Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Requiescant (Mögen sie in Frieden ruhen) 1967 Carlo Lizzani

Inhalt: Scheinbar kommt es zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen der mexikanischen Bevölkerung und den US-Siedlern, aber der ehemalige Offizier Ferguson (Mark Damon) täuschte die Einigung nur vor, um die Mexikaner skrupellos zu ermorden. Nur ein etwa 10jähriger Junge überlebt trotz eines Streifschusses am Kopf. Er wird zufällig von einem Wanderprediger entdeckt, der mit einer Haushälterin und deren Tochter Princy (Barbara Frey) vorbei kommt, ihn mitnimmt und aufzieht.

Zehn Jahre später hat der inzwischen zu einem jungen Mann (Lou Castel) herangewachsene Ziehsohn immer noch keine Erinnerungen an seine Vergangenheit, kann aber geschickt mit einem Messer umgehen. Zum Unwillen seines Adoptivvaters. Als seine Pflegeschwester bei einem Zwischenhalt in einer Stadt den Verlockungen erliegt und einfach verschwindet, beschließt er, sie zu suchen. Zufällig gerät er bei einem Überfall an eine Waffe und erschießt zu seiner eigenen Überraschung alle Banditen. Dank dieser plötzlich entdeckten Begabung, gelingt es ihm unversehrt an den Ort zu gelangen, wo Princy inzwischen als Prostituierte arbeitet, wozu sie mit Drogen gefügig gemacht wird. Naiv will er sie dort wieder herausholen, gerät aber an einen überlegenen Gegner, ohne zu ahnen, dass er wieder an den Ort seiner Vergangenheit zurückgekehrt ist…


Carlo Lizzani, dessen Karriere als Regisseur noch während der Phase des Neoraelismus mit "Achtung Banditi!" (1951) begann -  zuvor hatte er an den Drehbüchern zu "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) und "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) unter Giuseppe De Santis mitgewirkt - und der zu den sechs Regisseuren neben Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Dino Risi und Francesco Maselli gehörte, die mit "L'amore in città" (1953) die lang anhaltende Tradition des italienischen Episodenfilms begründeten, widmete sich auch dem Italo-Western, als sich das Genre 1966 - 1968 auf seinem Höhepunkt befand. "Requiescant" (Mögen sie in Frieden ruhen) wurde nach "Un fiume di dollari" (Eine Flut von Dollars, 1966) sein zweiter und letzter Western, bevor er 1968 "Banditi a Milano" drehte, der das Polizieschi-Genre der 70er Jahre vorweg nahm.

Bis zu seinem Suizid am 05.10.2013, der an den Freitod seines ebenfalls hoch betagten Kollegen Mario Monicelli erinnert, den dieser am 29.11.2010 beging, ließ Lizzani kaum ein Genre aus - dabei immer bestrebt, sein Publikum zu unterhalten, ohne seinen eigenen Anspruch und seine politisch links gerichteten und gesellschaftskritischen Überzeugungen zu verraten. Die Besetzung von "Requiescant" entsprach dieser Haltung, denn mit Lou Castel besetzte er einen Akteur in der Hauptrolle, der unter Marco Bellocchio als ein an der bürgerlichen Gesellschaft erkrankter Mörder in "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche, 1965) reüssierte, bevor er in Damiano Damianis "Quien sabe?" (Töte, Amigo!, 1966) neben Gian Maria Volonté als skrupelloser Nutznießer der mexikanischen Revolution auftrat. "Requiescant" spielt zeitlich in der Vorphase des mexikanischen Aufstands gegen die US-amerikanische Besatzung und versteht sich als vorrevolutionärer Western, worin sich deutliche Parallelen zu den aktuellen politischen Ereignissen 1967 zeigen, als der Widerstand gegen das Engagement der USA in Vietnam wuchs.

Besonders die Mitwirkung von Pier Paolo Pasolini, der auch am Drehbuch beteiligt war, lässt keinen Zweifel an der politischen Dimension des Films. Nur unter Carlo Lizzani spielte Pasolini zweimal eine größere Rolle (zuvor noch in "Il gobbo" (Der Bucklige von Rom, 1960)) in einem nicht von ihm selbst gedrehten Kinofilm. Als Pater Juan konnte Pasolini seine Überzeugungen hier wenig verklausuliert wiedergeben - er verabscheut Gewalt, aber als Realist weiß er, dass ein starker Anführer wie "Requiescant" (Lou Castel) notwendig ist, um die Unterdrücker zu besiegen. Zwar ist dieser dank seiner Schießkünste in der Lage, die Feinde zu dezimieren, aber Pasolini gab den intellektuellen Gegenpol zu dem ehemaligen Offizier Ferguson (Mark Damon), der die ortsansässige mexikanische Bevölkerung zehn Jahre zuvor in einen Hinterhalt gelockt hatte, um sie zu töten und ihr Land an sich zu reißen.

Mark Damon, der normalerweise auf die Heldenrollen festgelegt war ("Johnny Yuma", 1966), brilliert hier als regionaler Usurpator, dessen rassistische, menschenverachtende und misogyne Haltung keine äußerliche Attitüde ist, sondern eine tief empfundene Emotion, die er auch angesichts seines möglichen Todes nicht aufgibt. Trotzdem ist der blass geschminkte, sein Altern nicht akzeptierende, gebildete Mann kein typischer Sadist, wie er in vielen Western auftrat, sondern ein aus seiner inneren Überzeugung handelnder Mensch, dessen abschließender Monolog nicht zufällig an die Argumente erinnert, die jedesmal von einer Besatzungsmacht hervorgebracht wurden, wenn sie gezwungen waren, einen Staat in dessen Unabhängigkeit zu entlassen. Ferguson steht hier symbolisch für die selbstgerechte Haltung westlicher Industriestaaten, die den Befreiten keine Selbstverwaltung zutrauen ind das Chaos voraussegen. Es überrascht nicht, dass in der stark gekürzten deutschen Kinoversion sowohl Pasolinis, als auch Mark Damons Reden fehlten, was dem Film viel von seiner politischen Dimension und damit seiner inneren Schlüssigkeit nahm.

Obwohl "Requiescant" über überzeugende Charaktere verfügt und sich die eigenständig gestaltete Story wenig vorhersehbar entwickelt, wird der Film kaum einmal in einer Liste der besten Italo-Western genannt. Dabei lag Carlo Lizzani sehr viel an einem spannend erzählten Western, weshalb er auch Adriano Bolzoni für das Drehbuch hinzuzog, der seit seiner Mitarbeit bei "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) fest im Genre verankert war. Mit "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) hatte er 1965 schon einen rauen, politisch weniger motivierten Revolutionswestern entworfen. Entsprechend verfügt "Requiescant" über alle signifikanten Elemente des Genres, beginnend beim überragenden Revolverschützen, skrupellosen Banditen, schönen Frauen und stilsicher inszenierten Duellen inmitten einer klassischen Story über einen Rächer, der es mit einem weit überlegenen Gegner aufnimmt.

Doch die Kombination aus Gesellschaftskritik und Unterhaltung irritierte viele Betrachter, da Lizzani besonders die Figur des "Helden" gegen die Erwartungen entwickelte. "Requiescant" ist zwar der gewohnt schnelle Scharfschütze, wurde aber bei dem Massaker seines Dorfes am Kopf verletzt und verdankt sein Leben einem zufällig vorbei kommenden erzreligiösen Prediger, der den mexikanischen Jungen zu sich aufnahm und in seinem Geiste erzog. Coole Sprüche und lässige Umgangsformen sind nicht von ihm zu erwarten, weshalb die einfältig wirkende Figur nicht zur Identifikation einlädt. Eine hinsichtlich der politischen Ausrichtung des Films konsequente Vorgehensweise, denn ein klassischer Vigilant - wie gerecht seine Sache auch wäre - hätte einen zu individuellen, zudem konservativen Charakter.

Wie schwer sich gerade Anhänger des Western-Genre mit Lizzanis originellem Beitrag taten, wird daran deutlich, dass hier innere Zusammenhänge in Frage gestellt wurden, die in der Regel als gegeben akzeptiert werden. Lizzani nahm sich die selben Freiheiten wie ein Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Warum ein Clint Eastwood oder "Django" überragend schießen können, wird nicht hinterfragt, Requiescants plötzlich entdeckte Begabung dagegen als unlogisch betrachtet. Auch das es den Protagonisten wieder an den Ort eines vor langer Zeit begangenen Verbrechens zurücktreibt, gehört zu den klassischen Mythen eines Genres, das von der Erfüllung schicksalshafter Verwicklungen lebt. Doch besonders die Nähe zum Horror-Film, die der Figur des Ferguson angedichtet wurde, verdeutlicht die Unfähigkeit, diese intelligent entworfene Figur in ihrer Tragweite anzunehmen. Denn der Horror ist in "Requiescant" nicht fantastisch, sondern sehr realistisch und der Zusammenhang zu den aktuellen politischen Ereignissen unverkennbar. Lizzani gelang damit eine überragende Genre-Umsetzung, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat und gleichzeitig prächtig unterhält.

"Requiescant" Italien, Deutschland 1967, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Lucio Battistrada, Pier Paolo Pasolini, Adriano BolzoniDarsteller : Lou Castel, Mark Damon, Pier Paolo Pasolini, Barbara Frey, Franco Citti, Feruccio Viotti, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Montag, 18. März 2013

I pugni in tasca (Mit der Faust in der Tasche) 1965 Marco Bellocchio


Inhalt: Lucia (Jeannie McNeil) zeigt ihrem Freund Augusto (Marino Masé) einen anonymen Brief, den sie erhalten hatte. Dort wird ihr nahe gelegt, sich von Augusto zu trennen, da die Absenderin von ihm schwanger wäre und er zu ihr gehören würde. Augusto weiß sofort, dass nur Giulia (Paola Pitagora) die Verfasserin des Pamphlets sein kann, seine jüngere Schwester, die das auch gar nicht leugnet. Sie hätte es nur gut mit ihm gemeint, da sie Lucia und seine Beziehung zu ihr nicht mag.

Neben seiner psychisch labilen Schwester und dem geistig zurück gebliebenen Bruder Leone (Pier Luigi Troglio), gehören noch seine blinde Mutter (Liliana Gerace) und Alessandro (Lou Castel), sein intelligenter, aber an epileptischen Anfällen und krankhaftem Narzissmus leidender Bruder, zu seiner Familie, für die sich Augusto verantwortlich fühlt. Er würde gerne mit Lucia in die nahe gelegene Stadt ziehen, kann sich aber keine Wohnung leisten und lässt deshalb die übrigen Familienmitglieder spüren, dass er der Einzige ist, der sich normal integrieren kann. Alessandro leidet unter der Unzulänglichkeit seiner Familie und fasst einen Plan, wie er seinen Bruder davon befreien kann...


"I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche) war völlig neuartig - ein Film, der unmittelbar auf die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, Mitte der 60er Jahre, reagierte. Marco Bellocchio führte in seinem ersten Film, den er nur mit der Unterstützung seiner Familie produzieren konnte, die gegensätzlichen Strömungen seiner Zeit zusammen, und ließ daraus ein verstörendes, explosives Gemisch werden, dass die kommenden Ereignisse der späten 60er Jahre in verklausulierter Form voraus sah.

Lou Castel, der in Kolumbien geborene schwedisch stämmige Darsteller, trat in "I pugni i tasca" ebenfalls erstmals in Erscheinung und ist die Idealbesetzung eines Typus, der die von Marlon Brando oder James Dean verkörperten zornigen jungen Männer der 50er Jahre in einen verzweifelten, ohne heldenhafte Attitüde auskommenden Charakter umwandelte, der nur noch mit Zerstörungswut auf eine vergängliche, krankhafte Umgebung reagieren kann. Sein klar gezeichnetes Gesicht, seine ruhige, nach außen hin cool wirkende Art und sein antibürgerliches Verhalten könnten ihn zum klassischen Rebellen werden lassen, zur Identifikationsfigur des Films, aber sein Gemüt ist schon gezeichnet von den ihn umgebenden Verhältnissen. Regelmäßig treiben ihn Anfälle an den Rand des Wahnsinns und sein emotionales Empfinden ist gestört, gezeichnet von einem krankhaften Narzissmus.

Die Rebellen der 50er Jahre waren positiv besetzte Figuren, ihr Aufstand galt einer konservativen Nachkriegsgesellschaft und beschwor die Zukunft einer aufstrebenden Jugend. Davon ist in Bellocchios Films nichts mehr zu spüren, denn die junge Generation beschreitet längst den Weg der Anpassung. Verkörpert wird sie in "I pugni in tasca" von Augusto (Marino Masé), dem Einzigen in seiner Familie ohne offensichtliche Disfunktion. Er hat einen Job, ein Auto und eine Freundin (Jeannie McNeil), die er heiraten möchte. Seine Welt und die seiner Freunde wird schon von den Insignien der Moderne bestimmt, aber ihre Bedürfnisse bleiben konservativ. Dass Augusto nicht sofort in die nahe gelegene Stadt zieht, liegt einzig an seiner Familie, um die er sich kümmern muss. Dahinter verbirgt sich kein Altruismus, sondern das Gefühl der Überlegenheit, dass er seine Mutter und die drei jüngeren Geschwister spüren lässt, wenn er im Stil eines Patriarchen die Vorgänge in dem alten Familienstammsitz, der einsam in den Bergen der Emilia-Romagna gelegen ist, bestimmt.

Zuerst noch eine angenehme, nachvollziehbare Figur, wird Augusto zunehmend zum Stellvertreter einer Generation, die sich nur noch für ihre eigenen Belange interessiert. Häufig wird Bellocchios Film deshalb als Darstellung einer sich verändernden Sozialisation interpretiert - weg von den früheren Familienstrukturen, hin zu einer hedonistischen Lebensform - aber "I pugni in tasca" geht deutlich darüber hinaus. Die weiteren Familienmitglieder stehen stellvertretend für eine krank gewordenen Gesellschaft. Die blinde Mutter (Liliana Gerace), ist das Sinnbild einer älteren Generation, die weder in der Lage ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten, noch auf die Gegenwart zu reagieren. Der freundlichste Charakter, der jüngste Sohn Leone (Pier Luigi Troglio), ist geistig behindert und seine emotional labile Schwester Giulia (Paola Pitagora) versucht mit einem anonymen Brief die Beziehung Augustos zu dessen Freundin zu zerstören und steht in einer inzestiösen Beziehung zu Alessandro.

Bellocchio erzählt nicht immer linear, springt zeitlich zurück oder visualisiert Phantasien, verdichtet seinen Film damit zum Blickwinkel Alessandros und dessen Wahrnehmung seiner Umgebung. In einer zentralen Szene des Films nimmt Augusto ihn mit auf eine Party. Junge Leute, moderne Musik und ein lockerer Umgang zwischen den Geschlechtern, aber Alessandro bleibt ein Fremdkörper. Ein Mädchen interessiert sich für ihn, aber er kann sich nicht darauf einlassen. Er begehrt nicht auf, wählt keine offene Konfrontation oder provoziert bewusst, sondern versucht im Gegenteil, zu konservieren, was ihn krank werden ließ. Um das "normale" Leben seines Bruders zu ermöglichen, beginnt er alles zu zerstören, was diesen daran hindern könnte - auch sich selbst.

Bellocchios Film war zu seiner Entstehungszeit eine Provokation, aber die Wirkung, die von dessen Protagonisten damals ausging, erschließt sich noch heute und hat ihre generelle Bedeutung bewahrt. Die Figur des Alessandro ist Anpassung und Protest, Erhalt und Zerstörung zugleich, versinnbildlicht von einer großartigen Musik Ennio Morricones, die Schönheit und Wahnsinn miteinander verbindet. "I pugno in tasca" kann keine Erlösung bringen, endet mit einer Zerrissenheit, die kurz vor der Explosion zu stehen scheint und damit ein Zeitgefühl wiedergibt, dass wenige Jahre später zu weltweiten Protesten führen sollte. Einen Zustand erst zu ermöglichen, an dem man gleichzeitig leidet, hat daran nichts geändert.

"I pugni in tasca" Italien 1965, Regie: Marco Bellocchio, Drehbuch: Marco BellocchioDarsteller : Lou Castel, Paola Pitagora, Marino Masé, Liliana Gerace, Jeannie McNeil, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Marco Bellocchio:

"La Cina è vicina" (1967)

Samstag, 21. August 2010

Quien sabe? (Töte Amigo) 1966 Damiano Damiani

Inhalt : Mexiko während der Revolution nach 1910 - während die Staatsmacht Revolutionäre hinrichtet, überfallen Banden die Armee, um ihnen Waffen für die Revolution zu stehlen. Der US-Amerikaner Bill Tate (Lou Castel) wird Zeuge eines solchen Überfalls, als er den Zug nimmt. Spontan hilft er den Angreifern, in dem er den Lokführer erschießt, sich selbst aber als Geisel hinstellt. Dadurch gewinnt er das Vertrauen ihres Anführer El Chuncho (Gian Maria Volonté) und schließt sich ihnen an.

Mit seiner Hilfe gelingen einige strategisch gelungene Überfälle auf Militärstützpunkte, so dass sie reiche Beute machen. El Chuncho will diese an General Elias verkaufen und ist mehr an dem Geld und seinem eigenen Spaß als an der Revolution interessiert. Das ändert sich zunehmend, als er das Elend seiner Landsleute erkennt, und diese ihn als Helden feiern. Doch Bill Tate verfolgt ganz andere Ziele...



"Wer weiß?" (Quien sabe?) lautet der Originaltitel, während der deutsche Verleih mit „Töte Amigo“ mehr das ungleiche „Brüder“- Paar hervorhob, dass sich im mexikanischen Bürgerkrieg zusammenraufte. Als Damiano Damiani seinen Film 1967 mit dieser Frage übertitelte, befand sich der Vietnamkrieg in einer ersten Hochphase, doch angesiedelt hatte er seine Story um den einheimischen Revoluzzer Chuncho (Gian Maria Volonté) und dessen amerikanischen Kompagnon Bill Tate (Lou Castel) zwischen 1910 und 1920. Die Anspielungen zu den Ereignissen im Vietnamkrieg sind trotzdem offensichtlich. Der US-Amerikaner unterstützt die mexikanischen Aufständischen vordergründig im Kampf gegen ihre eigenen Landsleute, verfolgt letztlich aber nur egoistische Beweggründe. Damiano Damiani bezeichnete seinen Film nicht ohne Grund als "politisch" und wehrte sich gegen die Einordnung ins Western-Genre. Tatsächlich förderte die abenteuerliche und an den klassischen Western angelehnte Handlung die vielschichtige Betrachtungsweise der Kritik an der amerikanischen Vorgehensweise.

Zu verdanken ist das besonders Gian Maria Volonte, der hier vordergründig eine Variation seiner Rollen in den wenigen Jahren zuvor entstandenen Sergio Leone Western "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar,1964) und "Per qualche dollaro in più" (Für eine paar Dollar mehr,1965) gab. Wieder ist er ein wild aussehender, emotional manchmal unbeherrschter, schießwütiger Bandit, der zwar Waffen für den Revolutions - General Elias (Jaime Fernández) stiehlt, dabei aber vor allem an seinen Spaß und seinen Verdienst denkt. Der Zugüberfall gleich zu Beginn des Films ist entsprechend sein Meisterstück, das er mit rücksichtsloser Härte umsetzt.

Beginnend mit dem Offizier, den er als lebendes Hindernis auf den Gleisen platziert, dem Abknallen jedes Soldaten, der diesem zu Hilfe kommen will, bis zum kompletten Abschlachten aller auf dem Zug befindlichen Militär- und Polizeikräfte, auch wenn diese schon wehrlos davon laufen, ist der Überfall eine einzige Gewaltorgie, die "El Chuncho" (Gian Maria Volonté) gemeinsam mit seiner Bande, zu der auch "El Santo" (Klaus Kinski) und die schöne Adelita (Martine Beswick) gehören, durchführt. Dabei lernt er den US-Amerikaner Bill kennen, der den Lokführer erschossen hatte, um damit Hilfe für Chunchos Bande vorzutäuschen. Sein Manöver gelingt und er kann sich der Bande anschließen, obwohl er mit seinem glatten und gepflegten Äußeren bei einigen Mitgliedern Misstrauen erzeugt.

Stakkatoartig reiht Damiani danach noch einige Überfälle auf Armeestützpunkte aneinander, um den Strategiewechsel dank der Mitwirkung des Amerikaners zu verdeutlichen, aber schon nach einem Drittel des Films enden diese reinen Action-Sequenzen und die Handlung widmet sich zunehmend der inneren Struktur der Revolutionäre, zu der auch Kinskis Rolle als gewalttätiger "Heiliger" und Adelidas Misstrauen gegenüber dem gepflegten Bill beiträgt. Im Mittelpunkt bleibt aber die Beziehung zwischen dem Mexikaner und dem Amerikaner – den ungleichen „Amigos“, die sich mehr und mehr auseinander leben. Während sich Chuncho, der in einen Gewissenskonflikt zwischen seinem Wunsch nach Bereicherung und der offensichtlichen Armut und Unterdrückung seiner Landsleute gerät, Bill annähern will, versucht dieser, jede Emotion zu unterdrücken und begreift nicht das ihm entgegen gebrachte Vertrauen.

Diese Wechselwirkung zeigt sich besonders in der zentralen Szene des Films, in der Chuncho einem reichen Großgrundbesitzer und dessen engagierter Frau begegnet. Beide imponieren ihm, da der Kapitalist seine Schuld begreift und sie sich mutig für ihren Mann einsetzt. Doch die Landbevölkerung, die lange unter seiner Herrschaft leiden musste, fordert von Chuncho, den sie als Revolutionär feiern, dessen Tod. Er muss erkennen, dass die Zeit gegenseitiger Gespräche längst von unkontrollierter Gewalt abgelöst wurde. Als ein Bandenmitglied die Ehefrau belästigt und der Amerikaner sie daraufhin verteidigt, erschießt Chuncho einen seiner Männer, als dieser auf ihn losgehen will – für ihn ist Bill sein Freund. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat Chuncho nichts mehr mit Volontés Banditen-Rollen aus den Leone-Western gemein, denn seine Handlungen sind ausschließlich von Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit geprägt, ganz abgesehen von dem allgemeinen Verzicht auf coole Sprüche, sarkastische Bemerkungen und zynische Verhaltensmuster in "Quien sabe?", worin sich der Film auch von seinem thematisch verwandten Nachfolger "Il mercenario" (1968) von Sergio Corbucci unterscheidet.

Doch Bill begreift Chunchos geänderte Konsequenz nicht, was zu weiteren Missverständnis zwischen ihnen führt - bis es zum Bruch kommt. Die Parallelen zum US-Engagement in Vietnam zeigen sich weniger in Bills egoistischen Intentionen, als in dessen Unfähigkeit, sich in seinen mexikanischen Freund hineinzudenken. Auch das Scheitern der US-Amerikaner in Vietnam, die vordergründig den Einheimischen zu Hilfe kommen wollten, beruhte letztlich auf der Unfähigkeit, die Situation vor Ort zu begreifen, aber das konnte Damiano Damiani 1967 noch nicht wissen. Entsprechend konnte "Quien sabe?" auch keine Lösungen aufzeigen und blieb das "Wer weiß?" als offene Frage über einer Handlung bestehen, deren weitere Entwicklung nicht abzusehen war. Nur eines drückte der vielschichtig unterhaltende Film damals schon ganz deutlich aus: "Ami go home!"

"Quien sabe?" Italien 1966, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Salvatore LauraniDarsteller : Gian Maria Volonté, Lou Castel, Klaus Kinski, Martine Beswick, Jaime Fernández, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.