Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Sonntag, 19. Juli 2009

Sette canne, un vestito [Kurzfilm] (1949) Michelangelo Antonioni

Inhalt : Dokumentation über die Herstellung von Seide in einer modernen Fabrik der Nachkriegszeit im italienischen Torviscosa, nahe Triest. Beginnend bei der Ernte, beschreibt Antonioni die genauen Abläufe in den Fabrikanlagen bis zum Endprodukt.


Die Entstehung des Kurzfilms "Sette Canne, un vestito" in den späten 40er Jahren fällt noch in Antonionis frühe Phase des Filmschaffens, in der er ausschließlich dokumentarische Filme drehte, bevor er 1950 seinen ersten Spielfilm "Chronik eine
r Liebe" schuf.

Da Antonioni parallel zu Visconti 1942 mit seinem Dokumentarfilm "Gente del Po" begann und zusammen mit Roberto Rosselini an dessen "Un pilota ritorna" arbeitete, lässt sich eine Nähe zum damals entstehenden "italienischen Neoralismus" herstellen, die aber nur oberflächlich in Antonionis Werk zu erkennen ist. Bei Betrachtung seines Kurzfilms "Sette canne, un vestito" (sinngemäss " Sieben Rohre, ein Kleidungsstück ") erschließen sich die Unterschiede zu dieser Stilrichtung und zeigen sich signifikant die Elemente seiner zukünftigen Bildgestaltung.

Er verbindet dabei zwei Ebenen, die sich vordergründig ausschließen : eine genaue Beschreibung der Herstellung von Seide - beginnend bei der Ernte, weiterführend über die genauen Abläufe in der Fabrik, bis zum Endprodukt - und eine optische Schönheit, die vergessen lässt, dass hier Menschen in einem schweren Arbeitsprozess integriert sind. Anders als bei den "Neorealisten", die an einer möglichst genauen und kri
tischen Beschreibung der Arbeitsverhältnisse interessiert waren, konzentriert sich Antonioni hier auf die Maschinen, die den nach dem zweiten Weltkrieg fortschreitenden Automatisierungsprozess symbolisieren.

Der sachliche Kommentator spricht angesichts der riesigen und beindruckenden Fabrikanlagen von "castello misterioso", worin auch die Faszination zu erkennen ist, die diese neuen Anlagen mit sich brachten, deren genaue Funktion für Aussenstehende nicht begreifbar war. Die hohen Gebäude mit ihren schlanken Schornsteinen, die riesigen Hallen, in denen das Material weiter verarbeitet wird, die unzähligen Rohre, die sich über Dächer schängeln und die vielen Auffangbecken, in denen verschiedene Reinigungsprozesse ablaufen, werden von Antonioni
einerseits in ihrer funktionellen Reihenfolge gezeigt, andererseits in ihrer ästhetischen Form eingefangen. Durch das Weglassen natürlicher Geräusche und der Überlegung der Bilder mit einer teilweise dramatischen Orchestermusik, komponiert von Giovanni Fusco, der später noch viele Filme Antonionis musikalisch begleitete, wird der Charakter der Stilisierung zusätzlich verstärkt, was den gesamten Fabrikationsprozess unnatürlich überhöht.

Menschen spielen dabei die unwesentlichste Rolle. Sie wirken sehr klein innerhalb der monströsen Umgebung und scheinen nur die Funktion zu haben, den Prozess zu unterstützen. Sie werden von Antonioni meistens beim Beseitigen von Reststoffen, bei der Reinigung oder bei der Überprüfung von Qualitäten gezeigt. Während er an die Maschinen sehr nahe herangeht, bleibt er zu den Menschen immer auf Abstand, so dass sich keine Gesichter einprägen - in Erinnerung bleiben vor allem die überdimensionalen Fabrikanlagen.


Mit dieser Sichtweise ist Antonioni seiner Zeit weit voraus, denn tatsächlich bedurften die maschinellen Anlagen vor etwa 60 Jahren im Vergleich zu heute noch erheblicher menschlicher Mitwirkung, aber für die damaligen Zeitzeugen muss dieses Mass an Automatisierung schon sehr beeindruckend gewesen sein. Mit den letzten Bildern seines Films, die einige Mannequins auf einer Modenschau zeigen, wird Antonionis Intention deutlich - die Entfremdung des einzelnen Menschen in der Gesellschaft und der Verlust seiner Identität. Zwischen den zwei Welten - hier die "sieben Rohre", dort "das Kleidungsstück" - gibt es keine wirklichen Berührungspunkte mehr, nur noch eine maschinelle Herstellung, die die Menschen in anonyme Arbeiter und Nutzer teilt.

Letztlich ist Antonioni mit seiner ästhetischen Umsetzung nicht weniger kritisch als seine "neorealistischen" Zeitgenossen, aber in "Sette canne, un vestito" zeigt sich schon sein z
urückhaltender, an optischer Schönheit orientierter Stil, der seine Intention eher unmerklich auf den Betrachter überträgt.

"Sette canne, un vestito" Italien 1949, Regie: Michelangelo Antonioni, Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Laufzeit : 10 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Michelangelo Antonioni:

"I vinti" (1952)
"L'avventura" (1960)
"La notte" (1961)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.