Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Sonntag, 29. November 2009

L'uomo della strada fa giustizia (Manhunt in the city) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Während David Vannucchi (Henry Silva) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, hilft seine 8jährige Tochter auf ihrem Heimweg von der Schule einem blinden Mann über die Straße und in ein Bankgebäude. Tatsächlich ist der Mann keineswegs behindert, sondern täuscht seine Blindheit nur vor, um ohne die Schleuse in die Filiale zu gelangen, wo er sofort seine Machinenpistole zückt und die restlichen Bandenmitglieder hereinlässt. Doch bevor sie wieder verschwinden, erschießt er kaltblütig das kleine Mädchen, da sie etwas an ihm bemerkt hatte -"einen Skorpion", wie ihre letzten Worte lauten.

Vanucchi muss gemeinsam mit seiner Frau im Leichenschauhaus seine Tochter identifizieren und auch weiter hilflos mit ansehen, dass die Polizei von den Verbrechern keine Spur hat
. Zuerst verweigert er die angebotene Hilfe einer faschistisch orientierten Bürgerwehr, aber als er zunehmend erfahren muss, wie wenig die Polizei für die Sicherheit ihrer Bürger sorgen kann, nimmt er das Recht in die eigenen Hände...


Der englische Titel (übersetzt "Menschenjagd in der Stadt") verleugnet die feine Ironie, die sich hinter dem Originaltitel verbirgt. "Der Mann von der Straße sorgt für Gerechtigkeit" drückt konkret aus, was sogenannte Rache-Filme unterschwellig vermitteln - mit Selbstjustiz wird nur nachgeholt, was der Polizei zuvor nicht gelungen war. Filme dieser Art unterstellen dabei nicht nur, dass die Polizei unfähig oder korrupt ist und dazu der gesamte Justizapparat durch Bürokratie gelähmt wird, sondern dass "der Mann von der Straße" auch ein besseres Gefühl für Gerechtigkeit hätte. Um entsprechende Emotionen beim Betrachter zu manipulieren, wird plakativ eine zugespitzte Situation erzählt, die letztlich nur eine Konsequenz zulässt. Auch Regisseur und Autor Umberto Lenzi entwirft in wenigen Minuten einen Plot, der diese Intention zu bestätigen scheint, aber wer so offensichtlich fahrlässig schon im Filmtitel damit umgeht, muss noch etwas anderes im Schilde führen...

An "L'uomo della strada fa giustizia" wird deutlich, wie sehr sich die in Italien Mitte der 70er Jahre aufgeheizte Atmosphäre auch in Filmen widerspiegelte, die hauptsächlich der Unterhaltung dienen sollten. Anders als etwa in den parallel entstandenen Werken von Damiano Damiani, der hinter den äußeren Erscheinungen von Gewalt die politischen Hintergründe aufdecken wollte, ist Umberto Lenzi einfach plakativ direkt und fügt eine solche Menge an Verbrechen und Willkür aneinander, dass man beinahe bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Italien vermuten könnte. In dieser Hinsicht ähnelt der Film zwar auch Lenzis anderen Polizieschi dieser Phase, aber im Gegensatz etwa zu "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) steht nicht der Kampf Polizei gegen Gangster im Mittelpunkt, sondern der Wunsch nach Selbstjustiz durch den Bürger, ein Thema, dem sich schon "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) 1972 widmete.

Dabei greift Umberto Lenzi von Beginn an auf einfachste Mittel der emotionalen Manipulation zurück. Während Vater David Vannucchi (überzeugend in seiner stoischen Unerbittlichkeit vom amerikanischen Mimen Henry Silva dargestellt) seiner Arbeit als Ingenieur nachgeht, bei der er im Straßenbau Explosionen auslöst, geht seine hübsche, blonde Tochter von der Schule nach Hause. Auf der S
traße wird sie von einem Blinden angesprochen, den sie auf dessen Bitte zum Eingang einer Bank geleitet. Durch dieses Manöver umgeht der Gangster die Schleuse, zückt im Inneren sein Maschinengewehr und lässt die restliche Bande hinein, während die Kleine nur stumm vor Schrecken in der Ecke steht. Als die Polizei sich nähert, fliehen sie, aber nicht bevor der angeblich Blinde das Mädchen noch mit ein paar gezielten Schüssen niederstreckt. Ihr war etwas an ihm aufgefallen, was sich in ihren letzten Worten manifestiert - „ein Skorpion“. Als hätte der kaltblütige Mord an einem Kind nicht schon genug Wirkung, zeigt der Film parallel zum Tod der Tochter, den Vater beim Kauf einer Puppe, um unmittelbar darauf ins Leichenschauhaus umzuschalten, wo er gemeinsam mit seiner weinenden Frau Vera (Luciana Paluzzi) zur Erkennung antreten muss.

Immer wieder in den nächsten Minuten blendet der Film idyllische Szenen ein, die den Vater mit der Tochter zeigen, während die Polizei vergeblich versucht, die Täter zu finden. Es dauert nicht lange, bis zwei Männer vor der Tür des Ingenieurs stehen, die ihm seine Hilfe anbieten. Bei Einem von ihnen handelt es sich um den Anwalt Mieli (Claudio Gora), der eine Bürgerwehr vertritt, die sich den Fällen annimmt, die aus ihrer Sicht von der Polizei nicht bewältigt werden können. Zudem erfährt Vannucchi von diesem, dass am Todestag seiner Tochter nicht der übliche Wachposten in der Bank anwesend war, weil dieser die Frau eines hochrangigen Polizeioffiziers zum Friseur begleitet hätte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt scheint der Moment gekommen, das Gesetz in die eigen
e Hand zu nehmen, aber der Film vollzieht eine Wendung. Entscheidend dafür ist nicht, dass Vannucchi die Vertreter der faschistischen Gruppierung aus dem Haus schmeißt und eigene Ermittlungen aufnimmt, sondern das die so klar gezogenen Trennlinien zu bröckeln beginnen.

Tatsächlich lebte Vannucchi schon einige Jahre getrennt von seiner Frau, weshalb er seine Tochter nur selten sah. Schon als er ihr die Puppe kaufte, konnte man an einer Frage an die Verkäuferin erkennen, dass ihm das Leben seiner Tochter nicht wirklich vertraut war. Dadurch erhalten die eingeblendeten Zeitlupensequenzen, in denen er sie unter blauem Himmel hochwirft, einen zunehmend ironischen Charakter. Anders sind auch die Ereignisse nicht aufzufassen, die der Film im Minutentakt auf seine Protagonisten loslässt. Ständig wird irgendwo etwas gestohlen, gehen Bomben hoch oder werden Menschen zusammengeschlagen. Umberto Lenzi lässt dabei zwar kein Klischee aus, übertreibt auch in Tempo und Dichte, bleibt aber in den gesamten Konstellationen realistisch.

Langhaarige Kerle belästigen in einem Cafe Vanucchis Frau mit eindeutig sexuellen Gesten, Rockerbanden brechen am helllichten Tag Autos auf
und schlagen noch die Besitzer zusammen, wenn sich diese dagegen wehren. Als Vanucchi in einer solchen Situation die Täter verfolgt, locken sie ihn in einen Hinterhalt und zerstören sein Auto. Niemand kommt ihnen zu Hilfe und als die Polizei endlich eintrifft, beschwert diese sich nur darüber, dass in Vanucchis Führerschein eine aktuelle Marke fehlt. Rechtsradikale Gruppierungen, wie Mielis Bürgerwehr, schüren das Chaos mit Bombenattentaten und schrecken vor keiner Brutalität zurück, um auf ihrer Weise Verbrecher zu bestrafen.

Innerhalb dieses Chaos, das letztlich nur den atmosphärischen Hintergrund für die eigentliche Story abgibt, wirkt der Polizeikommissar (Paolo Giordani) wie die einzige Konstante. Er versucht Vanucchi zu beruhigen, reizt diesen aber nur mit seiner abwartenden, ruhigen Haltung. Vanucchi dagegen gerät mit Hilfe eines schmierigen Privatdetektivs auf die Spur der Verbrecher, begibt sich selbst in die Unterwelt und muss erfahren, dass er sich mit einem übermächtigen Gegner angelegt hat. Jede seiner Aktionen führt zu einer brutaleren Gegenreaktion und wie Vanucchi, verliert auch der Betrachter zunehmend den Überblick zwischen Gegnern und angeblichen Freunden, bis er einen allerletzten Entschluss fasst.


Umberto Lenzis erzählt vordergründig die spannende und abwechslungsreiche Geschichte eines Mannes, der die Mörder seiner Tochter auf eigene Faust bestrafen will, untergräbt gleichzeitig aber dessen Vorgehensweise auf hintergründige Weise. Nicht nur, dass er die Taten der Bürgerwehr als willkürliche Verbrechen geißelt, auch Vanucchi selbst wirkt oft unüberlegt und übertrieben in seinen Aktionen. Doch erst das intelligente Ende, dass nur scheinbar dem gewohnten Klischee eines Rachefilms entspricht, bestätigt die Ironie des Filmtitels – „Der Mann auf der Straße sorgt für Gerechtigkeit“ – eine Illusion.

"L'uomo della strada fa giustizia" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti, Darsteller : Henry Silva, Luciana Paluzzi, Silvano Tranquilli, Claudio Gora, Alberto Tarallo, Laufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.