Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 18. Oktober 2015

Le avventure di Giacomo Casanova (Casanova - seine Liebe und Abenteuer) 1955 Steno

Casanova (Gabriele Ferzetti) und Dolores (Irene Galter)
Inhalt: Spanien 1760 – der Polizeichef von Madrid formuliert schriftlich den Befehl, dass Jeder im Namen der Inquisition an der Ergreifung Giacomo Casanovas (Gabriele Ferzetti) mitwirken soll, während der Abenteurer und Frauenheld gerade im Nebenzimmer dessen Frau liebkost. Langsam wird aber auch ihm der Boden in Spanien zu heiß, weshalb er mit seinem Diener Le Duc (Carlo Campanini) in Richtung Frankreich aufbricht. Bis die Kutsche in einem kleinen Ort kurz anhält und Casanova die Beine der jungen Dolores (Irene Galter) erblickt. Zum Entsetzen seines Dieners entscheidet er spontan, doch den Abend hier zu verbringen.

Le Duc (Carlo Campanini) hofft noch auf die Vernunft seines Herrn
Ein Fehler, wie sich bald herausstellt, denn Dolores ist nicht nur sehr selbstbewusst, sondern wird eifersüchtig von José (Aroldo Tieri) bewacht, dem Anführer der Ortspolizei. Ihm und seinen Männern gelingt es, Casanova festzunehmen und in einer Zelle einzuschließen. Dabei entdecken sie sein Buch, indem er seine Abenteuer und Liebschaften seit seiner Jugend  festhält, und beginnen laut daraus vorzulesen…



"Le avventure di Giacomo Casanova" sollte Teil meiner Aufarbeitung der Frühphase der "Commedia all'italiana" werden - mit dem zusätzlichen Blick auf Lucio Fulcis Filmkarriere vor seiner ersten Regie-Arbeit, die eng mit Steno und der italienischen Komödie verbunden ist. Hier übernahm er zudem eine Rolle als Mitglied der Wachmannschaft, die sich die Memoiren des Lebenskünstlers zu Gemüte führt.

Zu meiner Überraschung erwies sich der Film auch als Baustein zu meiner Reihe über die Entstehung der "Commedia sexy all'italiana" - mit so einem frühen Beispiel eines erotischen Films hatte ich nicht gerechnet. Tatsächlich galt der Film auf Grund starker Zensurschnitte lange als verschollen, konnte aber mit Hilfe einer französischen Kopie wieder rekonstruiert werden, auch wenn einige Szenen, darunter die im Harem, nur noch in schwarz/weiß vorliegen. Zu verdanken ist das Ergebnis den Machern der sehr empfehlenswerten italienischen DVD, zu der es auch englische Untertitel gibt.



Der junge Casanova gibt noch Anlass zu den schönsten Hoffnungen
Äußerlich deutete einiges darauf hin, dass Stenos Film "Le avventure di Giacomo Casanova" (Casanova - Seine Liebe und Abenteuer) aus dem üblichen Komödien-Rahmen fiel. Zwar stand wie seit Jahren gewohnt Lucio Fulci als Regie-Assistent an seiner Seite und war auch am Drehbuch beteiligt, aber darüber hinaus betrat der Regisseur Neuland. Statt der Komiker Alberto Sordi ("Un Americano a Roma" (Ein Amerikaner in Rom, 1954)), Peppino de Filippo ("Un giorno in pretoria" (Drei Sünderinnen, 1954)) oder Totò ("L'uomo, la bestia e la virtù" 1953), die seine zuvor gedrehten Filme prägten, verpflichtete er den schönen Gabriele Ferzetti als Hauptdarsteller, geschuldet der historischen Figur des Giacomo Casanova - eine Abkehr von den zeitgenössischen Stoffen, mit denen Steno sonst satirisch demaskierend seine Landsleute im italienischen Alltag beobachtete.

Doch sein erster Arbeitsplatz an der Villa D'Este führt zu der Begegnung mit:
Die für ihn ungewöhnliche internationale Ausrichtung des mit französischen Produktionsgeldern entstandenen Farbfilms lässt sich auch an der breit aufgestellten Darsteller-Riege erkennen, die mit einer Vielzahl an weiblichen Schönheiten aus Frankreich, der Schweiz, Österreich, Rumänien und Italien aufwarten konnte. Zur adäquaten Umsetzung zog der Regisseur Mario Bava als Kameramann hinzu, mit dem er zuletzt bei „Guardi e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951) zusammengearbeitet hatte. Dieser tauchte die historischen Landschaften und Bauten in schönste Farben und betonte noch die Attraktivität der Damen in ihren prächtigen Kostümen. Deren sehr freizügige Inszenierung verbunden mit der offen sexuellen Thematik stieß auf unterschiedliche Reaktionen in den Produktionsländern. Während „Le avventure di Giacomo Casanova" in Frankreich ab 16 Jahren freigegeben wurde, galt er für die katholische Kirche in Italien als Pornografie.

Barbara (Mara Lane)
Das hatte zur Folge, dass der im März 1955 in die Kinos gekommene Film schnell wieder aus den Sälen verschwand und erst Ende des Jahres in einer stark geschnittenen Version zurückkehren durfte. Der Auseinandersetzung mit den italienischen Zensurbehörden war nicht nur der Torso zu verdanken, sondern auch die Umbenennung des Titels – ursprünglich hieß Stenos Film „Le avventure e gli amori di Giacomo Casanova“. Die „Liebschaften“ mussten entfallen - angesichts der Handlung geradezu absurd. Denn obwohl diese im Jahr 1760 einsetzt und rückblickend Casanovas Leben betrachtet, legte Steno keinen Wert auf historische Authentizität, sondern reduzierte die Figur des Intellektuellen und Schriftstellers allein auf dessen Ruf als Verführer, der jedes Risiko für ein Liebesabenteuer mit einer schönen Frau eingeht.

Angelica (Florence Arnaud)
Ihm zur Seite steht mit Le Duc (Carlo Campanini) eine Art „Sancho Pansa“, dessen bedingungslose Treue nicht näher begründet wird. Vorteile seiner Diener-Position lassen sich nicht erkennen. Stattdessen muss er jedes Schlamassel, in das sein Herr bei seinen amourösen Abenteuern hineingerät, mit ausbaden. Allein an dieser Konstellation wird deutlich, dass es Steno und seinen Co-Autoren, darunter auch sein alter Vertrauter Sandro Continenza, nicht um ein realitätsnahes Historienbild ging, sondern um ein provokantes Spiel mit der Moral, das unmittelbar in die damalige Gegenwart führte. Die ablehnende Reaktion konservativer Kreise und der katholischen Kirche war auch ohne Nacktbilder vorhersehbar.

und Lucrezia (Lia di Leo)
Obwohl von sich und seiner Wirkung auf Frauen überzeugt, ist Ferzetti als Casanova im Film der eindeutige Sympathieträger, denn im Gegensatz zur restlichen Männerwelt nimmt er sich selbst nicht zu ernst, die Frauen dafür umso mehr. Sein galantes Auftreten, sein Wortwitz und sein gutes Aussehen sind sicherlich von Vorteil, aber entscheidend für seinen Erfolg ist, dass er die Frauen als gleichwertig respektiert. Die gemeinsamen Liebesnächte beruhen auf einem gegenseitigen Einverständnis - nie ist Casanova nur Verführer, sondern immer auch Verführter. Ob Hausmädchen, höhere Tochter oder adelige Ehefrau, alle Frauen treten selbstbewusst und sexuell aktiv auf, Einige begeben sich in Wettstreit mit dem Frauenhelden, Andere wissen ihn geschickt zu händeln.

Ob im Harem...
Sehr schön wird das im Rückblick auf seine Anfänge als Hauslehrer auf dem herrschaftlichen Landsitz des Barons Costanzi deutlich, wo er versucht, dem Hausmädchen Bettina (Fulvia Franco) näher zu kommen. Bei den Cousinen der Baronesse Lucrezia (Lia di Leo), der standesbewussten Barbara (Mara Lane) und der einzig an ihren Büchern interessierten Angelica (Florence Arnaud), rechnet er sich dagegen keine Chancen aus. Ohne zu wissen, dass Bettina kurzfristig nach Rom geschickt wurde, um den maladen Baron dort zu betreuen, begibt er sich wie verabredet des Nachts auf ihr Zimmer. Er erlebt die erhofften Wonnen, ahnt aber nicht, dass Barbara ihre Verabredung mitgehört hatte und statt des Hausmädchens auf ihn gewartet hatte. Dass es eine Andere war, wird ihm am nächsten Morgen klar, als er Bettina aus der von Rom kommenden Kutsche aussteigen sieht. Er beginnt, nach der wahren Geliebten zu forschen. Zuerst bei Lucrezia, dann bei Angelica, schließlich erkennt er Barbara wieder, aber auch Bettina fordert die geplatzte Verabredung ein. Mit der Folge, dass sich der überforderte und übernächtigte Liebhaber heimlich davon stiehlt.

...oder als Kommissar für moralische Angelegenheiten...
Das Potpourri an sexuellen Abenteuern, das Steno hier entfaltete, war eine Überzeichnung der sich nach dem Krieg verändernden Geschlechterrollen. Auf der einen Seite standen emanzipierte Frauen, auf der anderen ihre an ihrer patriarchalischen Überlegenheit festhaltenden Männer – dazwischen nutzte Casanova den sich bietenden Freiraum. Zum eigenen Vergnügen, meist auch dem der Frauen, aber immer zum Ärger der Männer, die ihn jagen, einkerkern und hinrichten lassen wollen. Zwar zitierte der Film in diesem Zusammenhang Casanovas historisch verbürgte Flucht aus dem Bleigefängnis von Venedig, aber langsam kristallisierte sich auch die Parallele zu Stenos zeitgenössischen Filmen wie „Totò a colori“ (Totò in Farbe, 1952) oder „Un Americano a Roma“ heraus. Erneut stand eine Außenseiter-Figur im Mittelpunkt des Geschehens, deren Unangepasstheit die bürgerlichen und in diesem Fall auch adeligen Gesellschaftsschichten zur Weißglut brachte. Dass es sich hier um einen überlegenen Charakter handelte, machte keinen Unterschied – die Konsequenz war dieselbe.

...die Frauen beherrschen jeden seiner Schritte: Marina Vlady
Auch äußerlich blieb Steno seiner bevorzugten episodenhaften Inszenierungsform treu. Ausgehend von einer Rahmenhandlung, die Casanova 1760 in ein spanisches Gefängnis bringt, erzählte er rückblickend in aneinander gereihten Episoden von dessen vergnüglichen Abenteuern. Einzig die tragische Tiefe fehlte dieser Figur, denn dafür agierte Ferzetti in seiner Rolle im Gegensatz zu den von Totò und Alberto Sordi gespielten Verlierer-Typen zu souverän, gab es keinen Zweifel daran, dass er auch der misslichsten Lage entkommen würde. Offensichtlich bedurfte es keines kritischen Subtexts wie in der „Commedia all’italiana“ üblich, denn allein der ungezwungene Umgang mit der Sexualität, kombiniert mit Nacktaufnahmen, die erst Ende der 60er Jahre wieder in dieser Direktheit und Häufigkeit im italienischen Film zu sehen waren, genügte schon als Provokation.

Nadia Gray
Abschließend bleibt die Frage, wieso "Le avventure di Giacomo Casanova" trotz seiner Ausnahmestellung in Vergessenheit geriet? – Im Gegensatz zu Alberto Lattuadas „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954), der heute zu den 100 wichtigsten italienischen Filmen gezählt wird, fehlte Stenos frivolem Lustspiel die unterschwellige Kritik an der damals vorherrschenden Doppelmoral. Und als Tabubruch, der schon eine Vielzahl typischer Merkmale der späteren „Commedia sexy all’italiana“ vorweg nahm, kam der Film Mitte der 50er Jahre schlicht zu früh, zusätzlich noch dank der Zensur stark gekürzt. Ob es an diesen negativen Erfahrungen lag, bleibt Spekulation, aber es dauerte ein Jahrzehnt bis sich Steno in „Letti sbagliati“ (Die richtige Frau im falschen Bett, 1965) wieder dem erotischen Komödien-Genre zuwandte. Gemessen an den moralischen Standards im Land verständlich, angesichts des äußerst unterhaltsamen Films und seiner optischen Opulenz sehr schade.

"Le avventure di Giacomo Casanova" Italien, Frankreich 1955, Regie: Steno, Drehbuch: Steno, Lucio Fulci, Erno Bistolfi, Gian Bistolfi, Sandro Continenza, Mario Guerra, Carlo Romano, Darsteller : Gabriele Ferzetti, Carlo Campanini, Irene Galter, Marina Vlady, Nadia Gray, Mara Lane, Corinne Calvet, Lia Di Leo, Anna Amendola, Ursula Andress, Laufzeit : 100 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Samstag, 9. August 2014

La calda vita (Das heiße Leben) 1964 Florestano Vancini

Inhalt: Die 18jährige Sergia (Catherine Spaak) lässt sich in den frühen Morgenstunden trotz einer durchfeierten Nacht von den jungen Männern Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) zu einem kurzen Sommer-Trip überreden. Sie haben ein kleines Motorboot und Wasser-Skier organisiert und ziehen sie bis zu einer kleinen Insel, wo ihnen angeblich das Strandhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Sergia ist begeistert von der schönen Insel und sie tollen fröhlich herum, aber die beiden Jungs verfolgen noch ein anderes Ziel.

In der Nacht kommt Fredi an Sergias Bett, wird aber freundlich von ihr zurückgewiesen. Fredi, offensichtlich verliebt in die junge Frau, bedrängt sie nicht weiter und gibt sich damit zufrieden, neben ihr zu schlafen, verstößt damit aber gegen den gemeinsam mit Max vereinbarten Plan. Fredi sollte ihn, nachdem er mit Sergia geschlafen hatte, ebenfalls zu ihr lassen. Beide glaubten, da Sergia wie ihre ältere Schwester Liuli einen schlechten Ruf im Ort besitzt, sie wäre leichte Beute, doch sie schätzen ihre offene, erotische Ausstrahlung falsch ein…


"La calda vita" (Das heiße Leben) erschien 1958 als dritter Roman einer Trilogie über die heranwachsende Jugend, mit der der Journalist und Schriftsteller Pier Antonio Quarantotti Gambini psychologisch ausgefeilt auf die Phase sozialer Veränderungen nach dem Krieg in Italien reagierte, die durch eine zunehmende Unsicherheit der Geschlechter im Umgang miteinander geprägt wurde. Die traditionellen Verhaltensmuster begannen langsam zu bröckeln und die Sexualität trat offensiver in den gesellschaftlichen Fokus, gleichzeitig blieben patriarchalisch geprägte Vorurteile und die von der katholischen Kirche vorgegebenen Regeln in den Köpfen hängen. Deshalb nutzten kritische Künstler den konkret sexuellen Hintergrund ihrer Werke immer auch als Provokation in ihrer Kritik an einem im Konservativismus verharrenden Bürgertum.

In "La voglia matta" (Lockende Unschuld, 1962)) hatte Luciano Salce die Generation der 40jährigen mit einer Jugend konfrontiert, die nicht mehr nach ihren Regeln spielen wollte, aber besonders Alberto Lattuada beeinflusste das erotische Genre schon früh und wurde zum Entdecker sehr junger Darstellerinnen: Jacqueline Sassard („Guendalina“, 1957), später Nastassja Kinski („Cosi come sei“ (Bleib wie du bist, 1978)) und nicht zuletzt Catherine Spaak, die er als 15jährige in „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) so offensiv lustvoll inszenierte, dass er damit einen Skandal hervorrief. Und die junge Mimin auf Jahre hinaus auf diesen Typus festlegte. Es folgten „La voglia matta“, „Il sorpasso“ (Verliebt in scharfe Kurven, Dino Risi, 1962), „La parmigiana“ (Antonio Pietrangeli, 1963) und „La noia“ (Die Nackte, Damiano Damiani, 1963) bis sie in „La calda vita“ unter der Regie Florestano Vancinis eine Art Resümee ihrer bisherigen Rollen, vielleicht auch der Thematik insgesamt zog.

Der differenzierte literarische Hintergrund, dessen filmische Umsetzung von Elio Bartolini an sein Drehbuch für Antonionis „L’avventura“ (Die mit der Liebe spielen, 1960) erinnert, die Anspielung des Titels auf Federico Fellinis „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960), die offensichtlichen Handlungsparallelen zu „I dolci inganni“ – erneut bewies die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle Unabhängigkeit gegenüber der Erwartungshaltung der älteren Generation – und die dezenten, für die Entstehungszeit aber gewagten Nacktaufnahmen Catherine Spaaks ließen in „La calda vita“ eine Mischung aus Schönheit, Fröhlichkeit, Tragik und Realismus entstehen, die die Phase des Erwachsenenwerdens in all ihrer Komplexität zu erfassen vermochte. Die Handlung konzentrierte sich auf eine kleine, felsige Insel, nur von vier Darstellern getragen – Gabriele Ferzetti („L’avventura“) als Vertreter der älteren Generation, der junge Jacques Perrin („La ragazza con la valigia“ (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck, Valerio Zurlini, 1961)) und Fabrizio Capucci gehörten zu dem kleinen Ensemble – aber die kurze erzählerische Klammer sorgte für die notwendige Verortung in den frühen 60er Jahren.

Sergia (Catherine Spaak) spielt zu Beginn des Films noch eine Nebenrolle an der Seite ihrer älteren Schwester Liuli, die bei einer Abendgesellschaft die Männer gegenseitig ausspielt und von einem eifersüchtigen Verehrer geohrfeigt wird. Die 18jährige Sergia verlässt die Gruppe offensichtlich gut verdienender Erwachsener – ein wiederholtes Motiv im italienischen Film dieser Zeit, das den wirtschaftlichen Aufschwung der 50er Jahre, aber auch den allgemeinen Erfolgsdruck symbolisieren sollte – in den frühen Morgenstunden, um schlafen zu gehen, weshalb sie zuerst ablehnend auf das Angebot von Max (Fabrizio Capucci) und Fredi (Jacques Perrin) reagiert, mit ihnen auf eine nahe gelegene Insel zu fahren, wo ihnen das Ferienhaus eines Onkels zur Verfügung steht. Erst die aufkommende Unruhe um ihre spät zurückkehrende Schwester lässt sie spontan zusagen.

Die Bedeutung dieser Anfangssequenz erschließt sich nur langsam, denn die folgenden Minuten werden von fröhlicher Unbeschwertheit bestimmt. Wasser-Skilaufen, Sonnenbaden und die wunderschöne Landschaft der kleinen felsigen Insel begleiten die ideale Sommer-Stimmung eines scheinbar planlosen In-den-Tag-Hineinlebens. Tatsächlich verfolgen die jungen Männer ein klares Ziel – sie wollen Beide mit Sergia schlafen. Das einsam gelegene Sommerhaus hatten sie aufgebrochen, selbst für die Wasser-Ski hatte Max Geld gestohlen, um entsprechend Eindruck zu schinden, aber ihr Plan scheitert. Als Fredi nachts als Erster versucht, Sergia zu überzeugen, wird er sanft, aber bestimmt zurückgewiesen. Er verbringt die Nacht schlafend neben ihr, aber für Max wirkt es so, als hätte er ihm das Terrain nach seinem Erfolg nicht überlassen.

Ihre fehlgeleitete Erwartungshaltung erklärt sich aus der Vorgeschichte. Heimlich hatten sich die jungen Männer zuvor zugeraunt, Sergia und ihre ältere Schwester wären streifenfrei gebräunt, so wie beide Frauen in dem kleinen Ort den Ruf von Schlampen, also leichter Beute besaßen – mit der Diskrepanz zwischen dem selbstbewussten, erotischen Auftreten der jungen Sergia und ihrer gleichzeitigen Selbstbestimmtheit kommt besonders Max nicht zurecht, der zunehmend aggressiver reagiert. Der Konflikt spitzt sich weiter zu, als mit Guido (Gabriele Ferzetti) ein Vertreter der älteren Generation auf das jugendliche Trio stößt. Guido, der Besitzer des Strandhauses, reagiert nicht nur souverän, sondern weiß auch mit der kessen Sergia umzugehen.

Der Titel „La calda vita“ spielt auf die Hitze sexueller Erotik an, die Catherine Spaak geradezu idealtypisch verkörpert, zerstört aber gleichzeitig die Illusion männlicher Fantasien von freier Verfügbarkeit. Wie schon in „I dolci inganni“ und „La voglia matta“ steht in „La calda vita“ ein neuer, moderner Frauen-Typus im Mittelpunkt. Sergia ist hübsch, sympathisch und keineswegs revolutionär, aber sie will ihren eigenen Weg gehen und unterwirft sich nicht mehr den bisherigen moralischen Regeln. Sie lässt Männer zurück, die unterschiedlich, teilweise tragisch auf ihre freundlich geäußerte Abweisung reagieren - der heiße Sommer ist endgültig vorbei.

"La calda vita" Italien, Frankreich 1964, Regie: Florestano Vancini, Drehbuch: Florestano Vancini, Elio Bartolini, Pier Antonio Quarantotti Gambini (Roman)Darsteller : Catherine Spaak, Gabriele Ferzetti, Jacques Perrin, Fabrizio Capucci, Laufzeit : 100 Minuten

Dienstag, 4. Februar 2014

Il sole negli occhi (Die Sonne in den Augen) 1953 Antonio Pietrangeli

Inhalt: Celestina (Irene Galter) eilt die winkligen Treppen ihres Bergdorfs hinab, um den Bus nach Rom noch zu bekommen. Ihre Eltern waren gestorben und ihre Brüder sind gezwungen, sich andernorts nach Arbeit umzusehen, weshalb sie von befreundeten Nonnen in einem wohlhabenden Haushalt in Rom als Hausmädchen untergebracht wurde. Celestina weint beim Abschied, da sie nicht aus ihrer Heimat weg will. Ihre Ängste scheinen sich in Rom zu bestätigen. Die Herrin des Hauses lässt kein gutes Haar an ihr, behandelt sie wie eine Sklavin und bezahlt sie schlecht.

Auch die Nachbarschaft belustigt sich über das einfache Landmädchen, aber andere junge Frauen, die ebenfalls als Hausmädchen arbeiten, kümmern sich um sie. Als Celestina endlich einmal frei bekommt, nehmen sie sie mit zu einer Tanzveranstaltung und verschönern sie zuvor noch ein wenig. Fernando (Gabriele Ferzetti) gefällt die hübsche junge Frau, aber Celestina lässt den als Frauenschwarm bekannten Klempner abblitzen. Noch mehrfach versucht er es bei ihr, aber da er sich nicht an die ihr beigebrachten Verhaltensweisen hält, lehnt sie ihn gegen ihre Gefühle ab bis er aufgibt. Wenig später wird sie von ihrer Hausherrin fristlos entlassen, weil sie versuchte, das ständig schreiende Baby mit Gas zu beruhigen, aber der Pfarrer kann sie schnell bei einem netten alten Ehepaar unterbringen, das sie wie eine Tochter behandelt. Leider verfügen sie nur über geringe finanzielle Mittel, weshalb sie versuchen, Celestina durch die Heirat mit einem gottesfürchtigen, fleißigen Sizilianer abzusichern…


Antonio Pietrangelis erster Film "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) beginnt im frühen neorealistischen Stil, als ob der Regisseur seine eigenen Wurzeln in Erinnerung rufen wollte. Er war als Assistent und Co-Autor an Luchino Viscontis "Ossessione" (Besessenheit, 1942) und "La terra trema" (Die Erde bebt, 1948) beteiligt und hatte während der Hochphase des Neorealismus unter anderen Drehbücher für Alberto Lattuada ("La nostra guerra", 1945), Pietro Germi ("Gioventù perduta" (Strandgut der Sünde, 1948)), Gianni Franciolini ("Ultimo incontro" (Erotik, 1951)) und Roberto Rossellini ("Europa 1951" (1952)) geschrieben, bevor er hier erstmals als Regisseur und Autor in Personalunion aktiv wurde. Beim Drehbuch unterstützt wurde er von Suso Cecchi D'Amico, deren Stil ebenfalls entscheidend vom Neorealismus geprägt wurde ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)), und Ugo Pirro, der nach "Achtung! Banditi!" (1951) für Carlo Lizzani noch am Anfang seiner langen und erfolgreichen Karriere stand.

Die Kamera verfolgt die junge Celestina (Irene Galter) bei ihrem schnellen Abstieg durch die schmalen Gassen ihres in Umbrien gelegenen Bergdorfs. Sie beeilt sich, um den Bus nach Rom zu bekommen, wo sie eine Stelle als Hausmädchen antreten soll. Nachdem sie sich von ihren zwei Brüdern verabschiedet hatte, war ihr beim Einstieg in den Bus ihre Madonnenfigur zerbrochen - ein Unglück, das ihre inneren Gefühle exakt wiedergibt, denn um nichts in der Welt will sie ihre Heimat verlassen. Ganz dem Realismus verpflichtet zeigt der Film eine karge, ärmliche Umgebung, in der es zu wenig Arbeit für die hier lebenden Menschen gibt. Materielle Not und die daraus entstehenden Zwänge wurden in den meisten neorealistischen Filmen zum Auslöser der geschilderten Dramen, aber Pietrangeli verharrte nur einen Moment lang in dieser Situation, bevor er sie bei Celestinas Ankunft in Rom bricht. Die junge, einfach gekleidete Frau wird von den glänzenden Fassaden moderner Häuser empfangen, um sofort das weinende Baby ihrer zukünftigen Herrin in die Arme gedrückt zu bekommen, deren Sorge vor allem der Einrichtung ihrer großen neuen Wohnung gilt.

"Il sole negli occhi" vermittelt geradezu exemplarisch die Schnittstelle zwischen Nachkriegszeit und dem Wirtschaftswachstum der 50er Jahre, das die Sozialisation, besonders hinsichtlich der Rolle der Frau, entscheidend verändern sollte - Antonio Pietrangelis bevorzugtes Thema. In dieser Hinsicht lässt sich auch eine Brücke bis zu Pietrangelis letztem vollständig vor seinem frühen Tod fertig gestellten und bekanntesten Film "Io la conscevo bene" (Ich habe sie gut gekannt, 1965) schlagen, der eine ähnliche Geschichte erzählt. Doch während die junge Frau Mitte der 60er Jahre, angezogen von den Verheißungen eines Luxus-Lebens als Schauspielerin, freiwillig ihre ländliche Heimat verlässt und nach Rom geht, wird Celestina noch durch die äußeren Umstände dazu gezwungen.

Zwar schildert der Film auch die Abhängigkeit Celestinas, die als billige Arbeitskraft ausgebeutet wird und den ungerechtfertigten Tiraden ihrer Hausherrin ausgesetzt ist, aber Pietrangeli dramatisierte diese Situation nicht mehr wie es in den frühen neorealistischen Filmen üblich war, denn der Wohlstand nahm Anfang der 50er Jahre schon deutlich zu und Arbeit für Hausmädchen gab es genug. Als Celestina nach dem verzweifelten Versuch, dass ständig weinende Baby mit Gas zu beruhigen, fristlos entlassen wird, bekommt sie schnell eine neue Stelle. Auch in Vittorio De Sicas "Umberto D." (1952) lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen, aber der alte Mann gehörte zu den Verlierern des wirtschaftlichen Aufschwungs, während die junge Frau davon profitierte. In einer späteren Szene des Films nimmt sie gezielt eine neue Anstellung an, nur um in die Nähe von Fernando (Gabriele Ferzetti) zu gelangen, in den sie sich verliebt hat - den selbstbewussten Umgang mit ihren häufig wechselnden Hausherren hat sie inzwischen gelernt.

"Il sole negli occhi" ist in seiner Porträtierung einer jungen Frau zwischen Tradition und Moderne schon ein reiner Pietrangeli - Spaß, Freizeit und Liebe gibt es nicht ohne Einsamkeit, Abhängigkeit und Enttäuschung. Ihn interessierten daran weniger die äußeren Umstände, als die inneren sozialen Verflechtungen. Celestina verliert nach ihren verstorbenen Eltern auch ihre Brüder, die nach Australien auswandern, und damit den familiären Zusammenhalt, der die Grundlage des traditionellen Italien bildete. Celestina, noch im konservativen Geist ihrer Heimat erzogen, wird in Rom mit einer liberaleren Gesellschaft konfrontiert, speziell in der Auseinandersetzung mit Männern, aber auch im langsamen entstehen einer Art Ersatzfamilie - gemeinsam mit anderen jungen Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden.

Auch Pietrangelis kritische Bewertung männlicher Verhaltensmuster nahm in "Il sole negli occhi" schon ihren Anfang. Mit der Figur des Fernando stellte er einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der die neu entstehenden Freiheiten gerne für sich nutzt, nicht aber die Verantwortung zu übernehmen in der Lage ist. Celestina lernt den Frauenschwarm bei einer Tanzveranstaltung kennen und wehrt sich gegen dessen Avancen, die den ihr anerzogenen Verhaltensregeln zwischen Mann und Frau vehement widersprechen - obwohl er ihr gefällt. Wie zuvor an ihrem Arbeitsplatz, wird sie auch in ihrer Rolle als Frau dazu gezwungen, sich einer verändernden Gesellschaft anzupassen. Nachdem sie aus einer verabredeten Hochzeit mit einem Sizilianer ausgebrochen war - der letzte Versuch eines alten Professoren-Ehepaars, sie traditionell zu versorgen - muss sie lernen, sich selbstständig um ihre Zukunft zu kümmern. Und versucht, Fernando wieder zu treffen.

Von "Il sole negli occhi" bleiben nicht die enttäuschenden Erfahrungen in Erinnerung, die Celestina zwangsläufig erleben muss, sondern ihre Entwicklung zu einem eigenen Selbstbewusstsein. Pietrangelis Sympathien galten eindeutig ihr und den anderen jungen Frauen, denen der letzte Blick des Films gilt. In dieser Intention lässt sich der größte Unterschied zum Schicksal der jungen Frau in "Io la conoscevo bene" erkennen, denn "Il sole negli occhi" betrachtete deren Zukunft noch optimistisch.

"Il sole negli occhi" Italien 1953, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Suso Cecchi D'Amico, Ugo Pirro, Darsteller : Irene Galter, Gabriele Ferzetti, Pina Bottin, Aristide Baghetti, Paolo Stoppa, Laufzeit : 96 Minuten

"Porträt Antonio Pietrangeli" 


- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :

Donnerstag, 3. Januar 2013

Fatevi vivi: la polizia non interverrà (In der Gewalt des Kindermörders) 1974 Giovanni Fago


Inhalt: Ein kleines Mädchen, einziges Kind eines reichen Industriellen, wird auf offener Straße von drei Männern und einer Frau entführt. Commissario Caprile (Henry Silva) fehlt jeder Hinweis auf die Täter, da die Zeugen, darunter die Prostituierte Marisa (Lia Tanzi), scheinbar nichts gesehen haben. Zudem ist der Vater des entführten Kindes bereit, jede Forderung der Kidnapper zu erfüllen, weshalb Caprile zusätzlich die Hände gebunden sind, um das Leben des Mädchens nicht zu gefährden.

Um die Täter aus der Reserve zu locken und weil er glaubt das der Mafiaboss Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti), den er schon seit Jahre zu überführen versucht, damit etwas zu tun hat, führt er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien durch. Tatsächlich setzt er damit etwas in Bewegung, dessen Folgen er noch nicht ahnt...


Nach drei Italo-Western - darunter als sein erster Film "Per 100.000 dollari ti ammazzo" (Django der Bastard, 1968)) - wandte sich Regisseur Giovanni Fago wie viele seiner Kollegen in dieser Phase dem aufstrebenden Poliziesco zu und nutzte dafür die Erfahrung seines Co-Autors Adriano Bolzoni, der zuvor schon bei "Squadra volante" (Die gnadenlose Jagd, 1974) am Drehbuch mitgewirkt hatte. Bolzoni, ebenfalls im Western-Genre sehr aktiv, entwarf mit "Marc il poliziotto spara per primo" (Das Ultimatum läuft ab) 1975 einen weiteren Polizeifilm, während "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (In der Gewalt des Kindermörders) Fagos einziger Ausflug in das Genre blieb.

Anders als es der reißerische deutsche Titel "In der Gewalt des Kindermörders" vermuten lässt, setzte Fagos Film weniger auf Action und überzeichnete Charaktere wie etwa Umberto Lenzi in "Milano odia: lapolizia non può sparare" (Der Berserker), sondern stand in seinem Bemühen, eine ruhige, nachvollziehbare Story zu entwickeln, noch in der Tradition der frühen Polizieschi wie Stenos "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972), allerdings ohne deren Komplexität zu erreichen. Der Vergleich zu Lenzis "Der Berserker" liegt trotzdem nah - nicht nur wegen desselben Erscheinungsjahres und der Besetzung Henry Silvas als leitender Commissario, sondern weil sich beide Filme auch der damals in Italien sehr aktuellen Thematik, der Kindesentführung, widmeten - ein Vergleich, der nur zu Fagos Ungunsten ausfallen konnte.

Denn im Gegensatz zu Lenzis energiegeladener, die damalige Situation bewusst zuspitzender Inszenierung, baute er seinen Film langsam auf und blieb auch in den wenigen Action-Szenen fast betulich. In dieser Hinsicht kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (sinngemäß "Bleib am Leben: die Polizei wird nicht einschreiten") mit den populären Werken des Genres nicht mithalten, aber das lässt übersehen, dass der Film nicht nur durch die Verknüpfung von Mafia und der Entführungsthematik einen originellen Blickwinkel einnahm, sondern diesen bis ins Detail schlüssig analysierte.

Wenn zu Beginn ein Mann von seinem Fahrer vor dessen Villa abgeholt wird, und kurz darauf ein Mädchen auf dem Weg vom elterlichen Grundstück zum Schulbus von einer vierköpfigen Bande entführt wird, glaubt man an eine Verbindung, doch der distinguierte Geschäftsmann Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti) hat nichts damit zu tun. Bei ihm handelt es sich um einen aus Sizilien stammenden Mafia-Boss, der schon lange in der bürgerlichen Mitte angekommen ist und einen tadellosen Ruf genießt. Ferzetti spielt ihn ohne dämonische Ausstrahlung jederzeit gelassen agierend, ganz im Bewusstsein der eigenen Unangreifbarkeit. Darin zeigt sich gleichzeitig die größte Schwäche und die wesentliche Stärke des Films, denn der Verzicht auf eine emotionale Zuspitzung verhindert die innere Ungewissheit ähnlich angelegter Filme und schwört keine paranoide, gefährliche Spannung herauf, bleibt aber jederzeit realistisch.

Auch Henry Silva als Commissario Caprile agiert nicht kopflos, sondern handelt im Rahmen seiner gesetzlichen Möglichkeiten, obwohl er Salvatore schon seit Jahren verfolgt. Sehr schön beschreibt Fago, dass jeder vergebliche Versuch, den Mafioso zu verhaften, zu einer Beförderung Capriles führte - ein stimmiges Beispiel für die inneren Verflechtungen in der Justiz, gegen die sich auch der unbestechliche Commissario nicht wehren kann. Auch die Wahl eines Kindes als Entführungsopfer und die verständlicherweise aufgeregten Eltern erzeugen kein Schüren von Emotionen, sondern sind normaler Bestandteil der Umstände einer Entführung. Die Vorgehensweise der Entführer, die unter der Leitung des "Professors" (Philippe Leroy) versuchen, eine halbe Milliarde Lire zu erpressen, unterliegt einzig pragmatischen Erwägungen. Dieser ist in seiner kompromisslosen Haltung nicht weniger konsequent als der von Tomas Milian gespielte Entführer in Lenzis Film, aber ohne dessen psychische Anfälligkeit und unaufgeregt inszeniert.

Da sich entsprechend Niemand als Identifikationsfigur anbietet, lassen sich deren innere Verbindungen ohne moralische Wertung ausarbeiten, wodurch die Nüchternheit des Films noch betont wird. Commissario Caprile, der über keine Spur zu den Entführern verfügt, versucht Frank Salvatore unter Druck zu setzen, indem er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien in Como durchführt. Er erreicht sein Ziel anders als geplant, denn Salvatore, der Einnahmeverluste im Drogenhandel hinnehmen muss, beginnt selbst die Entführer zu suchen, die seine Geschäfte stören, was wiederum den "Professor" zwingt, mögliche Zeugen auszuschalten.

Scheinbar behandelte "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" damit bekannte Themen, denen sich viele Polizeifilme widmeten, aber er setzte sie sehr eigenständig um. Anstatt die Grundsituation einer Kindesentführung emotional für rigorose Polizeimethoden auszunutzen, wie es im Poliziesco üblich war, ist es hier die Mafia, die sich der Verbrecher annimmt, die weder bei der Verfolgung, noch der Bestrafung der Täter Rücksicht auf rechtsstaatliche Belange nehmen muss. An ihrer tatsächlichen Intention besteht trotzdem kein Zweifel. Einzig der weitere reibungslose Ablauf des Drogenhandels ist von Interesse, auch wenn sich Salvatores Männer sehr abschätzig über Kindesentführer äußern.

Dem Film gelang damit das Kunststück eines Endes, das weder gut noch schlecht ist, weder Befriedigung, noch nihilistische Gefühle vermittelt - passend zu einer Inszenierung, die ohne emotionale Zuspitzung und ohne extreme Charaktere auskommt. Man kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" mangelnde Attraktivität und damit einen geringeren Unterhaltungswert vorwerfen, aber dahinter verbirgt sich keine Mittelmäßigkeit oder Unentschiedenheit, sondern ein klarer Blick auf die Realität. Nicht erstaunlich, dass der Film heute nahezu unbekannt ist, aber das ändert nichts daran, dass er einen von der Erwartungshaltung an das Genre unvoreingenommenen Blick verdient hat.

"Fatevi vivi: la polizia non interverrà" Italien 1974, Regie: Giovanni Fago, Drehbuch: Giovanni Fago, Adriano BolzoniDarsteller : Henry Silva, Gabriele Ferzetti, Phillipe Leroy, Jack Betts, Rada Rassimov, Lea Tanzi, Laufzeit : 96 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Giovanni Fago:

Freitag, 14. Dezember 2012

Appassionata 1974 Gianluigi Calderone


Inhalt: Während die Freundinnen Eugenia (Ornella Muti) und Nicola (Eleonora Georgi) gemeinsam Hausaufgaben machen, werden sie wieder Zeuge, wie Eugenias Mutter Elisa (Valentina Cortese) sich beim Klavierspielen ihren immer heftiger werdenden Emotionen hingibt, bis die Haushälterin sie stoppt. Besonders Eugenia ist von ihrer Mutter genervt, die sie wegen ihrer ständigen Gefühlsschwankungen für verrückt hält. Dagegen liebt sie ihren Vater Dr.Emilio Rutelli (Gabriele Ferzetti) abgöttisch, den sie entsprechend begeistert begrüßt als er nach Hause kommt.

Auch Nicola scheint von Dr.Rutelli sehr angetan zu sein, denn unter dem Vorwand einer Untersuchung besucht sie ihn in seiner Zahnarztpraxis, um ihn nach der Verabreichung einer Betäubungsspritze zu verführen. Er reagiert irritiert und glaubt, es läge an dem neuen Mittel, da sie nach ihrem Erwachen nichts mehr von ihrer Aktion zu wissen scheint, fühlt sich aber geschmeichelt. Gegenüber seiner Frau, die ihn mit ihren übermäßigen Liebesbekundungen dagegen überfordert, plagt ihn sein schlechtes Gewissen, da sie ihre Karriere als Pianistin für ihn aufgegeben hatte. Doch die kurze Erfahrung mit Nicola lässt ihm keine Ruhe…


"Appassionata" war der erste Film des damals 30jährigen Regisseurs Gianluigi Calderone, der zuvor als Assistent an dem Episodenfilm "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969) mitgearbeitet hatte, und der so nur in der ersten Hälfte der 70er Jahre entstehen konnte. Verglichen wurde "Appassionata" seinerzeit mit den Filmen Salvatore Samperis, der seine erotischen Geschichten ("Malizia" (1973), an dessen Drehbuch Co-Autor Alessandro Parenzo ebenfalls mitgearbeitet hatte) aus einem atmosphärisch stimmig entworfenen, historischen Kontext erzählte. Ähnlichkeiten lassen sich hinsichtlich des weichen, indirekten Lichts feststellen, auch die üppige, an Farben reiche Ausstattung der Villa erinnert an Samperi, aber Calderones Film spielte stattdessen in der italienischen Gegenwart in Rom.

Im Zuge des sexuellen Wandels, Ende der 60er Jahre, hatte die Darstellung von Sexualität im Film zugenommen, aber sein Schmuddel-Image noch nicht abgelegt. Deshalb wurde versucht, die Nacktheit der Darstellerinnen in einen seriösen Kontext zu bringen, obwohl kein Zweifel daran bestehen konnte, dass erst der damit verbundene Skandal den Reiz und damit die Werbewirksamkeit dieser Filme ausmachte. Allein die Besetzung der beiden weiblichen Hauptrollen mit der damals 19jährigen Ornella Muti und der wenig älteren Eleonora Georgi, die zwei befreundete 16jährige Schülerinnen spielen, war eine gezielte Maßnahme, denn an Schönheit waren sie nur schwer zu übertreffen. Aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, dass sich dieses Image bis in die Gegenwart gehalten hat, obwohl die wenigen Momente der Nacktheit sehr dezent integriert wurden und der Film eine darüber hinaus gehende eigenständige Szenerie entwickelte.

Zur Entstehungszeit des Films war es in Italien keineswegs üblich, dass die weibliche Jugend selbstbewusst ihre eigene Sexualität ausübte, schon gar nicht in den gehobenen Kreisen, zu denen die Diplomatentochter Nicola (Eleonora Georgi) und ihre Freundin Eugenia (Ornella Muti), Tochter des Zahnarztes Dr. Emilio Rutelli (Gabriele Ferzetti), gehören. Dessen harsche Reaktion, als er ein Telefonat mit anhört und von den angeblichen Amouren seiner Tochter erfährt, ist absolut authentisch, denn ein Vater achtete auf die Jungfräulichkeit seiner Tochter. Ihr dabei das Oberteil einzureißen und damit ihre Brust freizulegen, bedeutete einen gewünschten Nebeneffekt für den Betrachter, war letztlich aber nicht weniger verlogen als die moralische Haltung des Vaters.

Ähnlich wie in vielen erotischen Filmen dieser Phase, kommt es auch in "Appassionata" zu keinen sexuellen Kontakten zwischen Gleichaltrigen. Dahinter verbirgt sich noch die stark von der katholischen Kirche bestimmte Moral, dass nur in der Ehe sexuelle Handlungen vollzogen werden sollten, weshalb bewusst Konstellationen für die ersten Erfahrungen gewählt wurden, die als legitime Verbindungen nicht in Frage kamen. Üblicherweise wurden sie aus der männlichen Sicht betrachtet, da es für den zukünftigen Patriarchen selbstverständlich war, eine Jungfrau zu heiraten, er aber sein aufblühendes sexuelles Verlangen schon früher befriedigen wollte. Ob in "Malizia" das Hausmädchen, in "L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975) die Lehrerin oder in "Lezioni private" (1975) die Klavierpädagogin - immer waren es attraktive ältere Frauen, die den jungen Männern sexuell zu Diensten waren.

Dagegen entwickelt "Appassionata" seine Story aus der Sicht zweier selbstbewusster weiblicher Teenager, weshalb der Film in seiner Anlage irritierte. Einerseits sollten Muti und Georgi mit ihrer Optik die voyeuristischen Bedürfnisse männlicher Betrachter befriedigen, andererseits agieren sie keineswegs wie willfährige Objekte. Den beiden Jungschauspielerinnen wurden zudem mit Gabriele Ferzetti und Valentina Cortese zwei renommierte Darsteller an die Seite gestellt, die stimmig das Abbild eines Ehepaares mittleren Alters wiedergeben, dessen Konstellation seine Gültigkeit bis heute bewahrt hat. Während ihr Mann seinem Beruf als Zahnarzt nachging, verzichtete die Pianistin auf ihre Musik-Karriere, ganz im Sinn der klassischen Rollenverteilung. Valentina Cortese spielt überzeugend eine Frau um die 50, die in ihre eigene Falle getappt ist. Ihre emotionalen Schwankungen gelten als Anzeichen einer Depression, weshalb sie im Auge ihres Mannes, aber besonders ihrer Tochter, stets am Rande der Einlieferung in ein Sanatorium für psychisch Kranke steht.

Doch ihr Mann agiert nicht souveräner, auch wenn er im gesellschaftlichen Sinn funktioniert. Er bemüht sich um seine Frau, kann aber mit ihren Ausbrüchen nicht umgehen, weshalb er sehr empfänglich auf Nicolas Verführungskünste reagiert, die ihn in wilden Fantasien verfolgen. Zwischen Nicola und Eugenia, die ihren Vater mit nicht weniger erotischer Energie um den Finger zu wickeln versucht, scheint ein Wettkampf um die Gunst des älteren Mannes zu entstehen, weshalb die Freundinnen zunehmend in Streit geraten, aber das täuscht. Nicht Dr. Rutelli bestimmt das Handeln, sondern die beiden jungen Frauen dosieren ihre Zuneigung ganz nach ihrem Belieben, auch im Umgang mit Eugenias Mutter.

Seltsamerweise wird das Verhalten von Eugenia und Nicola häufig negativ bewertet, obwohl sie in ihrem pubertären Austesten der eigenen Möglichkeiten nicht anders agieren als ihre männlichen Pendants. Dabei ist es die Schwäche der Erwachsenen, die ihnen ihre Überlegenheit erst ermöglicht. Doch während die Mutter spät noch eine konsequente Haltung beweist, ist es der Vater, der zum eigentlichen Objekt wird. Indem "Appassionata" am Ende nicht deutlich werden lässt, ob und mit wem der sexuelle Akt tatsächlich stattfindet - man sieht nur wie Nicola hinein geht und wie Eugenia am Morgen nackt das Bett ihres Vaters verlässt - gesteht der Film dem Mann keinen Erfolg zu. Das letzte Bild gehört entsprechend den Freundinnen, die wieder vereint fröhlich davon gehen - eine selten gelungene emanzipierte Konstellation trotz der voyeuristischen Absichten des Films.

"Appassionata" Italien 1974, Regie: Gianluigi Calderone, Drehbuch: Gianluigi Calderone, Allessandro Parenzo, Domenico Rafele, Darsteller : Ornella Muti, Eleonora Giorgi, Gabriele Ferzetti, Valentina Cortese, Ninetto Davoli, Laufzeit : 92 Minuten

Mittwoch, 7. November 2012

L'aveu (La confessione / Das Geständnis) 1970 Costa-Gavras


Inhalt: Prag, Anfang der 50er Jahre - Gerard (Yves Montand), stellvertretender Außenminister der Tschechoslowakei und langjähriges Mitglied der kommunistischen Partei, der während des Krieges im KZ Mauthausen inhaftiert war, beschwert sich, dass er offensichtlich überwacht wird. Die Angelegenheit wird herunter gespielt, da dieses zu seinem Schutz geschähe, aber schon wenige Tage später wird sein Auto auf offener Straße gestoppt und Gerard in ein Auto gezerrt, mit dem er an einen unbekannten Ort gebracht wird.

Auf die Frage, warum er hier Gefangen gehalten wird, bekommt er keine Antwort. Stattdessen wird er kontinuierlich psychisch und körperlich gefoltert - er darf sich nicht hinsetzen oder legen, sondern muss immer in seiner Zelle herum laufen, wenn er nicht zusammengeschlagen werden will. Und soll gestehen. Auf seine Gegenfrage, was er gestehen soll, erhält er nur die Antwort, dass er das schon wüsste. Langsam stellt sich heraus, dass er mit den USA kollaboriert haben soll und gegen die Richtlinien der kommunistischen Partei verstoßen hätte...


Als Costa-Gavras "L'aveu" (La confessione / Das Geständnis) 1970 drehte, lagen die darin geschilderten Ereignisse beinahe zwei Jahrzehnte zurück. Der im Film gezeigte Prozess gegen führende Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei orientierte sich am "Slánský"-Prozess von 1952 - benannt nach dem langjährigen Generalsekretär Rudolf Slánský - der mit dem Todesurteil von 12 der Angeklagten endete. Nicht zufällig basierte der Prozess auf einem Vorwurf wegen Landesverrats, denn nach dem Ende des 2.Weltkriegs und dem Beginn des "Kalten Krieges" hatten sich die Vorzeichen geändert. Der us-amerikanische Kommunist Noel Field wurde vom russischen Geheimdienst 1949 als angeblicher Spion entlarvt, weshalb jeder Kommunist, der während des Krieges mit ihm zusammen arbeitete, als Verräter unter Verdacht geriet.

Schon der normale Menschenverstand lässt die Konstruiertheit dieser Anklage erkennen, denn selbst wenn sich der Vorwurf gegen Noel Field als richtig heraus gestellt hätte, ließe sich daran kein Fehlverhalten festmachen, da die Verbündeten von Fields damaliger Rolle keine Kenntnisse hatten. Doch sollten sie davon gewusst haben, wie ihnen von den Anklägern unterstellt wurde, wieso hatten sie dann nicht entsprechend gehandelt? - An ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus und ihrem Engagement für ihren kommunistisch regierten Staat hatte es bisher keinen Zweifel gegeben. Costa-Gavras verdeutlicht an der Figur des stellvertretenden tschechoslowakischen Außenministers Artur London (Yves Montand), der zu der Gruppe der angeklagten Politiker gehörte und nach dessen Buchvorlage der Film entstand, deren Intention. Bis zu ihrer Festnahme waren sie loyale Mitglieder der kommunistischen Partei, weshalb sie regelrecht verstört auf die Anklage reagierten und sogar noch den Versuch unternahmen, eventuelles eigenes Fehlverhalten selbstkritisch zu hinterfragen, wie es in der kommunistischen Doktrin gefordert wird.

Zur Entstehungszeit von "L'aveu" hatten sich diese Vorwürfe schon seit vielen Jahren als haltlos erwiesen. Noel Field wurde 1955 wieder aus der Haft entlassen und Rudolf Slánský 1963 juristisch rehabilitiert, denn nach dem Tod Josef Stalins 1953 hatten sich die Prozesse als reine Säuberungsaktionen erwiesen, mit denen Stalin und wenige seiner Verbündete wie der tschechoslowakische Staatspräsident Klement Gottwald, unliebsame Konkurrenz loswerden wollten. Das viele von ihnen zudem Juden waren, verdeutlicht den tief in der Gesellschaft verankerten Antisemitismus. Während des "Prager Frühlings" 1968 hatte auch die tschechoslowakische kommunistische Partei unter Alexander Dubček mit den damaligen Angeklagten ihren Frieden geschlossen, so dass dieses unliebsame Kapitel, für das in den eigenen Reihen vor allem Josef Stalin verantwortlich gemacht wurde, beendet schien. Nicht ohne Grund war auch der zu Unrecht inhaftierte und gefolterte Noel Field nach seiner Entlassung Kommunist geblieben.

Der griechische Regisseur Costa-Gavras hatte 1969 mit „Z“ einen exemplarischen Film über die Machtergreifung einer rechtsgerichteten Diktatur in seinem Heimatland gedreht, bevor er sich 1973 mit „État de siège“ (Der unsichtbare Aufstand) den Mechanismen der Militärdiktatur in Uruguay widmete, die vom us-amerikanischen Geheimdienst unterstützt wurde. Zu dessen Aufgaben gehörte auch die Schulung von Foltermethoden, die gegen die Widerstandsbewegung angewendet werden sollten. In beiden Filmen agierte Yves Montand sowohl als Hauptdarsteller, als auch als Produzent an der Seite von Costa-Gavras, weshalb ihr dritter gemeinsamer Film „L’aveu“, der zwischen diesen Werken herauskam, vordergründig aus der Reihe fällt, da er sich einer zurückliegenden, inzwischen scheinbar angemessen bewerteten Thematik widmete. Doch der tatsächliche Anlass für die Entstehung des Films lag genauso in Ereignissen der Gegenwart wie bei „Z“ und „État de siège“, denn Costa-Gavras stellt im Film einen unmittelbaren Zusammenhang zu der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 her, als russische Panzer dem tschechischen Versuch eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ein Ende bereiteten. Bis dahin hatte Yves Montand mit dem Kommunismus sympathisiert, weshalb die Diskussion, die er in seiner Rolle als Artur London mit Journalisten über die Prozesse der frühen 50er Jahre und die Rolle Stalins führt – in „L’aveu“ zeitlich kurz vor den Ereignissen in Prag angesiedelt - nicht nur Londons, sondern auch eigene autobiographische Züge trägt. 

Costa-Gavras fügt diesen Gegenwartsbezug ab der Mitte des Films ein, wodurch es deutlich wird, dass Artur London nicht zum Tode verurteilt werden wird - ein in mehrerer Hinsicht genialer Drehbuchkniff. Die Tatsache, das London gemeinsam mit seiner französischen Frau Lise (im Film von Montands Ehefrau Simone Signoret gespielt) die 1968 erschienene Buchvorlage für den Film schrieb, ließ dessen Überleben zwar erwarten, aber der Film springt in dem Moment in die Gegenwart, nachdem schon ein monatelanges Martyrium hinter dem früheren stellvertretenden Außenminister lag, das Costa-Gavras in schmerzhafter Deutlichkeit vor dem Betrachter ausbreitet. Dabei verzichtet er auf jede unmittelbare körperliche Gewalt, sondern zeigt die psychische Methodik, mit der der Angeklagte dazu gebracht werden soll, die ihm angelasteten Vorwürfe zu gestehen. Artur London erweist sich als sehr widerstandsfähig, hält wochenlangen Schlaf- und Nahrungsentzug, sowie die vorgelegten Geständnisse seiner Freunde und Mitstreiter aus, aber die nicht endenden Verhöre und psychischen Folterungen höhlen auch seinen Widerstandsgeist aus, bis er wider besseren Wissens seine Verfehlungen zugibt. In der Figur des Verhörspezialisten Kohoutek (Gabriele Ferzetti), der von der Schuld Londons überzeugt ist, da er entsprechende Weisungen von oben erhielt, lässt Costa-Gavras zudem die typischen Mechanismen eines Beamtenapparates erkennen, die den Einzelnen scheinbar von Schuld entlasten, da er nur seiner Pflicht nachgekommen ist.

Durch das frühe Wissen, dass die Identifikationsfigur London nicht sterben wird, nimmt Costa-Gavras dem Film eine Spannungssituation, die den Blick auf die Farce des Schauprozesses und die weiteren Angeklagten verstellt hätte. Auch körperliche Gewalt, die zu dauerhaften Schäden geführt hätte, wäre kontraproduktiv gewesen wäre, denn bei der Gerichtsverhandlung, die der Öffentlichkeit detailliert vorgeführt wird, soll jede Form eines Märtyrertums vermieden und der Anschein einer fairen Verhandlung gewahrt bleiben. Begriffe wie Ehrlichkeit, das Recht auf Verteidigung oder ein gerechtes Urteil, werden angesichts eines erbärmlichen, Menschen verachtenden Schauspiels pervertiert. Durch die in der Gegenwart angesiedelte Diskussion, lässt Costa-Gavras erkennen, wie schwer sich die Kommunisten mit dem Missbrauch dieser Begriffe getan hatten, wie sehr sie der Idee nachhingen, nur Stalin und wenige Mitstreiter hätten damals ihre humanen Absichten verraten. Doch die brutale Niederschlagung der vorsichtigen Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei, die Costa-Gavras mit dokumentarischen Aufnahmen zeigt - dazwischen Bilder des entsetzt blickenden Yves Montand einblendend - belehrte Viele eines Besseren. Auch für sie hatte sich die Herrschaft der UDSSR endgültig als Diktatur entlarvt.

Neben dem generellen Blick auf die Methoden der psychischen Folter, ist „L’aveu“ auch eine persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Idealen, wie sie von der Linken Ende der 60er Jahre vehement geführt wurde. Vielleicht liegt darin der Grund, warum „L’aveu“ heute zu unrecht so wenig bekannt ist, oft nicht einmal im Zusammenhang mit Costa-Gavras sonstigen politischen Filmen genannt wird. Die detaillierte Ansicht der diktatorischen Methoden der kommunistischen Partei, verknüpft mit den Ereignissen in Prag 1968, konnte Anhänger dieser Politik nicht befriedigen, bedeutete aber auch nicht den Schritt auf die andere Seite des eisernen Vorhangs. Im Gegenteil betonte Costa-Gavras damit seinen Willen zu einer unabhängigen, kritischen Betrachtung jeder restriktiven Politik.

"L'aveu" Frankreich, Italien 1970, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: George Semprùn, Lise und Artur London (Buchvorlage), Darsteller : Yves Montand, Simone Signoret, Gabriele Ferzetti, Michel Vitold, Michel Robin, Laufzeit : 137 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras:

"Z" (1969)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.