Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Mittwoch, 12. März 2014

La mala ordina (Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: In der New Yorker Mafia-Zentrale erteilt Corso (Cyril Cusack) geschäftsmäßig den Befehl an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), nach Mailand zu fliegen, um dort Luca Canali (Mario Adorf) zu töten – ganz offiziell und mit Unterstützung der Mailänder Mafia. Deren Boss Tressoldi (Adolfo Celi) reagiert keineswegs erfreut auf die Ankunft der US-Killer, die ihn dazu auffordern, ihnen Canali auszuliefern, denn er versteht nicht, warum seine eigenen Leute den Job nicht erledigen sollen.

Tressoldi befürchtet, dass ihm die New Yorker auf die Schliche gekommen sind, dass er selbst die Drogengelder gestohlen hat und nicht der Zuhälter Canali, dem er diese Tat untergeschoben hat. Canali, der sich wie gewohnt um seine Prostituierten kümmert und zwischendurch seine kleine Tochter trifft, die er nach der Scheidung von seiner Frau (Silvia Koscina) nur noch selten sieht, ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Nicht nur die beiden Killer, auch Tressoldi hat es auf ihn abgesehen, um den New Yorkern zuvor zu kommen…


Neben dem schrillen deutschen Filmtitel "Der Mafia Boss - sie töten wie Schakale" existieren noch eine Vielzahl weiterer Varianten in unterschiedlichen Sprachen, darunter "Manhunt in the city" oder "L'empire du crime". Nur die schlichte Übersetzung des Originaltitels "La mala ordina" fehlt, obwohl damit der Inhalt des Films ideal beschrieben wurde. "Ordina" bedeutet Reihenfolge, Ordnung, Auftrag oder Befehl und fasst in einem Begriff die Grundlagen des organisierten Verbrechens zusammen, die auf strengen hierarchischen Regeln beruhen, die keine Abweichung dulden. Das Attribut "mala" (schlecht) scheint entsprechend überflüssig, aber es vermittelt erst die Komplexität einer inneren Abhängigkeit, der sich Niemand entziehen kann.

Der Befehl der New Yorker Mafia-Zentrale an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), den Mailänder Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) zu töten, erscheint vordergründig "schlecht", ist aber nur die Folge eines Verstoßes gegen die innere Ordnung. Der ortsansässige Boss Tressoldi (Adolfo Celi) hatte sich persönlich an Drogengeldern bedient und den Kleinkriminellen Canali als Bauernopfer vorgeschoben. Fernando Di Leo lässt offen, ob die ungewöhnliche Maßnahme, zwei Profis aus den USA für einen Job zu schicken, den jeder gedungene Mörder in Mailand auch hätte ausführen können, darauf beruht, dass New York die Mailänder Abteilung durchschaut hat, aber er offenbart damit die Fragilität eines Systems, dass keine Abweichung verträgt und jeden Beteiligten zum Opfer werden lässt.

Auch in Di Leos zuvor gedrehtem Film "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1972) ging es um die inneren Mechanismen des organisierten Verbrechens und geriet der Protagonist in eine unausweichlich scheinende tödliche Situation, aber die Auseinandersetzungen fanden noch persönlich statt und wurden entsprechend emotional geführt. Dass Luca Canali getötet werden soll, ist dagegen nur noch die Folge strategischer Überlegungen ohne persönliche Ressentiments. Mario Adorf agiert hier zwar sympathischer als in seiner Rolle als Mann fürs Grobe in "Milano calibro 9", aber sein Wechsel vom Täter zum Opfer bedarf nur einer minimalen Verschiebung innerhalb des Mafia-Kosmos. Mit dem Verzicht auf staatliche Ermittler betonte Di Leo zudem die Gefährlichkeit dieser kriminellen Institution nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für jedes seiner Mitglieder. Dass sich Luca Canali gegen seine Opferrolle wehrt und dem Film nach dem brutalen Mord an seiner Ex-Frau und seiner kleinen Tochter mit seinem Furor Emotionen verleiht, erzeugt zwar Schwung und lässt einige Mafia-Granden alt aussehen, ändert wie das äußerlich coole Verhalten der nur auf Befehl handelnden beiden Killer aber nichts daran, dass sie reagierende und innerhalb des Systems schwache Figuren bleiben – dem Ende, dem keine kathartische Wirkung mehr anhaftete, lässt sich entsprechend wenig Optimistisches abgewinnen. 

Viel mehr nutzte Fernando Di Leo die Charaktere der drei Protagonisten und ihr Umfeld zu einer kritischen Betrachtung des damaligen moralischen Wandels in der Gesellschaft, womit er sich endgültig vom Italo-Western verabschiedete, dessen Einfluss auf „Milano calibro 9“ noch deutlich spürbar war. Sex findet nur noch am Straßenstrich, auf Hotelzimmern oder nach Partys statt und die Anzahl nackt agierender Frauen hätte jedem Erotik-Film gut zu Gesicht gestanden. Luca Canali schläft zwar mit Nana (Femi Benussi), eine seiner Prostituierten, aber mit Liebe hat das nichts mehr zu tun, wie sie in „Milano calibro 9“ noch eine - wenn auch tragische - Rolle spielte. Di Leos fatalistische Sichtweise sollte sich im nachfolgenden „Il boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973) weiter fortsetzen. Die Beziehung zwischen dem Profi-Killer und der entführten Mafiaboss-Tochter ist ein Paradebeispiel an selbstsüchtiger Egozentrik, während die attraktive weibliche Darstellerriege hier – neben Femi Benussi, noch Luciana Paluzzi, Silvana Koscina und Francesca Romana Caluzzi – selbstbewusst agierte. Francesca Romana Caluzzi als der freien Liebe frönende Linke mit Che Guevara-Poster an der Wand ist zwar ein Klischee, aber als eine von Wenigen entzieht sie sich der Erwartungshaltung ihrer Umgebung und gewinnt durch ihre Unabhängigkeit Sympathien.

„La mala ordina“ scheint angesichts der Abwesenheit jeder Staatsgewalt weniger als Fernando Di Leos frühere Filme „I ragazzi del massacro“ (Note 7 – die Jungen der Gewalt, 1969) und „Milano calibro 9“ dem „Polizieschi“ – Genre anzugehören, entwickelte den Kriminalfilm aber entscheidend weiter. Neben der zunehmenden Verzahnung mit den moralischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, wie sie typisch für das Genre werden sollte, blieb es in „La mala ordina“ zwar noch einem Mitglied des Milieus vorbehalten, Selbstjustiz zu üben, aber schon in dem wenig später gedrehten "Milano trema - la polizia vuole giustizia" (1973) von Sergio Martino übernahm der Commissario diese Aufgabe selbst. Gespielt von Luc Merenda, dem Fernando Di Leo in „Il poliziotto é marcio“ (1974), der „Il boss“ folgte, die Rolle des gnadenlosen Rächers zuweisen sollte.

"La mala ordina" Italien, Deutschland 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Giorgio Scerbanenco (Kurzgeschichte), Darsteller : Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Luciana Paluzzi, Adolfo Celi, Femi Benussi, Cyril Cusack, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"Milano calibro 9" (1972)

Montag, 18. November 2013

Il re della mala (Zinksärge für die Goldjungen) 1973 Jürgen Roland

Regelmäßig kam es zu italienisch-deutschen Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren, die in der jeweiligen Sprachfassung in nahezu identischer Form in die Kinos kamen. "Il re della mala" (Zinksärge für die Goldjungen) war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn Jürgen Rolands Film an der Schwelle zum Poliziesco, wurde konzeptionell in zwei Fassungen gefertigt, die auf das Publikum der beiden Länder zugeschnitten waren. Die Unterschiede sind prägnant und gehen über den unterschiedlichen Namen der deutschen Hauptfigur (Otto Westermann/Hans Werner) hinaus - eine vergleichende Betrachtung und ein weiteres Bindeglied zwischen "L'amore in città" und "Grün ist die Heide", meinem Blog zum deutschen Film.


Inhalt: Hans Werner (Herbert Fleischmann) kontrolliert mit seiner Bande, die unter dem Deckmantel eines Kegelclubs ihre Treffen abhält, das Glücksspiel und die Prostitution in Hamburg und erpresst Schutzgeld. Wer nicht pünktlich bezahlt oder sich nicht bei Wetten an Werners Forderungen hält, bekommt Besuch von seinen Männern, die auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken. Doch es bahnt sich Ärger für den Platzhirsch an, als der italo-amerikanische Unterweltboss Luca Messina (Henry Silva) ebenfalls plant, die friedliche Stadt Hamburg unter seine Fittiche zu nehmen.

Nachdem er mit Mutter (Ermelinda De Felice), Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und seiner Geliebten Kate (Véronique Vendell) aus den USA angekommen ist, geht er mit seinen Männern gezielt gegen Westermanns Geschäfte vor, übernimmt die Leitung und verlangt 40 Prozent von dessen Einnahmen. Doch so leicht lässt sich Werner nicht verdrängen und nimmt den Kampf an, der zunehmend außer Kontrolle gerät…


Betrachtet man Jürgen Rolands Film "Zinksärge für die Goldjungen" von Italien aus, kam er unter dem Titel "Il re della mala" (Der König des Bösen) im Juli 1974 erst spät an der Schnittstelle zwischen Mafia-Film und Polizieschi in die Kinos. Fernando Di Leos Trilogie über das organisierte Verbrechen hatte mit "Il boss" (Der Teufel führt Regie) 1973 ihren Abschluss gefunden und Andrea Bianchi Anfang 1974 mit "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) noch einen weiteren Mafia-Film nachgelegt, bevor die Hochphase des Polizieschi mit Umberto Lenzis "Milano odia: la polizia non vuole sparare" (Der Berserker, 1974) endgültig begann. An allen genannten Filmen war Henry Silva als Hauptdarsteller maßgeblich beteiligt, dem der Wechsel vom Unterweltboss zum Commissario spielend gelang.

Dass Jürgen Roland ihn ebenfalls in seinem Film über den Machtkampf zweier organisierter Verbrecherbanden in Hamburg besetzte, geht auf den unmittelbaren Einfluss der Di Leo-Trilogie zurück, verdeutlicht aber auch, dass sich Roland und seine Mitstreiter – der renommierte Drehbuchautor Werner Jörg Lüddecke („Das Beil von Wandsbek“, 1951) und Produzent Wolf C. Hartwig - auf der Höhe der Zeit befanden, denn ihr Film entstand noch vor Bianchis "Die Rache des Paten" und kam Ende 1973 in die deutschen Kinos. Produzent Hartwig hatte schon Mitte der 60er Jahre ein gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen und früh Ernst Hofbauer unterstützt, der ihm mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) und dessen Fortsetzungen einen großen finanziellen Erfolg einbrachte. Auch mit Jürgen Roland, der seit Ende der 50er Jahre ("Stahlnetz") als Genre Spezialist galt, hatte er schon bei "St.Pauli Report" (1971) und "Das Mädchen aus Hongkong" (1973) zusammengearbeitet, zu denen Autor Lüddecke jeweils das Drehbuch beisteuerte.

Trotzdem begingen sie nicht den Fehler, ohne italienisches Know-How an die geplante Story heranzugehen. Mit Coriolano Gori holten sie sich einen erfahrenen Komponisten ins Team, dessen Score das treibende Tempo des Films stimmungsvoll unterstützte. Zudem wurden neben Silva viele weitere Rollen international besetzt, was dem Konflikt zwischen dem deutschen und dem italo-amerikanischen Gangsterboss und deren Anhang die notwendige Authentizität verlieh. Besonderes Einfühlungsvermögen bewiesen die Macher auch damit, dass sie von einem deutschen und einem italienischen Cutter zwei unterschiedliche Fassungen fertigen ließen, die zwar auf das selbe Bildmaterial zurückgriffen und die selbe Story erzählten, trotzdem aber über entscheidende Unterschiede verfügen, die signifikant sind für die jeweiligen Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten in den zwei Ländern – ein Vergleich, bei dem die 5 Minuten längere deutsche Fassung ein wenig schlechter abschneidet.

In beiden Fassungen beginnt der Film mit einer Einleitung, die von einer Stimme aus dem Off begleitet wird, die der Story einen gewissen Realitätsbezug verleihen sollte. Hinsichtlich der Existenz des organisierten Verbrechens besteht daran kein Zweifel, aber „Zinksärge für die Goldjungen“ reduzierte die Handlung einzig auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gangster-Banden, ohne das die Strafverfolgungsbehörden hier irgendeine Rolle spielen, obwohl Schießereien, Hinrichtungen und wilde Verfolgungsjagden mitten in Hamburg an der Tagesordnung sind. Damit folgte Jürgen Roland strikt den Genre-Regeln, ohne der typischen Ausgewogenheit im deutschen Kriminalfilm Rechnung zu tragen. Auch dass der Italo-Amerikaner Luca Messina (Henry Silva) nach Hamburg kommt, um die Geschäfte von Hans Werner (Herbert Fleischmann) zu übernehmen, benötigte keine schlüssige Intention – einmal äußert er gegenüber seiner Mutter, dass er noch ein paar gute Geschäfte machen will, bevor er sich auf Sizilien zur Ruhe setzen will, aber das wirkt nur wenig überzeugend, angesichts der üppigen Geldmittel und sehr guten Organisationsstruktur, die ihm in Hamburg von Beginn an zur Verfügung stehen.

Entscheidend für das Genre sind die emotionalen Abhängigkeiten – beide Bosse haben im Film Familie und sind damit angreifbar – und die entstehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, gepaart mit der ewigen Jagd nach dem eigenen Vorteil, die aus der zugespitzten Situation eines Machtkampfs zwischen zwei Verbrechersyndikaten eine Sicht auf menschliche Abgründe entstehen lässt, die realistischer ist als das Ergebnis einer ausgewogenen Betrachtungsweise. Auch wenn „Zinksärge für die Goldjungen“ inzwischen unter Genre-Fans Anerkennung findet, schloss sich dieser Meinung damals kaum Jemand an. Filme dieser Art – auch die italienischen Vorbilder – sahen sich in Deutschland dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung ausgesetzt, mit der eine schnelle Mark an der Kinokasse gemacht werden sollte. Der deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Macher versuchten, dieser vorhersehbaren Kritik entgegen zu treten, in dem sie die Szene, in der Karl von den Kung-Fu Kämpfern erschlagen wird, kürzten, und die Story mit Klischee-Witzen über italienische Gepflogenheiten anreicherten. Auch die konstruiert wirkende Liebesgeschichte zwischen dem flippigen Horst Janson als Westermann-Sohn und der attraktiven Patrizia Gori als Messina-Tochter, die im Gegensatz zu ihren Vätern, die sich hübsche Betthäschen halten, ganz brav heiraten wollen, lässt sich in italienischer Genre-Ware dieser Zeit kaum finden.

Sie blieb auch in der italienischen Fassung erhalten - im Gegensatz zu fünf Minuten, die fast ausschließlich Vorurteile gegenüber italienischen Gewohnheiten betrafen. Darf Luca Messinas „Mamma“ in „Zinksärge für die Goldjungen“ als streitbare und laute Mutter auftreten, die Moral predigt und Ohrfeigen verteilt, während sie in ihren Spaghetti wühlt, spielt sie in „Il re della mala“ kaum eine Rolle. Auch die Ärztin, die angesichts des Herzinfarkts von Lucas Mutter nach der Art der Krankenversicherung fragt, fehlt in der italienischen Fassung glücklicherweise. Deutsche Fans mögen angesichts der „Clementine“ – Darstellerin in Erinnerungen schwelgen, der Straffung der Szene, die zwischen der Hinrichtung Karls und Westermanns großzügigem Verhalten in Messinas Haus pendelt, kommt dieser Schnitt entgegen.

Teilweise mutet die Art, wie die von Jürgen Roland ursprünglich gewählte Szenenreihenfolge in der italienischen Fassung ummontiert wurde, abenteuerlich an. Der Brandanschlag auf den Striptease-Club kommt in „Il re della mala“ schon im Vorspann vor, um die Gewalttätigkeit der deutschen Gang früh zu betonen, und Werners Plan, die eigenen Überfälle und Hinrichtungen der Italo-Gang in die Schuhe zu schieben, erfolgt hier als unmittelbare Reaktion auf Messinas Übernahmeversuch. In der deutschen Fassung löst erst der Mord an seinem Sohn Karl diese Konsequenzen aus, was sein Verhalten im Auge des Zuschauers stärker legitimierte. Der italienische Schnitt versuchte so, dass Verhältnis zwischen den Banden ausgewogener zu gestalten – eine notwendige Maßnahme, da Silva in seiner Rolle wesentlich kompromissloser auftrat als Fleischmann.

Trotz dieser Unterschiede zwischen den Fassungen, die von der Anpassung an den jeweiligen Markt geprägt sind, ändern diese Details nichts an der grundsätzlichen Aussage eines Films, der konsequent und ohne zu beschönigen die Folgen einer ungebremsten Gewaltspirale zeigt, rasant inszeniert ist und bis zum Schluss hochspannend bleibt - getragen von zwei überzeugend agierendenden Protagonisten.

"Il re della mala" Italien / Deutschland 1973, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, August Rieger, Darsteller : Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassare, Dan van HusenLaufzeit : 78 Minuten

weitere im Blog "Grün ist die Heide" besprochene Filme von Jürgen Roland:

Donnerstag, 3. Januar 2013

Fatevi vivi: la polizia non interverrà (In der Gewalt des Kindermörders) 1974 Giovanni Fago


Inhalt: Ein kleines Mädchen, einziges Kind eines reichen Industriellen, wird auf offener Straße von drei Männern und einer Frau entführt. Commissario Caprile (Henry Silva) fehlt jeder Hinweis auf die Täter, da die Zeugen, darunter die Prostituierte Marisa (Lia Tanzi), scheinbar nichts gesehen haben. Zudem ist der Vater des entführten Kindes bereit, jede Forderung der Kidnapper zu erfüllen, weshalb Caprile zusätzlich die Hände gebunden sind, um das Leben des Mädchens nicht zu gefährden.

Um die Täter aus der Reserve zu locken und weil er glaubt das der Mafiaboss Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti), den er schon seit Jahre zu überführen versucht, damit etwas zu tun hat, führt er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien durch. Tatsächlich setzt er damit etwas in Bewegung, dessen Folgen er noch nicht ahnt...


Nach drei Italo-Western - darunter als sein erster Film "Per 100.000 dollari ti ammazzo" (Django der Bastard, 1968)) - wandte sich Regisseur Giovanni Fago wie viele seiner Kollegen in dieser Phase dem aufstrebenden Poliziesco zu und nutzte dafür die Erfahrung seines Co-Autors Adriano Bolzoni, der zuvor schon bei "Squadra volante" (Die gnadenlose Jagd, 1974) am Drehbuch mitgewirkt hatte. Bolzoni, ebenfalls im Western-Genre sehr aktiv, entwarf mit "Marc il poliziotto spara per primo" (Das Ultimatum läuft ab) 1975 einen weiteren Polizeifilm, während "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (In der Gewalt des Kindermörders) Fagos einziger Ausflug in das Genre blieb.

Anders als es der reißerische deutsche Titel "In der Gewalt des Kindermörders" vermuten lässt, setzte Fagos Film weniger auf Action und überzeichnete Charaktere wie etwa Umberto Lenzi in "Milano odia: lapolizia non può sparare" (Der Berserker), sondern stand in seinem Bemühen, eine ruhige, nachvollziehbare Story zu entwickeln, noch in der Tradition der frühen Polizieschi wie Stenos "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972), allerdings ohne deren Komplexität zu erreichen. Der Vergleich zu Lenzis "Der Berserker" liegt trotzdem nah - nicht nur wegen desselben Erscheinungsjahres und der Besetzung Henry Silvas als leitender Commissario, sondern weil sich beide Filme auch der damals in Italien sehr aktuellen Thematik, der Kindesentführung, widmeten - ein Vergleich, der nur zu Fagos Ungunsten ausfallen konnte.

Denn im Gegensatz zu Lenzis energiegeladener, die damalige Situation bewusst zuspitzender Inszenierung, baute er seinen Film langsam auf und blieb auch in den wenigen Action-Szenen fast betulich. In dieser Hinsicht kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (sinngemäß "Bleib am Leben: die Polizei wird nicht einschreiten") mit den populären Werken des Genres nicht mithalten, aber das lässt übersehen, dass der Film nicht nur durch die Verknüpfung von Mafia und der Entführungsthematik einen originellen Blickwinkel einnahm, sondern diesen bis ins Detail schlüssig analysierte.

Wenn zu Beginn ein Mann von seinem Fahrer vor dessen Villa abgeholt wird, und kurz darauf ein Mädchen auf dem Weg vom elterlichen Grundstück zum Schulbus von einer vierköpfigen Bande entführt wird, glaubt man an eine Verbindung, doch der distinguierte Geschäftsmann Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti) hat nichts damit zu tun. Bei ihm handelt es sich um einen aus Sizilien stammenden Mafia-Boss, der schon lange in der bürgerlichen Mitte angekommen ist und einen tadellosen Ruf genießt. Ferzetti spielt ihn ohne dämonische Ausstrahlung jederzeit gelassen agierend, ganz im Bewusstsein der eigenen Unangreifbarkeit. Darin zeigt sich gleichzeitig die größte Schwäche und die wesentliche Stärke des Films, denn der Verzicht auf eine emotionale Zuspitzung verhindert die innere Ungewissheit ähnlich angelegter Filme und schwört keine paranoide, gefährliche Spannung herauf, bleibt aber jederzeit realistisch.

Auch Henry Silva als Commissario Caprile agiert nicht kopflos, sondern handelt im Rahmen seiner gesetzlichen Möglichkeiten, obwohl er Salvatore schon seit Jahren verfolgt. Sehr schön beschreibt Fago, dass jeder vergebliche Versuch, den Mafioso zu verhaften, zu einer Beförderung Capriles führte - ein stimmiges Beispiel für die inneren Verflechtungen in der Justiz, gegen die sich auch der unbestechliche Commissario nicht wehren kann. Auch die Wahl eines Kindes als Entführungsopfer und die verständlicherweise aufgeregten Eltern erzeugen kein Schüren von Emotionen, sondern sind normaler Bestandteil der Umstände einer Entführung. Die Vorgehensweise der Entführer, die unter der Leitung des "Professors" (Philippe Leroy) versuchen, eine halbe Milliarde Lire zu erpressen, unterliegt einzig pragmatischen Erwägungen. Dieser ist in seiner kompromisslosen Haltung nicht weniger konsequent als der von Tomas Milian gespielte Entführer in Lenzis Film, aber ohne dessen psychische Anfälligkeit und unaufgeregt inszeniert.

Da sich entsprechend Niemand als Identifikationsfigur anbietet, lassen sich deren innere Verbindungen ohne moralische Wertung ausarbeiten, wodurch die Nüchternheit des Films noch betont wird. Commissario Caprile, der über keine Spur zu den Entführern verfügt, versucht Frank Salvatore unter Druck zu setzen, indem er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien in Como durchführt. Er erreicht sein Ziel anders als geplant, denn Salvatore, der Einnahmeverluste im Drogenhandel hinnehmen muss, beginnt selbst die Entführer zu suchen, die seine Geschäfte stören, was wiederum den "Professor" zwingt, mögliche Zeugen auszuschalten.

Scheinbar behandelte "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" damit bekannte Themen, denen sich viele Polizeifilme widmeten, aber er setzte sie sehr eigenständig um. Anstatt die Grundsituation einer Kindesentführung emotional für rigorose Polizeimethoden auszunutzen, wie es im Poliziesco üblich war, ist es hier die Mafia, die sich der Verbrecher annimmt, die weder bei der Verfolgung, noch der Bestrafung der Täter Rücksicht auf rechtsstaatliche Belange nehmen muss. An ihrer tatsächlichen Intention besteht trotzdem kein Zweifel. Einzig der weitere reibungslose Ablauf des Drogenhandels ist von Interesse, auch wenn sich Salvatores Männer sehr abschätzig über Kindesentführer äußern.

Dem Film gelang damit das Kunststück eines Endes, das weder gut noch schlecht ist, weder Befriedigung, noch nihilistische Gefühle vermittelt - passend zu einer Inszenierung, die ohne emotionale Zuspitzung und ohne extreme Charaktere auskommt. Man kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" mangelnde Attraktivität und damit einen geringeren Unterhaltungswert vorwerfen, aber dahinter verbirgt sich keine Mittelmäßigkeit oder Unentschiedenheit, sondern ein klarer Blick auf die Realität. Nicht erstaunlich, dass der Film heute nahezu unbekannt ist, aber das ändert nichts daran, dass er einen von der Erwartungshaltung an das Genre unvoreingenommenen Blick verdient hat.

"Fatevi vivi: la polizia non interverrà" Italien 1974, Regie: Giovanni Fago, Drehbuch: Giovanni Fago, Adriano BolzoniDarsteller : Henry Silva, Gabriele Ferzetti, Phillipe Leroy, Jack Betts, Rada Rassimov, Lea Tanzi, Laufzeit : 96 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Giovanni Fago:

Sonntag, 7. Oktober 2012

Milano odia: la polizia non può sparare (Der Berserker) 1974 Umberto Lenzi


Inhalt: Giulio Sacchi (Tomas Milian) verliert als Fahrer des Fluchtwagens bei einem Banküberfall die Nerven, als ein Polizist auf ihn zukommt, weshalb die Gangster nur knapp entkommen. Entsprechend verärgert reagiert deren Chef Majone (Luciano Catenacci), lässt Sacchi verprügeln und droht ihm mit tödlichen Folgen, sollte er sich wieder in ihrer Nähe sehen lassen. Doch der arbeitslose Kleinkriminelle lässt sich nicht unterkriegen, sondern hat eigene hochtrabende Pläne. Als er seine Freundin Iona (Anita Strindberg) wie häufig von deren Arbeit abholt, sieht er zufällig Marilù (Laura Belli), die jugendliche Tochter ihres reichen Chefs, und fasst den Entschluss, sie gemeinsam mit zwei Kumpels zu entführen, um ihren Vater (Guido Alberti) um eine halbe Milliarde Lire zu erpressen.

Zu Dritt versuchen sie sie zu überwältigen, als sie sich gerade mit ihrem Freund (Lorenzo Piani) zu einem Schäferstündchen in einem Waldstück zurückgezogen hatte. Doch als es mit dem Freund Schwierigkeiten gibt, gelingt es Marilù zu einer nahe gelegenen Villa zu gelangen, wo betuchte Freunde gerade einen geselligen Abend verbringen. Bevor sie begreifen, was mit Marilù passiert ist, stehen schon Sacchi und seine Kumpanen schwer bewaffnet in der Tür. Am nächsten Morgen steht Commissario Grandi (Henry Silva) nicht nur vor einer Vielzahl an Leichen, sondern auch einem Entführungsfall, bei dem höchste Eile geboten ist…


Nachdem er seinen letzten Poliziesco "Milano rovente" (1973) schon in Mailand spielen ließ, knüpfte Umberto Lenzi mit "Milano odia: la polizia non può sparare" nicht nur wieder an den Ort der Handlung, sondern auch an die schöne Tradition an, dem Polizeifilm einen lange Titel zu geben, wie zuvor beispielhaft "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) von Roberto Infascelli oder "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht, 1973) von Enzo G.Castellari. Auch die Bedeutung des Titels ist recht viel sagend mit "Mailand hasst: die Polizei darf (wahlweise "kann") nicht schießen", aber der deutsche Verleih machte daraus ein profanes "Der Berserker". Seltsamerweise wird in vielen Publikationen die Meinung vertreten, der deutsche Titel, der sich auf den von Tomas Milian verkörperten Kriminellen Giulio Sacchi bezieht, träfe damit ins Schwarze, dabei verkennend, das Milian in "Milano odia: la polizia non può sparare" keinen brachialen Gewalttäter, sondern einen in seiner Komplexität neuen Verbrechertypus schuf, der prägend für das Genre wurde.

Lenzis Polizeifilme orientierten sich Mitte der 70er Jahre an den realen Ereignissen in Italien - steigende Verbrechensraten und Terrorakte - und wurden in der Darstellung von Gewalttaten zunehmend umfassender ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)). Hier, in seiner ersten Zusammenarbeit mit Tomas Milian, beschränkt er sich größtenteils auf eine damals sehr populäre Methode - Entführung und Erpressung, wie sie etwa auch Eriprando Visconti in "La Orca" (La Orca - gefangen, geschändet, erniedrigt, 1976) oder er selbst in einer weiteren Zusammenarbeit mit Tomas Milian und Henry Silva in "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle) thematisierte. Der von Milian gespielte Giulio Sacchi ist nur aus diesem Zeitgeist heraus zu verstehen, denn Lenzi macht deutlich, das es sich bei dem filigranen, äußerlich wenig Furcht einflößenden Kleinganoven ursprünglich um einen Mitläufer handelt, der in Unterweltkreisen nicht für voll genommen wird.

Gleich zu Beginn versaut er beinahe einen Banküberfall, als er überhastet reagiert, als sich ein Polizist dem von ihm gesteuerten Fluchtfahrzeug nähert. Die Gangster unter der Leitung von Ugo Majone (Luciano Catenacci) lassen ihn sein Versagen darauf hin körperlich spüren und jagen ihn zum Teufel. Doch Sacchi reagiert nicht typisch - weder rächt er sich, noch begeht er irgendwelche überhasteten Verbrechen auf eigene Faust - sondern nutzt sein Image für seine weitere Vorgehensweise. Ihn als Wahnsinnigen zu bezeichnen, ist zu oberflächlich, auch wenn Milian das rigorose Morden seiner Figur häufig mit einem leicht irren Blick begleitet und wenig Coolness ausstrahlt. Doch das sollte nicht verkennen lassen, dass seine Taten oft spontan, auch ungewollt oder gezwungenermaßen geschehen, er aber instinktiv stets das schlüssige Alibi im Auge behält. Sacchi tötet im Film letztlich nur Menschen, die ihm als Zeugen gefährlich werden könnten, auch wenn diese ihm persönlich nahe stehen. Gefährlicher ist er im täglichen Umgang, in seiner Art seine Umgebung zu beeinflussen - dagegen mordet er direkt und ohne sadistischen Gestus.

Das Neuartige an dieser Figur liegt darin, das diese sich aus dem zunehmenden Bewusstsein einer Unterschicht entwickelt, den Aufstieg auf legale Weise nicht schaffen zu können. Kein passives Abgleiten in die Kriminalität als Ausdruck des bürgerlichen Scheiterns, sondern ein aus innerer Überzeugung gerechtfertigtes aktives Vorgehen treibt den arbeitslosen Sacchi an. Seine Argumente klingen nach Klassenkampf, womit er die politischen Absichten dahinter pervertiert. Zudem begreift er, der auch eine hübsche, bürgerliche Freundin hat (Anita Strindberg), die Mechanismen einer sich rasant verändernden Gegenwart, indem er mit überholten gesellschaftlichen Klischees spielt. Sehr genau erfasst Ennio Morricones Musik diesen Charakter, die das unter dem fast harmlos wirkenden Äußeren verborgene Grauen anklingen lässt. Damit griff Lenzi, angesichts der Stärkung der Arbeiterklasse Ende der 60er Jahre und einer daraus entstehenden Durchlässigkeit der Schichten, unmittelbar die Ängste einer konservativ geprägten Gesellschaft auf. So sehr er Sacchis gnadenloses Vorgehen ins Extreme zuspitzt und nicht mit schockierenden Momenten spart, so faszinierend bleibt diese Figur trotzdem in ihrer aalglatten Flexibilität - ihn als "Berserker" zu bezeichnen, könnte missverstandener kaum sein.

Das Lenzi dessen Gegenpart Commissario Walter Grandi (Henry Silva) deutlich reduzierter angelegt hat, liegt an dessen Verkörperung des bisherigen Status. Brandi ist zwar einer von der harten Sorte, aber noch ganz dem konservativen Kampf gegen das Verbrechen verpflichtet. Er reiht sich damit in eine Umgebung ein, die im Gegensatz zu Sacchi noch nicht in der Moderne angekommen zu sein scheint. Lenzi verzichtet als Kontrast zu Sacchi auf jede Überzeichnung der anderen Protagonisten, unabhängig davon, ob es sich um den Großindustriellen Porrino (Guido Alberti) handelt, dessen Tochter Marilù (Laura Belli) entführt wurde, um den Staatsanwalt, um Sacchis Freundin oder seine beiden Kumpanen. Sie alle verhalten sich entsprechend ihrer jeweiligen Position angemessen und nachvollziehbar, womit sie Sacchi nicht gewachsen sind, dessen Verhalten Jeden von ihnen überrascht. Grandis abschließende Konsequenz ist entsprechend keine Befreiung, sondern Ausdruck einer tiefgehenden Hilflosigkeit.

Die Figur des Giulio Sacchi wurde in den folgenden Jahren von Tomas Milian mehrfach variiert und wiederholt gespielt. In ähnlich bösartig hinterlistiger Form als der Bucklige ("Il gobbo") Vincenzo Moretto, in "Roma a mano armata", diesmal mit Maurizio Merli als Gegenspieler, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte. In der abgeschwächten Figur des gewitzten Kleinkriminellen Sergio Morazzi, erstmals in "Il trucido e lo sbirro" auftretend, und am populärsten als ungewöhnlicher Polizist Nico Giraldi, dessem "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) noch zehn weitere Filme folgen sollten. So unterschiedlich sie charakterlich auch angelegt waren, so vereinte sie doch eine Eigenschaft - sie waren in der Gegenwart angekommen.

"Milano odia: la polizia non può sparare" Italien 1974, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Darsteller : Tomas Milian, Henry Silva, Laura Belli, Gino Santercole, Anita Strindberg, Ray Lovelock, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbrirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Freitag, 28. September 2012

Il trucido e lo sbirro (Das Schlitzohr und der Bulle) 1976 Umberto Lenzi


Inhalt: Als sich Sergio Marazzi (Tomas Milian) während der Vorführung eines Italo-Western im Gefängnis kurz verdrücken will, wird er niedergeschlagen und zu seiner Überraschung befreit. Doch sein Entführer, Antonio Sarti (Claudio Cassenelli), verfolgt damit eigennützige Ziele, denn der Polizist glaubt nur mit der Hilfe Marazzis, der sich gut in den kriminellen Kreisen Roms auskennt, an Brescianelli (Henry Silva) heranzukommen, dessen Bande ein krankes Mädchen entführt hat, das dringend ärztliche Hilfe benötigt.

Brescianelli hatte sich zudem einer Gesichtsoperation unterzogen, so dass ihn nur noch wenige Vertraute erkennen können. Um in diesen inneren Kreis vorstoßen zu können, brauchen sie zusätzlich Verstärkung von drei weiteren Verbrechern, die bei einem Zugüberfall von der Polizei gestört und beinahe erwischt werden. Marazzi und Sarti, die diese Situation eingefädelt haben, behaupten, Brescianelli hätte sie verpfiffen, um sie dazu zu bringen, gemeinsam an diesem Rache zu üben. Das Sarti Polizist ist, ahnen sie nicht… 

Tomas Milian spielte Mitte der 70er Jahre in einigen Filmen sehr expressive und verhaltensauffällige Typen, deren Erfolg dazu führte, das er diese Rollen noch mehrfach wiederholte - selbst wenn er am Ende von der Polizei niedergestreckt wurde, wie in "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976), den er kurz vor "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle) ebenfalls unter der Regie von Umberto Lenzi drehte. Der darin von ihm verkörperte hinterhältige Bösewicht Vincenzo Moretti, genannt "Il Gobbo" (Der Bucklige), war in seiner kranken Psyche schon eine Variante des Verbrechertypen aus der ersten Zusammenarbeit von Lenzi und Milian in "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) und führte in "La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978) zu einem erneuten Erscheinen des abgefeimten Buckligen, wieder gemeinsam mit Umberto Lenzi. 

Auf Grund des tödlichen Ausgangs bei seinem letzten Auftreten, nahm Vincenzo Moretti in „La banda del gobbo“ gezwungenermaßen einen veränderten Familiennamen an, der aber trotzdem vertraut klang - Vincenzo Marazzi. Einen Typen namens Marazzi hatte Milian zuvor schon zweimal gespielt, allerdings Sergio Marazzi, genannt "Monnezza", womit es in "La banda del gobbo" zu einer Familienzusammenführung der Marazzi - Brüder per Doppelrolle kam. Da Milian zeitgleich auch mit der Interpretation des Polizisten Nico Giraldi begann, allerdings unter der Regie von Bruno Corbucci ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)), wirkt das Chaos aus heutiger Sicht perfekt, besonders da in den deutschen Titeln - Rollen übergreifend - mit den originellen Bezeichnungen "Bulle" und „Schlitzohr“ um sich geschmissen wurde.
 
Zudem ist eine äußere Ähnlichkeit der drei Typen nicht zu leugnen, die sich durch einen ausgeprägten Nonkonformismus auszeichnen. Tatsächlich sollen sie aber ganz unterschiedliche Charaktere verkörpern. Während der „Bucklige“ richtig böse sein darf, steht der langlebige "Superbulle" Nico Giraldi trotz seiner ungewöhnlichen Methoden auf der richtigen Seite des Gesetzes. Dagegen nimmt Sergio Marazzi, den Milian in "Il trucido e lo sbirro" zum ersten Mal spielte, eine weniger eindeutige Position ein. Einerseits kriminell und einem schnellen Geschäft nie abgeneigt, hat er sein Herz doch auf dem rechten Fleck. Deshalb entführt ihn der Polizist Antonio Sarti (Claudio Cassinelli) aus dem Gefängnis, denn er braucht Marazzi, um an den skrupellosen Verbrecher Brescianelli (Henry Silva) heranzukommen, der ein Mädchen entführt hat, das dringend ärztliche Hilfe benötigt, damit es nicht stirbt.

Damit sind die jeweiligen Positionen der drei Protagonisten festgelegt. Henry Silva, ebenfalls von Umberto Lenzi in unterschiedlichen Rollen eingesetzt („L’uomo della strada fa giustizia“, 1975), darf diesmal den fiesen Charakter übernehmen, der Polizist Sarti verkörpert den „Bullen“ (Lo sbirro) und Milian ist das „Schlitzohr“, dessen Hang zur Kriminalität ausnahmsweise der guten Sache dienen soll. Im Original bezeichnet „Il trucido“ einen grausamen Schlächter, woran deutlich wird, dass Milians Rolle im italienischen Filmtitel gar nicht erwähnt wird, sondern die von Silva gespielte Rolle des Entführers und Gangsterbosses Brescianelli. Das trifft den Kern des Films genau, denn Marazzis Position zwischen diesen Polen lässt sich nie festlegen, genauso wie sich die Ziele seiner außergewöhnlichen Wege weder dem Zuschauer, noch den Protagonisten im Film sofort erschließen.

In diesem Zusammenhang sollte der deutsche Titel „Das Schlitzohr und der Bulle“ wahrscheinlich einen komödiantischen Charakter vermitteln, über den Lenzis Film im Original eher hintergründig verfügt. Marazzis Methoden und Umgangsformen wirken äußerlich zwar ein wenig verrückt, sind letztlich aber effektiver und zielführender, als die Aktionismen des „Bullen“. Lenzi entwirft als Grundlage erneut das Kaleidoskop einer durch und durch verkommenen Sozialisation, in der Entführung, Mord und Korruption auf allen Ebenen an der Tagesordnung sind, womit er den Zeitgeist in Italien Mitte der 70er Jahre genau traf. Das sich Marazzi und Sarti mit drei Schwerverbrechern verbünden müssen, um den Fall lösen zu können - dabei weitere Verbrechen in Kauf nehmend - ist bei Lenzi weder eine raffinierte Vorgehensweise, noch eine Aufforderung, das Gesetz in eigene Hände zu nehmen, sondern Zeichen einer tief greifenden Amoralität in der italienischen Gesellschaft.

Keine Politiker oder sonstige hohe Würdenträger vertreten in "Il trucido e lo sbirro" Anstand und Gesetz, sondern ein leicht irrer Kleinkrimineller, der äußerlich als Bürgerschreck daher kommt. Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, so wie Lenzis Film sich mit gewohnt hohem Tempo seinen Weg durch diverse Action-Sequenzen bahnt. Doch dahinter verbirgt sich ein moralischer Anspruch, der weniger im äußerlich plakativen Geschehen, als zwischen den Zeilen zu finden ist.

"Il trucido e lo sbirro" Italien 1976, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti, Darsteller : Tomas Milian, Claudio Cassinelli, Henry Silva, Claudio Undari, Nicoletta Machiavelli, Laufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Sonntag, 29. November 2009

L'uomo della strada fa giustizia (Manhunt in the city) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Während David Vannucchi (Henry Silva) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, hilft seine 8jährige Tochter auf ihrem Heimweg von der Schule einem blinden Mann über die Straße und in ein Bankgebäude. Tatsächlich ist der Mann keineswegs behindert, sondern täuscht seine Blindheit nur vor, um ohne die Schleuse in die Filiale zu gelangen, wo er sofort seine Machinenpistole zückt und die restlichen Bandenmitglieder hereinlässt. Doch bevor sie wieder verschwinden, erschießt er kaltblütig das kleine Mädchen, da sie etwas an ihm bemerkt hatte -"einen Skorpion", wie ihre letzten Worte lauten.

Vanucchi muss gemeinsam mit seiner Frau im Leichenschauhaus seine Tochter identifizieren und auch weiter hilflos mit ansehen, dass die Polizei von den Verbrechern keine Spur hat
. Zuerst verweigert er die angebotene Hilfe einer faschistisch orientierten Bürgerwehr, aber als er zunehmend erfahren muss, wie wenig die Polizei für die Sicherheit ihrer Bürger sorgen kann, nimmt er das Recht in die eigenen Hände...


Der englische Titel (übersetzt "Menschenjagd in der Stadt") verleugnet die feine Ironie, die sich hinter dem Originaltitel verbirgt. "Der Mann von der Straße sorgt für Gerechtigkeit" drückt konkret aus, was sogenannte Rache-Filme unterschwellig vermitteln - mit Selbstjustiz wird nur nachgeholt, was der Polizei zuvor nicht gelungen war. Filme dieser Art unterstellen dabei nicht nur, dass die Polizei unfähig oder korrupt ist und dazu der gesamte Justizapparat durch Bürokratie gelähmt wird, sondern dass "der Mann von der Straße" auch ein besseres Gefühl für Gerechtigkeit hätte. Um entsprechende Emotionen beim Betrachter zu manipulieren, wird plakativ eine zugespitzte Situation erzählt, die letztlich nur eine Konsequenz zulässt. Auch Regisseur und Autor Umberto Lenzi entwirft in wenigen Minuten einen Plot, der diese Intention zu bestätigen scheint, aber wer so offensichtlich fahrlässig schon im Filmtitel damit umgeht, muss noch etwas anderes im Schilde führen...

An "L'uomo della strada fa giustizia" wird deutlich, wie sehr sich die in Italien Mitte der 70er Jahre aufgeheizte Atmosphäre auch in Filmen widerspiegelte, die hauptsächlich der Unterhaltung dienen sollten. Anders als etwa in den parallel entstandenen Werken von Damiano Damiani, der hinter den äußeren Erscheinungen von Gewalt die politischen Hintergründe aufdecken wollte, ist Umberto Lenzi einfach plakativ direkt und fügt eine solche Menge an Verbrechen und Willkür aneinander, dass man beinahe bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Italien vermuten könnte. In dieser Hinsicht ähnelt der Film zwar auch Lenzis anderen Polizieschi dieser Phase, aber im Gegensatz etwa zu "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) steht nicht der Kampf Polizei gegen Gangster im Mittelpunkt, sondern der Wunsch nach Selbstjustiz durch den Bürger, ein Thema, dem sich schon "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) 1972 widmete.

Dabei greift Umberto Lenzi von Beginn an auf einfachste Mittel der emotionalen Manipulation zurück. Während Vater David Vannucchi (überzeugend in seiner stoischen Unerbittlichkeit vom amerikanischen Mimen Henry Silva dargestellt) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, bei der er im Straßenbau Explosionen auslöst, geht seine hübsche, blonde Tochter von der Schule nach Hause. Auf der S
traße wird sie von einem Blinden angesprochen, den sie auf dessen Bitte zum Eingang einer Bank geleitet. Durch dieses Manöver umgeht der Gangster die Schleuse, zückt im Inneren sein Maschinengewehr und lässt die restliche Bande hinein, während die Kleine nur stumm vor Schrecken in der Ecke steht. Als die Polizei sich nähert, fliehen sie, aber nicht bevor der angeblich Blinde das Mädchen noch mit ein paar gezielten Schüssen niederstreckt. Ihr war etwas an ihm aufgefallen, was sich in ihren letzten Worten manifestiert - „ein Skorpion“. Als hätte der kaltblütige Mord an einem Kind nicht schon genug Wirkung, zeigt der Film parallel zum Tod der Tochter, den Vater beim Kauf einer Puppe, um unmittelbar darauf ins Leichenschauhaus umzuschalten, wo er gemeinsam mit seiner weinenden Frau Vera (Luciana Paluzzi) zur Erkennung antreten muss.

Immer wieder in den nächsten Minuten blendet der Film idyllische Szenen ein, die den Vater mit der Tochter zeigen, während die Polizei vergeblich versucht, die Täter zu finden. Es dauert nicht lange, bis zwei Männer vor der Tür des Ingenieurs stehen, die ihm seine Hilfe anbieten. Bei Einem von ihnen handelt es sich um den Anwalt Mieli (Claudio Gora), der eine Bürgerwehr vertritt, die sich den Fällen annimmt, die aus ihrer Sicht von der Polizei nicht bewältigt werden können. Zudem erfährt Vannucchi von diesem, dass am Todestag seiner Tochter nicht der übliche Wachposten in der Bank anwesend war, weil dieser die Frau eines hochrangigen Polizeioffiziers zum Friseur begleitet hätte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt scheint der Moment gekommen, das Gesetz in die eigen
e Hand zu nehmen, aber der Film vollzieht eine Wendung. Entscheidend dafür ist nicht, dass Vannucchi die Vertreter der faschistischen Gruppierung aus dem Haus schmeißt und eigene Ermittlungen aufnimmt, sondern das die so klar gezogenen Trennlinien zu bröckeln beginnen.

Tatsächlich lebte Vannucchi schon einige Jahre getrennt von seiner Frau, weshalb er seine Tochter nur selten sah. Schon als er ihr die Puppe kaufte, konnte man an einer Frage an die Verkäuferin erkennen, dass ihm das Leben seiner Tochter nicht wirklich vertraut war. Dadurch erhalten die eingeblendeten Zeitlupensequenzen, in denen er sie unter blauem Himmel hochwirft, einen zunehmend ironischen Charakter. Anders sind auch die Ereignisse nicht aufzufassen, die der Film im Minutentakt auf seine Protagonisten loslässt. Ständig wird irgendwo etwas gestohlen, gehen Bomben hoch oder werden Menschen zusammengeschlagen. Umberto Lenzi lässt dabei zwar kein Klischee aus, übertreibt auch in Tempo und Dichte, bleibt aber in den gesamten Konstellationen realistisch.

Langhaarige Kerle belästigen in einem Cafe Vanucchis Frau mit eindeutig sexuellen Gesten, Rockerbanden brechen am helllichten Tag Autos auf
und schlagen noch die Besitzer zusammen, wenn sich diese dagegen wehren. Als Vanucchi in einer solchen Situation die Täter verfolgt, locken sie ihn in einen Hinterhalt und zerstören sein Auto. Niemand kommt ihnen zu Hilfe und als die Polizei endlich eintrifft, beschwert diese sich nur darüber, dass in Vanucchis Führerschein eine aktuelle Marke fehlt. Rechtsradikale Gruppierungen, wie Mielis Bürgerwehr, schüren das Chaos mit Bombenattentaten und schrecken vor keiner Brutalität zurück, um auf ihrer Weise Verbrecher zu bestrafen.

Innerhalb dieses Chaos, das letztlich nur den atmosphärischen Hintergrund für die eigentliche Story abgibt, wirkt der Polizeikommissar (Paolo Giordani) wie die einzige Konstante. Er versucht Vanucchi zu beruhigen, reizt diesen aber nur mit seiner abwartenden, ruhigen Haltung. Vanucchi dagegen gerät mit Hilfe eines schmierigen Privatdetektivs auf die Spur der Verbrecher, begibt sich selbst in die Unterwelt und muss erfahren, dass er sich mit einem übermächtigen Gegner angelegt hat. Jede seiner Aktionen führt zu einer brutaleren Gegenreaktion und wie Vanucchi, verliert auch der Betrachter zunehmend den Überblick zwischen Gegnern und angeblichen Freunden, bis er einen allerletzten Entschluss fasst.


Umberto Lenzis erzählt vordergründig die spannende und abwechslungsreiche Geschichte eines Mannes, der die Mörder seiner Tochter auf eigene Faust bestrafen will, untergräbt gleichzeitig aber dessen Vorgehensweise auf hintergründige Weise. Nicht nur, dass er die Taten der Bürgerwehr als willkürliche Verbrechen geißelt, auch Vanucchi selbst wirkt oft unüberlegt und übertrieben in seinen Aktionen. Doch erst das intelligente Ende, dass nur scheinbar dem gewohnten Klischee eines Rachefilms entspricht, bestätigt die Ironie des Filmtitels – „Der Mann auf der Straße sorgt für Gerechtigkeit“ – eine Illusion.

"L'uomo della strada fa giustizia" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti, Darsteller : Henry Silva, Luciana Paluzzi, Silvano Tranquilli, Claudio Gora, Alberto Tarallo, Laufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.