Lagana verstrickt war, entwirren.

Anders als in Damianis zuvor gedrehten "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977), in dem Gian Maria Volonté einen demoralisierten Polizisten mimte, der erst seine Ängste überwinden musste, wirkt Giuliano Gemma in seiner Rolle als Commissario keinen Moment verunsichert und tritt ähnlich energisch gegen einen übermächtig wirkenden Gegner an, wie ihn Franco Nero in "Confessione di un commissariodi polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971) als Staatsanwalt verkörperte. Dieser Rückgriff auf Damianis Frühphase des politisch motivierten Polizieschi, wird noch durch die Besetzung Martin Balsams betont, der hier seine damalige Rolle an der Seite Neros variierte und erneut in den Verdacht gerät, selbst korrupt zu sein. Damit zitierte sich Damiani nur vordergründig selbst, denn inhaltlich vertauschte er die Rollen. Nicht der sich auch illegaler Methoden bedienende Commissario steht in "L'avvartimento" im Verdacht, mit den Verbrechern gemeinsame Sache zu machen - wie noch in Damianis 1971 gedrehten Film - sondern der betont konservativ auftretende, bürgerliche Polizeipräsident.

"L'avvartimento" wirkt in dieser sich verändernden Charakterisierung wie ein Kommentar auf das vergangene Jahrzehnt des Polizieschi. So pessimistisch Damianis frühere Polizeifilme auch waren, so behielten sie immer eine integere Figur im Zentrum, selbst wenn diese menschliche Schwächen aufwies. Der von Gemma verkörperte Commissario zeigt dagegen auch Charakterzüge des von Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) gespielten zwar unbestechlichen, aber rücksichtslos vorgehenden Polizistentypus, etwa wenn Baresi die attraktive Witwe Silvia Lagana (Laura Trotter) trotz ihrer offensichtlichen psychischen Anfälligkeit unter Druck setzt, weil er glaubt, dass sie mehr weiß, als sie zugibt, oder er ein Attentat auf den Polizeipräsidenten vortäuscht, um diesen zu verunsichern. Dank Gemmas ruhigem Spiel, seinem Verzicht auf übertriebene Emotionen, für die in "L'avvartimento" sein Kollege Brizzi (Giancarlo Zanetti) zuständig ist, und seines intellektuellen Auftretens, blieb diese Figur trotzdem in Damianis Sinn unabhängig.

Wie gewohnt streute der Regisseur nur wenige, entsprechend beeindruckende Actionszenen ein - besonders der kaltblütige Mord im Polizeipräsidium ist sehr graphisch dargestellt - und legte das Schwergewicht auf den sprachlichen Diskurs. Nur langsam erschließen sich die Zusammenhänge zwischen politischen Interessen, den mafiösen Strukturen und einem korrupten Polizeiapparat, wodurch Damianis Film trotz der spannenden Thematik eher den Gestus eines realistischen Films annimmt - zusätzlich betont durch die unprätentiösen Bilder der grauen und dreckigen Großstadt Rom. Entsprechend mündet der Film in kein abschließendes Actionspektakel, sondern in eine lange Szene um die Hochzeit eines jungen Paares, zu der sich die einflussreiche Gesellschaft Roms versammelt hat. Fast provozierend ruhig gestaltet sich der Film in seiner Endphase, verzichtet zwar nicht auf dramatische Ereignisse, lässt diese aber nur parallel zur eigentlichen Haupthandlung stattfinden – dem Gespräch zwischen dem Commissario und dem Polizeipräsidenten, dass die abschließenden Konsequenzen auslöst.

Zusammengefasst wird deutlich, warum „L’avvartimento“ nur wenig Erfolg hatte. Auf der einen Seite die gröberen, plakativen Stilmittel eines Poliziesco nutzend – zu einem Drehzeitpunkt, als das Genre an Popularität verloren hatte – lag das Schwergewicht trotzdem auf den Zwischentöne, sind es die im Detail verborgenen Verhaltensweisen, die erst über Macht oder Ohnmacht entscheiden. Auch die von Gemma souverän gespielte Figur eines unbeirrbaren Commissario, sowie das unerwartete Ende täuschen nur vordergründig darüber hinweg, dass Damiano Damiani nichts von seinem pessimistischen Blick verloren hatte – „L’avvartimento“ wäre als sperrige Entdeckung dringend für eine angemessene Veröffentlichung zu empfehlen.

"L'avvartimento" Italien 1980, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Nicola Badalucco, Massimo De Rita, Arduino MauriDarsteller : Giuliano Gemma, Martin Balsam, Laura Trotter, Giancarlo Zanetti, Franco Odoardi, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Freitag, 22. März 2013

Delitto d'amore (Ein Verbrechen aus wahrer Liebe) 1974 Luigi Comencini


Inhalt: Der Arbeiter Nullo Branzi (Giuliano Gemma) geht durch eine aufgebrachte Menschenmenge vor einer Fabrik, zieht eine Pistole und schießt.

Wenige Monate zuvor hatte er Carmela Santoro (Stefania Sandrelli) getroffen, eine junge Frau, die nicht in seiner Schicht arbeitete und gerade nach Hause gehen wollte. Spontan war er ihr bis in die ärmliche Wohngegend gefolgt, in der die Familien aus dem Süden Italiens wohnen, die in den Norden kommen, um Arbeit zu finden. Dort erfuhr er, dass sie aus Sizilien stammt und schon lange heimlich in ihn verliebt sei, was sie aber nicht davon abhielt, ihn unvermittelt stehen zu lassen.

So leicht wollte sich Nullo nicht abwimmeln lassen und bemühte sich, in ihre Schicht zu kommen. Doch bevor ihm das gelang, war sie schon in seine Schicht gewechselt und musste dafür stundenlang an der Maschine bei giftigen Dämpfen arbeiten. Die Arbeiterinnen erhielten Milch gegen die Kontamination, aber Carmela trank sie nicht, um sie ihren jüngeren Geschwistern mitbringen zu können. Auch ihre sizilianische Herkunft erschwerte das weitere Kennenlernen zwischen ihr und Nullo, da ihr großer Bruder eifersüchtig über sie wachte, aber trotzdem näherten sie sich weiter an...


Nachdem Luigi Comencini Anfang der 70er Jahre für das italienische Fernsehen gearbeitet hatte, stieg er 1972 mit "Lo scopone scientifico" (Teuflisches Spiel) wieder in gewohnter Weise in die politisch aufgeheizte Atmosphäre Italiens ein - mit einer "Commedia all'italiana", die die Realität unter dem Deckmäntelchen des Lustspiels offen legte, ähnlich seinem ersten großen Erfolg "Pane,amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie) im Jahr 1953. Mit "Mio Dio come sono caduta in basso!" (Wie tief bin ich gesunken, 1974) und "La donna della domenica" (Die Sonntagsfrau, 1975) folgten weitere Komödien, bevor er gemeinsam mit Mario Monicelli, Ettore Scola, Nanni Loy und Luigi Magni den satirischen Episodenfilm "Signore e signori, buonanotte" (1976) verfasste und drehte.

"Delitto d'amore" (Ein Verbrechen aus wahrer Liebe) entstand 1974 zwischen diesen komödiantischen Werken und bildete mit seinem ernsten, realistischen Gestus eine Ausnahme. Es bleibt Spekulation, ob sich Luigi Comencini, der seine Gesellschaftskritik in der Regel verklausulierte, von den damaligen politischen Auseinandersetzungen mitreißen ließ, denn er wählte als Hintergrund für seine Geschichte die Situation der Arbeiter in einer norditalienischen Industriestadt und beschreibt deren Lebens- und Arbeitsbedingungen nahezu dokumentarisch. Zudem verknüpfte er diese mit der Problematik der Süditaliener, die gezwungen waren in den Norden auszuwandern, um Arbeit zu finden. Die kulturellen Unterschiede, besonders hinsichtlich der Emanzipation der Frauen, waren eklatant, was die Vorbehalte der Einheimischen gegenüber den Zuwanderern noch bestärkte.

Die Familie des männlichen Protagonisten Nullo Branzi (Giuliano Gemma) nimmt entsprechend kein Blatt vor den Mund in ihrer Meinung über die Menschen aus dem Süden, die sie für schmutzig und faul halten. Da diese sich die Mieten in der Großstadt nicht leisten können, leben sie in außerhalb gelegenen Ghettos, ohne fließendes Wasser und in zu beengten Verhältnissen. Zwar wohnt Branzi mit seinen Eltern und Geschwistern in einem modernen Gebäude, aber die vollständig gefliesten Wände der Wohnung und das nüchterne Ambiente der Satellitenstadt hinterlassen den ähnlich pragmatischen Eindruck eines Lebens, dass nur von der Arbeit bestimmt wird.

Neben den harten Arbeitsbedingungen, denen die Frauen und Männer im Schichtbetrieb am Fließband ausgesetzt sind, lässt der Film auch die Umweltverschmutzung deutlich werden, die ungehemmt in Kauf genommen wurde. Comencinis Bilder verschmutzter Seen oder toter Vögel waren zum damaligen Zeitpunkt noch unüblich, da sie generell als Folge der Industrialisierung angesehen wurden. Auch von Nullo Branzi, der es gegenüber Carmela (Stefania Sandrelli) zwar bedauert, dass die wunderschöne Gegend, die er ihr zeigen wollte, inzwischen im Müll versinkt, der aber wie alle akzeptiert, dass die Frauen Milch am Arbeitsplatz gegen die giftigen Dämpfe bekommen, denen sie ausgesetzt sind. Selbst für die kommunistische Partei, die damals unter den Arbeitern sehr stark vertreten war - auch Branzi ist Genosse - und deren Diskussionen im Film einigen Raum einnehmen, ist die Umweltverschmutzung noch kein Thema - bis ein Unglück geschieht.

Obwohl nur wenige Filme ein ähnlich realistisches Bild der Lebensbedingungen der Arbeiter in den frühen 70er Jahren zeichneten, gilt "Delitto d'amore" nicht als speziell gesellschaftskritischer Film und gewann auch keine Auszeichnungen - im Gegensatz zu Comencinis zuvor gedrehter Komödie "Lo scopone scientifico", die heute als einer der besten 100 Filme Italiens angesehen wird und einige Preise erhielt. Zu verdanken ist diese zu unrecht fehlende Anerkennung der Liebesgeschichte zwischen Nullo Branzi und der Süditalienerin Carmela, die im Mittelpunkt des Films steht. Ausführlich widmet sich Comencini ihrer ersten Begegnung und ihrer beginnenden Liebe, die besonders von Carmelas wechselnden Hochs und Tiefs bestimmt wird. Während Giuliano Gemma jederzeit souverän agiert, übertreibt Stefania Sandrelli bewusst ihre schwer vorhersehbaren emotionalen Reaktionen, als Zeichen für den Druck, unter dem sie steht.

In ihrer Figur kulminieren sämtliche Konflikte - der Gegensatz zwischen den Traditionen ihrer Heimat und den liberalen Moralvorstellungen im Norden, ihr Außenseiterrolle in der Fremde, der wirtschaftliche Zwang bei schlechten Bedingungen arbeiten zu müssen, bis zu ihrem katholischen Glauben, der ihr eine kirchliche Trauung vorschreibt, während ihr Geliebter atheistisch erzogen wurde. Die Konsequenzen daraus lassen sich nicht verhindern, bis es zu der Situation kommt, die der Film in seiner ersten Szene zeigt. Nullo Branzi durchquert eine aufgebrachte Menschenmenge und zieht eine Waffe, bevor der Film beginnt die Entwicklung bis zu diesem Moment zu beschreiben.

Diese dramatisierende Konzeption drängt die vielen realistischen Details des Alltags in den Hintergrund und versucht nicht, mögliche politische Lösungen heraus zu arbeiten, sondern geht gemeinsam mit Nullo Branzi dessen Weg einer persönlichen Abrechnung, nicht ohne Grund die Folgen daraus weglassend. Denn "Delitto d'amore" ist ein emotionaler Film, der durch die Identifikation mit den Liebenden erfahrbar werden lässt, wozu Intoleranz, Armut, Ausbeutung und rücksichtslose Umweltverschmutzung führen können. Anders als in den Polit-Thrillern eines Damiano Damiani oder den um Objektivität bemühten Analysen eines Francesco Rosi, spielen nicht die Missstände die Hauptrolle, sondern die Liebe zwischen Carmela und Nullo - die Realität bildet nur den Rahmen für ihre Begegnung, aber das macht sie nicht weniger bedrückend.

"Delitto d'amore" Italien 1974, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Ugo Pirro, Darsteller : Stefania Sandrelli, Giuliano Gemma, Brizio Montinaro, Cesira Abbiati, Pippo Starnazza, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

Dienstag, 11. Dezember 2012

Il ritorno di Ringo (Ringo kommt zurück) 1965 Duccio Tessari


Inhalt: Ein abgehalfterter Soldat (Giuliano Gemma), der im Bürgerkrieg gekämpft hatte, kommt in einen kleinen Saloon und bestellt einen Drink. Er erkundigt sich beim Wirt über die vergangenen Jahre und erfährt, dass eine Gruppe mexikanischer Banditen unter der Führung der Brüder Paco (George Martin) und Esteban Fuentes (Fernando Sancho) die Kontrolle über die Gegend übernommen haben. Auf die Frage nach einem „Ringo“ - wie Montgomery Brown auch genannt wird – bekommt er nur ein Achselzucken zur Antwort. Dieser wäre seit Jahren verschwunden und wahrscheinlich tot. Die Fuentes – Brüder haben seinen Vater ermordet und leben jetzt in dessen Haus. Zudem will Paco Fuentes demnächst Browns Frau Helen (Lorella De Luca) heiraten.

Zwei ebenfalls im Saloon sitzende Mexikaner, die zur Fuentes-Bande gehören, scheinen diese Fragen nicht zu gefallen, aber der Soldat, bei dem es sich um den vermissten Montgomery Brown handelt, erschießt sie, bevor sie ziehen können. Um die Lage erkundigen zu können, verkleidet er sich mit der Hilfe des Wirts in einen mexikanischen Landarbeiter und begibt sich auf der Suche nach Arbeit mitten in die Höhle des Löwen…


Nach dem Erfolg von "Una pistola per Ringo" (Eine Pistole für Ringo) im Frühjahr 1965, begann für Giuliano Gemma - zuerst noch unter dem Pseudonym Montgomery Wood - eine Hochphase als Hauptakteur im noch jungen Italo-Western-Genre. Im selben Jahr drehte er mit "Un dollaro bucato" (Ein Loch im Dollar) und "Adiós Gringo" zwei weitere Western, weshalb es nahe lag, auch mit Regisseur Duccio Tessari erneut die Erfolgsformel zu bemühen. Entsprechend entstand "Il ritorno di Ringo" (Ringo kommt zurück) mit dem beinahe identischen Team, außer das für Alfonso Balcázar diesmal Fernando Di Leo als Co-Autor fungierte, der später mit diversen Polizieschi ("Mafia-Trilogie") bekannt werden sollte.

Auch der Titel deutete auf eine unmittelbare Fortsetzung hin, weshalb es überrascht, dass beide "Ringo"-Filme sowohl in ihrer storytechnischen Anlage, als auch den Charakterisierungen wenig gemeinsam haben. Angesichts moderner Marketing-Strategien, die einem Erfolgsfilm schnell ein ähnliches Konzept folgen lassen, wirkt diese Eigenständigkeit bemerkenswert, deutet aber eher darauf hin, dass sich die dramatisch, düstere Sichtweise im Italo-Western zunehmend durchzusetzen begann, während "Una pistola per Ringo" noch dank seines ironisch, lässigen Charakters überzeugt hatte. Dass die Marketing-Regeln auch schon Mitte der 60er Jahre galten, wird an der Verwendung des Namens "Ringo" im Originaltitel deutlich, obwohl sich Gemma hier Montgomery Brown nennt und nichts mehr auf den originalen Ringo hinweist. Seine ernste Rolle als heimkehrender Soldat aus dem Bürgerkrieg ähnelt mehr seiner Hauptfigur in "Un dollaro bucato", der zwischen den beiden „Ringo“-Filmen entstand. Erst in „Arizona Colt“ (1966) sollte Gemma wieder den Typus des smarten Revolverhelden aufgreifen.

Ringo erwähnt in „Una pistola per Ringo“ einmal, dass er im Bürgerkrieg zuerst bei den Südstaaten gekämpft hätte, später dann aber zum Norden gewechselt wäre, als sich deren Sieg abzeichnete. Von diesem egoistischen, immer auf den eigenen Vorteil bedachten Charakter, der auch die Hauptakteure in Leones „Dollar-Trilogie“ auszeichnete, ist Montgomery Brown meilenweit entfernt. Giuliano Gemma spielt ihn als desillusionierten Offizier, der erfahren muss, dass sein nahe der mexikanisch/us-amerikanischen Grenze gelegener Heimatort inzwischen von einer mexikanischen Gangsterbande kontrolliert wird. Und das seine Frau Helen (Lorella De Luca), die seit Jahren nichts mehr von ihm gehört hatte, mit einem der zwei Anführer, Paco Fuentes (George Martin), im Haus seines zuvor ermordeten Vaters zusammen lebt. Im Vergleich zu dem hedonistischen Ringo, der sich nur dank guter Bezahlung von außen einmischte, hätte Tessari weder seinen Protagonisten, noch dessen Situation gegensätzlicher entwerfen können. Einzig Browns Fähigkeiten mit dem Revolver weisen Parallelen auf, aber um ihn herum entwickelte Tessari ein klassisches Drama um Verlust und Sühne.

Dass sich daraus kein typisches Western-Drama us-amerikanischer Prägung entwickelte, lag weniger an Fernando Sancho, der den zweiten Anführer der Banditen, Pacos Bruder Esteban, gewohnt direkt (in diesem Fall aber sehr elegant gekleidet) gab, noch an der dreckigen Optik des Ortes oder daran, dass „Il ritorno di Ringo“ im letzten Drittel die Erwartungen an umfangreiche Schusswechsel erfüllte, sondern an einem inszenatorischen Trick, mit dem Tessari Gemma die Möglichkeit gab, auch seine lässigen Seiten auszuspielen. Unabhängig davon, wie glaubwürdig eine solche Verkleidung tatsächlich ist, kann Gemma als mexikanischer Landarbeiter, als der er die Situation im Ort erkunden will, freier agieren. Nur unbewaffnet und als Mexikaner hat er eine Chance, von den Esteban-Brüdern und ihren Männern nicht sofort erschossen zu werden, muss sich aber einige Erniedrigungen gefallen lassen. Vor allem sein Zusammenspiel mit dem Totengräber (Manuel Muñiz), der sich gleichzeitig als Blumenliebhaber entpuppt, dem meist betrunkenen Sheriff (Antonio Casas) und der schönen Rosita (Nieves Navarro), ermöglicht Gemma die Differenzierung seiner Figur.

Nieves Navarro, die schon in „Una pistola per Ringo“ als weibliches Bandenmitglied die interessantere Frauenrolle innehatte, steht hier zwischen Fernando Sancho und Giuliano Gemma, dem zunehmend ihre Gunst gehört. Als Mexikaner kann sich Gemma den Flirt mit Dolores noch leisten, aber als guter amerikanischer Ehemann, der zudem feststellen muss, dass er während seiner Abwesenheit Vater der kleinen blonden Elisabeth wurde, steht er natürlich zu seiner Angetrauten, obwohl deren Rolle als Verlobte Paco Estebans, der die Hochzeit mit ihr energisch vorantreibt, moralisch auch nicht eindeutig ist. Leider deutet „Il ritorno di Ringo“ - im Gegensatz zu seinem konsequenteren Vorgänger - diese damals gewagten Konstellationen nur an, bleibt letztlich aber konventionell in seinem Familienbild, auch wenn die am Ende auf einem Esel davon reitende Dolores als Anspielung darauf zu verstehen ist, was hätte sein können. Trotzdem verfällt der Film nicht in Sentimentalitäten, was der straffen Inszenierung Tessaris zu verdanken ist, dem trotz aller Dramatik lockeren Spiel von Giuliano Gemma und der Musik von Ennio Morricone. Besonders der Moment, in dem Brown erkennt, dass er eine Tochter hat, gelingt es Morricone mit einer atonalen Begleitung, dessen Gefühle ohne Kitsch wiederzugeben - die bemerkenswerteste Szene des gesamten Films.

„Il ritorno di Ringo“ hätte ähnlich wie „Una pistola per Ringo“ stilbildend für das Genre werden können, was an einigen originellen Details deutlich wird. Doch die Story ist in ihrer dramatischen Anlage zu vorhersehbar, Giuliano Gemma als vorgetäuschter Mexikaner überzeugender als als seriöser Familienvater und dem abschließenden Showdown fehlen die überraschenden Momente. Dass „Il ritorno di Ringo“ trotzdem populärer als sein Vorgänger wurde, lässt erkennen, dass sich Duccio Tessari geschickt an der damaligen Erwartungshaltung des Publikums an einen Italo-Western orientierte - auch heute fügt er sich in das gewohnte Bild des Genres ein, ragt aber nur in wenigen Augenblicken darüber hinaus.

"Il ritorno di Ringo" Italien, Spanien 1965, Regie: Duccio Tessari, Drehbuch: Duccio Tessari, Fernando Di Leo, Darsteller : Giuliano Gemma, Fernando Sancho, Lorella De Luca, Nieves Navarro, George Martin, Laufzeit : 92 Minuten

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Dienstag, 27. November 2012

Una pistola per Ringo (Eine Pistole für Ringo) 1965 Duccio Tessari


Inhalt: Während sich der Sheriff (George Martin) mit seiner Verlobten Ruby (Lorella De Luca) und deren Vater Major Clyde (Antonio Casas) für das bevorstehende Weihnachtsfest verabredet und alle im Ort sich gegenseitig ein frohes Fest wünschen, überquert der mexikanische Bandenboss Sancho (Fernando Sancho) mit seinen Männern und einer Frau in einer offenen Kutsche die US-Grenze, wobei er die zwei Grenzsoldaten, die ihn aufhalten wollen, erschießt.

Derweil sitzt Ringo (Giuliano Gemma) im Gefängnis des Ortes, weil er in einem Duell vier Brüder erschossen hatte. Aus seiner Sicht ist er unschuldig, da er in Notwehr gehandelt hatte. Er sieht zu, wie die hübsche Dolores (Nieves Navarro) ins Büro des Sheriffs kommt und ihn um Hilfe bittet. Sie war von Sancho vorgeschickt worden, um den Sheriff abzulenken, denn inzwischen raubt seine Bande in aller Ruhe die Bank aus. Doch als sie fliehen, gelingt es dem Sheriff noch, Sancho anzuschießen und sofort die Verfolgung aufzunehmen, weshalb dieser gezwungen ist, mit seiner Bande auf der Ranch von Major Clyde Zuflucht zu suchen…


"Una pistola per Ringo" (Eine Pistole für Ringo) kam nur wenige Monate nach "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) in die italienischen Kinos, steht aber heute, trotz seines damaligen Erfolgs und dem damit verbundenen Aufstieg Giuliano Gemmas zu einem der bekanntesten Darsteller des Genres, im Schatten von Leones stilbildendem Werk. Das begründet sich nicht allein durch dessen Qualität, sondern durch die unzähligen Nachahmer, die vor allem auf die Karte des schweigsamen Pistolero setzten, der sich mit einer Horde sadistischer Banditen auseinandersetzen musste, von Sergio Corbucci in "Django"(1966) noch weiter zugespitzt. Dadurch wurde die Darstellung einer dreckigen, unbarmherzigen Sozialisation, in der nur das Recht des Stärkeren etwas galt, ein Menschenleben dagegen nichts, zum Abbild des Italo-Western schlechthin und damit der Antwort auf den klassischen Hollywood-Western, obwohl nur wenige Filme die inhaltliche Qualität der Leone-Filme oder von Corbuccis "Il grande Silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) aufwiesen.

"Una pistola per Ringo" wirkt in diesem Kontext noch nah am us-amerikanischen Vorbild. Fast sauber mit einer im Umfeld der Ranch des Großgrundbesitzers Major Clyde (Antonio Casas) angesiedelten Handlung, dessen Tochter Ruby (Lorella de Luca) mit dem adretten Sheriff (George Martin) der Stadt verlobt ist. Und einem in Ennio Morricones Titelsong als "Angel Face" besungenen Protagonisten Ringo (Giuliano Gemma, noch unter dem Pseudonym Montgomery Wood)), der äußerlich wenig von einem coolen, in sich ruhenden Helden ausstrahlt, auch wenn der Film gleich zu Beginn jeden Zweifel an seinen Schießkünsten ausräumt. Doch dieser Eindruck täuscht, denn Duccio Tessari, der als Drehbuchautor jahrelang mit Sergio Leone zusammen gearbeitet hatte - auch bei dessem ersten eigenständigen Film "Il colosso di Rodi" (Der Koloß von Rhodos, 1959) und bei "Per un pugno di dollari" - gelang mit "Una pistola per Ringo" ein nicht weniger innovatives Werk, das sich schon deutlich von den amerikanischen Western unterschied und dank seiner Originalität den Italo-Western beeinflusste.

Gewisse Parallelen zu Leones Referenzwerk sind offensichtlich - ein nur an Geld interessierter Held ohne Vergangenheit, ein auf wenige Orte beschränkter Handlungsspielraum, ein brutaler, aber nicht dummer Gegner (auch für Fernando Sancho der Start in die Italo-Western-Karriere als Gangsterboss) bis hin zu Morricones Musik - aber Duccio Tessari und seinem Co-Autor Alfonso Balcázar, der als Regisseur parallel eigene Western drehte (unter anderen "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City, 1965)), gelang es, nicht nur der Hauptfigur ganz neue Seiten abzugewinnen. Giuliano Gemma gab den „Ringo“ passend zu seinem glatten, hübschen Gesicht als äußerlichen Gegenentwurf zu Clint Eastwoods „Fremden ohne Namen“, agiert im Film schnell und beweglich – für den ehemaligen Stuntman Gemma eine einfache Übung – und hat für jede Situation einen Spruch parat. Seine Figur stand eindeutig Pate für die späteren Western-Parodien von Terence Hill („Mio nome e nessuno“ (Mein Name ist Nobody, 1973)), aber Gemma gelingt es, trotz seiner provokativen Umgangsformen, jederzeit die Ernsthaftigkeit der Situation zu wahren.

Nach einem Banküberfall wird Sancho und seine mexikanische Bande dazu gezwungen, vor den Verfolgern in der nahe gelegenen Ranch von Major Clyde Zuflucht zu suchen. Sie nehmen den Major, seine Tochter Ruby und deren Arbeiter als Geiseln, um den Sheriff und seine Männer, die die Ranch umzingelt haben, dazu zu zwingen, sie über die nahe gelegene mexikanische Grenze entkommen zu lassen. Um ihrer Forderung Gewicht zu geben, erschießt Sancho jeden Morgen und Abend eine der Geiseln. In dieser konsequent umgesetzten Drohung, besonders dank der sadistisch anmutenden Spielchen, mit denen die Delinquenten nach dem Zufallsprinzip bestimmt werden, weist der Film eine für seine frühe Entstehungszeit ungewöhnliche Härte auf. Angesichts der versuchten Vergewaltigung von Ruby und einiger weiterer rücksichtsloser Morde, überrascht es, dass „Una pistola per Ringo“ heute als weniger brutaler Italo-Western gilt, was der lässig agierenden Figur des „Ringo“ zu verdanken ist, die sich nicht provozieren lässt und deren Handeln nicht von Rachegedanken bestimmt wird.

Einzig seine Verdienstmöglichkeiten bleiben für ihn die Motivation zu Handeln. Erst als ihm 30% des gestohlenen Geldes als Belohnung offeriert werden und er offiziell von einer Anklage wegen vierfachen Mordes freigesprochen wurde – es war natürlich Notwehr, wie immer bei Ringo - ist er bereit, sich zu den Gangstern zu begeben, um diese quasi von Innen heraus zu überwältigen. Was ihn aber nicht daran hindert, mit Sancho über einen höheren Anteil zu verhandeln, um ihm stattdessen die Flucht zu ermöglichen. In dieser Mentalität, jederzeit den eigenen Vorteil im Auge zu behalten und zwei Seiten gegeneinander auszuspielen, zeigen sich eindeutige Parallelen zwischen ihm und Leones „Fremden ohne Namen“ in „Per un pugno di dollari“, ebenso wie in dem Mindestmaß an Moral, dass sie von den sonstigen Gangstern unterscheidet. Doch während Eastwoods cooler Charakter ein solches Verhalten noch erwarten ließ, war Gemmas plaudernder „Milchbubi“ in dieser konsequent zwiespältigen Gestaltung überraschend neuartig.

Das gilt entsprechend für die gesamte Story, denn der Titel „Una pistola per Ringo“ ist hier Programm. Einzig in Ringos erster Szene kommt es zu einem klassischen Duell, während ihm danach ständig die Schusswaffen abhanden kommen. Selbst beim Showdown bleibt Tessari seiner Linie treu und verzichtet gegen jede Erwartung auf typische Revolver-Duelle. Ähnlich ungewöhnlich agiert auch der Großgrundbesitzer Major Clyde, der zwar souverän und standesgemäß auftritt, sich aber in das weibliche Mitglied der mexikanischen Bande, Dolores (Nieves Navarra), verliebt, und ihr erfolgreich den Hof macht. Damals ein klarer Verstoß gegen konservative Regeln, zudem Dolores im Alter seiner Tochter Ruby ist, die sich wenig begeistert von den Amouren ihres Vaters zeigt. Auch ihr Charakter entwickelt sich ungewöhnlich, denn ihre Liebe zum Sheriff spielt für den weiteren Verlauf der Handlung genauso wenig eine Rolle, wie der Sheriff selbst. Stattdessen wird eine Annäherung zu Ringo spürbar, welcher diese aber wieder großzügig an den Sheriff zurück leitet – er selbst verfolgt andere Prioritäten.

Die Nähe zu Leones „Per un pugno di Dollari“, an dem Duccio Tessari mitgearbeitet hatte, bleibt in „Una pistola per Ringo“ spürbar, aber der Film entwickelt darüber hinaus einen ganz eigenen, ungewöhnlichen Charakter. Nicht nur die Hauptfigur des Milch trinkenden Pistolero oder das Handeln der weiteren Protagonisten, sondern allein schon die Ansiedlung der Story vor dem Hintergrund des Weihnachtsfestes und dem daraus entstehenden Gegensatz von Gewalt und traditionellen Feierlichkeiten – ab der ersten Szene offenkundig, als zwei Männer statt sich zu duellieren, Weihnachtsgrüße ausrichten – machten aus „Una pistola per Ringo“ einen Film, der bis heute seine Eigenständigkeit bewahrt hat. Zwar drehte das nahezu identisch besetzte Team noch im selben Jahr mit „Il ritorno di Ringo“ (Ringo kehrt zurück) einen Nachfolger, aber dieser hatte inhaltlich eine ganz andere Gewichtung und verfügte nicht mehr über den stimmigen und lässigen Charakter des Originals.

"Una pistola per Ringo" Italien, Spanien 1965, Regie: Duccio Tessari, Drehbuch: Duccio Tessari, Alfonso Balcázar, Darsteller : Giuliano Gemma, Fernando Sancho, Lorella De Luca, Nieves Navarro, George Martin, Laufzeit : 95 Minuten

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Donnerstag, 4. Oktober 2012

Arizona Colt 1966 Michele Lupo


Inhalt: Die Bande von Torrez Gordo Watch (Fernando Sancho) überfällt ein Gefängnis, um deren Insassen als neue Mitglieder zu rekrutieren. Allerdings nicht ganz freiwillig, denn wer sich von den gerade Befreiten nicht dazu bereit erklärt, sich das Zeichen der Schlange auf den Arm brennen zu lassen – womit die Zugehörigkeit zu Watchs Truppe manifestiert wird – wird erschossen. Einzig ein Mann, der trotz des blutigen Kampfes das Gefängnis in gepflegtem Zustand verlässt, hat keine Lust, sich auf Watchs Vorstellungen einzulassen. Dank seiner hervorragenden Schießkünste, kann er, der sich Arizona Colt (Giuliano Gemma) nennt, mehrere Versuche der Truppe abzuwehren, ihn zu erwischen, und gelangt unversehrt mit der Postkutsche nach Blackstone Hill.

Auch ein Bandenmitglied von Watch, der verschlagene Kay (Nello Pazzafini) reist mit ihm, aber Arizona kümmert sich nicht weiter um diesen, sondern sucht im Saloon naive Pokerspieler, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Kay erkundet inzwischen die Sicherheitsmaßnahmen der Bank und ermordet Dolores (Rosalba Neri), die Tochter des Saloonbesitzers, als diese beim Liebesspiel sein Bandenabzeichen entdeckt. Um den Mörder für diese Tat zu bestrafen, beauftragt ihr Vater Arizona, Kay Gefangen zu nehmen. Da Arizona die angebotenen 500 Dollar zu wenig sind, verlangt der Kopfgeldjäger als zusätzliche Bezahlung eine Nacht mit der zweiten Tochter des Saloonbesitzers – der blonden Jane (Corinne Marchand).


"Arizona Colt" war für Regisseur Michele Lupo nicht nur sein erster Italowestern - sieht man von seinem komödiantisch angelegten Western-Beitrag "Per un pugno nell'ochio" (1965) einmal ab - sondern auch der Beginn einer lang anhaltenden Zusammenarbeit mit seinem Hauptdarsteller Giuliano Gemma (bis "California" (Der Mann aus Virginia, 1977)) , bevor er ab 1978 mit "Lo chiamavano Bulldozer" (Sie nannten ihn Mücke) zum Hausregisseur für Bud Spencer wurde. Gemma selbst hatte schon Erfahrung als Westernheld, denn seit "Una pistola per Ringo" (1965) von Duccio Tessarii entwickelte er sich zu einem führenden Darsteller des Genres.

Das wirkt ein wenig überraschend, angesichts seiner glattgesichtigen Erscheinung, die eher an Mamis Liebling erinnert, als an einen verwegenen Revolverhelden, aber damit lag Gemma durchaus auf der Linie anderer gut aussehender Helden des Italowestern wie Clint Eastwood oder Franco Nero, die sich nur ein verwegeneres Outfit zulegten. Aus heutiger Sicht wirken die Tabuverletzungen des Genres selbstverständlich, aber während seiner Entstehungszeit Anfang/Mitte der 60er Jahre, galten noch deutlich strengere moralische Regeln, die mit Bedacht gebrochen werden mussten. So adrett der Kopfgeldjäger Arizona Colt (Giuliano Gemma) auch aus dem Gefängnis tritt, nach dem die Bande von Torrez Gordo Watch (Fernando Sancho) dieses überfallen und die Inhaftierten befreit hatte, um neue Mitglieder zu rekrutieren, so notwendig war sein angenehmes Äußeres, um seinen Charakter als Identifikationsfigur gegen den Strich bürsten zu können. Nachdem Gemma 1965 in "Un dollaro bucato" (Ein Loch im Dollar), "Adiós Gringo" und seinem zweiten "Ringo"-Film "Il ritorno di Ringo" (Ringo kommt zurück) ernsthafte Charaktere verkörpert hatte, kam er in "Arizona Colt" wieder auf seinen ironisch, lässigen Typus aus "Una pistola per Ringo" zurück.

Sehr schön werden die damaligen Normen an der deutschen Fassung sichtbar, die 1967 erheblich geschnitten in die Kinos kam. Die Kürzungen betreffen dabei weniger die Brutalitäten, für die fast ausschließlich Gangsterboss Watch zuständig ist, als Arizonas privaten Umgang mit der blonden Jane (Corinne Marchand). Das diese in seinen Fokus gerät und nicht ihre sehr hübsche Schwester Dolores (Rosalba Neri), basierte auf einer Grundregel, die auch im Italowestern nicht gebrochen werden durfte. Mit ihrem südländischen Aussehen und den dunklen Haaren übernahm Dolores im Gegensatz zu ihrer jungfräulichen Schwester den promiskuitiven Part, was folgerichtig zu ihrem baldigen Tod führt. Als sie gegen Bezahlung mit dem finsteren Kay (Nello Pazzafini) im Heu landet, erkennt sie zufällig das Zeichen der Schlange an dessen Arm - und damit die Zugehörigkeit zur Bande von Watch, für den er in der Stadt die Sicherheitsvorkehrungen der ortsansässigen Bank auskundschaften soll.

Um den Mörder seiner Tochter nicht entkommen zu lassen, beauftragt deren Vater Arizona, diesen Dingfest zu machen, wozu er sich gerne bereit erklärt - gegen angemessene Zahlung natürlich. Da ihm die avisierten 500 Dollar aber zu wenig sind, verlangt er als Bonus eine Nacht mit der blonden Jane. Was heute eher wie ein Gag klingt, war damals ein klarer Verstoß gegen jeden moralischen Anstand. Und Arizona behält diese Haltung auch aufrecht, als das blonde Töchterchen an seine Gefühle appelliert - immer gilt für ihn zuerst der finanzielle Vorteil. Wie sehr der deutsche Verleih diesen schön miesen Charakterzug abzuschwächen versuchte, erkennt man an den Schnitten. Bevor beispielsweise Janes Vater eingreift und das nächtliche Zusammensein untersagt, hatten sie sich schon geküsst - allerdings nicht im deutschen Kino.

Giuliano Gemma spielte seine Rolle immer mit einem Augenzwinkern, leistete sich auch Spielereien, wenn er etwa die Klamotten von Kay anzieht, weil seine Löcher bekommen hatten, blieb aber in der Sache konsequent. Den Bodycount an unschuldigen Bürgern wagt selbst heute kein Filmemacher mehr, bevor sich der Held endlich bequemt, doch noch einzugreifen. Franco Nero wirkt in "Django" wesentlich cooler, ist in seinem Charakter aber braver. Was in Sergio Corbuccis im gleichen Jahr erschienenen Film stilisiert und bewusst überzeichnet dargestellt ist, bleibt in "Arizona Colt" eher lässig, weniger extrem. Zwar zieht auch Watch alle Register als Übeltäter, erschießt aus einer Laune heraus Unschuldige oder knallt unbewaffnete Männer von Hinten ab, denen er zuvor die Freiheit versprochen hatte, aber er pflegt dabei nie einen Menschen verachtenden oder sadistischen Gestus wie die Gangster in "Django"

Dadurch fehlt "Arizona Colt" die zugespitzte Spannung und in der Konsequenz daraus das Schüren eines hasserfüllten Konflikts. Selbst beim Showdown gibt es Gelächter. Stattdessen bleiben dank der fast zweistündigen Laufzeit genügend Gelegenheiten, weitere Nebenfiguren einzuführen, wie den Säufer "Whiskey" (Roberto Camardiel), der erst mit den Gangstern gemeinsame Sache macht, um dann sein Gewissen zu entdecken. Eine politisch relevante Komponente, wie sie im Italowestern häufig anzutreffen ist, existiert nicht, sieht man von ein paar Seitenhieben auf das Bürgertum in der Kleinstadt ab.

Insgesamt nimmt der Film eher ein ruhiges Tempo an, weshalb er für Freunde der ganz harten Gangart sicherlich ein wenig hinter den Erwartungen zurückbleibt, auch wenn die Anzahl an Schießereien und Prügeleien hoch ist. Dafür kann "Arizona Colt" mit einer schlüssigen Story und nachvollziehbaren Charakteren überzeugen. Gemeinsam mit den schönen, atmosphärischen Bildern und einer stylischen Musik ein großes Vergnügen, keineswegs nur für Fans des Genres.


"Arizona Colt" Italien, Frankreich 1966, Regie: Michele Lupo, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Luciano Martino, Michele Lupo, Darsteller : Giuliano Gemma, Fernando Sancho, Corinne Marchand, Nello Pazzafini, Rosalba Neri, Laufzeit : 113 Minuten

Samstag, 12. September 2009

Il prefetto di ferro (Die Rache bin ich) 1977 Pasquale Squitieri

Inhalt : Obwohl er vor der Machtergreifung der Faschisten noch gegen diese gekämpft hatte, wird Cesare Mori (Giuliano Gemma) ausgerechnet von Mussolini als neuer Präfekt nach Sizilien geschickt, um dort gegenüber der Mafia die Machtbefugnisse des Staates durchzusetzen. Mori hatte sich Jahre zuvor schon als konsequenter Vertreter des Gesetzes erwiesen, der mit eisernem Besen aufzuräumen pflegte.

Dieser Ruf eilt ihm voraus, weshalb er schon auf der Zugfahrt nach Palermo zwischen zwei Haltepunkten den Zug verlässt, um eine
n Informanten zu treffen, der den Mut hat gegen die Mafia auszusagen. Doch er muss feststellen, dass seine Vorgehensweise keineswegs verborgen blieb, und man versucht, ihn mit brutalsten Mitteln zu diskreditieren, um gar nicht erst das Vertrauen der Bevölkerung in seine Stärke entstehen zu lassen. Am nächsten Morgen wird er in das Haus seines Informanten gerufen, dass von Leichen übersät ist, doch der eigentliche Kampf beginnt erst jetzt...

Man sollte über die deutsche Gewohnheit, einem Film einen reißerischen Titel zu verpassen, der nichts mit dem Original zu tun hat, kein Wort verlieren, aber im Fall von "Il prefetto di ferro" ist diese Vorgehensweise deshalb erwähnenswert, weil sie genau das Gegenteil von dem vermittelt, was Regisseur Pasquale Squitieri mit seinem Film bezweckt hatte. Während "Die Rache bin ich" auf eine emotional bestimmte Handlungsweise schließen lässt, bemüht sich der Film im Gegenteil um Zurückhaltung und stellt einen Protagonisten in den Mittelpunkt, der in seiner rationalen Arbeitsweise jede persönliche Intention von sich weist.

"Der Präfekt aus Eisen" wurde Cesare Mori (Giuliano Gemma) von der sizilianischen Bevölkerung genannt, weil seine Methoden, die mafiösen
Strukturen zu bekämpfen, als unbarmherzig und rücksichtslos galten. Schon an dieser Haltung ist Squitieris Zwiespalt festzumachen, denn der überzeugte Kommunist, der sein Filmhandwerk unter anderem bei Francesco Rosi gelernt hatte, stellte eine historische Person in den Mittelpunkt, deren Leistung bis heute zu sehr unterschiedlichen Interpretationen Anlass gibt. Fest steht allein, dass es ihm gelang, den Einfluss der Mafia auf Sizilien zurückzudrängen und deren Macht für einen Moment zu brechen, aber die Methoden, die er dafür anwenden konnte, basierten auf einer von Mussolini erteilten uneingeschränkten Machtbefugnis.



Cesare Mori selbst war kein Faschist, weshalb er unmittelbar nach Mussolinis Machtergreifung 1922 aus dem Dienst entlassen wurde, da er die von den Faschisten aufgebaute und aus seiner Sicht ungesetzliche Volksfront bis dahin vehement bekämpft hatte. Doch angesichts der unlösbaren Probleme auf Sizilien, erinnerte sich Mussolini wieder an Mori und setzte ihn dort als Präfekten ein. Mori verstand sich als Staatsdiener, der dessen Gesetzen Geltung verschaffen wollte, und da inzwischen die faschistische Partei die Regierung Italiens bildete, galten deren Regeln auch für ihn. Eine zu große Nähe zu den Faschisten konnte nicht im Sinne Squitieris sein, weshalb dem Film jederzeit das Bemühen anzumerken ist, das Trennende zwischen den korrupten, etwas einfach gestrickten und nur auf Außenwirkung bedachten Vertretern der faschistischen Partei und dem kultivierten, immer beherrschten und nie an den eigenen Vorteil denkenden Mori herauszuarbeiten. Doch die daraus entstehende Frage, warum Mori niemals eine echte Antihaltung gegenüber den Faschisten zeigte ( im Film spielt er immer geschickt mit deren eigenen Vorstellungen, um zu starke Verbrüderungen zu vermeiden), stellt sich Squitieri nicht.


In "Il Prefetto di ferro" wird weiteres ambivalentes Potential sichtbar. Auch die Rolle der Mafia ist nicht eindeutig, da sie einerseits die Bewohner der Insel unterdrückte und ohne Rücksicht mordete, andererseits tief in ihr verwurzelt war, von deren Armut profitierte und dem daraus resultierenden Hass auf die Herrschenden. Wie wichtig Squitieri die Rolle der Bevölkerung war, ist an der erfundenen Figur Anna Torrisi, gespielt von seiner langjährigen Lebensgefährtin Claudia Cardinale, zu erkennen. Die Wandlung der einfachen Frau aus dem Volke von totaler Ablehnung gegenüber dem neuen Präfekten bis zu einer vertrauensvollen Haltung, soll Moris tatsächliche Intention - die Bevölkerung Siziliens vom Joch der Unterdrückung zu befreien - unterstreichen.
Die kühle Präzision, mit der Mori dabei vorgeht, wird durch eine fast statische Inszenierung, die nur selten emotionale Momente zeigt, unterstütz
t. Tatsächlich wirkt der ihm verliehene Titel als "Mann aus Eisen", angesichts seines fairen Umgangs auch mit offensichtlichen Verbrechern, ungerecht und in einem Moment beklagt Mori auch diesen Umstand. Körperliche Züchtigungen und unmenschliche Haftbedingungen kommen genauso wenig vor wie die zahlreichen Attentate, die in dieser Zeit auf Mori verübt wurden, als wollte der Regisseur damit eine emotionale Zuspitzung in der Auseinandersetzung vermeiden. Nur kurz vor dem Ende des Films wird ein solcher Versuch geschildert, aber dieser verweist schon auf Verschwörungen innerhalb höchster Kreise. Tatsächlich beliess es auch die historische Figur nicht bei der Verfolgung der Mitläufer, sondern suchte nach deren Hintermännern, was ihn direkt in die Führungsspitze der faschistischen Partei führte und damit zu seiner Abberufung durch Mussolini. 

"Die Mafia ist eine Hure, die sich den Herrschenden andient" - letztlich kann Mori nur die äußeren Symptome bekämpfen, aber nicht die Ursachen, weil die jeweiligen Machthaber selbst von den mafiösen Strukturen profitieren. Während die faschistische Partei großkotzig von der Vernichtung der Mafia spricht, ergeht sich Mori in fatalistischen Gedanken, was ihn aber nicht davon abhält, den Senatorenposten in Rom anzunehmen. Es gab eine Vielzahl von unangenehmeren Strafen, die unbequem gewordenen Zeitgenossen in dieser Phase zuteil wurden.
"Il prefetto di ferro" verfügt über eindrucksvolle Momente sezierender Klarheit, aber der fehlende Mut, die Ambivalenz hinter dem Geschehen zuzulassen, nimmt dem Film viel von seiner möglichen Wirkung. Das "Il prefetto di ferro" 1977 gedreht wurde, kann kein Zufall sein, denn zu dieser Zeit wurden die Verstrickungen der Mafia mit der damaligen konservativen Regierung zunehmend deutlich, aber anders als der von Damiani parallel gedrehte "Io ho paura" (Ich habe Angst), stellt der Film keine Verbindung zur Gegenwart her, sondern wirkt nur wie ein gelungener Historienfilm.

"Il prefetto di ferro" Italien 1977, Regie: Pasquale Squitieri, Drehbuch: Pasquale Squitieri, Arrigo Petacco, Darsteller : Giuliano Gemma, Claudia Cardinale, Stefano Satta Flores, Rossella Rusconi, Salvatore Billa, Laufzeit : 113 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Squitieri:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.