In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Dienstag, 20. Juli 2010

L'oro di Napoli (Das Gold von Neapel) 1954 Vittorio De Sica

Inhalt: In sechs Episoden entwirft der Film ein Kaleidoskop des Lebens in Neapel Mitte der 50er Jahre :

Episode 1 "Il guappo" ( Der Bandit)
Saverio (Totò) muss nicht nur das Grab von Espositos (Agostino Salvietti) verstorbener Frau pflegen, sondern jeden Abend ertragen, dass dieser sich zum Essen in seiner Wohnung einfindet und sich von seiner Frau verköstigen lässt. Doch was kann er, der als Clown in den Straßen Neapels arbeitet, schon gegen den hiesigen Gangsterboss ausrichten?

Episode 2 "Pizza a credito" (Pizza auf Kredit)
Sofia (Sophia Loren) verkauft gemeinsam mit ihrem Mann Peppino (Paolo Stoppa) Pizza an einem Straßenstand. Peppino schreibt jedes Geschäft genau auf, denn bezahlen müssen seine Kunden erst später. Als er plötzlich feststellt, dass der Ehering am Finger seiner Frau fehlt, schliesst er sofort sein Geschäft, weil sie behauptet, diesen beim Teigkneten verloren zu haben. Er will jeden Kunden des Tages besuchen, um den Ring wieder zu finden...

Episode 3 "Funeralino"
Der Beerdigungszug schreitet langsam aus den engen Gassen Neapels über die Hauptstrasse zum Friedhof. Die Mutter (Teresa De Vita) trauert um ihren kleinen Sohn...

Episode 4 "I giocatori" (Die Spieler)
Weil der Graf (Vittorio De Sica) nicht um Geld spielen darf, trifft er sich heimlich mit dem kleinen Sohn des Pförtners, um mit diesem "Scopa" um einen kleinen Einsatz zu spielen...

Episode 5 "Teresa"
Als Teresa (Silvana Mangano) an dem Bordell abgeholt wird, wo sie arbeitet, gratulieren ihr ihre Kolleginnen zu der Hochzeit mit einem neapolitanischen Edelmann. Es ist für sie eine Chance, dem Milieu zu entkommen, aber sie weiß noch nicht, was sie erwartet...

Episode 6 "Il professore"
Während sich Ersilio Miccio (Eduardo De Filippo) für seine Arbeit umzieht, stehen die Menschen vor seiner einfachen Wohnung Schlange. Jeder hat eine Frage an ihn...


Das es sich bei "L'oro di Napoli" (Das Gold von Neapel) um keinen Kriminalfilm handelt, macht Vittorio De Sica schon mit der ersten Texteinblendung deutlich. Es sind die Menschen, die der Stadt ein Gesicht geben und ihren eigentlichen Wert ausmachen. Für De Sica, der in Neapel aufwuchs, war die Auseinandersetzung mit den hiesigen Verhältnissen ein wiederkehrendes Element seines Schaffens, sowohl als Darsteller wie als Regisseur. Nicht, dass er in "L'oro di Napoli" beide Positionen einnahm (in "Teresa Venerdi" übernahm er 1941 sogar die Hauptrolle), macht den Film zu einer Besonderheit, sondern dessen zentrale Position in De Sicas Oevre zwischen Neorealismus und der stärkeren Betonung komödiantischer Elemente.

Neben diesem Aspekt, stand der Film noch im Zeichen von Cesare Zavattinis aktueller Begeisterung für den Episodenfilm. Hatte er im Jahr zuvor mit unterschiedlichen Regisseuren "L'amore in cittá" und "Siamo donne" herausgebracht, nutzte er die Romanvorlage des Neapolitaners Guiseppe Marotta dazu, um darauf ein Kaleidoskop, bestehend aus sechs Episoden, über das Leben in Neapel Mitte der 50er Jahre aufzubauen. So entstand auch mit De Sica ein erster gemeinsamer Episodenfilm, wenn auch nicht in Zusammenarbeit mit anderen Regisseuren.

Interessanter ist deshalb der interpretatorische Umgang mit der italienischen Lebensweise, die De Sica in den 60er Jahren mit "La Riffa" (Vierte Episode aus "Boccaccio '70"), "Ieri, oggi e domani" (Gestern, heute und morgen) und "Matrimonio all'italiana" (Heiraten auf italienisch) zu einer Blüte brachte, die bis heute das Bild des lebensbejahenden Südländers prägt, der trotz schwerer Rückschläge nie seine Lebensfreude verliert. Ein Bild, dessen optische Grundlage die Schönheit Neapels und das Gesicht Sophia Lorens bildete, die in allen Filmen die weibliche Hauptrolle spielte. Sämtliche dieser Voraussetzungen gelten auch für "L'oro di Napoli", der im Gegensatz zu den späteren, bis heute populären Werken zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Vielleicht liegt der Grund darin, dass hier noch die Nähe zum Neorealismus zu spüren ist, die sich nicht nur in den dokumentarischen Aufnahmen manifestiert, sondern auch in den Charakterisierungen der Bewohner Neapels, deren Verhalten authentischer und weniger idealisiert wirkt.



2. Episode „Pizza a credito“ (Pizza auf Kredit)

Am Beispiel der Rolle Sophia Lorens wird das besonders deutlich, die in der zweiten Episode Sofia, die mitarbeitende Ehefrau eines Pizzabäckers, spielt, der seine Pizzen auf Kredit an die Bevölkerung verkauft. Ähnlich wie später in „La Riffa“ oder in der ersten Episode von „Ieri, oggi e domani“ wurden hier ihre Schönheit und damit die Begehrlichkeit bei den Männern betont. In „La Riffa“ verdingte sie sich aus der Not heraus als Prostituierte, während sie in „Ieri, oggi e domani“ ein Kind nach dem anderen bekam, um nicht im Gefängnis zu landen. Dabei spielte sie sogar mit dem Gedanken, einen anderen Mann zur Zeugung heranzuziehen, als ihr Ehemann nicht mehr funktionierte. Doch trotz dieser frivolen Ansätze, blieb sie letztlich immer anständig und treu, während es in „L’oro di Napoli“ von Beginn an klar ist, dass sie ihren fülligen Ehemann (Giacomo Furia) mit einem Schönling betrügt.

Von diesem kommend, täuscht sie ihrem Mann vor, in der Kirche gewesen zu sein. Als dieser danach bemerkt, dass ihr Ehering an ihrer Hand fehlt, für den er vor ein paar Jahren sein gesamtes Geld aufgebracht hatte, behauptet sie, diesen beim Kneten des Teiges verloren zu haben, obwohl ihr klar sein muss, dass dieser bei ihrem Geliebten liegt. In Panik geraten, versucht ihr Mann den Ring wieder zu finden, indem er sämtliche vorigen Käufer einer Pizza aufsucht, und stört dabei sogar einen Witwer, der gerade den Tod seiner Frau betrauert. Sofia begleitet ihn nicht ohne schlechtes Gewissen bei der vergeblichen Suche, bis ihr ein Trick einfällt, der beinahe schief geht.


Diese Episode ist in ihrem vielfältigen Blick auf unterschiedliche Lebensgewohnheiten nicht nur die abwechslungsreichste des Films, sondern verbindet geschickt Drama und Komödie zu einem facettenreichen Bild des neapolitanischen Charakters, der nicht nur temperamentvoll und positiv ist, sondern auch egoistisch und selbstverliebt. Eine Frauenfigur wie Sofia durfte auch ihre unanständigen Seiten haben. Diesen Mut zur Differenzierung brachte De Sica später nicht mehr auf, was sich auch in der Beschreibung des Zusammenhalts der Bevölkerung untereinander zeigte. Während diese immer als jederzeit solidarisch geschildert wurde (man denke nur an das Sammeln des Strafgeldes in der ersten Episode von „Ieri, oggi e domani“), blieb in „L’oro di Napoli“ auch der Aspekt des Eigennutzes nicht verborgen.

Die Reihenfolge der Kurzfilme untereinander, die quasi zeitgleich am selben Ort stattfinden, spielte dabei weniger eine Rolle, denn jede Episode funktioniert sowohl eigenständig, als auch als Teil des Ganzen. Dass in manchen Fassungen die Sophia-Loren-Episode erst an dritter Stelle kommt, ist deshalb nicht entscheidend, dagegen aber die Kürzung des Films in einigen - vor allem der in Deutschland erschienenen – Fassungen, um Episoden, die sehr spezifische Themen behandeln :



3. Episode „Funeralino“

Sicherlich handelt es sich hier um die dokumentarischste Episode des Films, die mit nur wenigen Worten auskommt. De Sica begleitet eine Mutter (Teresa De Vita) bei der Beerdigung ihres Sohnes. Erst trägt sie den Kindersarg zu der Kutsche, bevor eine kleine Gruppe mit ihr und ihrer Tochter an der Spitze, den Weg zum Friedhof beginnt. Die Kamera verfolgt den Weg des Beerdigungszuges erst durch die engen Gassen Neapels, bevor er zu der prächtigen Hauptstrasse am Golf gelangt. Die Bilder aus der Totalen lassen deutlich werden, dass der Zug selbst zwar inszeniert war, aber keineswegs die Umgebung, in der er stattfand.


Die Trauer der Mutter, die sie am Ende übermannt, kann nicht verbergen, dass auch der Tod eines Kindes zum Alltag in Neapel gehörte. Auf der weitläufigen Allee wirft sie Bonbons für die Kinder aus – eine Geste, die die Zugehörigkeit des Todes zum Leben betonen soll, was sich auch sogleich beweist. Eine große Zahl an Kindern kommt herbeigelaufen und balgt sich um die Bonbons. Die Szene endet entsprechend mit ihren Diskussionen darüber, wer die meisten davon einsammeln konnte. Nichts an diesem kurzen Film wirkt übertrieben oder dramatisiert, aber Vittorio De Sica vermittelt damit das Leben in einer Unmittelbarkeit, die an seine neorealistischen Filme wie „Umberto D“ (1952) erinnert.



4. Episode „I giocatori“ (Die Spieler)


Eine gegensätzliche Wirkung hat die kurze Episode über das Kartenspiel eines Grafen (Vittorio de Sica) mit einem etwa 10jährigen Jungen. Und doch hat auch die komische Szene über einen alten, vornehmen Mann, dem seine Frau das Spielen um Geld verboten hat, weshalb sein Pförtner ihm seinen Sohn als heimlichen Mitspieler organisiert hat, nichts aufgesetzt komisches an sich, sondern verdeutlicht nur die Energie, mit der ein Mensch seiner Leidenschaft nachgeht.

Um die Szene im Detail nachvollziehen zu können, ist es notwendig, dass italienische Kartenspiel „Scopa“ zu verstehen, denn De Sica lässt an der Art, wie der Junge die Karten spielt und an der Punktewertung, erkennen, wie vernichtend der Graf hier geschlagen wird. Die Komik entsteht aus dem Gegensatz des Engagements der beiden Spieler. Während der Junge von seinem Vater nur unter Bitten zu dem Spiel gebracht wurde, regt sich der Graf über das angebliche Glück des Gewinners so lautstark auf, als wäre es um viel Geld gegangen und nicht um den Einsatz einer Schleuder.


Gerade diese zwei Episoden beschreiben in ihrer Reduziertheit auf eine Thematik signifikanter den Charakter des Neapolitaners, als die oft ausschweifenden, von pittoresken Bildern untermalten Geschichten der späteren Filme De Sicas. Zwar wurden dort viele Elemente vereint, die hier durch die einzelnen Episoden Ausdruck finden sollten, aber das gelingt hier wesentlich konzentrierter. Das beweist auch die erste Episode, die das Thema der Kriminalität analytisch genau in seinem Eindringen in den Privatbereich – wie er für die Mafia typisch ist – beschreibt.



1. Episode „Il guappo“ (Der Bandit)

Als Saverio (Totò) am Grab einer Frau steht, ahnt man noch nicht, dass er keinerlei Verwandtschaftsgrad zu ihr aufweist. Die Kondolenzwünsche eines anderen Besuchers nimmt er eher missmutig entgegen, obwohl sie besonders freundlich ausfallen, als er dem anderen Herrn gegenüber seine Bekanntschaft zu Gennaro Esposito (Agostini Salvietti) erwähnt, um dessen verstorbene Frau es sich in dem Grab handelt. Als er wieder in die verwinkelten Gassen Neapels zurückkehrt, wird er kurz von einem gut angezogenen Mann gefragt, ob er alles erledigt hätte. Er hätte sogar vier Kerzen angezündet, antwortet darauf Saverio.


Schon die Bezeichnung der Episode mit „Il guappo“ ist ein geschickter Kommentar, denn tatsächliche kriminelle Handlungen werden hier gar nicht gezeigt. Gennaro Esposito selbst hätte sich auch gar nicht als „Bandit“ angesehen, da er sich aus seiner Machtposition heraus, niemals selber die Finger schmutzig gemacht hätte. Es genügt schon, dass ihm das gesamte Viertel Respekt erweist, vor allem Saverio, der nicht nur das Grab seiner verstorbenen Frau pflegt, sondern bei dessen Familie mit vier Kindern er täglich ein und aus geht.

Dieser Zustand dauert nun schon zehn Jahre an, wie aus Saverios verzweifelten Worten gegenüber seiner Frau zu hören ist, die Esposito damals aus Ehrerbietung zu sich eingeladen hätte. Dieser nimmt seit dem wie selbstverständlich die Rolle des Familienvorstands ein, der am Tisch die zentrale Position besetzt und auf den die Kinder sofort hören, während sie den Respekt vor ihrem Vater verloren haben. Diesen traurigen Zustand betont De Sica noch durch Saverios Arbeit als Clown, als der er in Neapel zum Amüsement der Bevölkerung auftritt.

Doch wie schmal der Grad auch in Espositos Position ist, verdeutlicht der Film, als der stämmige Mann scheinbar einen Herzinfarkt erleidet. Als er geschwächt und ängstlich wieder zum Abendessen in Saverios Wohnung erscheint, kommt es zu einem Aufstand. Aufstand ist natürlich ein zu großes Wort für Saverios Reaktion, aber dem Film gelingt es in wenigen Minuten das enge Geflecht zwischen Macht und Abhängigkeit, das in den engen Gassen Neapels blüht, herauszuarbeiten, ohne zu dramatisieren oder dafür eine Lösung anbieten zu wollen.



5. Episode „Teresa“

Bei „Teresa“ handelt es sich nicht nur um die längste Episode, sondern um das eigentliche Starvehikel des Films, denn Silvana Mangano, die hier die Titelrolle spielte, war seit „Riso amaro“ (Bitterer Reis) von 1949 in Italien sehr populär, während Sophia Lorens Karriere noch ganz am Anfang stand.

Interessanterweise ist diese Episode, trotz ihres hohen Unterhaltungswertes, die am wenigsten aussagekräftigste für das eigentliche Thema des Films, denn der Konflikt zwischen der Prostituierten und dem Edelmann, der sie überraschend aus dem Bordell heraus heiratet, ist spezifisch auf Silvana Mangano zugeschnitten. Natürlich weisen die Begleitumstände der Hochzeitsfeierlichkeiten und auch der Blick in den prächtigen Palazzo viel Lokalkolorit auf, aber letztlich sind sie hier nur Staffage zu einem perfiden Spiel und nicht – wie in den übrigen Episoden – untrennbarer Teil der Charakteristik.

Der Film lebt entsprechend von Silvana Manganos Spiel, die überzeugend die Rolle der anfangs eingeschüchterten Prostituierten spielt, die zunehmend an Profil gewinnt. Weniger diese Konstellation ist überraschend, als ihre abschließende Konsequenz, mit der sich auch dieser Kurzfilm, trotz seines am wenigsten an der Realität orientierten Charakters, wieder in „L’oro di Napoli“ eingliedert. Anders als viele Filme, die mit dem Gedanken an eine Verbindung zwischen Bürgersohn und einer Prostituierten spielen, hat „Teresa“ es nicht nötig, etwas zu beschönigen oder zu relativieren.



6. Episode „Il professore“

Die kurze abschließende Episode beschreibt dagegen wieder unprätentiös einen Aspekt aus dem Alltagsleben. Während sich ein Mann (Eduardo De Filippo) in seiner einfachen Wohnung umzieht, stehen viele Menschen draußen Schlange. Manchmal etwas drängend, aber doch diszipliniert, treten sie der Reihe nach in seine Wohnung, um ihn etwas zu fragen.

Dazu muss man wissen, dass Bezeichnungen wie „Il dottore“ oder „Il professore“ in Italien nicht nur offiziell zu erwerbende Titel, sondern auch Ehrentitel sind. Dass es sich bei dem Mann um keinen echten Professor oder Lehrer handelt, spielt entsprechend keine Rolle, denn innerhalb der neapolitanischen Gemeinschaft hat er sich den Ruf erworben, auf alle Fragen eine Antwort zu wissen, und seien sie noch so absurd.

De Sica demonstriert damit noch einmal sehr schön die inneren Verbindungen einer Sozialisation, die ihre eigenen Regeln und Gesetze schafft. Und beendet damit einen Film, dessen sechs Episoden - unabhängig von ihrer Reihenfolge - sich zu einem komplexen Bild über eine Lebensgemeinschaft formen, die einerseits viel von den eigenen Erfahrungen des Regisseurs beinhalten, aber, durch den Verzicht auf typische Klischees, generelle Aussagen über das städtische Leben aufzeigen.

"L'oro di Napoli" Italien 1954, Regie: Vittorio De Sica, Drehbuch: Cesare Zavattini, Vittorio De Sica, Giuseppe Marotta, Darsteller : Sophia Loren, Silvana Mangano, Eduardo De Filippo, Totó, Vittorio De Sica, Laufzeit : 130 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:

"Ladri di biciclette" (1948)
"Miracolo a Milano" (1951)
"Umberto D" (1952)
"Stazione Termini" (1953)
"Il tetto" (1956)
"La ciociara" (1960)
"Boccaccio '70" (1962)
"I sequestrati di Altona" (1962)
"Ieri, oggi e domani" (1963)

Donnerstag, 8. Juli 2010

Il bestione (Die cleveren Zwei) 1974 Sergio Corbucci

Inhalt : Als Sandro (Michel Constantin) und sein Partner Matteo ihre Transportfahrt beendet haben, wissen sie noch nicht, dass das gerade ihre letzte gemeinsame Fahrt für ihr Speditionsunternehmen war. 

Bei einem Gesundheitstest wird Matteo als zu alt ausgesondert, weshalb ab sofort Nino (Giancarlo Giannini) mit Sandro fahren soll. Der jüngere Mann erweist sich zwar als geschickt am Steuer, aber auch als ziemlich geschwätzig, weshalb Sandro ihn erstmal ignoriert und sein eigenes Ding macht. Doch bei ihrer ersten gemeinsamen langen Fahrt nach Warschau kommen sie sich näher...

"Il Bestione" beginnt mit einem langen Furz, als Sandro Colautti (Michel Constantin) an der italienischen Grenze aus seinem Lastwagen steigt. Doch der Eindruck täuscht, denn bei Sergio Corbuccis Trucker - Film handelt es sich um keine Komödie, wie es auch der deutsche Titel zu vermitteln versucht, sondern um ein Drama, wie es so fast nur in den 70er Jahren entstehen konnte. "Bestie" (Il Bestione) nennt Sandro liebevoll den Lastwagen, mit dem er und sein Partner Matteo (Enzo Fiermonte) als Angestellte einer Spedition unterwegs sind.

Doch für Matteo war es die letzte Fahrt, die er unternommen hatte, denn bei dem regelmäßigen Gesundheitstest, dem sich die Fahrer unterziehen müssen, wird er als zu alt aussortiert. Stattdessen springt der junge Nino (Giancarlo Giannini) auf den Bock, als Sandro die nächste Tour unternehmen will. Zwar beweist er schnell, wie gut er mit dem Wagen umgehen kann, aber dem älteren Sandro ist sein Fahrstil zu forsch und sein Mundwerk zu flott. Die Art wie "Il Bestione" das Kennenlernen der beiden unterschiedlichen Männer aufbaut, erinnert in seinem Schwung, der respektlosen Sprache und der etwas grobschlächtigen Ereignisse zuerst an typischen rustikalen "Buddy" - Komödienstoff.

Nachdem Sandro Nino ein paar Mal sprachlich auflaufen ließ, landen sie in einem Trucker - Restaurant, wo Corbucci genüsslich den Männern aufs Maul schaut und sie beim Vertilgen großer Mengen beobachtet. Später verschwindet Sandro mit der Kellnerin in einem Hinterzimmer, während Nino versucht, zwei Holländer beim Billard reinzulegen. Zuerst den Anfänger markierend, versenkt er die Kugeln mit einem Stoß, als es um Geld geht. Nicht erstaunlich, dass die Holländer das nicht lustig finden, ihn zusammenschlagen und sein Geld abnehmen.


Diese Ereignisse dienen Corbucci nur als Beschreibung einer sehr männlich geprägten Welt der Lastwagenfahrer, die er im weiteren Verlauf der Fahrt nach Warschau differenziert. Auch die Auseinandersetzung mit den Holländern hat in diesem Zusammenhang nur die Bedeutung eines kleinen Details, auf das er viel später noch einmal kurz zurückkommt. Neben zufälligen Liebschaften am Straßenrand und kurzen Vergnügungen in der Trucker - Kneipe, besteht die Arbeit vor allem aus Monotonie und der Einhaltung von Fahrtzeiten, weshalb Nino, als er sich nicht an die verabredete Pausenlänge hält, plötzlich ohne Lastwagen auf der Straße steht. Sein Verfolgungstripp als Anhalter entbehrt nicht einer gewissen Komik, aber sein Sprachwitz hilft ihm in Warschau auch nicht mehr weiter.

Die Szenerie im damaligen Ostblock ist gespenstisch. Während der erfahrene Sandro mit einem Blumenstrauß bewaffnet, sofort zu einer jungen Frau geht, die er hier regelmäßig besucht, versucht sich Nino die Zeit bis zur Abfahrt am nächsten Tag zu vertreiben. Mitten in der Nacht landet er schließlich verzweifelt vor Einsamkeit wieder bei dem betrunken schlafenden Sandro, den er bei dessen Weg zur Wohnung der jungen Frau verfolgt hatte, und schläft selbst mit ihr. Der Streit am nächsten Morgen zwischen den Männern ist kurz, denn Sandro kennt Ninos Empfindungen. Die sexuellen Interaktionen, die Corbucci hier beschreibt, sind nur Auswirkungen zerrütteter Beziehungen auf Grund eines nicht familientauglichen Jobs und Ablenkung von der Einsamkeit. Entsprechend unromantisch und fordernd inszeniert er hier den Sex.

Zunehmend verzahnt Corbucci seine Männergeschichte mit realen Ereignissen der frühen 70er Jahre in Italien. Sandro erfährt, dass sein alter Partner Matteo kaum Rente erhält und gezwungen ist, bei seiner Schwägerin zu leben. Als er die Gewerkschaft daraufhin anspricht, kann diese nur mit den Schultern zucken und ihre Hilflosigkeit bestätigen. Ähnlich wie im verklausulierten Western „Il grande silenzio“ (Leichen pflastern seinen Weg) gelingt es Corbucci auch in „Il bestione“ seinen unterhaltenden Stil beizubehalten, ohne die realistischen Verhältnisse auszusparen. Es ist Giancarlo Giannini zu verdanken, dass die Tristesse nie überhand nimmt, aber auch ihm vergeht fast sein Optimismus, als er, nachdem er gerade von seiner deutlich älteren Freundin den Laufpass bekam, zu Sandro auf dessen Silvesterparty geht. Doch die Stimmung stammt nur aus dem Fernseher, während Sandro allein in seiner heruntergekommenen Wohnung sitzt.

Gleichzeitig ist dieser Moment auch der Wendepunkt, an dem sie sich entschließen, sich als Transportunternehmen selbstständig zu machen. Corbucci nutzt diese neue Konstellation für thrillerartige Momente, die zu einer Art „Show – Down“ mit der Mafia führt, verlässt dabei aber keinen Moment den Boden der Realität. Viel mehr wird deutlich, dass ein Kleinunternehmen, wie das von Nino und Sandro, den Machtverhältnissen im Land ungeschützt ausgesetzt ist. „Il bestione“ ist in seiner Art, Realität und Unterhaltung radikal zu vermischen, ein seltenes, in seiner fehlenden Einseitigkeit verkanntes Juwel, dass einerseits von der Respektlosigkeit, der Sprache und Direktheit des Italo – Western beeinflusst ist, sich andererseits nicht scheut, Missstände der Gegenwart zu beschreiben. Auch das Ende liegt in dieser Tradition, denn es lässt den Männern wenigstens ihre Würde.

"Il bestione" Italien / Frankreich 1974, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Sergio Donati, Darsteller : Giancarlo Giannini, Michel Constantin, Giuliana Calandra, Enzo Fiermonte, Dalila Di Lazarro, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

Montag, 5. Juli 2010

Trhauma (Trauma) 1980 Gianni Martucci

Inhalt: Lilly (Domitilla Cavazza) und ihr Mann Andrea (Gaetano Russo) haben Gäste in ihr Landhaus eingeladen. Doch unter der äußerlich entspannten Atmosphäre am Pool brodelt es, denn Lilly ärgert sich darüber, dass ihr Mann ständig ihr Geld rausschmeisst, vor allem für seine krankhafte Spielleidenschaft. Auch die Sanierungskosten des Hauses, dass ihr Mann gekauft hatte, übersteigen deutlich den geplanten Etat. Ärger gibt es auch zwischem dem Fotografen Paul (Timothy Wood ) und seinem Model Olga (Anna Maria Chiatante), die sich nicht weiter von diesem herumkommandieren lassen will, und beleidigt davon geht. Doch ihr Weg führt direkt in den Tod...


Wie sympathisch wirken Menschen, die morgens auf einem herrlichen Landsitz aufwachen, in einem großen Swimmingpool baden können, während ihnen ein Frühstück serviert wird, dabei aber vor allem kritische Worte über den Zustand des Gebäudes und die störenden Mosquitos von sich geben ? - Neben dem Gastgeber Ehepaar Lilly (Domitilla Cavazza), Typ hübsche Blondine, und Andrea (Gaetano Russo), Typ aalglatter Schönling, befinden sich noch der Fotograf Paul (Timothy Wood ), sein Model Olga (Anna Maria Chiatante), die wohlhabende, ältere Silvia ( Silvia Mauri) und ihr deutlich jüngerer Liebhaber Carlo (Roberto Posse), sowie - leicht verspätet eintreffend - der übergewichtige Bitto (Franco Diogene) mit seiner jungen und hübschen Sekretärin Helen (Gina Mancinelli) auf der einsam gelegenen Anlage.

Autor und Regisseur Gianni Martucci (hier unter dem Pseudonym John Martucc) entwarf mit dieser Konstellation eine Variante zu Agathe Christies klassischem „Zehn kleine Negerlein“ Prinzip, dass zudem während der damals aktuellen „Slasher - Welle“ entstand. Entsprechend werden auch Parallelen zu „Freitag der 13.“ erkennbar, denn um welchen Täter es sich in „Trhauma“ handelt, steht von Beginn an fest. In einer Eingangsszene, die nach klassischem Vorbild Vorgänge in der Vergangenheit beleuchtet, werden zwei etwa 10jährige Jungen beim Spielen gezeigt. Dabei wird der eine, offensichtlich auf einem Auge blinde Junge, von dem anderen zu einer Mutprobe angetrieben. Als er darauf hin von einem hohen Baum fällt, hat der Andere nur Verachtung für den Schwerverletzten übrig und lässt ihn zurück. Wieder in der Gegenwart sieht man den Halbblinden, der zudem ein Bein nachzieht, beim Spielen mit Lego - Steinen – und damit das typische Bild eines gestörten Mannes (Per Holgher), der wenig überraschend im Gebüsch lauert, als sich die weiblichen Gäste des Landhauses entkleiden.

Vor allem Olga zeigt sich ausführlich in schönster Nacktheit, aber darin werden auch erste Eigenständigkeiten des Films erkennbar. Ihre Posen, zu denen sie von dem arroganten Fotografen Paul veranlasst wird, sind reine Arbeit, auf die sie offensichtlich keine Lust hat. Martucci entwirft hier das Gesamtbild einer Sexualität, die nie mit Freude, sondern nur aus egoistischen Gründen zelebriert wird. Anders als in den sogenannten „Teenie - Slashern“, agieren hier erwachsene Darsteller, deren Beziehungen nur als gestört bezeichnet werden können. Dass Olga als Erste zum Opfer fällt, passt zwar scheinbar in das klassische Schema der Bestrafung durch den Täter, kehrt sich aber sofort um, als dieser die Tote danach missbraucht. Die Motivation des Mörders lag zumindest teilweise in seiner persönlichen Befriedigung, aber das noch mehr dahinter steckt, wird offensichtlich, als er von einem Unbekannten danach mit zwei neuen Legostein – Packungen belohnt wird.

Der Mörder, der während des Films nie namentlich benannt wird, ist ganz offensichtlich nur das Werkzeug des eigentlichen Täters, was der Handlung die notwendige Schlüssigkeit verleiht, denn aus dem zu Beginn gezeigten Kindheitserlebnis und seiner geistigen Behinderung, lässt sich nur schwer ableiten, warum er plötzlich beginnt, die Gäste eines Landhauses zu meucheln. Trotzdem beantwortet diese Szene die Frage nach dem Verantwortlichen, denn sie verdeutlicht die Macht des anderen Jungen über ihn, weshalb diese an sich harmlose Szene in vielen Fassungen herausgeschnitten wurde. Das verleiht dem Film sicherlich einen Überraschungseffekt am Ende der Handlung, nimmt ihm aber viel von seiner Qualität, denn die Verhaltensweisen und Motive der Protagonisten bleiben hier immer nachvollziehbar
Es ist deshalb auch weniger die Frage nach dem Täter, genauso wie die Identifikation mit den Beteiligten schwer fällt, da sie, bis auf Gastgeberin Lilly, unsympathisch bleiben, sondern die Atmosphäre, mit der „Trhauma“ überzeugen kann. Die idyllische Landschaft und das herrschaftliche Landhaus verwandeln sich in der Dunkelheit in einen klaustrophobischen Ort. Und da sich Martucci nach dem Eingangsmord an Olga erst einmal viel Zeit lässt, gibt es genügend Gelegenheiten, Spannung zu erzeugen, zu der auch die Tatsache beiträgt, dass Niemand davon weiß. Olga bleibt zwar verschwunden, aber die Anderen vermuten lange, dass sie beleidigt in die Stadt zurück fuhr, nachdem sie sich mit dem Fotografen gestritten hatte.

„Trhauma“ ist sicherlich kein außergewöhnlicher Beitrag zur damals aufebbenden „Slasher – Welle“. Der halbverrückte Täter mit seinem Lockenkopf wirkt nicht besonders Furcht einflössend, die dargestellten Morde sind nicht explizit (entfernt wurde vor allem die Tötung eines Schäferhundes, der ihn beim nekrophilen Beischlaf störte), aber die Kombination aus bedrohlicher Atmosphäre und generell gestörter Sexualität kann überzeugen.



"Trhauma" Italien 1980, Regie: Gianni Martucci, Drehbuch: Gianni Martucci, Darsteller : Gaetano Russo, Domitilla Cavazza, Roberto Posse, Timothy Wood, Per Holgher, Laufzeit : 78 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.