Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Samstag, 9. August 2014

La calda vita (Das heiße Leben) 1964 Florestano Vancini

Inhalt: Die 18jährige Sergia (Catherine Spaak) lässt sich in den frühen Morgenstunden trotz einer durchfeierten Nacht von den jungen Männern Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) zu einem kurzen Sommer-Trip überreden. Sie haben ein kleines Motorboot und Wasser-Skier organisiert und ziehen sie bis zu einer kleinen Insel, wo ihnen angeblich das Strandhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Sergia ist begeistert von der schönen Insel und sie tollen fröhlich herum, aber die beiden Jungs verfolgen noch ein anderes Ziel.

In der Nacht kommt Fredi an Sergias Bett, wird aber freundlich von ihr zurückgewiesen. Fredi, offensichtlich verliebt in die junge Frau, bedrängt sie nicht weiter und gibt sich damit zufrieden, neben ihr zu schlafen, verstößt damit aber gegen den gemeinsam mit Max vereinbarten Plan. Fredi sollte ihn, nachdem er mit Sergia geschlafen hatte, ebenfalls zu ihr lassen. Beide glaubten, da Sergia wie ihre ältere Schwester Liuli einen schlechten Ruf im Ort besitzt, sie wäre leichte Beute, doch sie schätzen ihre offene, erotische Ausstrahlung falsch ein…


"La calda vita" (Das heiße Leben) erschien 1958 als dritter Roman einer Trilogie über die heranwachsende Jugend, mit der der Journalist und Schriftsteller Pier Antonio Quarantotti Gambini psychologisch ausgefeilt auf die Phase sozialer Veränderungen nach dem Krieg in Italien reagierte, die durch eine zunehmende Unsicherheit der Geschlechter im Umgang miteinander geprägt wurde. Die traditionellen Verhaltensmuster begannen langsam zu bröckeln und die Sexualität trat offensiver in den gesellschaftlichen Fokus, gleichzeitig blieben patriarchalisch geprägte Vorurteile und die von der katholischen Kirche vorgegebenen Regeln in den Köpfen hängen. Deshalb nutzten kritische Künstler den konkret sexuellen Hintergrund ihrer Werke immer auch als Provokation in ihrer Kritik an einem im Konservativismus verharrenden Bürgertum.

In "La voglia matta" (Lockende Unschuld, 1962)) hatte Luciano Salce die Generation der 40jährigen mit einer Jugend konfrontiert, die nicht mehr nach ihren Regeln spielen wollte, aber besonders Alberto Lattuada beeinflusste das erotische Genre schon früh und wurde zum Entdecker sehr junger Darstellerinnen: Jacqueline Sassard („Guendalina“, 1957), später Nastassja Kinski („Cosi come sei“ (Bleib wie du bist, 1978)) und nicht zuletzt Catherine Spaak, die er als 15jährige in „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) so offensiv lustvoll inszenierte, dass er damit einen Skandal hervorrief. Und die junge Mimin auf Jahre hinaus auf diesen Typus festlegte. Es folgten „La voglia matta“, „Il sorpasso“ (Verliebt in scharfe Kurven, Dino Risi, 1962), „La parmigiana“ (Antonio Pietrangeli, 1963) und „La noia“ (Die Nackte, Damiano Damiani, 1963) bis sie in „La calda vita“ unter der Regie Florestano Vancinis eine Art Resümee ihrer bisherigen Rollen, vielleicht auch der Thematik insgesamt zog.

Der differenzierte literarische Hintergrund, dessen filmische Umsetzung von Elio Bartolini an sein Drehbuch für Antonionis „L’avventura“ (Die mit der Liebe spielen, 1960) erinnert, die Anspielung des Titels auf Federico Fellinis „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960), die offensichtlichen Handlungsparallelen zu „I dolci inganni“ – erneut bewies die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle Unabhängigkeit gegenüber der Erwartungshaltung der älteren Generation – und die dezenten, für die Entstehungszeit aber gewagten Nacktaufnahmen Catherine Spaaks ließen in „La calda vita“ eine Mischung aus Schönheit, Fröhlichkeit, Tragik und Realismus entstehen, die die Phase des Erwachsenenwerdens in all ihrer Komplexität zu erfassen vermochte. Die Handlung konzentrierte sich auf eine kleine, felsige Insel, nur von vier Darstellern getragen – Gabriele Ferzetti („L’avventura“) als Vertreter der älteren Generation, der junge Jacques Perrin („La ragazza con la valigia“ (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck, Valerio Zurlini, 1961)) und Fabrizio Capucci gehörten zu dem kleinen Ensemble – aber die kurze erzählerische Klammer sorgte für die notwendige Verortung in den frühen 60er Jahren.

Sergia (Catherine Spaak) spielt zu Beginn des Films noch eine Nebenrolle an der Seite ihrer älteren Schwester Liuli, die bei einer Abendgesellschaft die Männer gegenseitig ausspielt und von einem eifersüchtigen Verehrer geohrfeigt wird. Die 18jährige Sergia verlässt die Gruppe offensichtlich gut verdienender Erwachsener – ein wiederholtes Motiv im italienischen Film dieser Zeit, das den wirtschaftlichen Aufschwung der 50er Jahre, aber auch den allgemeinen Erfolgsdruck symbolisieren sollte – in den frühen Morgenstunden, um schlafen zu gehen, weshalb sie zuerst ablehnend auf das Angebot von Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) reagiert, mit ihnen auf eine nahe gelegene Insel zu fahren, wo ihnen das Ferienhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Erst die aufkommende Unruhe um ihre spät zurückkehrende Schwester lässt sie spontan zusagen.

Die Bedeutung dieser Anfangssequenz erschließt sich nur langsam, denn die folgenden Minuten werden von fröhlicher Unbeschwertheit bestimmt. Wasser-Skilaufen, Sonnenbaden und die wunderschöne Landschaft der kleinen felsigen Insel begleiten die ideale Sommer-Stimmung eines scheinbar planlosen In-den-Tag-Hineinlebens. Tatsächlich verfolgen die jungen Männer ein klares Ziel – sie wollen Beide mit Sergia schlafen. Das einsam gelegene Sommerhaus hatten sie aufgebrochen, selbst für die Wasser-Ski hatte Max Geld gestohlen, um entsprechend Eindruck zu schinden, aber ihr Plan scheitert. Als Fredi nachts als Erster versucht, Sergia zu überzeugen, wird er sanft, aber bestimmt zurückgewiesen. Er verbringt die Nacht schlafend neben ihr, aber für Max wirkt es so, als hätte er ihm das Terrain nach seinem Erfolg nicht überlassen.

Ihre fehlgeleitete Erwartungshaltung erklärt sich aus der Vorgeschichte. Heimlich hatten sich die jungen Männer zuvor zugeraunt, Sergia und ihre ältere Schwester wären streifenfrei gebräunt, so wie beide Frauen in dem kleinen Ort den Ruf von Schlampen, also leichter Beute besaßen – mit der Diskrepanz zwischen dem selbstbewussten, erotischen Auftreten der jungen Sergia und ihrer gleichzeitigen Selbstbestimmtheit kommt besonders Max nicht zurecht, der zunehmend aggressiver reagiert. Der Konflikt spitzt sich weiter zu, als mit Guido (Gabriele Ferzetti) ein Vertreter der älteren Generation auf das jugendliche Trio stößt. Guido, der Besitzer des Strandhauses, reagiert nicht nur souverän, sondern weiß auch mit der kessen Sergia umzugehen.

Der Titel „La calda vita“ spielt auf die Hitze sexueller Erotik an, die Catherine Spaak geradezu idealtypisch verkörpert, zerstört aber gleichzeitig die Illusion männlicher Fantasien von freier Verfügbarkeit. Wie schon in „I dolci inganni“ und „La voglia matta“ steht in „La calda vita“ ein neuer, moderner Frauen-Typus im Mittelpunkt. Sergia ist hübsch, sympathisch und keineswegs revolutionär, aber sie will ihren eigenen Weg gehen und unterwirft sich nicht mehr den bisherigen moralischen Regeln. Sie lässt Männer zurück, die unterschiedlich, teilweise tragisch auf ihre freundlich geäußerte Abweisung reagieren - der heiße Sommer ist endgültig vorbei.

"La calda vita" Italien, Frankreich 1964, Regie: Florestano Vancini, Drehbuch: Florestano Vancini, Elio Bartolini, Pier Antonio Quarantotti Gambini (Roman)Darsteller : Catherine Spaak, Gabriele Ferzetti, Jacques Perrin, Fabrizio Capucci, Laufzeit : 100 Minuten

Sonntag, 23. Dezember 2012

Z (Z - Anatomie eines politischen Mordes) 1969 Costa-Gavras


Inhalt: In einem europäischen Staat werden die Polizeieinsatzkräfte auf ihrer Aufgabe zur Verteidigung der Demokratie von einem General (Pierre Dux) eingewiesen. Es gilt eine kranke Einflussnahme auf den Staat und sein Volk zu unterbinden. Eine Veranstaltung der politischen Opposition wird entsprechend von der Polizei behindert. Nicht nur, dass der zur Verfügung gestellte Saal zu klein ist, auch die sich notgedrungen außerhalb des Gebäudes aufhaltenden Anhänger werden von einem Schlägertrupp brutal auseinander getrieben. Dabei haben sie es gezielt auf den Oppositionsführer und Hauptredner (Yves Montand) abgesehen, der in dem Durcheinander einem Anschlag erliegt.

Ein junger Staatsanwalt (Jean-Louis Trintignant) soll den Tod des Politikers untersuchen. Scheinbar stehen ihm alle Möglichkeiten des Rechtsstaats zur Verfügung, aber bald muss er feststellen, dass seine Ermittlungen nur den äußeren Anschein wahren sollen. Als er sich davon nicht zurückschrecken lässt, gerät er selbst in Schwierigkeiten…


"Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist GEWOLLT" - mit diesen eingeblendeten Worten beginnt Regisseur Costa-Gavras seinen Film "Z", dessen Entstehungsgeschichte im Jahr 1969 diese Aussage noch betont. Es war schwierig, die Finanzierung für den Film aufzubringen, da verschiedene Geldgeber aus Angst zurücktraten und die prominenten Schauspieler mit Yves Montand, Jean-Louis Trintignant und Irene Papas an der Spitze den Film erst ermöglichten, indem sie auf ihre Gage verzichteten. Ohne diese Unterstützung wären auch seine folgenden politischen Filme wie "L'aveu" (Das Geständnis, 1970) oder "L'etat de siège" (Der unsichtbare Aufstand, 1973) kaum möglich geworden.

Costa-Gavras spielt in seinem Film, der in Algerien gedreht wurde, unmittelbar auf die Ereignisse in seinem Heimatland Griechenland an, die 1963 mit einem vertuschten Mord an einem prominenten Oppositionellen begannen und im Jahr 1967 zu einem Militärputsch führten, in dessen Folge tausende Griechen inhaftiert und ermordet wurden. Doch er verzichtet auf eine exakte Ortsangabe, denn "Z" wurde zu einem generellen Exempel für die Vernichtung von Bürgerrechten unter dem Deckmäntelchen, den Staat vor Feinden schützen zu wollen - nur um damit die Übernahme der Macht durch Wenige zu rechtfertigen.

Trotz dieser Verallgemeinerung spürt man die Wucht der damaligen realen Ereignisse, denn Costa-Gavras Wut über die Diktatur in seinem Heimatland bleibt jede Sekunde im Film vorherrschend. Dieser beginnt mit einer Vorlesung in einem Hörsaal, indem sich größtenteils uniformierte Männer aufhalten. Der General (Pierre Dux) hält eine flammende Rede darüber, dass Ereignisse und "kranke Einflussnahmen", die den gesunden Staat und dessen Volkswillen stören können, schon im Keim erstickt werden müssen. Als Zuschauer glaubt man einer militärischen Versammlung reaktionärer Offiziere beizuwohnen, stattdessen handelt es sich um die ortsansässigen Polizeioffiziere und der General betont zuletzt auch noch, daß es darum gehe, die Grundrechte der Demokratie zu verteidigen...

Szenenwechsel - einige Männer organisieren eine politische Veranstaltung. Trotz der Plakate und Parolen ist eine exakte Zuordnung der Partei in Links und Rechts nicht möglich. Damit beabsichtigte Costa-Gavras übliche Klischees und damit auch Sympathien oder Antipathien beim Zuseher zu vermeiden. Offensichtlich ist aber, dass es sich um eine Oppositionspartei handelt, die dazu noch für Abrüstung plädiert und damit der Regierung ein Dorn im Auge ist. Die Organisatoren für die große Kundgebung am Abend bekommen Probleme, da man ihnen die zugesagte Halle nicht gibt und eine Open-Air-Veranstaltung als Provokation gilt. Die Polizei, nach außen hin eine solche Veranstaltung unterstützend, vermittelt stattdessen einen Saal, der viel zu klein ist. Zusätzlich nimmt sie Morddrohungen, die gegen den Hauptredner und charismatischen Oppositionsführer (Yves Montand) für den Abend kolportiert werden, nicht ernst. 

Als die Veranstaltung beginnt, hat sich eine gefährliche Stimmung ausgebreitet. Da der Saal bei weitem nicht alle Anhänger fasst, halten sich viele Anhänger außerhalb des Hauses auf und hören die Rede durch große Lautsprecher mit. Die Polizei lässt unerkannt einen rechtsradikalen Schlägertrupp auf die Versammlung los, der nicht nur für Unruhen sorgen soll, sondern es gezielt auf den Oppositionsführer abgesehen hat. Costa-Gavras verklausuliert die Ereignisse nicht, sondern schildert sie mit erschreckender Direktheit. Die Prügelszenen werden in ihrer Brutalität und der damit verbundenen Niedertracht schonungslos gezeigt. Die Schläger, die einen exakten Plan haben und entsprechend skrupellos vorgehen, treffen auf Menschen, die friedlich demonstrieren wollen und die der Gewalt hilflos gegenüberstehen.

Die erste Hälfte des Films gilt den Unruhen bis zu dem als Unfall getarnten Anschlag auf den Oppositionsführer, die zweite widmet sich der Verfolgung der Täter, bei der ein junger Richter (Jean-Louis Trintignant) aktiv wird, um im Namen des Staates den Fall aufzuklären. Durch diese äußerlich einem demokratischen Staat entsprechenden Mechanismen, wird erst deutlich, wie leicht dessen Regeln missbraucht werden können und wie wichtig die moralische Integrität der Verantwortlichen ist. Entsprechend interessiert sich Costa-Gavras nicht für Namen, sondern für die Vertreter eines Staates - Polizisten, Politiker, Journalisten, Staatsanwälte und Richter - und deren Umgang mit der Macht. Trotz der dadurch entstehenden Vielfalt bleibt "Z" klar strukturiert, die einzelnen Personen dank der herausragenden Schauspielerleistungen jederzeit wieder erkennbar und auch charakterlich nachvollziehbar und die Handlung trotz des hohen Tempos und der häufigen Schnitte immer schlüssig.

"Z" wurde als politischer Film, der sich mit unmittelbarer Zuspitzung nur diesem einen Thema widmete und auf private Hintergründe fast gänzlich verzichtete, in dieser Formsprache beispielhaft für das Genre. Die wenigen Szenen, die unter der Bevölkerung spielen oder die trauernde Ehefrau (Irene Papas) des ermordeten Abgeordneten zeigen, werden fast beiläufig geschildert, ohne das daraus emotionales Kapital geschlagen wird. Einzig die Angst, die Jeden angesichts der Allmacht des Staates packen müsste, wird an diesen von Costa-Gavras veranschaulicht. So entstand ein zeitloses, exemplarisches Werk, dass in seiner Konsequenz, die komplexen Mechanismen der Entstehung einer Diktatur aufschlüsseln zu wollen, einmalig geblieben ist.
 

"Z" Frankreich, Algerien 1969, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: Costa-Gavras, George Semprún, Vasislis Vasilikos (Buchvorlage), Darsteller : Yves Montand, Jean-Louis Trintignant, Irene Papas, Jacques Perrin, Charles Denner, Laufzeit : 127 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras:

"L'aveu" (1970)

Montag, 14. Februar 2011

État de siège (L'amerikano / Der unsichtbare Aufstand) 1973 Costa-Gavras

Inhalt: Uruguay 1972 - im gesamten Land herrscht der Ausnahmezustand. Fieberhaft sucht die Polizei und die Armee nach dem entführten Amerikaner Philipp Michael Santore (Yves Montand). Doch während die Straßenkontrollen zu keinen Ergebnissen führen, ist es ein einsam abgestellter Wagen, der Gewissheit bringt - in seinem Fonds liegt die Leiche des Entwicklungshelfers, der von den "Tupamaros" umgebracht wurde, nachdem die Regierung nicht auf deren Forderung eingegangen war, inhaftierte Mitglieder der Untergrundbewegung im Austausch frei zu lassen.

Als ein paar Tage zuvor Santore gemeinsam mit dem brasilianischen Botschafter entführt wurde, erweckte das Erstaunen, denn man stellte sich allgemein die Frage, warum die "Tupamaros" für ihre Verhöre, deren Ergebnisse sie der Öffentlichkeit  später mitzuteilen pflegten, einen Entwicklungshelfer entführt hatten. Vor allem der Journalist Carlos Ducas (O.E.Hasse) beginnt bei verantwortlichen Stellen nachzuforschen, die sichtlich nervös reagieren, während der Polizeiapparat unter der Führung von Captain Lopez (Renato Salvatori) alles daran setzt, Santore möglichst schnell frei zu bekommen. Parallel verhören Mitglieder der "Tupamaros" den Amerikaner und konfrontieren ihn mit seiner tatsächlichen Aufgabe in dem südamerikanischen Land...


Betrachtet man Costa-Gavras Hauptwerke des zeitgenössischen Polit-Thrillers, ausgehend vom 1969 gedrehten "Z" über den ein Jahr später entstandenen "L'aveu" (La confessione / Das Geständnis) bis zu seinem ersten amerikanischen Film "Missing" (Vermisst) im Jahr 1981, dann spürt man sein Suchen nach einer Antwort auf die immer gleiche Frage - wie kann ein totalitärer Staat entstehen und bestehen bleiben, obwohl er die Freiheitsrechte seiner Bürger einschränkt und gegen jeden Widerstand mit Gewalt vorgeht.

Seine so klaren wie detaillierten Analysen können nicht darüber hinweg täuschen, dass Costa-Gavras mit seinen Filmen zwar die Motive, die Strategien und inneren Beziehungen der Täter demaskierte, nicht aber die Reaktion des Bürgertums. So genau man Verschwörungen und Propagandamethoden auch recherchieren vermag, so wenig lassen sich daraus kausale Konsequenzen folgern, da das Volk immer eine Unbekannte bleibt. Seine höchst unterschiedlichen Ansätze des prinzipiell gleichen Themas, sieht man von den zeitgenössischen und geographischen Bezügen einmal ab, lassen deshalb nur eine generelle Intention zu - dem Betrachter eine möglichst vielschichtige Beschreibung der Entwicklung eines demokratischen Staates zu einer Diktatur derart vor Augen zu führen, das ein solches Zustandekommen in Zukunft zumindest erschwert wird.

Die Entwicklung, die seine Polit-Thriller in ihrer jeweiligen Inszenierungsform, aber auch in der angestrebten Zielgruppe nahmen, sind entsprechend ein Abbild ihrer Zeit. "Z" war sein persönlichster Film, der trotz seiner generellen, private Details vermeidenden Analyse, nicht verbergen konnte, dass Costa-Gavras hier seine eigene Geschichte und damit die seines Heimatlandes Griechenland erzählte. Wie sehr er damit konfrontierte, lässt sich aus dem Zustandekommen des Films herauslesen, in dessen Folge auch die späteren Filme erst entstehen konnten. Um überhaupt Mittel für den Film zu bekommen, gründete Jacques Perrin eigens dafür eine Produktionsfirma und Yves Montand übernahm ohne Honorar eine der Hauptrollen (wie auch die meisten weiteren Darsteller).

In "L'aveu" vollzog Costa-Gavras eine vollständige Wendung in der Inszenierung, indem er sich auf eine politische Persönlichkeit (wieder von Yves Montand gespielt) als Opfer konzentrierte, an deren Beispiel er die Verhör- und Foltermethoden eines totalitären Regimes - hier die stalinistische UDSSR am Beispiel des Satellitenstaates CSSR - analysierte. Nachdem an der Produktion dieses Films erstmals italienische Firmen teilnahmen, erweiterte sich dieser Kreis bei "Der unsichtbare Aufstand" auch auf eine deutsche Produktionsgesellschaft. Darin werden auch die Parallelen zu den Polit-Filmen italienischer Regisseure deutlich, denn die italienische Produktionsgesellschaft EIA engagierte sich ebenso bei Damiano Damianis Filmen "Il giorno della civetta"(Der Tag der Eule, 1968) und "Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971), sowie bei Elio Petris "La classe operaia va in paradiso" (Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies, 1971). Wie beim ebenfalls italienisch-deutsch-französisch produzierten Polit-Thriller "La Smagliatura" (Der dritte Grad) von 1976, übernahmen drei Darsteller aus den jeweiligen Produktionsländern eine der Hauptrollen - Yves Montand als das entführte Opfer, der amerikanische Entwicklungshelfer Philip Michael Santore, Renato Salvatori als uruguayischer Polizeichef Lopez und O.E.Hasse als Journalist Carlos Dukas. Das Costa-Gavras nicht - wie heute üblich - auf authentische Landsleute zurück griff, sondern nur in französischer Sprache drehte, war dem Team geschuldet, dass die Herstellung der Filme erst ermöglichte.

Das änderte sich erst mit "Missing", der in den USA produziert wurde und ausschließlich mit authentischen Muttersprachlern besetzt wurde. In diesem Film schildert Costa-Gavras die Folgen einer Diktatur aus der Sicht eines Opfers, dazu noch eines Amerikaners, der eher zufällig in die Mühlen des (chilenischen) Polizeiapparats gerät. Das hat ihm den ungerechtfertigten Vorwurf der Verharmlosung eingebracht. Dabei versuchte der Regisseur mit "Missing", eine weitere Zielgruppe zu erreichen, indem er erstmals nicht nur direkt Beteiligte - egal ob auf politischer Seite oder im Widerstand - in den Mittelpunkt stellte, sondern ein privates, mehr emotional erfahrbares Schicksal schilderte.

"Der unsichtbare Aufstand" nimmt in dieser Politfilm-Reihe eine Sonderstellung ein, obwohl er sich in seiner Inszenierung vordergründig an "Z" orientierte und ein ähnliches Kaleidoskop entfaltete, bestehend aus dem Blick auf die unterschiedlichen Interessenvertreter und deren Vorgehensweisen - Politiker, Medienvertreter, Wirtschaftsbosse, Diplomaten, Militär und Polizei. Inmitten dieser ständig wechselnden, von wortgewaltigen Reden begleiteten Standorte, befindet sich ein Ruhepol - eine Zentrale der uruguayischen Stadtguerilla "Tupamaros", an der ein Verhör stattfindet, dass prinzipiell an "L'aveu" (Das Geständnis) erinnert, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Hier verhört nicht die Staatsmacht, sondern die Untergrundbewegung ihr entführtes Opfer, das sich zunehmend als der eigentliche Täter heraus stellt. Die späteren Folgen für den Amerikaner Santore (Yves Montand) verheimlicht Costa-Gavras nicht, denn der Film beginnt damit, dass seine Leiche gefunden wird, bevor er die Ereignisse, vom Beginn der Entführung an, langsam aufwickelt.


Für die Öffentlichkeit ist es überraschend, warum mit Santore ein harmloser Entwicklungshelfer entführt wurde, was auch den Journalisten Dukas (O.E.Hasse) auf den Plan ruft, der parallel zu dem Verhör der Widerstandsgruppe eigenen Ermittlungen nachgeht. Kombiniert mit weiteren Einblendungen, teilweise rigorosen Szenen, wenn etwa in einem Vorlesungssaal am lebenden Beispiel Foltermethoden geschult werden, entwickelt Costa-Gavras in einem spannenden Prozess ein schlüssiges, aus unterschiedlichen Blickwinkeln entstehendes Dokument über die tatsächliche Aufgabe des angeblichen Entwicklungshelfers Santore, dass die unverhohlene Unterstützung totalitärer Systeme zur Erhaltung eigener wirtschaftlicher Interessen durch die USA offen legt.

Das Costa-Gavras’ Sympathien den „Tupamaros“ gehören, lässt sich nicht übersehen. Es ist nicht nur das Verhör, das sich durch Fairness und überzeugende Argumentationen auszeichnet, die Santore letztlich dazu zwingen, seine tatsächliche Funktion einzugestehen, sondern auch deren sonstiges gewaltfreies Auftreten, von dem sie nur im Notfall Abstand nehmen. Selbst die Hinrichtung Santores (die anderen entführten Opfer werden frei gelassen) schildert Costa-Gavras als basisdemokratischen Akt, indem er die Mitglieder darüber abstimmen lässt. Bezeichnenderweise zeigt er den Mord nicht im Bild, im Gegensatz zu einer Vielzahl von Hinrichtungen durch die Polizei unter der Leitung des Captain Lopez (Renato Salvatori). Dahinter verbirgt sich zwar eine gewisse Legitimation der Ermordung als Gegenreaktion, aber Costa-Gavras benutzt diese nicht zur Heroisierung der Widerstandsbewegung, sondern zeigt sie mehr als verzweifelten, letztlich unsinnigen Akt, der nur verhindern soll, äußerliche Schwäche zu zeigen, während der Nachfolger Santores schon die Bühne betritt.

Im Grunde – und das macht die Besonderheit des Films aus – blieb Costa-Gavras damit nur bei der Realität – einer Realität, die ihn schließlich selbst einholte. Tatsächlich verstanden sich die „Tupamaros“ lange Zeit als friedliche Gegenbewegung, bevor sie anfangs der 70er Jahre zu radikalen Maßnahmen übergingen und entführte Opfer zu Geständnissen zwangen, die sie dann der Öffentlichkeit mitteilten – ohne Folgen für die Regierenden. 1971 verloren die Linken die Wahlen und als „Der unsichtbare Aufstand“ 1972 gedreht wurde, befanden sich die meisten Führungskräfte der „Tupamaros“ schon im Gefängnis. Die atmosphärische Dichte und realistische Anmutung eines südamerikanischen Staates an der Schwelle zur Diktatur erreichte Costa-Gavras nicht nur durch diese fatalistische Erkenntnis, sondern besonders durch den Drehort Chile, damals noch unter der kommunistischen Allende-Regierung.

Im Film wird viel über Brasilien und die Dominikanische Republik gesprochen, die sich schon vor Uruguay als gute Schüler us-amerikanischer Lehrmethoden erwiesen hatten, aber nur ein Jahr nach dem „Der unsichtbare Aufstand“ abgedreht worden war, folgte auch Chile unter Augusto Pinochet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich „Der unsichtbare Aufstand“ – egal, welche Haltung man im Einzelnen zu gewissen Details einnimmt – in seiner generellen Intention legitimiert.

"État de siège" Frankreich, Italien, Deutschland 1973, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: Costa-Gavras, Franco Solinas, Darsteller : Yves Montand, Renato Salvatori, O.E.Hasse, Jacques Weber, Evangeline Peterson, Jacques Perrin, Laufzeit : 115 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras: 

"Z" (1969)
"L'aveu" (1970)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.