Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 27. Dezember 2016

Le farò da padre... (1974) Alberto Lattuada

Die Contessa (Irene Papas) stellt Anwalt Mazzacolli (Luigi Proietti)...
Inhalt: Der umtriebige, aber finanziell klamme römische Anwalt Saverio Mazzacolli (Luigi Proietti) ist ständig unterwegs, um Interessenten und mögliche Geldgeber für ein ehrgeiziges Projekt zu begeistern. Er will eine ganze Stadt für reiche Urlauber an der Adriaküste im südlichen Puglia entstehen lassen. Der Adlige Don Amilcare de Loyola (Mario Sciaccia), in dessen nahe gelegenem Stadthaus er untergekommen ist, unterstützt ihn. Hier befindet sich auch Mazzacollis Büro, von wo er aus mit Hilfe seines Sekretärs Peppe Colizzi (Bruno Cirino) die Strippen zieht. Don de Loyola verschafft ihm auch Kontakt zu der Contessa Raimonda Spina Tommaselli (Irene Papas), der einflussreichsten Persönlichkeit vor Ort, der auch die Ländereien gehören, auf denen der Anwalt sein Vorhaben plant. 

...ihre Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy) vor
Mazzacolli, ganz von seinem Charme und seiner Wirkung auf Frauen überzeugt, glaubt bei der attraktiven und etwas älteren Contessa leichtes Spiel zu haben, unterschätzt aber deren Selbstbewusstsein. Sie verbringt zwar eine Nacht mit ihm, hat darüber hinaus aber kein weiteres Interesse an einer persönlichen Beziehung. An einer Geschäftsbeziehung schon, aber dafür fordert sie als Voraussetzung, dass Mazzacolli ihre Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy) heiratet – eine sehr hübsche, knapp 16jährige junge Frau, die geistig auf dem Stand einer Zweijährigen geblieben ist. Für den Anwalt eine nur schwer zu erfüllende Bedingung, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt...

 
Die 18jährige Theresa Ann Savoy in ihrer ersten Rolle...
Der Ruf eines "Entdeckers junger Mädchenblüte" (Corriere della sera) haftete Alberto Lattuada schon lange an. Neben der Besetzung der damals 17jährigen Jacqueline Sassard in „Guendalina“ (1957), verdankte er diese Einschätzung besonders Catherine Spaak, die als 15jährige in "I dolci inganni" (Süße Begierde, 1960) eine Schülerin im Moment ihres sexuellen Erwachsens spielte. In der Kombination junger Schauspielerinnen mit dem Thema Sex lag der entscheidende Grund für Lattuadas wenig schmeichelhaften Ruf, der gemessen an seinem Gesamtwerk nicht haltbar ist. Überwiegend besetzte er gestandene Darstellerinnen wie die damals 34jährige Martine Carol als Prostituierte in "La spiaggia" (Der Skandal, 1954), die mit der Doppelmoral des italienischen Bürgertums konfrontiert wird, als sie mit ihrer kleinen Tochter Ferien am Meer machen will. Mehr als das Alter seiner Darstellerinnen galt Lattuadas Augenmerk der Verlogenheit einer Zivilisation im Spannungsfeld von Religion und unterdrückter Sexualität.

...als Clotilde an der Seite von Irene Papas in der Rolle ihrer Mutter
Sein zwischen Voyeurismus und Sezierung pendelnder Stil wirkt aus heutiger Sicht inkonsequent. Einerseits legte er die damalige Situation offen und betonte den Anspruch der Frau auf Selbstbestimmung, andererseits stellte er den weiblichen Körper provokativ zur Schau. Für Lattuada kein Widerspruch, denn der Bruch moralischer Tabus war für den überzeugten Linken Ausdruck seiner Kritik an der stark vom Katholizismus geprägten italienischen Gesellschaft. Eine Haltung, die sich über zwei Jahrzehnte bis in die 70er Jahre im italienischen Filmschaffen wiederfinden lässt. Besonders im Episodenfilm der 60er Jahre lebte sich eine große Anzahl von Künstlern mit Lust an der Provokation innerhalb der sexuellen Thematik aus und schuf damit die Grundlage für die „Commedia sexy all’italiana“ (siehe den Essay "L'amore in città und die Folgen").

Saverio Mazzacolli in seinem Büro...
Alberto Lattuada selbst beteiligte sich nach "L'amore in città" (1953) an keinem weiteren Episodenfilm, aber er gab seinem überwiegend ernsthaften Stil zusätzlich eine humorvolle Richtung. Mit dem Komiker Totò drehte er „La mandragola“ (Mandragola oder Der Liebhaber als Arzt, 1965) und bei „Don Giovanni in Sicilia“ (1967) arbeitete er mit Lando Buzzanca zusammen, einem Protagonisten der „Commedia sexy all’italiana“ der 60er und frühen 70er Jahre. Parallel schritt der soziokulturelle Wandel voran, einhergehend mit der sexuellen Liberalisierung. Trotz der nach wie vor sehr konservativen italienischen Gesellschaft, wurde es Anfang der 70er Jahre im Kinofilm zunehmend schwieriger, mit Tabubrüchen zu provozieren. Inhaltliche und optische Freizügigkeiten, mit denen Lattuada früher das Publikum (und die italienische Zensur) aus der Reserve locken konnte, wurden zur Normalität.

...und beim Abendessen mit Don de Loyola (Mario Sciaccia)
Auch „Le farò da padre...“ fiel weder inszenatorisch, noch stilistisch aus dem Rahmen typischer Erotik-Komödien seiner Zeit. Luigi „Gigi“ Proietti, Anfang der 70er Jahre in allen Genres aktiv - zuletzt in Elio Petris Polit-Farce „La proprietà non è più un furto“ (1973) - spielte den so charmanten, wie skrupellosen römischen Anwalt Saverio Mazzacolli, der im Süden Italiens große Geschäfte machen will. In Puglia an der Adria-Küste plant er eine ganze Stadt für zahlungskräftige Urlauber hochzuziehen – neben Appartement-Häusern mit Meeresblick sollen ein Einkaufszentrum und ein Krankenhaus für eine Vollversorgung in der sonst strukturschwachen Region dienen. Sein Büro befindet sich in einem alten Palazzo, der dem Landadligen Don Amilcare de Loyola (Mario Sciaccia) gehört, der Mazzacolli bei seinem Vorhaben unterstützt. In dem nahe gelegenen kleinen Ort stehen die herrschaftlichen Stadthäuser mit ihren hohen, dunklen Räumen dicht gedrängt. Alles atmet noch den Geist der Vergangenheit.

Concettina (Lina Polito) steht bereit, Peppe (Bruno Cirino) muss zusehen
Das Aufeinanderprallen der Moderne mit dem als rückständig angesehenen Süden Italiens gehörte genre-übergreifend zum Standard-Repertoire im italienischen Film. Auch in „Le farò da padre...“ scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen, wenn Mazzacolli mit seinem Jaguar durch die engen Gassen rast und wie selbstverständlich dem Dienstmädchen Concettina (Lina Polito) unter den Rock fasst, als sie das Abendessen serviert. Sein ihm zur Seite gestellter einheimischer Sekretär Peppe Colizzi (Bruno Cirino) möchte ihm nacheifern, verfügt aber nicht über die Reputation eines modernen Lebemanns wie Mazzacolli, dem die junge Concettina abends noch zur Verfügung steht. Nach außen herrscht strengstes Patriarchat, während die Herren heimlich ihren frivolen Gelüsten nachgehen? – Für Alberto Lattuada ein alter Hut. Nicht die einheimische Bevölkerung ist es, die hier mit einer liberalen Lebensart provoziert wird - der junge Anwalt wird an seine Grenzen geführt.

Mazzacolli glaubt sich nach einer Nacht mit der Contessa am Ziel...
Um Geldgeber für seine teuren Investitionen zu finden, hatte ihn De Loyola in die bessere Gesellschaft eingeführt, genauer mit Contessa Raimonda Spina Tommaselli (Irene Papas) bekannt gemacht, die einflussreichste und finanzkräftigste Persönlichkeit vor Ort. Sie steht einem reinen Frauen-Haushalt vor mit ihrer Mutter Principessa Anastasia (Maria Pia Attanasio), zwei alten Tanten (Isa Miranda und Clelia Matania) und ihrer knapp 16jährigen Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy). Ihr Mann ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Schon bei dieser ersten Begegnung wird Mazzacolli stark irritiert, als Clotilde inmitten der Gesellschaft vor seinen Augen ihren Rock hebt und in ihr Höschen nässt. Für die Umstehenden keine Überraschung, da sie wissen, dass Clotilde geistig zurück geblieben ist und sich noch wie eine knapp Zweijährige verhält. Gleichzeitig ist ihre Libido voll entwickelt, weshalb sie von ihrer Amme (Nina de Padova) erst gefüttert und dann vor dem Einschlafen mit der Hand körperlich befriedigt wird. Ein für alle Beteiligten selbstverständlich ausgeübter Umgang.

...aber diese hat eigene Pläne mit dem Anwalt
Mazzacolli versucht diese Erfahrung zu vergessen und konzentriert sich auf die Contessa, bei der er als jüngerer Mann leichtes Spiel zu haben glaubt. Er verbringt mit ihr eine gemeinsame Nacht in einem Landhaus inmitten ihrer Ländereien, aber das Ergebnis entspricht nicht seinen Erwartungen. Die attraktive und selbstbewusste Adlige nahm den Sex gerne mit, aber an ihre geschäftliche Zusammenarbeit knüpft sie eine andere Bedingung – er soll ihre Tochter Clotilde heiraten. Dem finanziell klammen Anwalt bleibt keine Wahl und ihr Arrangement wird notariell beglaubigt. Doch um sich der Verantwortung zu entziehen, ersinnt er einen perfiden Plan. Es ist der römische Jungspund Mazzacolli, der sich hier einer alten Regel des patriarchalischen Südens bedient. Er lässt Clotilde mit Hilfe seines Sekretärs und des Dienstmädchens Concettina entführen. Clotilde soll vergewaltigt werden, worauf er die Ehe ablehnen kann, weil sie keine Jungfrau mehr ist. Diese im Italienischen „Fuitina“ genannte Methode zwang die Vergewaltigte ihren Schänder zu heiraten – nur das Clotilde nicht dazu in der Lage sein wird, diesen zu benennen. 

Mazzacolli nimmt sich der entführten Clotilde an...
Wieder scheint „Le farò da padre...“ eine eindeutige Richtung zu nehmen, aber erneut wechselt der Film die Perspektive. Schon die Charakterisierung des Anwalts vermittelt die komplexe Herangehensweise Lattuadas und seiner Co-Autoren Bruno di Geronimo und Ottavio Jemma, denn trotz der rücksichtslosen Vorgehensweise und sexuellen Übergriffigkeit, verliehen sie dieser Figur sympathische Züge. Überzeugend von Proietti umgesetzt: freundlich, jungenhaft und wenig verbissen versucht er mit möglichst geringem Aufwand ein bequemes Leben zu führen. Entsprechend glaubwürdig wirkt es, als er sich der entführten Clotilde annimmt, die herausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung wie jedes Kleinkind verstört und weinend reagiert. Concettina war nicht in der Lage, sie zu beruhigen, aber Mazzacolli findet den Zugang zu ihr. Er nimmt sich viel Zeit für sie und stellt eine enge, zärtliche Nähe zu ihr her. Er verhält sich wie ein Vater.

Doch ein Kleinkind ist Clotilde nur dem Verhalten nach, äußerlich ist sie eine junge Frau. Die Nacktaufnahmen der damals 18jährigen Theresa Ann Savoy in ihrer ersten Rolle fielen nicht aus dem Rahmen gängiger Erotikfilme, aber die Kombination eines Frauen-Körpers mit einem kindlichen Verstand führte direkt ins Zentrum der Frage nach der eigenen Auffassung von Sexualität und Geschlechterrolle – sowohl aus der Sicht des Protagonisten, wie des Voyeurs vor der Leinwand. Lattuada trieb mit dieser Konstellation die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers auf die Spitze. Clotilde ist die Verkörperung einer unschuldigen, wehrlosen jungen Frau – ein archaischer männlicher Wunschtraum. Mazzacolli wahrt im Umgang mit Clotilde zwar die Grenze zum Geschlechtsakt, aber seine Zärtlichkeiten lassen sich nur schwer zwischen Vater und Liebhaber trennen. Dass er - bisher offensichtlich bindungsunfähig - sich in Clotilde verliebt, ist nur erträglich, weil er ihr entgegen seiner ursprünglichen Absicht gut tut.

Erst verhindert er Clotildes Vergewaltigung durch Peppe Colizzi, der damit nur Mazzacollis Anweisungen folgte, dann bringt er sie unversehrt zu ihrer Mutter zurück. Ohne ihm eine Mittäterschaft nachweisen zu können, durchschaut die Contessa den Anwalt und widerruft ihren Wunsch, ihre Tochter mit ihm zu verheiraten. Und stürzt damit den in Liebe entflammten Mazzacolli, der jedes Interesse an seinen Geschäften verloren hat, in tiefe Verzweiflung. Doch auch Clotilde hat sich verändert und ist nicht mehr durch ihre Amme zu beruhigen. Ihr fehlt die Liebe und Zärtlichkeit des Vaters. Ihre Mutter will sie beschützen, ist aber nicht in der Lage, ihre Nähe zu geben und wird damit konfrontiert, dass die Behörden ihr das Mädchen wegnehmen und in ein Heim einweisen wollen.

...um nach der Trennung jedes andere Interesse zu verlieren
Ganz in der Tradition der „Commedia all’italiana“ verliert „Le farò da padre...“ trotz der ins Bösartige driftenden Handlung nie seinen komödiantischen Unterton. Und kann zudem mit einem überzeugenden Happy-End aufwarten. Zumindest im Auge des männlichen Protagonisten in seiner absoluten Hingabe an die Kind-Frau. Doch weder eignet sich Mazzacolli zur Identifikation, noch erlaubt die Charakterisierung der Clotilde den notwendigen Abstand, um als visuelles Objekt zu dienen. Alberto Lattuada nutzte die Mittel der Erotik-Komödie, ging im Detail noch darüber hinaus, konfrontierte den Betrachter aber so direkt mit dessem eigenem Voyeurismus, dass „Le farò da padre...“ nahezu vergessen ist und keinen Eingang fand in die heute noch große Anzahl bekannter Erotikfilme dieser Zeit. Angesichts der Qualität und des hohen Unterhaltungswerts des Films zu unrecht, aber der Beweis dafür, dass Alberto Lattuada in seiner Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral immer noch provozieren konnte. 

"Le farò da padre" Italien, Frankreich 1974, Regie: Alberto Lattuada, Drehbuch: Alberto Lattuada, Ottavio Jemma, Bruno Di Geronimo,  Darsteller : Luigi Proietti, Theresa Ann Savoy, Irene Papas, Mario Sciaccia, Isa Miranda, Bruno Cirino, Lina Polito, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alberto Lattuada:

"L'amore in città" (1953)
"La spiaggia" (1954) 
"I dolci inganni" (1960)

Dienstag, 6. Dezember 2016

Roma bene (Roma bene - Liebe und Sex in Rom) 1971 Carlo Lizzani


Silvia Santi (Virna Lisi) will ihren Ohrring von Baron De Vittis zurück
Inhalt: Ein Sommer-Abend in Rom. Langsam füllt sich der Palazzo der Familie Santi mit Gästen, die den Abend bei Musik, Alkohol, Drogen und angenehmen Gesprächen ausklingen lassen wollen. Auch für weitere Vergnügungen wie Glücksspiel und Sex ist gesorgt. Während Commissario Tartamella (Nino Manfredi) das Eintreffen der Schönen und Reichen von Rom beobachtet, trifft auch Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) ein, der sich ein paar Lire von einem Gast geben lässt, um den Taxi-Fahrer zu bezahlen. Der Baron ist zwar notorisch klamm, aber die „gehobene“ Gesellschaft schmückt sich gerne mit einem Mitglied des alten Adels. 

Commissario Tartamella (Nino Manfredi) erträgt die Situation mit Humor
Wie zu erwarten war, muss sich der Commissario später noch um den als Kleptomanen bekannten Baron kümmern, denn dieser hatte ausgerechnet den wertvollen Ohrring der Hausherrin Silvia Santi (Virna Lisi) gestohlen und gleich herunter geschluckt. Zwar muss Di Vittis mit auf die Wache, bis der Ohrring wieder auftaucht, aber weitere Konsequenzen zieht sein Vergehen nicht nach sich. Bei der nächsten Party ist er wieder mit dabei. Ähnlich großzügig legen auch die übrigen Gäste die Gesetze für sich aus, die je nach Situation zu eigenen Gunsten ausgelegt werden. Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) nutzt ihre Attraktivität für die Beeinflussung von Politikern, Andere gehen weniger dezent vor… 


Der deutsche Verleih fügte Carlo Lizzanis Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana" noch die Worte "Liebe und Sex in Rom" hinzu. An welcher Stelle im Film die Texter des deutschen Titels die "Liebe" vermuteten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte man damit Lizzanis Film mehr Richtung sexy Komödie und damit Publikumsaffinität rücken. Gemessen am prominenten Cast, der hier vor der Kamera agierte und den unzweifelhaft vorhandenen Schauwerten, dürfte das nicht gelungen sein, denn "Roma bene" ist heute nahezu unbekannt.

Carlo Lizzanis Film steht trotz seiner freizügigen Optik und seines authentischen Zeitkolorits Anfang der 70er Jahre noch für die Vergangenheit der "Commedia all'italiana". Ein nur wenig kaschierter Episodenfilm im Geist der 60er Jahre - provokativ, zynisch und gesellschaftskritisch, aber Anfang der 70er Jahr nicht mehr "up-to-date". Aus heutiger Sicht hat sich das geändert - eine empfehlenswerte Wiederentdeckung. 


Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen. 
(aus „Die göttliche Komödie“, 19. Gesang von Dante Alighieri)

Principessa und Prince Marescialli (Senta Berger und Umberto Orsini)
Nur die Flucht in literarische Höhen lässt Commissario Tartamella (Nino Manfredi) eine Umwelt ertragen, mit der er täglich konfrontiert wird – die Schönen und Reichen von Rom. Ein Haufen korrupter und eitler Selbstdarsteller, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Moral, Respekt vor Anderen oder den Gesetzen des Landes? - Fehlanzeige. Als Polizist bleibt ihm nur wenig Handlungsspielraum. Er darf zwar den verarmten Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) verhaften, bis dieser den wertvollen Ohrring von Silvia Santi (Virna Lisi) auf der Wache wieder ausgeschieden hat – wegen seiner adligen Herkunft ist der notorische Kleptomane ein gern gesehener Gast auf den diversen Feierlichkeiten – , aber darüber hinaus kann er trotz klarer Beweislage Niemanden überführen. Weder bei einer vorgetäuschten Kindesentführung, noch bei Gatten-Mord. Die Beziehungen der Beschuldigten reichen bis in höchste politische Kreise. 

„Arme brauchen einen Grund zu feiern, Reiche haben immer Party“ 

Giorgio Santi (Phillippe Leroy) macht Geschäfte mit China
sind die ersten Worte des Commissario auf die Frage seines Adjutanten, aus welchem Anlass gerade zahlreiche Gäste mit ihren Luxus-Karossen vor einem römischen Palazzo vorfahren. Von oben betrachtet sieht Rom in der abendlichen Dunkelheit sehr friedlich aus. Die Silhouette des Kolosseum thront zwischen dem Lichtermeer, während ein von Luis Bacalov komponierter Song melancholisch erklingt. Alles „bene“ in Rom? – Zumindest für die fröhliche Gesellschaft im Hause Silvia Santi, deren Mann Giorgio (Philippe Leroy) gerade geschäftliche Kontakte mit China eingefädelt hat. Sexuelle Revolution und linke Ideologie lassen sich elegant mit Kapitalismus und Dekadenz kombinieren. Entsprechend ausgelassen wird gefeiert, während im intimen Rahmen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen und die nächste Sex-Affäre eingeleitet werden.

Ein Hoch auf Mao - Baron De Vittis (Vittorio Caprioli)
Ähnlich illustre wie die hier versammelte Gesellschaft war auch die Schauspielergarde, mit der die italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Leitung von Carlo Lizzani aufwarten konnte, der seine zynische Komödie zudem ganz zeitgemäß mit viel Erotik würzte. Leider ohne den gewünschten Erfolg. Trotz bester Voraussetzungen geriet „Roma bene“ schnell in Vergessenheit, denn wirklich neu war nichts an Lizzanis Werk. An kritischen Kommentaren über die sogenannte „bessere“ Gesellschaft hatte es im italienischen Film zuvor ebenso wenig gefehlt, wie an einer ironischen Aufarbeitung der sexuellen Liberalisierung und der Protestbewegung. Besonders der ab Mitte der 60er Jahre in Italien intensiv gepflegte Episodenfilm (siehe "L'amore in città und die Folgen") war früher Mittelpunkt respektloser und gesellschaftskritischer Statements einer Vielzahl italienischer Filmkünstler. Auch Carlo Lizzani hatte als Regisseur in den 60er Jahren an drei Episodenfilmen (zuletzt "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)) mitgewirkt.

Wilma Rappi (Michèle Mercier) mit ihrer Geliebten (Annabella Incontrera)
Der gesamte Cast liest sich wie ein „Who is who“ des Episodenfilms und der aufkommenden „Commedia sexy all’italiana“. Vittorio Caprioli führte früh Regie bei „I cuori infantri“ (1963) und wurde als Schauspieler quasi omnipräsent im erotischen Film ("L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)). Senta Berger hatte in „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) ebenso unter Komödien-Spezialist Pasquale Festa Campanile gespielt wie Episodenfilm-Dauergast Nino Manfredi in "Adulterio all'italiana" (Seitensprung auf Italienisch, 1966). Auch Virna Lisi ("Le bambole" (Die Puppen, 1965)), Michèle Mercier („I nostri mariti“ (Unsere Ehemänner, 1966)), Gastone Moschin ("Le fate" (Die Gespielinnen, 1966)) und Philippe Leroy („L’idea fissa“ (Wenn das die Männer wüssten, 1964)) gehörten zur regelmäßigen Besetzung im Episodenfilm. Und mit Ely Galleani („La dottoressa sotto il lenzuolo“ (Der Kleine mit der großen Schnauze, 1976)), Margaret Rose Keil („Il decamerone proibito“, 1972) und Malisa Longo („La bella Antonia, prima Monica e poi Dimonia“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972)) zeigten sich in „Roma bene“ schon attraktive kommende Darstellerinnen der „Commedia sexy“.

Den Eindruck einer Art Bestandsaufnahme der 60er Jahre betonte noch die Anlage des Films, der seinen episodenhaften Charakter nur wenig verbarg. Zwischen der Eingangs- und Endsequenz, in der die Darsteller-Riege jeweils zusammen kommt, werden die wenig schmeichelhaften Worte des Commissario zu Beginn mit einzelnen Stories untermauert. Zuerst setzte Carlo Lizzani die Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) ins Bild bei ihrem sexuellen Einsatz für ein großes Immobilienprojekt. Nach mehreren Bettgeschichten, die die Planung voranbringen, läuft ein Abendessen mit einem einflussreichen Politiker nicht wie vorgesehen. Statt Dede erweist sich ihr Mann Rubio (Umberto Orsini) als größere Attraktion, der in diesem Fall den Job übernimmt. Abgesehen von der unlauteren Einflussnahme die sympathischste Episode – ein Gradmesser, der zunehmend abnimmt.

Nino Rappi (Franco Fabrizi) wird bei Santi das Frühstück serviert
Beginnt die Geschichte um das Ehepaar Wilma und Nino Rappi (Michèle Mercier und Franco Fabrizi) noch komisch, als sie ihn in einem Edel-Bordell erwischt und ihm die Hölle heißmacht, ohne dass er ahnt, dass sie eine lesbische Beziehung mit dessen bevorzugter Prostituierten (Annabella Incontrera) hat, gleiten die einzelnen Episoden zunehmend in bösartigere Gefilde. Bei dem Versuch des zuvor gescholtenen Ehemanns Rappi, in die China-Connection des Industriellen Giorgio Santi einzusteigen, stirbt er in der Sauna an Herzversagen. Den tagelangen Marathon aus sportlicher Betätigung und Gruppensex, bei dem er an der Seite des durchtrainierten Santi mitmachen musste, überlebte der korpulente Mann nicht. Seiner Witwe ringt das keine Träne ab. Im Gegensatz zu Irene Papas als griechische Millionärs-Gattin Elena Teopoulos, die aus Anlass des Todes ihres reichen Ehemanns eine klassische Tragödie aufführt.

Noch lebt ihr Gatte (Mario Feliciani und Irene Papas)
Womit sie Commissario Tartamella aber nicht täuschen kann, der den gemeinschaftlich mit ihrer Mutter ausgeführten Mord sofort durchschaut. Unternehmen kann er ebenso wenig, wie bei der durch die verwöhnten Santi-Kinder Vivi und Lando (Ely Galleani und Dado Crostarosa) mit Hilfe der Mutter inszenierten Selbst-Entführung, mit der sie ihren Vater um Kleingeld für ihre Spielsucht und Shopping-Gelüste erleichtern wollten. Der Commissario durchkreuzt ihren Plan, aber der reiche Papa verzichtet großzügig auf eine Bestrafung, auch um negative Schlagzeilen zu verhindern. Mit dem Knaben, der auf einem Jagdausflug statt auf Enten auf Menschen schießt, bekommt er gar nicht erst etwas zu tun. Weniger kriminell, mehr entlarvend ist die Episode um einen Kardinal (Gaston Moschin), der ein Doppelleben führt. Schwerreich im Ölgeschäft tätig und ebenfalls an der China-Connection interessiert, führt er ein angenehmes Dasein zwischen Privatyacht und Vatikan. Fließend gelingt ihm der Übergang zwischen dem Absetzen der Geliebten per Ferrari und dem Einstieg als „Il monsignore“ in den Chauffeur gesteuerten Dienst-Mercedes.

Il monsignore (Gastone Moschin) im Ferrari mit der Principessa
Provokativ war das 1971 allemal, gehörte aber zum guten Ton im italienischen Episodenfilm. Noch im späten "I nuovi mostri" (Viva Italia, 1977)) wurde die Verlogenheit der katholischen Kirche genüsslich zelebriert. Einzig mit der abschließenden, alle noch lebenden Protagonisten zusammenführenden Sequenz, betrat Carlo Lizzani Neuland. Er bestrafte sie. Versammelt, um sich nach erfolgreichen Wochen hemmungslos zu vergnügen, vergessen sie einen Moment, dass sie ohne Personal auf der Yacht des Monsignore im Mittelmeer kreisen, der als Einziger neben Giorgio Santi noch anderweitig beschäftigt ist. Als sie von der Sonne erhitzt alle gemeinsam von Bord springen, um ein kühles Bad zu nehmen, stellen sie zu spät fest, dass Niemand die Leiter herunter gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden, die die Realität ironisch bis sarkastisch zuspitzten, wirkt die abschließende Szene wie reines Wunschdenken.

Verzweifelter Versuch zurück an Bord zu kommen
Tatsächlich symbolisierte sie die Verlorenheit des Einzelnen auch innerhalb dieser scheinbar glücklichen Gemeinschaft. Der Kardinal und der mit dem Privat-Jet herüberfliegende Santi hätten sie retten können, aber sie waren nur mit sich selbst beschäftigt, ohne Interesse an ihren Freunden und Verwandten. Minutenlang zeigt der Film die zunehmend Verzweifelten bei ihrem Versuch noch irgendwie auf das Schiff zu gelangen, während zwei leere Cocktail-Gläser über das hölzerne Deck kullern. Am Ende treibt Jeder im Wasser für sich allein. Auf den Punkt gebracht, als Baron De Vittis die einzelnen Namen ruft und sie jeweils mit „anwesend“ antworten. Ins Tragische will diese Situation nach den zuvor gezeigten Ereignissen nicht abkippen, Schadenfreude bereitet sie aber auch nicht. Ein zwiespältiges, zum Nachdenken anregendes Ende, das Lizzanis Film auch nicht mehr retten konnte, dessen launig böse Abrechnung mit den „Schönen und Reichen“ für das damalige Publikum offensichtlich zu spät kam. Für 1971 mag das gegolten haben, aus heutiger Sicht hat „Roma bene“ dagegen wieder an Aktualität gewonnen. 

"Roma bene" Italien, Frankreich, Deutschland 1971, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Nicola Badalucco, Edith Bieber, Luciano VincenzoniDarsteller : Nino Manfredi, Senta Berger, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Franco Fabrizi, Virna Lisi, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Umberto Orsini, Irene Papas, Annabella Incontrera, Malisa Longo, Ely GalleaniLaufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Sonntag, 23. Dezember 2012

Z (Z - Anatomie eines politischen Mordes) 1969 Costa-Gavras


Inhalt: In einem europäischen Staat werden die Polizeieinsatzkräfte auf ihrer Aufgabe zur Verteidigung der Demokratie von einem General (Pierre Dux) eingewiesen. Es gilt eine kranke Einflussnahme auf den Staat und sein Volk zu unterbinden. Eine Veranstaltung der politischen Opposition wird entsprechend von der Polizei behindert. Nicht nur, dass der zur Verfügung gestellte Saal zu klein ist, auch die sich notgedrungen außerhalb des Gebäudes aufhaltenden Anhänger werden von einem Schlägertrupp brutal auseinander getrieben. Dabei haben sie es gezielt auf den Oppositionsführer und Hauptredner (Yves Montand) abgesehen, der in dem Durcheinander einem Anschlag erliegt.

Ein junger Staatsanwalt (Jean-Louis Trintignant) soll den Tod des Politikers untersuchen. Scheinbar stehen ihm alle Möglichkeiten des Rechtsstaats zur Verfügung, aber bald muss er feststellen, dass seine Ermittlungen nur den äußeren Anschein wahren sollen. Als er sich davon nicht zurückschrecken lässt, gerät er selbst in Schwierigkeiten…


"Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist GEWOLLT" - mit diesen eingeblendeten Worten beginnt Regisseur Costa-Gavras seinen Film "Z", dessen Entstehungsgeschichte im Jahr 1969 diese Aussage noch betont. Es war schwierig, die Finanzierung für den Film aufzubringen, da verschiedene Geldgeber aus Angst zurücktraten und die prominenten Schauspieler mit Yves Montand, Jean-Louis Trintignant und Irene Papas an der Spitze den Film erst ermöglichten, indem sie auf ihre Gage verzichteten. Ohne diese Unterstützung wären auch seine folgenden politischen Filme wie "L'aveu" (Das Geständnis, 1970) oder "L'etat de siège" (Der unsichtbare Aufstand, 1973) kaum möglich geworden.

Costa-Gavras spielt in seinem Film, der in Algerien gedreht wurde, unmittelbar auf die Ereignisse in seinem Heimatland Griechenland an, die 1963 mit einem vertuschten Mord an einem prominenten Oppositionellen begannen und im Jahr 1967 zu einem Militärputsch führten, in dessen Folge tausende Griechen inhaftiert und ermordet wurden. Doch er verzichtet auf eine exakte Ortsangabe, denn "Z" wurde zu einem generellen Exempel für die Vernichtung von Bürgerrechten unter dem Deckmäntelchen, den Staat vor Feinden schützen zu wollen - nur um damit die Übernahme der Macht durch Wenige zu rechtfertigen.

Trotz dieser Verallgemeinerung spürt man die Wucht der damaligen realen Ereignisse, denn Costa-Gavras Wut über die Diktatur in seinem Heimatland bleibt jede Sekunde im Film vorherrschend. Dieser beginnt mit einer Vorlesung in einem Hörsaal, indem sich größtenteils uniformierte Männer aufhalten. Der General (Pierre Dux) hält eine flammende Rede darüber, dass Ereignisse und "kranke Einflussnahmen", die den gesunden Staat und dessen Volkswillen stören können, schon im Keim erstickt werden müssen. Als Zuschauer glaubt man einer militärischen Versammlung reaktionärer Offiziere beizuwohnen, stattdessen handelt es sich um die ortsansässigen Polizeioffiziere und der General betont zuletzt auch noch, daß es darum gehe, die Grundrechte der Demokratie zu verteidigen...

Szenenwechsel - einige Männer organisieren eine politische Veranstaltung. Trotz der Plakate und Parolen ist eine exakte Zuordnung der Partei in Links und Rechts nicht möglich. Damit beabsichtigte Costa-Gavras übliche Klischees und damit auch Sympathien oder Antipathien beim Zuseher zu vermeiden. Offensichtlich ist aber, dass es sich um eine Oppositionspartei handelt, die dazu noch für Abrüstung plädiert und damit der Regierung ein Dorn im Auge ist. Die Organisatoren für die große Kundgebung am Abend bekommen Probleme, da man ihnen die zugesagte Halle nicht gibt und eine Open-Air-Veranstaltung als Provokation gilt. Die Polizei, nach außen hin eine solche Veranstaltung unterstützend, vermittelt stattdessen einen Saal, der viel zu klein ist. Zusätzlich nimmt sie Morddrohungen, die gegen den Hauptredner und charismatischen Oppositionsführer (Yves Montand) für den Abend kolportiert werden, nicht ernst. 

Als die Veranstaltung beginnt, hat sich eine gefährliche Stimmung ausgebreitet. Da der Saal bei weitem nicht alle Anhänger fasst, halten sich viele Anhänger außerhalb des Hauses auf und hören die Rede durch große Lautsprecher mit. Die Polizei lässt unerkannt einen rechtsradikalen Schlägertrupp auf die Versammlung los, der nicht nur für Unruhen sorgen soll, sondern es gezielt auf den Oppositionsführer abgesehen hat. Costa-Gavras verklausuliert die Ereignisse nicht, sondern schildert sie mit erschreckender Direktheit. Die Prügelszenen werden in ihrer Brutalität und der damit verbundenen Niedertracht schonungslos gezeigt. Die Schläger, die einen exakten Plan haben und entsprechend skrupellos vorgehen, treffen auf Menschen, die friedlich demonstrieren wollen und die der Gewalt hilflos gegenüberstehen.

Die erste Hälfte des Films gilt den Unruhen bis zu dem als Unfall getarnten Anschlag auf den Oppositionsführer, die zweite widmet sich der Verfolgung der Täter, bei der ein junger Richter (Jean-Louis Trintignant) aktiv wird, um im Namen des Staates den Fall aufzuklären. Durch diese äußerlich einem demokratischen Staat entsprechenden Mechanismen, wird erst deutlich, wie leicht dessen Regeln missbraucht werden können und wie wichtig die moralische Integrität der Verantwortlichen ist. Entsprechend interessiert sich Costa-Gavras nicht für Namen, sondern für die Vertreter eines Staates - Polizisten, Politiker, Journalisten, Staatsanwälte und Richter - und deren Umgang mit der Macht. Trotz der dadurch entstehenden Vielfalt bleibt "Z" klar strukturiert, die einzelnen Personen dank der herausragenden Schauspielerleistungen jederzeit wieder erkennbar und auch charakterlich nachvollziehbar und die Handlung trotz des hohen Tempos und der häufigen Schnitte immer schlüssig.

"Z" wurde als politischer Film, der sich mit unmittelbarer Zuspitzung nur diesem einen Thema widmete und auf private Hintergründe fast gänzlich verzichtete, in dieser Formsprache beispielhaft für das Genre. Die wenigen Szenen, die unter der Bevölkerung spielen oder die trauernde Ehefrau (Irene Papas) des ermordeten Abgeordneten zeigen, werden fast beiläufig geschildert, ohne das daraus emotionales Kapital geschlagen wird. Einzig die Angst, die Jeden angesichts der Allmacht des Staates packen müsste, wird an diesen von Costa-Gavras veranschaulicht. So entstand ein zeitloses, exemplarisches Werk, dass in seiner Konsequenz, die komplexen Mechanismen der Entstehung einer Diktatur aufschlüsseln zu wollen, einmalig geblieben ist.
 

"Z" Frankreich, Algerien 1969, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: Costa-Gavras, George Semprún, Vasislis Vasilikos (Buchvorlage), Darsteller : Yves Montand, Jean-Louis Trintignant, Irene Papas, Jacques Perrin, Charles Denner, Laufzeit : 127 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras:

"L'aveu" (1970)

Freitag, 18. September 2009

A ciascuno il suo (Zwei Särge auf Bestellung) 1967 Elio Petri

Inhalt: Wieder hat der Apotheker des kleinen sizilianischen Ortes, Arturo Manno (Luigi Pistilli), eine anonyme Morddrohung erhalten, was Niemanden seiner Freunde ernsthaft wundert, denn der verheiratete Manno hat viele Affären mit anderen Frauen, darunter auch einer Minderjährigen. Richtig ernst nimmt die Drohungen allerdings auch keiner, bis er und sein Freund Dr. Antonio Roscio (Franco Tranchina) bei der Jagd am frühen Morgen ermordet werden.

Sofort fällt der Verdacht auf den Vater und die Brüder der Minderjährigen, aber Professore Paolo Laurana (Gian Maria Volontè), ein Freund der Toten, fallen sofort Unstimmigkeiten auf, da die Buchstabenschnitzel aus einer christlichen Zeitung stammen und die Verdächtigen Analphabeten sind. Ohne irgendwelche Zusammenhänge zu er
ahnen oder über Unterstützung in der Bevölkerung zu verfügen, macht er sich auf die Suche nach den wahren Mördern...


Aus heutiger Sicht ist es schwer zu beurteilen, warum "A ciascuno il suo" (Jedem das Seine), der in Cannes für sein Drehbuch eine Palme erhielt, von Beginn an ein Image verpasst wurde, dass zu falschen Erwartungshaltungen führen musste. Schon der Original -Trailer betonte die wenigen Actionelemente und vermittelte mit zackiger 60er-Jahre-Grafik den Eindruck einer blutrünstigen Auseinandersetzung. Der deutsche Titel "Zwei Särge auf Bestellung" suhlt sich dazu noch im Giallo-Sumpf, während der englische Titel "We still kill the old way" wenigstens nicht völlig frei erfunden ist, sondern einen Originalsatz fast korrekt zitiert, der allerdings für die Handlung nebensächlich ist.

"Er ist wahrscheinlich impotent"

Diese Bemerkung eines Polizisten, der bei der Beerdigung von Arturo Manno (Luigi Pistilli) und Dr. Antonio Roscio (Franco Tranchina) durch ein Fernglas die Trauernden observiert, gilt Prof. Paolo Laurana (Gian
Maria Volontè), einem Freund der beiden Ermordeten, und ist deutlich aussagekräftiger hinsichtlich der Intention des Films. Laurana stammt wie fast alle Anwesenden aus dem kleinen sizilianischen Dorf "La Marca" und arbeitet als Dozent in Palermo, weshalb er nur in den Sommermonaten hier verweilt. Der Intellektuelle, der inzwischen wieder aus der kommunistischen Partei ausgetreten ist, wohnt bei seiner Mutter und hat keine Beziehungen zu Frauen. Das er Teil des Freundeskreises war, dem neben den Ermordeten auch der Anwalt Rossello (Gabriele Ferzetti) angehörte, ist nur durch seine Herkunft begründet.

Petri verdeutlicht dessen Rolle als Außenseiter, in dem er den Film in drei Teile gliedert - die Vorgeschichte bis zum Tod der beiden Männer, den fast die gesamte Laufzeit einnehmenden Hauptteil, der ausschließlich aus der subjektiven Sicht Lauranas geschildert wird, und einen kurzen Nachspann. Eine Verzahnung zwischen Lauranas Erfahrungen und den tatsächlichen Hintergründen findet nicht statt. Letztlich bleibt Laurana nur ein Element, dass für die wesentlichen Entscheidungen der Strippenzieher keine Rolle spielt.

Im Mittelpunkt der Vorgeschichte steht der Apotheker Manno, dessen promiskuitives Verhalten im ganzen Ort bekannt war, weshalb sich Niemand wunderte, dass er anonyme Morddrohungen erhielt. Laurana taucht nur kurz während dieser Sequenz auf,
ohne weiteren Einfluss auf die Ereignisse zu nehmen. Es ist auch schwer vorstellbar, dass er mit den zwei Männern zur Jagd am frühen Morgen hinausgefahren wäre, bei der Beide kaltblütig erschossen wurden. Da Manno mit einer Minderjährigen aus einem heruntergekommenen Ortsteil geschlafen hatte, landen ihr Vater und ihre zwei Brüder als Verdächtige im Gefängnis. Laurana, der bei der Begutachtung des anonymen Briefes festgestellt hatte, dass die Buchstaben aus dem "Osservatore Romana", einer christlichen Zeitung, ausgeschnitten wurden, zweifelt deren Schuld sofort an, auch weil es sich bei den drei Männern um Analphabeten handelt, und bittet Anwalt Rossello um ihre Verteidigung.

Der Film lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass die tatsächlichen Mörder aus ande
ren Kreisen kommen und aus anderen Beweggründen gehandelt haben. Als Laurana - von seiner detektivischen Erkenntnis noch ganz begeistert - nachspüren will, wer überhaupt den "Osservatore Romana" abonniert hat, wird er von dem Geistlichen mit den Worten begrüsst, dass er den Mord nicht begangen hätte. Da Petri ab dieser Phase immer nur bei Laurana bleibt, erfährt auch der Betrachter nichts von den tatsächlichen Hintergründen. Anders als in Kriminalfilmen, in denen so die Spannung aufrecht erhalten werden soll, wird in "A ciascuna il suo" damit der Eindruck forciert, dass Laurana weder Einfluss noch Beziehungen hat.

Leider wird Volontès Leistung in diesem Film auf Grund der falschen Erwartungshaltun
g zu wenig geschätzt. Großartig bleibt er seinem verhuschten, wenig am virilen Bild eines ermittelnden Einzelgängers orientierten Images, treu. Eher zufällig beginnt er nachzuforschen, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Dass er sich, trotz diverser Warnungen, weiter hinter den "Fall" klemmt, liegt einzig an seinem verkorksten Verhältnis zu Frauen. Luisa Roscio (Irene Papas), die Witwe des ermordeten Arztes, ist der Grund für seine Bemühungen, denn es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass er schon lange in diese schöne Frau verliebt ist.

Das Volontè in dieser Rolle überhaupt als Identifikationsfigur funktioniert, liegt einzig an seinem intensiven, nachvollziehbaren Spiel. Ohne viele Worte zu machen, entwirft der Film das komplexe Bild eines unfreiwilligen Außenseiters, der lieber dazu gehören möchte. Laurana ist kein Held, der eine kritische Haltung gegenüber den mafiösen Strukturen seiner Heimat einnimmt und bewusst auf Konfrontation geht, sondern Jemand, der sich in diesen Fall hineinsteigert, nur um die Frau zu gewinnen, die er schon lange begehrt. Sein Mut entspringt einzig dem Unwissen darüber, mit wem er sich anlegt und der fehlenden Einsicht, dass er keine Chance bei dieser Frau hat. Im gesamten Film gibt es keine politischen Parolen, keine moralischen Anklagen, nicht einmal die zu unrecht Verdächtigen kommen zu Wort. Wenn Laurana überhaupt einmal die Stimme erhebt, dann nur, um persönliche Enttäuschung auszudrücken. Der Film vermeidet bewusst jede emotionale und ideologische Zuspitzung. Auch die Morde erhalten den Charakter von Selbstverständlichkeit.

Trotzdem ist Elio Petris Film ei
ne Anklage gegen diese Verhältnisse, aber er verzichtete auf die üblichen Argumente gegen die Mafia, die hier ebenso wenig konkret vorkommt, wie die gewohnten politischen Ränkespiele im Hintergrund. Das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt, sondern das sie längst immanenter Teit einer Sozialisation sind, in der Jeder zum Opfer werden kann, wenn er nicht die ihm zugewiesene Rolle einnimmt. Und sei es die Position des Außenseiters, in der Laurana lange geduldet wurde. Die Perfidität in Petris Story verbirgt sich darin, dass der Protagonist nicht einmal einer großen Verschwörung auf der Spur war. Er wurde nicht beseitigt, um die Aufdeckung einer Straftat zu verhindern - es nahm ihn sowieso Niemand ernst - sondern weil er nicht mehr in der Lage war, sich anzupassen. Sein Aktionismus entsprang einzig allein seinen eigenen Motiven oder wie einer der Männer abschließend ausdrückte: "Laurana war ein Idiot". Das reichte schon für seinen Tod.

"A ciascuno il suo" Italien 1967, Regie: Elio Petri, Drehbuch: Elio Petri, Leonardo Sciascia (Roman), Darsteller : Gian Maria Volonté, Irene Papas, Gabriele Ferzetti, Salvo Randone, Luigi Pistilli, Laufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Elio Petri:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.