Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 12. April 2016

Tre pistole contro Cesare (Drei Pistolen gegen Cesare) 1967 Enzo Peri

Inhalt: Als seine vier Gegner nach einem verlorenen Kartenspiel ihre Revolver ziehen, weiß sich Whity Selby (Thomas Hunter) zu helfen – mit seinem vierläufigen Colt benötigt er nur einen Schuss. Zwar handelte er aus Notwehr, aber der Sheriff weist den Revolverhelden aus der Stadt. Kein Problem, denn Selby wollte sowieso gehen. Gerade hatte er erfahren, dass er von seinem ihm unbekannten Vater eine Goldmine geerbt hatte. Im Zielort angekommen, kann er sich im Saloon noch am Auftritt von Mady (Delia Boccardo) erfreuen, bevor ihn acht schwarz gekleidete Männern wenig freundlich in Empfang nehmen. Auf seinem Weg zur väterlichen Goldmine können auch sie ihn nicht aufhalten.

Erst im Bergwerk trifft er auf Widerstand, denn zwei Männer machen ihm die Mine streitig und es kommt zu einer wilden Prügelei. Zwischen Halbbrüdern, wie sich dank des alten Stanford (Vittorio Bonos) bald herausstellt, einem Freund des vor 10 Jahren verstorbenen Vaters. Etienne Devereaux (Nadir Moretti), Lester Kato (James Shigeta) und Selbys haben die Mine zu gleichen Teilen geerbt, aber das hilft ihnen nur wenig. Der Sheriff nimmt sie fest, weil die Mine inzwischen dem skrupellosen Großgrundbesitzer Julius Cäsar Fuller (Enrico Maria Salerno) gehören soll, und schmeißt sie ins Gefängnis…


Rückblick auf das italienische Genre-Filmfestival "Terza visione 3" vom 01.04. bis 03.04.2016

Ein Ausflug ins Western-Genre leitete den dritten Tag des Festivals ein und sorgte nicht nur für heiter-erwartungsvolle Stimmung, sondern auch für ein visuelles Erlebnis. Die 35mm Kopie tröstete mit ihren wundervollen Farben und klaren Konturen über die Schnitte in der deutschen Kino-Fassung hinweg, die den Erfindungsreichtum der Macher im Nachhinein einschränkten. Der Gesamtwirkung des Films konnte das glücklicherweise nicht viel anhaben. Trotzdem widme ich mein erstes Bild der schmählich entfernten Femi Benussi beim lasziven Tanz.


Es gehört zu den Mythen des Italo-Western, dass seine Spätphase ab den 70er Jahren zunehmend von humorvollen Werken dominiert wurde. Genauso gilt der Umkehrschluss, in der Hochphase von 1966 bis 1968 wäre es nur "Django-like“ dreckig, unbarmherzig und gewalttätig zugegangen - komödiantisch angelegte Italo-Western dieser Phase sorgen meist für Überraschung. Ein Eindruck, der noch durch die deutsche Verleih-Praxis gefördert wurde. Eine Western-Komödie wie "Due rrringos nel Texas" (1967), in dem das Komiker-Duo Franco Franchi / Ciccio Ingrassio die Klischees ironisch kommentierte, kam unter dem Titel "Zwei Trottel gegen Django" erst 1970 in die deutschen Kinos, ihr zuvor schon auf den Hype reagierender "I due figli di Ringo" (1966) blieb hierzulande unveröffentlicht.

"Sugar Colt" (Rocco, der Mann mit den zwei Gesichtern, 1966), der komödiantische und ernsthafte Elemente miteinander verband, erlebte ebenso eine um Jahre verspätete Vermarktung wie "Tre pistole contro Cesare" (Drei Pistolen gegen Cesare, 1967). Trotzdem wurden einige absurde, weniger Western-affin wirkende Elemente noch aus der deutschen Fassung herausgeschnitten. Dabei ist der Film ein wunderbares Abbild einer Zeit, in der nahezu grenzenlose Freiheit für die Filmemacher herrschte. Allein in den Monaten Februar und März 1967 kamen neben "Tre pistole contro Cesare" 15 weitere Italo-Western in die italienischen Kinos, im gesamten Jahr waren es 67 - eine Dichte, wie sie kein anderes Genre über einen so langen Zeitraum erreichte. Das lässt nicht nur auf eine große Nachfrage und sichere Einnahmen schließen, sondern erforderte immense Ressourcen an Fachkräften. Das Beispiel von Enzo Peri, der hier neben dem Dokumentarfilm "Il piacere e il mistero" (1964) seine einzige Regie-Arbeit ablieferte, war keine Ausnahme.

Ihm zur Seite gesellte sich der erfahrene Autor Piero Regnoli, der kurz zuvor das Drehbuch zu Carlo Lizzanis "Un fiume di dollari" (Eine Flut von Dollars Blut, 1966) verfasst hatte, an dem auch Thomas Hunter in seiner ersten Hauptrolle beteiligt war, bevor er hier erneut als Pistolero besetzt wurde. Doch damit endeten schon die Parallelen zur gängigen Western-Ware, denn die Macher nutzten ihren Freiraum für eine eigenständige Interpretation. Besitzt Whity Selby (Thomas Hunter) äußerlich noch das Zeug zum typischen Westernhelden, verstieß er schon in der ersten Szene gegen eherne Regeln. Eine Übermacht von 4 zu 1 erledigten Revolverschützen normalerweise aus dem linken Hüftgürtel, hier benutzt Selby einen vierläufigen Colt. Ein Trick, der die Linie eines Films vorgab, der fantastische Elemente und ungewöhnliche Charaktere mit klassischen Western-Szenarien mischte.

Die beiden Männer, die Selby gleichwertig zur Seite gestellt wurden und sich bald als seine Halbbrüder herausstellen, gehörten normalerweise in die Riege der Unikate, wenn sie nicht als Feindbild dienten. Etienne Devereaux (Nadir Moretti) – den Namen verdankt er seiner französischen Mutter – legt Wert auf gepflegte Kleidung und hält sich für unwiderstehlich. Seine erste Szene, nachdem er ein paar Vergewaltiger außer Gefecht gesetzt hatte, endete folgerichtig mit einem Kuss der Geretteten. Lester Kato (James Shigeta), halb japanisch, halb-amerikanisch, sieht sich rassistischen Verunglimpfungen ausgesetzt, weiß sich aber mittels asiatischer Kampftechnik zu wehren. Eine frühe Vorwegnahme der Western-Eastern-Komödien der 70er Jahre, als in Filmen wie „Il mio nome è Shanghai Joe“ (Der Mann mit der Kugelpeitsche, 1972) Kung-Fu-Kämpfer den Westen aufmischten.

Ungewöhnlich groß war auch der Anteil an tragenden weiblichen Rollen. Die damals 19jährige Delia Boccardo startete in „Tre pistole contro Cesare“ ihre erfolgreiche Karriere und bewies neben viel Selbstbewusstsein ihr Gesangs-Talent bei zwei Saloon-Auftritten. Gianna Serra, zuvor ebenfalls an "Un fiume di dollari" beteiligt, spielte eine geheimnisvolle Retterin und Femi Benussi trat als tanzende Haremsdame auf. Ein Passus, der leider für die deutsche Fassung herausgeschnitten wurde und zum eigentlichen Glanzstück des Films überleitet. Enrico Maria Salerno, prominentester Darsteller am Set gab hier seine erste von drei Genre-Rollen, will man überhaupt von einem Western-Charakter reden. Er nennt sich nicht nur „Julius Cäsar“, sondern betrachtet sich als legitimen Nachfolger des römischen Imperators, aus dessen Schriften er sich vorlesen lässt. Sein oberhalb einer Klippe gelegenes und nur mit einem Aufzug erreichbares Refugium mit römischer Therme verlässt er fast nie, sondern überlasst die Dreckarbeit seinem Adjutanten Bronson (Umberto D‘Orsi), dessen weißer Anzug über seine innere Haltung hinwegtäuscht.


Dagegen wirkt die Anlage der Story eher konventionell. Drei Männer erben parallel eine Goldmine von ihrem unbekannten Vater, um zu erfahren, dass dort angeblich nichts zu holen ist. Stellt sich nur die Frage, warum Julius Cäsar jedes Mittel Recht ist, in deren Besitz zu gelangen? – Zwar birgt die Dramaturgie einige Überraschungen, aber entscheidend sind die vielen innovativen bis absurden Details, mit denen „Tre pistole contro Cesare“ aufwarten konnte. Anders als die Komiker Fanco Franchi / Ciccio Ingrassio oder viele Western-Komödien der 70er Jahre machten sich Peri und Autor Regnoli damit nicht über ausgelatschte Western-Klischees lustig, sondern bereicherten das Genre mit ihren originellen Ideen. Trotz Julius Cäsar Attitüde verfiel Enrico Maria Salerno nicht ins Lächerliche und ließ an seiner Gefährlichkeit keinen Zweifel aufkommen. Auch das Zusammenspiel der drei ungleichen Halbbrüder kam ohne klischeehafte Anspielungen aus - unter der unterhaltsamen Leichtigkeit blieb immer die Ernsthaftigkeit des Western spürbar.

"Tre pistole contro Cesare" Italien 1967, Regie: Enzo Peri, Drehbuch: Enzo Peri, Piero Regnoli, Darsteller : Thomas Hunter, Enrico Maria Salerno, Umberto D'Orsi, James Shigeta, Nadir Moretti, Delia Boccardo, Femi Benussi, Gianna Serra, Laufzeit : 82 Minuten

Donnerstag, 7. Mai 2015

Se vuoi vivere... spara! (Andere beten - Django schießt) 1968 Sergio Garrone

Inhalt: Gerade erst in dem kleinen Nest angekommen, wird der Goldsucher Johnny Dall (Ivan Rassimov) im Saloon unmissverständlich dazu aufgefordert, an einer Poker-Partie teilzunehmen, bei der auch der Kopfgeldjäger Stark (Giovanni Cianfriglia) mit am Tisch sitzt, während der Sheriff im Hintergrund bleibt. Dall weiß nicht, dass sie ein abgekartetes Spiel spielen, bei dem es am Ende nur einen Sieger gibt. Zwei der ahnungslosen Mitspieler werden mit gefälschten Karten so gegenseitig aufgebracht, dass Einer von ihnen im Duell stirbt, so dass sich Stark danach um den Überlebenden kümmern kann – gegen eine satte Prämie, die der Sheriff spontan wegen Mordes festlegt.

Dall gelingt es zwar, sich dank seiner Schießkünste den Gangstern zu entziehen, aber Stark und seine Kumpanen bleiben ihm bei seiner Flucht aus der Stadt auf den Fersen. Um seine Verfolger loszuwerden, trickst Dall sie aus und kann sie überwältigen, wird aber selbst von einer Kugel getroffen. Stark entkommt und er erreicht mit letzter Kraft eine Ranch, wo er auf den Rancher McGowan (Adriano Micantoni) und dessen Kinder Sally (Isabella Savona) und Tommy (Franco Cecconi) trifft, die ihn gesund pflegen. Bald schon hat sich Dall auf der Ranch gut eingelebt, aber nicht nur von Stark, der ihm Rache gedroht hatte, droht Unheil…


Nachdem Sergio Garrone in den Jahren zuvor drei Italo-Western produziert hatte, an denen er zweimal auch als Drehbuchautor beteiligt war, schien es nur folgerichtig, dass er selbst auch die Regie übernahm. Allerdings nicht in eigener Produktion, sondern unter der Hoheit von Elsio Mancuso, der wiederum die Filmmusik zu "Se vuoi vivere... spara!" (Andere beten - Django schießt) schrieb. Beide wiederholten dieses Team-Work beim folgenden "Tre croci per non morire" (1968) noch einmal, bevor sich Mancuso ausschließlich auf die Filmkomposition konzentrierte, darunter auch in weiteren Garrone-Filmen. Keine seltene Konstellation während des damaligen Italo-Western-Hypes, dessen wirtschaftlich kalkulierbarer Erfolg offensichtlich den selbst finanzierten Einstieg ins Filmgeschäft ermöglichte.

Verglichen mit seiner letzten Eigen-Produktion "Killer Kid" (Chamaco, 1967) standen Garrone als Regisseur aber geringere Geldmittel zur Verfügung, denn die Locations beschränkten sich auf den Saloon und die Schmiede eines wenig bevölkerten Orts, den trostlosen Schlupfwinkel einer mexikanischen Gangster-Bande und eine einsam gelegene Ranch inmitten einer karg wirkenden Umgebung, die ohne großartige Panorama-Bilder eingefangen wurde. Auch Iwan Rassimov gehörte trotz zweier Einsätze als Revolverheld unter der Regie von Edoardo Mulargia ("Cjamango" (Django - Kreuze im blutigen Sand, 1967)) damals nicht zur ersten Garde der Western-Darsteller, aber mit seinem Bruder Riccardo, der schon in Sergio Garrones erster Produktion "Dequeyo" (Für Dollars ins Jenseits, 1966) eine tragende Rolle übernommen hatte, „Bösewicht“ Giovanni Cianfriglia und besonders „Killer Kid“- Kameramann Sandro Mancori hatte er erfahrene Mitstreiter an Bord.

Der folgerichtige Einfluss von „Killer Kid“ auf "Se vuoi vivere... spara!" (wörtlich: Wenn du leben willst…schieß!) wird weniger an der von der Grundanlage her konventionellen Story deutlich, sondern mehr an dem Willen zur Originalität, mit dem sich der „Späteinsteiger“ Garrone offensichtlich vom Italo-Western-Einerlei abgrenzen wollte. Ähnlich wie in „Killer Kid“ entsprach die Charakterisierung des „Helden“ nicht der Erwartungshaltung an einen klassischen Pistolero, die dank der deutschen Synchronisation noch zusätzlich bestärkt wurde. Nicht nur, dass hier kein Django mitspielte, wie es der deutsche Titel gewohnt werbewirksam suggerieren wollte, Johnny Dall (Ivan Rassimov) überzeugt zudem mehr durch Emotionalität, denn durch zynische Sprüche und gnadenlose Duelle. Abgesehen von einer der ersten Szenen, in der er sich gegen die Machenschaften um den Kopfgeldjäger Stark (Giovanni Cianfriglia) wehrt, spielen seine Schießkünste keine entscheidende Rolle. Verletzt kann er sich auf eine Farm retten, wo er nicht nur vom Rancher (Adriano Micantoni) und dessen jugendlicher Tochter Sally (Isabella Savona) wieder aufgepäppelt wird, sondern schnell zum allseits geschätzten Mitarbeiter mutiert – eine wenig coole Rolle, die Garrone noch mit ausführlichen Familienszenen unterstrich.

Als Co-Hauptdarsteller taucht früh Donovan (Riccardo Garrone) auf, ein sehr auf sein Äußeres achtender Herrenreiter, dessen Rolle lange im Ungewissen bleibt. Als er bei seiner Ankunft eine Decke über den Rücken seines Pferdes legt, amüsiert das die umstehenden Cowboys noch, aber er verschafft sich sofort Respekt, woran deutlich wird, dass von dem Mann noch mehr zu erwarten ist. Aus der Kombination Donovan/Johnny Dall entsteht später ein schlagkräftiges Duo mit vertauschten Rollen. Während der optisch dem Westernhelden entsprechende Stark zwar voller Elan Rache üben will, nachdem die Farmerfamilie, die ihn so freundlich aufgenommen hatte, niedergemetzelt wurde, ist es der Frauenheld Donovan, der cool und überlegt vorgeht – und damit die Position des Anführers übernimmt. Diese gegen das Western-Klischee geschürte Interpretation eines Buddy-Movies wäre dem Betrachter leichter zu vermitteln gewesen, hätte sich Garrone bei seinem ersten selbst verantworteten Western zwischen Komödie und Drama entschieden.

Schon die Eingangssequenz vermittelt diesen uneinheitlichen, für den gesamten Film signifikanten Eindruck. Während der dicke Sheriff nach einem Glas Bier im Saloon vor sich hinschlummert, spitzt sich die Situation bei einem Pokerspiel zu. Zwei Männer werfen sich gegenseitig Falschspiel vor. Es kommt zu einem tödlichen Schusswechsel, worauf der Kopfgeldjäger Stark seelenruhig zu dem Sheriff geht und ihn bittet, die Prämie für den Überlebenden festzulegen – tot oder lebendig. Da sie in beiden Fällen gleich hoch ist, braucht er nicht lange, um sich zu entscheiden. Geldverdienen leicht gemacht, denn daran das Stark und seine Compagnons für die mehr als vier Asse selbst zuständig waren, besteht kein Zweifel. Die Absurdität dieser Szene nimmt ihr trotz des tödlichen Ausgangs für einen Unschuldigen - auch als sie sich kurz darauf mit Johnny Dall als nächstes Opfer wiederholt - die Spannung, steht aber beispielhaft für die Überraschungen, mit denen "Se vuoi vivere... spara!" aufwarten kann.

Zwar gehörte die Story vom reichen Großgrundbesitzer, der mit seinen skrupellosen Helfern die kleinen Rancher terrorisiert, um ihnen für wenig Geld ihr Land abzukaufen, zum Standard-Repertoire des Italo-Western, aber Garrone nutzte diesen oberflächlich bleibenden Handlungsrahmen nur dazu, eine Vielzahl unterschiedlicher Szenen darunter zu vereinen. Wird der Beginn noch von der Auseinandersetzung zwischen Stark und Dall geprägt, spielt dieser Konflikt erst am Ende des Films wieder eine Rolle. Nach den Familienszenen und einer angedeuteten Liebesgeschichte zwischen Dall und Farmerstochter Sally, steht Donovan zunehmend im Mittelpunkt des Geschehens und Franco Cobianchi, auch als Co-Autor und Regieassistent an der Entwicklung des Films beteiligt, darf zwischendurch eine Kostprobe als mexikanischer Bandenchef im Fernando Sancho-Modus geben. Der Charakter dieser Szenen wechselt zwischen ernsthaften und komischen Momenten. Einmal findet Dall den erschossenen kleinen Sohn der Farmersfamilie auf, dann befreit eine ehemalige Geliebte Donovans das Duo aus den gar nicht so harten Fängen der mexikanischen Banditen, die er danach nicht mehr los wird. Wann endete ein Italo-Western damit, dass der Held am Ende fluchtartig vor einer Frau davon reitet? 

In einer Phase, Anfang 1968, in der die Italo-Western zunehmend begannen, nur noch die eigenen Insignien zu wiederholen und das Gewalt-Level weiter anzuziehen, gehörte "Se vuoi vivere... spara!" zu den frühen Beispielen, die dem Genre auch komische Seiten abrangen – ein Trend, der sich verstärken sollte. Doch verglichen mit ähnlich konzipierten Western wie „Sugar Colt“ (1966) oder „Arizona Colt“ (1966), die trotz ironischer Brüche keinen Zweifel an dem grundsätzlich dramatischen Geschehen aufkommen ließen, wirkt der Humor hier deftiger und zwischen ernsten Szenen punktueller gesetzt. Garrone persiflierte das Genre sogar direkt. Im Stall des deutsch-stämmigen Schmieds, der in der Originalfassung ein wunderbares Italienisch mit eingestreutem deutschen Vokabular spricht, tragen die einzelnen Pferde-Koppeln die Namen bekannter Western-Helden wie "Django", "Ringo" oder Garrones eigene Kreation "Killer Kid". Man spürt regelrecht das Augenzwinkern des Regisseurs – eine Sichtweise, die der Betrachtung des Films insgesamt sehr entgegen kommt.

"Se vuoi vivere...spara!" Italien 1968, Regie: Sergio Garrone, Drehbuch: Sergio Garrone, Franco Cobianchi, Darsteller : Ivan Rassimov, Giovanni Cianfriglia, Riccardo Garrone, Isabella Savona, Franco Cobianchi, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Garrone:

Dienstag, 21. April 2015

Killer Kid (Chamaco) 1967 Leopoldo Savona

Inhalt: Dem berüchtigten Revolverheld „Killer Kid“ (Anthony Steffen) gelingt der Ausbruch aus dem Militärgefängnis, kurz bevor er gehängt werden sollte. Auf seiner Flucht wird er scheinbar zufällig Zeuge, wie es zwischen Waffenschmugglern und mexikanischen Rebellen unter der Führung von Vilar (Fernando Sancho) zu einem tödlichen Schusswechsel kommt. Vilar will seine Rechnung mit Blei statt mit Gold bezahlen, wird aber von einer Verstärkung der Schmuggler gestört und überwältigt. Sie lassen ihn nur frei, um den nächsten Deal einfädeln zu können. Nach ihrem Verschwinden kommt Killer Kid dem einzigen Überlebenden, einem schwer verletzten jungen Mann, zu Hilfe, wird aber von einer Einheit der regulären mexikanischen Armee unter dem Kommando von Ramirez (Giovanni Cianfriglia) verhaftet, der brutal Jagd auf die Revolutionäre macht.

Trotzdem kann Killer Kid den jungen Mann retten und bringt ihn zu seinen mexikanischen Landsleuten, wodurch er an El Santo (Howard Nelson Rubien) gelangt, dem weisen Anführer der Revolutionäre. Vilar hatte sich zuvor schon zu dem geheimen Stützpunkt in einem kleinen Dorf zurückgezogen und seine eigene Version der Ereignisse verbreitet, der Kid widerspricht. El Santo, der auf seinen Truppenführer angewiesen ist, versucht die Gemüter zu beruhigen, aber die Ereignisse überschlagen sich, als Ramirez mit seinen Soldaten auftaucht und beginnt, systematisch die Bevölkerung hinzurichten, um an Informationen über die Rebellen heranzukommen… 


Mitte der 60er Jahre, spätestens nach dem Erfolg von "Django" (Kinopremiere 06.04.1966) war die Nachfrage nach Western so stark gestiegen, dass die Produktionsgesellschaften kaum noch hinterher kamen. In der Hochphase des Genres 1967 und 1968 liefen mehr als 120 Western in den italienischen Kinos an, was sowohl eine effektive Herstellung, als auch eine große Anzahl an Filmschaffenden erforderte. Viele Schauspieler tauchten quasi über Nacht auf der großen Leinwand auf - für Wenige der Beginn eines langen Erfolgswegs, während der größte Teil nach dem Abflauen des Western-Hype wieder aus den Kinosälen verschwand. Doch nicht nur neue Stars wurden geboren, auch altgediente Regisseure und Drehbuchautoren, deren Karrieren in den Jahren zuvor ins Stocken gerieten, erhielten eine neue Chance. Eine Konsequenz, die sich an der Entstehung von "Killer Kid" (Chamaco) beispielhaft ablesen lässt.

Regisseur Leopoldo Savona, Jahrgang 1922, hatte Mitte der 50er Jahre an der Seite Giuseppe de Santis' als Assistent und Autor begonnen ("Giorni d'Amore" (Tage der Liebe, 1954)), bevor er bei "Il principe dalla maschera rossa" (Robin Hood, der schwarze Kavalier, 1955) erstmals alleine die Regie übernahm. Neben einem zeitgenössischen Beitrag zur damals populären Diskussion über die angeblich verrohende Jugend ("Le notti dei Teddy Boys" (Die Nächte sind voller Gefahren, 1959)), blieb er besonders dem "Mantel- und Degen"-Film gewogen, hatte aber zuletzt 1963 mit "I diavoli di Spartivento" (Die Teufelskerle von Dorano) einen Erfolg vorzuweisen. Sein Anfang 1964 herausgekommener, der heute nahezu unbekannte "L'ultima carica“, blieb für zwei Jahre sein letzter Film. Erst mit dem Italo-Western "El rojo" (El Rocho - Der Töter) nahm seine Karriere 1966 wieder Fahrt auf.

Sergio Garrones Anfänge lassen sich zwar noch früher finden, aber nach einer kurzen Phase als Produktions- und Regie-Assistent Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre war er mehr als ein Jahrzehnt dem Filmgeschäft fern geblieben - auch aus finanziellen Gründen. Eine Situation, die sich offensichtlich dank des Erfolgs des Italo-Western geändert hatte, denn Garrone stieg Mitte der 60er Jahre nicht nur als Drehbuchautor, sondern auch als Produzent ein. Nach "Degueyo" (Für Dollars ins Jenseits, 1966) und "L'ultimo killer" (Rocco - Ich leg' dich um, 1967) – beide Filme verhalfen Regisseur Giuseppe Vari zu insgesamt neun Western  - kam es bei "Killer Kid" (Chamaco) zum Zusammentreffen von Sergio Garrone und Leopoldo Savona. Für Garrone das Ende seiner Produzententätigkeit - nur 1972 beteiligte er sich noch einmal an der deutsch-italienischen Produktion "Io monaca... per tre carogne e sette peccatrici" (Die Rache der geschändeten Frauen) - und der letzte Schritt auf seinem Weg zur eigenen Regie. Beginnend mit "Se vuoi vivere... spara!" (Andere beten - Django schießt, 1968) sollte er in den kommenden drei Jahren noch sechs Italo-Western drehen.

Die wesentlichen Insignien des Genres waren zu diesem Zeitpunkt schon gesetzt, weshalb Garrone und Savona eine eigenständige Interpretation versuchten und das klassische Pistolero-Thema mit der mexikanischen Revolution kombinierten. Obwohl kurz nach Damiano Damianis „Quien sabe?“ (Töte, Amigo, 1966) und vor Sergio Corbuccis „Il mercenario“ (Mercenario – der Gefürchtete, 1968) entstanden, blieb „Killer Kid“ die Anerkennung hinsichtlich seiner gesellschaftskritischen Relevanz verwehrt. Tatsächlich fokussierte sich die historisch im Ungefähren bleibende Handlung nur auf die Belange einer kleinen mexikanischen Gemeinschaft unter der Leitung des weisen El Santo (Howard Nelson Rubien), der mit Hilfe seines Truppenführers Vilar (Fernando Sancho) an Waffen aus US-Armeebeständen herankommen will, um gegen die mexikanische Armee anzukämpfen. Stellvertretend für deren brutales Durchgreifen steht der sadistische Offizier Ramirez (Giovanni Cianfriglia), der keine Hemmungen hat, auch Frauen und Kinder standrechtlich erschießen zu lassen, um an Informationen über die Rebellen heranzukommen.

Mit einer Hinrichtung hatte auch „Quien sabe?“ begonnen, aber „Killer Kid“ fehlte die generelle Kritik an der Vorgehensweise der USA im damaligen Vietnamkrieg, auf die in Damianis Film nur wenig verklausuliert angespielt wurde. Außer als kleine Gruppe von Waffenschmugglern, die sich am Konflikt in Mexiko persönlich bereichern wollen, spielen die USA politisch hier nur eine untergeordnete Rolle. Das galt in dieser Hinsicht auch für „Killer Kid“, der seinen deutschen Verleih-Namen „Chamaco“ wahrscheinlich der klanglichen Nähe zu „Cjamango"(1967) verdankte. Dieser kam zwar als „Django – Kreuze im blutigen Sand“ in die deutschen Kinos, kann aber als Vorbild für „Shamango“ gelten, zu dem wiederum "Gentleman Jo...uccidi" (1967) umbenannt wurde. Darin hatte Anthony Steffen ebenfalls den Helden verkörpert, weshalb die Nähe zum eingeführten Namen schlüssig scheint.

Doch anders als dem von Lou Castel gespielten US-Revolverheld in „Quien sabe?“ fehlt der Figur des „Killer Kid“ die eigennützig-rücksichtslose Charaktereigenschaft, wie sie auch Franco Nero in „Il mercenario“ trefflich verkörperte. Obwohl „Killer Kid“ als berüchtigter Mörder gilt, der kurz vor der Vollstreckung seines Todesurteils aus dem Militärgefängnis geflohen ist und auf den ein hohes Lösegeld ausgesetzt wurde, blieb Steffen in seiner Rolle von fast bescheidener Präsenz, ganz im Gegensatz zum gewohnt vehement auftretenden Fernando Sancho, der neben der Revolution noch eigene Interessen verfolgt. Killer Kid hatte ihn dabei beobachtet, wie er an seinen mexikanischen Kameraden vorbei eigene Geschäfte mit den Waffenschmugglern machen wollte, weshalb ihm der „Gringo“ ein Dorn im Auge ist und er alles dafür tut, ihn bei El Santo und dessen Nichte Mercedes (Luisa Baratto) zu diskreditieren. Dass er damit nicht falsch liegt, ahnt der Betrachter schon – auch El Santo äußert einmal Erstaunen über Kids selbstlosen Einsatz für seine Leute – aber seine Beweggründe sind nicht persönlicher Natur. Als verdeckt arbeitender Offizier der US-Armee versucht er den Waffenschmuggel zu unterbinden, kommt damit aber den mexikanischen Revolutionären in die Quere.

Gemessen an der charismatischen Figuren eines „Django“ und dessen zahlreichen Epigonen wirkt „Killer Kid“ trotz seiner Schießkünste weich, fehlt ihm die stilisierte Zuspitzung des einsamen Helden. Selbst Fernando Sancho wird als Vilar regelmäßig von Selbstzweifeln gepackt, lässt in einem Moment seine Leute mit Satteltaschen voll Gold im Stich, um kurz darauf an deren Seite gegen die mexikanische Armee anzutreten. Einzig Giovanni Cianfriglia bleibt einseitig bösartig in seiner Rolle als mexikanischer Offizier. Diese Ambivalenz wurde häufig als inkonsequent und wenig schlüssig kritisiert, obwohl sich darin die Einzigartigkeit des Films manifestiert. Savona und Garrone nahmen sich zwischen den Action-Szenen ausreichend Zeit, die gewohnten Charakter-Klischees zu durchbrechen, wodurch „Killer Kid“ einen unvorhersehbaren, hochspannenden Verlauf nimmt.

In der zentralen Szene des Films wird ihre inszenatorische Absicht deutlich. In einer nächtlichen Liebesszene mit Mercedes bittet Kid die junge Frau, ihren Onkel zu überreden, ihn nicht wegzuschicken. Dieser war Vilars Vorwürfen, dass es sich bei Kid um einen Spion handeln soll, zwar nicht gefolgt, wollte aber kein Risiko eingehen, nachdem aus für ihn noch ungeklärten Gründen der Munitions-Wagon abgestürzt und explodiert war. Die verliebte Mercedes setzt sich selbstverständlich für Kid ein, ohne zu ahnen, damit dessen heimliche Pläne zu unterstützen. In einer kurzen Szene hatte der Film zuvor Kids wahre Absichten offenbart, weshalb der Dialog zwischen Mercedes und Kid gleichzeitig Vertrauen und Verrat, Liebe und Egoismus widerspiegelt – ohne sich in eine Richtung festzulegen. Gleiches gilt für die Rolle des Vilar, dessen wechselnden Reaktionen jederzeit nachvollziehbar bleiben. Sancho gab hier nicht den brachialen mexikanischen Gangsterboss, der sich einfach nimmt, was er will, sondern verlieh dieser häufig von ihm verkörperten Figur eine tragische Komponente. Zwar zeigt er wenig Einfühlungsvermögen beim Versuch, Dolores (Virginia Darval) als Frau zu gewinnen, aber als diese ihn abweist, nimmt er sie sich nicht mit Gewalt, sondern legt sich allein ins Bett. Vilar will Anerkennung und spürt seine Einsamkeit, auch nachdem er allein mit dem Gold in die Berge geflüchtet war.

Selbst der Vorwurf, „Killer Kid“ hätte die Revolutions-Thematik nur als spannungsfördernden Hintergrund genutzt, lässt sich nicht aufrecht halten. Zwar verzichteten die Macher auf konkrete politische Aussagen, folgte ihre Sympathie für die Revolutionäre den Regeln des Gut-/Böse-Schemas, aber sie ließen keinen Zweifel an der perversen inneren Logik einer sich stetig steigernden Gewaltspirale. In Form einer bitteren Parabel, begleitet von Berto Pisanos melancholischer Musik, endet „Killer Kid“ wie er begonnen hatte und bestätigte damit den Eindruck eines großartigen Films, der sich nicht der üblichen Eindeutigkeit des Italo-Western hingab.

"Killer Kid" Italien 1967, Regie: Leopoldo Savona, Drehbuch: Leopoldo Savona, Sergio Garrone, Darsteller : Anthony Steffen, Fernando Sancho, Luisa Baratto, Giovanni CianfrigliaHoward Nelson Rubien, Laufzeit : 98 Minuten

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Il mercenario (Mercenario - Der Gefürchtete) 1968 Sergio Corbucci

Inhalt: Paco (Tony Musante) erhält wie die anderen mexikanischen Minenarbeiter nur ein paar Bohnen zum Essen, während es sich die Gesellschaft des Großgrundbesitzers Alfonso Garcia (Eduardo Fajardo) nebenan gut gehen lässt. Ihm gelingt es, einem der Aufpasser die Waffe zu entwenden und sie können die Festivitäten stören, aber Garcia lässt sich diese Auflehnung nicht lange gefallen und kann ihn wieder überwältigen – in letzter Sekunde entkommt Paco mit Hilfe zweier Kameraden der tödlichen Folter.

Gleichzeitig erhält der Söldner Sergei Kowalski, genannt „Der Pole“ (Franco Nero), den Auftrag, Silber aus Garcias Mine abzuholen und in die USA zu transportieren, aber als er dort ankommt, muss er feststellen, dass Paco und seine Männer inzwischen den Besitz übernommen haben und das Silber nach einer Explosion verschüttet wurde. Auch Kowalski soll aufgehängt werden, aber plötzlich zerreißt Kanonendonner die Stille, denn Garcia ist mit der Unterstützung der Armee zurückgekommen und greift die schlecht bewaffneten Männer an. Für Paco sieht es schlecht aus, aber Kowalski weiß einen Ausweg – nur möchte er zuvor gut dafür bezahlt werden…


"Il mercenario" (Mercenario - Der Gefürchtete) kam knapp drei Monate vor Sergio Corbuccis "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) in die italienischen Kinos, weshalb ein Vergleich zwischen beiden Filmen ebenso nahe liegend scheint, wie die Verbindung zu "Django" (1966), der für "Il mercenario"-Hauptdarsteller Franco Nero den Durchbruch unter Corbucci brachte. Parallelen lassen sich auch in der Reaktion auf das zunehmend eskalierende und weltweit Proteste hervorrufende us-amerikanische Militär-Engagement in Vietnam feststellen, auf das beide Filme in unterschiedlich verklausulierter Form reagierten. Tatsächlich könnten ihre Entwicklungslinien kaum unterschiedlicher sein - das beide Filme letztlich unter der Regie Sergio Corbuccis entstanden, ist ein weiteres Beispiel für die Genre-übergreifende Zusammenarbeit und kreative Kraft des italienischen Kinos.

„Il grande silenzio“ ist eine konsequente Weiterentwicklung von „Django“ – kompromissloser und politisch relevanter – während die Gene von „Il mercenario“ auf die politisch motivierten Filme von Gillo Pontecorvo ("Kapò" 1960) und Francesco Rosi ("Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?, 1961)) zurückgehen, zu denen der überzeugte Marxist Franco Solinas die Drehbücher schrieb.  Über „La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier, 1966), Sergio Sollimas "La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) und Damiano Damianis Revolutionswestern "Quien sabe?“ (Töte Amigo, 1966) führt die Linie direkt zu "Il mercenario". Neben der Konzentration auf den mexikanischen Hintergrund, ist die inhaltliche Verwandtschaft gut auch an der Charakterisierung des "Gringo" zu erkennen, der in Damianis Film von Lou Castel gespielt wurde und mehr Ähnlichkeit mit Franco Neros "Sergei Kowalski", genannt "Der Pole", aufweist, als mit dessen Verkörperung des "Django". Man sollte sich nicht von der Coolness beider Figuren täuschen lassen, die Nero unnachahmlich spielen konnte, denn im Vergleich zu dem egozentrischen, jederzeit seinen eigenen Vorteil im Blick behaltenden „Mercenario“ (Söldner) Kowalski ist der gutherzige, nur äußerlich den harten Burschen gebende "Django", ein echter Waisenknabe.

Neben dem Einfluss Franco Solinas lässt sich über dessen Mitstreiter Luciano Vincenzoni auch eine direkte Verbindung zu den Sergio Leone Western "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) und "Il buono, il brutto, il cattivo" (Zwei glorreiche Halunken, 1966)  herstellen, an deren Drehbüchern er beteiligt war. Die Fortsetzung dieser Linie hin zu Leones Revolutionswestern "Giù la testa" (Todesmelodie, 1971) erscheint ebenso logisch, wie Solinas folgende Drehbücher zu "Tepepa" (1969) und "Queimada" (Queimada - Insel des Schreckens, 1969), dessen Regie Gillo Pontecorvo übernahm. Zu "Il mercenario" hatte er sie abgelehnt, weshalb Sergio Corbucci einsprang, der seine eigenen Schlüsse aus der für ihn bis dahin untypischen Western-Mischung aus ernsthaftem Drama und komischen Einlagen zog - er ließ mit "Vamos a matar, compañeros" (Lasst uns töten, Companeros, 1970), erneut mit Franco Nero und Jack Palance besetzt, und "Che c'entriamo noi con la rivoluzione?" (Bete, Amigo!, 1972) zwei weitere Revolutionswestern folgen, die den komödiantischen Charakter zunehmend betonten - eine Parallele zum gesamten Italo-Western-Genre, das seine Hochphase überschritten hatte und begann, sich selbst zu persiflieren.

„Il mercenario“ gelang es dagegen optimal, die häufig nur vordergründig komischen Elemente so eng mit der kritisch geschilderten Situation Mexikos zu kombinieren, dass der jederzeit unterhaltende Film nie seine Ernsthaftigkeit verliert. Die Handlung beginnt etwa 1910, als nach der langjährigen Diktatur unter Porfirio Diaz, die eine extreme Klassengesellschaft aus wenigen reichen Großgrundbesitzern und einer großen Zahl unter miserablen Bedingungen lebenden Landarbeitern manifestiert hatte, eine bis in die 20er Jahre andauernde gesellschaftliche Umbruchsphase anbrach, die als „mexikanische Revolution“ bezeichnet wird und die auf Grund der widerstreitenden Interessen der Revolutionsführer zu chaotischen Verhältnissen führte. Während Emilio Zapata Reformen anstrebte, die sozialistischen Idealen nahe standen und die Rechte der Arbeiter gestärkt hätten, war dessen zeitweise Verbündeter Venustiano Carranza vor allem an der Ablösung des Diaz-Regimes gelegen. Er überließ 1913 dem Oberbefehlshaber der Armee General Huerta den Präsidentenposten, nachdem er selbst zum obersten Heerführer ernannt worden war. Nachdem die Zapatisten erneut gegen dessen nicht weniger autoritären Führungsstil revoltierten und Huerta 1914 ins Exil nach Europa geflüchtet war, übernahm Carranza den Präsidentenposten bis 1920 und wurde darin von den USA unterstützt, die zweimal mit ihrem Heer nach Mexiko eindrangen.

Die Parallelen zum Vietnamkrieg Ende der 60er Jahre lagen nah, denn mit ihrem militärischen Eingreifen wollte die USA verhindern, dass der kommunistische Norden die Kontrolle über das gesamte Land erringt, um ihre eigenen Interessen an diesem strategisch wichtigen Ort zu wahren. Der von den unsozialen Verhältnissen in Mexiko profitierende US-Unternehmer oder mexikanische Großgrundbesitzer gehört zu den Standard-Figuren im Italo-Western, aber „Il mercenario“ vermied trotz dieser Ausgangssituation ein einfaches Gut/Böse-Schema, indem er zwei so charismatische wie zwiespältige Protagonisten in den Mittelpunkt stellte. Der von Tony Musante gespielte einfache mexikanische Landarbeiter Paco Roman lehnt sich zwar gegen die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse auf, verfolgt damit aber keine politischen Ziele, sondern versucht raubend seinen Vorteil aus dem allgemeinen Chaos zu ziehen. Der „Gringo“ Sergei Kowalski (Franco Nero), Einzelgänger und nur an sich selbst interessiert, ist auf Grund seiner Fähigkeiten als Revolverschütze und Stratege ein Profiteur dieser Situation.

Nur Neros abgeklärtem Spiel ist es zu verdanken, dass Kowalski zu keiner unsympathischen Figur wird. Sein Einfordern einer Vorausbezahlung auch in lebensgefährlichen Momenten wird noch zu einer Art „Running Gag“, aber der Film schwächt seinen Charakter nicht, sondern lässt ihn weder umdenken, als Paco, beeinflusst von der schönen Columba (Giovanna Ralli), die Notwendigkeit von Veränderungen in seinem Heimatland zu begreifen beginnt, noch zu Gunsten Anderer auf den eigenen Vorteil verzichten. So absurd die Szene ist, in der er sich an einem heißen Tag in der Wüste mit dem Wasser aus den Trinkflaschen der mexikanischen Bandenmitglieder duschen lässt, so unmenschlich ist sein Handeln und letztlich schuld an weiteren Konflikten. Auch Paco, der sich als Richter aufspielt und seine Machtposition genießt, wird nicht zum Heilsbringer idealisiert, aber die kindliche Freude, die Musante seiner Rolle verleiht, lässt ihn zum eigentlichen Sympathieträger werden, während Kowalskis Beharren auf Professionalität und Bezahlung zunehmend tragische Züge annimmt.

Diesem Duo steht Ricciolo (Jack Palance) gegenüber, dessen hinterhältiger, einen ehrlichen Konflikt vermeidender Charakter die beiden Hauptrollen kontrastiert und damit ihre jeweiligen Schwächen relativiert. Da Ricciolo in einer Szene den Tod eines seiner Bandenmitglieder betrauert – ein sonst untypisches Verhalten für ihn – und mit seinem gelockten Haar und tadelloser Kleidung eine ungewöhnliche Erscheinung abgibt, wird in vielen Texten zum Film dessen Homosexualität betont, obwohl das im Film nicht thematisiert wird. Seine sexuellen Präferenzen spielen in „Il mercenario“ ebenso wenig eine Rolle wie bei Kowalski, der jede emotionale Bindung meidet. Viel mehr erstaunt es, wie es Jack Palance gelang, diesem sinistren Charakter Würde zu verleihen – etwa als Kowalski ihn dazu zwingt, sich nackt auszuziehen. Selbst in diesen Momenten bewahrte sich „Il mercenario“ seine Komplexität und suchte keine einfachen Antworten, sondern macht deutlich, wie schnell jeder Idealismus vom Pragmatismus wieder eingeholt wird. Dem Film deshalb Zynismus vorzuwerfen wäre trotzdem falsch, denn in seiner letzten Szene entlässt er den Betrachter noch mit einem klaren Statement: Es lebe die Revolution!

"Il mercenario" Italien / Spanien 1968, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Franco Solina, Luciano Vincenzoni, Sergio Corbucci, Adriano Bolzoni, Darsteller : Franco Nero, Tony Musante, Jack Palance, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Requiescant (Mögen sie in Frieden ruhen) 1967 Carlo Lizzani

Inhalt: Scheinbar kommt es zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen der mexikanischen Bevölkerung und den US-Siedlern, aber der ehemalige Offizier Ferguson (Mark Damon) täuschte die Einigung nur vor, um die Mexikaner skrupellos zu ermorden. Nur ein etwa 10jähriger Junge überlebt trotz eines Streifschusses am Kopf. Er wird zufällig von einem Wanderprediger entdeckt, der mit einer Haushälterin und deren Tochter Princy (Barbara Frey) vorbei kommt, ihn mitnimmt und aufzieht.

Zehn Jahre später hat der inzwischen zu einem jungen Mann (Lou Castel) herangewachsene Ziehsohn immer noch keine Erinnerungen an seine Vergangenheit, kann aber geschickt mit einem Messer umgehen. Zum Unwillen seines Adoptivvaters. Als seine Pflegeschwester bei einem Zwischenhalt in einer Stadt den Verlockungen erliegt und einfach verschwindet, beschließt er, sie zu suchen. Zufällig gerät er bei einem Überfall an eine Waffe und erschießt zu seiner eigenen Überraschung alle Banditen. Dank dieser plötzlich entdeckten Begabung, gelingt es ihm unversehrt an den Ort zu gelangen, wo Princy inzwischen als Prostituierte arbeitet, wozu sie mit Drogen gefügig gemacht wird. Naiv will er sie dort wieder herausholen, gerät aber an einen überlegenen Gegner, ohne zu ahnen, dass er wieder an den Ort seiner Vergangenheit zurückgekehrt ist…


Carlo Lizzani, dessen Karriere als Regisseur noch während der Phase des Neoraelismus mit "Achtung Banditi!" (1951) begann -  zuvor hatte er an den Drehbüchern zu "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) und "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) unter Giuseppe De Santis mitgewirkt - und der zu den sechs Regisseuren neben Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Dino Risi und Francesco Maselli gehörte, die mit "L'amore in città" (1953) die lang anhaltende Tradition des italienischen Episodenfilms begründeten, widmete sich auch dem Italo-Western, als sich das Genre 1966 - 1968 auf seinem Höhepunkt befand. "Requiescant" (Mögen sie in Frieden ruhen) wurde nach "Un fiume di dollari" (Eine Flut von Dollars, 1966) sein zweiter und letzter Western, bevor er 1968 "Banditi a Milano" drehte, der das Polizieschi-Genre der 70er Jahre vorweg nahm.

Bis zu seinem Suizid am 05.10.2013, der an den Freitod seines ebenfalls hoch betagten Kollegen Mario Monicelli erinnert, den dieser am 29.11.2010 beging, ließ Lizzani kaum ein Genre aus - dabei immer bestrebt, sein Publikum zu unterhalten, ohne seinen eigenen Anspruch und seine politisch links gerichteten und gesellschaftskritischen Überzeugungen zu verraten. Die Besetzung von "Requiescant" entsprach dieser Haltung, denn mit Lou Castel besetzte er einen Akteur in der Hauptrolle, der unter Marco Bellocchio als ein an der bürgerlichen Gesellschaft erkrankter Mörder in "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche, 1965) reüssierte, bevor er in Damiano Damianis "Quien sabe?" (Töte, Amigo!, 1966) neben Gian Maria Volonté als skrupelloser Nutznießer der mexikanischen Revolution auftrat. "Requiescant" spielt zeitlich in der Vorphase des mexikanischen Aufstands gegen die US-amerikanische Besatzung und versteht sich als vorrevolutionärer Western, worin sich deutliche Parallelen zu den aktuellen politischen Ereignissen 1967 zeigen, als der Widerstand gegen das Engagement der USA in Vietnam wuchs.

Besonders die Mitwirkung von Pier Paolo Pasolini, der auch am Drehbuch beteiligt war, lässt keinen Zweifel an der politischen Dimension des Films. Nur unter Carlo Lizzani spielte Pasolini zweimal eine größere Rolle (zuvor noch in "Il gobbo" (Der Bucklige von Rom, 1960)) in einem nicht von ihm selbst gedrehten Kinofilm. Als Pater Juan konnte Pasolini seine Überzeugungen hier wenig verklausuliert wiedergeben - er verabscheut Gewalt, aber als Realist weiß er, dass ein starker Anführer wie "Requiescant" (Lou Castel) notwendig ist, um die Unterdrücker zu besiegen. Zwar ist dieser dank seiner Schießkünste in der Lage, die Feinde zu dezimieren, aber Pasolini gab den intellektuellen Gegenpol zu dem ehemaligen Offizier Ferguson (Mark Damon), der die ortsansässige mexikanische Bevölkerung zehn Jahre zuvor in einen Hinterhalt gelockt hatte, um sie zu töten und ihr Land an sich zu reißen.

Mark Damon, der normalerweise auf die Heldenrollen festgelegt war ("Johnny Yuma", 1966), brilliert hier als regionaler Usurpator, dessen rassistische, menschenverachtende und misogyne Haltung keine äußerliche Attitüde ist, sondern eine tief empfundene Emotion, die er auch angesichts seines möglichen Todes nicht aufgibt. Trotzdem ist der blass geschminkte, sein Altern nicht akzeptierende, gebildete Mann kein typischer Sadist, wie er in vielen Western auftrat, sondern ein aus seiner inneren Überzeugung handelnder Mensch, dessen abschließender Monolog nicht zufällig an die Argumente erinnert, die jedesmal von einer Besatzungsmacht hervorgebracht wurden, wenn sie gezwungen waren, einen Staat in dessen Unabhängigkeit zu entlassen. Ferguson steht hier symbolisch für die selbstgerechte Haltung westlicher Industriestaaten, die den Befreiten keine Selbstverwaltung zutrauen ind das Chaos voraussegen. Es überrascht nicht, dass in der stark gekürzten deutschen Kinoversion sowohl Pasolinis, als auch Mark Damons Reden fehlten, was dem Film viel von seiner politischen Dimension und damit seiner inneren Schlüssigkeit nahm.

Obwohl "Requiescant" über überzeugende Charaktere verfügt und sich die eigenständig gestaltete Story wenig vorhersehbar entwickelt, wird der Film kaum einmal in einer Liste der besten Italo-Western genannt. Dabei lag Carlo Lizzani sehr viel an einem spannend erzählten Western, weshalb er auch Adriano Bolzoni für das Drehbuch hinzuzog, der seit seiner Mitarbeit bei "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) fest im Genre verankert war. Mit "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) hatte er 1965 schon einen rauen, politisch weniger motivierten Revolutionswestern entworfen. Entsprechend verfügt "Requiescant" über alle signifikanten Elemente des Genres, beginnend beim überragenden Revolverschützen, skrupellosen Banditen, schönen Frauen und stilsicher inszenierten Duellen inmitten einer klassischen Story über einen Rächer, der es mit einem weit überlegenen Gegner aufnimmt.

Doch die Kombination aus Gesellschaftskritik und Unterhaltung irritierte viele Betrachter, da Lizzani besonders die Figur des "Helden" gegen die Erwartungen entwickelte. "Requiescant" ist zwar der gewohnt schnelle Scharfschütze, wurde aber bei dem Massaker seines Dorfes am Kopf verletzt und verdankt sein Leben einem zufällig vorbei kommenden erzreligiösen Prediger, der den mexikanischen Jungen zu sich aufnahm und in seinem Geiste erzog. Coole Sprüche und lässige Umgangsformen sind nicht von ihm zu erwarten, weshalb die einfältig wirkende Figur nicht zur Identifikation einlädt. Eine hinsichtlich der politischen Ausrichtung des Films konsequente Vorgehensweise, denn ein klassischer Vigilant - wie gerecht seine Sache auch wäre - hätte einen zu individuellen, zudem konservativen Charakter.

Wie schwer sich gerade Anhänger des Western-Genre mit Lizzanis originellem Beitrag taten, wird daran deutlich, dass hier innere Zusammenhänge in Frage gestellt wurden, die in der Regel als gegeben akzeptiert werden. Lizzani nahm sich die selben Freiheiten wie ein Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Warum ein Clint Eastwood oder "Django" überragend schießen können, wird nicht hinterfragt, Requiescants plötzlich entdeckte Begabung dagegen als unlogisch betrachtet. Auch das es den Protagonisten wieder an den Ort eines vor langer Zeit begangenen Verbrechens zurücktreibt, gehört zu den klassischen Mythen eines Genres, das von der Erfüllung schicksalshafter Verwicklungen lebt. Doch besonders die Nähe zum Horror-Film, die der Figur des Ferguson angedichtet wurde, verdeutlicht die Unfähigkeit, diese intelligent entworfene Figur in ihrer Tragweite anzunehmen. Denn der Horror ist in "Requiescant" nicht fantastisch, sondern sehr realistisch und der Zusammenhang zu den aktuellen politischen Ereignissen unverkennbar. Lizzani gelang damit eine überragende Genre-Umsetzung, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat und gleichzeitig prächtig unterhält.

"Requiescant" Italien, Deutschland 1967, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Lucio Battistrada, Pier Paolo Pasolini, Adriano BolzoniDarsteller : Lou Castel, Mark Damon, Pier Paolo Pasolini, Barbara Frey, Franco Citti, Feruccio Viotti, Laufzeit : 108 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.