Erwin C.Dietrich schickt Antonio Margheriti erneut in den Dschungel:

Sonntag, 20. Juli 2014

Geheimcode Wildgänse (Arcobaleno selvaggio) 1984 Antonio Margheriti

Inhalt: Wesley (Lewis Collins) befehligt eine Einheit freischaffender Söldner, die sich auf besonders gefährliche Einsätze spezialisiert hat, weshalb auch die Trainingsmethoden wenig zimperlich ausfallen. Wegen seiner Härte rumort es innerhalb der Mannschaft, aber Wesley kann sich bei der Auswahl seiner Männer keine Schwächen und Disziplinlosigkeiten leisten.

Wie notwendig diese Perfektion ist, erweist sich, als Wesley von Fletcher (Ernest Borgnine) und Charleton (Klaus Kinski) in Hongkong empfangen wird, die ihn und seine Männer beauftragen, ein Drogen-Camp zu zerstören, dass sich inmitten eines von Militärdiktatur und Guerilla umkämpften Gebiets befindet. Den US-Amerikaner Fletcher motivieren persönliche Gründe, aber die Rolle Charletons bleibt im Ungewissen. Schon in Hongkong entkommt Wesley nur knapp seinen Verfolgern – ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihn im asiatischen Dschungel erwartet…


Knapp zehn Jahre nach dem Rückzug des US-amerikanischen Militärs aus Vietnam schien auch Regisseur Antonio Margheriti seine Schlachten geschlagen zu haben. Der amerikanische Darsteller David Warbeck hatte als Vertreter der US-Armee gefährliche Missionen in "L'ultimo cacciatore" (Jäger der Apokalypse, 1980), "Fuga dall'arcipelago maledetto" (Höllenkommando zur Ewigkeit, 1982) und "Tornado" (Im Wendekreis des Söldners, 1983) im vietnamesischen Dschungel bestanden, jeweils gedreht auf den Philippinen und produziert von Gianfranco Couyoumdjian, der auch die Drehbücher schrieb - zu den beiden Nachfolgern von "L'ultimo cacciatore" gemeinsam mit Tito Carpi. Nur der Schweizer Produzent Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich noch nicht genug davon und verpflichtete das komplette Kreativ-Team für einen erneuten Söldner-Aufguss, nachdem er sein fast 20jähriges Engagement im Erotik-Genre beendet hatte.

Wie schon während seiner Zusammenarbeit mit Jesus Franco (siehe den Essay "Die 70er Jahre Erotik-Connection") hatte Dietrich erheblichen Einfluss auf die Besetzung des als deutsch-italienische Co-Produktion entstandenen Films. Mit seinem Kameramann Peter Baumgartner gehörte sein langjähriger Mitstreiter ebenso zum Team wie eine Vielzahl damals unbekannter deutscher Schauspieler, die unter dem als neuen Hauptdarsteller verpflichteten englischen TV-Star Lewis Collins ("Die Profis" 1977-1983) Mitglieder der Söldner-Truppe mimten. Manfred Lehmann, Thomas Danneberg oder Frank Glaubrecht haben heute einen hervorragenden Ruf als Synchron-Sprecher, als Stars wurden von Dietrich aber die leicht gealterten Ernest Borgnine und Lee Van Cleef engagiert, dazu noch die US-Mimin Mimsy Farmer - ebenfalls erfahren im italienischen Genre-Film ("Il profumo della signora in nero" (Das Parfüm der Dame in Schwarz, 1974)) - und fast obligatorisch Klaus Kinski, der nach seinen vielen Italo-Western-Einsätzen nun auch im italienischen Action-Film der 80er Jahre sein Talent als Finsterling beweisen durfte.

So vorhersehbar diese Konstellation klingt, muss man Dietrich zugestehen, Margheritis Dschungel-Action-Filmen damit neuen Schwung verliehen zu haben. Zwar entstand "Geheimcode Wildgänse" (italienischer Verleihtitel "Arcobaleno selvaggio") ebenfalls auf den Philippinen, aber nicht mehr der Vietnam-Krieg stand im Mittelpunkt, sondern die Herstellung von Heroin im sogenannten „Goldenen Dreieck“ in den angrenzenden asiatischen Staaten Thailand, Laos und Burma, kombiniert mit klassischen Elementen der Militärdiktatur, dabei konkrete Anspielungen auf tatsächliche Ereignisse vermeidend. Autor Gianfranco Couyoumdjian, auch Co-Produzent an der Seite Dietrichs, und Tito Carpi nutzten diese Vorlage für ein buntes Gemisch aus Guerilla-Kämpfen, Militär-Aktionen und den Interessen internationaler Multis am einträglichen Drogen-Geschäft, die von Hongkong aus agieren.

Hier beginnt auch die Handlung, in der Wesley (Lewis Collins) und seine Spezialeinheit den Auftrag erhalten, die schwer bewachten Drogen-Küchen auszuschalten. Zwar bekommen sie Unterstützung durch die heimischen Guerilla-Kämpfer, aber nachdem sie ein erstes Drogen-Camp ausgeschaltet haben, erweist sich ihre Aufgabe zunehmend als Todeskommando, da auch ihre Auftraggeber eigene Interessen verfolgen, wie sich schon in Hongkong ankündigte, als Wesley nur knapp einem Anschlag entging. Ein zu tiefes Eindringen in die inhaltliche Logik erweist sich als ebenso wenig sinnvoll, wie die häufig geäußerten Vorwürfe von Rassismus und Gewaltverherrlichung, denen sich Margheritis Dschungelfilme während ihrer Entstehungszeit ausgesetzt sahen. Trotz typischer Klischees – hier die europäischen/us-amerikanischen Kämpfer für die richtige Sache, dort die asiatischen Despoten – erstaunt aus heutiger Sicht die Ausgewogenheit in der Schuldfrage international agierender Banden und der fehlende Heroismus in den Aktionen der Söldner trotz ihrer ständigen Kämpfe, Schusswechsel und Explosionen.

Selbst die Gewaltdarstellungen wirken mit dem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten weniger explizit oder sadistisch, sondern reihen sich angemessen in ein gut inszeniertes Abenteuerspektakel - wie gewohnt überzeugte Margheriti mit atemberaubenden Stunts und knalligem Feuerwerk - das trotz seiner linearen Erzählform und den üblichen Charakteren des Kriegsfilm-Genres unterhaltend und im Detail überraschend bleibt. Für die langjährigen Begleiter des Regisseurs - Gianfranco Couyoumdjian und Tito Carpi - wurde es die letzte Zusammenarbeit, während Produzent Dietrich noch zwei weitere Filme mit Lewis Collins in der Hauptrolle und seiner Stammbesetzung folgen ließ – „Kommando Leopard“ (1985) und „Der Commander“ (1986) – die die Thematik nur leicht variiert wiederholten, aber nicht mehr an die qualitative Dichte von „Geheimcode Wildgänse“ herankamen.

"Geheimcode Wildgänse" Deutschland, Italien 1984, Regie: Antonio Margheriti, Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Couyoumdijan, Michael Lester, Darsteller : Lewis Collins, Ernest Borgnine, Lee Van Cleef, Klaus Kinski, Mimsy Farmer, Manfred Lehmann, Thomas Danneberg, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Margheriti:

Montag, 16. Juni 2014

La lama nel corpo (Die Mörderklinik) 1966 Elio Scardamaglia

Inhalt: Die neue Krankenschwester erfährt schnell, dass eine zu große Anteilnahme am Schicksal der Insassen des Sanatoriums für Nervenkranke nicht erwünscht ist. Sowohl die Oberschwester als auch der als Handlanger dienende Hausmeister pflegen einen eher rustikalen Umgang mit den Patienten, die generell als gefährlich angesehen werden. Nur Dr. Vance (William Berger), der Leiter der Klinik, wirkt besonnen, aber auch er scheint nichts von den seltsamen Geräuschen zu bemerken, die offensichtlich vom Dachboden her nach unten dringen.

Außer Dr.Vance und der Oberschwester hat Niemand Zutritt zu diesem Bereich, aber auch darüber hinaus pflegt er seine Geheimnisse. Nachts lässt er einen erstochenen Körper verschwinden, um unliebsame Nachforschungen der Polizei zu vermeiden. Gisèle de Brantome (Françoise Prévost) wird zufällig Zeuge dieses Vorgangs, ohne die Hintergründe zu ahnen. Doch ihr kommt dieses Wissen sehr gelegen, denn die junge attraktive Frau befindet sich in einer Notlage. Gerade hatte sie ihren älteren und ihr unbequem gewordenen Mann zu Tode schleifen lassen, befand sich danach aber allein in der einsamen Küstengegend. Sie folgt Dr. Vance heimlich bis zu dessen Klinik…


Der Originaltitel "La lama nel corpo" verweist wesentlich neutraler als es "Die Mörderklinik" (oder wahlweise "Das Monster auf Schloß Moorley") vermag, auf die bevorzugte Tötungsform der Handlung hin - das Messer im Körper. Womit der 1966 entstandene Film mitten im "Giallo"-Universum angekommen zu sein schien, dessen Markenzeichen - ein Messer, gehalten von einer mit einem Lederhandschuh bekleideten Hand - offensichtlich Pate stand. Tatsächlich entstand "La lama nel corpo" nach Mario Bavas stilbildendem "Sei donne per l'assassino" (Blutige Seide, 1964) und bevor der "Giallo" - von der allgemeinen Liberalisierung der moralischen Standards profitierend - Anfang der 70er Jahre seine höchste Popularität erlangte, in einer Phase, in der das Genre ein eher stiefmütterliches Kino-Dasein führte (siehe dazu auch den Essay "Schundromane, Misogynie und gesellschaftlicher Umbruch").

In seiner Mischung aus Gothic-Style, Drama, erotischen Einlagen und Horrorelementen wurde "La lama nel corpo" zum Abbild der Zusammenarbeit einflussreicher Filmkünstler, die Mitte der 60er Jahre sonst andere Genres bevorzugten. Für den Produzenten Elio Scardamaglia blieb es nicht nur die einzige Regiearbeit, sondern ein einmaliger Ausflug ins Giallo - Fach zwischen Sandalen-Film und Italo-Western ("Arizona Colt" (1966)). Auch für Ernesto Gastaldi und Luciano Martino war das nach einem Roman Robert Williams entstandene Drehbuch für mehrere Jahre der einzige Beitrag zum Giallo-Genre, da sie sich, ähnlich wie der österreichische Hauptdarsteller William Berger ("Faccia a faccia" (Von Angesicht zu Angesicht, 1967)), zunächst auf den immens populären Italo-Western konzentrierten. Erst später waren sie entscheidend an der Blütezeit des Giallo beteiligt ("Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971)) - signifikant für die stilistische Stellung dieses solitären Films, der nur auf den ersten Blick typisch wirkt.

Ein alter Herrensitz abseits größerer Ansiedlungen, voll verwinkelt angelegter Räume, deren Wände dick gerahmte Bilder und Brokat-Teppiche zieren, nur von flackerndem Kerzenlicht schwach beleuchtet, bildet den pittoresk-stimmigen Hintergrund als Sanatorium für psychisch erkrankte Menschen – eingeliefert gemäß der Diagnose des englischen Arztes Dr. Robert Vance (William Berger), dessen Methoden noch ganz dem Denken des vorletzten Jahrhunderts verpflichtet sind. Entsprechend unzurechnungsfähig erweisen sich die Insassen, die zwischen tiefen Depressionen und extremen Aggressionen schwanken, deren Ursache mehr in der Art der Betreuung zu suchen ist, weniger im angeblichen Krankheitsbild. Offensichtlich gebar dieser Geist auch ein Monster, das über den Dachboden schlurft, auch wenn der Doktor und die gestrenge Oberschwester dessen Anwesenheit hartnäckig leugnen. Ist es verantwortlich für die Morde, deren Spuren Doktor Vance heimlich in der Nacht zu vertuschen versucht?

Was sich nach einer klassischen Grusel-Story über einen Mad-Scientist und seinen monströsen Helfer anhört, erweist sich zunehmend als komplexes Gebilde, dass seine Geheimnisse nur langsam preis gibt. Statt einfach Mord an Mord aneinander zu reihen und die Frage nach dem Täter in den Mittelpunkt zu stellen, bricht „La lama nel corpo“ wiederholt die Handlungslinie und offenbart auf diese Weise die inneren Beziehungen zwischen den Protagonisten, zu denen auch Vance‘ Ehefrau Lizabeth (Mary Young), eine hübsche neue Krankenschwester und der willfährige Hausmeister gehören. Besonders das Auftauchen von Gisèle de Brantome (Françoise Prévost) bricht mit den Gepflogenheiten, denn die nach einem Unglück mit ihrer Kutsche plötzlich an dem Landsitz auftauchende verführerische Schönheit eignet sich nicht als klassisches Opfer. Sie selbst hatte gerade dafür gesorgt, dass ihr älterer, unbequem gewordener Ehemann das Zeitliche segnete, bevor sie kurz darauf zufällig beobachtete, wie Dr.Vance eine Leiche vergrub. Mit diesem Wissen verspricht sie sich Vorteile in der Klinik, in der sie als angeblich hilflos Verirrte um Hilfe bittet.

„La lama nel corpo“ lässt die Frage nach dem Täter lange Zeit offen, aber stärker ist der Film in der Anlage seiner Charaktere. Die dahinter verborgene Ambivalenz vermeidet typische Rollenmuster und erlaubt überraschende Wendungen, die auch eine tragische Seite hinter den Gewalttaten offenbaren. Deren wenig grafische Ausarbeitung überzeugt durch ihre stimmige, sich in den Gesamtkontext integrierende Gestaltung, die dem Film trotz diverser 60er Jahre Anleihen, hinsichtlich der weiblichen Optik und erotischer Einlagen, einen erfrischend altmodischen Charakter verleiht – eine gelungene frühe Fingerübung der späteren Meister des Giallo-Fachs.

"La lama nel corpo" Italien, Frankreich 1966, Regie: Elio Scardamaglia, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Luciano Martino, Robert Williams (Roman)Darsteller : William Berger, Francoise Prévost, Mary Young, Barbara Wilson, Philippe Hersent, Laufzeit : 83 Minuten

Freitag, 30. Mai 2014

Zombi 2 (Woodoo - die Schreckensinsel der Zombies) 1979 Lucio Fulci

Inhalt: Menard (Richard Johnson) richtet seinen Revolver auf einen mit einem Sack verhüllten Körper, der sich langsam aufrichtet, und schießt in dessen Kopf. Eine Szene, deren Sinn sich noch nicht erschließt, als ein führerlos treibendes Schiff vor der Kulisse Manhattans im Hafen treibt. Zwei Polizisten wollen nach dem Rechten sehen und gehen an Bord der verwahrlost und menschenleer wirkenden Yacht. Ob es sich um ein menschliches Wesen handelt, das einen der beiden Männer plötzlich anfällt, bleibt ungewiss, denn es fällt getroffen von den Schüssen seines Partners ins Wasser und verschwindet.

Die Polizei steht vor einem Rätsel. Während der tote Polizist obduziert wird, begegnen sich Anne (Tisa Ferrow) und der Reporter West (Ian Mc Culloch) auf dem Schiff, wo sie aus unterschiedlichen Gründen Nachforschungen treiben. Anne ist die Tochter des verschwundenen Besitzers und will mehr über das Schicksal ihres Vaters erfahren und West wittert eine Story. Sie beschließen zusammen zu der karibischen Insel zu fahren, wo sich Annes Vater zuletzt aufhielt…


Die erst kurze Szene des Films könnte noch aus Lucio Fulcis zuvor gedrehten Film, dem späten Italo-Western "Sella d'argento" (Silbersattel, 1978), stammen. Ein Revolver richtet sich direkt auf die Kamera und wird abgedrückt. Die Kugel trifft den Kopf eines in einen Sack gehüllten, sich aufrichtenden Körpers bis kurz darauf das Gehirn aus der durch den Schuss erzeugten Öffnung tritt - offensichtlich handelt es sich doch um keinen Western, sondern um etwas vollständig Neuartiges?

Der Originaltitel "Zombi 2" scheint dem zu widersprechen, denn Fulci spielte damit auf den im Jahr zuvor unter italienischer Mitwirkung herausgekommenen US-Film "Dawn of the Dead" (Zombie, 1978) von George A. Romero an, der die Thematik seines 10 Jahre zuvor gedrehten Zombie-Streifens "Night of the living dead" (Die Nacht der lebenden Toten, USA 1968) wieder aufgriff und das Genre damit gesellschaftsfähig machte. Trotz dieser Referenz an Romero bedeutete "Zombi 2" (Woodoo - Die Schreckeninsel der Zombies) für den nach 33 Filmen in zwanzig Jahren sehr erfahrenen Regisseur Lucio Fulci eine Neuausrichtung seines Filmschaffens, mit dem er auch das Horror-Genre im italienischen Film maßgeblich beeinflusste. Dieser inhaltliche Sprung steht beispielhaft für die Veränderungen in der italienischen Filmindustrie der späten 70er Jahre, die - um die zurückgehenden Zuschauerzahlen zu kompensieren - vermehrt erfolgreichen US-Produktionen nacheiferte, diese aber mit expliziteren Gewaltdarstellungen noch übertreffen wollte (siehe "Das italienische Kino frisst sich selbst").

Lucio Fulci himself als Chefredakteur
Der Wandel ist weniger an der Konzentration auf den Horror- und Splatterfilm festzustellen - Lucio Fulci hatte sich schon immer unterschiedlichen Genres gewidmet und zuletzt neben Western auch Gialli ("Sette note in nero" 1977) und Komödien ("La pretora" 1976) gedreht - als an den veränderten Produktionsbedingungen. Arbeitete er zuvor mit Giuliano Gemma, Gabriele Ferzetti, Edwige Fenech oder Fabio Testi und Tomas Milian ("I quattro dell'apocalisse" (Verdammt zu leben - verdammt zu sterben!, 1975)) zusammen, die damals zu den populärsten Schauspielern in Italien gehörten, besetzte er in "Zombi 2" mit den US-Amerikanern Tisa Farrow, Schwester der berühmten Mia, und Ian McCulloch, sowie dem Briten Richard Johnson unbekannte TV- oder Nebendarsteller in den tragenden Rollen. Signifikant für den damaligen Versuch im italienischen Kino, sich einen internationalen Anstrich geben zu wollen, der aber über die niedrigen Geldmittel im Vergleich zu den US-Produktionen nicht hinwegtäuschen konnte.

Mit Ugo Tucci gehörte zwar ein erfahrener Mann zur Produzenten-Crew, der zuvor schon mit der Autorin Elisa Briganti, dem Co-Produzenten Gianfranco Couyoumdjian und dem Musiker Giorgio Cascio bei "La banda del trucido" (Die Gangster-Akademie, 1977) zusammengearbeitet hatte, aber von Fulcis früheren Mitstreitern blieben nur Kameramann Sergio Salvati und Filmkomponist Fabio Frizzi an seiner Seite, die auch prägend für seine zukünftigen Filme werden sollten und schon der Szenerie in New York zu Beginn  ihren Stempel aufdrückten. Zwei Polizisten betreten eine vor der beeindruckenden Kulisse des "Big Apple" führerlos treibende Yacht und machen Bekanntschaft mit einem unangenehmen Zeitgenossen, der seinen Hunger an ihnen stillen will - eine Parallele zum Kannibalismus-Film im italienischen Kino, der zeitgleich seine kurze Hochphase erlebte. Diese Eingangs-Sequenz vereinte die besten Zutaten des italienischen Genre-Films - treibende Musik, spektakuläre Bilder und gekonnte Horror-Effekte, die den Betrachter sofort mitten ins Geschehen ziehen.

Die Qualität des Beginns konnte Fulci angesichts des ihm zur Verfügung stehenden Budgets erwartungsgemäß nicht halten, weshalb er sich bei der weiteren Handlung auf wenige, überschaubare Orte beschränkte - zuerst ein Schiff, auf dem die Tochter des verschwundenen Besitzers der Yacht, Anne (Tisa Ferrow), und der Reporter West (Ian McCulloch) versuchen zu einer Karibikinsel zu gelangen, auf der sich Annes Vater zuletzt aufgehalten hatte, dann auf der Insel selbst, auf der der Arzt Menard (Richard Johnson) vergeblich gegen eine grassierende Krankheit ankämpft, deren Opfer nur mit einem gezielten Kopfschuss endgültig getötet werden können, denn sonst werden sie auf Grund eines Fluchs wieder zum Leben erweckt. Sie ahnen nicht, dass der vermeintlich totgebissene Polizist von der Yacht, der in New York gerade von Pathologen untersucht wird, ähnliche Lebenszeichen von sich gibt.

Fulci schlug eine Brücke vom klassischen Zombie-Film der 40er Jahre "I walked with a Zombie" (Ich folgte einem Zombie, USA 1943) mit seinen Anspielungen auf Aberglauben und Woodoo-Zauber, über Romeros stilprägenden Werke - die abschließende Szene in der Kirche, in der sich die wenigen Überlebenden vor den unaufhaltsamen Fleischfressern zu verbarrikadieren versuchen, zitiert dessen Filme direkt - hin zum typischen Italo-Horror mit Nacktdarstellungen und handgemachten Splatter-Szenen. Beispielhaft gilt dafür der Holzsplitter, in den das Auge der jungen Ehefrau des Inselarztes, Paola (Olga Karlatos), von penetranten Zombies gezogen wird - eine Entwicklung, die Fulci mit seinen folgenden Filmen "Paura nella città dei morti viventi" (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980), "...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà" (Über dem Jenseits, 1981) und "Quella villa accanto al cimitero" (Das Haus an der Friedhofsmauer, 1981) noch bekräftigte.

„Zombi 2“ wurde nicht nur zum Einstieg in ein neues Horror-Film-Zeitalter, sondern verfügt über eine dichte, unheilschwangere Atmosphäre, die ihre Wirkung bis heute nicht verloren hat. Wie im Zombie-Film gewohnt, lassen sich nicht alle Verhaltensmuster logisch nachvollziehen – mal beißen die Infizierten sofort zu, bei wichtigen Protagonisten vergeht noch ein wenig Zeit, um ihnen rechtzeitig eine Kugel in den Kopf zu verpassen – aber entscheidender bleibt die unnachahmliche Mischung aus von poppiger Musik begleitenden Schauwerten und dem immer verzweifelter werdenden Kampf ums nackte Überleben – der Weltuntergang kann kommen!

"Zombi 2" Italien 1979, Regie: Lucio Fulci, Drehbuch: Elisa Briganti, Dardano SacchettiDarsteller : Tisa Ferrow, Ian McCulloch, Richard Johnson, Al Cliver, Auretta Gay, Olga Karlatos, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Lucio Fulci:

Freitag, 23. Mai 2014

Sette uomini d'oro (Sieben goldene Männer) 1965 Marco Vicario

Inhalt: Ein Rolls-Royce hält vor einem Luxus-Hotel in bester Stadtlage, der Chauffeur springt heraus und öffnet die Tür für ein attraktives Paar, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht – ein englischer Gentleman alter Schule (Phillipe Leroy) und seine schöne, auffällig gekleidete Begleiterin (Rossana Podestà). Selbstverständlich ließen sie eine große Suite reservieren, aber den wahren Grund ihrer Anwesenheit ahnt Niemand. Von dort haben sie den besten Blick auf die Bank, die sie um ihre Goldbarren erleichtern wollen.

Ihre sechs männlichen Begleiter haben mit ihrem Tagwerk schon begonnen, eine Baustelle mitten auf dem verkehrsreichen Platz eingerichtet und befinden sich auf dem Weg Richtung Tresor, gelenkt von dem „Der Professor“ genannten Gentleman, der nicht nur den Plan ausklügelte, sondern auch über eine moderne technische Ausrüstung verfügt. Doch ohne Giorgia kann das Unternehmen nicht gelingen, deren Erscheinung für die notwendige Ablenkung sorgen soll…


Nachdem Marco Vicario als Darsteller über Nebenrollen nicht hinausgekommen war, begann er Ende der 50er die Seiten zu wechseln, produzierte seine ersten Filme, schrieb Drehbücher für die damals angesagten Sandalenfilme ("La schiava di Roma" (Antea - Sklavin Roms, 1961)) und saß bei dem Mondo-Film "Il pelo nel mondo" (Mondo inferno - Alle Sünden dieser Welt (1964)) gemeinsam mit Antonio Margheriti auf dem Regiestuhl. Die Schauspielkarriere seiner Ehefrau Rossana Podestà verlief dagegen sehr erfolgreich. Schon früh wurde sie in erotischen Rollen als "Femme fatale" in Filmen wie "La red" (Brandung der Leidenschaft, Mexico 1953) und "Helen of Troy" (Die schöne Helena, 1956) bekannt und spielte bis in die frühen 60er Jahre diverse Hauptrollen in Abenteuer- und Sandalenfilmen. 1964 hatte sie auch Margheriti in "La vergine di Norimberga" (Die Gruft der lebenden Leichen) besetzt, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis mit "Le ore nude" (Die nackten Stunden, 1964) - ein Drama nach einem Roman Alberto Moravias - ihr erster Film unter der Regie ihres Mannes herauskam. Doch erst dessen Nachfolger "Sette uomini d'oro" (Sieben goldene Männer), den Vicario in seiner Mischung aus Heist-Movie und Komödie seiner schönen Frau auf den Leib schrieb, brachte den Durchbruch auch an den Kinokassen.

Mit Ugo Tucci ("Boccaccio '70", 1962) hatte sich Marco Vicario einen bisher im künstlerisch-intellektuellen Kino aktiven Co-Produzenten ins Boot geholt, der sich nach der Zusammenarbeit mit Vicario vermehrt dem Genre-Film zuwandte, Sergio Leones „C’era una volta il West“ (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) mitproduzierte und später auch für Lucio Fulcis Einstieg ins Horror-Genre verantwortlich zeichnete ("Zombi 2" (Woodoo - Schreckensinsel der Zombies, 1979)). Rossana Podestà als erotischer Blickfang und der französische Mime Phillipe Leroy als englischer Gentleman und Mastermind sollten im Mittelpunkt einer intelligenten Story stehen, die sich in ihrer Anlage eines ausgeklügelten Bankraubs am französischen Klassiker "Rififi" (1955) orientierte, diesen aber modern im Stil des damals populären Agenten-Films interpretierte. Die futuristische technische Ausstattung, der konsequent englische Charakter des "Professors" Albert (Phillipe Leroy) und die verbal-erotischen Spielereien mit seiner Geliebten Giorgia (Rossana Podestà) lassen den "James Bond"-Einfluss auf einen klassischen 60er-Jahre Unterhaltungsfilm nicht übersehen, der dank der Kombination mit einer internationalen 6köpfigen Crew, deren Vornamen alle mit "A" beginnen, zu eigenständiger, höchst amüsanter Form aufläuft.

Ohne die extravagant gekleidete Frau und die sieben Männer näher vorzustellen, geht „Sette uomini d’oro“ gleich in die Vollen. Während der Professor und Giorgia ihre Zentrale in der Suite eines mondänen Hotels aufbauen, von wo sie einen idealen Blick auf das Objekt der Begierde genießen – eine Schweizer Bank mit einem unermesslichen Vorrat an Goldbarren im damals selbstverständlich modernsten aller Tresore –  beginnen ihre sechs Kumpanen mit der Handarbeit. Als städtische Mitarbeiter gekleidet, richten sie mitten im Verkehr eine Baustelle ein, von der sie sich erst in die Tiefe begeben, bevor sie über komplizierte Wege unter die gelagerten Goldbarren gelangen, immer geleitet von der radargesteuerten Anlage des Professors. Der Beginn verläuft noch ruhig – die einzelnen Schritte der Truppe linear begleitend – aber je vertrauter die einzelnen, größtenteils von bekannten italienischen Darstellern gespielten Protagonisten dem Betrachter werden, je höher steigt das Tempo. Es kommt zu den erwarteten Komplikationen, aber damit gibt sich der Film nicht zufrieden, sondern schlägt immer neue überraschende Volten, die an den Stil von „Ocean’s eleven“ (Frankie und seine Spießgesellen, 1960) erinnern, den das Duo Clooney-Soderbergh 2001 wieder zu neuem Leben erweckte.

Wie in Gauner-Komödien üblich, handelt es sich bei den Banden-Mitgliedern um manchmal etwas raue, aber sympathische Gesellen, während sich die wahren Übeltäter hinter ihrer bürgerlichen Fassade verbergen. Allzu moralisierend kam „Sette uomini d’oro“ glücklicherweise nicht daher, auch wenn die Freude an dem gelungenen Coup, die Freude an der Beute wie gewohnt überwiegen sollte, denn die 60er Jahre manifestierten sich nicht nur in der coolen Optik und der poppigen Musik, sondern in dem im Mittelpunkt stehenden Paar, das in seinem selbstbewusst, toleranten Verhalten seiner Zeit voraus war und stellvertretend für den intelligent, vergnüglichen Charakter des Films steht. Dank des großen Erfolgs ließ eine Fortsetzung nicht lange auf sich warten - unter Beteiligung derselben Crew folgte ein Jahr später: "Il grande colpo dei sette uomini d'oro" (Das Superding der sieben goldenen Männer, 1966).

"Sette uomini d'oro" Italien, Frankreich, Spanien 1965, Regie: Marco Vicario, Drehbuch: Marco VicarioMariano OzoresDarsteller : Philippe Leroy, Rosanna Podestà, Gastone Moschin, Gabriele Tinti, Maurice Poli, Renzo Palmer, Laufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Marco Vicario:


Il grande colpo dei sette uomini d'oro (Das Superding der sieben goldenen Männer) 1966 Marco Vicario

Inhalt: Der gelungene Diebstahl eines Tresors bereitet dem „Professor“ Albert (Philippe Leroy), seiner Geliebten Giorgia (Rosanna Podestà) und ihren sechs Mitstreitern nur kurz Freude, denn die CIA wartet schon schwer bewaffnet, um sie in Haft zu nehmen. Um den Kumpanen weitere Verhöre zu ersparen, stellt sich der „Professor“ freiwillig, übernimmt aber sofort wieder die Regie, da er die Motive der US-Amerikaner kennt. Sie sollen für diese einen kommunistischen Diktator aus einem südamerikanischen Land entführen, was Albert nur unter seinen Bedingungen in Betracht zieht.

Der CIA bleibt keine Wahl und sie begeben sich an Bord eines U-Boots an die südamerikanische Küste, von wo aus sie beobachten, wie Giorgia in die luxuriösen Gemächer des „Presidente“ (Enrico Maria Salerno) eindringt. Zwar wird sie verhaftet, aber schon bald als persönlicher Gast des Diktators begrüßt, der sich den Reizen der schönen Frau nicht entziehen kann. Diese Ablenkung genügt dem Professor, um einen Plan durchzuführen, der noch ganz andere Ziele im Blick hat…


Nur ein Jahr nach "Sette uomini d'oro" (Sieben goldene Männer, 1965) erschien der Nachfolger "Il grande colpo dei sette uomini d'oro" (Das Superding der sieben goldenen Männer) in den italienischen (und internationalen) Kinos - eine schnelle Reaktion auf den überraschenden Erfolg der intelligent-lässigen Gaunerkomödie, an der alle wichtigen Protagonisten um Regisseur und Autor Marco Vicario und seine Frau und Hauptdarstellerin Rosanna Podestà erneut beteiligt waren. Konsequent beginnt der Film mit einer thematischen Zusammenfassung des Erstlings: während Giorgia (Rosanna Podestà) mit ihrer extravaganten Erscheinung die Angestellten einer römischen Bank ablenkt und der "Professor" (Philippe Leroy) per Radargerät die Aktion leitet, fahren seine sechs Männer mit einer Lokomotive in einen Tunnel, die einen speziell ausgerüsteten Anhänger zieht. Unterhalb des Bankgebäudes angekommen, fährt eine große rechteckige Säge nach oben, um sich kurz darauf den vollständigen Tresor einzuverleiben.

Begleitet wird der Coup wie gewohnt von den launigen Kommentaren des international zusammen gewürfelten Teams von Männern, deren Vornamen alle mit "A" beginnen, unter denen Gastone Moschin als Adolf (der Deutsche) heraus sticht, dessen regelmäßige "Jawoll", "Auf Wiedersehen" oder "Kaputt"-Rufe auf das seit der Besatzungszeit im 2.Weltkrieg in Italien bekannte deutsche Vokabular anspielten. Mit "Arrivo Gestapo" (Gestapo, ich komme) startet entsprechend die Aktion, deren Ironie sich auch darin zeigt, dass der Professor und Giorgia die Rollen tauschten. Während sie Zigarre rauchend vom Hotel die Leitung übernimmt, stakst er als Blickfang verkleidet auf hohen Absätzen in die Bank. Erwartungsgemäß können sie sich ihres Erfolgs nicht lange erfreuen, denn die CIA wartet schon am Tunnelausgang mit ihren Maschinengewehren, ohne des Professors und Giorgia habhaft zu werden. Beide stellen sich kurz darauf freiwillig, um selbstbewusst eine Belohnung von 7 Millionen Dollar für den eigentlichen Zweck der Festnahme zu fordern - die sieben goldenen Männer und Giorgia sollen für die USA einen kommunistischen Diktator aus einem südamerikanischen Land entführen.

Diese ersten Minuten beinhalten noch sämtliche Qualitäten des Vorgängers, aber die danach beginnende eigentliche Story krankt an den bekannten Schwierigkeiten einer Fortsetzung - der Zwang zum schneller, höher und weiter. Besaßen die futuristischen Spielereien in "Sette uomini d'oro" noch einen dezenten, die Realität leicht überhöhenden Charakter, die an die Gimmicks der "James Bond" - Filme erinnerten, werden im Nachfolger für beinahe jede Aktion fantastische Apparaturen hervor gezaubert, passend zu einer Handlung, die sich nicht mehr mit einem gewieften Bankraub zufrieden gab. Nicht nur, dass der "Professor" die Entführung des Diktators von einem U-Boot der US-Flotte aus leitet, gleichzeitig bringt seine Truppe noch ein im Hafen liegendes Sowjet-Schiff unter seine Kontrolle, in dessen Rumpf riesige Goldbarren-Reserven lagern. Von dem fast unsichtbar ausgeführten Bankraub der Premiere sind diese Vorhaben ebenso weit entfernt, wie deren intelligente Wendungen von der linearen, grob gestrickten Story in "Il grande colpo dei sette uomini d'oro". Stattdessen setzte diese auf viel Action. Es wird geprügelt und mit Maschinengewehren um sich geballert, ohne dass angeblich Jemand verletzt wird - kein Vergleich zum gewaltlosen Vorgehen im Erstling.

Vielleicht versuchte Marco Vicario auch gar nicht erst, dessen dichte, in einem überschaubaren Umfeld spielende Handlung zu wiederholen, sondern ließ seinen Mitstreitern in einem bewusst übertriebenen Szenario freien Lauf. Dafür spricht die Lust, mit der besonders Gastone Moschin und Rosanna Podestà hier aufspielten, die deutlich mehr Screen-Time erhielten. Während Moschin seine Karikatur eines Deutschen sympathisch umsetzte, glänzte Podestà als selbstbewusst, emanzipierte Verführerin des Diktators, den der neu zum Cast hinzu gekommene Enrico Maria Salerno als urkomische Fidel-Castro-Kopie gab, die wesentlich besser wegkam als die US-Amerikaner, deren Foltermethoden der Film persiflierte. Am Ende kombinierte Vicario den Nachfolger mit Originalszenen aus "Sette uomini d'oro" und schloss damit das Kapitel um eine Gaunerbande, der er zwei - trotz der gemeinsamen 60er Jahre Optik plus passender Stimmungsmusik - sehr unterschiedliche Filme widmete.

"Il grande colpo dei sette uomini d'oro" Italien, Frankreich, Spanien 1966, Regie: Marco Vicario, Drehbuch: Marco Vicario, Mariano OzoresDarsteller : Philippe Leroy, Rosanna Podestà, Gastone Moschin, Gabriele Tinti, Maurice Poli, Enrico Maria Salerno, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Marco Vicario:

Mittwoch, 7. Mai 2014

Il sicario (Das bittere Leben) 1961 Damiano Damiani

Inhalt: Als er sich mit einem früheren Freund seines verstorbenen Vaters trifft, ahnt er noch nicht dessen Beweggründe. Während sie gemeinsam die vielen Stufen einer Treppe hinaufgehen, macht der alte Mann, ein reicher römischer Geschäftsmann, dem agilen Bauunternehmer (Sergio Fantoni) unmissverständlich klar, dass er seinen hohen Kredit in Kürze zurück erhalten will. Ihm ist klar, dass die Laufzeit noch ein Jahr beträgt, aber er droht damit, falls das Geld nicht pünktlich an ihn überwiesen wird, dessen verschwenderisches Leben, dass nur der gute Name seines Vaters ermöglicht hätte, öffentlich anzuprangern. Nur sein Tod könnte das verhindern, wie er im Spaß hinzufügt.

Schon längere Zeit befindet sich das Bauunternehmen am Rand des Ruins, konnte aber dank des Kredits ebenso am Leben gehalten werden wie der Luxus, den er seiner schönen Frau (Sylva Koscina) bieten kann. Zuerst sucht er noch nach einem legalen Ausweg, aber immer mehr konkretisiert sich der Gedanke, den der alte Mann selbst geäußert hatte - nur dessen Tod kann ihn noch retten. Nur benötigt er dafür einen unauffälligen, ihn von jedem Verdacht befreienden Täter...


Wie entscheidend der frühe Einfluss des Neorealismus, speziell in Persona des Drehbuchautors Cesare Zavattini, für Damiano Damianis Weg zum Filmregisseur war, wird an ihrer intensiven Zusammenarbeit bei seinen drei ersten Filmen deutlich. Nach "Il rossetto" (Unschuld im Kreuzverhör, 1960) schrieben sie noch gemeinsam die Drehbücher zu "Il sicario" (Das bittere Leben) und "L'isola di Arturo" (Insel der verbotenen Liebe, 1962), deren inszenatorische Anlage noch die Nähe zum neorealistischen Stil der 40er Jahre verriet, die aber inhaltlich in der Gegenwart Italiens Anfang der 60er Jahre angekommen waren. Zusammengefasst werden sie heute als "Trilogia psicologica" (Psychologische Trilogie) bezeichnet, da sie sich komplex mit den Auswirkungen der sich parallel zum Wirtschaftswachstum der 50er Jahre verändernden Sozialisation der Nachkriegsgesellschaft befassten.

Doch während sich der nach einem Roman Elsa Morantes entstandene "L'isola di Arturo" am Beispiel des Lebens auf einer abgelegenen Insel dem Zerfall archaischer Familienstrukturen widmete, erscheint "Il sicario" wie eine unmittelbare Fortsetzung zu "Il rosetto" - nicht nur wegen des gemeinsamen Handlungsortes Rom, sondern in der Steigerung des Verlusts moralischer Integrität. Handelten die Protagonisten in „Il rossetto“ noch emotional und spontan, um sich einen Vorteil zu verschaffen – die Geliebte, die die Hochzeit mit einer jungen Frau aus reichem Haus gefährdet, wird im Affekt getötet – entwickelten Zavattini und Damiani in „Il sicario“ eine realistische Ausgangssituation, die zwei Männer aus gegensätzlichen Schichten zum Erhalt ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Reputation in einen unaufhaltsamen Strudel zieht, der sie auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken lässt.

Der deutsche Titel “Das bittere Leben“ übernahm zwar nicht die Bedeutung des Originaltitels „Der Meuchelmörder“, spielte aber auf die Furcht der beiden Protagonisten an, ein solches Dasein erleiden zu müssen. Vielleicht sollte damit auch ein Bezug zu Cesare Zavattinis neorealistischer Vergangenheit hergestellt werden, aber mit den Zuständen nach dem Krieg hat das hier geschilderte Leben in Rom, Anfang der 60er Jahre, nichts mehr gemeinsam. Ging es nach ’45 um das nackte Überleben, hat die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs längst allgemeine Begehrlichkeiten geweckt. „Il sicario“ entfaltet das Szenario einer nach Konsumgütern lechzenden Gesellschaft, die versucht, den äußeren Schein zu wahren. Das verbindet den Bauunternehmer (Sergio Fontani) und den Auto-Mechaniker (Alberto Lupo), die jeweils unter dem Erwartungsdruck ihrer Umgebung, nicht zuletzt ihrer attraktiven Frauen (Sylva Koscina, Belinda Lee) und Kinder stehen - unabhängig davon, ob es sich um den Erhalt eines luxuriösen Lebens mit mondäner Villa oder den Erwerb eines Fernsehers und eines eigenen kleinen Autos handelt.

Der Auslöser für die Mordpläne liegt im Entzug einer großen Geldsumme, die das schwankende Kartenhaus des Bauunternehmers bedroht. Ein alter Freund des verstorbenen Vaters verlangt das geliehene Geld gegen die vertragsgemäße Abmachung innerhalb weniger Tage zurück – und droht damit, den über seinen wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden und vom Ansehen des Vaters profitierenden Unternehmer öffentlich zu diskreditieren, falls dieser nicht, wie von ihm gefordert, zurückzahlt. Geschickt bettet der Film dieses Szenario in Nebengeschichten, die den Druck auf den Protagonisten noch erhöhen. Ein befreundetes Paar der römischen High Society ist pleite und gezwungen, sich von Luxusgütern zu trennen, was die Frau des Bauunternehmers, die gerade erst ein teures Bild für die Innenausstattung ihres Hauses erworben hat, dazu bewegt, ihre Überlegenheit auch als Paar zu betonen. Dass sie sich schon mehrfach gegenseitig betrogen haben, wirkt angesichts der Bedeutung von Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen nebensächlich.

Im Vergleich zur Situation des Mannes, der in Vittorio De Sicas, ebenfalls nach einem Drehbuch Zavattinis entstandenen „Ladri di biciclette“ (Fahrraddiebe, 1948) am Ende selbst zum Dieb wird, sind selbst die ärmlichen Voraussetzungen des Automechanikers von gediegener Solidität. Er hatte sich finanziell übernommen, saß schon ein paar Monate wegen Diebstahls im Gefängnis, und will nicht, dass seine Frau als Bardame für den Familienunterhalt sorgt. Er hatte früher einmal für den Bauunternehmer gearbeitet, weshalb sich dieser an ihn erinnert, als er nach einem geeigneten Täter für seinen Mordanschlag sucht. Diese Suche nutzte Damiani für tiefere Einblicke in eine Gesellschaft, die nur nach schnellem Erfolg zu streben scheint. Der ebenfalls vom Neorealismus geprägte Regisseur und Gelegenheitsdarsteller in seinen eigenen Filmen Pietro Germi („Divorzio all’italiana“ (Scheidung auf Italienisch, 1961) ließ es sich nicht nehmen, nach „Il rossetto“ ein zweites Mal unter der Regie Damianis zu spielen – diesmal einen glücklosen Spieler.

In „Il rossetto“ wurden die Protagonisten nicht nur als Täter, sondern gleichzeitig als Opfer einer sich wandelnden Sozialisation charakterisiert, in „Il sicario“ trieben es Damiani und Zavattini damit zynisch auf die Spitze, als ob der Erhalt wirtschaftlicher Prosperität eine Frage von Leben und Tod wäre. Die in der ersten Hälfte des Films entstehende Drohkulisse ist von solcher Intensität - auch dank der ausgezeichneten Darsteller - dass sie zwangsläufig auf einen Mord als einzige Lösung hinauszuführen scheint. Im Vergleich zu den fatalistischen Konsequenzen seiner 70er Jahre Polit-Thriller, gestand Damiani den Tätern noch Schuldgefühle und Selbstzweifel zu, die einen Rest an moralischer Instanz vermitteln können, aber innerhalb der „Trilogia psicologica“ hinterlässt das hier ausgebreitete, bis heute zeitlose Gesellschaftsszenario den pessimistischsten Eindruck, da es über keine positiv besetzte Figur verfügt. Als der Bauunternehmer seiner Ehefrau seinen Plan gesteht, weshalb er mit ihr per Zug eine Reise in den Süden antrat, um ein überzeugendes Alibi zu erhalten, offeriert er ihr kurz, dass er seinen Handlanger bei einem Zwischenhalt noch zurückhalten könnte, wenn sie es verlangt – sie lässt die Gelegenheit verstreichen und bezeichnet ihn als „widerlich“. Doch „widerlich“ ist nur, dass er sie eingeweiht hatte und damit in eine Tat einbezieht, deren Auswirkungen sie nur allzu gerne in Anspruch nimmt.

"Il sicario" Italien 1961, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Cesare ZavattiniDarsteller : Belinda Lee, Silva Koscina, Sergio Fantoni, Alberto Lupo, Pietro Germi, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.