Mario Monicellis Blick in die Geschlechterzukunft:

Montag, 13. Juni 2016

Casanova '70 1965 Mario Monicelli

Leichte Verfügbarkeit macht Andrea (Marcello Mastroianni) schläfrig...
Inhalt: Nicht nur das der NATO-Offizier Andrea Rossi-Colombotti (Marcello Mastroianni) selbst in einer Strip-Bar einschläft, bei seinen diversen Geliebten stößt er mit seiner ständigen Gefahrensuche zunehmend auf Unverständnis. Er kann nicht zugeben, dass er das Risiko braucht, um noch als Liebhaber zu funktionieren, seitdem es ihm die Frauen zu leicht machen. Gewohnt, den Widerstand einer Frau brechen zu müssen, führt ihn deren selbstbestimmte Bereitwilligkeit direkt in die Impotenz.

...und zum Fall für seinen Psychotherapeuten (Enrico Maria Salerno)
Und zum Psychotherapeuten (Enrico Maria Salerno), dessen Hass auf Frauen ihn auch nicht weiter bringt. Hoffnungsvoll lernt er Gigliola (Virna Lisi) kennen, Tochter aus gutem Hause, mit der er eine Ehe eingehen will, um seinen Dämonen zu entkommen. Ein Trugschluss wie sich bald herausstellt, denn nach wie vor fehlt ihm der Reiz des Widerstands. Da ist Thelma (Marisa Mell) ein ganz anderes Kaliber – eine erotische Versuchung, die streng von ihrem Ehemann (Marco Ferreri) überwacht wird.


"Die Frauen sind heute viel zu bereitwillig, viel zu leicht zu haben"

Der Angeklagte beteuert seine Unschuld
An seiner neidvollen Reaktion wird deutlich, dass der Staatsanwalt diese Erfahrung gerne geteilt hätte, aber ganz so einfach wie es der des Mordes angeklagte Berufs-Offizier Andrea Rossi-Colombotti (Marcello Mastroianni) schildert, ist es nun doch nicht. Gewisse optische Vorzüge sollte man als Mann schon mitbringen. Trotzdem kulminiert in dieser Aussage der gesamte Film - für den Protagonisten ist es die Ursache seiner Impotenz, für seinen Psychiater (Enrico Maria Salerno) der Bodensatz allen Übels und für die damaligen Kritiker der Grund, Mario Monicellis Film Oberflächlichkeit zu unterstellen. Anders als es die sexuellen Abenteuer des modernen Casanova vermittelten, begannen die Moralvorstellungen Mitte der 60er Jahre erst langsam zu bröckeln, besaß eine sexuell offensive Frau nach wie vor einen miserablen Ruf. Die Ironie des Films zeigt sich in der Parallelität bürgerlicher Scheinmoral: in ihrer Abscheu gegenüber der sich verändernden Frauenrolle waren sich Filmkritiker, ein konservatives Publikum und – selbstverständlich aus anderen Beweggründen - der Schwerenöter Andrea einig.

Gefahrenpotentiale: die sizilianische Familie,...
Dieser provokative Subtext war das Wesen der „Comedia all’italiana“, zu dessen führenden Vertretern Monicelli seit seinem gemeinsamen Beginn mit Regie-Partner Steno („Guardie e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951)) zählte. Direkt komisch ist der Film nur selten, sieht man von seiner generellen Absurdität ab. Beispielhaft ist dafür eine zentrale Szene, als Andrea Zeuge eines Familienzwists in einer sizilianischen Osteria wird. Der Bräutigam einer Schönen (Jolanda Modio) weigert sich, diese zu heiraten, weil sie keine Jungfrau mehr wäre, wird aber mit Händen und Füßen von ihren zahlreichen Brüdern an der Flucht gehindert. Für Andrea, der nur unter Lebensgefahr zum Sex in der Lage ist, eine Idealsituation. Er gibt sich als Arzt aus, der die Wahrheit feststellen will, und schläft mit ihr, während die aufgeputschten Brüder vor der Tür auf das Ergebnis warten. Leider kommt ihm ein echter Arzt in die Quere und er wird von den Brüdern gnadenlos gejagt, bis er mit seinem Auto von einer hohen Klippe stürzt. So überdreht diese Situation auf den heutigen Betrachter wirken mag – unrealistisch ist daran nur, dass Andrea sie mit ein paar Schrammen überlebt.

..., sein General mit Ehefrau (Margaret Lee),...
Trotz dieser Konzession an eine Komödie blieb in „Casanova ‘70“ immer die persönliche Tragik des Frauenhelden spürbar. Mastroianni gab ihn im Stil eines konservativen Bonvivants, der irritiert auf die sich verändernde Sozialisation und damit das Verhalten der Frauen reagiert. Seine lebensgefährlichen Trips sind kein Ausdruck wachsenden Irrsinns, sondern der verzweifelte Versuch, an seinen bisherigen Erfahrungen festzuhalten. Für einen klassischen Liebhaber wie ihn war es die größte Herausforderung, den Widerstand einer geliebten Frau zu brechen. Um noch Lust empfinden zu können, sucht er äußerliche Gefahren bei der Beziehungsanbahnung

...,der eifersüchtige Ehemann (Marco Ferreri)...
Eine selbstzerstörerische Konsequenz, die ihm trotzdem Sympathien einbringt, denn sie wendet sich nicht gegen die Frauen, wie bei seinen Geschlechtsgenossen sonst üblich. Deren Schwierigkeiten mit der Emanzipation lassen sich in Enrico Maria Salernos Verkörperung eines misogynen Psychotherapeuten und in der Figur des eifersüchtigen Ehemanns der schillernden Marisa Mell nicht übersehen. Dass Regisseur Marco Ferreri diesen in einem seiner seltenen Leinwandauftritte mit diabolischem Gestus gab, war mehr als ein Fingerzeig, denn Ferreri („La grande bouffe“ (Das große Fressen, 1973)) blieb bis zu seinem Tod in den 90er Jahren ein so kritischer, wie vehementer Begleiter der soziokulturellen Entwicklung nach dem Krieg. Schon 1953 beteiligte er sich am Drehbuch von „L’amore in città“ und wurde als junger Regisseur in den frühen 60er Jahren zu einem glühenden Vertreter des Episodenfilms („Controsesso“, 1964).

...der Angebeteten (Marisa Mell)
Das galt auch für Mario Monicelli. Die Nähe zum Episodenfilm ist „Casanova ‘70“ entsprechend in mehrfacher Hinsicht anzumerken: die episodenhafte Struktur der Story, die nur durch wenige erzählerische Klammern (die Sitzung beim Psychotherapeuten, die abschließende Gerichtsszene) aufgehoben wird, der provokative Umgang mit der bürgerlichen Moral, der zum Markenzeichen des Episodenfilms wurde, und nicht zuletzt die breite Mitwirkung künstlerischer Wegbegleiter. Neben den Leib-Autoren Agenor Incrocci und Furio Scarpelli waren noch die Antonioni- („Il deserto rosso“ (Die rote Wüste, 1964)) und Visonti-Vertrauten („Vaghe stelle dell'orsa...“ (Sandra, 1965)) Tonino Guerra und Suso Checchi D’Amico mit am Drehbuch beteiligt. Gemeinsam mit Checchi D’Amico hatte Monicelli auch seine Episode zu „Bocacccio ‘70“ entworfen, auf den er mit seinem Filmtitel unmissverständlich anspielte. Beide Filme verstanden sich als Blick in die Zukunft gesellschaftlicher Veränderungen.

Andrea mit seiner Verlobten (Virna Lisi)
Dass dabei auch die Frauen nicht ungeschoren davon kamen, war zu erwarten. Besonders Marisa Mell als Ehegattin des so reichen, wie eifersüchtigen Conte (Marco Ferreri) nutzt den risikoreichen Hang ihres Möchtegern-Liebhabers für ihre Zwecke. Berechnend setzt sie ihre erotische Wirkung ein, um Andrea immer im letzten Moment mit Verweis auf ihren brutalen Ehemann zurückzuweisen. Prinzipiell eine „Win-win“-Situation: sie will ihren Ehemann loswerden und er kann sich über zu wenig Gefahr nicht beklagen. Den entgegengesetzten Part übernahm Virna Lisi als Tochter aus gutem Hause. Gigliola (Virna Lisi) entspricht noch ganz dem Anforderungsprofil an eine integre kommende Ehefrau, für die Sex vor der Ehe nicht in Frage kommt. Angesichts der schönen Virna Lisi normalerweise eine Geduldsprobe für jeden angehenden Ehemann. Nicht so bei Andrea. Sein Versuch, sein Seelenheil in einer konventionellen Beziehung zu finden, erweist sich als Irrtum, weshalb er froh über ihre Enthaltsamkeit ist. Als Gigliola aber zu seiner Überraschung bereit ist, vor der Ehe eine Nacht mit ihm zu verbringen, beendet er die Verlobung – offiziell aus moralischen Gründen.

„Casanova 70“ verfügt über eine Vielzahl an schönen Darstellerinnen, die Monicelli erotisch inszenierte, auch wenn die einzigen konkreten Nacktaufnahmen gleich zu Beginn in einem Pariser Striptease-Club stattfinden (und den Protagonisten Andrea storygemäß zum Einschlafen bringen). Der „Katholische Filmdienst“ bezeichnete Monicellis Film trotzdem als „Sexualposse“. Ein Fehlurteil, geschuldet der damals grundsätzlich Empörung hervorrufenden Sexual-Thematik, denn die optischen Reize des Films stehen ganz im Dienst eines satirischen Blicks auf die sich wandelnden Geschlechterrollen – die „70“ im Filmtitel ließe sich bequem bis in die Gegenwart verschieben. 

"Casanova '70" Italien 1965, Regie: Mario Monicelli, Drehbuch: Mario Monicelli, Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Tonino Guerra, Suso Cecchi D'Amico, Darsteller : Marcello Mastroianni, Virna Lisi, Marisa Mell, Michelle Mèrcier, Margaret Lee, Rosemarie Dexter, Enrico Maria Salerno, Marco Ferreri, Laufzeit : 115 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Mario Monicelli:

Sonntag, 29. Mai 2016

Le bambole (Die Puppen) 1965 Luigi Comencini, Franco Rossi, Dino Risi, Mauro Bolognini

Nino Manfredi und Virna Lisi
Inhalt: „La telefonata“ – (Regie Dino Risi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Nicht nur die Hitze macht dem jungen Ehemann (Nino Manfredi) zu schaffen, auch seine spärlich bekleidete Frau (Virna Lisi) lässt seine Gefühle hochkochen. Doch deren Interesse gilt nur den letzten Seiten ihres Romans – eine Phase, die ihr Mann mit Geduld zu überbrücken versucht. Endlich legt seine Frau das Buch zur Seite, als das Telefon klingelt. Seine Schwiegermutter ruft an…

Piero Foccaccio und Elke Sommer
„Il trattato di Eugenetica“ – (Regie Luigi Comecini, Drehbuch Luciano Salce, Steno): Valerio (Piero Foccaccio) soll eine junge Deutsche abholen, um sie durch Rom zu chauffieren. Zu seiner Überraschung tauscht Ulla (Elke Sommer) sofort die Rollen, denn fahren will sie selbst. Valerio soll ihr stattdessen Orte zeigen, an denen sich Männer versammeln. Dort will sie nach dem idealen Erzeuger für ihr Kind suchen – streng nach wissenschaftlichen Kriterien selbstverständlich.

John Karlsen und Monica Vitti
„La minestra“ – (Regie Franco Rossi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Wie jeden Abend sitzen Giovanna (Monica Vitti) und ihr älterer Ehemann (John Karlsen) wortlos am Tisch in ihrer einfachen Hütte, während er die von ihr gekochte Minestrone schlürft. Von außen klingt ein Lied an ihr Ohr, das von Freiheit und Aufbruch spricht und ihre Emotionen voll trifft. Sie spricht einen alten Kraftfahrer an und will ihn dafür bezahlen, ihren Mann zu überfahren…

Gina Lollobrigida und Jean Sorel
„Monsignor cupido“ – (Regie Mauro Bolognini, Drehbuch Leo Benvenuti, Piero De Bernardi): Vincenzo (Jean Sorel) begleitet als Assistent seinen Onkel, Monsignor Arendi (Akim Tamiroff), nach Rom zu einem Konzil im Vatikan. Für den jungen Mann der erste Besuch in einer Großstadt. Auch im Umgang mit Frauen ist er vollkommen unerfahren, wie Beatrice (Gina Lollobrigida) feststellen muss, deren Verführungsversuche nicht fruchten. Erst als sie gegenüber dem Priester behauptet, sein Neffe würde sie belästigen, dreht sich das Blatt…


Über die in Vergessenheit geratene Bedeutung des italienischen Episodenfilms oder die Vergänglichkeit nah am Zeitgeist orientierter Stoffe war in meinen Texten schon häufig die Rede. Aber kaum ein Film repräsentiert diese Konsequenzen mehr als "Le bambole" (Die Puppen), der Anfang 1965 in die Kinos kam, als sich der Episodenfilm auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand und die sexuelle Liberalisierung langsam Fahrt aufnahm. 

Sieht man von dem frühen "Boccaccio '70" (1962) ab, versammelte sich selten eine illustrere Gesellschaft auf dem Regie-Stuhl, hinter dem Drehbuch und vor der Kamera. Doch die Prominenz half nicht vor der italienischen Zensur, die "Le bambole" vier Monate lang wegen "Obszönität" sperrte, woran die Tragweite der damaligen Provokation deutlich wird. Trotzdem ist "Le bambole" - auch im Vergleich zu seinen Genre-Verwandten - dem Film-Gedächtnis nahezu entschwunden.

Ein Star-Ensemble lässt die Puppen tanzen

Stand der Episodenfilm für viele Regisseure am Beginn ihrer Karriere, kamen in "Le bambole" ausschließlich erfahrene und preisgekrönte Künstler zusammen. Für Dino Risi war es die erste Beteiligung seit „L’amore in città“ (1953), nachdem er in den Jahren zuvor schon unter alleiniger Regie der Kurzfilmform gefrönt hatte („I mostri“ (Die Monster, 1963)). Luigi Comencini („Tre notti d’amore“ (Drei Liebesnächte, 1964)), Mauro Bolognini („La mia signora“ (1964)) und besonders Franco Rossi („Controsesso“ (1964)) hatten schon diverse Genre-Beiträge abgeliefert (siehe den Essay „L’amore in città und die Folgen“) und blieben dem Episodenfilm bis in die 70er Jahre treu, kamen aber nicht mehr in dieser geballten Form zusammen.

Wie seine Regie-Kollegen gehörte auch Drehbuchautor Rodolfo Sonego seit den 50er Jahren („Achtung! Banditi!“ 1951, Regie Carlo Lizzani) zu den führenden Filmschaffenden in Italien. Über ihn, der zwei der vier Episoden verantwortete, lässt sich die Entwicklung des Erotikfilms von Alberto Lattuadas stilbildendem „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954) über die vielfache Beteiligung am Episodenfilm der 60er Jahre (“Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)) bis zur „Commedia sexy“ in die 70er Jahre verfolgen („Di che segno sei? (1975) Regie Sergio Corbucci.). Nicht weniger einflussreich waren die hier nur als Autoren aktiven Regisseure Luciano Salce und Steno, die die Idee zur zweiten von Comencini gedrehten Episode beisteuerten. Auch das Autoren Duo Leo Benvenuti und Piero De Bernardi war über Jahrzehnte nicht aus der „Commedia all’italiana“ wegzudenken („Fantozzi“(1975)) - für die vierte, von Bolognini umgesetzte Episode, nahmen sie sich eine Boccaccio-Novelle aus dem Dekameron zum Vorbild.

Besitzt die Aufzählung der hinter der Kamera Verantwortlichen immer einen theoretischen Charakter, verliert sich dieser Eindruck bei der Nennung der Darstellerinnen sofort. Virna Lisi, Monica Vitti und Gina Lollobrigida gehören zu den ganz großen Stars des italienischen Kinos - und die deutsche Schauspielerin Elke Sommer befand sich damals in der Hochphase ihrer internationalen Karriere. Ihre männlichen Co-Stars Nino Manfredi, Jean Sorel und Maurizio Arena können hinsichtlich des Glamour-Faktors nicht ganz mithalten, aber auch ihre Namen haben bis heute einen guten Klang. Umso mehr stellt sich die Frage, wieso „Le bambole“ vollständig in der Versenkung verschwand und über keinerlei Reputation verfügt? - Die Antwort fällt leicht. Die Stories sind bis auf „Monsignor cupido“ nach Boccaccio schwach und klischeehaft.


Die Männer schlagen zurück

Der Ehemann tröstet sich mit der Nachbarin (Alicia Brandet)
In der ersten Episode „La telefonata“ fühlt sich der junge Ehemann (Nino Manfredi) von seiner schönen, mit ihrer Mutter dauertelefonierenden Ehefrau (Virna Lisi) zurückgesetzt. Gerade hatte er sich auf das Liebesspiel mit ihr gefreut – sie hatte ihn hingehalten bis sie ihren Roman ausgelesen hatte – wird seine Geduld schon wieder auf die Probe gestellt. Die Kamera umschmeichelt Virna Lisis Körper so ausführlich, dass die Begehrlichkeiten des Ehemanns verständlich werden, was ihn aber nicht davon abhält, zu der jungen Nachbarin (Alicia Brandet) auf die andere Straßenseite zu wechseln. Während die Ehefrau noch gegenüber ihrer Mutter von ihrem braven Ehemann schwärmt, der an der üppig gebauten nymphomanen Frau von Gegenüber keinen Gefallen findet, wurde er von dieser schon mit offenen Armen empfangen.

Ulla endet als Hausfrau
Ähnlich daneben liegt Ulla (Elke Sommer), eine junge Deutsche, die in Italien nach dem idealen „Latin Lover“ als Samenspender für ihr Kind sucht. Beziehung, gar Ehe kommen für sie nicht in Frage, da sie nur Abhängigkeit bedeuten. In „Il trattato di Eugenetica“ lässt sie sich vom wenig attraktiven Chauffeur Valerio (Piero Foccaccio) Rom zeigen, wo sie die Männer nach strengen Kriterien vermisst und begutachtet. Da die Blondine sehr hübsch ist, lassen sie es sich gerne gefallen, aber Keiner von ihnen entspricht ihren umfangreichen Anforderungen. Schon gar nicht Valerio, der in Liebe zu Ulla entflammt ist und es nicht mitansehen kann, wie sie einen Mann ausschließlich für die Kindszeugung sucht. Als er sich weigert, weiter für sie zu arbeiten, begegnet Ulla Massimo (Maurizio Arena), der die Kriterien erfüllt. Nur kommt der Macho mit seiner Rolle als „Zuchthengst“ nicht zurecht, weshalb sie ihn mit Pillen vor dem Sex still stellen will. Erwartungsgemäß scheitert sie an der praktischen Umsetzung ihrer Theorie und landet schließlich als Hausfrau und vielfache Mutter in einem einfachen Wohnblock, wo sie schon die Nudeln für ihren von der Arbeit heimkehrenden Ehemann Valerio bereitet hat.

Der schlürfende Ehemann bleibt
In der dritten Episode „La minstra“ trieben die Macher ihr böses Spiel mit den Frauen weiter auf die Spitze. Schon optisch ist die Grundkonstellation eine Provokation. Monica Vitti als schöne Ehefrau sitzt in einer einfachen Behausung einem deutlich älteren, hageren Ehemann (John Karlsen) gegenüber, der die von ihr gekochte Minestrone missmutig in sich hinein schlürft. Wer will es ihr da verdenken, dass sie ihn umbringen lassen will? – Leider nur mit mäßigem Erfolg. Die Männer, die sie dafür anheuert, nehmen ihr erst ihr Geld, dann ihren Körper. Immer mit demselben Ergebnis – ihr Ehemann kommt nach Hause und schlürft seine Suppe. Begleitet wird die Szenerie von einem Gitarristen, dessen Gesang von Freiheit und Aufbruch in den Kopf der jungen Frau dringt. Spätestens hier wird deutlich, dass Sonego und seine Kollegen die Vorurteile gegenüber einer sich verändernden Sozialisation, besonders gegenüber der Emanzipation, mit überzeichneten weiblichen Figuren veralberten: - die ihren Ehemann vernachlässigende Hausfrau, die allzeitbereite Nachbarin, die intellektuelle Technokratin und die von Rock-Musik beeinflusste Träumerin.

Monsignore (Akim Tamiroff) achtet auf seinen Neffen
Wer die Werke der beteiligten Herren hinter der Kamera, mehr noch die Filme der Darstellerinnen um Monica Vitti und Gina Lollobrigida kannte, wusste die Ironie hinter den geballten Klischees einzuschätzen – dem damaligen Publikum war das zuzutrauen. Dazu gehört auch, „Le bambole“ in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht - wie inzwischen üblich - die Episoden als unabhängige Kurzfilme zu bewerten. Erst die innere Dynamik, die direkt auf die letzte Episode zuläuft, wird dem Film gerecht. Auch „Monsignor cupido“ entwickelt sich zuerst gegen die weiblichen Absichten. Beatrice (Gina Lollobrigida), die mit ihrem Ehemann gemeinsam ein Hotel leitet, wird auf einen hübschen jungen Mann (Jean Sorel) aufmerksam, der seinen Onkel (Akim Tamiroff), einen Priester, zu einem Treffen im Vatikan nach Rom begleitet. Beatrice wendet alle ihre Verführungskünste bei ihm an – ohne Wirkung, denn scheinbar gilt dessen Interesse nur der katholischen Kirche. Erst als Beatrice dem Priester vorlügt, sein Neffe würde ihr nachstellen, wendet sich das Blatt. Dessen Wut über die angebliche Unmoral seines Schützlings führt den jungen Mann direkt in die Arme der Schönen - eine logische Konsequenz ganz im Sinn von Boccaccio.

Die Schwäche von „Le bambole“, seine Klischeehaftigkeit und vorhersehbare Konsequenz zugunsten der Männer, ist gleichzeitig seine Stärke. Deutlich wird daran, wie sehr der Episodenfilm in mehr als 80 Kurzfilmen der Jahre 1962 bis 1966 versuchte, die zunehmende gesellschaftliche Liberalisierung von allen Seiten zu betrachten (nimmt man die nur unter einem Regisseur entstandenen Episodenfilme hinzu, vergrößert sich diese Zahl noch erheblich). „Le bambole“ war Teil eines Diskurses, der die gesellschaftliche Doppelmoral und die Macho-Allüren der Männer genauso mit Humor anprangerte, wie er sich über die neuen Frauen-Rollen lustig machte. Die Macher wechselten ständig den Blickwinkel und gaben sich nicht ohne Selbstironie dem Voyeurismus hin, immer verbunden mit ihrer Sympathie für die gesellschaftlichen Veränderungen und ihrer Lust an der Provokation. Die negativen Reaktionen auf "Le bambole" konnten sie nicht überraschen, denn die Quintessenz lässt sich schon an den Anfangscredits ablesen – wir alle sind Marionetten.

"Le bambole" Italien, Frankreich 1965, Regie: Luigi Comencini, Dino Risi, Franco Rossi, Mauro Bolognini, Drehbuch: Rodolfo Sonego, Luciano Salce, Steno, Leo Benvenuti, Piero De Benardi, Darsteller : Monica Vitti, Gina Lollobrigida, Virna Lisi, Elke Sommer, Nino Manfredi, Jean Sorel, Alicia Brandet, Piero Focaccia, Maurizio Arena, Akim Tamiroff, Laufzeit : 105 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

"Pane, amore e fantasia" (1953)

- weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi :
"Il sorpasso" (1962)
"I mostri" (1963)
"I nuovi mostri" (1977)

- weitere im Blog besprochene Filme von Mauro Bolognini :

- weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi :

"Tre notti d'amore" (1964)

Montag, 9. Mai 2016

L'amore difficile (Erotica) 1962 Sergio Sollima, Nino Manfredi, Luciano Lucignani, Alberto Bonucci

Catherine Spaak und Enrico Maria Salerno
Inhalt: „Le donne“ (Der Junggeselle): Es ist schon später Vormittag, als Antonio (Enrico Maria Salerno) von seiner Zugehfrau geweckt wird. Er bezahlt ihr schnell ihren Lohn, um sie loszuwerden, denn er hatte sich schon für den Nachmittag verabredet. Sein erster Versuch galt Valeria (Catherine Spaak), deren Wunsch ans Meer zu fahren aber nicht in seine Planung passte. Schließlich hat er alles was er braucht bei sich zu Hause und es dauert auch nicht lange bis Bruna (Claudia Mori), die er danach anrief, vor seiner Tür steht…

Nadja Tiller und Vittorio Gassman
„L’avaro“ (Der Hausfreund): Als er die attraktive Ehefrau (Nadja Tiller) seines Klienten (Adriano Rimoldi) kennenlernt, ändert der Rechtsanwalt (Vittorio Gassman) seine Meinung, hinsichtlich der Chancen, dessen Versicherung zu verklagen, um weiter mit dem Ehepaar verkehren zu können. Er bemerkte schnell, dass ihre Ehe nicht glücklich ist, denn sein Klient ist der Spielleidenschaft verfallen und vernachlässigt seine Frau. Offensiv versucht er sie zu verführen – bis er erfährt, dass ihr Mann längst pleite ist…

Fulvia Franco und Nino Manfredi
„L’avventura di un soldato“ (Der Soldat): Schläfrig sitzt ein Soldat (Nino Manfredi) im überhitzten Zugabteil, kaum seine Mitpassagiere wahrnehmend. Bis eine attraktive junge Frau (Fulvia Franco) einsteigt, die wie eine Witwe gekleidet ist. Sie setzt sich direkt neben den Soldaten, dem es sehr schwer fällt, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Als er sie scheinbar zufällig berührt und sie weder zurückzuckt, noch sich beschwert, wird er mutiger…

Bernhard Wicki und Lilli Palmer
„Le serpente“ (Der Ehemann): Ein deutsches Ehepaar in den Vierzigern - Hans (Bernhard Wicki) und Hilde Brenner (Lilli Palmer) - verbringt seinen Urlaub mit dem eigenen Auto auf Sizilien. Während der Ehemann (Bernhard Wicki) vor allem an den alten Ausgrabungsstätten interessiert ist, gibt sich seine vernachlässigt fühlende Frau ihren Fantasien hin. Als sie nachts in einer einsamen Gegend mit ihrem Wagen liegen bleiben, kommt ihnen ein kleiner LKW mit zwei jungen Männern zu Hilfe. Da sie nur einen Platz frei haben, nehmen sie Hilde mit, um einen Abschleppdienst zu holen…


"L'amore difficile"  steht nicht nur am Beginn der Hochphase des Episodenfilms im italienischen Kino, sondern gehört auch zu den Fixpunkten deutsch-italienischer Zusammenarbeit in der aufkommenden erotischen Komödie. Gemeinsam mit den Co-Produktionen  "Come imparai ad amare le donne" (Das gewisse Etwas der Frauen, 1966) und  "Warum habe ich bloß 2mal ja gesagt" (Professione bigamo, 1969) symbolisiert er die Entwicklung in Richtung der erotischen Komödie der 60er Jahre und in einer Art künstlerischem Triangel auch die Unterschiede italienisch-deutscher Eigenheiten.
Der zentrale "Come imparai ad amare le donne" besaß ein zwischen den Ländern ausgewogenes Kreativteam (und wurde von mir in beiden Blogs berücksichtigt), der späte "Warum habe ich bloß 2mal ja gesagt" entstand unter deutscher Hoheit, während "L'amore difficile" noch größtenteils italienisch geprägt war. Trotzdem gehört er - nicht nur wegen Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - auch in meine Liste des "deutschen erotischen Films".


Claudia Mori in "Le donne"
Italienische Komödien, Episoden- und Erotikfilme - aus heutiger Sicht vermischt sich alles zu einer schwer differenzierbaren Masse, gerne mit dem 68er Stempel versehen, der den Eindruck entstehen lässt, Jemand hätte 1968 einen Schalter umgelegt und die prägnanten Ereignisse dieser Zeit wären nicht das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. Diese oberflächliche Betrachtungsweise führt dazu, dass Filme wie "L'amore difficile", sollten sie zufällig in irgendeinem TV-Programm auftauchen, als wenig aufregende erotische Geschichten aus Opas Zeiten wahrgenommen werden. Wer empört sich noch über eine junge Frau, die kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrem Geliebten schläft, oder begreift die Aufregung, die einen Soldaten in einem Zugabteil packt, als dessen verschämte Berührungen von einer attraktiven Witwe nicht abgewiesen werden?

Lilla Brignone in "L'avaro"
Zurecht ließe sich anmerken, dass Filme keinen Anspruch darauf besitzen, nur aus ihrer Entstehungszeit heraus bewertet zu werden. Eine veraltete Story bleibt veraltet, auch wenn sie damals hypermodern gewesen sein soll. Nur ist das in der "Commedia all'italiana" selten der Fall, deren gesellschaftskritische Inhalte nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Sieht man hinter die Fassade ihrer im Vergleich zur Gegenwart optisch zurückhaltenden Inszenierungen, gilt das auch für die in den 60er Jahren langsam entstehende "Commedia sexy". "L'amore difficile" oder "Erotica", wie die deutsch-italienische Co-Produktion hierzulande genannt wurde, war dafür in mehrfacher Hinsicht eine Initialzündung. Ein frühes Wagnis, dessen Einfluss auf die kommenden Jahre nicht zu unterschätzen ist.

So beliebt die Gattung des Episodenfilms in Italien unter Filmschaffenden war, kann von einer kontinuierlichen Pflege nicht die Rede sein (siehe auch den Essay „L’amore in città und die Folgen“). Nach einem kurzen Aufflackern in den frühen 50er Jahren, wurde erst der Erfolg von „Boccaccio ‘70“ (1962) zum Auslöser eines bis Ende der 60er Jahre anhaltenden Booms. Zumindest in Italien, denn über die geballte Star-Power des von Luchino Visconti, Vittorio De Sica und Federico Fellini verantworteten Episodenfilms, der die erotischen Geschichten Boccacios sehr frei in die Moderne transferierte, verfügten nur noch wenige der späteren Genre-Vertreter. Signifikant dafür ist auch, dass die erste Episode auf Grund der 3stündigen Gesamtlänge von der Produktionsgesellschaft für die Vermarktung außerhalb Italiens herausgenommen wurde. Regisseur Mario Monicelli, obwohl Anfang der 60er Jahre eine anerkannte Größe in Italien, verfügte nicht über das internationale Renommee seiner Mitstreiter.

Gastone Moschin in "Le serpente"
Eine Vorbildfunktion ist „Boccaccio ‘70“ trotzdem nicht abzusprechen – der im Jahr zuvor erschienene Episodenfilm „Le italiane e l’amore“ (Die Italienerin und die Liebe, 1961) blieb wenig bekannt - aber für eine direkte Einflussnahme war der Film zu groß. Diese Rolle steht „L’amore difficile“ (Erotica) zu, der wenige Monate später herauskam und mit seiner Experimentierfreudigkeit unter jungen Regisseuren und Drehbuchautoren die zukünftige Richtung vorgab. Besonders die in den folgenden Jahren 1963 bis 1965 herausgekommenen 14 Episodenfilme zeichneten sich durch ihren unverkrampften Umgang mit der Sexualität und den veränderten Geschlechterrollen aus. Ein Großteil dieser Filme wurde nie oder nur verspätet außerhalb Italiens im Kino gezeigt und ebnete den Weg in Richtung „Commedia sexy all’italiana“.

Adriano Rimoldi in "L'avaro"
Über den Entstehungsprozess von „L’amore difficile“ lassen sich nur wenige Fakten finden, aber diese können zumindest eine Ahnung davon vermitteln, wie sensibel das Thema „Sexualität“ Anfang der 60er Jahre angegangen werden musste. Anders als bei „Boccaccio ‘70“ stand keine bekannte Produktionsgesellschaft wie Angelo Rizzolis „Cineriz“ hinter dem Projekt, sondern teilten sich die italienische „SpA Cinematografica“ und die deutsche „Eichberg Film“ die Kosten. Für Produzent Achille Piazzi und die „SpA Cinematografica“ wurde „L‘amore difficile“ ihr letzter Kinofilm, die „Eichberg-Film“ setzte danach verstärkt auf die damals dank des Karl-May- und Edgar-Wallace-Hypes populären Abenteuer- („Kali-Yug: Die Göttin der Rache“, 1963) und Kriminalfilme („Agent spécial à Venise“ (Mord am Canale Grande, 1964)). Offensichtlich war dem frühen Ausflug ins erotische Metier kein großer Erfolg beschieden.

Dabei war der Auswahl der Stoffe der Wille zu größtmöglicher Seriosität anzumerken. Ausschließlich Werke der Literatur dienten als Vorlage, wie besonders in der deutschen Fassung mit eingeblendeten Schautafeln vor den einzelnen Episoden betont wurde. Die Kurzgeschichten der italienischen Autoren Alberto Moravia („L‘avaro“), Mario Soldati („Il serpente“), Ercole Patti („Le donne“) und Italo Calvino (L’avventura di un soldato“) sollten mit ihrem intellektuellen Gestus der erotischen Thematik die Anrüchigkeit nehmen. Wie häufig wurde die Reihenfolge der Episoden in der deutschen Fassung geändert. In diesem Fall ohne Bedeutung, da die einzelnen Kurzfilme außer der grundsätzlichen Thematik keine Gemeinsamkeiten oder innere Dynamik aufweisen. Bemerkenswerter ist die deutsche Übersetzung der Originaltitel. Aus „L’avaro“ (Der Geizhals) wurde „Der Hausfreund“, „Le donne“ (Die Frauen) umbenannt zu „Der Junggeselle“, „Le serpente“ (Die Schlange) mutierte zu „Der Ehemann“ und „L’avventura di un soldato“ (Abenteuer eines Soldaten) wurde zu „Der Soldat“ vereinfacht.

Die Absicht dahinter liegt auf der Hand – die Typisierung männlicher Charaktere sollte eine inhaltliche Klammer herstellen, widersprach aber der Intention besonders der ersten beiden Episoden. Vittorio Gassman als Rechtsanwalt in „L’avaro“ ist nichts weniger als „ein Hausfreund“ – auch nicht im ironischen Kontext - sondern von emotionaler Leere. Moravia entwarf das bösartige Bild eines überheblichen Bürgers, dessen Geiz jeden Bereich seines Lebens erfasst. Sich selbst als Frauenheld hoch stilisierend, ist er nicht in der Lage, der von ihm forcierten Annäherung der verführerischen Ehefrau (Nadja Tiller) seines Klienten angemessen zu begegnen. Ein Paradebeispiel für Feigheit und Kleingeistigkeit – und eine Paraderolle für Gassman.

Enrico Maria Salerno als „Junggeselle“ scheint da in „Le donne“ von ganz anderem Kaliber zu sein, denn die hübschen jungen Frauen stehen auf den erfahrenen Liebhaber mit künstlerisch, intellektueller Aura. Bruna (Claudia Mori) beendet zwar ihre Affäre, weil sie in zwei Tagen heiraten will, schläft aber noch mit Antonio (Enrico Maria Salerno), und die 18jährige Valeria (Catherine Spaak) springt schnell als Ersatz ein und verbringt einen zärtlichen Nachmittag mit ihm am Strand. Ein täuschender Eindruck. Nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der hier außerehelicher Geschlechtsverkehr zelebriert wurde, provozierte, sondern die selbstbewusste Rolle der Frauen. Der sehr von sich eingenommene Macho muss konsterniert feststellen, dass er selbst zum Sexualobjekt wurde.

In „Le serpente“ zeigt der von Bernhard Wicki gespielte Ehemann zwar die üblichen Verschleißerscheinungen einer länger andauernden Ehe, aber unsympathisch ist er nicht. Im Mittelpunkt der von Mario Soldati erdachten Story steht das Tabu-Thema Sex im fortgeschrittenen Alter, hier am Beispiel zweier Mittvierziger. Hilde (Lilli Palmer) fühlt sich von ihrem Ehemann vernachlässigt, nicht mehr begehrt. Die titelgebende „Schlange“ im italienischen Original steht für die Fantasien, die Hilde immer wieder überkommen – so hält sie ihren Gürtel aus Schlangenleder, den sie spontan öffnete und von sich warf, für eine Schlange und ruft ihren Mann um Hilfe. Mit dem Ergebnis, dass er sich über sie lustig macht. Er begreift ihr Verlangen erst, als sie zwei junge Sizilianer zu unrecht der Vergewaltigung beschuldigt.

Im Gegensatz zu den drei anderen Episoden, in der die sexuelle Interaktion, wenn auch unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, direkt angesprochen wurde, scheint „L’avventura di un soldato“ unmittelbar der damaligen, sehr verklemmten Realität entnommen. Das Abenteuer, von dem der italienische Originaltitel spricht, erlebt ein Soldat (Nino Manfredi) in einem Zugabteil an der Seite einer attraktiven Witwe (Fulvia Franco). Der Typus „Soldat“ sollte die sexuellen Entzugserscheinungen noch betonen, weshalb die körperliche Nähe der jungen Frau für ihn zu einer echten Herausforderung wird. Als er bemerkt, dass sie seine vorsichtigen Berührungen nicht zurückweist, wird er mutiger, immer auf der Hut vor seiner Umgebung. Doch ständig kommt ihm etwas in die Quere – einmal glaubt er sich endgültig erwischt, als die gegenüber sitzende kleine Tochter ihrer Mutter etwas ins Ohr flüstert und sie daraufhin das Abteil verlassen.

Ein echtes Abenteuer, aber ohne Happy-End. Am Ende steht der Soldat einsam auf den Gleisen eines verlassenen Kleinstadt-Bahnhofs, während sich die Witwe und sein Zug in unterschiedlichen Richtungen entfernen. In der deutschen Fassung das schöne Schlussbild eines Films dessen Humor nur sehr rudimentär die Verlogenheit der vorherrschenden Moral und der zementierten Geschlechterrollen überdeckte und damit die Linie für die kommende „Commedia all’Italiana“ und deren Ableger „Commedia sexy“ vorgab. Dass die Drehbuchautoren Sandro Continenza, Ettore Scola und Fabio Carpi sowie die Darsteller Catherine Spaak, Nino Manfredi, Vittorio Gassman, Enrico Maria Salerno und Gastone Moschin zu den kommenden Größen der „Commedia all’italiana“ gehören sollten, unterstreicht noch die Bedeutung von „L’amore difficile“. Das gilt auch für Lilli Palmer, Bernhard Wicki und besonders die Rolf Thiele-Muse Nadja Tiller als Vertreter der „deutschen Produktion“.

Einzig am Regie-Pult lassen sich keine prominenten Namen finden. Sergio Sollima gehört heute zwar zu den profiliertesten Vertretern des Italo-Western und frühen Poliziesco, aber seine Inszenierung der Episode „Le donne“ blieb seine einzige Beteiligung an einem Episodenfilm der „Commedia all’italiana“. Erst drei Jahre später begann seine eigentliche Karriere als Regisseur mit „Agente 3S3: Passaporto per l'inferno“ (Agent 3S3 kennt kein Erbarmen, 1965). Die übrigen Episoden übernahmen der Autor Luciano Lucignani sowie die Schauspieler Alberto Bonucci und Nino Manfredi, für die der Ausflug ins Regie-Fach eine seltene Ausnahme blieb. Der Grund dafür, wie bei den zuvor beschriebenen Umständen der Produktion, lässt sich im Risiko finden, dass mit der Thematik „Sex“ Anfang der 60er Jahre noch verbunden war. Es bedurfte junger, experimentierfreudiger Regisseure, Autoren und Darsteller – der Anfang war gemacht.

"L'amore difficile" Italien, Deutschland 1962, Regie: Sergio Sollima, Nino Manfredi, Luciano Lucignani, Alberto Bonucci, Drehbuch: Ettore Scola, Sandro Continenza, Fabio Carpi, Nino Manfredi, Renato Mainardi, Giuseppe Orlandini, Alberto Moravia (Kurzgeschichte), Mario Soldati (Kurzgeschichte), Ercole Patti (Kurzgeschichte), Italo Calvino (Kurzgeschichte), Darsteller : Catherine Spaak, Claudia Mori, Enrico Maria Salerno, Vittorio Gassman, Nadja Tiller, Lilla Brignone, Bernhard Wicki, Lilli Palmer, Gastone Moschin, Fulvia Franco, Nino Manfredi, Laufzeit : 117 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Sollima:

"La resa dei conti" (1966) 
"Faccia a faccia" (1967) 
"La città violenta" (1970) 

Montag, 2. Mai 2016

Guardia, ladro e cameriera (Nachtwächter, Dieb und Dienstmädchen) 1958 Steno

Inhalt: In wenigen Stunden beginnt das neue Jahr und die Römer freuen sich schon auf die Feierlichkeiten. Einzig Otello Cucchiaroni (Nino Manfredi) hat noch keine Ahnung, wohin er gehen soll, denn selbst die Bar, in der er sich sonst die Zeit vertreibt, schließt an diesem Abend. Und da er notorisch pleite ist, nimmt ihn Niemand mit zu einer der vielen Partys. Notgedrungen schließt er sich deshalb Franco (Marco Guglielmi) und Angelino (Giampiero Littera) an, die die Abwesenheit wohlhabender Römer nutzen wollen, um in deren Wohnung einzusteigen. Den Plan hat der „Professor“ (Mario Caretonuto) ersonnen, der dafür einen geschickten Fassadenkletterer benötigt. Den Job soll Otello übernehmen.

Aus demselben Grund verzichtete auch Amerigo Zappitelli (Fausto Cigliano) auf Alkohol und Party, denn der ehrgeizige Polizist weiß, dass die Gauner den allgemeinen Trubel für ihre Zwecke nutzen wollen. Als er Hilfeschreie aus einem Wohnhaus vernimmt, zögert er nicht lange um einzugreifen. Das Dienstmädchen Adalgisa Pellicciotti (Gabriella Pallotta) hatte ihren Schrei inzwischen bereut, nachdem der ungeschickte Einbrecher Otello ihr seine Situation erklärt hatte, kann aber nicht mehr verhindern, dass der Wächter die Wohnung durchsuchen will…


Hilfe, die Diebe kommen !

"Il professore" (Mario Carotenuto) kassiert für seinen Plan
"Gauner-Komödien" gehören schon lange zum Kino-Alltag. In der Regel plant eine zusammengewürfelte Gruppe den ganz großen Coup - entweder um sich ein sorgenfreies Leben zu bescheren oder einem echten Bösewicht zu schaden. Oft beides zusammen, denn die moralischen Regeln werden durch die Identifikation mit den Kriminellen keineswegs außer Kraft gesetzt. Diese gehen selbstverständlich gewaltfrei vor, sind im Vergleich zu ihrem Gegner harmlose Gesellen und nicht selten stehen sie selbst am Ende mit leeren Händen da - arm, aber cool. Als Geburtsstunde dieser Spezies gilt Mario Monicellis „I soliti ignoti“ (Diebe haben`s schwer, 1958), der Jules Dessins dramatische Version eines raffinierten Einbruchs „Rififi“ (1956) in die römische Realität Kleinkrimineller transferierte, die versuchten ihrer Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen. Kombiniert mit einer humorvollen Anlage ließen sich so soziale Missstände unterhaltsam auf die Kinoleinwand bringen – signifikant für die „Commedia all’italiana“.

Franco (Marco Guglielmi) und Angelino (Giampiero Littera) überreden Otello
Der Ursprung dieser besonderen italienischen Vorliebe für den Typus „Dieb“ lässt sich im „Neorealismus“ finden. In „Ladri di biciclette“ (Fahrraddiebe, 1948) beschrieb Vittorio de Sica die dramatischen Konsequenzen eines Fahrraddiebstahls. Aus Verzweiflung wird der Protagonist am Ende selbst zum Dieb und sieht sich der öffentlichen Empörung ausgesetzt. De Sicas generellem Ansatz ließ das Regie-Duo Mario Monicelli und Steno in „Guardie e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951) einen spezifisch italienischen Blickwinkel folgen. Vor dem Hintergrund einer prekären wirtschaftlichen Situation schickten sie die Komödianten Totò und Aldo Fabrizi als Dieb und Polizist aufeinander los. Mit dem Ergebnis, dass sie mehr einte als trennte. Tricksen und Organisieren gehörte zum Alltag einer Bevölkerung, der nach dem Kriegsende das Nötigste fehlte – der kleine Dieb oder Gauner, der ums eigene Überleben kämpfte, wurde zu einer Sympathiefigur.

Der deutsche Graf (Luciano Salce) will das echte römische Nachtleben
Totò variierte diese Rolle in den 50er Jahren noch mehrfach. Konkret in „I tre ladri“ (Gaunerparade, 1954) und als Geldfälscher in „La banda degli onesti“ (Die Bande der Ehrlichen, 1956), oder auch unterschwellig in „Totò all’inferno“ (Totò in der Unterwelt, 1955), in dem er sich als erfolgloser Dieb zu Beginn das Leben nehmen will. Auch in „I soliti ignoti“ mimte er noch einmal einen alternden Geldschrankknacker, wirkte aber nicht an dem geplanten Coup mit. Ende der 50er Jahre erlebte der „Dieb“ im italienischen Kino eine Renaissance, obwohl sich dessen Bild zu wandeln begann. In „Parola di Ladro“ (Mit Melone und Glacéhandschuhen, 1957), „Ladro lui, ladra lei“ (Dieb hin, Dieb her, 1958) oder „I ladri“ (Jeder Dieb braucht ein Alibi, 1959) ging es weniger um die nackte Existenz wie in der Nachkriegszeit, sondern mehr um die Teilhabe an der fortschreitenden wirtschaftlichen Prosperität. Die Legitimation für die Gaunereien entstand aus der zunehmend größer werdenden Schere zwischen arm und reich.

Räuber und Gendarm: Otello (Nino Manfredi) und Amerigo (Fausto Cigliano)
Dieser Entwicklungsschritt lässt sich auch in Stenos Werk nachvollziehen, zumal Lucio Fulci und Sandro Continenza jeweils unmittelbar daran beteiligt waren. In ihrer letzten im Kleinkriminellen-Milieu spielenden Komödie „Un giorno in pretura“ (wörtlich: „Ein Tag vor Gericht“, deutscher Titel „Drei Sünderinnen“, 1954) nach einem gemeinsamen Drehbuch interessierten sie sich noch für die Schicksale der „I soliti ignoti“ (üblichen Verdächtigen), wie ein eingeblendeter Text zu Beginn betonte. In drei Episoden betrachteten sie die alltäglichen Umstände, unter denen diese mit dem Staat in Konflikt gerieten. Scheinbar legte auch „Guardia, ladro e camereria“ (Nachtwächter, Dieb und Dienstmädchen) sein Gewicht auf drei Prototypen, aber der Filmtitel verstand sich als ironischer Kommentar auf „Guardie e ladri“. Das Dienstmädchen störte das Gleichgewicht zwischen Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher. Zudem verschwand der generalisierende Plural aus „Guardie e ladri“, der die Gemeinsamkeiten und Solidarität untereinander betonen sollte – beides hatte sich Ende der 50er Jahre erledigt.

Tatsächlich bevölkern in „Guardia, ladro e camereria“ eine Menge Gauner die Szenerie, aber der Dieb, auf den der Filmtitel anspielte, ist nur ein harmloser Zeitgenosse, der eher unfreiwillig zum Einbrecher wird. Sein Charakter besäße noch Gemeinsamkeiten mit den armen Schluckern der Nachkriegszeit, ginge es bei Otello Cucchiaroni (Nino Manfredi) ums Überleben. Dass er sich Franco (Marco Guglielmi) und Angelino (Giampiero Littera) anschließt, um ein „sicheres Ding“ zu drehen, ist nur der Notlage zu verdanken, aus finanziellen Gründen nicht an den Silvester-Feierlichkeiten teilnehmen zu können. Manfredi gab gewohnt überzeugend den so charmanten, wie abgebrannten Aufschneider, der das Interesse der Gauner weckt, weil er mit seinen angeblichen Flieger-Erfahrungen aus dem Krieg angegeben hatte. Das qualifiziert ihn in deren Augen als Ersatzmann für einen frisch inhaftierten Fassadenkletterer, aber als Otello erblickt, in welchen Höhen er in das angeblich verlassene Appartement eines reichen Grafen (im Original „Conte tedesco“ (deutscher Graf), schön arrogant gespielt von Regisseur Luciano Salce) eindringen soll, bekommt er Fluchtgedanken.

Bei der Stimme kann Adalgisa (Gabriella Pallotta) nicht widerstehen
Zu spät, denn die Leitung des Unternehmens hatte inzwischen der „Professor“ (Mario Carotenuto) übernommen, der keinen Rückzieher zuließ. Ihm war der „todsichere“ Plan zu verdanken, für den Franco und Angelino im Voraus bezahlen mussten – eine Geschäftstüchtigkeit, die jeden Gedanken an Räuber-Romantik austrieb. Schon die Besetzung mit Mario Carotenuto als selbstgefälligem „Master-Mind“ lässt deutlich werden, dass die Sympathien hier nicht auf der Seite der Gauner lagen, sondern einzig bei Otello, der in der Wohnung des Grafen auf das Dienstmädchen Adalgisa Pellicciotti (Gabriella Pallotta) trifft, mit der er schnell warm wird. Käme ihm nicht der eifrige Schutzmann Amerigo Zappitelli (Fausto Cigliano) in die Quere, der seine Pflichten auch an Silvester nicht vernachlässigt und besonders gern gefährdeten jungen Frauen zu Hilfe kommt. Sehr autoritär geht er dabei nicht vor, sondern überzeugt mehr mit seiner samtenen Gesangs-Stimme. Der bekannte italienische Sänger Fausto Cigliano verlieh der Auseinandersetzung Dieb / Polizist mit einer seiner seltenen Filmrollen eine zusätzliche ironische Komponente.

Klassenlose Gesellschaft an Silvester
Entsprechend spielte die reale Situation der Protagonisten in „Guardia, ladro e camereria“ nur eine Nebenrolle. Die Gaunerbande um den „Professor“ besteht aus wenig ernstzunehmenden Trotteln und das Dreieck Schutzmann, Dieb und Dienstmädchen interessierte mehr in amouröser Hinsicht. Im Mittelpunkt stand eine feiernde römische Gesellschaft, deren demonstrativ solidarische Ausgelassenheit angesichts zementierter Klassenzugehörigkeit und Doppelmoral oberflächlich und verlogen ist. Gemessen an Monicellis parallel erschienenem „I soliti ignoti“ blieb der gesellschaftskritische Aspekt aber zurückhaltend, lag das Schwergewicht des Films auf einem Mix aus Gauner- und Liebeskomödie mit abschließendem Happy-End - garniert mit Gesangsnummern, die an Lucio Fulcis Engagement im Musik-Film erinnerten („La ragazza di Via Veneto“, 1955). Es blieb ein sympathischer Beinahe-Dieb, dessen Charakterisierung signifikant für den sich wandelnden Typus des kleinen Gauners im 50er Jahre-Film stand.

"Guardia, ladro e camariera" Italien 1958, Regie: Steno, Drehbuch: Steno, Lucio Fulci, Sandro Continenza, Darsteller : Nino Manfredi, Gabriella Pallotta, Fausto Cigliano, Mario Carotenuto, Luciano Salce, Marco Guglielmi, Bice Valori, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.