Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Donnerstag, 17. Dezember 2009

La moglie più bella (Recht und Leidenschaft) 1970 Damiano Damiani

Inhalt: Der Boss eines Mafia-Clans in Sizilien, Antonino Stella (Amerigo Tot), und seine engsten Vertrauten lassen sich ohne Gegenwehr von der Polizei verhaften, um bei einer Gerichtsverhandlung, deren Zeugen sie beeinflusst haben, frei gesprochen zu werden. Vito (Alessio Orano), ein junges Mitglied des Clans, soll während seiner Abwesenheit für Ordnung sorgen. Als Stella erfährt, dass Vito noch keine Frau und Kinder hat, empfiehlt er ihm, sich schnell eine Ehefrau zu besorgen. Am besten aus einer armen Familie, da diese ihm treu ergeben bleiben wird.

Wenig später fällt ihm die noch 15jährige, sehr hübsche Francesca (Ornella Muti) auf, und er beginnt um sie zu werben. Sie erwidert seine Gefühle und auch ihre eingeschüchterten Eltern stimmen der Hochzeit mit dem bekannten Mafioso zu. Doch Vito ka
nn nicht aus seiner Haut und erniedrigt die selbstbewusste Francesca mehrfach, worauf sie den Hochzeitsfeierlichkeiten fern bleibt...


Ein wesentlicher Mythos, den die Mafia über Jahrzehnte aufbaute, betrifft ihre Position für die einfache Bevölkerung, besonders in ihrem Ursprungsland Sizilien. Während das Vertrauen zum Staat und seinen Vertretern als stark gestört galt, entwickelte die Mafia familienartige Strukturen, in denen das jeweilige Oberhaupt (der "Pate") für seine Mitglieder die eigentliche rechtliche Instanz darstellte.

Auf Grund der großen Armut in der Bevölkerung Siziliens, hatte die Kriminalität in ihren Anfängen noch den Charakter einer Auflehnung gegen die her
rschende Klasse, was sich auch darin zeigte, dass Niemand, der sich an die Mafia - Regeln hielt, im Stich gelassen wurde. Der Name "Cosa nostra" ("Unsere Sache") romantisiert diesen scheinbaren Zusammenhalt in der Bevölkerung, zu dessen wichtigster Regel die "Omertà" wurde, eine unumstößliche Schweigepflicht gegenüber allen, die nicht dazu gehören.

Als Damiano Damiani "La moglie più bella" 1970 drehte, hatte sich die kriminelle Organisation schon lange von diesen Anfängen entfernt. Während die Mafia - Bosse und ihre unmittelbaren Vertrauten immer reicher wurden, wirkte sich deren Einfluss auf Politik und Wirtschaft negativ für den größten Teil der Einwohner Siziliens aus. Trotzdem blieben diese Regeln unangetastet und die Anteilnahme der Bevölkerung ungebrochen, was Damiano Damiani gleich zu Beginn verdeutlicht, als der örtliche P
ate Antonino Stella (Amerigo Tot) und seine engsten Vertrauten von der Polizei in Haft genommen werden und sich nicht dagegen wehren.

Während viele Bewohner der Kleinstadt dem Mafiaboss ihre Sympathien versichern und besonders der junge Vito Juvara (Alessio Orano), ein zur "Familie" gehöriger junger Mann, der seine Verlässlichkeit schon bewiesen hatte, dagegen vorgehen will, erläutert Stella in ruhigen Worten, was er damit bezweckt. Er forciert die Gerichtsverhandlung, um nach einem Freispruch, an dem er dank Einflussnahme auf die Zeugen keinen Zweifel hat, seine Ruhe vor weiteren Nachstellungen der Polizei zu haben. Er bittet Vito deshalb, sich während seiner Abwesenheit um die Geschäfte zu kümmern. Wichtiger als dieser Vorgang, ist für Damiani Stellas letzter Satz an Vito, nachdem er fragte, ob dieser schon eine Frau und Kinder hätte. Als er verneint, fordert Stella ihn auf, sich umgehend eine Frau zu suchen, am besten aus einer armen Familie, da sie sich in Zukunft als dankbar und treu erweisen wird.

"La moglie più bella" ("Die schönste Ehefrau") widmet sich - wie der Filmtitel schon besagt - einer Liebesgeschichte zwischen dem jungen Anführer der örtlichen Mafiagruppe und der sehr hübschen Francesca (Ornella Muti), der noch jugendlichen Tochter einer armen Dorffamilie, die nach einem Erdbeben in einer Baracke wohnt und ein einfaches Feld bestellt. Die üblichen kriminellen Zutaten, wie das Attentat auf einen missliebigen Zeugen, Erpressung oder Rivalitäten zwischen Gangs, nehmen hier nur eine begleitende Funktion ein, ebenso wie die Ereignisse um den Paten keine wesentliche Ro
lle mehr spielen. Viel mehr entlarvt Damiani die inneren Strukturen der Mafia, deren scheinbar funktionierendes, sehr patriarchalisch ausgelegtes System, als verlogenes Konstrukt, dass letztlich nur Opfer hervorbringt.

Nachdem Vito Francesca als ideale Frau für seine Zwecke entdeckt hatte, macht er ihr selbstbewusst den Hof. Zumindest scheint es so, aber als ein möglicher Nebenbuhler sich zuerst nicht einschüchtern lässt, droht Vito diesem in einem Zug mit dem Tod, wenn er sich nochmals blicken lassen würde. Dabei hätte er das gar nicht nötig gehabt, worin sich Damianis entsch
eidender Schachzug verdeutlicht, der die hier geschilderte Konstellation in ihrer Komplexität weit über ähnliche Geschichten hinaus hebt. Vito Juvara ist ein attraktiver Mann, dem Francesca sofort mit Wohlwollen gegenüber steht. Die Gefühle zwischen ihnen entwickeln sich ganz selbstverständlich und ihre Beziehung hätte überall eine Chance gehabt, aber der Film macht früh deutlich, dass sich alle Beteiligten den strengen, unausgesprochenen Regeln unterwerfen müssen.

Dass es zum Bruch zwischen den jungen Liebenden kommt, liegt an Francesca. Keineswegs wegen mangelnder Gefühle oder gar einer Kritik an seinen kriminellen Aktivitäten, sondern weil sie als Frau ernst genommen werden will. Ornella Muti gelingt es in ihrer ersten Rolle - trotz ihrer Jugendlichkeit - eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Tradition zu vermitteln, die zwar die damals übliche, unterwürfige Frauenrolle in Frage stellt, dabei aber in ihrer sizilianischen Umgebung authentisch bleibt. Dass Vito nicht aus seiner Haut kann, und in seinem Werben um sie, immer aus der Position des Mächtigen agiert, demontiert ihn zunehmend. Ganz unmerklich macht der Film deutlich, dass die Betonung von Macht und die Erhaltung dieser durch Drohung und Gewalt, das Gegenteil von Selbstbewusstsein ist. Innerhalb ihrer Beziehung funktioniert das nicht, und als Vito, ganz seinem vorgegebenen Rollenklischee als zukünftigem Patriarch entsprechend, Francesca mehrfach erniedrigt, kommt sie nicht zu der vereinbarten Hochzeit.


Auch Alessio Orano als Vito gelingt es seiner Rolle als mafiösem Schönling überraschende Aspekte abzugewinnen. Nach außen mit den üblichen Gesten im Kreise seiner Kumpels agierend, merkt man ihm seine Gefühle nur unmerklich an. Erst als sich die Zurückweisung Francescas innerhalb der Geschäftsbeziehungen für seinen Ruf als schädlich erweist, reagiert er mit einer Bestrafung. Damiano Damiani, sonst keineswegs zurückhaltend in der Deutlichmachung von Gewalttaten, bleibt trotz der erfolgten Entführung und anschließenden Vergewaltigung optisch zurückhaltend und undramatisch. Damit betont er, ohne die Taten als solche zu verharmlosen, dass Vito nicht wirklich gewalttätig werden wollte, sondern es ihm nur auf die Symbolik ankam, die Frau zu unterwerfen, um seine Position wieder herzustellen. Unterschwellig spürt man seine Gefühle für sie.

Der Film widmet sich im Folgenden der realistischen Schilderung von Francescas Kampf um eine Bestrafung des Vergewaltigers durch die Behörden, mit den üblichen negativen Reaktionen der Gesellschaft bis hin zu ihren Eltern, die aus ihrer ärmlichen Position heraus, keinerlei Kraft zum Widerstand finden. Für die Polizei ist es eine Chance, eines Verbrechers habhaft zu werden, den sie wegen seiner anderen Taten nicht überführen könnten, weshalb es falsch wäre, Francescas letztlichen Sieg als Erfolg im Kampf gegen die Mafia anzusehen oder auch nur als kleinen Schritt zur Emanzipation der Frau.

Das die Behörden hilflos sind, macht Damiani mit der am Ende eingestreuten Information deutlich, dass der Pate und seine Partner wie geplant freigesprochen wurden. Denn auch wenn Damiani seine Geschichte im Stil eines Thrillers erzählt, handelt es sich letztlich um eine unglückliche Liebesgeschichte, was im Gegensatz zu dem verfälschenden deutschen Titel "Recht und Leidenschaft" der Origi
naltitel deutlich macht - es ist "Die schönste Ehefrau", um die es hier geht. Und das Vito diese nicht bekommen kann, liegt an einer inneren Struktur, die jeden Menschen an ein strenges Reglement fesselt, dass seine Funktion und Rolle bestimmt. Und jede romantische Verklärung der sogenannten "Familie" als absurd hinstellt.

"la moglie più bella" Italien 1970, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano DamianiDarsteller : Ornella Muti, Alessio Orano, Tano Cimarosa, Pierluigi Aprà, Amerigo Tot, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich habe nach jahrelangem Suchen den Film ergattert.Damiani ist neben Elio Petri für mich der größte ital.Regisseur-den Film fand ich vor allem anbetrachts der damaligen Zeit gewaltig.Ich finde das Verhalten Francescas als Vorläufer der heutigen Emanzipation - der Versuchdie Strukturen aufzubrechen anderseits doch dem Vergewaltiger die Möglichkeit offenzulassen,wenn er seine Tat eingestehen würde,die Anzeige zurückzuziehen.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.