Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Mittwoch, 24. März 2010

Todo modo 1976 Elio Petri


Inhalt: Einmal im Jahr begeben sich führende Politiker, Industrielle, Bankiers und weitere Mitglieder der christlichen Partei an einem abgeschiedenen Ort in Klausur - San Ignazio di Loyola, einem seit Jahrhunderten bestehenden Orden, der schon lange als Quelle der spirituellen Erneuerung für die herrschenden Kasten gilt. Diesmal haben sich besonders viele Mitglieder angesagt, da Italien gleichzeitig von einer Epidemie heimgesucht wird, der schon eine Vielzahl von Menschen zum Opfer fielen.Als Erster erscheint schon am Vorabend der Klausur "M" (Gian Maria Volonté), der italienische Präsident, der von dem Leiter des Ordens, Pater Don Gaetano (Marcello Mastroianni) begrüsst wird.

Erste Unstimmigkeiten treten auf, als Voltrano (Ciccio Ingrassia), die rechte Hand Don Gaetanos, mit einigen Politikern nicht am selben Tisch sitzen will, weil er sie für Diebe und Betrüger hält. Nur von "M" hat er eine hohe Meinung, weshalb er ihm am Abend noch Fotografien als Beweise übergibt, ohne genau zu sagen wofür. "M" nimmt diese Beweise entsprechend nicht ernst. Als am nächsten Tag alle Würdenträger eingetroffen sind und die Klausur beginnt, erinnert Don Gaetano daran, dass an diesem Ort Niemand mehr über Privilegien verfügt. Doch nicht nur, dass bei der Morgenmesse die Kommunion ausfällt, weil Wein und Hostien gestohlen wurden, sondern auch der Verzicht auf Nahrung und damit der Zwang zum Fasten, fordert erste Proteste heraus.. 


Der 1976 entstandene Film "Todo modo" ist in vielerlei Hinsicht Zentrum und Bindeglied einer langjährigen künstlerischen und politischen Epoche, der einige der wichtigsten Protagonisten dieser Phase - sowohl konkret in der künstlerischen Zusammenarbeit, als auch fiktiv im Film selbst - miteinander verband. Er entstand in der Hochphase der so genannten "Anni di piombo" ("bleierne Jahre"), Mitte der 70er Jahre in Italien, als die terroristischen Akte zunahmen und Ministerpräsident Aldo Moro den "historischen Kompromiss" anstrebte, eine Zusammenarbeit zwischen der christdemokratischen Regierungspartei und der kommunistischen Partei, um eine Übernahme des Landes durch radikale Kräfte zu verhindern.

Gemeinsam mit "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976) von Francesco Rosi und "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977) von Damiano Damiani, bildet "Todo modo" eine Art Dreigestirn der politischen Analyse dieser Phase. Obwohl die Regisseure nie zusammen arbeiteten, sind die Parallelen in der Entstehung offensichtlich - Rosis Film entstand ebenfalls nach einer Buchvorlage Leonardo Sciascias und Gian Maria Volonté übernahm auch bei Damiani die Hauptrolle. Während "Io ho paura" die Ereignisse aus der Sicht des Bürgers, am Beispiel eines einfachen Polizisten, schildert, "Cadaveri eccellenti" die Verstrickungen von Justiz und Politik erfahrbar werden lässt, konzentriert sich Petri ausschließlich auf die Machthaber - führende Politiker, Industrielle, Bankiers und Journalisten.

Doch nicht nur diese politische Phase spiegelt sich in "Todo modo" wider, sondern auch eine Entwicklung im Schaffen Leonardo Sciascias, gemeinsam mit Gian Maria Volontè. Beide hatten schon 1967 mit Elio Petri "A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung) gedreht, der sich mit den gesellschaftlichen Verflechtungen in Sciascias sizilianischer Heimat beschäftigte. Trotz der lokalen Verwurzelung, betrachtete der Film das Eindringen von Macht in private gesellschaftliche Strukturen als generelles Problem. "Todo modo" ist entsprechend die konsequente Weiterentwicklung dieser Thematik bis zur Spitze der italienischen Regierung, aber durch die Ereignisse um Aldo Moro, der 1978 von den "Roten Brigaden" ermordet wurde, erhielten viele der Anspielungen in Petris Film eine zusätzliche Bedeutung. Unter diesem Gesichtspunkt ist ihre weitere Zusammenarbeit 1986 beim Film "Il caso Moro" (Der Fall Moro) zu verstehen, der unter Regisseur Guiseppe Ferrara entstand (Elio Petri war leider schon 1982 verstorben). Sciascia schrieb das Buch und Volontè spielte wieder Aldo Moro, den er in Gestik und Mimik unzweifelhaft schon in "Todo modo" als "M" gegeben hatte.

Angesichts dieser Begleitumstände, stellt sich die Frage, warum gerade „Todo modo“ heute so gut wie unbekannt ist, obwohl er direkt ins Zentrum der Macht zielte. Vordergründig lag das sicherlich daran, dass der Film nach der Ermordung Aldo Moros für Jahrzehnte von den Bildschirmen und Kinoleinwänden verschwand. Zu sehr zielte der Film darauf, die Figur des Ministerpräsidenten ins Lächerliche zu ziehen, zu konkret war das tödliche Attentat, dem er am Ende erliegt (allerdings als Letzter von mehr als hundert Opfern), zu nah kam der Film der These, dass die Hauptfeinde Moros im eigenen Lager zu finden sind, als das der Film noch eine wertfreie Betrachtung erfahren durfte. Doch der Versuch, entlarvende Filme einfach im Archiv verstauben zu lassen, ist schon oft daran gescheitert, dass sich die Verbreitung eigene Wege suchte. Da „Todo modo“ zwei Jahre vor Aldo Moros Entführung erschien, eine denkbare Variante.

Dass es nicht dazu kam, liegt am eigentlichen Grund für seine Unpopularität – „Todo modo“ vereinbart die unterschiedlichen Stile einer Satire und eines typischen Giallo im Gewand eines Kammerspiels. Nur unmittelbar zu Beginn und am Ende des Films findet die Handlung außerhalb der unterirdischen, bunkerähnlichen Anlage statt, die zum Komplex des San Ignazio di Loyola Ordens gehört. Der größte Teil des Films spielt in langen, schmalen Gängen, kleinen, spartanisch eingerichteten Zimmern und den zwar großflächigen Versammlungsräumen, die aber dank ihrer verhältnismäßig geringen Höhe einen niederdrückenden Eindruck hinterlassen. Hier versammeln sich einmal jährlich führende Vertreter der christdemokratischen Partei, einflussreiche Industrielle, Bankiers und Journalisten, um unter der Hoheit der katholischen Kirche in einer Art Selbstreinigung, Kraft für das kommende Jahr zu sammeln und innere Strukturen zu pflegen - eine schon seit Jahrhunderten bestehende Tradition der mächtigsten Personen des Landes. Und eine konkrete Anspielung auf Geheimbünde und Logen.

Als „M“ (Gian Maria Volonté) als Erster am Vorabend der dreitägigen Klausur eintritt, wird durch einen Lautsprecher vor einer Epidemie gewarnt, der schon einige Menschen in Italien zum Opfer fielen. Dieses Szenario deutet kurz auf ein übergeordnetes Drama hin, aber die Folgen der Epidemie werden nur ein, zweimal von „M“ angesprochen, später gibt es auch den Verdacht, dass von den Politikern ebenfalls welche der Krankheit zum Opfer gefallen wären, aber wirklich von Bedeutung ist sie nicht. Viel mehr steht diese Katastrophe beispielhaft für den Zustand eines Landes, um das man sich verstärkt kümmern müsste. Stattdessen erschließt sich daraus erst die Unfähigkeit der dafür Verantwortlichen, die sich hauptsächlich in Machtspielchen, persönlichen Interessen und verletzten Eitelkeiten ergehen. Diese werden vor allem dadurch hervorgerufen, weil sämtliche Teilnehmer der Klausur ihre sonstigen Machtbefugnisse verlieren. Sie alle stehen unter der Knute von Pater Don Gaetano (Marcello Mastroianni), der ihnen ihre Sünden lautstark vorhält, sie zum Fasten zwingt, in dem er ihnen kein Essen mehr serviert, und damit zunehmend Widerstand hervorruft.

Mastroianni verleiht dieser Rolle eine Ambivalenz in der Kritik an den Mächtigen, die ihre Ironie daraus gewinnt, dass sie zwar die Wahrheit klar ausspricht, aber letztlich nur eine Funktion erfüllt, der sich die Teilnehmer an der Klausur freiwillig stellen. Zum Nachdenken zwingt seine Kritik dann auch beinahe Niemand, denn die „Tage der Selbstfindung“ sind für die meisten nur eine lästige Pflicht, der sie sich aussetzen, um ihre Kontakte zu knüpfen und Machtinteressen durchzusetzen. Im Vergleich zu dem Großteil der hier anwesenden Politikern und Industriellen, erscheint „M“ sympathisch, aber er wird von Volonté als ängstlicher, zur Bigotterie neigender Schwächling entworfen. Besonders im Zusammenspiel mit seiner Frau, die er heimlich in das unterirdische Verlies schmuggeln ließ, gelingt Volonté die Studie eines Mannes, der sich einerseits an seiner großen Aufgabe berauscht, andererseits von inneren Zwängen beherrscht wird. Doch Petri und Sciascia belassen es nicht bei einer satirischen Überhöhung von Politcharakteren, sondern beginnen langsam, diese zu meucheln. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden Leichen gefunden und immer, wenn sich ein Verdacht zu erhärten scheint, wird der Verdächtige selbst zum Opfer…

In dieser Konstellation wird die Situation des „historischen Kompromiss“ erkennbar, der die konservativen Kräfte des Landes spaltete. Seit den 90er Jahren steht fest, dass rechtsgerichtete Kreise die chaotischen Zustände in Italien bewusst förderten, um die Kommunisten, die damals sehr starke Unterstützung in der Bevölkerung erfuhren, zu diskreditieren. Dass Aldo Moro ausgerechnet in dieser Situation auf die kommunistische Partei zuging, um gemeinsam mit dieser an der Befriedung des Landes zu arbeiten, konnte bei interessierten Kreisen seiner Partei nur für Missstimmung sorgen. „Todo modo“ schildert konkret diese Gegenbewegung in dessen eigener Partei, aber auch von Seiten der Kommunisten blies dem Präsidenten der Wind ins Gesicht. Petri - wie Volonté selbst Mitglied der Kommunistischen Partei - wird zitiert, dass die Kommunisten den „historischen Kompromiss“ nach außen kritisierten, intern aber Sympathien dafür hatten. Diese widersprechenden Gefühle zeigen sich in der Gestaltung der Figur des „M“, dem zwar Sympathien entgegen gebracht werden, der aber gleichzeitig lächerlich gemacht wird. Der bis heute nicht endgütig aufgeklärte Mord an Aldo Moro, an dem auch der Geheimdienst mitgewirkt hatte und der diversen Parteigenossen nicht ungelegen kam, erzeugte ein Umdenken bei Sciascia und Volonté. Ihr 1986 entstandener, gemeinsamer Film „Il caso moro“ (Der Fall Moro), sollte sich Aldo Moro ernsthafter nähern und mehr dessen private Seite betonen.

Diese realen Vorkommnisse verleihen dem Film eine gewisse Tragik, weil er zwar bestehende Strukturen erkannte, diese aber für eine böse Satire nutzte, ohne die ernsthafte Gefahr dahinter voraussehen zu können. Das erschwert den Zugang zu einem Film, dessen Nähe zur damaligen Realität zudem Vorkenntnisse vorauszusetzen scheint, und der in seiner konkreten Aussage überholt wirkt. Dagegen können Damianis „Io ho paura“ und Rosis „Cadaveri eccellenti“ mit ihren an Polizei – Thrillern angelegten Szenarien bis heute ein größeres Publikum ansprechen, obwohl auch diese Filme direkt auf die damalige Situation in Italien reagierten.

Doch diese Betrachtung wäre oberflächlich, denn prinzipiell handelt es sich bei „Todo modo“ um das eigentliche Schlüsselwerk, das einen generellen Blick auf eine Führungselite wirft, deren grundsätzliches Verhalten sich bis in die Gegenwart nicht verändert hat. Angesichts der Bemühungen der Berlusconi-Regierung um Gesetze, die vor allem eigene Verfehlungen vertuschen sollen, während das Land unter der Finanzkrise leidet, wirkt der Vergleich mit der tödlichen Epidemie keineswegs übertrieben, aber „Todo modo“ nur auf Italien zu beschränken, wäre selbstgefällig und ignorant. Großartig gespielt, bis ins Detail genau sezierend, ohne Anspruch auf politische Neutralität, aber dafür eine makabre Lösung anbietend, die von der Wirklichkeit eingeholt wurde.


"Todo modo" Italien 1976, Regie: Elio Petri, Drehbuch: Elio Petri, Leonardo Sciascia (Roman), Darsteller : Gian Maria Volonté, Marcello Mastroianni, Michel Piccoli, Ciccio Ingrassia, Mariangela Melato, Laufzeit : 123 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Elio Petri:

Kommentare:

Sven Safarow hat gesagt…

Sehr interessantes Review! Ich kenne ja deine Reviews auch aus oder ofdb, und bin erstaunt von den profunden Hintergrundkenntnissen.
Der historische Hintergrund, den du hier betonst, verschafft dem Film eine zusätzliche Ebene.
Wollte ja selbst "Todo Modo" rezensieren, hätte mich aber wahrscheinlich hauptsächlich auf die Unterschiede zwischen Vorlage und Film bezogen.
Wie recherchierst du eigentlich, was z.B. Italiens Politik der 70er angeht? (Ich nehme an, da reicht wikipedia bei weitem nicht aus;))
Kennst du empfehlenswerte Quellen?

Viele Grüße
Sven Safarow
(ofdb-Name: Der Halunke)

Bretzelburger hat gesagt…

Hallo Sven,

dass ich einen Blog über italienische Filme mache (und nicht etwa über französische, die ich auch sehr schätze), hat zwei eher pragmatische Gründe. Zum Einen habe ich Italien schon in den 70er Jahren als junger Erwachsener kennengelernt, viele der Filme damals aktuell gesehen und mich schon zu dieser Zeit mit den politischen Hintergründen beschäftigt, die ja durchaus Ähnlichkeiten zu den Ereignissen in Deutschland aufwiesen. Dieser, wenn man so will authentische Hintergrund, macht es mir wesentlich leichter, Informationen anzureichern. Der andere noch wichtiger Grund liegt darin, dass ich Italienisch gelernt habe und meine Informationen vor allem aus dem italienischen Internet habe, dass über eine Vielzahl informativer Seiten verfügt.

Gruß Udo

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.