Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Donnerstag, 25. Februar 2010

Il Cristo proibito (Der verbotene Christus) 1951 Curzio Malaparte

Inhalt: Bruno Baldi (Raf Vallone) kommt nach langer russischer Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause in seine toskanische Heimat. Er hatte erfahren, dass in seiner Abwesenheit sein jüngerer Bruder als Partisan erschossen wurde, nachdem er von einem anderen Dorfmitglied an die Deutschen verraten wurde, weshalb er auf Rache sinnt.

Doch inzwischen sind 7 Jahre vergangen, neue, demokratische Zeiten sind angebrochen, und Niemand aus seinem Heimatort will noch etwas mit dieser Tat zu tun haben. Bruno trifft auf eine Mauer des Schweigens und muss feststellen, dass sich einige Dinge verändert haben - Maria (Anna-Maria Ferrero), die er bat, auf ihn zu warten, hatte sich mit seinem Bruder eingelassen, als es hieß, er wäre gefallen, und selbst seine Mutter bittet ihn inständig, sie nicht nach dem Verräter zu befragen. Einzig sein alter Freund Antonio (Alain Cuny) will noch mit ihm reden...

Als Curzio Malaparte 1951 seinen einzigen Film nach einem selbstverfassten Drehbuch drehte, hatte der gelernte Journalist schon ein bewegtes Leben hinter sich. Nachdem er als junger Mann mit Mussolinis Faschisten sympathisiert hatte und sich auch am "Marsch auf Rom" beteiligte, fiel er wegen seiner kritischen Berichte zunehmend in Ungnade, wurde aus der Partei ausgewiesen und für fünf Jahre auf die Insel Lipari verbannt. Zwar konnte er nach einem Jahr - dank einflussreicher Freunde - die Insel wieder verlassen, blieb aber unter Hausarrest und arbeitete als Journalist unter einem Pseudonym. Allerdings handelte es sich schon bei "Malaparte" um einen Künstlernamen, den Kurt Eric Suckert, Sohn eines Deutschen und einer Italienerin, in Opposition zu "(Napoleon) Bonaparte" gewählt hatte.

Bekannt wurde Malaparte einem größeren Publikum durch seine sehr drastischen Schilderungen der Gewalt im 2.Weltkrieg, dessen Realitäten er als Kriegsberichterstatter in vielen Ländern fast täglich erlebte. Nach dem Krieg entschied er sich für den Kommunismus, worin eine Parallele zu Regisseuren wie Visconti oder Rossellini zu erkennen ist, an deren neorealistischen Werken er sich mit seinem einzigen Film scheinbar orientierte. "Il cristo proibito" wirkt in seiner Optik und der dokumentarischen Schilderung des Alltags der Menschen in einem kleinen Ort in der Toskana, wie ein Paradebeispiel für den realistischen Stil, aber Malapartes Film ist vor allem ein emotionaler Koloss – widersprüchlich und ohne Angst vor dem radikalen Ausleben eines Konfliktes.


Im Mittelpunkt steht Bruno Baldi (Raf Vallone), der fünf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt. Getrieben wird er von dem Wunsch nach Rache, denn er erhielt während der russischen Gefangenschaft die Nachricht, dass sein kleiner Bruder von den Deutschen standrechtlich erschossen wurde, nachdem er zuvor verraten wurde. Doch für die Dorfbewohner, selbst für seine Mutter (Rina Morelli), liegt diese Tat viele Jahre zurück, weshalb er auf eine Mauer des Schweigens trifft. Niemand will mehr etwas mit diesen Zeiten zu tun haben, weshalb keiner sein offensichtliches Wissen über den Täter offenbart.

Malaparte fasste hier mit Vehemenz ein Thema an, dass selten in dieser Konsequenz im italienischen Film umgesetzt wurde. Nachdem die Alliierten vom Süden her Italien besetzten und Mussolini in Folge dessen in Rom abgesetzt und festgenommen wurde, entstand im Norden des Landes eine Art Bürgerkrieg. Auf der einen Seite befanden sich die Mussolini - Treuen, auf der anderen die Widerstandkämpfer, die die deutsche Besatzungsmacht und deren Marionettenrepublik - mit einem von den Deutschen befreiten Mussolini an der Spitze - bekämpften. Und gleichzeitig drang die US-amerikanische Armee immer weiter vor. Der italienische Bürger wurde innerhalb dieser unsicheren, wechselnden Machtverhältnisse zu hoher Flexibilität hinsichtlich seiner Parteinahme gezwungen, was Malaparte in einer kurzen Szene anschaulich werden lässt. In einem kleinen Geschäft hängt ein Plakat mit Stalins Konterfei von der Decke, aber als der Händler einen Schrank öffnet, wird an der Innenseite ein Bild Mussolinis sichtbar.

Mit welcher Wucht Malaparte in dieses Panoptikum der Verdrängung und Lüge eindringt, wird an der Figur des Bruno offensichtlich. Anders als viele langjährige Kriegsgefangene kommt er nicht als gebrochener Mann in seine Heimatstadt zurück, sondern strahlt innere Ruhe und Kraft aus. Malaparte inszeniert Bruno als fleischgewordene Schuld, woraus sich die Reaktion der Bürger begründet – Viele gehen ihm mit Schweigen aus dem Weg, einige Wenige versuchen ihre Situation zu erklären, um ihn von seinen Rachegedanken abzubringen. Doch Niemand greift ihn an oder belügt ihn konkret – eine fast unerklärliche Sehnsucht nach Wahrheit und Erlösung ergreift Jeden, der sich ihm aussetzt. Seine Mutter fleht ihn an, sie nicht nach dem Verräter zu fragen, um ihn nicht nennen zu müssen, Maria (Anna-Maria Ferrero), die ihm Treue versprochen hatte, als er in den Krieg ziehen musste, beichtet ihm, dass sie sich mit seinem Bruder eingelassen hatte, als sie glaubte, er wäre gefallen, Nella (Elena Varzi), eine frühe Jugendfreundin, erzählt ihm von den Vergewaltigungen, die sie erleiden musste, auch um Maria zu schützen, und sein Freund Antonio (Alain Cuny), der als die integerste Person im Ort gilt, gesteht ihm, dass er vor langer Zeit einen Mord begangen hatte, weshalb er die Schuld des Verräters auf sich nehmen will.

Malaparte wählte für seinen Film zwar ein äußerlich realistisch gestaltetes Umfeld, dass an den Neorealismus erinnert, aber für die Beschreibung des inneren, psychischen Zustands der italienischen Gesellschaft nach dem 2.Weltkrieg und damit die Frage nach Schuld und Sühne, wählte er ein überhöhtes Szenario, dass zunehmend christliche Züge annimmt. Gut zu erkennen auch an den stoischen Reaktionen Brunos, mit denen er auf die unterschiedlichen Geständnisse reagiert. Zu Beginn – bevor Bruno seinen Heimatort erreichte - erwähnte er noch, dass es keine Unschuldigen gibt, aber zum Schluss schreit er mehrfach ein „Warum?“ hinaus – warum trifft es die Unschuldigen? – Seine einzige starke emotionale Reaktion im gesamten Film.

Dieser Widerspruch wurde dem Film oft angelastet, aber er entsteht zwangsläufig aus einer Hauptfigur, deren eigene Verstrickung erst mit der Beichte des Verräters, der sich Brunos Urteil unterwirft, offensichtlich wird. In der Figur des Bruno spiegeln sich zudem die Widersprüchlichkeiten Malapartes, der - selbst aus der Toskana stammend - seine Eindrücke aus dem Krieg, parteipolitische Erfahrungen, aber auch seinen christlichen Glauben, der ihn kurz vor seinem frühen Tod zum Katholizismus übertreten ließ, in die Charakterisierung einfließen ließ. Konkret reagierte er mit „Il cristo proibito“ auf die damalige Gegenwart und damit auf die schnelle Anpassungsfähigkeit seiner Mitbürger, die nur zu gern zur Tagesordnung übergingen und nur noch ungern an Verfehlungen aus der jüngeren Vergangenheit erinnert werden wollten – ein bis heute gültiges, generelles Szenario.

Der Film ist letztlich das Gegenteil von Realität, denn durch das Auftauchen einer Erlöserfigur werden die Menschen zu einem atypischen Verhalten animiert - sie sagen die Wahrheit und gestehen ihre Schuld. Malaparte entwickelte daraus eine Konstellation, die nicht von außen die Gesellschaft kritisiert, sondern ihr die Möglichkeit gibt, sich selbst zu stellen – eine beeindruckende Form der Selbstoffenbarung. Weder Schuld noch Unschuld werden dadurch geklärt, auch wird keine Absolution erteilt, einzig die Chance entsteht, nicht mehr mit der Lüge leben zu müssen. Entsprechend wird Curzio Malapartes Titel „Der verbotene Christus“ zum Kommentar, denn wer sehnt wirklich einen Mann herbei, der die Wahrheit fordert, aber weder Antworten weiß, noch von Schuld freisprechen kann ?


"Il cristo proibito" Italien 1951, Regie: Curzio Malaparte, Drehbuch: Curzio Malaparte, Rafael Ascona, Darsteller: Raf Vallone, Alain Cuny, Anna-Maria Ferrero, Rina Morelli, Gino Cervi, Gabriele Ferzetti, Laufzeit: 99 Minuten

Kommentare:

Sieben Berge hat gesagt…

Ein sehr aufschlussreicher Einblick in das Schaffen dieses Regisseurs. Sein biografischer Hintergrund scheint ja mehrfache Brechungen aufzuweisen, die sicher auch seinen Antrieb beeinflusst haben, sich auf diese Weise mit der italienischen Nachkriegsgesellschaft zu befassen. Was mich interessieren würde, da in der OFDb leider keine Fassung eingetragen ist: Wie bist du zu dem Film gekommen? Fernsehen (arte?), italienische DVD? Ein spezielles Programmkino in der Nähe? Der Film scheint ja einen deutschen Titel zu haben, also liegt wohl auch irgendwo ein deutsche Synchronisation.
Gleiche Frage auch zu "Die letzte Frau", der mich ebenfalls interessiert (Dort steht immerhin in der OFDB, dass arte den Film mal ausgestrahlt hat).
Gibt es italienische DVDs zu all dem (evtl mit englischen Untertitel, da mein italienisch doch sehr begrenzt ist)?

Ansonsten ein großes Lob von mir. Es ist wirklich toll, was du hier an Schätzen ausgräbst und lebendig machst!

Bretzelburger hat gesagt…

Zuerst mal vielen Dank für deine Reaktion.

Nun zu deinen Fragen - "Il cristo proibito" habe ich mir letzte Woche bei der Berlinale angesehen (mit französischen und deutschen UT), für mich sozusagen ein "must see", denn die Gelegenheit, diesen aussergewöhnlichen Film, über den ich zuvor nichts wusste, zu sehen, konnte ich mir nicht nehmen lassen. Es gibt - wie ich inzwischen erfahren habe, dazu auch eine italienische DVD. Entscheidender war aber für mich der Fakt, überhaupt auf diese Weise von Malaparte und seinem Film erfahren zu haben, was beweist, dass überall im Filmkosmos noch großartige Filme versteckt sind, von denen man nichts ahnt - und die man allein auch nie entdecken würde.

Von "Die letzte Frau" habe ich tatsächlich die Aufnahme der Arte-Ausstrahlung. Für mich ist es sowieso merkwürdig, dass es bei Arthouse eine sehr schöne DVD-Collection von Ferreri gibt, aber ausgerechnet dieser Film fehlt. Deshalb habe ich ihn auch als ersten von Ferreri hier hinein gestellt.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.