Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 29. November 2016

Le calde notti di Don Giovanni (Sein Schlachtfeld war das Bett) 1971 Alfonso Brescia


Don Giovanni (Robert Hoffmann) mit Esmeralda (Barbara Bouchet)
Inhalt: Während Paco die Tochter des Grafen mit zwar stotternd vorgetragenen, aber liebevollen Versen davon überzeugen will, dass es sich bei ihm um Don Giovanni handelt, befindet sich sein Herr, der echte Frauenheld (Robert Hoffmann), gerade im Bett der Hausherrin Esmeralda (Barbara Bouchet). Das Ablenkungsmanöver gelingt zwar, aber der Ärger bleibt Don Giovanni nicht erspart, da Esmeraldas Mann glaubt, er hätte es auf seine Tochter abgesehen. Nur dank seiner Fechtkünste kann er ihm und dessen aufgebrachten Soldaten entkommen. 

Fürstin Isabella (Ira von Fürstenberg) betrachtet den Frauenheld skeptisch
Trotzdem erscheint er am kommenden Tag in Sevilla auf dem Empfang der Fürstin Isabella Gonzales (Ira von Fürstenberg), da er weiß, dass sich der Graf vor der illustren Runde keine Blöße geben wird. Ungerührt fordert er vor dessen Augen dessen verliebte Tochter auf, während er gleichzeitig ein Auge auf die schöne Fürstin wirft, die ihn ganz offensichtlich missachtet. Ein Verhalten, dass Don Giovanni erst motiviert. 


Am liebsten beschäftigt sich Don Giovanni auf diese Weise...
Ausnahmsweise traf der deutsche Titel "Sein Schlachtfeld war das Bett" den Inhalt des Films genauer als der Originaltitel, denn "Le calde notti di Don Giovanni" (Die heißen Nächte des Don Giovanni) war eine Mogelpackung. Von "heißen Nächten" ist im Film nur wenig zu sehen, von "Schlachtfeldern" dagegen umso mehr, wenn auch nicht im Bett. Auch die sehr vorzeigbare Riege an weiblichen Stars - Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Annabella Incontrera und Lucrezia Love - kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schwergewicht der immerhin mehr als 100 Minuten andauernden Handlung auf Männern im Kampfeinsatz liegt. Don Giovanni Tenorio (Robert Hoffman) gibt sich zwar die größte Mühe, bei den Schönen im Bett zu landen, gemessen am zeitlichen Aufwand und dem nicht zu vernachlässigenden Risiko, wirkt seine Erfolgsquote aber wenig beeindruckend.

...aber gezwungenermaßen meistens so.
Entsprechend rar gesät sind auch die erotischen Einblicke, die der Film gewährt. Räkelt sich zu Beginn Barbara Bouchet als Esmeralda in den Armen Don Giovannis (in der deutschen Fassung zudem noch gekürzt), dauert es mehr als eine Stunde, bis sich Edwige Fenech entblättert. In den letzten Minuten darf auch Lucrezia Love als zyprische Prinzessin noch ein wenig nackte Haut zeigen. Gemessen am Standard deutscher Erotikfilme der frühen 70er Jahre eine dezente Inszenierung, aber typisch für diese Phase der „Commedia sexy all’italiana“ zwischen den gesellschaftspolitisch ambitionierten, optisch noch zurückhaltenden Episodenfilmen der 60er Jahre und der kurz bevorstehenden Welle der „Decamerotichi“ nach Pier Paolo Pasolinis Erfolg mit „Decameron“ (1971), die den Prozess in Richtung einer freizügigeren Erotik im italienischen Film beschleunigten.

Der genesene Don Giovanni umgarnt Maddalena (Annabella Incontrera)...
Regisseur Alfonso Brescia, seit Mitte der 60er Jahre (“La colt è la mia legge“ (Stirb aufrecht, Gringo!, 1965)) vor allem im Western-Genre tätig, hatte sich 1969 erstmals mit der Sexual-Thematik beschäftigt. „Nel labirinto del sesso (psichidion)“ (Im Labyrinth der Sexualität) war noch ein Vertreter der semi-dokumentarischen Auseinandersetzung mit der aufkommenden Sex-Welle, bevor er mit „Le calde notti di Don Giovanni“ ins komödiantische Fach wechselte. Sein Film gehört zur Reihe der „Commedia sexy“ in Folge von Pasquale Festa Campaniles "La cintura di castità" (Der Keuschheitsgürtel, 1967), deren meist ungenauer historischer Kontext Ende der 60er Jahre mehr inhaltliche Freizügigkeit als zeitgenössische Stoffe zuließ, nicht zuletzt im Hinblick auf die Konfrontation von Kirche und Sexualität.

...und stürzt sie ins Unglück - ein kurzer Abstecher ins Dramatische
Zu diesem Konflikt kam es in Brescias Film, als Don Giovanni, zuvor nur knapp dem Tod entronnen und im Kloster wieder zu Kräften gekommen, vergeblich versucht die junge Nonne Maddalena (Annabella Incontrera) zu verführen, die daraufhin sehr mit ihren inneren Gefühlen zu kämpfen hat. Innerhalb der italienisch-spanischen Co-Produktion eine ungewöhnlich ernsthafte Szene, die in der deutschen Fassung fast vollständig der Schere zum Opfer fiel, weil sie nicht ins sonst lustige Treiben passen wollte. Tatsächlich finden sich in dieser Sequenz noch Berührungspunkte zu der literarischen Vorlage: das in Spanien sehr populäre, 1844 uraufgeführte Theaterstück „Don Juan Tenorio“ des spanischen Dichters José Zorilla, wenn auch in einem verfälschenden Zusammenhang. Die unmögliche, erst nach ihrem Tod vollendete Liebe zwischen der Novizin Dona Ines und Don Juan ist zentraler Bestandteil in Zorillas Werk.

Danach ist wieder Amore (hier mit Edwige Fenech) angesagt...
Von der Kloster-Szene abgesehen, waren Brescia und sein Autorenteam um Aldo Crudo nur an den äußeren Rahmenbedingungen der Story um den berühmten Weiberhelden interessiert, der vom spanischen König wegen seiner zahlreichen Affären mit Ehefrauen einflussreicher Persönlichkeiten zu den Berbern nach Nordafrika verbannt wird. Mitten im islamischen Hoheitsgebiet scheinen Don Giovanni die Gelegenheiten für Liebesabenteuer abzugehen, aber mit der so emanzipierten wie schönen Tochter des Emirs Omar, Aiscia (Edwige Fenech), findet sich schnell wieder ein neues Objekt der Begierde. Religion, Sex, Emanzipation – von Bedeutung war das nicht in „Le calde notti di Don Giovanni“, der weder sich selbst, noch irgendein anderes Thema ernst nahm. Robert Hoffmann mit ondulierter 70er Jahre Matte zwinkerte sich reihenweise durch die Frauenherzen, die ihm nur scheinbar verfallen, ihren eigenen Vorteil aber nicht aus den Augen verlieren. In der Konsequenz daraus befindet sich Don Giovanni ständig auf der Flucht – entweder vor eifersüchtigen Ehemännern und aufgebrachten Vätern oder vor allzu heiratswütigen Geliebten.

...nicht immer mit befriedigendem Ergebnis
Mit dem auch im italienischen Original stotternden Paco, Don Giovannis stets getreuem Knappen, fand sich hier schon eine Figur, die auf Brescias folgende Historien-Komödien „Poppea... una prostituta al servizio dell'impero“ (Zwei Halunken im alten Rom, 1972) und „Elena si, ma... di Troia“ (Zwei Halunken stürmen Troja, 1973) hinwies. Von deren derbem Humor grenzte sich „Le calde notti di Don Giovanni“ aber noch wohltuend ab und behielt die Balance zwischen Belustigung und Respekt. Besonders gelungen sind trotz einer gewissen Abnutzung der sich wiederholenden Gags die Szenen im letzten Drittel des Films, in denen Don Giovanni mit vier Kumpanen im Stil eines Heist-Movies in die uneinnehmbare Festung von Aiscias Vater eindringt. Eine Persiflage, die den Eindruck noch bestärkt, dass hier Aufwand und Nutzen in einem Missverhältnis zueinander stehen. Wenn Don Giovanni - endlich am Ziel angelangt - zudem noch damit konfrontiert wird, dass sein wiederholter Verführer-Spruch „Ein flüchtiges Lächeln, ein zärtlicher Blick nur von dir und ich wäre bereit, zufrieden zu sterben“ wörtlich genommen wird, will trotz der schönen Frauen nicht wirklich Neid aufkommen. Aber Spaß macht es, ihm dabei zuzusehen. 

"Le calde notti di Don GiovanniItalien, Spanien 1971, Regie: Alfonso BresciaDrehbuch: Keith Luger, Aldo Crudo, Arpad DeRiso, Arturo MarcosDarsteller : Robert Hoffmann, Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Lucretia Love, Annabella IncontreraLaufzeit : 101 Minuten

Samstag, 23. November 2013

La dottoressa del distretto militare (Die Knallköpfe der 6. Kompanie) 1976 Nando Cicero

Inhalt: Obwohl er sich lieber mit seinen Sex-Heftchen beschäftigen möchte, muss der Motorradfahrer auf Befehl des Maresciallo ausrücken, um die Musterungsbescheide zu verteilen, was er daraufhin ohne Rücksicht auf Verluste ausführt. Sowohl Alvaro (Alvaro Vitali), als auch Gianni (Alfredo Pea) werden in ungünstigen Momenten gestört und müssen zur Musterung einrücken. Gianni lässt sich von dem befreundeten Friseur Nicola (Alfredo Tomas) einen Trick erklären, um eine chronische Bronchitis vorzutäuschen, aber das bringt ihn nur ins Militärhospital, wo man seinen Gesundheitszustand unter den Augen von Dottore Frustalupi (Gianfranco D’Angelo) überprüfen will, der alle Rekruten für Simulanten hält.

Die Situation bessert sich rapide als die schöne Dottoressa Elena Dogliozzi (Edwige Fenech) dessen Aufgabe übernimmt. Vom Colonello Farina (Mario Carotenuto) abwärts, hechelt ihr Jeder hinterher. Auch Gianni ergeht sich in wilden Sexfantasien. Tatsächlich erweist sich Frau Doktor als kompetent, ernsthaft und einfühlend, auch bereit sich mit den Kollegen anzulegen – eine Charaktereigenschaft, die Gianni für seine Zwecke ausnutzen will...


Mitte der 70er Jahre befand sich Edwige Fenech auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als sie zu einer der populärsten Protagonistinnen der "Commedia sexy all'italiana" wurde, eine bis in die frühen 80er Jahre erfolgreiche erotische Variante der italienischen Komödie. Ihre ersten Sporen im erotischen Genre verdiente sich die Französin mit italienischer Abstammung mütterlicherseits im frühen deutschen Sex-Film ("Frau Wirtin hat auch einen Grafen" (1968)), bevor sie der Produzent Luciano Martino - zu dieser Zeit auch ihr Lebengefährte - gezielt zu fördern begann. Unter der Regie seines Bruders Sergio Martino reüssierte sie zunächst in dessen Gialli ("Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971)), um in "Giovannona Coscialunga disonorata con onore" (1973) auch seinen Beginn im erotischen Komödien-Fach zu begleiten.

Während sich Sergio Martino nach "Cugini carnale" (1974) zunehmend dem Poliziesco zuwandte, produzierte sein Bruder unter der Regie von Nando Cicero "L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975) mit Edwige Fenech als schöner Lehrerin, der stilbildend für das Genre werden sollte. Ihre Konfrontation mit dem braven "Jüngelchen" Alfredo Pea, der nichts als Sex im Kopf hat, und dem Komiker Alvaro Vitali als idiotischem Side-Kick - beide Darsteller hatten zuvor nur kleinere Nebenrollen gespielt - war so erfolgreich, dass das selbe Team im Jahr darauf  "La dottoressa del distretto militare" (Die Knallköpfe der 6. Kompanie, 1976) folgen ließ. Erneut schrieb Francesco (hier unter dem Vornamen Franco) Milizia das Drehbuch und mit den Komödianten Carlo Delle Piane, Gianfranco D'Angelo und Mario Carotenuto waren die wichtigsten Nebendarsteller wieder mit von der Partie.

Die Struktur beider Filme ähnelt sich entsprechend - nur das die Handlung diesmal vor dem Hintergrund der Armee statt in der Schule spielt. Nicht nur angesichts des Alters der Darsteller eine glaubwürdigere Situation, sondern ein beliebtes Thema im italienischen Film, in dem die Armee häufig das Objekt satirischer Betrachtung war. Mit einer kritischen Sichtweise scheint "La dottoressa del distretto militare" (wörtlich: Frau Doktor vom Bezirkskommando), der damit beginnt, dass ein orientierungslos gewordener Blinder einen Verkehrspolizisten anpinkelt, vordergründig wenig zu tun zu haben, aber das täuscht - sich der Wehrpflicht zu entziehen, war ein populäres Thema in Italien und traf den Nerv eines Publikums, das nicht genug von inkompetenten, bestechlichen und schwachsinnigen Militärs bekommen konnte, weshalb Nando Cicero mit "La soldatessa alla visita militare" (Die letzten Heuler der Kompanie, 1977) und "La soldatessa alle grandi manovre" (Die trüben Tassen der Stube 9, 1978) noch zwei Fortsetzungen folgen ließ.

Parallel brachte das Team um Luciano Martino und Drehbuchautor Milizia mit "L'insegnante va in collegio" (Das Liebesquartett, 1978) und "L'insegnante viene a casa" (Die Hauslehrerin, 1978) auch noch zwei Fortsetzung zu "L'insegnante" heraus - zwar unter wechselnder Regie, aber jeweils mit Edwige Fenech, Alvaro Vitali sowie Renzo Montagnani, der den Part des männlichen Hauptdarstellers ab dem zweiten Armee-Film von Alfredo Pea übernommen hatte. Sowohl das Schule/Lehrerin-Thema, als auch der soldatische Hintergrund, von der sich noch die Figur der sexy Frau Doktor abspaltete, waren so erfolgreich, dass eine Vielzahl an Nachahmern auf die Leinwand kamen, die in Deutschland fälschlicherweise als Fortsetzungen betrachtet werden. So gilt "La dottoressa sotto il lenzuolo" (Der Kleine mit der großen Schnauze (1977)) als Nachfolger von "La dottoressa del distretto militare", obwohl beide Filme außer der titelgebenden "Frau Doktor" nur wenig gemein haben.

Abgesehen von ihren unterschiedlichen Sujets, sind "L'insegnante" und "La dottoressa del distretto militare" inszenatorische Zwillinge, bedingt auch durch den von Alfredo Pea verkörperten Rollentypus. In beiden Filmen wird die Handlung, bevor Edwige Fenech nach etwa einem Drittel der Laufzeit erstmals auftritt, ausschließlich von derben Spielszenen bestimmt, die je nach Sichtweise urkomisch bis geschmacklos daher kommen. Als Hintergrund diente hier die Übergabe des Einzugbefehls für die Wehrpflichtigen, die darauf folgende Musterung und der Versuch der Rekruten, sich mit einer vorgetäuschten Krankheit vor dem Militärdienst zu drücken. Allein die irre Motorradfahrt des Boten, der mit seiner Übergabe des Schreibens an Gianni Montano (Alfredo Pea) diesen beim ungewöhnlichen Liebesakt mit zwei Frauen in einem Hotelzimmer stört, genügt schon, um ausreichend Stimmung zu verbreiten - und beweist, wie früh italienischen Komödien nichts Menschliches fremd war.

Erneut spielte Pea den einzig intelligenten männlichen Charakter, der mit Hilfe eines befreundeten Friseurs (Alfonso Tomas) versucht, wieder ausgemustert zu werden, gleichzeitig aber auch die Dottoressa Elena Dogliozzi (Edwige Fenech) ins Bett kriegen will, die die Untersuchung der angeblich kranken Rekruten leitet. Ihm zur Seite steht der ebenfalls eingezogene Alvaro Pappalardi (Alvaro Vitali), dessen Chancen beim weiblichen Geschlecht wie gewohnt unter Null liegen, weshalb er sich unterschiedliche Varianten der körperlichen Befriedigung ausdenkt, die fast immer mit körperlichen Schmerzen enden. Innerhalb dieses Panoptikums aus Drückebergern, dilettantischen Ärzten und dem strohdummen Colonello Farina (Mario Carotenuto), Leiter der medizinischen Abteilung, wirkt Edwige Fenech wie eine Außerirdische, woran eine entscheidende Qualität italienischer Erotik-Komödien deutlich wird - zwar sind es auch hier die Frauen, die mit ihren körperliche Vorzügen die voyeuristischen Bedürfnisse befriedigen sollten, aber die Macher scheuten sich nicht, die Männer ausschließlich als Schwachköpfe oder notgeile Lügner darzustellen.

Anders als in "L'insegnante" tritt Edwige Fenech in ihrer Rolle als Ärztin deutlich selbstbewusster und dominanter auf. Dort baggerte Pea in seiner Rolle als verzogener Sohn reicher Eltern seine Nachhilfelehrerin ungehemmt an, was in "La dottoressa del distretto militare" unvorstellbar ist  - die gemeinsamen Nacktszenen entstehen lange Zeit einzig in seiner Fantasie. Auch wenn die Witze über Fettleibige - Männer wie Frauen - die Schmerzgrenze des guten Geschmacks deutlich überschreiten und die übliche Homophobie nicht fehlt, bekommt dem Film der Verzicht auf einen verlogenen romantischen Hintergrund, mit dem in "L'insegnante" noch der Versuch einer schlüssigen Handlung unternommen wurde, sehr gut. Einzig niedere Instinkte bestimmen hier das Handeln, was "La dottoressa del distretto militare" die notwendige ironische Distanz verleiht.

Der Blick auf das sich liebende Pärchen am Ende, das - wie zuvor schon in "L'insegnante" - vermittelt, Gianni hätte mit seinen Brachialmethoden doch Frau Doktor noch herum bekommen, stört ein wenig den guten Gesamteindruck einer irren, geschmacklosen Komödie, die in vielerlei Hinsicht Vorbildwirkung hatte. Doch das Ende versöhnt, denn während der sympathische Alvaro als zu klein entlassen wird, muss Gianni zum Militärdienst einrücken und ward in den zukünftigen Fortsetzungen nicht wieder gesehen.

"La dottoressa del distretto militare" Italien 1976, Regie: Nando Cicero, Drehbuch: Franco Milizia, Nando Cicero, Marino OnoratiDarsteller: Edwige Fenech, Alfredo Pea, Alvaro Vitali, Carlo Della Piena, Gianfranco D'Angelo, Mario Carotenuto, Laufzeit: 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Nando Cicero:


Dienstag, 30. Juli 2013

40 gradi all'ombra del lenzuolo (Müssen Männer schön sein?) 1976 Sergio Martino



Inhalt: Episodenfilm mit fünf erotisch-komödiantischen Geschichten: 

1. "La cavallone" (Das Pferdchen) 

Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) macht die gesamte Männerwelt des toskanischen Ortes verrückt, wenn sie in ihrem engen roten Kleid, egal ob mit oder ohne ihren stolzen Ehemann an der Seite, über den Plaza schreitet. Sie verrenken sich den Hals und rufen ihr Komplimente zu - nicht immer ganz jugendfrei. Nur der noch bei seiner Mutter lebende Cavaliere Marelli (Tomas Milian), der noch nie eine Freundin hatte, reagiert scheinbar uninteressiert. Doch tatsächlich werden seine wildesten Fantasien von Emilia bestimmt, die er am Telefon auszuleben versucht...



2. "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment) 

Esmeralda (Giovanna Ralli) wird von ihrem neuen Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) in ihrem Roll's Royce aufs Land gefahren, wo sie ein Picknick in schöner Lage geplant hat. Doch Filippo kann seine Augen kaum auf der Straße halten, da er nur Augen für Esmaralda hat, obwohl sie sich ständig darüber beschwert und ihm mit Kündigung droht. Trotz einiger Zwischenfälle gelangen sie an den Zielort, aber Fillipos Drängen nimmt immer mehr zu...



3. "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) 

Alex (Marty Feldman) nimmt seinen Job so wörtlich, dass er sich immer in unmittelbarer Nähe der schönen Mariana (Dayle Hadden) aufhält, egal, ob sie gerade duscht, sich ankleidet oder im Bett liegt. Mariana, die in Abwesenheit ihres reichen Vaters eine große Party zu Ehren eines modernen Künstlers geplant hat, um abschließend mit dem attraktiven Mann im Bett zu landen, reagiert verärgert, aber ihr Vater besteht auf den Diensten von Alex. Doch als er auch die Gäste der Party einer genauen Leibesvisitation unterzieht, scheint das Maß voll...



4. "I soldi in bocca" (Geld im Mund) 

Als ein junger Mann (Enrico Montenaso) an ihrer Haustür klingelt, glaubt die junge Ehefrau (Barbara Bouchet) an einen Vertreter, aber der höfliche Gast bietet ihr stattdessen 20 Millionen Lire für ein gemeinsames Schäferstündchen. Er würde am nächsten Tag von der Schweiz nach Australien auswandern und das wäre sein letzter großer Wunsch. Sie reagiert empört, aber dann erliegt sie dem verlockenden Angebot, von dem sie sich in Gedanken viele schöne Dinge kaufen kann, ohne ihren reichen Ehemann zu fragen. Am nächsten Tag steht der junge Mann erneut vor ihrer Tür, wieder mit 20 Millionen Lire in seinem Koffer...



5. "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) 

Adriano Serpetti (Aldo Maccione) hat eine ruhige Wohnung angemietet, um ungestört von Frau und Kindern seinen eigenen Bedüfnissen nachgehen zu können. Doch als er sich gerade entspannen will, sieht er eine knapp bekleidete, schöne junge Frau (Sydne Rome) auf dem Sims stehen, die sich offensichtlich in die Tiefe stürzen will. Mit einem Trick gelingt es ihm, sie nach innen in die Wohnung zu ziehen, und überzeugt sie davon, dass das Leben doch viel zu schön ist, um sterben zu wollen. Sie dankt ihm überschwenglich und kommt ihm körperlich sehr nah, was ihm sehr recht ist. Bereitwiilig schwört er jeden von ihr verlangten Liebesschwur, um in ihrem Bett zu landen, doch er hat die Rechnung ohne ihren eifersüchtigen Bewacher gemacht, einem großen Schäferhund... 


Regisseur Sergio Martino genießt bis heute den Ruf als einer der wichtigsten Vertreter des Giallo, dem er sich beginnend mit "Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971) intensiv widmete. Dass er auch den Poliziesco all'italiana mit prägte, ist zumindest bekannt, unterschlagen wird dagegen häufig seine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der italienischen Spielart des mit der sexuellen Revolution aufkommenden Erotik-Films - die erotische Komödie, die in ihren besten Momenten die Tradition der "Commedia all'italiana" fortführte, die unter dem Deckmantel einer humorvollen Handlung beißende Gesellschaftskritik übte.

Auf Grund einer geradezu sintflutartigen Produktion billiger Sex-Komödien ab Mitte der 70er Jahre, die ihre austauschbare Handlung nur nutzten, um nackte Tatsachen auf die Leinwand zu bringen, nahm die einzelnen Filme kaum noch ein Verleiher ernst, weshalb sie unabhängig von ihrer individuellen Ausrichtung geschnitten, ummontiert und mit einer dem Charakter  widersprechenden Synchronisation versehen wurden. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" (übersetzt etwa "40 Grad im Schatten zwischen den Bettlaken") ist in dieser Hinsicht ein besonders prototypisches Beispiel. In Deutschland kam der Film um etwa dreizehn Minuten gekürzt auf die Leinwand, was angesichts der fünf durchschnittlich 20minütigen Episoden beinahe dem Wegfall eines Teils entspräche. Den wenigen Nacktaufnahmen, die 1976 Niemanden mehr aus der Reserve locken konnten und die nur in drei Episoden vorkommen, kann dieser rigorose Wegfall nicht angelastet werden, sondern nur mit einer generellen Respektlosigkeit gegenüber dem Erotik-Genre begründet werden. Das gilt auch für die etwas weniger gekürzte englischsprachige Version, die die Episoden in der falschen Reihenfolge anordnete und damit die innere Entwicklung verfälschte.

Schon 1973 hatte Sergio Martino mit "Giovannona Coscialunga disonorata con onore" (1973) eine Erotik-Komödie gedreht, in der die damalige Lebensgefährtin seines älteren Bruders und Produzenten seiner Filme Luciano Martino, Edwige Fenech, ebenso die Hauptrolle übernommen hatte wie zuvor in den meisten seiner Gialli. Martinos stilistische Entwicklung bis zu "40 gradi all'ombra del lenzuolo" lässt sich entsprechend nachvollziehen. Nach einer weiteren Komödie "Cugini carnali" (1974) nahm auch Martinos letzter Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) einen zunehmend absurderen Gestus an, so dass sein komödiantischer Episoden-Film wie eine vorläufige Zusammenfassung wirkt, zu der er prominentes Personal versammeln konnte, das den Film qualitativ über die üblichen Sex-Komödien stellte. Dass Martino mit "Spogliamoci così senza pudor" (Lollipops und heißen Höschen) noch im selben Jahr einen weiteren Episodenfilm folgen ließ, der diesen Standard nicht mehr erreichte, war den geschäftlichen Gepflogenheiten geschuldet. Die Besetzung von Ursula Andress in zwei der Episoden des Nachfolgefilms wies schon auf Martinos kommende Kannibalismus/Urwald-Phase hin ("La montagna del dio cannibale" (Die weiße Göttin der Kannibalen, 1978)), an der Andress maßgebend mitwirkte.

Neben Giorgio Salvioni ("La decima vittima" (Das zehnte Opfer, 1965)) und Sergio Martino, war mit Tonino Gierra einer der profiliertesten Autoren des italienischen Kinos an "40 gradi all'ombra del lenzuolo" beteiligt, für den das Sujet eine Abwechslung zu seinen Drehbüchern für Federico Fellini ("Amacord" (1973)), Francesco Rosi ("Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976)) oder Michelangelo Antonio ("Il mistero di Oberwald" (Das Geheimnis von Oberwald, 1979)) bedeutete, gleichzeitig aber erneut die enge, Genre übergreifende Verzahnung im italienischen Kino bewies. Der deutsche Titel "Müssen Männer schön sein?" bezog sich wenig schmeichelhaft auf das Äußere der fünf männlichen Protagonisten, die sich in den einzelnen Episoden an besonders attraktiven weiblichen Antipoden versuchen, lenkte aber von der tatsächlichen Intention des Films ab, denn lächerlich machen sich nur die beiden Männer in der ersten und letzten Episode, was auch der inneren Ordnung des Films entspricht.

Tomas Milian spielte gegen sein sonstiges Image in der ersten Episode "La cavallone" (Das Pferdchen) ein verklemmtes, mit dicken Gläsern bebrilltes Muttersöhnchen, das als einziger Mann des Ortes nicht in die allgemeine Begeisterung für die schöne Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) einstimmt. Sobald sie über den Platz des toskanischen Ortes in ihrem eng anliegenden roten Kleid schreitet - meist in Begleitung ihres stolzen Ehemanns – kennen die Männer keine Zurückhaltung mehr, sondern stehen geifernd, glotzend und sprachlich hemmungslos ihre Gefühle ausdrückend Spalier. Eine Überzeichnung des männlichen Machismo, an dem sich nur der Cavaliere Marelli (Tomas Milian) nicht beteiligt. Doch dessen äußerlich gewahrte Zurückhaltung basiert nicht auf Anstand, sondern ist nur Zeichen seiner sexuellen Verklemmtheit, denn in seiner Fantasie treibt er es mit Emilia an den verwegensten Orten. Was wie eine leicht alberne Satire auf männliches Geprotze beginnt, vertiefte der Film geschickt, denn Emilia geht ernsthaft auf die Anrufe des Cavaliere ein, in denen er ihr seine Fantasien schildert, und ist bereit sich mit ihm zu treffen.

Eine Überforderung für den nur von seinem sicheren Ort heraus mutig agierenden Cavaliere, der sich zuerst davor drückt, die Verabredung einzuhalten, um dann seine Empörung darüber auszudrücken, dass sie realen Sex ausüben wollte. Zu diesem kommt es tatsächlich, da sich zufällig der rustikale Typ mit der größten Klappe dort aufhielt und von der Situation profitiert – eine zusätzliche Erniedrigung für den verklemmten Cavaliere, als er von dessen lauthals verbreiteten Erlebnissen erfährt. Die erste Episode wirkt oberflächlich wie eine alberne Farce mit Tomas Milians Brettfrisur und seinen Flaschenboden-Brillengläsern, ist aber ein ironisches Spiel mit dem typischen männlichen Imponiergehabe, dass auch einen schadenfrohen Betrachter nicht befriedigen kann, da ausgerechnet der unangenehmste Angeber zum Ziel kommt. Die Voyeur-Perspektive kehrt sich letztlich um, auch wenn Edwige Fenech wie gewohnt optisch überzeugen kann, denn am Ende stehen die Männer im Visier und hinterlassen keine gute Figur.

Die zweite Episode "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment), die fast ausschließlich zwischen Esmeralda (Giovanna Ralli), einer Dame aus guter Gesellschaft, und ihrem Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) spielt, wirkt im Gesamtkontext am schwächsten, auch weil das ständige Drängen des Chauffeurs und die halbherzigen Zurückweisungen der Dame zunehmend nerven. Die Auflösung klärt zwar dieses Verhalten, kann aber nur im Zeitkontext überzeugen, als dem Ausleben von sexuellen Fantasien, kombiniert mit männlicher Impotenz, noch etwas Aufregendes anhaftete (siehe auch Woody Allens „Was sie schon immer über Sex wissen wollten…(1972), der hier Pate stand). Auffällig ist hier das Gleichgewicht zwischen Mann und Frau, das sich auch in der dritten Episode fortsetzt, auch wenn zuerst ein anderer Eindruck entsteht. Die Episode mit Marty Feldman ließe sich leicht aus dem Episoden-Kontext herauslösen, da sie weniger das generelle sexuelle Verhalten beleuchtet, als dem englischen Komiker die Möglichkeit bot, seinen ureigenen Humor auszuleben. Für seine Anhänger ist "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) entsprechend ein Fest, die Szenen um die verwöhnte Tochter Mariana (Dayle Hadden) und ihre Party gaben Sergio Martino zwar die Gelegenheit für einige Nacktszenen, sind darüber hinaus aber nicht besonders originell.

Es sind die beiden abschließenden Kurzfilme, die dem Film neben der Eingangsepisode Gestalt geben, weshalb sie zu recht am Ende stehen. Die vierte Episode "I soldi in bocca" (Geld im Mund), die im Gegensatz zu den sonstigen Geschichten in der Schweiz angesiedelt ist, worauf der Film mit witzig klingenden deutsch gesprochenen Dialogen anspielt (nur in der Originalfassung), ist intelligent und überraschend erzählt, und bereichert das nach wie vor aktuelle Thema um die Schweizer Bankkonten um eine erotische Variante. Hier kommt keines der beiden Geschlechter gut weg, sieht man vom männlichen Protagonisten (Enrico Montenaso) einmal ab, von dessen leicht linkischen Auftreten man sich nicht täuschen lassen sollte, auch wenn sein Äußeres im starken Kontrast zur schönen Barbara Bouchet steht. Die deutsche Fragestellung „Müssen Männer schön sein?“ erweist sich trotzdem in keiner Episode als passend, da es nie um die traditionelle Eroberung einer Frau geht. Bekam in der ersten Episode die Angebetete ihren Kavalier gar nicht erst zu Gesicht, war der zweite Film ein Spiel unter Partnern und wird Marty Feldman im dritten Teil zum unerwarteten Helden, so sind es in der vierten Episode nur die 20 Millionen Lire, die die Frau weich werden lassen.

Das bleibt signifikant für einen Film, in dem Sex nur egoistisch motiviert ist, was die fünfte Episode geschickt an einer scheinbar emotionalen Situation verdeutlicht. Denn Adriano Serpetti (Aldo Maccione), der gerade in seiner frisch angemieteten Wohnung angekommen ist, wo er sich eine Auszeit von Ehefrau und Kindern verschaffen will, rettet der schönen jungen Nachbarin (Sydne Rome) das Leben, als sie sich vom Sims aus in den Tod stürzen will. Doch der Versuch des Familienvaters, diese Situation auszunutzen, um in ihrem Bett zu landen, ist genauso unangemessen, wie ihre Forderung nach ewiger Liebe. Das Einzige, was in "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) authentisch ist – genauer betrachtet sogar im gesamten Film – ist der Schäferhund, der eifersüchtig über sein Frauchen wacht. Da bleibt Mann nur die Flucht. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" ist kein Film über ein paar lächerliche Idioten, die sich an schöne Frauen heranmachen  - wie es der deutsche Titel suggeriert - sondern eine intelligente Sezierung von Männern und Frauen, denen es weniger um Sex geht, als um ihren eigenen Vorteil. Ein wenig Selbstreflexion ist schon notwendig, um Sergio Martinos gelungene Erotik-Komödie zu mögen.

"40 gradi all'ombra del lenzuolo" Italien 1976, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Tonino Guerra, Giorgio Salvioni, Sergio Martino, Darsteller : Edwige Fenech, Tomas Milian, Giovanna Ralli, Alberto Lionello, Dayle Hadden, Marty Feldman, Barbara Bouchet, Enrico Montenaso, Sydne Rome, Aldo Maccione, Laufzeit : 102 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.