Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 9. April 2017

Le soldatesse 1965 Valerio Zurlini


Sergente Castagnoli (Mario Adorf) und Tenente Martino (Tomas Milian)...
Inhalt: Athen Frühjahr 1942 – Griechenland ist seit einem Jahr von deutschen und italienischen Truppen besetzt und besonders die städtische Bevölkerung leidet unter großem Hunger. Der junge italienische Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian), der diese Situation unerträglich findet, erhält den Auftrag zwölf Frauen als Nachschub für die Bordelle an Stützpunkte der italienischen Armee zu verteilen. Nur der Hunger trieb die jungen Griechinnen in die Prostitution, was Martinos Aufgabe zusätzlich erschwert, denn die in der unübersichtlichen Hügellandschaft lauernden Partisanengruppen reagieren mit Hass auf diese Erniedrigung.

... nehmen die Frauen in Empfang (vorne Valeria Moriconi)
Nachdem sie jeweils eine Essensration erhielten, setzt sich der von Sergente Castagnoli (Mario Adorf) gelenkte LKW mit den Frauen auf der Ladefläche in Bewegung. Im letzten Augenblick springt noch die jüngere Schwester von Toula (Lea Massari) auf, weshalb Martino die Fahrt sofort stoppen lässt. Er kann nur mit zwölf Frauen den von den Deutschen am Rand Athens bewachten Kontrollpunkt passieren, weshalb sie wieder abspringen soll. Aber die Frauen geben sie nicht wieder heraus, weshalb Martino das Risiko auf sich nimmt. Es gelingt ihnen die Kontrolle zu passieren, aber mit Major Alessi (Aleksandar Gavric), einem Offizier der faschistischen Miliz, gesellt sich ein Passagier dazu, der zu seiner Einheit mitgenommen werden will. Ihn stören die Frauen nicht – im Gegenteil... 


In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017 mit 84 Jahren 

Tomas Milians Auseinandersetzungen im Polizieschi der 70er Jahre mit Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) sind ebenso legendär wie sein "Superbulle" Nico Giraldi ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)) oder seine Outlaw-Rollen im Italo-Western ("La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Nevada, 1966)). Obwohl die Stimme des gebürtigen Kubaners synchronisiert werden musste, wirkte er immer authentisch - ein entscheidender Grund für seine anhaltend große Beliebtheit. Aus heutiger Sicht ist nur noch schwer nachvollziehbar, wie politisch seine Rollen in ihrer Entstehungszeit waren. Seine Diskussionen mit dem nicht weniger authentischen "Law and Order"-Mann Merli am Set bildeten die Grundlage für ihre Dispute auf der Leinwand und die Verkörperung eines Polizisten mit antibürgerlicher Attitüde, der Sympathien für die kleinen Gauner in seinem römischen Viertel zeigte, war ein klarer Verstoß gegen das typische Abbild eines "Gesetzeshüters".

Aus seiner linksgerichteten politischen Haltung hatte Milian nie ein Geheimnis gemacht, aber sein Einstieg ins europäische Kino, dass ihn mit Regisseuren wie Mauro Bolognini ("La notte brava" (Wir von der Straße, 1959)), Alberto Lattuada ("L'imprevisto", (Bevor das Licht erlöscht,1961)), Nanni Loy ("Un giorna da leoni", 1961) oder Luchino Visconti ("Boccaccio '70" dritte Episode, 1962) zusammenarbeiten ließ, ist heute nahezu vergessen. Valerio Zurlinis "Le soldatesse" entstand ein Jahr bevor Milians Popularität mit seinem ersten Italo-Western neue Dimensionen erreichte und steht stellvertretend für diese Phase. 


"Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen?" 

Begutachtung im Bordell
Die von der jungen Griechin Elenitza (Anna Karina) spöttisch an den italienischen Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian) gerichtete Frage bleibt ohne Antwort, führt aber mitten in ein Kapitel des 2.Weltkriegs, das dessen Irrsinn plakativ offenbart. Diktator Benito Mussolini hatte entgegen dem Wunsch seines Verbündeten Adolf Hitler im Frühjahr 1941 von Albanien aus Griechenland angegriffen, wurde von der griechischen Armee aber innerhalb weniger Tage wieder hinter die Ausgangslinie zurückgedrängt. Anders als geplant sah sich die deutsche Heeresleitung deshalb gezwungen, Griechenland (und parallel Jugoslawien) anzugreifen, um Italien zu Hilfe zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass das Land nicht nur von deutschen Soldaten okkupiert wurde, sondern auch von italienischen, die erneut in das Geschehen eingriffen, nachdem sich die Situation zu ihren Gunsten gewendet hatte. Der Makel eines Siegers zweiter Klasse blieb haften. Darauf ging Regisseur Zurlini zwar nicht näher ein, aber das selbstherrliche Verhalten der Armee gegenüber der einheimischen Bevölkerung lässt sich in „Le soldatesse“ nicht losgelöst davon betrachten.

Elenitza (Anna Karina)
Die Handlung setzt ein Jahr später ein, als in Griechenland in Folge der Besatzung eine verheerende Hungersnot herrscht. Tenente Martinos Stimme erklingt aus dem Off und beschreibt Athen als einen Ort, in dem das Sterben alltäglich geworden ist. Sein Wunsch, von hier verlegt zu werden, erfüllt sich schneller als erwartet. Doch der Auftrag, der ihn zurück nach Albanien führen soll, steigert noch die Absurdität einer Situation, deren Konsequenzen Ugo Pirro in seiner Drehbuch-Vorlage auf die private Ebene verlagerte – auf die Beziehung von Mann und Frau. Gemeinsam mit Sergente Castagnoli (Mario Adorf), der ihm als Fahrer zugewiesen wird, soll Martino mit einem LKW zwölf Prostituierte auf mehrere Stützpunkte der italienischen Armee verteilen, wo sie Mannschaft und Offizieren im Bordell zur Verfügung stehen sollen.

Toula (Lea Massari)
Außer der gebürtigen Italienerin Ebe (Valeria Moriconi), die seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Strich geht, ging keine der zwölf Frauen vor Kriegsausbruch der Prostitution nach. Erst der Hunger trieb die jungen Griechinnen dazu, ihre Körper zu verkaufen. Ihnen gegenüber stehen Männer, die nicht nur Mitschuld an ihrer Situation tragen, sondern als Sieger ganz selbstverständlich ihre Dienste in Anspruch nehmen. Eine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung, die den Hass der Partisanengruppen noch zusätzlich schürt und Martinos Tour mit dem Lastwagen durch die schwer einsehbare Hügellandschaft zu einem Himmelfahrtskommando werden lässt. In dieser Zuspitzung erinnert „Le soldatesse“ an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst, 1953), aber Regisseur Zurlini forcierte nicht die offensichtliche Dramatik – auch hinsichtlich der Action-Einlagen blieb er zurückhaltend – sondern konzentrierte sich auf das Verhältnis der Protagonisten untereinander und schlug so den Bogen in die Gegenwart des Jahres 1965.

Eftikia (Marie Laforet)
In seiner kräftigen Schwarz-Weiß-Optik, den Bildern von Zerstörung des Krieges und dem Leid der Bevölkerung, zitierte Zurlini den Neorealismus der 40er Jahre. Dagegen scheinen die schönen jungen Frauen, die als Bezahlung eine Essensration bekommen, mit ihren toupierten Frisuren und den langen künstlichen Wimpern direkt aus den 60er Jahren zu stammen. Anna Karina („Une femme est une femme“ (Eine Frau ist eine Frau, 1960)), Lea Massari ("L'avventura" (Die mit der Liebe spielen, 1960)) und Marie Laforêt („Chasse à l'homme“ (Jagd auf Männer, 1964)) gehörten zur selbstbewussten Riege junger Darstellerinnen im aufkommenden Avantgarde-Kino der 60er Jahre und diese Attitüde sollten sie auch in Zurlinis Film nicht ablegen. Anna Karina gab die kecke Blondine, die sofort mit Martinos Befehlshaber (Guido Alberti) flirtet, Lea Massari als Toula erträgt die Situation mit fatalistischer Geduld und die intellektuelle Eftikia (Marie Laforêt) verweigert sich in offen gezeigter Ablehnung.

Major Alessi (Aleksandar Gavric) hat seinen Spaß...
Ihnen gegenüber stehen drei exemplarische Männer-Typen. Mario Adorf spielte einen so rustikalen, wie sympathischen Unteroffizier, der sich mit den Mädels seinen Spaß macht und sich bald mit der nicht weniger pragmatischen Ebe anfreundet. Tomas Milian als junger Offizier, der sich einst freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, ist mit seinem Anstand und seiner Ernsthaftigkeit ein Kontrapunkt innerhalb des Militärs. Er behandelt die Frauen nicht nur mit Respekt, sondern ist angewidert von der Übergriffigkeit seiner Geschlechtsgenossen. Elenitza verliebt sich in ihn und verbringt eine gemeinsame Nacht mit ihm, aber sie spürt, dass sein Herz der spröden Eftikia gehört. Die reflexive Figur des Tenente Martino lässt sich nur schwer in den 40er Jahren verorten, sondern repräsentierte die kritische Haltung des Regisseurs und seiner Autoren Mitte der 60er Jahre. Dagegen erscheint Major Alessi (Aleksandar Gavric), ein Offizier der faschistischen Miliz (MVSN), der an einem Kontrollpunkt als dritter männlicher Protagonist dazu stößt, in seinem charakteristischen „Schwarzhemd“ prototypisch für diese Phase.

...den seine Miliz-Kameraden auch verlangen
Doch Zurlini war weniger an dessen politischer Haltung interessiert, als an dessen männlicher Überheblichkeit. Der eitle Alessi agiert geradezu lässig - als wäre alles ein großes Abenteuer - und lässt sich in einer Pause auch nicht die Gelegenheit entgehen, mit Toula ins Gebüsch zu steigen. Sehr zum Ärger von Martino, der den inneren Widerwillen der jungen Frau spürte. Auffällig ist, wie häufig Mussolinis Waffengarde im italienischen Film bis zur Lächerlichkeit karikiert wurde. In Filmen wie "Amori di mezzo secolo" (3. Episode, 1954) oder Dino Risis Komödie über den „Marsch nach Rom“ („La marcia su Roma“, 1962) wurden die „Schwarzhemden“ als vergnügungssüchtige Nutznießer ihrer Machtposition überzeichnet. „Le soldatesse“ demonstrierte dieses Verhalten in einer Szene, in der ein LKW voller johlender Milizen über die Landstraße fährt, die sofort mehrere Mädchen von Martino einfordern. Gezwungenermaßen überlässt er ihnen eine noch sehr junge Frau, die von den Männern freudestrahlend auf der Ladefläche in Empfang genommen wird. Am nächsten Tag sind sie alle tot. Erschossen von Partisanen, in deren Hinterhalt sie geraten sind.

Abendliche Entspannung am Eisenbahnwaggon
Eine Szene, die signifikant für den Paradigmen-Wechsel in „Le soldatesse“ steht. Trotz seines realistischen Szenarios wird Zurlinis Film in seinen ersten zwei Dritteln durch die Konfrontation sexuell ausgehungerter junger Männer mit den hübschen Frauen geprägt. Wenn Martino mit seinem LKW an Kontrollpunkten und Stützpunkten auftaucht, treten die Kriegswirren in den Hintergrund. Den Höhepunkt dieser Phase erreicht der Film, als sie auf ihrer Fahrt einen zurückgelassenen Zugwaggon entdecken, der ihnen eine Nacht mit Bett und sanitären Annehmlichkeiten bietet. Frisch rasiert und geschminkt kommen sich Männer und Frauen näher – ein Zustand der Normalität, der auch den Betrachter die lebensgefährliche Situation einen Moment lang vergessen lässt. Und damit die Schockwirkung vergrößert, als plötzlich Gewalt und Tod über die Beteiligten hereinbrechen.

Martino und Eftikia
Vordergründig erscheint „Le soldatesse“ widersprüchlich. Szenen von Menschen in größter Not treffen auf Feierlaune, Kriegsgefahr stößt auf Amüsement, der Suche nach schneller Befriedigung steht Martinos sensibles Zugehen auf die Griechin Eftikia gegenüber. Welche Intention verfolgte der Film? – Für eine Komödie oder Persiflage ist er zu ernsthaft, für eine Anklage an Krieg und Faschismus wirkt er zu leicht und als Plädoyer für Völkerverständigung zu privat. Schon der Filmtitel irritiert. Von weiblichen Soldaten ist hier nichts zu sehen. Die Prostituierten wollen nur überleben. Zurlini kam dem allgemeinen Irrsinn damit ganz nah, denn an den charakterlichen Schattierungen jedes Einzelnen wird deutlich, dass hier Jeder zum Opfer wird – unabhängig davon, ob er auf der Seite der Besiegten oder der Sieger steht. Für Zurlini ein Fakt, aber kein Grund zum Fatalismus. Seine Protagonistinnen – als Prostituierte auf der untersten sozialen Hierarchie-Ebene angekommen – lassen sich nicht unterkriegen und machen dem Filmtitel damit alle Ehre. 

"Le soldatesse" Italien, Frankreich 1965, Regie: Valerio ZurliniDrehbuch: Ugo Pirro, Valerio Zurlini, Piero De Benardi, Leonardo Benvenuti, Franco SolinasDarsteller : Tomas Milian, Anna Karina, Valeria Moriconi, Lea Massari, Marie Laforêt, Mario Adorf, Aleksandar Gavric, Guido Alberti, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Valerio Zurlini: 

"Estate violenta" (1959)

Freitag, 25. April 2014

Peur sur la ville (Il poliziotto della brigata criminale / Angst über der Stadt) 1975 Henri Verneuil

Inhalt: Commissaire Jean Letellier (Jean-Paul Belmondo) musste vor einem Jahr eine schwere Niederlage einstecken, als dem erfolgsverwöhnten Ermittler ein Bankräuber entkam, dessen Flucht zudem zivile Opfer forderte. Als er erfährt, dass sich Marcucci (Giovanni Cianfriglia) wieder in Paris aufhält, verfolgt er fanatisch jeden Hinweis, weshalb er den Tod einer jungen Frau (Lea Massari), die offensichtlich zu Tode erschreckt aus ihrer Wohnung stürzte, nicht besonders ernst nimmt.

Nur widerwillig folgt er den Anweisungen seines Chefs (Jean Martin), einen Mann ausfindig zu machen, der die Frau zuvor am Telefon bedroht hatte. An Hand weiterer Anzeigen von Frauen, die sich ähnlich belästigt fühlten, versuchen er und seine Männer die Spur von „Minos“ (Adalberto Maria Merli) aufzunehmen, der öffentlich damit prahlt, die Frauen wegen ihrer Unmoral bestrafen zu wollen. Bisher hat er noch keinen Mord begangen, weshalb Letellier ihn für einen Spinner hält, aber dann kommen er und Inspekteur  Moissac (Charles Denner) zu spät zu einer der Frauen…


Der französische Regisseur Henri Verneuil pflegte einen engen Kontakt zur italienischen Filmindustrie - nicht nur hinsichtlich der Tatsache, dass der Großteil seiner Filme als italienisch-französische Co-Produktionen entstand und er namhafte italienische Darsteller besetzte, sondern auch thematisch lassen sich Parallelen feststellen. "Le clan des Siciliens" (Der Clan der Sizilianer, 1969)) über das organisierte Verbrechen und der Polit-Thriller  "I... comme Icare" (I wie Ikarus, 1979)) waren jeweils auf der Höhe ihrer Zeit. "Peur sur la ville" (Angst über der Stadt) entstand 1975 auf dem Zenit des "Polizieschi all'italiana", als hohe Kriminalitätsraten und terroristische Anschläge Italien erschütterten. Diese Aktualität lässt sich an dem italienischen Verleih-Titel "Il poliziotto della brigata criminale" ablesen, der den Polizei-Charakter des Films noch betonen sollte, aber trotz diverser inhaltlicher Übereinstimmungen - ein eigenmächtig vorgehender Kommissar, ein rücksichtsloser Mörder, die Zivilbevölkerung bedrohende Schusswechsel und wilde Verfolgungsjagden - zeigt "Peur sul la ville" anschaulich den enormen Unterschied zwischen dem französischen und italienischen Kriminalfilm dieser Hochphase gesellschaftlicher Spannungen Mitte der 70er Jahre.

Der Beginn, mit dem Verneuil den italienischen Genre-Vertretern noch ganz nah kam, ist reinste Paranoia. Während die Kamera von oben über das nächtliche Paris streift oder verlassen wirkende, von Lichtreklame und spärlich beleuchteten Geschäftshäusern gesäumte Straßen einfängt, erklingt Ennio Morricones ins Atonale abgleitende rhythmische Musik, die eine gespenstisch bedrohliche Atmosphäre erzeugt. Und damit den passenden Hintergrund für die erste Szene um die italienische Schauspielerin Lea Massari („L’avventura“ (Die mit der Liebe spielen, 1960)) abgibt, die vor Angst stirbt, ohne das der Täter selbst eingreifen muss. Ein makabres Spiel mit den Emotionen, die Verneuil eng mit einer modernen, kalt wirkenden Architektur verband. Eine schöne Frau fällt aus dem Stockwerk eines hohen Wohnturms - symbolisch für eine soziale Entwicklung stehend, die die traditionellen Geschlechterrollen und damit den Umgang mit der Sexualität aushebelte. Das zentrale Thema des Films.

Ohne die sich seit den 60er Jahren vehement verändernde Sozialisation wären auch die „Polizieschi“ nicht vorstellbar gewesen, aber diese leisteten sich nicht mehr den Luxus, eines allein vorgehenden psychopathischen Mörders – ein klassisches Motiv des Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre aktuellen „Giallo“ - sondern ließen ihre Ermittler vor dem breiten Hintergrund eines kriminell aufgeheizten Klimas agieren, das unmittelbar auf die mafiösen Strukturen und die politischen Auseinandersetzungen im Land anspielte. Dieser gesamtgesellschaftliche Aspekt fehlte zwar in „Peur sur la ville“, aber auch Verneuil hob die Morde an allein stehenden, sich angeblich promiskuitiv verhaltenden Frauen aus der Anonymität eines Einzeltäters heraus. Der äußerlich unauffällige Mann, dessen Identität Verneuil früh preisgibt, nennt sich selbst „Minos“ – nach einer Figur aus der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri, einem zentralen Werk der italienischen Literatur – und versteht sich als Rächer einer wachsenden Amoral, weshalb er mit Informationen über seine Motive und Taten auch an die Presse geht.

Damit griff der Film eine Mitte der 70er Jahre aktuelle Diskussion auf, als die Emanzipation, verbunden mit einer liberaleren sexuellen Haltung, in Großstädten wie Paris zwar schon fortgeschritten, die gesamte Entwicklung aber noch fragil und erheblichen Anfeindungen ausgesetzt war. Aus heutiger Sicht verhalten sich die von „Minos“ bedrohten ungebundenen Frauen in jeder Hinsicht normal - sie haben Affären mit verheirateten Männern oder erneuten sexuellen Kontakt nach dem Tod ihres Ehemanns – aber Verneuil lässt aus den Worten eines Psychologen, der für „Minos“ Verständnis aufbringt, erkennen, dass dieser mit seiner ablehnenden Reaktion damals nicht allein stand. Eine weitere Betonung dieser Ambivalenz vermied der Regisseur durch die Charakterisierung und Besetzung der beiden Gegenspieler - Adalberto Maria Merli legte den Killer zwischen Minderwertigkeitskomplex und Wahnsinn an, weshalb er auch zur Entstehungszeit des Films nicht als Identifikationsfigur diente, und Jean-Paul Belmondo als ermittelnder Kommissar Jean Letellier ist eben Jean-Paul Belmondo.

Belmondo übte sich in „Peur sur la ville“ im Gegensatz zu vielen späteren ähnlich angelegten Filmen noch in Zurückhaltung und blieb jederzeit ernsthaft in seiner Rolle, aber die damalige vor allem von der seriösen Presse geäußerte Kritik an seiner eigenmächtigen Vorgehensweise als Polizist lässt sich nur mit der großen Popularität des damaligen Kino-Superstars erklären und dem damit verbundenen hohen Identifikationspotential. Im Vergleich zu einem von Maurizio Merli gespielten Commissario fiel Belmondo mehr durch Action als brutale Konsequenz auf. Die gesamten Szenen um den Bankräuber Marcucci (Giovanni Cianfriglia), der Letellier ein Jahr zuvor entkommen konnte, haben nur den Zweck, Belmondo die Gelegenheit für sportliche Höchstleistungen bei einer wilden Verfolgungsjagd zu bieten – ein Können, dass er auch bei der langen Sequenz mit Minos auf den rutschigen Pariser Dächern beweist, als ihm die Kugeln um den Kopf fliegen, er aber immer noch genügend Power hat, sich an den Dachrinnen entlang zu hangeln. Diese authentischen Stunts haben ihre Wirkung bis heute nicht verloren, aber die Szenen, in denen er gemeinsam mit seinem Partner, Inspektor Moissac (Charles Denner), unrechtmäßig Druck auf Verbrecher ausübt, wirken auch dank Belmondos lässigen Spiels inzwischen beinahe harmlos. Selbst Jean Martin, der vehement die Rolle Frankreichs im Algerienkonflikt kritisierte und wichtige Rollen in „La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier, 1966) und „The day of the jackal“ (Der Schakal, 1973) übernahm, tritt als Letelliers Vorgesetzter Sabin gemäßigt auf.

Henri Verneuil gelang damit die Gratwanderung zwischen populärem Actionkino und einer von Angst bestimmten Atmosphäre, die er mit kalten Großstadtbildern, unterlegt mit Morricones Filmmusik, erzeugte. Bis heute macht dieser zwischen diesen Polen changierende, manchmal inkonsequent wirkende Eindruck, die eigentliche Faszination des Films aus.


"Peur sur la ville" Italien / Frankreich 1975, Regie: Henri Verneuil, Drehbuch: Henri Verneuil, Jean-Paul Rappeneau, Darsteller : Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Alberto Maria Merli, Lea Massari, Jean Martin, Rosy Varte, Laufzeit : 121 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.