Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Freitag, 31. Juli 2015

La donna invisibile (Die Unsichtbare) 1969 Paolo Spinola

Inhalt: Gemeinsam mit ihrem Mann Andrea (Silvano Tranquilli) bereitet sich Laura (Giovanni Ralli) im Schlafzimmer für den abendlichen Opernbesuch vor. In Unterwäsche gekleidet steht sie vor ihm, aber er hat nur Augen für den Fleck hinter ihr an der Wand. Sie versteht erst nicht, welchen Fleck er meint, bevor sie sich umdreht – es ist, als hätte er durch sie hindurch gesehen. Als sie wenig später das Dienstmädchen auf den Fleck aufmerksam macht, weiß diese nicht, wovon Laura spricht. Sie kann ihn hinter ihr nicht sehen.

Während sie sich mit dem befreundeten Ehepaar Anita (Anita Sanders) und Carlo (Gigi Rizzi) vor der Aufführung in einer Bar treffen, finden nebenan vor dem zentralen Universitätsgebäude, an dem Andrea als Professor unterrichtet, lautstarke Studentenproteste statt. Davon ungestört begeben sie sich in ihre Loge, wo Laura erneut seltsame Fantasien hat. Anita ist plötzlich nackt und ihr Mann berührt ihre Brust. Doch im nächsten Moment ist diese Vision wieder verschwunden…


Das Hauptwerk des Regisseurs und Drehbuchautors Paolo Spinolas beschränkt sich auf drei Filme, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in die italienischen Kinos kamen. Fast 10 Jahre später realisierte er mit "Un giorno alla fine di ottobre" (1977) einen weiteren Film, der aber keine Aufmerksamkeit mehr erhielt. Auch seinen früheren Filmen erging es nicht viel besser. Einzig "La fuga" (1964) erschien mit dreijähriger Verspätung unter dem Titel "Liebe im Zwielicht" noch in den deutschen Kinos und wurde in der Originalversion auf DVD veröffentlicht. Nun wäre dieser Fakt nicht weiter bemerkenswert, hätten Spinola nicht besonders bei "La donna invisibile" bemerkenswerte Persönlichkeiten zur Seite gestanden, die an vielen heute noch populären Filmen beteiligt waren.

Die Produktionsfirma "Clesi Cinematografica" förderte parallel die jungen Regisseure Pasquale Festa Campanile und Salvatore Samperi und gehört damit zu den Wegbereitern der "Commedia sexy all'italiana" - unter anderen mit Filmen wie "Il merlo maschio" (Das nackte Cello, 1971) und "Malizia" (1973). An „Malizia“ war auch Drehbuchautor Ottavio Jemma beteiligt, der seit "La matriarca" (Huckepack, 1968) an Campaniles Seite stand, bevor er zum ständigen Wegbegleiter Samperis wurde. Dagegen blieb seine Zusammenarbeit mit Spinola bei "La donna invisibile" eine Ausnahme. Das gilt auch für Kameramann Silvano Ippoliti, der nicht nur für die beeindruckenden Winterimpressionen in Corbuccis "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) verantwortlich war, sondern auch für die avantgardistische 60er Jahre-Optik der Tinto Brass-Filme "L'urlo" (1968) und "Nerosubianco" (1969).

In der Bildsprache weniger expressiv, steht auch „La donna invisibile“ (Die unsichtbare Frau) ganz im Zeichen der späten 60er Jahre. Ein Eindruck, der sich dank der von Ippoliti ins rechte Bild gerückten drei Schönheiten Giovanna Ralli, Carla Gravina und Anita Sanders zu Ennio Morricones großartiger Filmmusik regelrecht in die Netzhaut brennt. Vielleicht aber auch der Grund dafür, warum Spinolas Werk trotz seiner unbestreitbaren Qualitäten so schnell in Vergessenheit geriet, denn alle seine Filme wirken hinsichtlich ihres Gesellschaftsbilds fest in den 60er Jahren verankert. In „La donna invisibile“ bestimmen dezente erotische Aufnahmen, Andeutungen von Dreier- und lesbischen Beziehungen, Studentenproteste und die Dekadenz einer nach dem Krieg zu Reichtum gekommenen Bürgerschicht die Handlung - alles in bräunlichen Farben ästhetisch inszeniert, aber Ende des Jahrzehnts nur noch wenig provokant. Spinola selbst hatte die Thematik einer lesbischen Liebe in „La fuga“ 1964 schon konkreter angefasst.

Tatsächlich nutzte der Regisseur in „La donna invisibile“ die Typologien der späten 60er Jahre – freie Liebe, Revolution und beginnender Hedonismus – nur als äußere Hülle für eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der inneren Leere und fortschreitenden Entfremdung aus der Sicht einer Frau. Als Vorlage für sein Drehbuch wählte Spinola „Die Unsichtbare“ von Alberto Moravia, die dieser als eine von 34 Kurzgeschichten in seinem Buch „Il paradiso“ (Das Paradies) 1970 herausbrachte. Alle Geschichten wurden von Moravia aus der Sicht weiblicher Ich-Erzähler geschrieben – und trafen damit auf Spinolas Intention, in dessen Filmen immer die Frauen im Mittelpunkt standen.

„Moravias Frauen dagegen leben: sie sind eigensinnig, unberechenbar, ungreifbar wie die Wirklichkeit und bewahren, selbst wo sie im Käfig einer bürgerlichen Existenz eingeschlossen sind, eine irrationale, kreatürliche Eigengesetzlichkeit“ (Alice Vollenweider, Rezension: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.1974)

Das Irrationale zeigt sich in „La donna invisibile“ schon in der ersten Szene, in der Laura (Giovanna Ralli) wenig bekleidet vor ihrem Mann Andrea (Silvano Tranquilli) steht. Er sieht einen Fleck hinter ihr an der Wand, als ob er durch sie hindurch sehen könnte. Einen Fleck, den das Dienstmädchen, das wenig später den Raum betritt, hinter Laura nicht sehen kann. Der Sinn dieser exakt aus der Kurzgeschichte übernommen Anfangssequenz liegt auf der Hand – für ihren Mann ist Laura durchsichtig, ihre verführerische Schönheit wirkt auf ihn nicht mehr. Er liebt sie nicht mehr, wie Laura konkret hinzufügt. Doch Alberto Moravia blieb nicht bei der Visualisierung eines persönlichen Empfindens, sondern konkretisierte die Unsichtbarkeit Lauras – mit für sie unerwarteten Folgen. Ein Spiel mit dem Ausbruch aus den Konventionen, dem Versuch, dem „Käfig einer bürgerlichen Existenz“ zu entkommen.

Diese Phantastik wird in „Il paradiso“ in Kombination mit den anderen Kurzgeschichten zu einem so amüsanten, wie exzentrischen Umgang mit der Realität – „die Gesellschaftskritik geht in ihnen ganz im Erzählerischen auf“ wie Alice Vollenweider in ihrer Buch-Rezension resümiert. In Spinolas Film erschließt sich diese Dimension dagegen nicht, da er die knapp 5seitige Story aus dem Zusammenhang riss und daraus einen abendfüllenden Film machte. Zwar existiert auch bei Moravia eine zweite Frau, die von der Ich-Erzählerin als Bedrohung wahrgenommen wird, aber mit der von Spinola und Jemma neu erdachten gleichaltrigen Delfina (Carla Gravina) hat die Romanfigur Gilberta - „ein 17jähriges Mädchen mit schmächtigem Busen und dicken Schenkeln“ - , die als Nichte des Ehemanns seit zwei Wochen zu Besuch ist, wenig gemeinsam. Spinola nennt weder einen Grund für Delfinas selbstverständliche ständige Anwesenheit in der Wohnung des Ehepaars, noch wird ihre Beziehung zu ihnen klar definiert. Mal wirkt sie wie eine enge Freundin Lauras, mal wie eine Geliebte ihres Mannes, ohne jemals konkret zu werden.

Neben dieser geheimnisvoll bleibenden Figur reicherte Spinola die Handlung mit zeitgenössischen Inhalten an, ohne weiter in deren Tiefe vorzudringen. Ob Studentenproteste, die Dekadenz der reichen Bürgerschicht oder der wenig dezente Seitensprung des Mannes ihrer Freundin Anita (Anita Sanders) – alles läuft wie ein Film vor Lauras Auge ab. Sie wirkt nicht wirklich involviert, selbst als sie mit dem Anführer der Studentenproteste ins Bett geht. Obwohl erhebliches Konflikt-Potential im Raum steht, bleibt das Verhalten der Protagonisten untereinander stets ruhig und emotionslos, nie kommt es zu offenen Diskussionen oder gar Streit. Ähnlich unvollendet bleiben die erotischen Anspielungen, deren Versprechungen nicht eingelöst werden. Selbst das fantastische Element der Unsichtbarkeit besitzt keinerlei Stringenz. Unterstützt von der melancholischen Leichtigkeit der Musik Morricones entsteht ein Zustand, in der die Realität nur noch wie unter einer Glasglocke wahrgenommen wird.

Diese Visualisierung der inneren Entfremdung einer Frau entsprach dem Geist der Vorlage Morawias, dessen Kurzgeschichte Spinola wie eine erzählerische Klammer für seinen umfassenderen Inhalt nutzte, dessen radikal subjektive Sicht er aber offen ließ. Das verleiht dem Film lange Zeit einen diffusen, unentschiedenen Charakter, der dazu beigetragen haben könnte, dass „La donna invisibile“ nur den Eindruck einer stilvollen 60er Jahre-Fingerübung weckte. Zu unrecht, auch wenn sich Spinolas individuelle Intention und damit die innere Konsequenz des Films erst mit dem letzten Satz offenbart.

"La donna invisibile" Italien 1969, Regie: Paolo Spinola, Drehbuch: Paolo Spinola, Ottavio Jemma, Dacia Maraini, Alberto Moravia (Kurzgeschichte), Darsteller : Giovanna Ralli, Carla Gravina, Anita Snaders, Silvano Tranquilli, Gigi Rizzi, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Paolo Spinola:

"La fuga" (1964)

Montag, 14. Oktober 2013

Il giustiziere sfida la città (Flash Solo) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Rambo (Tomas Milian) besucht nach vielen Jahren seinen alten Freund Pino (Mario Piave) und dessen Familie in Mailand. Pino will Rambo dazu überreden, ebenfalls bei dem privaten Sicherheitsdienst mitzumachen, für den er seit neuestem arbeitet. Auf Grund der steigenden Anzahl an Entführungen haben diese Dienste Konjunktur und Pino erhofft sich davon, endlich Karriere zu machen. Rambo tut ihm den Gefallen und besucht ihn auf dem Trainingsgelände seiner Firma, aber obwohl er sowohl im Nahkampf, als auch im Schießen überzeugen kann, lehnt er die Offerte des Chefs dankend ab - für den Individualisten ist das kein geeigneter Job.

Auch Pino verfolgt eigene Pläne, denn er will die Entführung des Sohnes des reichen Industriellen Dr. Marco Marsili (Silvano Tranquili) aufklären, um sich weiter zu profilieren. Er entdeckt eine Spur zu der Bande von Conti (Luciano Catenacci) und bittet Rambo, ihn als Freund zu unterstützen, aber bevor dieser eingreifen kann, wird Pino ermordet am Straßenrand aufgefunden. Jetzt wird der Fall zu einer persönlichen Angelegenheit für Rambo...


Umberto Lenzis zweiter gemeinsam mit Tomas Milian gedrehter Film "Il giustiziere sfida la città" (Der Scharfrichter fordert die Stadt heraus) wirkt zwischen "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) und "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976) wie ein Fremdkörper. In Deutschland wurde der Film erst in den 80er Jahren unter dem stimmigen Titel "Flash Solo", der die alleinige Vorgehensweise des von Milian gespielten Individualisten betonte, auf Video veröffentlicht, später wurde daraus "Der Vernichter", der eine stringente Linie zwischen den Milian / Umberto Lenzi Filmen vermitteln sollte, die nicht existiert. Hatte er als "Berserker" und "Viper" (später noch als "Kröte" in "La banda del gobbo" (1978)) jeweils gefährliche Verbrechertypen verkörpert, ist er in "Il giustiziere sfida la città" der eindeutige Sympathieträger, der im Alleingang den Mord an seinem Freund Pino (Mario Piave) rächt.

Auf Grund der Veröffentlichungspraxis in Deutschland, aber auch in Unkenntnis über den genauen Erscheinungszeitpunkt, wird "Il giustiziere sfida la città" häufig als typischer Vertreter des 70er Jahre Polizieschi-Genres angesehen, auch wenn die Polizei im Film kaum eine Rolle spielt. Übersehen wird dabei, dass der Film einen vollständig neuen Helden-Typus schuf, der nicht nur entscheidenden Einfluss auf Tomas Milians weitere Karriere haben sollte. Das Drehbuch stammte von Vincenzo Mannino, der zuvor an Enzo G.Castellaris "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht, 1973) mitgearbeitet hatte und Maurizio Merlis ersten Auftritt als knallharter Cop in "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) verantwortete, der fast zeitgleich zu "Il giustiziere sfida la città" in die italienischen Kinos kam und auch darüber hinaus Parallelen aufweist.

Milian und Merli, die in Lenzis "Roma a mano armata" wenig später zu erbitterten Gegnern wurden, verkörpern Beide einen Typus, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, dabei auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckend. Diese Konstellation war nicht neu, sondern griff ein Motiv aus dem Italo-Western auf, das angesichts steigender Kriminalitätsraten, Anfang der 70er Jahre, zunehmend die Charakterisierung von Gesetzesvertretern veränderte, die bereit waren, die Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen. In den frühen "Polizieschi" wurde diese Vorgehensweise noch kontrovers betrachtet, aber schon in Sergio Martinos "Milano trema - la polizia vuole giustizia" von 1973 erschießt Luc Merenda in seiner Rolle als Commissario gleich zu Beginn zwei unbewaffnete Gangster, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Trotz dieses offensichtlichen Einflusses ging der von Tomas Milian gespielte Rambo in "Il giustiziere sfida la città" einen neuen, eigenständigen Weg, der ihn unmittelbar zu seiner Figur Nico Giraldi in "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) führen sollte - bekanntlich der Beginn der langjährigen "Superbullen" - Reihe. Zwar startet Rambo seinen Rache-Feldzug genretypisch erst nachdem sein Freund Pino ermordet wurde, aber anders als in klassischen Revenge - Filmen, in denen aus einem friedlichen Bürger ein rächender Killer wird, veränderte er seinen Charakter nicht. Im Gegenteil bleibt sich Rambo im gesamten Film treu und verlässt Mailand auf gleiche Weise, wie er gekommen ist - cool, immer überlegt agierend und jederzeit freundlich. Die Zwiespältigkeit dieser Figur ist aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehen, aber der aus dem kriminellen Milieu stammende Motorradfahrer, immer in Lederkluft gekleidet, war 1975 ein klassischer Bürgerschreck, dem Niemand als Tomas Milian besser hätte Leben einhauchen können.

Als "Superbulle" Nico Giraldi griff er ein Jahr später erneut auf das Motorrad zurück (allerdings eine geländetaugliche Maschine), auch die Strickmütze zitierte die hier etwas gefälligere Kopfbedeckung, aber Milian kombinierte diese Figur noch mit seinem "Er monnezza" aus "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976), womit er Nico Giraldi einen komischeren Anstrich gab. Dagegen bleibt er als Rambo jederzeit ernst und verfällt der Film weder in trashige, noch alberne Momente, auch wenn die Story um die beiden Gangsterbosse Conti (Luciano Catenacci) und Paternò (Joseph Cotten), die Rambo gegeneinander ausspielt, vorhersehbar bleibt. Cotton und Catenacci agieren zwar wie gewohnt souverän, aber die Rolle von Paternòs Sohn Ciccio (Adolfo Lastretti) bleibt zu inkonsequent, um wirkliche Gefahr ausstrahlen zu können.

Zudem lässt der Film schon in den den ersten Minuten deutlich werden, dass Rambo ein in jeder Hinsicht fähiger Mann ist, dem Niemand wirklich gewachsen ist. Auch die Szene mit der Schutzweste, die ihm sein Freund Pino vorführt, als Rambo sich dessen Firma - es handelt sich um einen privaten Sicherheitsdienst - ansieht, lässt eine erneute Verwendung im Film erwarten. Doch das spielt in "Il giustiziere sfida la città" letztlich keine Rolle, denn Programm ist nur Tomas Milian in einer Rolle, die einen individualistischen, außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stehenden Mann in den Mittelpunkt rückt, der weder das Gesetz vertritt, noch Anpassung anstrebt. Gleichzeitig gibt es keinen sozialeren und vorurteilsfreieren Menschen im Film, was seinen Selbstjustiz-Aktionen die Schärfe nimmt, da Milian Emotionen wie Hass, Verzweiflung oder übertriebene Befriedigung vermeidet.

Rambo ist eine konsequent künstliche Figur, die dank des Gleichgewichts zwischen Outlaw-Attitüde und Kumpeltyp sympathisch bleibt - und stilprägend für Milians späteren Rollentypus wurde. Dahinter verbarg sich ein politisches Statement des politisch links stehenden Mimen, der sich am Set häufige Wortgefechte mit dem konservativen Maurizio Merli lieferte und auch den von ihm gespielten Verbrechertypen zunehmend menschlichere Züge verlieh ("La banda del gobbo"), denn sein Protagonist wurde nicht zum Vorbild für Vigilantismus, sondern - besonders im Zeitkontext betrachtet - für mehr Toleranz.

"Il giustiziere sfida la città" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Vincenzo Mannino, Darsteller : Tomas Milian, Joseph Cotton, Luciano Catenacci, Silvano Tranquilli, Mario Piave, Femi Benussi, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Freitag, 19. April 2013

Milano trema : la polizia vuole giustizia 1973 Sergio Martino


Inhalt: Als Commissario Caneparo (Luc Merenda) endlich seinen Dienst beendet, begegnet er einem Polizisten, der gerade mit der Arbeit beginnt. Um etwas für seine Familie dazu zu verdienen, übernimmt er eine Zusatzschicht bei einem Gefangentransport. Nur wenige Stunden später wird Caneparo alarmiert, denn den Gangstern war der Ausbruch aus dem Zug gelungen, bei dem sie mehrere Polizisten erschossen hatten - auch den Mann, mit dem Caneparo früh am Morgen eine Zigarette geraucht hatte. Als die flüchtigen Verbrecher merken, dass sie der Polizei nicht entkommen können, wollen sie aufgeben, was Caneparo nicht davon abhält, sie zu erschießen.

Sein Chef, der ihn mag, kritisiert diese Vorgehensweise, aber der Commissario glaubt nicht daran, dass er suspendiert wird, denn er hätte viele Zeugen, die für ihn aussagen werden. Genau das beunruhigt den Polizeichef, der es für falsch hält, Verbrecher mit ihren eigenen Methoden zu bekämpfen. Doch als er auf offener Straße erschossen wird und die Ermittlungen keine Ergebnisse bringen, beginnt Caneparo rigoros auf eigene Faust vorzugehen…


Bis heute halten sich eine Vielzahl von Mythen zum "Poliziesco all'italiana", die die zeitlichen Abläufe und tatsächlichen Zusammenhänge häufig vernachlässigen. Das Don Siegels erstmals 1971 aufgetauchter "Dirty Harry" Vorbild für den harten, das Gesetz in die eigenen Hände nehmenden Polizeioffizier gewesen sein soll, lässt außer Acht, dass diese Figur vom "Italo-Western" beeinflusst wurde, an dem viele italienische Filmemacher, die später den "Poliziesco all'italiana" prägten, schon beteiligt waren. Nachdem das Western-Genre Ende der 60er Jahre seinen Zenit überschritten hatte, wandten sie sich unterschiedlichen Sujets zu, die Anfang der 70er Jahre auch zu einer Blüte des "Giallo" führte, dessen Grenzen zum Kriminalfilm zwar fließend blieben, dessen Konzentration aber nicht der Polizeiarbeit galt.

Ausgelöst wurde der spezifisch italienische Polizeifilm - als dessen erster prototypischer Vertreter "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) von 1972 gilt - erst durch die gesellschaftspolitischen Ereignisse in Italien, die nicht nur zu einem starken Anstieg der Verbrechensrate führte, sondern die gesamte freiheitliche Demokratie in Italien in Frage stellte. Auch Regisseur Sergio Martino und sein Drehbuchautor Ernesto Gastaldi hatten ihre Wurzeln im "Italo-Western", bevor sie zu führenden Vertretern des "Giallo" wurden. Ihr Schritt hin zum "Poliziesco all'italiana", den sie erstmals 1973 mit "Milano trema : la polizia vuole giustizia" (wörtlich "Mailand zittert - die Polizei will Gerechtigkeit" - einen deutschen Verleihtitel gibt es nicht) gingen, ist ohne diese Voraussetzung nicht vorstellbar, denn Beide schufen damit einen der ersten harten Polizeifilme, der sich kompromisslos mit der Selbstjustiz der Exekutive auseinandersetzte.

Auch wenn Maurizio Merli als schnauzbärtiger Fahnder heute über einen höheren Bekanntheitsgrad verfügt, spielte er diese Rolle erstmals 1975 in "Roma violenta" (Verdammte, heilige Stadt). Und Franco Nero ermittelte im parallel 1973 entstandenen "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht) noch im Rahmen der Gesetze. Es war der französische Darsteller Luc Merenda, der als Commissario Caneparo zuerst zwei Verbrecher erschoss, die ihre Waffen schon niedergelegt hatten. Doch anders als Don Siegel in "Dirty Harry" zeigte Martino die Selbstjustiz seines Protagonisten schon nach wenigen Minuten, ohne zuvor eine emotional nachvollziehbare Situation zu entwickeln, um diese Vorgehensweise zu rechtfertigen. Stattdessen beginnt er damit einen Exkurs über die Legitimation, Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen, den er bis zum bitteren Ende des Films durchhält.

Ähnlich wie "La polizia ringrazia" und dessen Nachfolger "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) erzählt "Milano trema : la polizia vuole giustizia" von einer politisch motivierten Gruppe einflussreicher Persönlichkeiten, die versucht die Kontrolle über das Land zu erlangen, um damit auf ihre Weise das Chaos zu beseitigen - eine in den frühen "Polizieschi" häufig geschilderte Konstellation, die den politischen Thrillern eines Damiano Damiani noch nahe stand und die sich an der konkreten Gefahr einer erneuten Diktatur in Italien orientierte. Commissario Caneparo gerät in die Nähe dieser Gruppe, als er mit unorthodoxen Methoden versucht, das Attentat auf seinen Chef aufzuklären, der auf offener Straße hingerichtet wurde. Dieser hatte ihn einerseits freundschaftlich unterstützt, war gleichzeitig aber auch der größte Kritiker seiner Methoden, die Caneparo jetzt wieder anwendet, um seinen Mörder fassen zu können.

So plakativ diese Vorgehensweise klingt, die Martino zudem mit viel Action unterstützt, so komplex entwickelt sich letztlich seine Sichtweise. Caneparo muss erfahren, dass sein rigoroser Umgang Sympathien bei Personen erzeugt, die nicht zwischen Verbrechern und politisch missliebigen Personen unterscheiden. Sehr schön vermittelt das der Film an der Figur der "Maria Ex", wie Caneparo die junge Frau (Martine Brochard) nennt, die er dazu benutzt, sich in eine kriminelle Gruppe einzuschleusen. Sie ist der Prototyp einer gescheiterten Ex-Studentin, die sich das Bett mit unterschiedlichen Typen in einem heruntergekommenen Gebäude teilt und damit jedes Klischee zur Entstehungszeit des Films erfüllte. Doch Sergio Martino schildert sie als tragische Figur, die gewissen Herren bald als lästige Zeugin im Wege steht.

Es stellt sich die abschließende Frage, warum "Milano trema :la polizia vuole giustizia" heute wenig bekannt ist und noch keine adäquate Veröffentlichung in Deutschland erfuhr, obwohl der Film viele Stilelemente späterer "Polizieschi" vorweg nahm? Vielleicht wurde damals erwartet, dass die gesellschaftskritische Thematik ähnlich differenziert betrachtet werden sollte wie zuvor in "La polizia ringrazia" (Das Syndikat), weshalb die Vorgehensweise des Commissario, die auch von Maurizio Merli später nicht  mehr gesteigert werden konnte, noch als zu plakativ und unrealistisch galt. Zudem konnte Luc Merenda, häufig despektierlich als "Schönling" bezeichnet, nicht an dessen Sympathiewerte heranreichen.

Auch Sergio Martino war die Angelegenheit scheinbar zu ernsthaft, denn in seinem zweiten Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) brach er die Handlung ironisch. Die Szene, in der eine Verfolgungsjagd im Innenhof des Polizeigebäudes endet, wiederholte er dort exakt, nur mit einem wesentlich komischeren Ergebnis. Beiden unterschätzten Filmen ist gemeinsam, dass sie ungewöhnliche Genre-Beiträge ablieferten:  "Morte sospetta di una minorenne" verband einen harten Poliziesco mit komödiantischen Elemente, "Milano trema :la polizia vuole giustizia" eine gesellschaftskritische Thematik mit einer weniger an einer differenzierten Ausgestaltung als an einer guten Show interessierten Action, die auf die zukünftige Entwicklung des Genres hinwies.

"Milano trema : la polizia vuole giustizia" Italien 1973, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Ernesto GastaldiDarsteller : Luc Merenda, Silvano Tranquilli, Richard Conte, Lia Tanzi, Martine Brochard, Luciano Bartoli, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

Montag, 6. August 2012

La polizia incrimina la legge assolve (Tote Zeugen singen nicht) 1973 Enzo G. Castellari


Inhalt: Die Polizei unter der Führung von Commissario Belli (Franco Nero) beobachtet die Ankunft eines Kontaktmannes der Drogen-Mafia am Hafen von Genua, der aus Marseille gekommen war. Als sich dieser einer Verhaftung entzieht, verfolgt Belli das Fluchtfahrzeug mit einer waghalsigen Fahrt über Genuas Straßen, bis die Verfolgten verunglücken. Beim Transport des möglichen Zeugen zum Polizeipräsidium werden sie kurz vor der Ankunft von einem Lastwagen aufgehalten. Als Belli den Fahrer deshalb anspricht, muss er mit ansehen, wie das Auto von einer Bombe in die Luft gejagt wird.

Noch frustriert von diesem Ereignis besucht Belli den alten Clanchef Cafiero (Fernando Rey), der sich nur noch dem Garten seiner herrschaftlichen Villa über Genua widmet. Diesem war nicht entgangen, dass inzwischen eine andere Gruppierung versucht, den Drogenmarkt zu übernehmen, aber er behauptet, damit nichts mehr zu tun zu haben. Sein Mitarbeiter Rico (Daniel Martin) reagiert deutlich unfreundlicher auf Belli, als dieser das Anwesen wieder verlässt, aber Cafiero beruhigt ihn und bespricht mit ihm die Situation. Am selben Abend kommt es am Hafen von Genua zu einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen den konkurrierenden Drogen-Kartellen…


Der Filmtitel "La polizia incrimina la legge assolve" (wörtlich "Die Polizei klagt an, das Gesetz spricht frei") ähnelt in seiner ironischen Anspielung dem ein Jahr zuvor erschienenen Poliziesco "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972) und dessen Nachfolger "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973), aber Regisseur und Drehbuchautor Enzo G.Castellari trieb das Genre in seinem ersten Polizeifilm zu einer kompromissloseren Sichtweise, ist wütender und härter, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren.

Die von Franco Nero verkörperte Figur des Commissario Belli wird zwar - anders als sein Kollege in Stenos "La polizia ringrazia" - von keinem Vorgesetzten oder Staatsanwalt bei seiner Arbeit überwacht oder eingeschränkt, handelt auch sehr direkt, unter Einsatz von körperlicher Gewalt, bleibt aber weit von Selbstjustiz oder anderen fragwürdigen Polizeimethoden entfernt. Nur dadurch funktioniert die Diskussion mit seinem Vorgesetzten Aldo Scavino (James Withmore), die ihre Aktionen danach hinterfragen, ob sie sinnvoll und zielführend sind oder nur die Spirale der Gewalt sinnlos antreiben. Belli vertritt in dieser Konstellation den treibenden Part, der seine Wut durch die täglichen Erlebnisse auf Genuas Straßen kaum noch bändigen kann, Scavino dagegen liegt an der Ermittlung von stichfesten Beweisen, um auch die Hintermänner vor Gericht bringen zu können.

Diese unterschiedliche Sichtweise erinnert nicht zufällig an Damianis "Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971), aber Castellaris Film lebt den Konflikt offener aus, lässt Belli seinen Vorgesetzten angreifen, ihm Feigheit und mangelnde Unabhängigkeit vorwerfen. Zudem gesellt sich mit dem alten Bandenchef Cafiero (Fernando Rey), der sich angeblich zur Ruhe gesetzt hat, noch eine weitere Person hinzu, dessen so realistische wie fatalistische Sichtweise die Diskussion der beiden Polizeioffiziere zunehmend als müßig erscheinen lässt - eine Haltung, der sich "La polizia incrimina la legge assolve" insgesamt anschließt.

Denn in Castellaris Film wird jeder konstruktive Versuch, der Drogen-Mafia Einhalt zu gebieten, durch deren unmittelbare Gewalt torpediert. Nach einer grandiosen Verfolgungsjagd über Genuas Straßen, bei der auch die Hochstraße - wie später erneut in "Genova a mano armata" (1976) - eine optisch eindrucksvolle Rolle spielt, gelingt es Belli einen aus Marseille kommenden Kontaktmann, genannt der "Libanese", zu verhaften, nur um mit ansehen zu müssen, wie das Polizeiauto vor dem Polizeipräsidium mit dem möglichen Zeugen in die Luft gejagt wird. Er selbst entkommt dem Bombenanschlag nur durch Zufall.

Diesen schnellen Rhythmus aus Aktion und Gegenaktion behält der Film über die gesamte Laufzeit, denn jeder scheinbare Erfolg der Polizei wird durch eine sofortige Reaktion der Verbrecherbanden beantwortet, die vor den erschreckendsten Gewalttaten nicht zurückschrecken. In "La polizia incrimina la legge assolve" gibt es für keinen Beteiligten eine Überlebensgarantie und dank der Auseinandersetzung der zwei Banden, wird auch nie deutlich, welche Interessen gerade vertreten werden. Selbst Täter können in kürzester Zeit zum Opfer werden - Rico (Daniel Martin), eigentlich ein Handlanger Cafieros, der eigene Ziele verfolgt, wird kurz nach einem brutalen Mord, bei dem er sein Opfer zudem kastriert hatte, selbst von gegnerischen Bandenmitgliedern hingerichtet. Nur der Industrielle Franco Griva (Silvano Tranquilli), ein unbescholtener Bürger, der bis in die höchsten politischen Kreise Kontakte pflegt, bleibt von diesem Chaos scheinbar unberührt. Er lässt sich auch nicht durch Scavinos und Bellis Besuch aus der Ruhe bringen. 

An Castellaris kritischer Sicht auf eine Gesellschaft, die längst von Kriminalität unterwandert wurde, gibt es keinen Zweifel, aber ihm geht es weder um Ausgewogenheit, noch um moralische Fingerzeige, sondern um den präzisen Blick auf eine Situation, die nicht mehr beherrschbar ist. Besonders deutlich werden diese Momente, wenn er Gedanken und Erinnerungen mit der Gegenwart optisch verzahnt und damit die Hilflosigkeit der Protagonisten noch versinnbildlicht - ihre Erkenntnisse kommen fast immer zu spät. Begleitet von der aufwühlenden Musik der Brüder De Angelis treibt Castellari Commissario Belli, dem nur wenige, zerbrechliche private Momente mit seiner Freundin (Delia Boccardo) und seiner Tochter ( Stefania Girolami Goodwin (Castellaris Tochter)) vergönnt sind, immer tiefer ins Geschehen und wurde damit stilbildend für das Genre.

"La polizia incrimina la legge assolve" Italien, Spanien 1973, Regie: Enzo G. Castellari, Drehbuch: Enzo G. Castellari, Tito Carpi, Maurizio Amati, Darsteller : Franco Nero, Fernando Rey, James Whitmore, Delia Boccardo, Silvano Tranquilli, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Enzo G. Castellari:

Freitag, 17. September 2010

Mia moglie, un corpo per l'amore (Meine Frau, ein Körper für die Liebe) 1973 Mario Imperoli

Inhalt: Paolo (Silvano Tranquilli) ist seit 5 Jahren mit der deutlich jüngeren Simona (Antonella Murgia) glücklich verheiratet, doch der erfolgreiche Geschäftsmann fürchtet zunehmend, dass sie ihm eines Tages untreu werden könnte. 

Um die Kontrolle zu behalten, stellt er Marco Santi (Peter Lee Lawrence) in seine Firma ein, und lässt ihn zufällig auf seine Frau treffen. Diese erkennen sich auch gleich wieder, denn sie waren früher einmal verlobt. 

Marco wirbt erneut um sie, aber für Simona sind die damaligen Zeiten endgültig vorbei. Doch ihr hartnäckiger Ehemann sorgt dafür, dass die Beiden allein eine Tour auf seinem Boot unternehmen. Nach längerem Zieren erliegt sie zwar Marcos Bemühungen, will aber keineswegs eine Beziehung mit ihm anfangen. Doch sie weiß noch nicht, dass damit Paolos Plan erst seinen Anfang nahm... 



Als in den 70er Jahren die Sex- und spätere Pornowelle in die Kinos schwappte, gaben sich die Macher noch häufig die Mühe, die Darstellung des Geschlechtsverkehrs in eine halbwegs stimmige Story einzubetten. Besonders beliebt war in diesem Zusammenhang das Motiv der Nymphomanin, um Interaktionen mit wechselnden männlichen Partnern rechtfertigen zu können - die Tatsache außer acht lassend, dass es sich dabei um eine schwerwiegende psychische Krankheit handelt.

Der Titel "Mia moglie, un corpo per l'amore" (Meine Frau, ein Körper für die Liebe) bereitete diese Thematik geschickt vor, denn bei einem solchen Körper, wäre es geradezu eine Sünde, diesen nur einer Person zukommen zu lassen. Nun handelt es sich bei Mario Imperolis Film aber um keinen Porno, sondern um einen Giallo mit Sex-Szenen. Die langen Einblendungen mit Simonas (Antonella Murgia) nacktem Körper und ihren inbrünstig gekneten Brüsten verweisen aber auf die Nähe zum aufkommenden Erotikfilm.

Auch hier funktioniert die Story - besonders im Mittelteil des Films - als Leitfaden, an dem sich die amourösen Abenteuer der Protagonistin aufreihen, verfügt dabei aber über eine interessante psychologische Variante. Ganz offensichtlich hatte die hübsche Simona ein bewegtes Leben, bevor sie den wohlhabenden Geschäftsmann Paolo (Silvano Tranquilli) vor fünf Jahren heiratete, blieb ihm in dieser Phase aber immer treu. Dass der wesentlich ältere Paolo trotzdem mit ihrer Vorgeschichte ein Problem hat, macht schon die erste Szene deutlich, als er seine Wasserski fahrende Frau zum Sturz bringt, indem er plötzlich Gas gibt. Ein kurzer Moment des Hasses war in seinem Gesicht zu sehen, bevor er sie dann wieder in sein Boot aufnahm.

Als er kurz darauf den smarten Marco (Peter Lee Lawrence) in seiner Firma einstellt, erkennt man noch nicht seine Beweggründe, spätestens aber, als dieser sich als Ex-Verlobter seiner Frau entpuppt und Paolo bei einem verabredeten Ausflug zu Dritt, plötzlich nicht dabei sein kann. So verbringen Marco und Simona einen ganzen Tag allein auf Paolos Yacht - für Paolo mit dem gewünschten Ergebnis, zumindest wenn man sein selbstzufriedenes Gesicht betrachtet, mit dem er die Beiden bei ihrer Rückkehr am Landungssteg empfängt. Simona hatte sich lange geziert, aber dann war es doch zum Sex gekommen - und damit zum Anfang sich ständig steigernder sexueller Abenteuer.


Aus heutiger Sicht ist der Mittelteil des Films am wenigsten interessant, weil seine langen Soft-Sex-Einblendungen eher langweilen als der Story neue Aspekte zu verleihen. Einzig die moralische Sichtweise der 70er Jahre wird darin deutlich, denn während Simona die lesbischen Avancen ihrer Fotografin (Sonia Burton), für die sie Modell steht, ablehnt, hat sie keine Probleme bei einem Dreier mit einem dunkelhäutigen männlichen Modell mitzumachen - die Interaktion mit ihm wird aber nur angedeutet im Gegensatz zum Sex mit anderen Männern.

Dass der Film ausschließlich aus männlicher, voyeuristischer Sicht erzählt wird, kann nur wenig überraschen, aber "Mia moglie, un corpo per l'amore" verfügt auch über einen subversiven Kontext, der sich vor allem im letzten Drittel Bahn schlägt. Nachdem Paolo seine Frau zu immer neuen sexuellen Abenteuern getrieben hatte, wird deren Gier nach Sex zu einem Selbstläufer, der seinen Wunsch nach Kontrolle zur Farce werden lässt. So wird der Film zunehmend zu einer Parabel über Macht und den Preis, den der Einzelne dafür zu zahlen bereit ist - dabei gibt der Titel doch schon eine klare Antwort darauf, was wirklich zählt - "Un corpo per l'amore".

"Mia moglie, un corpo per l'amore" Italien 1973, Regie: Mario Imperoli, Drehbuch: Mario Imperoli, Darsteller: Silvano Tranquilli, Antonella Murgia, Peter Lee Lawrence, Michele Placido, Sonia Burton, Laufzeit: 82 Minuten

Sonntag, 29. November 2009

L'uomo della strada fa giustizia (Manhunt in the city) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Während David Vannucchi (Henry Silva) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, hilft seine 8jährige Tochter auf ihrem Heimweg von der Schule einem blinden Mann über die Straße und in ein Bankgebäude. Tatsächlich ist der Mann keineswegs behindert, sondern täuscht seine Blindheit nur vor, um ohne die Schleuse in die Filiale zu gelangen, wo er sofort seine Machinenpistole zückt und die restlichen Bandenmitglieder hereinlässt. Doch bevor sie wieder verschwinden, erschießt er kaltblütig das kleine Mädchen, da sie etwas an ihm bemerkt hatte -"einen Skorpion", wie ihre letzten Worte lauten.

Vanucchi muss gemeinsam mit seiner Frau im Leichenschauhaus seine Tochter identifizieren und auch weiter hilflos mit ansehen, dass die Polizei von den Verbrechern keine Spur hat
. Zuerst verweigert er die angebotene Hilfe einer faschistisch orientierten Bürgerwehr, aber als er zunehmend erfahren muss, wie wenig die Polizei für die Sicherheit ihrer Bürger sorgen kann, nimmt er das Recht in die eigenen Hände...


Der englische Titel (übersetzt "Menschenjagd in der Stadt") verleugnet die feine Ironie, die sich hinter dem Originaltitel verbirgt. "Der Mann von der Straße sorgt für Gerechtigkeit" drückt konkret aus, was sogenannte Rache-Filme unterschwellig vermitteln - mit Selbstjustiz wird nur nachgeholt, was der Polizei zuvor nicht gelungen war. Filme dieser Art unterstellen dabei nicht nur, dass die Polizei unfähig oder korrupt ist und dazu der gesamte Justizapparat durch Bürokratie gelähmt wird, sondern dass "der Mann von der Straße" auch ein besseres Gefühl für Gerechtigkeit hätte. Um entsprechende Emotionen beim Betrachter zu manipulieren, wird plakativ eine zugespitzte Situation erzählt, die letztlich nur eine Konsequenz zulässt. Auch Regisseur und Autor Umberto Lenzi entwirft in wenigen Minuten einen Plot, der diese Intention zu bestätigen scheint, aber wer so offensichtlich fahrlässig schon im Filmtitel damit umgeht, muss noch etwas anderes im Schilde führen...

An "L'uomo della strada fa giustizia" wird deutlich, wie sehr sich die in Italien Mitte der 70er Jahre aufgeheizte Atmosphäre auch in Filmen widerspiegelte, die hauptsächlich der Unterhaltung dienen sollten. Anders als etwa in den parallel entstandenen Werken von Damiano Damiani, der hinter den äußeren Erscheinungen von Gewalt die politischen Hintergründe aufdecken wollte, ist Umberto Lenzi einfach plakativ direkt und fügt eine solche Menge an Verbrechen und Willkür aneinander, dass man beinahe bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Italien vermuten könnte. In dieser Hinsicht ähnelt der Film zwar auch Lenzis anderen Polizieschi dieser Phase, aber im Gegensatz etwa zu "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) steht nicht der Kampf Polizei gegen Gangster im Mittelpunkt, sondern der Wunsch nach Selbstjustiz durch den Bürger, ein Thema, dem sich schon "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) 1972 widmete.

Dabei greift Umberto Lenzi von Beginn an auf einfachste Mittel der emotionalen Manipulation zurück. Während Vater David Vannucchi (überzeugend in seiner stoischen Unerbittlichkeit vom amerikanischen Mimen Henry Silva dargestellt) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, bei der er im Straßenbau Explosionen auslöst, geht seine hübsche, blonde Tochter von der Schule nach Hause. Auf der S
traße wird sie von einem Blinden angesprochen, den sie auf dessen Bitte zum Eingang einer Bank geleitet. Durch dieses Manöver umgeht der Gangster die Schleuse, zückt im Inneren sein Maschinengewehr und lässt die restliche Bande hinein, während die Kleine nur stumm vor Schrecken in der Ecke steht. Als die Polizei sich nähert, fliehen sie, aber nicht bevor der angeblich Blinde das Mädchen noch mit ein paar gezielten Schüssen niederstreckt. Ihr war etwas an ihm aufgefallen, was sich in ihren letzten Worten manifestiert - „ein Skorpion“. Als hätte der kaltblütige Mord an einem Kind nicht schon genug Wirkung, zeigt der Film parallel zum Tod der Tochter, den Vater beim Kauf einer Puppe, um unmittelbar darauf ins Leichenschauhaus umzuschalten, wo er gemeinsam mit seiner weinenden Frau Vera (Luciana Paluzzi) zur Erkennung antreten muss.

Immer wieder in den nächsten Minuten blendet der Film idyllische Szenen ein, die den Vater mit der Tochter zeigen, während die Polizei vergeblich versucht, die Täter zu finden. Es dauert nicht lange, bis zwei Männer vor der Tür des Ingenieurs stehen, die ihm seine Hilfe anbieten. Bei Einem von ihnen handelt es sich um den Anwalt Mieli (Claudio Gora), der eine Bürgerwehr vertritt, die sich den Fällen annimmt, die aus ihrer Sicht von der Polizei nicht bewältigt werden können. Zudem erfährt Vannucchi von diesem, dass am Todestag seiner Tochter nicht der übliche Wachposten in der Bank anwesend war, weil dieser die Frau eines hochrangigen Polizeioffiziers zum Friseur begleitet hätte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt scheint der Moment gekommen, das Gesetz in die eigen
e Hand zu nehmen, aber der Film vollzieht eine Wendung. Entscheidend dafür ist nicht, dass Vannucchi die Vertreter der faschistischen Gruppierung aus dem Haus schmeißt und eigene Ermittlungen aufnimmt, sondern das die so klar gezogenen Trennlinien zu bröckeln beginnen.

Tatsächlich lebte Vannucchi schon einige Jahre getrennt von seiner Frau, weshalb er seine Tochter nur selten sah. Schon als er ihr die Puppe kaufte, konnte man an einer Frage an die Verkäuferin erkennen, dass ihm das Leben seiner Tochter nicht wirklich vertraut war. Dadurch erhalten die eingeblendeten Zeitlupensequenzen, in denen er sie unter blauem Himmel hochwirft, einen zunehmend ironischen Charakter. Anders sind auch die Ereignisse nicht aufzufassen, die der Film im Minutentakt auf seine Protagonisten loslässt. Ständig wird irgendwo etwas gestohlen, gehen Bomben hoch oder werden Menschen zusammengeschlagen. Umberto Lenzi lässt dabei zwar kein Klischee aus, übertreibt auch in Tempo und Dichte, bleibt aber in den gesamten Konstellationen realistisch.

Langhaarige Kerle belästigen in einem Cafe Vanucchis Frau mit eindeutig sexuellen Gesten, Rockerbanden brechen am helllichten Tag Autos auf
und schlagen noch die Besitzer zusammen, wenn sich diese dagegen wehren. Als Vanucchi in einer solchen Situation die Täter verfolgt, locken sie ihn in einen Hinterhalt und zerstören sein Auto. Niemand kommt ihnen zu Hilfe und als die Polizei endlich eintrifft, beschwert diese sich nur darüber, dass in Vanucchis Führerschein eine aktuelle Marke fehlt. Rechtsradikale Gruppierungen, wie Mielis Bürgerwehr, schüren das Chaos mit Bombenattentaten und schrecken vor keiner Brutalität zurück, um auf ihrer Weise Verbrecher zu bestrafen.

Innerhalb dieses Chaos, das letztlich nur den atmosphärischen Hintergrund für die eigentliche Story abgibt, wirkt der Polizeikommissar (Paolo Giordani) wie die einzige Konstante. Er versucht Vanucchi zu beruhigen, reizt diesen aber nur mit seiner abwartenden, ruhigen Haltung. Vanucchi dagegen gerät mit Hilfe eines schmierigen Privatdetektivs auf die Spur der Verbrecher, begibt sich selbst in die Unterwelt und muss erfahren, dass er sich mit einem übermächtigen Gegner angelegt hat. Jede seiner Aktionen führt zu einer brutaleren Gegenreaktion und wie Vanucchi, verliert auch der Betrachter zunehmend den Überblick zwischen Gegnern und angeblichen Freunden, bis er einen allerletzten Entschluss fasst.


Umberto Lenzis erzählt vordergründig die spannende und abwechslungsreiche Geschichte eines Mannes, der die Mörder seiner Tochter auf eigene Faust bestrafen will, untergräbt gleichzeitig aber dessen Vorgehensweise auf hintergründige Weise. Nicht nur, dass er die Taten der Bürgerwehr als willkürliche Verbrechen geißelt, auch Vanucchi selbst wirkt oft unüberlegt und übertrieben in seinen Aktionen. Doch erst das intelligente Ende, dass nur scheinbar dem gewohnten Klischee eines Rachefilms entspricht, bestätigt die Ironie des Filmtitels – „Der Mann auf der Straße sorgt für Gerechtigkeit“ – eine Illusion.

"L'uomo della strada fa giustizia" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti, Darsteller : Henry Silva, Luciana Paluzzi, Silvano Tranquilli, Claudio Gora, Alberto Tarallo, Laufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.