Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Samstag, 9. August 2014

La calda vita (Das heiße Leben) 1964 Florestano Vancini

Inhalt: Die 18jährige Sergia (Catherine Spaak) lässt sich in den frühen Morgenstunden trotz einer durchfeierten Nacht von den jungen Männern Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) zu einem kurzen Sommer-Trip überreden. Sie haben ein kleines Motorboot und Wasser-Skier organisiert und ziehen sie bis zu einer kleinen Insel, wo ihnen angeblich das Strandhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Sergia ist begeistert von der schönen Insel und sie tollen fröhlich herum, aber die beiden Jungs verfolgen noch ein anderes Ziel.

In der Nacht kommt Fredi an Sergias Bett, wird aber freundlich von ihr zurückgewiesen. Fredi, offensichtlich verliebt in die junge Frau, bedrängt sie nicht weiter und gibt sich damit zufrieden, neben ihr zu schlafen, verstößt damit aber gegen den gemeinsam mit Max vereinbarten Plan. Fredi sollte ihn, nachdem er mit Sergia geschlafen hatte, ebenfalls zu ihr lassen. Beide glaubten, da Sergia wie ihre ältere Schwester Liuli einen schlechten Ruf im Ort besitzt, sie wäre leichte Beute, doch sie schätzen ihre offene, erotische Ausstrahlung falsch ein…


"La calda vita" (Das heiße Leben) erschien 1958 als dritter Roman einer Trilogie über die heranwachsende Jugend, mit der der Journalist und Schriftsteller Pier Antonio Quarantotti Gambini psychologisch ausgefeilt auf die Phase sozialer Veränderungen nach dem Krieg in Italien reagierte, die durch eine zunehmende Unsicherheit der Geschlechter im Umgang miteinander geprägt wurde. Die traditionellen Verhaltensmuster begannen langsam zu bröckeln und die Sexualität trat offensiver in den gesellschaftlichen Fokus, gleichzeitig blieben patriarchalisch geprägte Vorurteile und die von der katholischen Kirche vorgegebenen Regeln in den Köpfen hängen. Deshalb nutzten kritische Künstler den konkret sexuellen Hintergrund ihrer Werke immer auch als Provokation in ihrer Kritik an einem im Konservativismus verharrenden Bürgertum.

In "La voglia matta" (Lockende Unschuld, 1962)) hatte Luciano Salce die Generation der 40jährigen mit einer Jugend konfrontiert, die nicht mehr nach ihren Regeln spielen wollte, aber besonders Alberto Lattuada beeinflusste das erotische Genre schon früh und wurde zum Entdecker sehr junger Darstellerinnen: Jacqueline Sassard („Guendalina“, 1957), später Nastassja Kinski („Cosi come sei“ (Bleib wie du bist, 1978)) und nicht zuletzt Catherine Spaak, die er als 15jährige in „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) so offensiv lustvoll inszenierte, dass er damit einen Skandal hervorrief. Und die junge Mimin auf Jahre hinaus auf diesen Typus festlegte. Es folgten „La voglia matta“, „Il sorpasso“ (Verliebt in scharfe Kurven, Dino Risi, 1962), „La parmigiana“ (Antonio Pietrangeli, 1963) und „La noia“ (Die Nackte, Damiano Damiani, 1963) bis sie in „La calda vita“ unter der Regie Florestano Vancinis eine Art Resümee ihrer bisherigen Rollen, vielleicht auch der Thematik insgesamt zog.

Der differenzierte literarische Hintergrund, dessen filmische Umsetzung von Elio Bartolini an sein Drehbuch für Antonionis „L’avventura“ (Die mit der Liebe spielen, 1960) erinnert, die Anspielung des Titels auf Federico Fellinis „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960), die offensichtlichen Handlungsparallelen zu „I dolci inganni“ – erneut bewies die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle Unabhängigkeit gegenüber der Erwartungshaltung der älteren Generation – und die dezenten, für die Entstehungszeit aber gewagten Nacktaufnahmen Catherine Spaaks ließen in „La calda vita“ eine Mischung aus Schönheit, Fröhlichkeit, Tragik und Realismus entstehen, die die Phase des Erwachsenenwerdens in all ihrer Komplexität zu erfassen vermochte. Die Handlung konzentrierte sich auf eine kleine, felsige Insel, nur von vier Darstellern getragen – Gabriele Ferzetti („L’avventura“) als Vertreter der älteren Generation, der junge Jacques Perrin („La ragazza con la valigia“ (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck, Valerio Zurlini, 1961)) und Fabrizio Capucci gehörten zu dem kleinen Ensemble – aber die kurze erzählerische Klammer sorgte für die notwendige Verortung in den frühen 60er Jahren.

Sergia (Catherine Spaak) spielt zu Beginn des Films noch eine Nebenrolle an der Seite ihrer älteren Schwester Liuli, die bei einer Abendgesellschaft die Männer gegenseitig ausspielt und von einem eifersüchtigen Verehrer geohrfeigt wird. Die 18jährige Sergia verlässt die Gruppe offensichtlich gut verdienender Erwachsener – ein wiederholtes Motiv im italienischen Film dieser Zeit, das den wirtschaftlichen Aufschwung der 50er Jahre, aber auch den allgemeinen Erfolgsdruck symbolisieren sollte – in den frühen Morgenstunden, um schlafen zu gehen, weshalb sie zuerst ablehnend auf das Angebot von Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) reagiert, mit ihnen auf eine nahe gelegene Insel zu fahren, wo ihnen das Ferienhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Erst die aufkommende Unruhe um ihre spät zurückkehrende Schwester lässt sie spontan zusagen.

Die Bedeutung dieser Anfangssequenz erschließt sich nur langsam, denn die folgenden Minuten werden von fröhlicher Unbeschwertheit bestimmt. Wasser-Skilaufen, Sonnenbaden und die wunderschöne Landschaft der kleinen felsigen Insel begleiten die ideale Sommer-Stimmung eines scheinbar planlosen In-den-Tag-Hineinlebens. Tatsächlich verfolgen die jungen Männer ein klares Ziel – sie wollen Beide mit Sergia schlafen. Das einsam gelegene Sommerhaus hatten sie aufgebrochen, selbst für die Wasser-Ski hatte Max Geld gestohlen, um entsprechend Eindruck zu schinden, aber ihr Plan scheitert. Als Fredi nachts als Erster versucht, Sergia zu überzeugen, wird er sanft, aber bestimmt zurückgewiesen. Er verbringt die Nacht schlafend neben ihr, aber für Max wirkt es so, als hätte er ihm das Terrain nach seinem Erfolg nicht überlassen.

Ihre fehlgeleitete Erwartungshaltung erklärt sich aus der Vorgeschichte. Heimlich hatten sich die jungen Männer zuvor zugeraunt, Sergia und ihre ältere Schwester wären streifenfrei gebräunt, so wie beide Frauen in dem kleinen Ort den Ruf von Schlampen, also leichter Beute besaßen – mit der Diskrepanz zwischen dem selbstbewussten, erotischen Auftreten der jungen Sergia und ihrer gleichzeitigen Selbstbestimmtheit kommt besonders Max nicht zurecht, der zunehmend aggressiver reagiert. Der Konflikt spitzt sich weiter zu, als mit Guido (Gabriele Ferzetti) ein Vertreter der älteren Generation auf das jugendliche Trio stößt. Guido, der Besitzer des Strandhauses, reagiert nicht nur souverän, sondern weiß auch mit der kessen Sergia umzugehen.

Der Titel „La calda vita“ spielt auf die Hitze sexueller Erotik an, die Catherine Spaak geradezu idealtypisch verkörpert, zerstört aber gleichzeitig die Illusion männlicher Fantasien von freier Verfügbarkeit. Wie schon in „I dolci inganni“ und „La voglia matta“ steht in „La calda vita“ ein neuer, moderner Frauen-Typus im Mittelpunkt. Sergia ist hübsch, sympathisch und keineswegs revolutionär, aber sie will ihren eigenen Weg gehen und unterwirft sich nicht mehr den bisherigen moralischen Regeln. Sie lässt Männer zurück, die unterschiedlich, teilweise tragisch auf ihre freundlich geäußerte Abweisung reagieren - der heiße Sommer ist endgültig vorbei.

"La calda vita" Italien, Frankreich 1964, Regie: Florestano Vancini, Drehbuch: Florestano Vancini, Elio Bartolini, Pier Antonio Quarantotti Gambini (Roman)Darsteller : Catherine Spaak, Gabriele Ferzetti, Jacques Perrin, Fabrizio Capucci, Laufzeit : 100 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.