Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.

Freitag, 17. Mai 2013

Gli specialisti (Fahrt zur Hölle, ihr Halunken) 1969 Sergio Corbucci


Inhalt: Die Insassen einer Postkutsche werden von mexikanischen Banditen an einer Station aufgefordert, ihre Habseligkeiten heraus zu geben. Die vier Vagabunden unter ihnen schmeißen sie in eine Pfütze, wo sie unter dem Gelächter der Mexikaner im Schlamm wühlen müssen. Hud (Johnny Halliday), der sich in der Station befand, will sich das Schauspiel nicht mehr länger ansehen und erschießt die Männer, die zur Bande von „El Diablo“ (Mario Adorf) gehören. Danach verfolgt er seinen Weg weiter, der ihn zu der Hütte von Boot (Serge Marquand) führt.

Die Bewohner von Blackstone wissen schon von seiner baldigen Ankunft und beschwören den Sheriff (Gastone Moschin), gegen Hud vorzugehen. Sie befürchten, dass er seinen Bruder rächen will, den sie vor zwei Monaten nach dessen Bankraub gelyncht hatten, um sich die Beute selbst holen, die bisher nicht gefunden wurde. Doch der Sheriff bleibt ruhig und reitet Hud entgegen, um ihm die sein Gewehr und den Revolver abzunehmen, da sich Niemand bewaffnet im Dorf aufhalten darf. Hud willigt ein, entgeht aber nur knapp einem Anschlag, da die Direktorin der Bank, die Witwe Virginia Pollywood (Françoise Fabian) für ein Empfangskomitee in Blackstone gesorgt hatte…


Sergio Corbuccis "Gli specialisti" (Fahrt zur Hölle, ihr Halunken) entstand 1969 mitten in einer Phase, die seine Entwicklung von einer ernsthaften, auch politisch relevanten Interpretation des Western-Genres zu einer zunehmend ironischen Sichtweise kennzeichnete. Corbuccis Revolutions-Western "Il mercenario" (Mercenario - der Gefürchtete) und "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg), dessen Pessimismus unmittelbar auf den Vietnam-Krieg reagierte, entstanden 1968 kurz hintereinander und sind ohne die politisch-gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit nicht vorstellbar. Der 1970 folgende "Vamos a matar, compañeros" (Lasst uns töten, Companeros) nahm die Thematik des Revolutions-Western zwar erneut auf, betonte aber mehr den komödiantisch, unterhaltenden Charakter, und wies schon auf Corbuccis späte Western-Parodien ("Il bianco il giallo il nero" (Drei Halunken erster Klasse, 1975) hin.

Doch anders als die genannten Filme seiner intensiven Schaffensphase Ende der 60er Jahre, findet "Gli specialisti" heute kaum noch Erwähnung, obwohl der Einfluss der Hippie-Ära und der anti-bürgerlichen Protestbewegung hier - zudem in einer für das Western-Genre fremdartig wirkenden Umsetzung - sehr deutlich ist. Die vier unbewaffneten und ungepflegten Vagabunden, denen Hud (Johnny Halliday) zu Beginn das Leben rettet, als einige Bandenmitglieder von El Diablo (Mario Adorf) ihre Spielchen mit ihnen treiben, wirken in einem Western deplaziert. In einer grotesken Szene konfrontiert Corbucci den traditionellen Western mit der Gegenwart der späten 60er Jahre – die vier an Hippies erinnernden Herumtreiber wollen die hübsche Sheba (Silvie Fennec) dazu nötigen, an ihrem Joint zu ziehen, was sie mit den Worten, sie sei doch ein Mädchen, entrüstet ablehnt. Worauf sich eine der Vier als kurzhaarige Frau entpuppt, die ihr Geschlecht dadurch beweist, dass sie eine ihrer Brüste vorzeigt. Die Charakterisierung dieser sich respektlos und vulgär benehmenden Figuren ist offenkundig negativ, was noch in weiteren Szenen betont wird, die weder mit der eigentlichen Story, noch mit dem Western generell etwas zu tun haben.

Diese seltsame Konstellation lässt sich am ehesten durch die ungewöhnlichen Umstände einer italienisch/deutsch/französischen Co-Produktion erklären, die wie ein Mix aus einem klassischen Western und einem 60er Jahre Experimentalfilm wirkt. Sie war gleichzeitig ein Vehikel für einen der größten französischen Stars, dem Rock-Musiker Johnny Hallyday, der in „Gli specialisti“ seine erste Hauptrolle spielte. Bis heute hält Hallyday sämtliche Zuschauerrekorde für Live-Konzerte in Frankreich, aber in den 60er Jahren stand er auch für den Protest gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. 1963, nach einem Konzert in Paris vor 150000 Zuschauern wurde die Innenstadt stark verwüstet und fanden Straßenkämpfe mit der Polizei statt – eine Entwicklung, die sich fortsetzte und die Auswirkungen der späten 60er Jahre schon vorweg nahm. Ohne dieses Image ist Hallyday als schweigsamer Pistolero Hud nicht korrekt einzuordnen. Vordergründig wirkt er in dieser Rolle ähnlich deplaziert wie die vier Vagabunden, aber zur Entstehungszeit des Films - besonders in Frankreich - war keine weit reichende Charakterisierung notwendig, um ihn als Klassenkämpfer zu personifizieren.

Hud (in der deutschen Synchronisation "Brad") kommt wieder zurück in seine alte Heimatstadt, um die Unschuld seines Bruders zu beweisen, der wegen eines angeblichen Bankraubs vom Mob gelyncht wurde. Zwar zeigt Hud in der ersten Szene seine überragenden Schießkünste, aber danach sieht man ihn nur noch selten in Aktion. Stattdessen übergibt er dem Sheriff (Gastone Moschin) ohne Widerstand seine Waffen, die Niemand im Ort bei sich tragen darf. Äußerlich gibt sich Hallyday zwar cool, aber mit den zwiespältigen Revolverhelden eines Clint Eastwood oder Giuliano Gemma hat er wenig gemein. Auch über seine bisherige Rolle als Revolverheld erfährt man nichts, aber er handelt nie zum eigenen Vorteil. Er schießt nur in Notwehr oder um Andere zu beschützen und verfolgt keine egoistischen Ziele. Zwar wird ihm von den Bürgern des Ortes unterstellt, er wäre auf der Suche nach der bisher verschwundenen Beute seines Bruders, aber hinter dieser falschen Behauptung verbirgt sich nur der wahre Bösewicht des Films – eine egoistische, nur an ihrem Geld interessierte, feige Gesellschaft.

Viele Western Corbuccis verwendeten als Hintergrund eine Bürgerschaft, die ihre Interessen rücksichtslos verfolgte, aber in „Gli specialisti“ geht er darüber hinaus. Françoise Fabian verkörpert als Witwe Virginia Pollywood - die Anspielung ist offensichtlich - den Kapitalismus in Reinkultur. Ungeniert ihre körperlichen Reize einsetzend - im damaligen Westen unvorstellbar für eine Frau der besseren Gesellschaft - setzt die Bankdirektorin ihre Pläne ohne Skrupel um. Zwar gibt es mit dem mexikanischen Bandenboss „El Diablo“ auch einen echten Banditen, aber im Vergleich zu der verschlagenen Pollywood und den anderen Honoratioren der Stadt bis zum zwielichtigen Sheriff, ist er nur ein sympathischer Grobian. Schon zu Jugendzeiten war er ein Freund von Hud, mit dem er sich immer sportlich fair duellierte. Und seine Angewohnheit, seine heroischen Taten einem Jungen in dessen Schreibblock zu diktieren, verleiht dem sonst ernsthaften Film ein wenig Humor.

Die abschließende, knapp zehnminütige Sequenz des Films treibt die Verfremdung des Western auf die Spitze. Die Rache-Story ist beendet und die Schuldigen sind bestraft, aber die Demütigung der Bürger steht noch aus. Hud, schwer verletzt und mehr an einen Märtyrer als an einen Revolverhelden erinnernd, verbrennt das wieder gefundene Geld vor den Augen der Bewohner der Stadt, die jammernd versuchen, noch einen Rest davon zu erhaschen. Doch damit endet ihre Tortur noch nicht, denn die vier Hippies bekommen noch ihren großen Auftritt und zwingen sie, sich nackt auszuziehen, auch um Hud damit herausfordern. Ein letztes Mal rafft er sich auf, um sie mit einer ungeladenen Pistole in die Flucht zu schlagen, bevor er allein davon reitet – einen Moloch aus nackten, verängstigten und erniedrigten Leibern hinter sich lassend, während Orgelmusik erklingt.

„Gli specialisti“ kam stark gekürzt in die deutschen Kinos, obwohl der Film nur wenige Gewaltszenen beinhaltet. Dahinter verbarg sich der Versuch, einen „normalen“ Italowestern zu kreieren, was schon daran scheitern musste, dass Johnny Hallydays Interpretation eines Westernhelden nicht den Standards entsprach. Dass „Gli specialisti“ heute kaum noch bekannt ist, erklärt sich durch diese Umstände, ist aber nicht gerechtfertigt. Als „Italo-Western“ hinterlässt er zwar einen uneinheitlichen, phasenweise fremdartigen Eindruck, aber als Gesamtwerk im zeitlichen Kontext ist er von großer Originalität.

"Gli specialisti" Italien / Frankreich / Deutschland 1969, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Sabatino Ciuffini, Darsteller : Johnny Hallyday, Francoise Fabian, Sylvie Fennec, Gastone Moschin, Mario Adorf, Laufzeit : 99 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

"Django" (1966)
"Navajo Joe" (1966)

Montag, 13. Mai 2013

Assassinio sul tevere (Der Superbulle jagt den Ripper) 1979 Bruno Corbucci


Inhalt: Sieben einflussreiche Männer treffen sich abends in einer am Tiber gelegenen Badeanstalt, um mögliche Projekte in Rom zu diskutieren. Die regelmäßig zusammen kommende Runde übergibt ihrem Vorsitzenden Manfredo Ruffini (Alberto Farnese) das Wort. Doch nur wenige Augenblicke später fällt plötzlich der Strom aus, was von den Anwesenden launig kommentiert wird - bis sie im Kerzenlicht den toten Ruffini mit einem Messer im Rücken auf dem Tisch liegen sehen.

Franco Bertarelli, genannt „Venticello“ (Bombolo), betritt einen Juwelierladen, um sich ein paar wertvolle Stücke vorführen zu lassen. Er hat sich als Priester verkleidet, um das Vertrauen des Verkäufers zu erschleichen, aber Nico Giraldi (Tomas Milian) steht schon hinter ihm und nimmt den Widerspenstigen mit zu dessem neu erworbenen, noch nicht bezahlten Auto. Er benötigt ein paar Informationen über einen Verdächtigen im Fall des Tiber-Mordes, aber „Venticello“ rückt die Adresse erst heraus, nachdem Giraldi seinen Wagen zu Schrott gefahren hatte. Die Spur stellt sich als kalt heraus, aber Giraldi ist gezwungen weiter zu fahnden, um seinen alten Freund Otello Sarti (Enzo Liberti), den der Staatsanwalt als Verdächtigen verhaften ließ, wieder aus dem Knast zu holen…


Nachdem Regisseur und Drehbuchautor Bruno Corbucci seinen originellen Ermittler Maresciallo Nico Giraldi (Tomas Milian) im vierten Film der "Superbullen"-Reihe in die USA geschickt hatte, wo er es in "Squadra antimafia" (Der Superbulle jagt den Paten) mit dem organisierten Verbrechen aufnahm, war im fünften Teil wieder römisches Lokalkolorit angesagt. Die melancholische Melodie von "Roma stasera" und die Bilder eines kleinen beleuchteten Schiffes auf dem Tiber verbreiten eine angenehme Abendstimmung, die sich in der am Ufer des Flusses liegenden Badeanstalt aber nicht fortsetzt. Dort haben sich sieben einflussreiche Männer der Stadt versammelt, um gemeinsame Pläne zu diskutieren. Ein plötzlicher Stromausfall kann ihnen die Laune nicht verderben, dafür aber die Leiche ihres Vorsitzenden Manfredo Ruffini (Alberto Farnese), der mit einem Messer im Rücken auf dem Tisch liegt. Nach Meinung der Polizei, kann der Mörder nur einer von ihnen gewesen sein.

Mit "Assassinio sul tevere" (wörtlich "Mord auf dem Tiber") kehrten Corbucci und Milian wieder an ihre Anfänge des Jahres 1976 zurück, als der römische Polizist, der die Verbrecher dank enger Kontakte zu den Einheimischen mit eigenwilligen Methoden zur Strecke brachte, in "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze) erstmals auftrat. Sein römischer Dialekt, die Lockenmatte und seine ständigen respektlosen Sprüche waren inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden (von Milian in "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976)  eingeführt) - nur die Strickmütze hatte er gegen einen Blaumann eingetauscht und vom Motorrad wechselte er auf das Fahrrad. Der deutsche Titel "Der Superbulle jagt den Ripper" ist entsprechend unpassend gewählt und setzt einzig auf die Steigerung der Sensationsgier, nachdem es Giraldi zuvor schon mit dem Paten zu tun bekommen hatte. Angesichts der Enttäuschung, die "Assassinio sul tevere" damals auslöste und ihm den Ruf einbrachte, einer der schwächsten Filme der Reihe zu sein, ist diese Vorgehensweise zwar verständlich, führte die Erwartungshaltung aber noch weiter in eine falsche Richtung, denn von einem "Ripper" gibt es hier weit und breit nichts zu sehen.

Bruno Corbucci hatte Tomas Milians Figur von Beginn an als Persiflage auf das Poliziesco-Genre angelegt, hielt in "Squadra antiscippo" aber noch die Waage zwischen ernsthaftem Polizeifilm und komödiantischen Einlagen. Mit der Hinzuziehung von Bombolo als sympathischem, aber dämlichem Kleinverbrecher, genannt "Venticello", im zweiten Film der Reihe "Squadra antifurto" (Hippie Nico von der Kripo, 1977), besann sich Corbucci zunehmend auf den Klamauk, der den Erfolg der "Superbullen"-Filme erst auslöste. Auch in "Assassinio sul tevere" gibt es solche Momente, wenn Milian samt männlichem Background-Chor bei einem Gesangswettbewerb auftritt oder auf einem Pferd reitend die Verfolgung eines Autos aufnimmt, aber insgesamt überwiegt der Charakter eines Poliziesco, in dem Nico Giraldi versucht, den schwierigen Fall ernsthaft zu lösen - zwar wie immer gut aufgelegt und um keinen Spruch verlegen, aber mit konventionellen Methoden.

Offensichtlich wollten Corbucci und Milian wieder einen größeren Realitätsbezug herstellen, denn Nico Giraldi bekommt es mit gerissenen Geschäftsleuten und korrupten Politikern zu tun - auch der Ermordete war kein Waisenknabe. Für den Staatsanwalt und Commissario Galbiati (Renato Mori) steht der Schuldige trotzdem bald fest. Ausgerechnet der mittellose Betreiber des Schwimmbads, in dem die Versammlung stattfand, Otello Santi (Enzo Liberti), soll der Täter gewesen sein. Giraldi, der ihn schon lange kennt, glaubt nicht an dessen Schuld, weshalb er sich bei seinen Nachforschungen nicht nur Ärger mit seinen Vorgesetzten einhandelt, sondern sein Leben in Gefahr gerät. Die Story orientiert sich konkret an beliebten Mustern des Poliziesco-Genres, bleibt aber vage hinsichtlich ihrer Ausrichtung zwischen Spannung und Komödie.

Einerseits werden eine Vielzahl an Personen eingeführt und Giraldis Nachforschungen detailliert geschildert, andererseits werden die Gewalttätigkeiten zu harmlos inszeniert, um Spannung aufkommen zu lassen. Tomas Milian gelingen einige wirklich komische Szenen, wie etwa in dem überfüllten Leichenschauhaus, aber insgesamt verliert sich "Assassinio sul tevere" zu sehr in langen Dialogen, die Giraldi zwar die Gelegenheit geben, ordentlich über kriminelle Geschäftsleute und Politiker herzuziehen, was aber angesichts der banalen Auflösung letztlich ohne gesellschaftskritische Tiefe bleibt. Selbst Bombolo hat nur als falscher Priester einen witzigen Auftritt.

Dafür bahnt sich eine ernsthafte Verbindung zu Angela (Roberta Manfredi, Tochter von Nino Manfredi) an, der Tochter des zu unrecht verdächtigten Badeanstalt-Betreibers. Ihre Eifersuchtsszenen, wenn Giraldi nicht ganz uneigennützig die attraktive Witwe des Ermordeten Eleonora Ruffini (Marina Ripa di Meana) verhört, nerven zwar mit der Zeit, aber am Ende wird geheiratet. Richtig gut kam die Domestizierung des Helden nicht an, weshalb Corbucci im Nachfolger "Squadra antigangster" (Ein Superbulle gegen Amerika, 1979) wieder darauf verzichtete und Giraldi gleich in die USA schickte. Erst ab "Delitto a Porta Romana" (Elfmeter für den Superbullen, 1980) durfte Ehefrau Angela (diesmal von Olimpia Di Nardo gespielt) wieder ran, aber unter "anderen Umständen".

Innerhalb der "Superbullen"-Reihe bedeutete "Assassinio sul tevere" einen gewissen Rückschritt, zumindest hinsichtlich der Abgedrehtheit des Plots und der Steigerung des Klamauks, aber als komödiantisch angelegter Polizeifilm mit einem gut aufgelegten Tomas Milian kann er trotzdem gut unterhalten und empfiehlt sich neben "Squadra antiscippo" als Einstieg in die Reihe.

"Assassinio sul tevere" Italien 1979, Regie: Bruno Corbucci, Drehbuch: Bruno Corbucci, Mario Amendola, Darsteller : Tomas Milian, Bombolo, Roberta Manfredi, Marina Ripa Di Meana, Renato Mori, Nello Pazzafini, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Bruno Corbucci:

Dienstag, 7. Mai 2013

La voglia matta (Lockende Unschuld) 1962 Luciano Salce


Inhalt: Während einer Aufführung von „Julius Cäsar“ beschließt Antonio Berlinghieri (Ugo Tognazzi) mittendrin aufzubrechen, weil es für ihn an der Zeit wäre. Zudem sei das Ende bekannt, wie er seiner weiblichen Begleitung und einem befreundeten Paar mitteilt, von denen er selbstverständlich erwartet, dass sie seine Entscheidung mittragen. Für den kommenden Tag hat der erfolgreiche Geschäftsmann schon feste Vorstellungen. Früh wird er aufbrechen, um seinen 9jährigen Sohn zwischen 15 und 16 Uhr in dessen Internat zu besuchen – der indianische Federschmuck, den er ihm mitbringen soll, liegt schon bereit – und abends will er wieder zurück sein.

Wie geplant bricht er mit seinem sportlichen Cabriolet auf, dabei ein gemäßigtes Tempo einschlagend. Als er den Reifendruck prüfen will, fahren zwei ältere Autos voller junger Leute nah an ihn heran, um ihn zu ärgern. Als er sich noch über die heutige Jugend aufregt, sieht er einen Wagen auf der Straße stehen, bevor ihn ein Mädchen (Catherine Spaak) zum Bremsen zwingt. Francesca bittet ihn, ihnen zu helfen, was er großzügig erledigt. Er lässt ein wenig seines Benzins in einen Kanister ab, damit sie zur nächsten Tankstelle fahren können. Dort trifft er erneut auf sie und wird damit konfrontiert, dass sie ihre Rechnung prellen wollen. Als er dem Tankstellenbesitzer zur Hilfe kommt und den letzten Flüchtigen stoppt, markiert dieser eine Ohnmacht. Berlinghieri übernimmt schuldbewusst die Rechnung und transportiert den jungen Mann zu dem Strandhaus, in dem die Gruppe gemeinsam wohnt und feiert. Dort hüpft dieser fröhlich aus dem Auto und springt ins Meer. Jetzt ist Berlinghieri ernsthaft sauer und will weg, doch er hat sein Auto in der Wut zu tief in den Sand gefahren und kommt allein nicht mehr heraus…


Regisseur Luciano Salce blieb sein Leben lang Schauspieler, nachdem er erstmals 1946 in "Un americano in vacanza" von Luigi Zampa aufgetreten war. Seine Kontakte zu vielen Filmschaffenden stammen aus dieser Phase kurz nach dem 2.Weltkrieg, die ihn später auch zu einem engagierten Vertreter des Episodenfilms (unter anderen "Oggi, domani, dopodomani" (1965)) werden ließen. Nach einer kurzen Regie -Tätigkeit Anfang der 50er Jahre, arbeitete er am Theater in Venedig und spielte hauptsächlich in Filmen unter der Regie von Steno, darunter in "Totò nella luna" (1958) gemeinsam mit Ugo Tognazzi. Tognazzi und Drehbuchautor Franco Castellano, mit denen er  auch zusammen in Mario Mattolis "Tipi da spiaggia" (1959) agierte, wurden die wichtigsten Begleiter seiner endgültigen Karriere als Filmregisseur. "Il federale" (Zwei in einem Stiefel, 1961) wurde ihr erstes Gemeinschaftsprojekt unter seiner Regie, dem "La voglia matta" (Lockende Unschuld) und "Le ore dell'amore" (Stunden der Liebe, 1963) folgen sollten.

Neben der "Commedia all'italiana" ist es besonders der gesellschaftliche Wandel in der Sexualität, der seine frühen Filme beeinflusste, die auch zu der Zusammenarbeit mit Mario Monicelli, Elio Petri und Franco Rossi in dem Episodenfilm "Alta infedeltà" (Ehen zu Dritt, 1964) führte. Ausgehend von Alberto Lattuadas Haltung, die dieser schon seit den frühen 50er Jahren in seinen Filmen vertreten hatte ("La spiaggia" (Der Skandal, 1954)), galt die moralische Liberalisierung als anti-bürgerlich und damit als Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Es war folgerichtig, dass Luciano Salce für die Hauptrolle einer blutjungen Verführerin Catherine Spaak engagierte, die diese Rolle - auch unter dem Namen "Francesca" - schon in Lattuadas "I dolci inganni" (Süße Begierde, 1960), damals noch als 15jährige, verkörperte.

Beide Filme erzählen eine unterschiedliche Story, die hier zudem auf Enrico la Stellas Roman "Una ragazza di nome Francesca" (Ein Mädchen namens Francesca) basiert, aber "La voglia matta"  wirkt wie eine Steigerung zu Lattuadas Film. Spielte Catherine Spaak dort eine 17jährige aus gutem Hause, die ihre Sexualität erst entdeckt, ist die Francesca in Salces Film noch keine 16, aber in der Kunst der Verführung schon sehr bewandert und sexuell offensiv. Zudem agiert sie aus einer Gruppe von gleich gesinnten Jugendlichen heraus, die zusammen ein paar Tage am Meer verbringen, während sich Lattuadas Francesca der lärmend fröhlichen Gruppendynamik entzieht. In ihrer - die damalige Gesellschaft provozierenden - Handlungsweise ähneln sich die beiden jungen Frauen, denn sie sind nicht bereit, sich den gesellschaftlichen Regeln zu beugen, die verlangten, sich unterzuordnen und zu binden. Daran, dass die deutsche Kinofassung um mehr als 10 Minuten gekürzt wurde, wird erkennbar, wie sehr dieses Verhaltensweise den damaligen Normen widersprach.

Doch im Gegensatz zu Lattuada in "I dolci inganni", der ernsthaft eine Liebesgeschichte mit einem kultivierten Architekten beschreibt, dessen nach einer gemeinsamen Nacht geäußerter Wunsch, sie zu heiraten, Francesca zurückweist - dabei offen lassend wie sich ihre Beziehung weiter entwickelt - geht Salces komödiantisch angelegter Film deutlich weiter und versteht sich als Konfrontation zwischen der ersten Nachkriegsgeneration Italiens, die ohne Sorgen in Friedenszeiten aufgewachsen ist, und der letzten vom Faschismus geprägten Generation, die das Land nach dem Krieg mit aufbaute. In der Gestaltung des Vertreters dieser Generation, einem Mann um die 40, werden die Parallelen zu Dino Risis im selben Jahr entstandenen Film "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven) offensichtlich.

Es ist kein Zufall, das zwei der führenden Darsteller dieser Generation - Vittorio Gassman und Ugo Tognazzi - jeweils den Prototyp eines Mannes mittleren Alters spielten, wie er heute noch seine Gültigkeit hat. Getrennt von der Ehefrau (eine Scheidung war in Italien 1962 noch nicht möglich), kaum Kontakt zum eigenen Kind und im Glauben, es zu etwas gebracht zu haben - gleichzeitig aber nicht bereit, das eigene Altern anzuerkennen. Gassman und Tognazzi, die ein Jahr später gemeinsam unter Risi in "I mostri" (Die Monster, 1963) die gesamte Palette an zeitgenössischen Männertypen spielten, legten ihre Rollen im Detail unterschiedlich an. Gassmans Erfolgsattitüde in "Il sorpasso" war aufgesetzt und wurde von ihm mit einem verwegenen Fahrstil und ständigen Angebereien überspielt, Tognazzi verkörpert in "La voglia matta" einen tatsächlich erfolgreichen Geschäftsmann, der daraus einen selbstverständlichen Anspruch auf die eigene Überlegenheit ableitet.

Antonio Berlinghieri (Ugo Tognazzi) ist keine außergewöhnliche Persönlichkeit, sondern ein Durchschnittstyp, der wie viele Männer seiner Generation glaubt, sein Leben im Griff zu haben. Wenn er zu Beginn seiner römischen Geliebten deutlich zu verstehen gibt, ihren Arm wieder von seinen Schultern zu nehmen, da sie gesehen werden könnten, daraufhin sie und ein befreundeten Paar dazu veranlasst, das Theaterstück "Julius Cäsar" früher zu verlassen, da ihm das Ende schon bekannt wäre, und er dem anderen Mann Lob zollt hinsichtlich seiner attraktiven Freundin, ihn gleichzeitig aber davor warnt, sie zu heiraten, handelt er ganz aus einer tiefen inneren Überzeugung. So wie er den folgenden Tag schon organisiert hat – nach wie immer vier Stunden Schlaf wird er früh zum Internat seines 9jährigen Sohnes fahren, für den er eine Stunde Zeit eingeplant hat, um am selben Tag trotz seiner gemäßigten Fahrweise wieder zurück zu kommen.

Normalerweise ließe sich ein solcher Typ kaum von einer Gruppe junger Leute aus der Ruhe bringen, aber Francesca (Catherine Spaak) ist er nicht gewachsen. Das sie sehr hübsch ist, erkennt der von sich überzeugte Frauenheld sofort, aber das beeindruckt ihn nicht besonders, weshalb er zuerst nur genervt reagiert, als sie erst seinen Weg blockiert, um dann eine Tankfüllung und Getränke zu schnorren. Einer der jungen Männer täuscht eine leichte Ohnmacht vor, weshalb er ihn mit seinem Cabriolet zum Strand transportiert, wo er dann fröhlich aus dem Auto springt, um in die Fluten zu tauchen. Zu diesem Zeitpunkt will Berlinghieri noch weg, weshalb er sich auf den Handel einlässt, der Gruppe Whiskey zu kaufen, damit sie ihm helfen, seinen Wagen aus dem Sand schieben. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass Francesca und Piero (Gianni Garko in einer seiner ersten Rollen, bevor er später zu einem wichtigen Protagonisten im Italo-Western-Genre wurde) sich auf der Rückbank seines Fahrzeugs versteckt hielten, um zu garantieren, dass er sich auch an ihre Abmachung hält.

Zu diesem Zeitpunkt hat Berlinghieri längst die Kontrolle über das Geschehen verloren, ohne es selbst zu ahnen. Normalerweise wäre es ein Leichtes für ihn, Francesca und Piero einfach aus dem Wagen zu schmeißen, aber er ist es nicht gewohnt, dass Menschen sich so frei ausleben und er will ihre Sympathie nicht verlieren, für die er sich sonst wenig interessiert - nicht einmal bei seinem Sohn wie der Film in einer erschütternd unemotionalen Szene zeigt. Die Gruppe junger Leute beeinflusst ihn mit einem genauen Gespür für seine Bedürfnisse und Schwächen, ohne ihn mehr zu verärgern, als es seine Grenzen zulassen. Zunehmend wird deutlich, dass Berlinghieris selbstbewusste Attitüde nicht echt ist und er sich nach Liebe und Zuneigung sehnt, die er in der jugendlichen, ihre Sexualität frei auslebenden Francesca zu erkennen glaubt.

Die Intelligenz der Inszenierung zeigt sich darin, dass "La voglia matta" (wörtlich "Die verrückte Begierde") keine Seite einseitig bevorzugt. Es handelt sich nicht einfach um die Demaskierung eines bürgerlichen Prototyps zu einer lächerlichen Figur, sondern Tognazzis differenziertes Spiel lässt auch die Tragik dahinter sichtbar werden. Das Trauma des Krieges ist Berlinghieri nach wie vor gegenwärtig - mehrfach sieht er im Schlaf einen englischen Soldaten vor sich - und die Gefühle, die er für Francesca entwickelt, sind, so verrückt sie sein mögen, echt empfunden, während er den Besuch seines Sohns vergessen hat. Die jungen Leute dagegen spielen nur mit ihren Emotionen und Meinungen, nehmen ständig wechselnde Rollen ein und wollen sich nicht festlegen. Mussolini scheinen sie nicht mehr zu kennen und eine Schallplatte mit einer Rede Adolf Hitlers läuft als Begleitmusik.

Einzig ihr Spaß steht im Vordergrund, der zuerst auch Francesca antreibt. Doch ihre Figur ist differenzierter, denn während ihre Freunde den älteren Mann eher skeptisch betrachten und nach der anfänglichen Schnorrerei gerne wieder losgeworden wären, sorgt sie dafür, dass er bei ihnen bleibt. Umso ernsthafter er seine Gefühle formuliert, desto wilder treibt sie ihr Spiel mit ihm, verführt ihn offensiv, um ihn im nächsten Moment bloß zu stellen. In ihrer Konfrontation findet der eigentliche Generationskonflikt statt, zeigt Salce die gegenseitige Anziehungskraft und gleichzeitige Ablehnung.

Weder will "La voglia matta" bewerten, noch zwischen den Generationen vermitteln, aber er lässt deutlich werden, dass beide Seiten nur Rollen spielen, die ihre echten Bedürfnisse nicht widerspiegeln. In der Schlüsselszene des Films tanzen die Paare eng umschlungen zu dem melancholischen Lied "Non esiste l'amor" ("Liebe existiert nicht" - erstmals mit einer von Ennio Morricone zusammengestellten und teilweise komponierten Filmmusik). Einen Moment lang kehrt Ruhe ein, lassen sich echte Emotionen in den Gesichtern lesen, werden Gemeinsamkeiten auch zu Berlinghieri spürbar. Bis Jemand die Situation empfindlich stört und wieder zum allgemeinen Gelächter überleitet - der Generationskonflikt geht weiter.

"La voglia matta" Italien 1962, Regie: Luciano Salce, Drehbuch: Franco Castellano, Luciano Salce, Enrico La Stella (Roman), Darsteller : Ugo Tognazzi, Catherine Spaak, Gianni Garko, Fabrizio Capucci, Franco Giacobini, Laufzeit : 105 Minuten

Samstag, 4. Mai 2013

La lunga spiaggia fredda (Rocker sterben nicht so leicht) 1971 Ernesto Gastaldi


Inhalt: Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), ein gut situiertes Ehepaar, will ein Wochenende am Meer verbringen, in einem einsam an einem großen weiten Sandstrand gelegenen Ferienhaus. Während sie schon am Strand spazieren geht, kümmert er sich beflissen um ihre Unterkunft, was aber nicht verhindert, dass sie seine abendlichen Annäherungsversuche im Bett zurückweist. Auch sprachlich kommt ihre Beziehung über den Austausch von Floskeln nicht hinaus. Doch ihr Aufenthaltsort erweist sich als weniger einsam als gedacht, denn am Morgen stehen vier Männer mit langen Haaren und Ledermontur vor ihrem Fenster und treten ungebeten ein. 

Sie fackeln nicht lange und Fred (Robert Hoffmann), ihr Anführer, nimmt Jane mit nach oben, während die übrigen Männer auf Harry aufpassen, der kaum aufbegehrt. Sie würfeln aus, wer als Nächster ran darf, während sich Fred und Jane bei der Vergewaltigung näher kommen als sie beide wollten. Trotzdem überlässt er seinen Kumpanen die Frau, während er melancholisch auf den Strand hinaus tritt. Nur sein Freund Speed (Fabian Cevallos) folgt ihm, der kein Interesse an erzwungenem Sex zeigt. Nachdem die Männer wieder verschwunden sind, machen sich Jane und Harry gegenseitig Vorwürfe – er wirft ihr vor, Spaß gehabt zu haben, sie bezeichnet ihn als Feigling, was ihn nicht davon abhält, möglichst schnell das Weite zu suchen. Doch ihr Auto wurde sabotiert und die Flucht zu Fuß erweist sich als wenig erfolgreich…


Wenn zu Beginn die Kamera zu Stelvio Cipriatis rhythmisch melancholischer Musik die rötliche Sonne über einem sanft bewegten Meer erfasst, bevor sie zu der unendlich scheinenden Weite eines menschenleeren Sandstrands überblendet, vermittelt "La lunga spiaggia fredda" (wörtlich "Der lange kalte Strand") einen Moment lang den Eindruck eines Sommers voller Freiheit, der langsam zu Ende geht - eine Symbolik, die für den Film bestimmend bleiben wird.

Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), die mit ihrem Auto durch die Dünen zu einem einsam am Strand gelegenen Haus fahren, wirken wie Wochenendurlauber, die sich eine kurze Auszeit vom Alltagsleben nehmen wollen. Während Harry noch von seinen Geschäften redet und die Einkaufsbeutel in das Haus trägt, spaziert Jane schon halbnackt entlang des Strands und atmet die Atmosphäre ein. Auch darüber hinaus scheint das Ehepaar nur wenige Gemeinsamkeiten zu haben, denn ihre Gespräche wirken teilnahmslos und trotz Harrys Bemühungen verweigert die hübsche Jane jede körperliche Nähe. Beide verkörpern ein typisches noch recht junges, kinderloses amerikanisches Mittelklasse-Ehepaar der frühen 70er Jahre - finanziell gut situiert, modisch gekleidet und gesellschaftlich integriert. Während er einem gut bezahlten Bürojob nachgeht, trifft sie sich mit anderen gelangweilten Ehefrauen zum gemeinsamen Shoppen.

Die Konfrontation mit diesem Muster an Bürgerlichkeit lässt erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Am nächsten Morgen stehen vier Rocker vor dem Haus, die in der Nähe am Strand gecampt hatten und die blonde Jane von dort aus erblickten. Ohne zu Zögern schlagen sie Harry zusammen und beginnen Jane der Reihe nach zu vergewaltigen. Damit entwirft "La lunga spiaggia fredda" eine typische Sexploitation -Konstellation zwischen klischeehaften Gegnern, wie sie im Genre-Kino häufig für Gewaltdarstellungen und Sexszenen genutzt wurde, worauf auch der deutsche Titel "Rocker sterben nicht so leicht" hinzuweisen scheint. Doch der erfahrene Drehbuchautor Vittorio Salerno, der mit "Fango bollente" 1975 einen ähnlich vielschichtigen Film auf Basis einer plakativ wirkenden Story entwickeln sollte (und dabei auch Regie führte), nutzte diese Ausgangssituation für eine komplexe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 60/70er Jahre.

Unterstützt wurde er bei dem Entwurf eines Kammerspiel artigen Szenarios, das den großen, weiten Strand an beengten Raum wirken lässt, von Ernesto Gastaldi, einem der wichtigsten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Films der 60er bis 80er Jahre. Beginnend mit "L'amante del Vampiro" (Die Geliebte des Vampirs, 1960), hatte er eine Vielzahl an Drehbüchern zu Italo-Western ("Arizona Colt" (1966), "Il mio nome e nessuno" (Mein Name ist Nobody, 1973)), Gialli ("I corpi presentano tracce di violenza carnale" (Die Säge des Teufels, 1973)) und Polizieschi ("Milano odia:la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974)) geschrieben, um nur wenige stilbildende Beispiele zu nennen. Bei "La lunga spiaggia fredda" übernahm er eine seiner seltenen Regiearbeiten, nicht zufällig in Zusammenarbeit mit Vittorio Salerno, mit dem er auch "Libido" (1965, zudem mit Mara Maryl als Drehbuchautorin und Darstellerin), "Cin... cin... cianuro" (1968) und später "Fango bollente" gemeinsam verantwortete.

Die Konfrontation eines Ehepaars mit Motorrad-Rockern bestätigte zur Entstehungszeit des Films die typischen Vorurteile einer bürgerlichen Gesellschaft gegenüber langhaarigen Anarchisten und protestierenden Studenten. Die mehrfache Vergewaltigung der Ehefrau bediente darüber hinaus die Angst vor der sexuellen Revolution, die die moralischen Standards und damit die bisherigen Geschlechterrollen bedrohte. Dass Jane sich in Fred (Robert Hoffmann) verliebt, obwohl dieser sie als Erster vergewaltigte, erschiene heute als unerträgliche Verharmlosung eines Gewaltakts, provozierte damals aber die patriarchaisch geprägte Gesellschaft. So sehr sich die konservativen Kräfte auch bemühten, die 68er Bewegung zu diskreditieren, war die Attraktivität einer freien, die gesellschaftlichen Zwänge hinter sich lassenden Jugend nicht zu leugnen - gegen den abenteuerlichen, freiheitsliebenden Fred hat der angepasste Harry bei Jane keine Chance mehr.

Doch Gastaldi und Salerno ist nicht an einer vordergründigen Provokation gelegen, sondern sie nutzen den Konflikt, um beide Seiten differenziert zu betrachten. Nicht nur Jane verliebt sich in den Rocker, auch Fred erwidert ihre Gefühle und verstößt damit ebenso gegen Regeln. Die aus vier Männern bestehende Rocker-Gruppe verfügt im Inneren nicht über die nach außen behauptete Homogenität aus Lederkleidung, langen Haaren und bemalten Choppern. Fred ist seit vielen Jahren mit Speed (Fabian Cevallos) befreundet und der Beginn ihres freien Lebens auf dem Motorrad klingt in Speeds Erinnerung ähnlich den Intentionen der von Peter Fonda und Dennis Hopper verkörperten Männer in "Easy Rider" (1969) - brüderliche Gleichheit ohne jeden Besitzanspruch. Doch anders als diese werden sie nicht von Reaktionären getötet, ohne ihre Ideale zerstören zu können, sondern haben ihre früheren Absichten längst verraten.

Die Vergewaltigung wird nicht beschönigt, sondern steht in ihrer Kriminalität signifikant für den Niedergang einer Idee. Die sich daraus entwickelnde Liebe zwischen Jane und Fred wirkt wie ein letzter Versuch, die jeweiligen Seiten miteinander zu verbinden - sie, die Bürgerliche, wünscht sich den Ausbruch aus ihrem normierten, unemotionalen Leben, er, der Anarchist, will wieder zurück zu seinen alten Idealen. Das Scheitern dieses Ansinnens steht im Film symbolisch für das Scheitern des gesellschaftlichen Umbruchs der 68er. Ein Konsens ist nicht mehr möglich, denn die jeweiligen Haltungen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Jonathan (Riccardo Salvino) und Thomas (Gianni Loffredo), die erst später zu Fred und Speed stießen, halten Freds Absicht, Jane nicht mehr mit ihnen teilen zu wollen, für Verrat an der gemeinsamen Sache, obwohl er weiter mit ihnen fahren will. Als er dem Ehepaar ermöglicht zu fliehen, kommt es zum offenen Ausbruch ihres inneren Konflikts.

Der tiefe Pessimismus des Films zeigt sich aber weniger in der Beschreibung dieses Niedergangs als in der Rolle des Harry, der vordergründig unattraktivsten Figur. Anders als in typischen Revenge-Filmen, in denen der Gedemütigte irgendwann aufsteht und zurückschlägt, ist Harry dazu nicht in der Lage. Seine Frau verweigert ihm den Sex, verliebt sich in ihren Vergewaltiger und beleidigt ihn mehrfach als Feigling, den sie nie geliebt hätte. Selbst als er seine Waffe in der Hand hält, die im Handschuhfach seines Autos versteckt war, trifft er Jonathan nicht einmal aus nächster Nähe, da er sich nicht traut dabei hinzusehen. Er wird mehrfach verprügelt und gefesselt, erweist sich in fast allen Situationen als hilflos und geht doch als Sieger aus dem Konflikt hervor, denn anders als Fred und Jane zweifelt er nicht an seiner inneren Haltung und bleibt seinen bürgerlichen Ansichten treu. Er muss nur abwarten bis sich die Anderen selbst zerstören.

Entsprechend verlässt Harry den Ort des Geschehens so wie er gekommen war - seine Frau an seiner Seite, keinen Gedanken mehr an die Ereignisse der letzten Tage verschwendend, sondern schon auf einen kommenden Arbeitstermin vorausblickend - das Altbewährte hat gesiegt, der Sommer der Freiheit ist zu Ende.

"La lunga spiaggia fredda" Italien 1971, Regie: Ernesto Gastaldi, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Vittorio Salerno, Alberto Cardone, Darsteller : Robert Hoffmann, Mara Maryl, Riccardo Salvino, Walter Maestosi, Gianni Loffredo, Fabian CevallosLaufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme des Drehbuchautoren Ernesto Gastaldi:

"L'amante del Vampiro" (1960), Regie Renato Poselli
"La decima vittima" (1965), Regie Elio Petri
"Arizona Colt" (1966), Regie Michele Lupo
"Per 100,000 Dollari ti ammazzo" (1967), Regie Giovanni Fago
"Milano trema: la polizia vuole giustizia" (1973), Regie Sergio Martino
"Milano odia: la polizia non può sparare" (1974), Regie Umberto Lenzi
"Morte sospetta di una minorenne" (1975), Regie Sergio Martino
"Fango bollente" (1975), Regie Vittorio Salerno

Freitag, 26. April 2013

A cavallo della tigre (Vergewaltigt in Ketten) 1961 Luigi Comencini


Inhalt: Nachdem Giacinto (Nino Manfredi) bei dem Versuch, einen Überfall auf sich vorzutäuschen, um seine Familie zu ernähren, erwischt wurde, landet er für drei Jahre im Gefängnis. Dort arbeitet er als „Schwester“ auf der Krankenstation und bemüht sich, von den Schwerverbrechern nicht allzu sehr herumgeschubst zu werden. Als Mario Tagliabue (Mario Adorf), ein für seine Brutalität bekannter Mörder, ihn um einen Gefallen bittet, traut er sich nicht, diesen abzulehnen. Auch als er dessen Zellenkumpanen weitere Dinge, darunter eine Feile, besorgen soll, verweigert er sich nicht deren Forderungen.

Offensichtlich haben die Männer vor, auszubrechen, was er dem alten Mithäftling „Il commandante“ anvertraut, der ihm daraufhin den Tipp gibt, den Plan an den Gefängnisdirektor zu verraten, um seine Haftzeit ein halbes Jahr verkürzen zu können. Als Gegenleistung für diesen Vorschlag erwartet der „Commandante“, dass ihm Giacinto seine Wäsche säubert, aber er bekommt keine Chance, diesen auch umzusetzen. Bevor er am nächsten Tag beim Direktor vorsprechen kann, sorgen die Häftlinge dafür, dass er in eine andere Zelle umgelegt wird – zu Tagliabue, Papaleo (Gian Maria Volonté) und der „Maus“ (Raymond Bussières), die ihn schon erwarten…


"A cavallo della tigre" (Vergewaltigt in Ketten) brachte 1961 vier führende Vertreter der „Commedia all’italiana“ zusammen. Mario Monicelli, Agenor Incrocci (genannt "Age") und Furio Scarpelli hatten seit "Totò cerca casa" (1950) das tief im Neorealismus verwurzelte komödiantische Genre in Italien maßgeblich beeinflusst und mit "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer, 1958) und "Le grande guerra" (Man nannte es den großen Krieg, 1959) zwei stilbildende Filme herausgebracht. Auch Regisseur und Mit-Autor Luigi Comencini wurde vom Neorealismus geprägt und war seit "Pane, amore e fantasia" (Liebe,Brot und Fantasie, 1953) für seine leichten Komödien in einem realistischen Umfeld bekannt geworden. Ein Jahr zuvor hatte er gemeinsam mit Scarpelli und Age das Kriegs-Drama "Tutti a casa" (Zwischen den Fronten, 1960) entwickelt, weshalb die Ergänzung mit Mario Monicelli noch eine Steigerung der Qualität versprach. Zudem waren die männlichen Hauptrollen mit Nino Manfredi, Mario Adorf und Gian Maria Volonté in seiner ersten größeren Rolle ausgezeichnet besetzt, aber „A cavallo della tigre“ taucht heute in keiner Liste über die „Commedia all’italiana“ auf und wurde bei seinem Erscheinen zu einem heftig kritisierten Misserfolg.

Dabei beginnt der Film urkomisch, wenn Giacinto (Nino Manfredi) versucht einen Überfall auf sich selbst vorzutäuschen. Erst vergräbt er seine Tasche mit Habseligkeiten, dann fährt er sein schrottreifes Auto gegen eine herbei gerollte Baumwurzel, um sich mit einem Stein noch selbst zu schlagen, damit seine Verletzung überzeugender ist, bevor er sich selbst fesselt, in dem er sich in ein Seil hineindreht, dass er zuvor am Fahrzeug befestigte. Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Polizei davon hätte täuschen lassen, aber dazu kommt es erst gar nicht. Als er einem vorbeigehenden Fischer zuruft, er wäre überfallen worden und er möge bitte Hilfe holen, erzählt dieser der Polizei, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte – darauf, dass der Fischer ihn die gesamte Zeit beobachtet hatte, war Giacinto nicht gekommen. Der Versuch eines Versicherungsbetrugs war eine Verzweiflungstat, um seine Familie zu ernähren, bringt ihm stattdessen aber drei Jahre Gefängnis ein.

Nach dieser kurzen Vorgeschichte wird Giacinto auf der Krankenstation des Gefängnisses gezeigt, wo er im weißen Kittel als „Krankenschwester“ arbeitet – einen Job, den er schon während des Krieges in der Armee innehatte. Manfredi spielt die Figur des Giacinto als sympathischen und gutmütigen Naivling, der alles richtig machen will und sich ohne Egoismus für eine Sache einsetzt. Das er immer mehr in Schwierigkeiten gerät, verdankt er seinem fehlenden Durchsetzungsvermögen und der Unfähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Von dem brutalen Mörder Mario Tagliabue (Mario Adorf), dessen Zellengenossen Papaleo (Gian Maria Volonté) - trotz seines intellektuellen Gehabes ein gefährlicher Gewalttäter - und einem kleinen, älteren Mann (Raymond Bussières), genannt „Il sorcio“ (Die Maus), wird er dazu gezwungen, Dinge zu organisieren, die sie für einen Ausbruch benötigen. Als er das dem „Commandante“ erzählt, einem älteren von Tagliabue misshandelten Häftling, rät dieser Giacinto, damit zum Gefängnisdirektor zu gehen, da er dann ein halbes Jahr früher frei käme.

Allein die Vorstellung, in einem Gefängnis um einen Termin beim Gefängnisdirektor zu bitten, nachdem man unmittelbar in eine geheime Aktion involviert war, ist absurd, aber Giacinto denkt sich nichts dabei. Es kommt zu den erwartenden Konsequenzen – seine Zellengenossen sorgen dafür, dass er zu Tagliabue und seinen Kameraden verlegt wird, die ihm seine Idee schnell austreiben. Im Gegenteil planen sie ihn mitzunehmen, damit er sie nicht verraten kann, aber Giacinto fleht sie an, ihn zurückzulassen, da er in wenigen Monaten seine Strafe abgesessen hätte. Tagliabue fragt ihn, ob er einem harten Verhör standhalten würde, was Giacinto vehement bejaht, aber als er schon bei einem Ohrdreher damit herausrückt, dass der „Commandante“ ihm den Tipp mit dem Direktor gegeben hatte, entscheidet Tagliabue endgültig, ihn mitzunehmen. Allein diese Szene ist in ihrer Direktheit sehr komisch, aber das täuscht darüber hinweg, dass nur Nino Manfredis hingebungsvolles, jede Konsequenz annehmendes Spiel eine Realität kontrastiert, die nicht härter und demoralisierender sein könnte, ohne das „A cavallo della tigre“ bei seiner Darstellung des Gefängnisalltags und der Armut der Bevölkerung übertreibt.

Der deutsche Titel „Vergewaltigt in Ketten“ ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern vermittelt eine extreme, außergewöhnliche Situation. „Der Ritt auf dem Tiger“ - wie der Film nach einem chinesischen Sprichwort wörtlich übersetzt heißt – bezeichnet dagegen die generelle Schwierigkeit, aus einer Sache auszusteigen (vom Tiger abzusteigen) und bezieht sich auf die vordergründigen Ereignisse um den geplanten Ausbruch, mehr noch aber auf Giacintos armseliges Leben, das ihm von Beginn an keine Chance ließ. Auch in Monicellis „I soliti ignoti“ wechselten sich unmittelbar komische und tragische Momente ab, aber die Story hatte ein Herz für die Armen und betrachtete sie mit Sympathie. In „A cavallo della tigre“ gibt es dagegen keine Solidarität mehr, wird Giacinto mehrfach von Tagliabue und den anderen Männern brutal verprügelt und entkommt nur knapp dem Tod. Auch nach dem Ausbruch, der sich als gerissenes Meisterstück herausstellt, versucht jeder seinen eigenen Vorteil aus der Sache herauszuschlagen.

Trotz mancher gelungener Aktion entsteht in Comencinis Film nie der Eindruck von Entspannung oder Zufriedenheit, wie er den Protagonisten in anderen Komödien zumindest zeitweise gegönnt wird. In der Darstellung der Realität einer durch Armut korrumpierten Bevölkerung ähnelt der Film dagegen Antonionis „Il grido“ (Der Schrei, 1957), der diesem Zustand jede Sentimentalität ausgetrieben hatte. Denn trotz der Widrigkeiten, die Giacinto im Knast und auf der Flucht widerfahren waren, hinterlässt die Wiederbegegnung mit seiner Frau und seinen zwei Kindern den tristesten Eindruck. Anstatt ihn nur einen Moment zu begrüßen, belegt ihn seine Frau (Valeria Moriconi) mit Vorwürfen und verteidigt ihr Zusammenleben mit einem anderen Mann damit, das dieser sie und die Kinder wenigstens ernährt hätte. Beide brauchen in der ärmlichen, provisorisch gebauten Hütte auch nicht lange, um die Belohnung für sein Ergreifen einzufordern. Pragmatisch rechnen sie ihm vor, dass seine alleine nicht ausreicht, weshalb er auch noch Tagliabue, der neben ihm noch übrig blieb und mit dem er sich angefreundet hatte, verraten müsste – solidarische Gefühle sind längst egoistischen Interessen gewichen.

Einzig der sympathische und alles stoisch ertragene Giacinto verleiht „A cavallo della tigre“ seinen komischen Charakter, aber der Kontrast zu einer Realität, die keine Hoffnung bietet und dem Protagonisten keine Befriedigung erlaubt, war zu stark, um dem Film noch das komödiantische Prädikat zu verleihen – wahlweise galt das Spiel Manfredis als zu übertrieben oder der reale Hintergrund als zu ernst. Doch dieses Urteil, das später revidiert wurde, wird einem Film nicht gerecht, der die Ansichten seiner vier Macher perfekt widerspiegelte und zu einer konsequent radikalen „Commedia all’italiana“ wurde, allen sonstigen Einordnungen zum Trotz.

"A cavallo della tigre" Italien 1961, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Agenore Incrocci, Mario Monicelli, Furio Scarpelli, Darsteller : Nino Manfredi, Mario Adorf, Gian Maria Volonté, Valeria Moriconi, Raymond Bussières, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini: