Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
Posts mit dem Label Jean-Louis Trintignant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jean-Louis Trintignant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 23. Oktober 2016

La matriarca (Huckepack) 1968 Pasquale Festa Campanile

Inhalt: Gemeinsam mit ihrer Mutter und anderen Gästen sitzt Mimi (Catherine Spaak) vor dem Sarg ihres jung verstorbenen Ehemanns. Zum Trauern bleibt ihr nur wenig Gelegenheit, denn die Geschäfte der Firma ihres Mannes müssen weitergehen, ihre Mutter stellt schon Fragen in Richtung neuer Beziehungen und sie wird mit einem überraschenden Erbe konfrontiert. Sie erhält die Schlüssel für eine ihr bisher unbekannte Wohnung, eingerichtet als Liebeshöhle für Sado-Maso-Spielchen mit dazu gehörigem Privat-Kino. 

Da ihr Mann seine Aktivitäten gefilmt hatte, kann sie sich nicht nur von dessen Vorlieben überzeugen, sondern auch von den Gespielinnen, zu denen auch ihre beste Freundin gehörte. Nur sie selbst war für ihren Mann tabu, denn sie war für ihn die brave, geradezu heilige Ehefrau. Eine Rolle, die Mimi nicht mehr einzunehmen bereit ist, weshalb sie beginnt, die Wohnung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen…


So sexy und werbewirksam das Plakat zu "La matriarca" ist, es weckte einen falschen Eindruck. Keinen Moment im Film tritt Catherine Spaak als Domina auf. Im Gegenteil gibt es eine Szene, in der sie sich unterwirft, geschlagen und erniedrigt wird - und feststellt, dass sie daran keine Freude hat. Die Dominanz der weiblichen Hauptrolle drückte sich nicht im konkreten sexuellen Akt aus, sondern in ihrem selbstbewussten Auftreten. Sie selbst wählte die Männer zum Sex aus, die mit dieser Rollenverteilung nur schwer zurecht kamen.

Regisseur Pasquale Festa Campanile siedelte seinen Film im Milieu des italienischen Groß-Bürgertums an, das sich Ende der 60er Jahre aufgeklärt und modern gab, gleichzeitig aber an den klassischen Geschlechterrollen festhielt, und blieb trotz der explizit sexuellen Thematik angenehm zurückhaltend und in seiner komödiantischen Leichtigkeit wenig provokant. Ein Grund, warum "La matriarca" heute nahezu unbekannt ist. Zu unrecht, denn Campanile verlieh dem Thema Sex eine gegenwartsbezogene Normalität, wie sie erst in den 70er Jahren zur Regel wurde. Und steht am Beginn der "Commedia sexy all'italiana" und damit am Ende meines Essay "Von der Moral-Kritik bis zum Dekamaron – die Entstehung der „Commedia sexy all’italiana“ in den 60er Jahren" (Demnächst hier im Blog). 


Mimi (Catherine Spaak) entdeckt das Geheimversteck ihres Mannes...
"La matriarca" hat es in keine Skandal-Film Auflistung gebracht, wurde nicht im Nachtprogramm diverser TV-Kabel-Kanäle verwurstet und erhielt nicht einmal ein Release auf einem einschlägigen Video-Label. Im Gegensatz zu Regisseur Campaniles wenig später folgenden Erotik-Komödien „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) oder „Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971). Eine Reihe, die sich beliebig fortsetzen ließe. Das Drehbuch zu „La matriarca“ stammte zwar ausnahmsweise nicht vom Regisseur selbst, aber mit Ottavio Jemma war ein Autor daran beteiligt, der den erotischen Film Ende der 60er Jahre entscheidend prägte und auch eng mit Salvatore Samperi („Malizia“ (1973)) und Alberto Lattuada („La farò la padre“ (1974)) zusammenarbeitete. Die eigentliche Idee des Films ging aber zurück auf Nicolò Ferrari, der nur wenige Drehbücher und Regie-Arbeiten übernahm. Darunter mit „Laura nuda“ (1961) ein frühes kontroverses Werk über eine sexuell aktive Frau und ihre sich verändernde Rolle in der italienischen Gesellschaft.

...und nimmt dessen Rolle ein - der Geschäftsführer (Gigi Proietti)
Fast folgerichtig in Form eines Dramas, denn die gegenwartsbezogene sexuelle Thematik benötigte in den 60er Jahren in der Regel einen ernsthaften Hintergrund, der auch die soziale Fallhöhe im Handeln der Frau erkennen ließ. Der frivole, leichtfertige Umgang mit der Sexualität bedurfte dagegen entweder einer literarischen Vorlage („Der Reigen“) oder eines Ambientes im nicht bürgerlichen Milieu. Die zahlreichen Episodenfilme der 60er Jahre verstießen in ihrer komödiantischen Respektlosigkeit gegen diese Regel, aber Langfilme, die eine sexuell aktive Frau in den Mittelpunkt einer Story stellten, ohne ihr Verhalten zu relativieren oder zu dramatisieren, blieben die Ausnahme. Regisseur Festa Campanile schuf 1966 mit „Adulterio all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch) seine erste Erotik-Komödie über ein Ehepaar auf Abwegen, das lustvoll mit dem Fremdgehen kokettiert. Doch während der Ehemann schon in der ersten Szene im Bett einer anderen Schönen landete, blieb es bei seiner Ehefrau bei Anspielungen. Die letzte Konsequenz zog sie nicht.

Der Zahnarzt (Frank Wolff)
Gespielt wurde die weibliche Hauptrolle in „Adulterio all’italiana“ von Catherine Spaak, ihr erster von vier Filmen unter der Regie Campaniles. Die seit den frühen 60er Jahren für ihre emanzipiert, erotischen Auftritte bekannte junge Darstellerin und der langjährige Drehbuchautor, als Regisseur ins Sex-Fach wechselnde Campanile waren eine ideale Kombination für die aufkommende „Commedia sexy“. Ihr Werdegang lässt aber auch erkennen, wie sensibel der Umgang mit dem Thema Sex Mitte der 60er Jahre noch sein musste. Trotz ihrer unmissverständlichen Freizügigkeit gegenüber Männern, verfiel Catherine Spaak in ihren Rollen nie in Promiskuität. Selbst in „La parmigiana“ (1963), in dem sie sich zeitweise prostituieren muss, ist sie nicht leicht zu haben. Einher ging diese noch den Anstand wahrende Inszenierung mit einer Zurückhaltung in den Bildern. Konkret nackt war Catherine Spaak nicht zu sehen.

Der Tennislehrer (Philippe Leroy)
„La matriarca“ bedeutete in mehrfacher Hinsicht eine Wende. Regisseur Campanile hatte zwar in „La cintura di castità“ (Der Keuschheitsgürtel, 1967) schon offenherzigere Blicke zugelassen, aber das betraf ausschließlich weibliche Nebenrollen. Zudem siedelte er die Handlung in eine weit zurückliegende, wenig authentische Vergangenheit an – eine Ende der 60er Jahre besonders im italienischen Erotik-Film aufkommende Mode, um der Zensur zu entgehen. „La matriarca“ ist dagegen ganz Gegenwart. Die Geschichte einer jungen Ehefrau aus dem gehobenen Bürgertum, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes feststellen muss, dass dieser sie nicht nur ständig betrogen hatte – darunter mit ihrer besten Freundin – sondern eine aufwändig eingerichtete Wohnung für Sex-Treffen vorhielt mit Studio für SM-Praktiken und einem Porno-Kino für selbst gedrehte Filme. 

Der geheimnisvolle Mister X (Luigi Pistilli)
Doch während die erst im folgenden Jahr erschienenen einschlägigen Literatur-Verfilmungen „Marquis de Sade: Justine“ und „Le malizie di Venere“ (Venus im Pelz) noch heute einen skandalträchtigen Ruf genießen, ist „La matriarca“ nahezu unbekannt. Zu beiläufig im komödiantischen Kontext hantierte hier Campanile mit ungehemmtem Sex und sadistischen Spielchen. Zu verdanken ist das besonders Catherine Spaak, die sich von der braven Ehefrau zur scheinbaren Nymphomanin wandelt, ohne ihre selbstbewusst-spielerische Art zu verlieren und deren – verglichen mit ihren früheren Filmen – konkretere Nacktheit nur wenig voyeuristisch wirkte. Unverkrampft fordert sie Sex ein, in dem sie sich etwa nackt zu ihrem Tennislehrer (Philippe Leroy) unter die Dusche gesellt. Dieser, sonst ganz Macho, reagiert irritiert, kaum in der Lage, das offensichtliche Angebot annehmen zu können. Das gilt auch für die restliche Männerwelt, die sonst säuberlich nach Ehefrau und Geliebter zu trennen pflegt, und nicht damit umgehen kann, dass Mimi (Catherine Spaak) den Spieß einfach umdreht.

Bis sie Dr. Carlo De Marchi (Jean-Louis Trintignant) kennenlernt...
Diesem Umstand ist auch der Originaltitel „La matriarca“ (Die Matriarchin) zu verdanken, der Mimis Rollentausch zwar treffend beschreibt, aber nur wenig Erotik verheißt. Getoppt wird dieser Eindruck noch durch den deutschen Titel „Huckepack“, der auf Mimis Fetisch anspielt, die ihre größte Lust empfindet, wenn sie auf dem Rücken eines Mannes reiten kann. Losgelöst betrachtet klingt „Huckepack“ mehr nach einem Abenteuerfilm für Jugendliche, weshalb sich die Frage aufdrängt, warum der deutsche Verleih bei Campaniles Film auf die gewohnte Werbewirksamkeit sexbezogener Titel verzichtete. Eine Frage, die nah an die Berührungsängste führt, die ein Erotikkomödie im bürgerlichen Umfeld Ende der 60er Jahre noch auslöste – kein Beziehungsdrama, kein Crime-Hintergrund, kein exotischer oder historischer Schauplatz, keine exaltierten Persönlichkeiten, nicht einmal ein dokumentarischer Charakter.

...und ihre wahren sexuellen Bedürfnisse
Eine Normalität, die letztlich zum Scheitern des Films auch aus heutiger Sicht führte, denn das Mimi am Ende mit dem versponnenen Arzt Dr. Carlo De Marchi (Jean-Louis Trintignant) wieder einen Mann fürs Leben serviert bekam, schien ihren Ausbruch aus dem Rollen-Klischee schnell wieder zu beenden. „La matriarca“ verstand sich nicht als emanzipatorisches Experimentierfeld, sondern kommentierte ironisch die Ende der 60er Jahre grassierende Sex-Welle, die vor keinem Fetisch Halt machte, gleichzeitig die gewohnte Geschlechterordnung aber nicht in Frage stellte. Im Gegenteil bedeuteten die neuen Freiheiten für die Männer größere Entfaltungsmöglichkeiten, änderte aber nichts am „heiligen“ Status ihrer Ehefrauen. Diesem aktuellen Gesellschaftsbild fehlte zwar der konkrete kritische Gestus der frühen 60er Jahre, war aber ungewöhnlich leicht im Umgang mit der gegenwartsbezogenen sexuellen Thematik. Damit steht „La matriarca“ beispielhaft für den Übergang von der „Commedia all’italiana“ zur „Sexy“-Variante – der gesellschaftskritische Habitus nahm ab, die Selbstverständlichkeit von Sex im bürgerlichen Milieu nahm zu. 

"La matriarcaItalien 1969, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Ottavio Jemma, Nicolò FerrariDarsteller : Catherine Spaak, Jean-Louis Trintignant, Gigi Proietti, Frank Wolff, Philippe Leroy, Vittorio Caprioli, Gabriele Tinti, Renzo MotagnaniLaufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Festa Campanile: 

"Adulterio all'italiana" (1966) 
"La cintura di castità" (1967) 
"Il merlo maschio" (1971) 
"Autostop rosso sangue" (1977)

Freitag, 7. August 2015

La terrazza (Die Terrasse) 1980 Ettore Scola

Inhalt: Das Buffet auf der Terrasse ist eröffnet und die zahlreichen Anwesenden unterbrechen für einen Moment ihre Gespräche. Der Drehbuchautor Enrico D'Orsi (Jean-Louis Trintignant), Produzent Amedeo (Ugo Tognazzi), Fernsehredakteur Sergio (Serge Reggiani), der Journalist Luigi (Marcello Mastroianni) und der Abgeordnete der Kommunistischen Partei Mario (Vittorio Gassman) sind alte Freunde, doch die Zeiten als sie das kulturelle Leben in Italien mit bestimmten, sind lange vorbei. Saturiert und ideenlos leben sie noch von ihrem früheren Ruf, aber ihre deutlich jüngeren Frauen haben ihnen längst den Rang abgelaufen.

Mario (Vittorio Gassman) und Giovanna (Stefania Sandrelli)
D’Orsi wird zwar noch von seiner Ehefrau Emanuela (Milena Vukotic) unterstützt, aber an seiner Schreibblockade ändert das nichts, weshalb er Amedeo auf der Terrasse aus dem Weg zu gehen versucht, der ihm schon vor einem halben Jahr Vorschuss auf das neue Drehbuch gegeben hatte. Doch wirklich aktiv ist Amedeo auch nicht. Seine Ehefrau Enza (Ombretta Colli) hat ihm längst den Produzenten-Job aus den Händen genommen, während er sich in ihrer grotesk riesigen Villa langweilt, und Carla (Carla Gravina) hat sich von Luigi getrennt und macht Karriere als Fernseh-Journalistin. Mario ist ohne seine Frau gekommen und gerät auf Grund einer despektierlichen Bemerkung über die Nachfolge-Generation mit Giovanna (Stefania Sandrelli) in Streit – der Beginn einer heftigen Liebes-Affäre…


Diskussion mit Regisseur Tazzo (Stefano Satta Flores)
Schon sechs Jahre zuvor in "C'eravamo tanti amati" (Wie waren so verliebt, 1974) hatte Ettore Scola ein erstes Resümee gezogen. An den unterschiedlichen Lebenswegen dreier Männer, die gemeinsam im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht gekämpft hatten, beschrieb er beispielhaft die Fallhöhe zwischen Wunsch und Realität, zwischen Ideal und Ernüchterung dreier Jahrzehnte Gesellschaftspolitik in Italien. Auch der parallele Fortschritt im Medium Film gehörte zu seiner desillusionierten Nachbetrachtung, blieb aber hinsichtlich seiner eigenen Rolle noch verklausuliert. Im Mittelpunkt stand Vittorio De Sica, dem er zwar den Film widmete, dessen Entwicklung vom Vorbild als Neorealisten ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)) zum publikumswirksam angepassten Komödienregisseur er aber bedauerte - für Scola und seine Mitautoren Agenor Incrocci (kurz "Age") und Furio Scarpelli signifikant für die generelle Entwicklung im italienischen Kino.

Enza (Ombretta Colli) mit Amedeo und Enrico
Seitdem waren sechs Jahre vergangen, angesichts der politischen Ereignisse in Italien kein kurzer Zeitraum. Die bleiernen Jahre ("Anni di piombo"), eine Hochphase an Kriminalität und Terrorismus, waren noch nicht endgültig vorbei, die Ermordung des Christdemokraten Aldo Moro durch die "Roten Brigaden" (Brigade rosse) lag ebenso erst wenige Jahre zurück wie das damit verbundene Scheitern einer von Moro und dem kommunistischen Generalsekretär Enrico Berlinguer angestrebten Koalition der PCI (Partito Comunista Italiano) mit der konservativen Democrazia Cristiana. Ettore Scola und seine langjährigen Mitstreiter, die meisten von ihnen seit dem Krieg Sympathisanten der PCI, konnten 1980 noch nicht wissen, wie sehr diese Phase der kommunistischen Partei, die damals bei freien Wahlen mehr als 30% der Stimmen erhielt, geschadet hatte, aber sie ahnten die Konsequenzen. Weniger hinsichtlich der konkreten Auswirkungen, mehr auf Grund ihrer eigenen Rolle - sie waren in die Jahre gekommen, waren sowohl hinsichtlich ihres politischen wie filmischen Engagements bequem geworden.

Der Journalist (Marcello Mastroianni)
Und was machten sie daraus? – Sie versammelten sich auf der titelgebenden Terrasse und hauten sich in einer letzten brachialen Komödie in der Tradition der „Commedia all’italiana“ gegenseitig in die Pfanne. Vittorio Gassman, Ugo Tognazzi , Serge Reggiani, alle Jahrgang 1922, sowie Marcello Mastroianni (1924) und der wenig jüngere Jean-Louis Trintignant (1930) streiten, diskutieren und lachen miteinander, im Hintergrund begleitet von Agenor Incrocci und Furio Scarpelli (beide 1919) sowie Regisseur Scola (1930). Und konfrontieren sich mit Frauen, die nicht nur deutlich jünger, sondern denen sie auch nicht mehr gewachsen sind. Auch Carla Gravina („I soliti ignoti“ (Diebe haben‘s schwer, 1958), Stefania Sandrelli („Divorzio all’italiana“ (Scheidung auf Italienisch, 1961) und Milena Vukotic (“Made in Italy“, 1965) gehörten früh zum Kreis der „Commedia all’italiana“, waren aber noch keine 40 Jahre alt. Carla Gravina wurde kurz nach Fertigstellung des Films bis 1983 Mitglied der Abgeordnetenkammer für die PCI, Vittorio Gassman verkörperte im Film den langjährigen kommunistischen Abgeordneten Mario. Nur noch wenig engagiert, aber als Selbstdarsteller immer noch in Bestform - besonders gegenüber der jungen Giovanna (Stefania Sandrelli). Authentischer ließen sich Gegenwart und Vergangenheit kaum gegenüber stellen.

Der Drehbuchautor (Jean-Louis Trintignant)
Daraus nun zu folgern der zweieinhalbstündige Film würde zu einer geschwätzigen Angelegenheit unter alten Männern werden, die nur noch in vergangenen Zeiten schwelgen, wäre weit gefehlt – und hieße, Ettore Scola und seine Mitautoren zu unterschätzen. Anders als in „C’eravamo tanti amati“ werden seine Protagonisten gnadenlos mit der Gegenwart konfrontiert. Ihre glorreiche Vergangenheit ist dagegen mehr Last als Lust, wie etwa der Zettel mit den Namen „Totò“ und „Wittgenstein“, den sich der Drehbuchautor Enrico D'Orsi (Jean-Louis Trintignant) an seine Schreibtischlampe geklebt hat. Eine Anspielung auf die Anfänge der „Commedia all’italiana“, als die „Totò“ - Filme, an denen auch Age, Scarpelli („Totò cerca casa“, 1949) und Scola („Totò nella luna“, 1958) maßgeblich mitwirkten, noch von den Kritikern verschmäht wurden, die sie inzwischen in den Rang philosophischer Werke gehoben haben. Der daraus formulierte Anspruch, im Sinn der „Commedia“ gleichzeitig kritisch und lustig sein zu müssen, ist wenig förderlich für D’Orsi. Seine Schreibblockade treibt ihn auf direktem Weg in die Nervenheilanstalt.

Der Produzent (Ugo Tognazzi)
Nur in einem kurzen Moment flackern noch seine Fähigkeiten auf, als er gegenüber seinem Produzenten, der seit Monaten auf das Drehbuch wartet, am Telefon improvisiert und den angeblich schon geschriebenen Inhalt der ersten Episode spontan erfindet. Gespielt wird der Produzent Amedeo von Ugo Tognazzi, der gerade auf einer aufblasbaren Insel mit Sonnenschirm und Bar in seinem Swimming-Pool schwimmt – und nicht weniger überfordert ist als D’Orsi. Während seine deutlich jüngere Frau Enza (Ombretta Colli) ihn in der Riesen-Villa allein lässt, um junge Regisseure zu fördern, kann Amadeo mit dem modernen Stil nichts anfangen. Die Kastration am Ende der internen Filmvorführung – eine Anspielung auf Marco Ferreris „L’ultima donna“ (Die letzte Frau, 1976) - provoziert spontanen Applaus bei den Anwesenden, was den exzentrischen Regisseur Tizzo (großartig Stefano Satta Flores) sofort an seinem Werk zweifeln lässt. Zustimmung ist ihm zuwider – für den wenig intellektuellen Amadeo, der dank seiner beim Publikum erfolgreichen Filme reich wurde, eine fremde Welt.

Der TV-Redakteur (Serge Reggiani)
Scola teilte nicht nur intern, sondern genauso extern aus. Tizzo, sonst nie um eine Provokation verlegen, flippt vor moralischer Entrüstung regelrecht aus, als er erfährt, dass seine über 50jährige Mutter überraschend ein Kind erwartet. Richtig böse wird „La terrazza“ in dem Abschnitt über das italienische Fernsehen, vertreten von Serge Reggiani, der einen schmalen, gealterten Redakteur spielt, der zunehmend wegrationalisiert wird, weil sein Anspruch nicht mehr gefragt ist. Nachdem sein Büro dank der beweglichen Wandmodule auf Schreibtischgröße verkleinert wurde, begibt er sich in den Keller und lässt sich vom künstlichen Schnee einer Fernsehinszenierung zu Tode schneien.

Luigi und Carla (Carla Gravina)
Carla (Carla Gravina) hat dagegen beste Beziehungen zum Intendanten und startet als Moderatorin gerade eine erfolgreiche Karriere im TV. Sie ist die Noch-Ehefrau von Luigi (Marcello Mastroianni), einem linken Journalisten, dem seine jüngeren Kollegen gerade auf eine sehr steife, technologische Weise zu verstehen gaben, dass man seine Dienste nicht mehr benötigt. Angesichts der Tatsache, dass er nur noch reflexartig und ohne Engagement Parolen in die Tasten haute, auch eine für ihn nachvollziehbare Entscheidung. Wirklich interessiert ist Luigi - jahrzehntelang gewohnt problemlos bei jungen Frauen zu landen - nur daran, mit Carla wieder zusammen zu kommen. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Politiker (Vittorio Gassman)
Mit Drehbuchautor, Produzent, Fernsehredakteur, Journalist und Politiker stellte der Film fünf entscheidende Typen für das links-intellektuelle italienische Kino der vergangenen Jahrzehnte in den Mittelpunkt, denen Scola jeweils einen Abschnitt widmete, immer von der Eröffnung des Buffets auf der Terrasse ausgehend. Dieser klaren Strukturierung, die an ihre vielen gemeinsamen Episoden-Filme erinnert, verdankt der Film nicht nur seinen hohen Unterhaltungswert, sondern gab den Machern die Möglichkeit, die inneren Verflechtungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Es entstand ein komplexes Gebilde, dass sowohl die Vergangenheit reflektierte, als auch die Gegenwart sezierte, ohne dass Irgendjemand gut dabei wegkam, so amüsant die vielen Verwicklungen und Anspielungen im Einzelnen sind. Ganz in der Tradition der „Commedia all’italiana“, in der Komik und Tragik, Illusion und Realität immer nah beieinander lagen.

Ettore Scolas Film war auf Grund seiner pessimistischen Aussage hoch umstritten, die Kritiken reichten von großer Begeisterung bis zu totaler Ablehnung. Aus heutiger Sicht lässt sich nur statuieren, dass Scolas Blick auf die Kollegen und ihr politisch-kulturelles Engagement, trotz aller Anzeichen einer negativen Entwicklung, liebenswert blieb – das gemeinsame Singen am Ende des Films erhält angesichts der schon wenige Jahre später eintretenden Realität einen melancholisch-sentimentalen Charakter. Dass „La terrazza“ ein letzter Vertreter dieser Art sein würde, war 1980 ebenso wenig vorauszusehen, wie die Größenordnung des Niedergangs der italienischen Filmindustrie oder die Entwicklung der PCI zu einer Splitter-Partei. In die „Top 100“ der wichtigsten italienischen Filme schaffte es „La terrazza“ trotz seiner Bedeutung und Qualität nicht – Filme, die nach 1978 entstanden, wurden nicht mehr berücksichtigt.

"La terrazza" Italien 1980, Regie: Ettore Scola, Drehbuch: Ettore Scola, Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Darsteller : Vittorio Gassman, Marcello Mastroianni, Jean-Louis Trintignant, Ugo Tognazzi, Serge Reggiani, Stefano Satta Flores, Stefania Sandrelli, Carla Gravina, Milena Vukotic, Galeazzo Benti, Laufzeit : 151 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Ettore Scola:

"Se permettete parliamo di donne" (1964)
"C'eravamo tanti amati" (1974)
"Brutti, sporchi e cattivi" (1976)
"I nuovi mostri" (1977)

Sonntag, 17. August 2014

Col cuore in gola (Ich bin wie ich bin - das Mädchen aus der Carnaby Street) 1967 Tinto Brass

Inhalt: Martha Borroughs (Vira Silenti) und ihre Stief-Kinder, die 17jährige Jane (Ewa Aulin) und ihr älterer Bruder Jerome (Charles Kohler), identifizieren den toten Vater und Ehemann im Leichenschauhaus, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Jane glaubt nicht an einen Unfall, denn ihr Vater wurde mit einem Foto erpresst, auf dem seine zweite Frau abgebildet sein soll.

Als der französische Schauspieler Bernard (Jean-Louis Trintignant) abends ins Büro des Nachtclub-Chefs kommt, findet er nicht nur dessen Leiche vor, sondern entdeckt auch Jane, die sofort ihre Unschuld beteuert. Bei dem Nachtclub-Boss soll es sich um den Erpresser handeln, den ihre Stiefmutter Martha angeblich aus dem Weg geräumt hat, wie sie Bernard erklärt, der Jane sofort verfällt. Gemeinsam fliehen sie, um die wahre Täterin zu überführen…


"Wasser auf dem Körper einer Frau ist wie Tau auf einem Rosenblatt" Lao Tse

Mit diesem Zitat beeindruckt Bernard (Jean-Louis Trintignant) die junge Jane Burroughs (Ewa Aulin), bevor ihre Körper sich erstmals vereinigen, aber es bleibt nicht die einzige Weisheit in "Col cuore in gola" (Ich bin wie ich bin - das Mädchen aus der Carnaby Street). 






Die Worte:

"Die geeignetste Farbe für einen schönen Körper ist weder das Grün weiten Graslands, noch das Blau der See, sondern das Schwarz des Photo-Studios" 

werden Michelangelo Antonioni in den Mund gelegt, dessen "Blow up" (1966) in Brass' Film aus allen Poren zu dringen scheint - eine Kriminalstory, die nur als Aufhänger für eine fulminante 60er Jahre-Pop-Art-Collage dient, "Swinging London" als Handlungsspielort, Party, Models und die Jagd nach einem Foto, das einen Hinweis auf den Mörder geben könnte. Ganz konkret ist ein Plakat mit dem Filmtitel zu sehen, selbst die Band, aus der der amerikanische Sänger Mal Ryder stammte, der ab Mitte der 60er Jahr in Italien als Solo-Sänger Karriere machte und hier den Song "Love Girl" zum Besten gibt, hieß "Blow up".

Diesen offensichtlichen Parallelen verdankte Tinto Brass in den späten 60er Jahren den Ruf eines avantgardistischen Regisseurs in der Tradition Antonionis. Eine zwar werbewirksame, letztlich aber oberflächliche Einordnung, denn der Regisseur, der als Assistent Roberto Rossellinis („Il Generale della Rovere“ (Der falsche General, 1959)) begonnen hatte, entwickelte einen ganz eigenständigen Stil, der "Col cuore in gola" (sinngemäß: Mit dem Herz auf der Zunge) als ästhetische Weiterentwicklung seines Erstlings „Chi lavoro é perduto“ (Wer arbeitet, ist verloren, 1963) über den Western „Yankee“ (1966) in Richtung „Nerosubianco“ (Attraction, 1968) und „L’urlo“ (1970) ausweist, die über keine traditionelle Erzählform mehr verfügten. Dagegen basiert die Story in „Col cuore in gola“ noch auf dem Kriminalroman „Il sepolcro di carta“ von Sergio Donati, der zu den einflussreichsten Drehbuchautoren des Italo-Western gehörte, und unter anderen eng mit Sergio Leone („Per qualche dollari in più“ (Für ein paar Dollar mehr, 1965)) und Sergio Sollima (“Faccia a faccia“ (Von Angesicht zu Angesicht, 1967)) zusammen arbeitete.

„Il secolpro di carta“ war zuvor in der Giallo-Mondadori-Reihe erschienen, weshalb der Verfilmung auch das Etikett „Giallo“ angeheftet wurde, aber Brass interessierte nur das Grundgerüst der Story. Der junge französische Schauspieler Bernard (im Buch ein Pianist) findet den Chefs eines Nacht-Clubs tot in dessen Büro und entdeckt eine junge Frau, die verstört im Raum steht. Ihm war das sehr hübsche Mädchen zuvor schon aufgefallen, glaubt ihren Unschuldsbeteuerungen und flieht mit ihr, um den tatsächlichen Mörder zu fassen. Tinto Brass verfolgte die Handlung zwar weiter, nutzte sie aber nur als Leitfaden, um ihren sexuellen Subtext mit „Swinging-London“ zu verzahnen, dem Nabel der Liberalität, Mitte der 60er Jahre, wie ihn auch Mario Monicelli in „La ragazza con la pistola“ (Mit Pistolen fängt man keine Männer, 1968) für seine Satire auf die archaischen Moralvorstellungen der Sizilianer nutzte.


Auch in Tinto Brass‘ Film gibt es komische Momente, wenn sich Bernard mit Tarzan-Schrei auf Jane stürzt, nachdem diese ihn mit einem Striptease in Verzückung versetzt hatte, aber diese spielerischen Augenblicke betonen noch den sich steigernden Irrsinn inmitten einer hektischen, den nächsten Kick suchenden Umgebung. Schon in „Chi lavoro é perduto“ entwickelte Brass ein hohes Tempo, dass er in „Col cuore in gola“ mit einem Kaleidoskop ständig in seine Einzelteile zerfallender Bilder weiter steigerte. Eine Methode, die er in seinem folgenden Film „Nerosubianco“ zur Meisterschaft führte und die in kaum einem größeren Gegensatz zum Stil Antonionis hätte stehen können. Aus unzähligen Einzelbildern entstand ein komplexes Gebilde aus Krieg, weltweiten Protesten, Glanz und Niedergang, Spaß und Gewalt, Musik, Drogen und Sex, durch das Bernard stürzt, um der schönen Jane habhaft zu werden, die ihm doch nur immer wieder entgleitet.

In der zentralen Szene des Films befreit er sie gemeinsam mit ihrem Bruder Jerome (Charles Kohler) aus den Händen ihrer Entführer. Der Weg dorthin wird geprägt von Industriebrachen und zerfallenen Häusern, bevor Brass die Situation im Stil des Italo-Western inszenierte. Begleitet von schnellen Schnitten auf die Augen Bernards und die Situation des entführten Opfers, fokussiert die Kamera den Lauf einer Pistole, die einem Phallus gleich über den entblößten Körper Janes gleitet. Zwar können die Gangster überwältigt werden, aber das führt zu keiner Lösung, denn eine solche strebte Brass in seinem Film nicht an.

Während der deutsche Titel „Ich bin wie ich bin – das Mädchen aus der Carnaby-Street“ werbewirksam auf die sexuell selbstbestimmte weibliche Jugend setzte (die populäre Carnaby-Street kommt im Film gar nicht vor) und Donatis Roman den Typus eines „Bad Girls“ in den Mittelpunkt stellte – beides ließ sich aus moralischer Sicht bequem miteinander verbinden – wertete Tinto Brass nicht, sondern überließ es dem Betrachter, die Puzzleteile dieses Films zu einer Welt nach eigenem Empfinden zusammenzusetzen. Ist Bernard naiv, romantisch oder egoistisch, Jane verrückt, berechnend oder liebenswert und das Ende tragisch, bösartig oder nur konsequent? - Es spielt letztlich keine Rolle.

"Col cuore in gola" Italien, Frankreich 1967, Regie: Tinto Brass, Drehbuch: Tinto Brass, Francesca Longa, Pierre Lévy, Sergio Donati (Roman),  Darsteller : Jean-Louis Trintignant, Ewa Aulin, Charles Kohler, Vira Silenti, Monique Scoazec, Laufzeit : 100 Minuten

Sonntag, 23. Dezember 2012

Z (Z - Anatomie eines politischen Mordes) 1969 Costa-Gavras


Inhalt: In einem europäischen Staat werden die Polizeieinsatzkräfte auf ihrer Aufgabe zur Verteidigung der Demokratie von einem General (Pierre Dux) eingewiesen. Es gilt eine kranke Einflussnahme auf den Staat und sein Volk zu unterbinden. Eine Veranstaltung der politischen Opposition wird entsprechend von der Polizei behindert. Nicht nur, dass der zur Verfügung gestellte Saal zu klein ist, auch die sich notgedrungen außerhalb des Gebäudes aufhaltenden Anhänger werden von einem Schlägertrupp brutal auseinander getrieben. Dabei haben sie es gezielt auf den Oppositionsführer und Hauptredner (Yves Montand) abgesehen, der in dem Durcheinander einem Anschlag erliegt.

Ein junger Staatsanwalt (Jean-Louis Trintignant) soll den Tod des Politikers untersuchen. Scheinbar stehen ihm alle Möglichkeiten des Rechtsstaats zur Verfügung, aber bald muss er feststellen, dass seine Ermittlungen nur den äußeren Anschein wahren sollen. Als er sich davon nicht zurückschrecken lässt, gerät er selbst in Schwierigkeiten…


"Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist GEWOLLT" - mit diesen eingeblendeten Worten beginnt Regisseur Costa-Gavras seinen Film "Z", dessen Entstehungsgeschichte im Jahr 1969 diese Aussage noch betont. Es war schwierig, die Finanzierung für den Film aufzubringen, da verschiedene Geldgeber aus Angst zurücktraten und die prominenten Schauspieler mit Yves Montand, Jean-Louis Trintignant und Irene Papas an der Spitze den Film erst ermöglichten, indem sie auf ihre Gage verzichteten. Ohne diese Unterstützung wären auch seine folgenden politischen Filme wie "L'aveu" (Das Geständnis, 1970) oder "L'etat de siège" (Der unsichtbare Aufstand, 1973) kaum möglich geworden.

Costa-Gavras spielt in seinem Film, der in Algerien gedreht wurde, unmittelbar auf die Ereignisse in seinem Heimatland Griechenland an, die 1963 mit einem vertuschten Mord an einem prominenten Oppositionellen begannen und im Jahr 1967 zu einem Militärputsch führten, in dessen Folge tausende Griechen inhaftiert und ermordet wurden. Doch er verzichtet auf eine exakte Ortsangabe, denn "Z" wurde zu einem generellen Exempel für die Vernichtung von Bürgerrechten unter dem Deckmäntelchen, den Staat vor Feinden schützen zu wollen - nur um damit die Übernahme der Macht durch Wenige zu rechtfertigen.

Trotz dieser Verallgemeinerung spürt man die Wucht der damaligen realen Ereignisse, denn Costa-Gavras Wut über die Diktatur in seinem Heimatland bleibt jede Sekunde im Film vorherrschend. Dieser beginnt mit einer Vorlesung in einem Hörsaal, indem sich größtenteils uniformierte Männer aufhalten. Der General (Pierre Dux) hält eine flammende Rede darüber, dass Ereignisse und "kranke Einflussnahmen", die den gesunden Staat und dessen Volkswillen stören können, schon im Keim erstickt werden müssen. Als Zuschauer glaubt man einer militärischen Versammlung reaktionärer Offiziere beizuwohnen, stattdessen handelt es sich um die ortsansässigen Polizeioffiziere und der General betont zuletzt auch noch, daß es darum gehe, die Grundrechte der Demokratie zu verteidigen...

Szenenwechsel - einige Männer organisieren eine politische Veranstaltung. Trotz der Plakate und Parolen ist eine exakte Zuordnung der Partei in Links und Rechts nicht möglich. Damit beabsichtigte Costa-Gavras übliche Klischees und damit auch Sympathien oder Antipathien beim Zuseher zu vermeiden. Offensichtlich ist aber, dass es sich um eine Oppositionspartei handelt, die dazu noch für Abrüstung plädiert und damit der Regierung ein Dorn im Auge ist. Die Organisatoren für die große Kundgebung am Abend bekommen Probleme, da man ihnen die zugesagte Halle nicht gibt und eine Open-Air-Veranstaltung als Provokation gilt. Die Polizei, nach außen hin eine solche Veranstaltung unterstützend, vermittelt stattdessen einen Saal, der viel zu klein ist. Zusätzlich nimmt sie Morddrohungen, die gegen den Hauptredner und charismatischen Oppositionsführer (Yves Montand) für den Abend kolportiert werden, nicht ernst. 

Als die Veranstaltung beginnt, hat sich eine gefährliche Stimmung ausgebreitet. Da der Saal bei weitem nicht alle Anhänger fasst, halten sich viele Anhänger außerhalb des Hauses auf und hören die Rede durch große Lautsprecher mit. Die Polizei lässt unerkannt einen rechtsradikalen Schlägertrupp auf die Versammlung los, der nicht nur für Unruhen sorgen soll, sondern es gezielt auf den Oppositionsführer abgesehen hat. Costa-Gavras verklausuliert die Ereignisse nicht, sondern schildert sie mit erschreckender Direktheit. Die Prügelszenen werden in ihrer Brutalität und der damit verbundenen Niedertracht schonungslos gezeigt. Die Schläger, die einen exakten Plan haben und entsprechend skrupellos vorgehen, treffen auf Menschen, die friedlich demonstrieren wollen und die der Gewalt hilflos gegenüberstehen.

Die erste Hälfte des Films gilt den Unruhen bis zu dem als Unfall getarnten Anschlag auf den Oppositionsführer, die zweite widmet sich der Verfolgung der Täter, bei der ein junger Richter (Jean-Louis Trintignant) aktiv wird, um im Namen des Staates den Fall aufzuklären. Durch diese äußerlich einem demokratischen Staat entsprechenden Mechanismen, wird erst deutlich, wie leicht dessen Regeln missbraucht werden können und wie wichtig die moralische Integrität der Verantwortlichen ist. Entsprechend interessiert sich Costa-Gavras nicht für Namen, sondern für die Vertreter eines Staates - Polizisten, Politiker, Journalisten, Staatsanwälte und Richter - und deren Umgang mit der Macht. Trotz der dadurch entstehenden Vielfalt bleibt "Z" klar strukturiert, die einzelnen Personen dank der herausragenden Schauspielerleistungen jederzeit wieder erkennbar und auch charakterlich nachvollziehbar und die Handlung trotz des hohen Tempos und der häufigen Schnitte immer schlüssig.

"Z" wurde als politischer Film, der sich mit unmittelbarer Zuspitzung nur diesem einen Thema widmete und auf private Hintergründe fast gänzlich verzichtete, in dieser Formsprache beispielhaft für das Genre. Die wenigen Szenen, die unter der Bevölkerung spielen oder die trauernde Ehefrau (Irene Papas) des ermordeten Abgeordneten zeigen, werden fast beiläufig geschildert, ohne das daraus emotionales Kapital geschlagen wird. Einzig die Angst, die Jeden angesichts der Allmacht des Staates packen müsste, wird an diesen von Costa-Gavras veranschaulicht. So entstand ein zeitloses, exemplarisches Werk, dass in seiner Konsequenz, die komplexen Mechanismen der Entstehung einer Diktatur aufschlüsseln zu wollen, einmalig geblieben ist.
 

"Z" Frankreich, Algerien 1969, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: Costa-Gavras, George Semprún, Vasislis Vasilikos (Buchvorlage), Darsteller : Yves Montand, Jean-Louis Trintignant, Irene Papas, Jacques Perrin, Charles Denner, Laufzeit : 127 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras:

"L'aveu" (1970)

Donnerstag, 6. September 2012

Sans mobile apparent (Neun im Fadenkreuz / Senza movente) 1971 Philippe Labro


Inhalt: Als Kommissar Stéphane Carella (Jean-Louis Trintignant) mit dem Schiff, das er gemeinsam mit Jocelyne (Carla Gravina) genutzt hatte, am Hafen von Nizza ankommt, wird er schon von seinen Kollegen erwartet, um mit ihm zum Kommissariat zu fahren. Doch vorher verabschiedet er sich noch von Jocelyne, die ihm eine kleine Pfeife einsteckt, mit der er sie zu sich rufen kann, wenn er will. Währenddessen wird Sandra (Dominique Sandra), die sich bei den Vorbereitungen ihres Freundes und TV-Moderators Julien (Sasha Distel) für dessen neue Live - Sendung in der Stadt befindet, von ihrem Stiefvater Tony Forest (Michel Bardinet) aufgefordert, zu ihrer Mutter zum Mittagessen zu gehen. Offensichtlich mag er Julien nicht, aber dieser erwähnt lächelnd nur eine alte Geschichte, ohne näher darauf einzugehen.

Nur wenig später, als Forest sich gerade bei einem Treffen mit Geschäftsleuten in einer noblen Villengegend von Nizza befindet, fällt er plötzlich tot um, nur mit einer kleinen Einschussöffnung auf der Stirn. Weder war ein Schuss zu hören, noch ein Täter zu sehen. Carella, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot, beginnt sofort mit den Ermittlungen, findet aber auch im Gespräch mit der Frau (Esmeralda Ruspoli) des Ermordeten und ihrer Tochter Sandra keine Hinweise auf ein Motiv. Doch seine Arbeit wird schon kurz danach unterbrochen, als ihm gemeldet wird, dass der Architekt Barroyer (Alexis Sellan) auf die gleiche Weise an einem Swimming-Pool erschossen wurde. Was verbindet die beiden getöteten Männer?


Als Philippe Labro 1971 "Sans mobile apparent" (wörtlich "Ohne offensichtliches Motiv") inszenierte, befand er sich damit auf der Höhe der Zeit und vereinte eine Vielzahl von Stilrichtungen in seinem Film. Sein Drehbuch war nach einem Roman des amerikanischen Autors Evan Hunter (Originaltitel "Ten plus one") entstanden, der selbst viele Drehbücher verfasst hatte - darunter zu "The birds" (Die Vögel, 1963) von Alfred Hitchcock - worin Labros Vorliebe für die USA und deren Kriminalfilme deutlich wurde. Diese wiederum verband ihn mit Jean-Pierre Melville, mit dem er befreundet war, und dessen ästhetischer Einfluss in der nach Nizza an die französische Mittelmeerküste versetzten Handlung ebenfalls spürbar wird, wie schon an dem voraus gesetzten Zitat von Raymond Chandler ersichtlich wird.

Neben diesem französisch - amerikanischen Konglomerat ergänzte Labro seinen italienisch co-produzierten Film noch mit Stilelementen des Poliziesco, unterstützt von dem Drehbuchautor Vincenzo Labella. Auch die beeindruckende Besetzung weiblicher Stars setzte sich gleichberechtigt aus den französischen Darstellerinnen Dominique Sanda und Stéphane Audran sowie den Italienerinnen Carla Gravina und Laura Antonelli zusammen. Wie auch Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zuvor schon in einer Vielzahl italienischer Filme ("Il silenzio"(Leichen pflastern seinen Weg, 1968), "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962)) mitgewirkt hatte.

Diese Mischung unterschiedlicher Stile ließ "Sans mobile apparent" zu einem ungewöhnlichen Film werden, dessen Ästhetik die manchmal unfertig wirkende Story in den Schatten stellt. Während einige Szenen in ihrer stylischen Inszenierung die Kälte des Mordens mit einem Präzisionsgewehr genau wiedergeben - ein Eindruck, der von Ennio Morricones Filmmusik noch verstärkt wird - wirken die Charakterisierungen der Protagonisten nicht zu Ende gedacht. Das gilt auch für Stéphane Carella (Jean-Louis Trintignant), dem ermittelnden Polizeioffizier, dessen Charakter als knallharter, die Polizeiregeln sehr frei interpretierender Verfolger an den Poliziesco erinnert, dessen manchmal kindlichen Ausbrüche und seine Beziehungen zu den Frauen aber nicht näher betrachtet werden.

Gleich zu Beginn, als er sich mit Jocelyne Rocca (Carla Gravina) gemeinsam auf dem Schiff nach Nizza befindet, steht er plötzlich auf und richtet seine Pistole albern gen Himmel, Schüsse vortäuschend. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Betrachter noch nicht, dass er mit Jocelyne einmal eine Beziehung hatte, die er vor einiger Zeit beendet hatte, aber auch im weiteren Verlauf erfährt man keine Details dazu, obwohl Jocelyne ebenfalls im Fadenkreuz des Täters zu stehen scheint. Allein in dieser Konstellation steckte genügend Komplexität für den gesamten Film, aber „Sans mobile apparent“ beließ es bei wenigen, kühl inszenierten Momenten angedeuteter Emotion. Trotzdem bleibt die Figur des Carella der überzeugendste Charakter des Films, weniger dank des Drehbuchs als dem variablen Spiel Trintignants, in dessen Blick immer auch ein wenig der Wahnsinn des manischen Verfolgers zu spüren bleibt.

Die Grundlage der Story, die von Morden an Menschen erzählt, die am helllichten Tag von einem Scharfschützen erschossen werden, ohne das es ersichtlich wird, was diese Personen miteinander verbindet, ist viel versprechend, aber Phillipe Labro verhebt sich ein wenig bei dem Versuch, zu viele weitere Komponenten zu integrieren. Neben dem klassischen "Who done it?" stehen die einzelnen Opfer für diverse Gesellschaftsgruppen - der reiche Geschäftsmann mit der angeblich glücklichen Ehe, dessen Stief - Tochter (Dominique Sanda), die eine Beziehung mit dem Fernsehmoderator Julien (Sacha Distel) hat, der angeberische Architekt Barroyer (Alexis Sellan), der geschäftstüchtige Astrologe Hans Kleinberg (Erich Segal), der alternde Theaterregisseur und die junge Arzthelferin - deren Lebensumstände meist nur angerissen werden, obwohl einige davon sehr interessant sind.

Über allem schwebt ein Hauch Gesellschaftskritik, gibt es ein Anlehnen an die aktuellen politischen Ereignisse der Zeit, wenn etwa Carella das „Anarchie“ - Zeichen auf sein Cabriolet gemalt wird, zeigen sich Verdrängung, Skrupellosigkeit und Egoismus im Charakter der Protagonisten, auch in der Haltung des Polizeichefs, dem es nur um eine schnelle Aufklärung mit den üblichen Verdächtigen geht, womit er Carellas Arbeit eher behindert. Doch diese kritischen Ansätze bleiben so oberflächlich, wie die Lösung letztlich fast profan scheint, ohne sich dem Täter näher zu widmen, dessen Motive durchaus komplexer Natur sind und auch die Selbstjustiz-Thematik streifen. Möglicherweise reichte Anfang der 70er Jahre allein schon der Auslöser des Dramas, um die Betrachter angemessen zu schockieren, aber das ändert nichts daran, das Labros Film seine vielen Möglichkeiten nicht nutzt und einen inhomogenen Eindruck hinterlässt.

"Style over substance" wäre der nahe liegende Begriff aus heutiger Sicht, aber das greift zu kurz. Nicht nur die Ästhetik der Inszenierung und die Musik Morricones bestimmen das Geschehen, auch die Darsteller sind durchgehend sehr gut und lassen Abgründe in ihren Charakteren erkennen, ohne das Labro ins Moralisieren verfällt, aber der Film wechselt zu schnell zur nächsten Szene, beim Versuch seiner großen Darstellerschar gerecht zu werden. "Sans mobile apparent" ist unterhaltend und spannend, vermittelt ein genaues Bild des damaligen Zeitgeistes, deutet aber eine mögliche Tiefe innerhalb der Story an, die er nicht umzusetzen in der Lage ist.

"Sans mobile apparent" Frankreich, Italien 1971, Regie: Philippe Labro, Drehbuch: Phillipe Labro, Vincenzo Labella, Evan Hunter (Roman), Darsteller : Jean-Louis Trintignant, Carla Gravina, Dominique Sanda, Laura Antonelli, Stéphane Audran, Sasha Distel, Laufzeit : 97 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.