Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 6. Oktober 2015

Ad ogni costo (Top Job) 1967 Giuliano Montaldo

Inhalt: Der letzte Blick gilt noch seinen Schülern, die ihn am Flughafen verabschieden, bevor sich der pensionierte Professor James Anders (Edward G. Robinson) in das Flugzeug Richtung New York begibt. Ein Hubschrauber bringt ihn nach Manhattan, von wo er mit dem Taxi zu einem großen Landhaus gebracht wird, in dem sein alter Jugendfreund Mark Milford (Adolfo Celi) residiert, den er seit mehr als 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Anlass seines Besuchs ist rein professionell, denn Milford, ein landesweit bekannter Gangster-Boss, soll ihm helfen, ein Team für einen raffinierten Diamanten-Raub zusammenzustellen – eine Bitte, der dieser gerne nachkommt.

Mit den Kontaktdaten ausgerüstet trifft sich der Professor erst mit dem Soldaten Erich Weiss (Klaus Kinski), der die Aktion leiten soll, bevor er den Tresorknacker Gregg, den Techniker und Bastler Agostino Rossi (Riccardo Cucciolla) sowie den Playboy Jean-Paul (Robert Hoffmann) aufsucht. Sie Alle sollen gemeinsam nach seinen Plänen während des Karnevals in Rio de Janeiro einen Tresor in einem streng bewachten Gebäude knacken und einen Koffer mit Diamanten stehlen. Und zwar vollständig unbemerkt, da der Diebstahl erst nach dem Wochenende entdeckt werden darf, um den Beteiligten die Flucht aus dem Land zu ermöglichen – ein schweres Unterfangen…


Es gibt Filme, die lassen schon in den ersten, scheinbar harmlosen Momenten spüren, dass es unter ihrer Oberfläche brodelt - und dass sich Abgründe unter der sorgfältig gepflegten bürgerlichen Fassade verbergen. Dem ließe sich entgegnen, dass es sich bei den sogenannten "Heist-Movies“, die aus dem Blickwinkel der Täter einen groß angelegten Diebstahl schildern, grundsätzlich um eine zwiespältige Angelegenheit handelt. Das Publikum wird emotional auf die Seite von Räubern gezogen, deren Aufgabe es ist, unbemerkt von der Öffentlichkeit ihren Coup durchzuziehen. Im Idealfall ist nicht nur das Objekt der Begierde verschwunden, sondern fehlt jede Information über die Täter. Während das Verbrechen geschah, blieb die äußerliche Normalität gewahrt.

Seitdem Jules Dassin 1955 in „Du rififi chez les hommes“ (Rififi) einen solchen Raub in minutiöser Perfektion auf die Leinwand brachte, erfreut sich das Genre gleichbleibender Beliebtheit, wurde er für Mario Monicelli in „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer, 1958) zum Vorbild seiner prägenden Gauner-Komödie, sorgte für Amüsement im futuristisch angehauchten „Sette uomini d'oro“ (Sieben goldenen Männer, 1965) und diente Jean-Pierre Melville als Kulminationspunkt seiner Gangster-Ballade „Le cercle rouge“ (Vier im roten Kreis, 1970). Bis zur jüngeren „Ocean“-Trilogie mit George Clooney als Impresario einer Gruppe von Spezialisten oder der „Mission impossible“ Reihe, erfuhr die Idee eines besonders raffinierten Einbruchs unter schwierigsten Bedingungen wiederholte Variationen. Auch „Ad ogni costo“ (Top Job), der 1967 erfolgreich in den deutschen Kinos lief, reiht sich darin ein und gilt im Gesamtwerk des dank seiner gesellschaftskritischen Filme („Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti, 1971)) bekannten Regisseurs Giuliano Montaldo als Ausnahme.

Eine oberflächliche Betrachtungsweise, der Montaldo von Beginn an in seiner Inszenierung widersprach. Leider wurden in der deutschen Kinofassung die ersten 90 Sekunden gekürzt, in dem ein Schülerchor, angeleitet von weiß gekleideten Nonnen, ihrem in Pension gehenden Lehrer Professor James Anders (Edward G. Robinson) ein Abschiedsständchen gibt und ein großes „Danke“-Plakat ausrollt. Ennio Morricone griff in seiner Titelmusik auf diese Kinderstimmen zurück, verband sie mit lateinamerikanischen Rhythmen, Big-Band-Sound und einer ins Melancholische abdriftenden Trompetenmelodie, die genau den Kontrast zwischen seriösem Anschein und über Leichen gehender Egozentrik widerspiegelte, den Montaldo in seinem Film bis zur letzten Konsequenz auslebte. Eine Intention, an der schon der Originaltitel „Ad ogni costo“ (Auf eigene Kosten) keinen Zweifel ließ, den die internationalen Filmtitel „Grand Slam“ oder „Top Job“ aber leider zugunsten der reinen „Heist“-Thematik verwässerten.

Dabei könnte der Weg des Professors, der ihn zu seinem Jugendfreund Mark Milford (Adolfo Celi) in die USA führt, widersprüchlicher kaum sein. Erst die heile Welt der Schulkinder, dann das atemberaubende Panorama von New York, bevor er an der Pforte einer mondänen Villa klingelt. Dort wird er in die prächtig eingerichteten Räume eingelassen, gelangt in einen Konzertsaal, in der eine Festgesellschaft klassischer Musik lauscht, zu der sich eine junge Frau auf einer Bühne entkleidet. Von dort wird er in die hinteren, schwer bewachten Räume eingelassen, in denen der Hausherr und bekannte Gangster-Boss Mark Milford residiert. Der so seriös wirkende Professor bittet ihn um Hilfe bei der Auswahl des geeigneten Personals für seinen geplanten Coup. Jahrzehntelang hatte er aus dem gegenüber gelegenen Schulgebäude in Rio de Janeiro beobachtet, wie unter immer gleichen Voraussetzungen eine Lieferung Diamanten gebracht und in einem Tresor gesichert wurde. Entsprechend viel Zeit hatte er, um einen sicheren Plan auszutüfteln, für den er nur noch die notwendigen Spezialisten braucht.

Nach seiner Pensionierung will der Professor eine Ladung Diamanten für sich, bereit jedem Banden-Mitglied eine Million Dollar bei Erfolg auszuzahlen. Mehr erfährt der Betrachter nicht über seine Intention. Weder beklagt er sein bisheriges Dasein, noch kritisiert er den Reichtum Anderer. Auch über die Gesellschaft, die die Diamanten in Empfang nimmt, gibt es keine weiteren Informationen. Damit unterscheidet sich „Ad ogni costo“ entscheidend von ähnlichen Heist-Movies, auch von seinem Vorbild „Rififi“. Üblicherweise soll ein emotionaler Hintergrund Sympathien für die Diebe erzeugen oder bei dem zu bestehlenden Opfer handelt es sich selbst um eine kriminell agierende Persönlichkeit/Gesellschaft. Häufig auch beides, ebenso oft verbunden mit einem humorvollen Unterton. Nichts davon existiert in „Ad ogni costa“, der einzig die persönliche Bereicherung als Anlass gelten lässt.

Darin besteht auch die Intention für die vier Männer, die zwar zusammen arbeiten, unter denen es aber über den Job hinaus keine Verbindung gibt. Die im „Heist-Movie“ sonst fast zwangsläufige Buddy-Thematik wurde hier vollständig ausgehebelt, weil der Ideengeber gar nicht an der eigentlichen Aktion teilnimmt. Der Professor setzt als Stellvertreter den Soldaten Erich Weiss (Klaus Kinski) ein, der für die Koordination der beiden Spezialisten Gregg (George Rigaud) und Agostino Rossi (Riccardo Cucciolla) zuständig ist, die gemeinsam den Tresor knacken sollen. Den vermeintlich leichtesten Job hat der Playboy Jean-Paul (Robert Hofmann), der von der Sekretärin Mary Ann (Janet Leigh) für eine Stunde den Schlüssel zum Tresorraum organisieren soll – eine Aufgabe, die sich aber als die unberechenbarste herausstellt, da sich die wenig zugängliche Frau als immun gegen den sonst so unwiderstehlichen Verführer erweist. Ernst wird er von seinen Mitstreitern trotzdem nicht genommen. Im Gegenteil bestraft ihn Anführer Weiss nur mit Verachtung – Solidarität innerhalb der Truppe gibt es nicht.

Diese Konstellation nahm der Story die Berechenbarkeit, die neben den typischen unerwartet auftretenden Schwierigkeiten für eine stetig steigende Spannungskurve sorgte. Dass der Betrachter trotz der auf jede emotionale Schürung verzichtenden Story mit den Dieben mitfiebert, ist den vier Hauptakteuren zu verdanken, die ihre bewusst eindimensional angelegten Rollen mit Leben erfüllten. Kinskis Testosteron gesteuerter Aktionismus, Rigauds Coolness auch in schwierigsten Situationen, Cucciollas heimliche Sehnsüchte (dem die Begegnung mit der hübschen Brasilianerin in der deutschen Fassung vollständig genommen wurde) und Hoffmanns wachsende Verzweiflung in der Konfrontation mit der eiskalt wirkenden Janet Leigh, ergeben einen heißen Tanz inmitten der vom Karneval aufgeputschten Stadt, der vergessen lässt, dass hier alles nach einem perfiden Plan abläuft. So wie sich die seriöse Fassade des Professors als brüchig erweist, verbarg „Ad ogni costo“ die Abgründe des menschlichen Egoismus unter dem Deckmantel eines Unterhaltungsfilms.

"Ad ogni costo" Italien, Deutschland, Spanien 1967, Regie: Giuliano Montaldo, Drehbuch: Mino Roli, Paolo Bianchini, Augusto Caminito, Marcello Fondato, Marcello, Coscia, José Antonio de la Loma, Darsteller : Klaus Kinski, Robert Hoffmann, George Rigaud, Riccardo Cucciolla, Edward G. Robinson, Janet Leigh, Adolfo Celi, Laufzeit : 120 Minuten

Der Film lief in der deutschen Kinofassung beim 6. Forumtreffen "Deliria Italiano" in Wien vom 03. bis 04.10.2015

weitere im Blog besprochene Filme von Giuliano Montaldo:

Sonntag, 20. Juli 2014

Geheimcode Wildgänse (Arcobaleno selvaggio) 1984 Antonio Margheriti

Inhalt: Wesley (Lewis Collins) befehligt eine Einheit freischaffender Söldner, die sich auf besonders gefährliche Einsätze spezialisiert hat, weshalb auch die Trainingsmethoden wenig zimperlich ausfallen. Wegen seiner Härte rumort es innerhalb der Mannschaft, aber Wesley kann sich bei der Auswahl seiner Männer keine Schwächen und Disziplinlosigkeiten leisten.

Wie notwendig diese Perfektion ist, erweist sich, als Wesley von Fletcher (Ernest Borgnine) und Charleton (Klaus Kinski) in Hongkong empfangen wird, die ihn und seine Männer beauftragen, ein Drogen-Camp zu zerstören, dass sich inmitten eines von Militärdiktatur und Guerilla umkämpften Gebiets befindet. Den US-Amerikaner Fletcher motivieren persönliche Gründe, aber die Rolle Charletons bleibt im Ungewissen. Schon in Hongkong entkommt Wesley nur knapp seinen Verfolgern – ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihn im asiatischen Dschungel erwartet…


Knapp zehn Jahre nach dem Rückzug des US-amerikanischen Militärs aus Vietnam schien auch Regisseur Antonio Margheriti seine Schlachten geschlagen zu haben. Der amerikanische Darsteller David Warbeck hatte als Vertreter der US-Armee gefährliche Missionen in "L'ultimo cacciatore" (Jäger der Apokalypse, 1980), "Fuga dall'arcipelago maledetto" (Höllenkommando zur Ewigkeit, 1982) und "Tornado" (Im Wendekreis des Söldners, 1983) im vietnamesischen Dschungel bestanden, jeweils gedreht auf den Philippinen und produziert von Gianfranco Couyoumdjian, der auch die Drehbücher schrieb - zu den beiden Nachfolgern von "L'ultimo cacciatore" gemeinsam mit Tito Carpi. Nur der Schweizer Produzent Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich noch nicht genug davon und verpflichtete das komplette Kreativ-Team für einen erneuten Söldner-Aufguss, nachdem er sein fast 20jähriges Engagement im Erotik-Genre beendet hatte.

Wie schon während seiner Zusammenarbeit mit Jesus Franco (siehe den Essay "Die 70er Jahre Erotik-Connection") hatte Dietrich erheblichen Einfluss auf die Besetzung des als deutsch-italienische Co-Produktion entstandenen Films. Mit seinem Kameramann Peter Baumgartner gehörte sein langjähriger Mitstreiter ebenso zum Team wie eine Vielzahl damals unbekannter deutscher Schauspieler, die unter dem als neuen Hauptdarsteller verpflichteten englischen TV-Star Lewis Collins ("Die Profis" 1977-1983) Mitglieder der Söldner-Truppe mimten. Manfred Lehmann, Thomas Danneberg oder Frank Glaubrecht haben heute einen hervorragenden Ruf als Synchron-Sprecher, als Stars wurden von Dietrich aber die leicht gealterten Ernest Borgnine und Lee Van Cleef engagiert, dazu noch die US-Mimin Mimsy Farmer - ebenfalls erfahren im italienischen Genre-Film ("Il profumo della signora in nero" (Das Parfüm der Dame in Schwarz, 1974)) - und fast obligatorisch Klaus Kinski, der nach seinen vielen Italo-Western-Einsätzen nun auch im italienischen Action-Film der 80er Jahre sein Talent als Finsterling beweisen durfte.

So vorhersehbar diese Konstellation klingt, muss man Dietrich zugestehen, Margheritis Dschungel-Action-Filmen damit neuen Schwung verliehen zu haben. Zwar entstand "Geheimcode Wildgänse" (italienischer Verleihtitel "Arcobaleno selvaggio") ebenfalls auf den Philippinen, aber nicht mehr der Vietnam-Krieg stand im Mittelpunkt, sondern die Herstellung von Heroin im sogenannten „Goldenen Dreieck“ in den angrenzenden asiatischen Staaten Thailand, Laos und Burma, kombiniert mit klassischen Elementen der Militärdiktatur, dabei konkrete Anspielungen auf tatsächliche Ereignisse vermeidend. Autor Gianfranco Couyoumdjian, auch Co-Produzent an der Seite Dietrichs, und Tito Carpi nutzten diese Vorlage für ein buntes Gemisch aus Guerilla-Kämpfen, Militär-Aktionen und den Interessen internationaler Multis am einträglichen Drogen-Geschäft, die von Hongkong aus agieren.

Hier beginnt auch die Handlung, in der Wesley (Lewis Collins) und seine Spezialeinheit den Auftrag erhalten, die schwer bewachten Drogen-Küchen auszuschalten. Zwar bekommen sie Unterstützung durch die heimischen Guerilla-Kämpfer, aber nachdem sie ein erstes Drogen-Camp ausgeschaltet haben, erweist sich ihre Aufgabe zunehmend als Todeskommando, da auch ihre Auftraggeber eigene Interessen verfolgen, wie sich schon in Hongkong ankündigte, als Wesley nur knapp einem Anschlag entging. Ein zu tiefes Eindringen in die inhaltliche Logik erweist sich als ebenso wenig sinnvoll, wie die häufig geäußerten Vorwürfe von Rassismus und Gewaltverherrlichung, denen sich Margheritis Dschungelfilme während ihrer Entstehungszeit ausgesetzt sahen. Trotz typischer Klischees – hier die europäischen/us-amerikanischen Kämpfer für die richtige Sache, dort die asiatischen Despoten – erstaunt aus heutiger Sicht die Ausgewogenheit in der Schuldfrage international agierender Banden und der fehlende Heroismus in den Aktionen der Söldner trotz ihrer ständigen Kämpfe, Schusswechsel und Explosionen.

Selbst die Gewaltdarstellungen wirken mit dem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten weniger explizit oder sadistisch, sondern reihen sich angemessen in ein gut inszeniertes Abenteuerspektakel - wie gewohnt überzeugte Margheriti mit atemberaubenden Stunts und knalligem Feuerwerk - das trotz seiner linearen Erzählform und den üblichen Charakteren des Kriegsfilm-Genres unterhaltend und im Detail überraschend bleibt. Für die langjährigen Begleiter des Regisseurs - Gianfranco Couyoumdjian und Tito Carpi - wurde es die letzte Zusammenarbeit, während Produzent Dietrich noch zwei weitere Filme mit Lewis Collins in der Hauptrolle und seiner Stammbesetzung folgen ließ – „Kommando Leopard“ (1985) und „Der Commander“ (1986) – die die Thematik nur leicht variiert wiederholten, aber nicht mehr an die qualitative Dichte von „Geheimcode Wildgänse“ herankamen.

"Geheimcode Wildgänse" Deutschland, Italien 1984, Regie: Antonio Margheriti, Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Couyoumdijan, Michael Lester, Darsteller : Lewis Collins, Ernest Borgnine, Lee Van Cleef, Klaus Kinski, Mimsy Farmer, Manfred Lehmann, Thomas Danneberg, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Margheriti:

Dienstag, 25. Dezember 2012

Per qualche Dollaro in più (Für ein paar Dollar mehr) 1965 Sergio Leone

Inhalt: Ein schwarz gekleideter Mann (Lee Van Cleef), den ein Fahrgast für einen Priester hält, stoppt den Zug an einem kleinen Bahnhof, an dem dieser normalerweise nicht hält. Doch schon sein Blick genügt, dass der Zugschaffner ihn gewähren lässt. Denn der ehemalige Offizier Colonel Mortimer verfolgt in dem kleinen Nest einen eigenen Plan und lässt sich nicht aufhalten. Das muss auch der Gangster erfahren, den er auf offener Straße mit einem gezielten Schuss tötet, bevor er dessen Lösegeld kassiert.

Auch Monco (Clint Eastwood) hat gerade einen Job erledigt, lässt sich von dem feigen Sheriff die Belohnung auszahlen und beabsichtigt, einen noch weit aus lukrativeren Job anzugehen. Inzwischen wurde der Bandenboss „El Indio“ (Gian Maria Volonté) aus dem Gefängnis befreit, auf den ein Lösegeld von 10.000 Dollar ausgesetzt ist. Monco ahnt, dass dieser die Bank in El Paso ausrauben wird, denn diese gilt als die am besten geschützte Bank weit und breit. Er macht sich auf den Weg dahin, aber Colonel Mortimer hat ähnliche Pläne…


Im Gegensatz zu Duccio Tessari, der seinem Anfang 1965 erschienenen "Una pistola per Ringo" (Eine Pistole für Ringo) noch im selben Jahr mit "Il ritorno di Ringo" (Ringo kommt zurück) einen weiteren Western folgen ließ - den überraschenden Erfolg des Genres an den Kinokassen nutzend - ließ sich Sergio Leone, der mit "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) den Boom erst ausgelöst hatte, ein gutes Jahr Zeit für den Dreh seines Nachfolgers "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr). Mit Clint Eastwood und Gian Maria Volonté waren die zwei Hauptdarsteller seines Western-Erstlings wieder mit an Bord, aber bis auf Fernando Di Leo scharte er ein neues Drehbuch-Team um sich, dass auf Basis von "Per un pugno di Dollari" eine Weiterentwicklung anstrebte. Für dessen Story hatte Sergio Leone Akira Kurosawas Drehbuch zu "Yojimbo" (Die Leibwache, 1961) zwar als Grundlage genommen, entscheidend für das Western-Genre wurde aber seine eigenständige Umsetzung, deren wesentliche Elemente er in "Per qualche dollaro in più" wieder aufgriff.

Besonders die Figur des "Mannes ohne Namen", von Clint Eastwood mit unnachahmlicher Coolness verkörpert, taucht hier erneut auf, auch wenn er sich diesmal "Monco" nennt. Optisch und in der Darstellung ähnlich, wurde sein Charakter weniger zwiespältig angelegt, indem Leone seinen zweiten Western ausschließlich unter Profis spielen lässt – unter Banditen und Kopfgeldjägern. Hatte seine fehlende Reaktion auf die Misshandlung eines Unschuldigen in „Per un pugno di Dollari“ noch irritiert - und damit seine rigorose Haltung, nur gegen Bezahlung aktiv zu werden - wird Monco in "Per qualche dollaro in più" damit nicht mehr konfrontiert. Im Gegenteil bekommt selbst sein Job als Kopfgeldjäger gleich einen positiven Anstrich, als er einen Job übernimmt, für den der amtierende Sheriff zu feige ist. Immer noch spielt Eastwood einen Mann ohne Vergangenheit und ohne private Bindungen, der wenig Hemmungen in der Umsetzung seiner Ziele kennt, aber die hohe Identifikation, die diese Rolle beim Publikum erzielte, führte offensichtlich dazu, dessen negative charakterliche Seite etwas abzuschwächen.

Für den weniger eindeutigen Part verpflichtete Leone stattdessen Lee Van Cleef, der in seiner schwarzen Kluft schon optisch das Gegenteil zum Poncho-Träger Monco verkörperte. Als ehemaliger Offizier ist Colonel Mortimer ebenfalls als Kopfgeldjäger unterwegs, lässt aber bei seinem Job eine sehr kalkulierte Vorgehensweise erkennen. Kaltblütig lässt er auf sich schießen, im Wissen, dass die die Kugeln seines Kontrahenten ihn nicht erreichen können, bevor er ihn mit seiner für große Entfernungen ausgelegten Waffe in die Stirn trifft. Auch als er sich mit Monco zusammen tut, weil Beide die hohe Belohnung für „El Indio“ (Gian Maria Volonté) einstreichen wollen, bleibt seine Rolle im Ungewissen, da Mortimer immer taktisch vorgeht, sein persönliches Risiko minimierend. Lee Van Cleef, zuvor im Hollywood-Film auf die Schurkenrollen abonniert, wurde als unberechenbarer Faktor den bekannten Antipoden Eastwood und Volonté zugeordnet - eine Konstellation, die den größten Unterschied zum Vorgängerfilm bedeutete.

Dagegen variiert Gian Maria Volonté seine Rolle als mexikanischer Bandenboss aus „Per un pugno di Dollari“. An seiner Bösartigkeit – zu Beginn erschießt er einen wehrlosen Mann und lässt ein Kind töten – gibt es ebenso wenig Zweifel, wie an seiner verbrecherischen Intelligenz, aber diesmal befindet er sich noch am Rande des Wahnsinns. Zwar deutlich reduzierter als in „C’era una volta il west“ (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968), zeigt Sergio Leone hier erstmals das Motiv einer subjektiv dargestellten Erinnerung, die erst in der Wiederholung ihren tatsächlichen Inhalt preisgibt. „El Indios“ zunehmend traumatische Erinnerungen sind eng mit seiner Uhr verbunden, deren Melodie – von Ennio Morricone teilweise großartig verfremdet – die Abläufe seiner Duelle bestimmt und in deren Deckelinnenseite sich das Bild einer hübschen jungen Frau befindet. Volonté gelingt es, dieser charakterlich so eindeutigen Figur menschliche Seiten abzugewinnen - von den oft klischeehaften sadistischen Verbrechertypen vieler Italo-Western ist er weit entfernt.

Neben dem Zusammenspiel der drei Protagonisten gab es kaum Raum für die weiteren Darsteller. Als einer von Wenigen blieb Klaus Kinski als buckliges Mitglied der Verbrecherbande in Erinnerung, der sich nur unter größten Mühen und der Hilfe eines Kameraden beherrschen kann, als ihn Mortimer bewusst provoziert. Während seine Rolle zum Ausgangspunkt einer langen Karriere im Western-Genre wurde, waren sonstige deutsche Darsteller, die in „Per un pugno di dollari“ noch wesentliche Rollen innehatten, aus der Besetzungsliste verschwunden. Obwohl auch an "Per qualche dollaro in più" deutsche Produktionsgelder beteiligt waren, zeigt sich darin Leones fortschreitende Professionalisierung, unterstützt von einem höheren Budget, die im Vergleich zum Erstling in allen Bereichen sichtbar wird. Die Gesamtlänge des Films von mehr als zwei Stunden erlaubte eine epischere Erzählweise, die Handlung spielte an wechselnden Orten, Ennio Morricone Musik gelangen wunderschöne Klangfarben und die Panoramabilder sowie langen Kameraeinstellungen wiesen schon auf Leones zukünftigen Stil hin.

Auch die Dreier-Konstellation wurde im letzten Teil der „Dollar-Trilogie“ „Il buono, il brutto, il cattivo“ (Zwei glorreiche Halunken, 1966) wieder aufgegriffen, aber in seinem Gesamteindruck ist "Per qualche dollaro in più" seinem Vorgängerfilm trotzdem näher. Ab „Il buono, il brutto, il cattivo“ bezog Leone relevante historische Ereignisse in die Handlung mit ein, hier beschränkte er sich noch auf die Interaktion zwischen den drei Protagonisten, womit der kammerspielartige Charakter des Erstlings trotz der Erweiterung des Spielraums gewahrt wurde. Dank der verbesserten Möglichkeiten und Lee Van Cleefs Rolle gelang die Story differenzierter und abwechslungsreicher, verlor aber gleichzeitig etwas von ihrer Ursprünglichkeit und Direktheit.

"Per qualche dollaro in più" Italien, Spanien, Deutschland 1965, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Sergio Leone, Luciano Vincenzoni, Fulvio Morsella, Darsteller : Clint Eastwood, Gian Maria Volonté, Lee Van Cleef, Klaus Kinski, Mario Brega, Laufzeit : 127 Minuten

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Samstag, 21. August 2010

Quien sabe? (Töte Amigo) 1966 Damiano Damiani

Inhalt : Mexiko während der Revolution nach 1910 - während die Staatsmacht Revolutionäre hinrichtet, überfallen Banden die Armee, um ihnen Waffen für die Revolution zu stehlen. Der US-Amerikaner Bill Tate (Lou Castel) wird Zeuge eines solchen Überfalls, als er den Zug nimmt. Spontan hilft er den Angreifern, in dem er den Lokführer erschießt, sich selbst aber als Geisel hinstellt. Dadurch gewinnt er das Vertrauen ihres Anführer El Chuncho (Gian Maria Volonté) und schließt sich ihnen an.

Mit seiner Hilfe gelingen einige strategisch gelungene Überfälle auf Militärstützpunkte, so dass sie reiche Beute machen. El Chuncho will diese an General Elias verkaufen und ist mehr an dem Geld und seinem eigenen Spaß als an der Revolution interessiert. Das ändert sich zunehmend, als er das Elend seiner Landsleute erkennt, und diese ihn als Helden feiern. Doch Bill Tate verfolgt ganz andere Ziele...



"Wer weiß?" (Quien sabe?) lautet der Originaltitel, während der deutsche Verleih mit „Töte Amigo“ mehr das ungleiche „Brüder“- Paar hervorhob, dass sich im mexikanischen Bürgerkrieg zusammenraufte. Als Damiano Damiani seinen Film 1967 mit dieser Frage übertitelte, befand sich der Vietnamkrieg in einer ersten Hochphase, doch angesiedelt hatte er seine Story um den einheimischen Revoluzzer Chuncho (Gian Maria Volonté) und dessen amerikanischen Kompagnon Bill Tate (Lou Castel) zwischen 1910 und 1920. Die Anspielungen zu den Ereignissen im Vietnamkrieg sind trotzdem offensichtlich. Der US-Amerikaner unterstützt die mexikanischen Aufständischen vordergründig im Kampf gegen ihre eigenen Landsleute, verfolgt letztlich aber nur egoistische Beweggründe. Damiano Damiani bezeichnete seinen Film nicht ohne Grund als "politisch" und wehrte sich gegen die Einordnung ins Western-Genre. Tatsächlich förderte die abenteuerliche und an den klassischen Western angelehnte Handlung die vielschichtige Betrachtungsweise der Kritik an der amerikanischen Vorgehensweise.

Zu verdanken ist das besonders Gian Maria Volonte, der hier vordergründig eine Variation seiner Rollen in den wenigen Jahren zuvor entstandenen Sergio Leone Western "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar,1964) und "Per qualche dollaro in più" (Für eine paar Dollar mehr,1965) gab. Wieder ist er ein wild aussehender, emotional manchmal unbeherrschter, schießwütiger Bandit, der zwar Waffen für den Revolutions - General Elias (Jaime Fernández) stiehlt, dabei aber vor allem an seinen Spaß und seinen Verdienst denkt. Der Zugüberfall gleich zu Beginn des Films ist entsprechend sein Meisterstück, das er mit rücksichtsloser Härte umsetzt.

Beginnend mit dem Offizier, den er als lebendes Hindernis auf den Gleisen platziert, dem Abknallen jedes Soldaten, der diesem zu Hilfe kommen will, bis zum kompletten Abschlachten aller auf dem Zug befindlichen Militär- und Polizeikräfte, auch wenn diese schon wehrlos davon laufen, ist der Überfall eine einzige Gewaltorgie, die "El Chuncho" (Gian Maria Volonté) gemeinsam mit seiner Bande, zu der auch "El Santo" (Klaus Kinski) und die schöne Adelita (Martine Beswick) gehören, durchführt. Dabei lernt er den US-Amerikaner Bill kennen, der den Lokführer erschossen hatte, um damit Hilfe für Chunchos Bande vorzutäuschen. Sein Manöver gelingt und er kann sich der Bande anschließen, obwohl er mit seinem glatten und gepflegten Äußeren bei einigen Mitgliedern Misstrauen erzeugt.

Stakkatoartig reiht Damiani danach noch einige Überfälle auf Armeestützpunkte aneinander, um den Strategiewechsel dank der Mitwirkung des Amerikaners zu verdeutlichen, aber schon nach einem Drittel des Films enden diese reinen Action-Sequenzen und die Handlung widmet sich zunehmend der inneren Struktur der Revolutionäre, zu der auch Kinskis Rolle als gewalttätiger "Heiliger" und Adelidas Misstrauen gegenüber dem gepflegten Bill beiträgt. Im Mittelpunkt bleibt aber die Beziehung zwischen dem Mexikaner und dem Amerikaner – den ungleichen „Amigos“, die sich mehr und mehr auseinander leben. Während sich Chuncho, der in einen Gewissenskonflikt zwischen seinem Wunsch nach Bereicherung und der offensichtlichen Armut und Unterdrückung seiner Landsleute gerät, Bill annähern will, versucht dieser, jede Emotion zu unterdrücken und begreift nicht das ihm entgegen gebrachte Vertrauen.

Diese Wechselwirkung zeigt sich besonders in der zentralen Szene des Films, in der Chuncho einem reichen Großgrundbesitzer und dessen engagierter Frau begegnet. Beide imponieren ihm, da der Kapitalist seine Schuld begreift und sie sich mutig für ihren Mann einsetzt. Doch die Landbevölkerung, die lange unter seiner Herrschaft leiden musste, fordert von Chuncho, den sie als Revolutionär feiern, dessen Tod. Er muss erkennen, dass die Zeit gegenseitiger Gespräche längst von unkontrollierter Gewalt abgelöst wurde. Als ein Bandenmitglied die Ehefrau belästigt und der Amerikaner sie daraufhin verteidigt, erschießt Chuncho einen seiner Männer, als dieser auf ihn losgehen will – für ihn ist Bill sein Freund. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat Chuncho nichts mehr mit Volontés Banditen-Rollen aus den Leone-Western gemein, denn seine Handlungen sind ausschließlich von Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit geprägt, ganz abgesehen von dem allgemeinen Verzicht auf coole Sprüche, sarkastische Bemerkungen und zynische Verhaltensmuster in "Quien sabe?", worin sich der Film auch von seinem thematisch verwandten Nachfolger "Il mercenario" (1968) von Sergio Corbucci unterscheidet.

Doch Bill begreift Chunchos geänderte Konsequenz nicht, was zu weiteren Missverständnis zwischen ihnen führt - bis es zum Bruch kommt. Die Parallelen zum US-Engagement in Vietnam zeigen sich weniger in Bills egoistischen Intentionen, als in dessen Unfähigkeit, sich in seinen mexikanischen Freund hineinzudenken. Auch das Scheitern der US-Amerikaner in Vietnam, die vordergründig den Einheimischen zu Hilfe kommen wollten, beruhte letztlich auf der Unfähigkeit, die Situation vor Ort zu begreifen, aber das konnte Damiano Damiani 1967 noch nicht wissen. Entsprechend konnte "Quien sabe?" auch keine Lösungen aufzeigen und blieb das "Wer weiß?" als offene Frage über einer Handlung bestehen, deren weitere Entwicklung nicht abzusehen war. Nur eines drückte der vielschichtig unterhaltende Film damals schon ganz deutlich aus: "Ami go home!"

"Quien sabe?" Italien 1966, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Salvatore LauraniDarsteller : Gian Maria Volonté, Lou Castel, Klaus Kinski, Martine Beswick, Jaime Fernández, Laufzeit : 108 Minuten

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Sonntag, 30. August 2009

Il grande silenzio (Leichen pflastern seinen Weg) 1968 Sergio Corbucci

Inhalt: Ein nur als "Silenzio" bekannter Revolverheld (Jean-Louis Trintignant) kommt in das verschneite Utah und erlebt, wie eine Truppe von Kopfgeldjägern unter der Leitung von Tigrero (Klaus Kinski), genannt "Loco", Menschen jagt und tötet. Angeblich handelt es sich dabei um Rechtlose, die vom Gesetz verfolgt werden. Ein Gesetz, dass es den Großgrundbesitzern ermöglicht, rigoros Land von den Farmern zu erwerben. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass er von der Schwester eines Opfers beauftragt wurde, um dessen Tod zu rächen.



1968 war ein früher Höhepunkt des politischen Films erreicht, selbst in Hollywood bekamen junge Regisseure die Möglichkeit ,sozialkritische, "linke" Filme zu drehen. Während der Vietnam-Krieg zu weltweiten Protesten führte und die Hippie- und Studentenbewegung auf dem Höhepunkt war, bekam auch die kommunistische Partei in Italien starken Zulauf. Die Arbeiter streikten, die "Roten Brigaden" - ein Äquivalent zur deutschen RAF - wurden gegründet und es häuften sich offensichtliche Zeichen von Missständen, wie etwa einstürzende Wohnbauten (Von Francesco Rosi schon 1963 in "Le mani sulla città" (Hände über der Stadt) thematisiert). Engagierte Staatsanwälte, die versuchten den behördlichen Filz aufzudecken, begaben sich damit in Lebensgefahr. Allgemein war der Glaube an den Rechtsstaat nachhaltig erschüttert.

Engagierte Künstler versuchten die Bevölkerung mit ihren Filmen aufzurütteln - Damiano Damiani etwa, der mit "Quien Sabe?"  1967 ebenfalls einen Western gedreht hatte, der sich der mexikanischen Revolution annahm, wandte sich  zunehmend dem politisch engagierten Film zu. Jean-Luis Trintignant, der die Hauptrolle in "Il grande silenzio" übernahm und damit an seinem einzigen Western mitwirkte, wurde einer der wichtigsten Darsteller des politischen Films dieser Epoche. Direkt nach Corbuccis Film entstand zusammen mit Yves Montand und Regisseur Costa-Gavras, die sich zeitlebens mit dem Kampf gegen die Diktatur auseinandersetzten, "Z", ein Film über die Entstehung eines totalitären Systems.



Das "Il grande silenzio" einen singulären Charakter behielt, liegt nicht nur an dessen unterschwelliger politischer Haltung, sondern auch an seinen äußerlichen Stilmitteln. Wie schon beim zwei Jahre zuvor entstandenen "Django" hob er sich mit seiner klaren Stilisierung deutlich aus der Masse der Italo-Western heraus. Corbucci siedelte seine Geschichte im winterlich verschneiten Utah an, ließ seinen "Helden" kein Wort sprechen (wodurch sich der Originaltitel "Il grande Silencio" begründet) und nicht zuletzt trieb er den nihilistischen Charakter seiner Western mit einem Ende auf die Spitze, dass in dieser Konsequenz selten erreicht wurde. Selbst wenn dem Betrachter die Schlusssequenzen schon bekannt sein sollten, verfehlen diese Bilder - begleitet von Morricones eindringlicher Musik - nie ihre Wirkung. Dass "Loco" (Klaus Kinski) zuletzt noch wenige Worte spricht, war beinahe unnötig, auch wenn Corbuccis Intentionen damit noch bestärkt werden. Alleine der letzte Blick der Kamera auf Kinskis Gesicht war aussagekräftig genug.

Betrachtet man das Gesamtwerk Corbuccis, wird deutlich, dass "Il grande silenzio" einen Wendepunkt markierte. Orientierten sich seine frühen Western wie "Minnesota Clay" (1964) noch am us-amerikanischen Vorbild, hatte er 1966 mit "Django" eine stilisierte Ikone erschaffen, die das Genre stark beeinflusste. Doch die darin comichaft stilisierte Coolness des Helden, die übertrieben sadistischen Banditen und das bewusst schmutzig gehaltene Umfeld, basierte noch auf der Vergangenheit der Corbucci-Brüder als Verfasser satirisch angehauchter Komödien (unter anderen "Totò, Peppino...e la dolce vita",1961) und übertrieb bewusst die Western-Klischees. Schon in dem unmittelbar nach "Django" entstandenen "Navajo Joe" wurden Corbuccis politische Intentionen deutlich und nahmen die Gewalt und die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Gesellschaft einen ernsthafteren Charakter an. Nicht nur der Weg zu "Il grande silenzio" war vorgezeichnet, auch sein im selben Jahr entstandener Revolutions-Western "Il mercenario" (Mercenario, der Gefürchetete) zeigte diese Konsequenz, setzte aber mehr auf einen unterhaltenden, weniger pessimistischen Gestus.

Außer bei wenigen Gimmicks - wie die Darstellung der Schießkünste - fehlt in "Il grande silenzio" die Hochstilisierung des Protagonisten zu einer Art Superheld. Trintignant wirkt trotz seiner Fähigkeiten mit dem Revolver verletzlich und bleibt durch seine Intention, immer nur in Notwehr zu schießen, berechenbar. Zumindest für einen intelligenten Charakter wie ihn Kinski hier fast zurückhaltend darstellt. Locos Aggressionen bleiben hinter seiner fast freundlich beherrschten Fassade verborgen. Weder lässt er sich provozieren noch geht er ein unnötiges Risiko ein. Corbucci gelingt damit eine individuelle Variante zum üblichen vordergründig agierenden, eindimensionalen Bösewicht. Wie dieser zu seinem Spitznamen "Loco" (der Verrückte) gekommen ist, bleibt fraglich, denn außer dem Fakt, dass er massenhaft Leichen produziert, wirkt er in seinem Verhalten wesentlich professioneller als die anderen Beteiligten, auch des die Stadt beherrschenden Bankiers. Viel mehr als dieser, der seiner Machtbesessenheit erliegt, ist er in einer bürgerlich zu nennenden Haltung am geschäftlichen Erfolg interessiert.

Konsequenterweise verzichtet Corbucci auf sämtliche Sprüche - unabhängig davon, ob sie satirisch, cool oder sarkastisch gemeint wären. Allein Locos Aussagen, die er in völlig ernstem Ton von sich gibt, wirken durch die Diskrepanz zu seiner Tätigkeit ironisch, allerdings nicht im humorigen Sinne. Auf Grund der Verwendung typischer Charakteristika bleibt "Il grande silenzio" äußerlich ein "Western", nähert sich aber mit einem Szenario, in dem die Bürger dem Staat hoffnungslos ausgeliefert sind, dem politisch motivierten Film. Wenn Corbucci Loco zum Schluss sagen lässt, er hätte im Sinne des Rechtsstaates gehandelt, dann erinnert das an Costa-Gavras Intention in "Z".

1974 entstand mit "Le secret" (Das Netz der tausend Augen) 1974 ein in Frankreich spielender Polit-Film, der aus Corbuccis Film zitierte. Auch hier spielte Trintignant einen nahezu stummen Einzelgänger, der im gesamten Film keinerlei Auskunft über seine Vergangenheit oder Gründe für seine Intentionen abgibt. Ähnlich wie Silenzio ist er ein zwiespältiger Charakter, dessen Haltung zum Gesetz nicht eindeutig ist und der aus eigenen Absichten heraus tötet. Und a
uch hier verlassen die "Staatsdiener" , begleitet von der Musik Morricones, zum Schluss den Ort des Geschehens - wie Loco haben sie nur ihren Job getan. Die meisten Filme des politischen Realismus dieser Zeit endeten tragisch, um keine Illusionen zuzulassen. Wenige dieser engagierten Werke sind noch bekannt - ihre politische Botschaft ist zu offensiv, die ruhige Erzählform und das wenig plakative Geschehen (die Anzahl der Opfer in "Le secret" ist im Vergleich zu "Il grande silenzio" verschwindend gering) besitzen heute nur noch wenig Attraktivität.


Corbuccis Film ist dagegen eine seltene Kombination aus Unterhaltung und politischer Thematik. Dabei verwendet der Regisseur ebenfalls eine ruhige Erzählweise, lässt sich viel Zeit für Details und längere Sequenzen, die nur von Morricones Musik untermalt sind. Aus heutiger Sicht ist diese unterschwellige Form der politischen Botschaft ein Vorteil, denn so bleibt "Il grande silenzio" ein zeitloses Werk über die Unterdrückung der Schwachen im Namen des Rechtsstaates, dass dazu noch mit der Auseinandersetzung zweier charismatischer Charaktere über ein hohes Spannungspotential verfügt und mit einer bis zum Schluss konsequenten Story überzeugen kann.


"Il grande silenzio" Italien / Frankreich 1968, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Bruno Corbucci, Darsteller : Jean Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Marisi Merlini, Carlo D'Angelo, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

"Django" (1966)

"Navajo Joe" (1966)
"Il mercenario" (1968)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.