In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Dienstag, 1. Februar 2011

Banditi a Milano (Die Banditen von Mailand) 1968 Carlo Lizzani

Inhalt: Commissario Basevi (Thomas Milian) analysiert in einem Interview mit einem Journalisten die steigende Verbrechensrate in Mailand und die zunehmende Gewaltbereitschaft der Gangster. Egal ob Schutzgelderpressung, Glücksspiel oder Prostitution - in allen Bereichen muss die Polizei ihre Bemühungen verstärken, um weiter Herr der Lage zu bleiben.

Aktuell beschäftigt ihn besonders eine Bande von Bankräubern, die bei ihrer Flucht nicht nur auf die Polizei, sondern wahllos auf Passanten schoss und dabei mehrere Unschuldige tötete. Mit Hundertschaften und dem Einsatz von Hubschraubern versucht die Polizei den Anführer Piero Cavallero (Gian Maria Volonté) zu fassen, während die steigende Wut der Bevölkerung die Situation zusätzlich erhitzt... 


Klarer kann man einen Filmtitel nicht benennen - "Banditi a Milano" (Die Banditen von Mailand) trifft es auf den Punkt, denn Carlo Lizzanis Film konzentrierte sich schnörkellos auf eine Bande von Bankräubern, unter der Leitung von Piero Cavallero (Gian Maria Volonté), deren siebzehnter Überfall zu einem blutigen Fiasko wird. Lizzani nutzte dieses Szenario für die Beschreibung der sich Ende der 60er Jahre auf Grund der politischen Ereignisse zunehmend polarisierenden Gesellschaft und einer damit verbundenen erhöhten Gewaltbereitschaft. Sein Film nahm damit früh das Genre des "Polizieschi" vorweg, der ein Spiegelbild der Verbrechens- und Terror-Welle der 70er Jahre wurde und schuf in "Banditi a Milano" schon entscheidende Charakteristika des Genres - atemlose Verfolgungsjagden in dicht bevölkerten Großstädten, unschuldige Opfer und Täter, die sich wie Stars gerieren. Auch die Diskussion über die Wahl der Mittel, mit der die Polizei gegen diese vorgehen soll, wurde hier schon thematisiert.

Anstatt psychologische Hintergründe oder persönliche Befindlichkeiten der Verbrecher zu analysieren, wählte Lizzani einen semi-dokumentarischen Einstieg in seinen Film, der Kommissar Basevi (Tomas Millian) in den Mittelpunkt stellt, der gegenüber einem sich im Off befindlichen Reporter die Verhältnisse in Mailand schildert. Die Kamera gleitet dabei von einem Lynch-Mob über die Dächer Mailands, blendet zwischendurch einen Gangster alter Schule ein, der davon berichtet, dass die heutigen Verbrecher keine Kinderstube mehr hätten, woran aus seiner Sicht Gewalt verherrlichende Comics Schuld sind, bevor Lizzani die Zerstörung eines Nachtclubs mit entsprechenden Comiczeichnungen garniert.

Insgesamt hinterlassen diese ersten 20 Minuten, deren Bezug zur eigentlichen Gangsterstory erst im Nachhinein deutlich wird, einen absurden Eindruck in ihrer Mischung aus gewalttätigen Verbrechen und komischen Einlagen. Ein Gangsterboss holt sich mit Gewalt seinen gerade am Spieltisch verlorenen Einsatz wieder und nutzt dabei die Gelegenheit, sich als der bessere und preiswertere Schutzgelderpresser anzubieten. Oder ein Mann platzt ständig in irgendwelche Unterredungen oder Verhöre, weil er die ihm gestohlene 100000 Lire von der Behörde zurück erhalten will. Und eine Frau gibt sich als angebliche Zeugin aus und hält den Kommissar mit ihren erotischen Fantasien von der Arbeit ab.

Bemerkenswert an Lizzanis Film-Einstieg ist die Gegenüberstellung der linken Protestbewegung und den damit verbundenen soziologischen Veränderungen mit der bürgerlichen Realität in Italien. Der Mob zu Beginn könnte auch einer eskalierende Studenten-Demo entstammen. Die Haltung der konservativen Generation, die die allgemeine Entwicklung verabscheut, wird von einem Gangster vertreten. Nachtclubs und freie Sexualität werden als Symbole des moralischen Niedergangs verabscheut, dienen aber gleichzeitig als Geschäftsgrundlage. Und nicht zuletzt gab hier Gian Maria Volonté den skrupellosen Gangster im gleichen Modus wie in seinen anderen Filmen Revolutionäre oder Widerstands-Kämpfer. Diese Kombination aus Realität und Fiktion zu Beginn verlieh dem Verhalten der Bankräuber die notwendige Authentizität - selbst als die Gewalt eskaliert und Piero Cavallero (Gian Maria Volonté) auf der Flucht vor der Polizei wahllos in die Menschenmenge schießt. 

Obwohl Lizzani die unschuldigen Opfer einen Moment ihrer Anonymität entreißt, einen kurzen Blick auf ihr vorheriges Leben und ihre Angehörigen zu werfen, schürt er damit keine emotionalen Ressentiments gegenüber den Gangstern. Im Gegenteil bleibt der selbstgefällige, großmäulige Cavallero die schillerndste Figur. Unterschwellig gewalttätig, betont bürgerlich auftretend, unangenehm übergriffig gegenüber Frauen und von seiner eigenen hohen Intelligenz überzeugt, ist Gian Maria Volonté hier Revolutionär und Spießer in einer Person. Sein Spiel ist dabei so anpassungsfähig, dass Details seiner individuellen Vergangenheit keine Rolle mehr spielen - dieser Mann ist Teil der Gesellschaft und Volonté machte es sichtlich Spaß, seinen Charakter darin frei und mit Wucht zu entfalten. Betont wird dieser Eindruck noch durch die Charakterisierung seines Gegenspielers. Den Kommissar spielte Thomas Milian mit jungenhaftem Charme, intellektuell, immer eine Zigarettenspitze im Mund, gleichzeitig rational und beherrscht - im Gegensatz zu dem Gangster ist der Kommissar ein Außenseiter.

Trotz der rasenden Verfolgungsjagden, Polizei-Hundertschaften, die schwer bewaffnet jeden Quadratmeter absuchen, und Hubschraubern, die Cavallero und seinen noch einzig gebliebener Begleiter immer mehr in die Enge treiben, bewahrte der Film Neutralität. Beobachtend, ohne äußere Betonung irgendwelcher Sympathien, beschrieb Lizzani den langsamen Verfall einer Gesellschaft und gab einen pessimistischen Ausblick auf deren weitere Entwicklung. Das Lachen des Gangsters, der trotz seiner Verhaftung in Siegerpose bleibt, klingt lange nach. 

"Banditi a Milano" Italien 1968, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Massimo De RitaDarsteller : Gian Maria Volonté, Tomas Milian, Ray Lovelock, Don Backy, Laura Solari, Carla Gravina, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.