Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Freitag, 16. Oktober 2009

Roma, città aperta (Rom, offene Stadt) 1945 Roberto Rossellini

Inhalt : Rom 1944 - während vom Süden her die Alliierten, unterstützt von italienischen Widerstandskämpfern, Richtung Norden vordringen, versucht die SS mit gnadenloser Härte die Ordnung aufrecht zu erhalten. Als der Widerstandskämpfer Manfredi vor der Gestapo in die Wohnung seines Freundes und Mitkämpfers Francesco flieht, wo dieser mit seiner Verlobten Pina und weiteren Familienmitgliedern zusammen lebt, ahnt er noch nicht, dass er damit alle gefährdet, denn ausgerechnet die jüngere Schwester Pinas wird von der SS als Spitzel benutzt. Am nächsten Tag, am Morgen seiner Hochzeit mit Pina, steht die SS bei Francesco vor der Tür und will diesen verhaften. Die Situation gerät außer Kontrolle...




Roberto Rosselini wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm über einen katholischen Priester drehen, der im Widerstand gegen die italienischen Faschisten und die Nationalsozialisten gekämpft hatte. Für die italienische „Resistenza“ hatte dieser Kampf an Brisanz zugenommen, als nach dem Sturz Mussolinis Nazi-Deutschland dem befreundeten Staat „zu Hilfe“ gekommen war, während sich von Süditalien her die Alliierten näherten. Sie sahen sich darauf hin zwei Gegnern gegenüber – der Gestapo und den mit diesen kollaborierenden italienischen Anhängern des Faschismus.

Als Rosselini "Roma, città aperta" Anfang 1945 doch als Spielfilm inszenierte, waren diese Auseinandersetzungen keineswegs beendet, sondern hatten sich nur nach Norditalien verlagert, wo unter Mussolini die Mar
ionettenrepublik Salò entstanden war. Entsprechend unmittelbar waren während der Entstehungsphase die Erinnerungen an diese Geschehnisse, so dass hier ein Film entstand, dessen Authentizität, stärker noch als "Ossessione" von Visconti, ihn zu einem Hauptwerk des noch jungen realistischen Films in Italien machte. Diese Realität sollte trotzdem nicht mit Objektivität verwechselt werden, denn Rosselini nimmt ganz deutlich Partei ein für die Resistenza, aber - obwohl der unmittelbare Eindruck der deutschen Besatzung noch Bestand hatte - ohne den Fehler zu machen, zu polarisieren oder mit gefühligen Übertreibungen, Stimmung zu erzeugen.


Der Film beginnt mit einer Hausdurchsuchung der Gestapo. Ingenieure Manfredi, Kommunist und eine führende Persönlichkeit des italienischen Widerstands, gelingt es gerade noch, über die Dächer zu entkommen.Trotz dieser Dramatik verfügt der Film zu Beginn über eine überraschende Leichtigkeit. Rosselini zeichnet ein realistisches Bild des damaligen römischen Lebens, mit Schwarzmarktgeschäften und den Tricks zur Besorgung der täglichen Lebensmittelration. Die Wohnungen sind überfüllt und es kommt zu Spannungen zwischen den eng aufeinanderlebenden Menschen. Im Mittelpunkt steht dabei Pina (Anna Magnani), die sich zum Einen auf ihre kurz bevorstehende Hochzeit mit Francesco – ebenfalls ein Widerstandskämpfer – freut, andererseits auch um ihren herumstreunenden Sohn kümmern muß. Dazu streitet sich sich ständig mit ihrer jüngeren Schwester, deren Ruf innerhalb der Familie sehr schlecht ist, da sie sich im Umfeld von Schauspielern und Künstlern herumtreibt. In diesen Kreisen pflegen auch die Offiziere der SS anwesend zu sein, die sich auf diese Weise Menschen mit Drogen gefügig machen und ein dichtes Netz von Spitzeln aufbauen.

Manfredi, der vor der Gestapo zu Pina flieht und bei deren Verlobtem unterkommt, will von dort mit Hilfe des Priesters Don Pietro möglichst schnell an einen unbekannten Ort fliehen. Er ahnt nicht, dass seine Häscher darüber informiert werden. Rosselini schildert diese Ereignisse sehr abwechslungsreich und mit dem natürlichen Humor von Menschen in Zwangssituationen, ohne jemals Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Situation zuzulassen. Wichtig ist ihm dabei eine nachvollziehbare Charakterisierung der Protagonisten, bei denen er Heldenstilisierungen vermeidet. Im Gegenteil ist es Manfredis Schwäche für eine attraktive Varietekünstlerin, die dazu führt, dass Pinas Schwester von seiner Anwesenheit erfährt.

Ähnlich differenziert gestaltet er auch den gefährlichsten Feind des Widerstands, die SS, die von Gestapochef Bergmann repräsentiert wird, der durch eine sehr kühl recherchierende Art auffällt. Ihm sind gute Umgangsformen sehr wichtig und er ist geprägt von der Überzeugung an die Überlegenheit der deutschen Rasse gegenüber der italienischen, immer
hin sehr lange die Verbündeten Nazi-Deutschlands.Er ist keineswegs ein überzogener Sadist. Folter ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck und erst der letzte Schritt, der getan werden muss, wenn die vorherige Überzeugungsarbeit nicht ausgereicht hatte.


In der zweiten Hälfte nimmt der Film an Härte zu und konfrontiert den Zuseher mit der Allmacht und Brutalität der deutschen Besatzungsmacht. Und obwohl Rosselini dabei schonungslos bleibt, bewahrt er die menschliche Dimension. Durch den Verzicht sowohl auf Monster als auch auf Märtyrer, verdeutlicht er, dass diese Handlungen nicht allein einem Befehl zu verdanken sind, sondern letztlich immer dem Ausführenden die Wahl lassen, sein eigenes Handeln oder Reagieren zu bestimmen. Er konkretisiert das an den deutschen Soldaten, die sich am Schluß weigern, einen Schießbefehl auszuführen.


Rossellinis dem Realismus verpflichtete Gestaltungsform kam diesem Thema in erheblichem Masse entgegen, wie man sogar zu der Feststellung gelangen kann, dass nur sein dokumentarischer, jede zusätzliche Emotion weglassender Stil überhaupt in der Lage war, diese Thematik angemessen zu bewältigen. Die Unmittelbarkeit solcher schrecklichen Ereignisse verhindert in der Regel eine differenzierte Darstellung der Betroffenen, während ein zeitlicher Abstand zwar mehr Objektivität erzeugt, gleichzeitig eigene Erfahrungen verblassen lässt. Bei "Roma, città aperta" gelang der seltene Fall einer Symbiose aus der Schilderung gerade erlebter Eindrücke bei einer gleichzeitigen universalen Einordnung, was den Film in den Rang eines zeitlosen Kunstwerks erhebt.

"Roma, citta apertà " Italien 1945, Regie: Roberto Rossellini, Drehbuch: Roberto Rossellini, Federico Fellini, Darsteller : Anna Magnani, Aldo Fabrizi, Marcello Pagliero, Harry Feist, Carla Rovere, Laufzeit : 100 Minuten

- weitere im Blog besprochene Filme von Roberto Rossellini :

"Stromboli" (1950)
"Viaggio in Italia" (1954)
"Amori di mezzo secolo" (1954)


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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.