Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Cadaveri eccellenti (Die Macht und ihr Preis) 1976 Francesco Rosi

Inhalt : Inspektor Rogas (Lino Ventura) wird zu einem Tatort gerufen, an dem ein Richter auf offener Straße erschossen wurde. Noch während seiner ersten Ermittlungsschritte, wird ein zweiter Richter auf die selbe Art ermordet. Schnell erkennt Rogas, dass es zwischen ihnen eine Verbindung gibt, da sie drei Männer zu Unrecht hinter Gittern brachten. Nachdem er bei zwei von diesen die Tat ausschließen kann, will er auch den Dritten besuchen. Doch dieser ist nicht nur verschwunden, sondern sämtliche Dokumente, die etwas über sein Aussehen wiedergeben könnten, wurden vernichtet oder beschädigt.Gleichzeitig geht das Morden weiter...


1976, dem Jahr als "Cadaveri eccellenti" erschien, war die Kommunistische Partei Italiens (PCI) unter Enrico Berlinguer mit 34 % der Wählerstimmen auf dem Zenit ihres Erfolges angekommen. Möglich wurde dieses Ergebnis auch, weil Berlinguer sich seit den 60er Jahren kritisch mit der russischen KPDSU auseinander setzte und seit Beginn der 70er Jahre den konservativen Kräften seines Landes zuwandte. Unter dem Eindruck des chilenischen Putsches 1973, in dessen Verlauf Salvador Allende ermordet worden war, suchte er in seinem von der Wirtschaftskrise gebeutelten Land die konkrete Zusammenarbeit mit der stärksten Partei "Democrazia Cristiana" (DC), um Italien Stabilität zu geben und eine faschistische Machtübernahme zu verhindern - bekannt geworden unter dem Begriff "Compromesso storico" (Historischer Kompromiss).

Als unabhängiger Kandidat saß Leonardo Sciascia in dieser Phase für die PCI im Parlament seiner Heimatstadt Parlermo, aber der ehemalige Lehrer hatte sich mit seinen kritischen Schriften, in denen er die Machtstrukturen Italiens analysierte, schon länger einen Namen gemacht. Schon 1971 hatte er die literarische Vorlage für "Cadaveri eccellenti" geschrieben, was nicht überrascht, da spätestens seit den Bombenattentaten Ende der 60er Jahre, die Gefahr eines Putsches, auf Basis von bewusst erzeugten chaotischen Situationen, wuchs.

Im von Tonino Guerra und Francesco Rosi Mitte der 70er Jahre verfassten Drehbuch lassen sich entsprechend zwei Strömungen erkennen - die auf Basis der Novelle beschriebene Verursachung von Chaos und die Zusammenarbeit der kommunistischen mit der konservativen Partei. Doch auch wenn "Cadaveri eccellenti" den äußeren Anschein einer Kriminalstory besitzt, ist er vor allem ein Dokument der Angst. Wie sehr diese Atmosphäre das Land damals geprägt haben muss, wird auch erkennbar an dem ebenfalls 1976 nach Sciascia entstandenen "Todo modo" von Elio Petri, der 1967 schon mit "A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung) einen Roman dieses Autors verfilmt hatte. Auch Damianis "Io ho paura" (Ich habe Angst) von 1977 geht unmittelbar auf diese Ereignisse ein. Und obwohl er nie konkret mit Rosi und Petri zusammen arbeitete, zeigt sich deren geistige Verwandschaft in der kritischen Aufarbeitung der inneren Verhältnisse Italiens, auch in seiner Verfilmung eines Sciascia, dem 1968 entstandenen "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule).

Die Kenntnis der damaligen politischen Situation in italien ist für das Verständnis von "Cadaveri eccellenti" unbedingt erforderlich, da Rosi das Geschehen stark abstrahiert, um jeden realen Bezug zu Orten oder lebenden Personen zu vermeiden. Einzig die Institutionen werden konkret benannt, was schon ausreichte, um Rosi eine Klage der italienischen Justiz einzuhandeln.


Die Kälte, die der Film von Beginn an ausstrahlt, verdeutlicht sich in der Hauptperson, Inspektor Rogas. Nur in einem kurzen Telefonat wird erkennbar, dass Rogas einen Sohn hat und einmal verheiratet gewesen sein muss, sonst verzichtet Rosi auf jegliche Ausschmückung von Privatheit. Das italienische Leben kommt hier nur am Rande vor, denn in "Cadaveri eccellenti" bestimmen Richter, Polizisten, Politiker und sonstige administrative Kräfte die Handlung. Einzig Lino Venturas Präsenz ist es zu verdanken, dass man, trotz seines zurückhaltenden Spiels, den inneren Willen, den tatsächlichen Hintergrund der Verbrechen aufzuklären, und seine Angst spürt, als er selbst zunehmend zur Zielscheibe wird. Politisch ist seine Person bewusst neutral gehalten, verfügt aber über Toleranz und ein humanistisches Weltbild.

Zu Beginn scheinen seine detektivischen Ermittlungen noch gefragt zu sein und er entdeckt einen Zusammenhang zwischen den zwei ermordeten Richtern, die beide an einem Fehlurteil beteiligt waren. Der Täter ist schnell ausfindig gemacht, aber dann muss Rogas feststellen, dass jede Spur von diesem Mann fehlt. Seine Wohnung ist verlassen und auf jedem Foto, auf dem er abgebildet ist, wurde sein Kopf ausgeschnitten, selbst auf den internen polizeilichen Unterlagen. Doch die Morde an den Richtern gehen weiter, obwohl diese nicht mehr konkret an dem Gerichtsurteil beteiligt waren. Als Rogas diesem Widerspruch nachgehen will, bekommt er zunehmend interne Probleme. Ihm wird ein weiterer Ermittler an die Seite gestellt und sein Vorgesetzter, der Polizeichef (Tino Carraro), belügt ihn ganz offensichtlich.


Sciascias erzählerische Linie wird, ähnlich wie in "A ciascuno il suo", daran deutlich, dass das Geschehen fast ausschließlich aus der Sicht des Inspektors geschildert wird, weshalb man nie etwas über die Beweggründe und die Pläne der anderen Seite erfährt. Ihm geht es nicht um eine konkrete Zuweisung der Schuld an irgendwelche Personen, die dann in der Folge als Einzeltäter propagiert werden, sondern um das Ausgeliefertsein gegenüber der unkontrollierten Macht der Institutionen. Selbst eine coole und intelligente Figur wie Inspektor Rogas hat dagegen letztlich keine Chance.

Francesco Rosi entwickelt seinen Film konsequenterweise zunehmend von einer im Detail nachvollziehbaren Kriminalstory zu einem Sittenbild der unbestimmten Angst. Genauso wie selbst der überhebliche und offen reaktionäre Gerichtspräsident (Max von Sydow) nicht zum Bösewicht taugt, wird keine Bedrohung jemals konkret geäußert. Sie wird n
ur rigoros von anonym bleibenden Tätern umgesetzt. Einzig die immer wieder eingeblendeten Studentenproteste vermitteln eine gewisse Emotionalität, während man den Machthabern keine besonderen Interessen anmerkt. Im Gegenteil bleiben sämtliche Politiker freundlich, auch im Zusammenspiel mit dem politischen Gegner - eine konkrete Anspielung Rosis auf den "Historischen Kompromiss".

Das Rosi dieser Konstellation in "Cadaveri eccellenti" nicht traute, entsprach der damaligen Haltung vieler Anhänger der kommunistischen Partei und bestätigte sich wenige Jahre später. Berlinguer hatte gehofft, durch die Zusammenarbeit mit den Konservativen, soziale Veränderungen in seinem Land durchsetzen zu können. Versprechungen dieser Art wurden auch gemacht, aber als die PCI, 1978 nach der Entführung Aldo Moros durch linksgerichtete Terroristen, unter Druck geriet und viel Zustimmung im Land verlor, sah die DC keinen Grund mehr, noch mit der PCI zusammen zu arbeiten. Auch die hier gezeigten, fiktiven Attentate scheinen auf linke Attentäter zu weisen, da die ermordeten Richter konservativ ausgerichtet waren. Erst Anfang der 90er Jahre wurde festgestellt, dass ein Großteil der damaligen Attentate durch faschistische Gruppen ausgeführt wurden, die damit die Angst im Land schürten. Eine Angst, die nur den konservativen Kräften entgegen kam.

Obwohl in der Analyse der Situation verwandt, unterscheidet sich Rosis Film von Damianis emotionalem "Io ho paura" in wesentlichen Punkte. "Cadaveri eccellenti" ist ein grafischer Film, emotional beinahe so tot wie die titelgebenden "Ausgezeichneten Kadaver", mit denen hier die Leichen der Würdenträger bezeichnet werden. Beginnend mit dem Blick auf die Mumien in der Gruft, den Sozialbauten, den vielen hohen und meist leeren Räumen, die die Kamera immer wieder erfasst, bis zur Anordnung der Toten auf großen Flächen, vermittelt Francesco Rosi das Bild eine kalten Staates, der nur an Machterhaltung interessiert ist.

Diese abstrakte Sichtweise hat den Nachteil, sich weniger direkt zu vermitteln, da einerseits die damalige Atmosphäre nicht mehr vom heutigen Betrachter nachempfunden werden kann, andererseits auf emotionale Zuspitzungen verzichtet wird. Das Fehlen konkreter Erklärungen und Schuldzuweisungen hat dagegen den Vorteil einer generalistischen Betrachtung einer Situation, die bis in die Gegenwart andauert
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"Cadaveri eccellenti" Italien, Frankreich 1976, Regie: Francesco Rosi, Drehbuch: Francesco Rosi, Tonino Guerra, Leonardo Sciascia (Roman), Darsteller : Lino Ventura, Tino Carraro, Alain Cuny, Fernando Rey, Max von Sydow, Laufzeit : 120 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Rosi:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.