Der Episodenfilm im Niedergang - die "Commedia sexy" im Aufwind:

Samstag, 16. Juli 2016

Le streghe (Hexen von heute) 1967 Luchino Visconti, Mauro Bolognini, Pier Paolo Pasolini, Franco Rossi, Vittorio De Sica

Gloria (Silvana Mangano) mit ihrer Freundin (Annie Girardot)
Inhalt: Episode 1: "La strega bruciata viva" (Hexen verbrennt man lebendig) – Regie Luchino Visconti
Mit Sonnenbrille und Kopftuch unkenntlich gemacht, steht überraschend Gloria (Silvana Mangano) vor der Tür ihrer alten Freundin Valeria (Annie Girardot), die in den österreichischen Alpen ein mondänes Hotel führt. Die berühmte Schauspielerin will anonym bleiben und bittet Valeria um Unterschlupf für ein paar Tage. Großzügig gewährt sie Gloria ihre eigenen Räume, sorgt aber dafür, dass die anderen Gäste erfahren, wer gerade angekommen ist…

Dem Unfallopfer (Alberto Sordi) geht es schlecht
Episode 2 „Senso civico“ (Praktische Hilfsbereitschaft) – Regie Mauro Bolognini
Als noch alle um den bei einem Unfall schwer verletzten Elio Ferocci (Alberto Sordi) herumstehen, übernimmt eine energische Frau (Silvana Mangano) die Initiative. Sie lässt ihn auf die Rückbank ihres Autos laden und rast durch den Stadtverkehr Roms in Richtung Krankenhaus. So glaubt zumindest der jammernde Ferocci…

Objekt der Begierde für Vater und Sohn - die taubstumme Assurdina
Episode 3: „La terra vista dalla luna“ (Die Erde vom Mond betrachtet) – Regie Pier Paolo Pasolini
Weinend stehen Vater (Totò) und Sohn (Ninetto Davoli) am Grab der verstorbenen Ehefrau und Mutter, was sie aber nicht davon abhält, schnell Ersatz für sie zu suchen. Nur Einigkeit muss zwischen ihnen bestehen. Ihre ersten Annäherungsversuche scheitern, aber als überraschend die zwar taubstumme, aber schöne Assurdina Cai (Silvana Mangano) in eine Ehe einwilligt, scheint das Glück vollkommen…

Sie will Rache
Episode 4 „La Siciliana“ (Die Sizilianerin) – Regie Franco Rossi
Als der Vater (Pietro Tordi) seine Tochter (Silvana Mangano) dabei ertappt, wie sie auf ein Teigmännchen einsticht, ahnt er schon Böses. Er drängt sie, mit der Sprache herauszurücken. Und mit jedem ihrer Worte wächst seine Wut…


Szenen einer Ehe (Clint Eastwood und Silvana Mangano)
Episode 5: "Una sera come un altre" (Ein Abend wie jeder andere) – Regie Vittorio De Sica
Wie jeden Abend kommt Carlo (Clint Eastwood) von seinem Bürojob nach Hause und sieht in das unzufriedene Gesicht seiner Ehefrau (Silvana Mangano), die gelangweilt ist von ihrem gemeinsamen Alltag. In ihren Träumen erlebt sie aufregende Abenteuer und Liebesszenen, aber Carlo holt sie mit wohlgesetzten Argumenten in die Realität zurück… 


Anlass und Motivation für meinen Blog über den italienischen Film war der Episodenfilm - ersichtlich schon am gewählten Titel. Mich faszinierte die Genre- und Ressort-übergreifende Zusammenarbeit unter den italienischen Filmschaffenden, die seit den 40er Jahren ein Netz an Querverbindungen und Beeinflussungen entstehen ließen, das entscheidend zur Qualität und Vielfalt des italienischen Films bis in die frühen 80er Jahre beigetragen hat. Der Episodenfilm - besonders in seiner intensiven 60er Jahre-Phase - ist für mich äußerer Ausdruck dieser inneren Abläufe.

Meinen Essay über den Episodenfilm "L'amore in città und die Folgen" schrieb ich folgerichtig kurz nach der Eröffnung meines Blogs, um mein Engagement in diese Richtung bald wieder ruhen zu lassen. Groß war die Anzahl an Beteiligten und Verbindungen, schwer einschätzbar blieb die Position der Filme im gesellschaftspolitischen, wie künstlerischen Zeitkontext. Erst die intensive Auseinandersetzung mit der "Commedia all'italiana", besonders hinsichtlich der Entwicklung in Richtung der "Commedia sexy" in den 60er Jahren ließ mein Interesse am Episodenfilm - auch dank dessen unmittelbarer Nähe zum Zeitgeist - wieder aufleben. Meinen Essay habe ich entsprechend überarbeitet und möchte ihn an dieser Stelle nochmals ausdrücklich empfehlen.


(Episode 1) Fütterung der Raubtiere - der "Hexentanz" beginnt...
"Le streghe" (Hexen von heute) klingt nach Feminismus, Sex und Revolution, zumindest nach Widerstand gegen die konservativen bürgerlichen Moralvorstellungen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Protagonistin der ersten Episode "La strega bruciata viva" (Hexen verbrennt man lebendig) - die Einzige, in der das "Hexen"- Motiv konkret auftaucht - wird schnell von der Realität eingeholt. In der letzten Episode "Una sera come un altre" (Ein Abend wie jeder andere) ergibt sie sich in ihr Schicksal als Hausfrau und Mutter im Ehealltag. Zu den Credits des Abspanns sieht man in ihr von Fantasien verklärtes Gesicht, begleitet von einer hollywoodesken Orchestermusik. Kein Vergleich zu Piero Piccionis "Hexentanz", mit dem der Film beginnt - es hatte sich ausgetanzt.

...wieder besänftigt und fügsam (Episode 5)
Das galt auch für den Episodenfilm. In den folgenden drei Jahren kamen zwar noch vereinzelte Vertreter dieser Genre-Form heraus - nicht zufällig unter Mitwirkung von vier der fünf an "Le Streghe" beteiligten Regisseure Franco Rossi, Mauro Bolognini, Pier Paolo Pasolini und Vittorio De Sica - aber gemessen an den 15 Episodenfilmen der Jahre 1964 bis 1966 war der Zenit überschritten (siehe den Essay "L'amore in città und die Folgen"). Auch "Le streghe" war schon ein Auslaufmodell. Thematisch steht er am Ende einer Phase, beginnend mit "Boccaccio '70" (1962), in der der Episodenfilm zum wichtigsten Vehikel für die sexuelle Liberalisierung im italienischen Film - besonders in Richtung "Commedia sexy all'italiana"- wurde und in Co-Produktionen auch den deutschsprachigen Erotik-Film beeinflusste ("L'amore difficile" (Erotika, 1962)).

Die neue Rolle der Frau in der Gesellschaft und nicht zuletzt die damit einhergehenden Veränderungen moralischer Standards ließen sich in respektloser Form leichter in Kurzfilmen auf die Leinwand bringen - Verbote, Kürzungen und Kritik blieben zwar nicht aus, verteilten sich aber auf viele Schultern. Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, dass das heute für die sexuelle Revolution signifikant betrachtete Jahr 1968 nicht am Anfang, sondern am Ende einer langjährigen Entwicklung stand, dann der Film "Le streghe". Von der Aufbruchstimmung der frühen 60er Jahre, als Themen wie weibliche Promiskuität, Sexualität vor der Ehe oder Seitensprung noch lustvoll provokativ zelebriert wurden, verbunden mit dezenten Nacktdarstellungen, ist hier nichts mehr zu spüren. Gescheiterte Ehen, Affären oder freizügige Sexualität sind längst Realität, doch in der Köpfen hatte sich nur wenig geändert.

Nach „La mia signora“ (1964) spielte Silvana Mangano in „Le streghe“ erneut in allen Episoden die weibliche Hauptrolle, die aber nicht die Homogenität des Vorgängers aufweisen. Genauer betrachtet handelt es sich um drei längere, thematisch relevante Filme, jeweils unterbrochen von sehr kurzen Beiträgen von Mauro Bolognini (Episode 2 „Senso civico“ (Praktische Hilfsbereitschaft)) und Franco Rossi (Episode 4 „La Siciliana“ (Die Sizilianerin)). An deren Zustandekommen waren mit Agenor Incrocci, Furio Scarpelli und Luigi Magni zwar drei prägende Autoren der „Commedia all’italiana“ beteiligt, doch mit der „Hexen“-Thematik hatten sie auch im weit gefassten Sinn wenig zu tun.

Bologninis Episode über eine rücksichtslose Autofahrerin, die einen Schwerverletzten (Alberto Sordi) mitnimmt, nur um unter dem Vorwand, ihn in ein Krankenhaus zu transportieren, schneller durch den dichten Verkehr Roms zu ihrem Date zu gelangen, hätte besser in Dino Risis "I mostri" (1963) gepasst. Nicht zufällig griff Alberto Sordi, diesmal als Fahrer eines Unfallopfers, in "I nuovi mostri" (Viva Italia!, 1977) diese Thematik wieder auf. Rossis „La Siciliana“ ist dagegen ein wiederholter Beitrag zum archaischen Rollen-Verständnis in Süditalien. Erneut genügt die Andeutung einer Schönen, um eine tödlich endende Fehde auszulösen. Keine besondere Bereicherung, wäre da nicht der altmodische Gestus der Episode, der ein wenig an Silvana Manganos frühe Rolle in "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) erinnert, der seinen Ruhm nicht zuletzt ihrer erotischen Ausstrahlung verdankte. Damals auch wegen der freizügigen Kleidung der Arbeiterinnen im Reisfeld eine Sensation, ist knapp 20 Jahre später der Reiz verflogen – besonders in den Rahmen-Episoden von Luchino Visconti und Vittorio De Sica.


Episode 1: "La strega bruciata viva" (Hexen verbrennt man lebendig)

Viscontis Film nach einem Drehbuch von Cesare Zavattini lässt sich auch als ironischer Kommentar auf Silvana Manganos Ehe mit dem Produzenten Dino De Laurentiis verstehen, denn die Story über die berühmte Filmschauspielerin Gloria, die ein paar Tage im verschneiten Kitzbühel den Zwängen ihres alles kontrollierenden Ehemanns entkommen will, besitzt naheliegende Parallelen. Mehr noch wirkt die Episode aus heutiger Sicht wie ein Vorbote auf Viscontis „Deutsche Trilogie“, die 1969 mit "La caduta degli dei" (Die Verdammten) ihren Anfang nahm. Helmut Berger, der darin seine erste Hauptrolle unter Viscontis Regie spielte, hatte hier einen kleinen Auftritt als Hotel-Angestellter. Er spricht deutsch, so wie sich im mondänen Hotel von Valeria (Annie Girardot) dank der internationalen Gäste auch französische und englische Klänge ins Italienische mischen. Für Visconti eine ideale Ausgangssituation, um den versammelten Geldadel genüsslich zu sezieren.

Katalysator ist das Eintreffen von Gloria, die versucht anonym bei ihrer alten Freundin Valeria unterzukommen. Ein von Beginn an hoffnungsloses Unterfangen, denn die Hotel-Chefin nutzt Glorias Berühmtheit ungeniert als Attraktion für ihre Gäste. Die halten sich auch nicht lange zurück, um über ihre Herkunft zu lästern, ihr Aussehen zu kommentieren oder, wie ein englischer Industrieller (Leslie French) ihr zuflüstert, sie als Produkt anzusehen. Höhepunkt ist ein erotischer Tanz zur „Hexentanz“-Musik, denn Gloria hatte eine Wette gegen eine junge Französin verloren, gespielt von Veronique Vendell, damals im italienischen und deutschen Erotik-Film („Urlaubsreport - Worüber Reiseleiter nicht sprechen dürfen“ (1971)) gern besetzter blonder Blickfang. Selbstverständlich betonen alle Frauen nach außen hin Glorias Schönheit, so wie die Männer ihr den Hof machen (darunter Viscontis langjähriger Weggefährte Massimo Girotti ("Ossessione" (1942)), ehrlich ist Niemand zu ihr.

Getoppt werden sie aber alle von der Hotelchefin, die mit erfrischender Eloquenz und guter Laune gnadenlos ihre Freundin hintergeht. Dass Gloria der Star sein soll, ist dagegen kaum zu bemerken. Die Gäste treiben sie wie einen Spielball vor sich her, bis eine Gesandtschaft ihres Mannes eintrifft, um sie - frisch vom Maskenbildner zurecht gemacht - vor der versammelten Journaille mit dem Hubschrauber zurückzuholen. Mit einer Hexe eint sie ihre Außenseiterposition in der Gesellschaft, für die sie einen hohen Preis zahlen muss. Nach außen selbstbestimmt und erfolgreich wirkend, steht sie tatsächlich unter totaler Kontrolle. Die Emanzipation erweist sich als Trugschluss – eine These, die Zavattini in anderer Form in der fünften Episode wiederholte.


Episode 5: "Una sera come un altre" (Ein Abend wie jeder andere)

Dass Clint Eastwood in einem italienischen Episodenfilm als männlicher Co-Partner auftrat, erscheint aus heutiger Sicht ungewöhnlich, lässt aber vergessen, dass Eastwood seinen Ruhm dem italienischen Film verdankte – „Le streghe“ kam nur wenige Wochen nach seinem dritten Sergio-Leone-Western „Il buono, il brutto, il cattivo“ (Zwei glorreiche Halunken, 1966) in die Kinos. Seine Besetzung in „Le streghe“ verdankte Eastwood zudem seiner US-amerikanischen Herkunft, denn er steht hier für den modernen Typus Mann: ein gut verdienender Angestellter, der mit Frau und Kindern in einer zweckmäßig eingerichteten Wohnung lebt. Zusätzlich betont wird der Einfluss des „American way of life“ durch die Optik von Ehefrau Giovanna (Silvana Mangano), mehr noch spiegelt er sich in ihren Fantasien wider.

In einer den gleichförmigen Alltag kontrastierenden Parallelhandlung spielen sich vor Giovannas geistigem Auge filmreife Szenen ab – romantische Liebe, Superhelden-Comic, Striptease in einem mit Männern besetzten Stadion. Da darf Clint Eastwood aus Eifersucht auch wieder zur Pistole greifen. In der Realität erweist er sich dagegen als ruhiger Zeitgenosse, dessen mit wohlgesetzten Argumenten vorgetragene Botschaft unmissverständlich ist: Liebe, Sex, Freiheit – gerne, man ist schließlich modern. Aber alles zu seiner Zeit. Von Hexen ist da wenig zu sehen - ein kurzer Moment der Auflehnung endet in der Anpassung. Natürlich aus Liebe. Aus heutiger Sicht überrascht es, wie fatalistisch Zavattini 1967 die Situation der Frauen betrachtete, in der Umsetzung blieb die De Sica-Episode aber trotz ihrer fantastischen Ebene konventionell.


Episode 3: „La terra vista dalla luna“ (Die Erde vom Mond betrachtet)

Für den realen Irrsinn war Pier Paolo Pasolini in der zentralen Episode zuständig, deren märchenhafte Anmutung vordergründig nicht zu den übrigen Stories passen will. Den Komiker Totò hatte der Regisseur erst kurz zuvor erstmals in „Uccellacci e uccellini“ (Große Vögel, kleine Vögel, 1966) besetzt, um noch bis zu dessen Tod im April 1967 zwei Kurzfilme mit ihm zu drehen. „Che cosa sono le nuvole?" kam erst mehr als ein Jahr später im Rahmen des Episodenfilms „Capriccio all‘italiana“ (1968) in die Kinos. Immer an Totòs Seite stand der damals noch nicht 20jährige Ninetto Davoli, der bis in die 70er Jahre an beinahe allen Pasolini-Filmen beteiligt war. Auch Silvana Mangano gehörte nach „La terra vista dalla luna“ zu Pasolinis bevorzugten Darstellern und übernahm in seinen zwei folgenden Kinofilmen „Edipo re“ (Bett der Gewalt, 1967) und „Teorema“ (Teorema – Geometrie der Liebe, 1968) die weibliche Hauptrolle.

„La terra vista dalla luna“ ist entsprechend individuell, ganz Pasolini. Motive der klassischen „Commedia dell’arte“, für die der Neapolitaner Totò und die puppenhaften Kostüme sorgen, mischte er mit einer Reminiszenz an den Stummfilm mit beschleunigten Bildern, Slapstick und kommentierenden Texttafeln. Entscheidend ist aber, dass die weibliche Hauptfigur taubstumm ist und man sich nur per Gebärde mit ihr verständigen kann. Assurdina Caì (Silvana Mangano) soll nach dem Tod der Ehefrau dem Vater (Totò) und Sohn (Ninetto Davoli) die Geliebte, Hausfrau und Mutter ersetzen. Selbstverständlich nur wenn Einigkeit unter den Männern besteht, was angesichts der Schönen nicht schwerfällt, die sogleich nach der Hochzeit ihre triste Baracke schmückt. Prekäre Verhältnisse gehörten ebenso zu Pasolinis Film-Kosmos wie die Unfähigkeit, sich mit dem unverhofften Glück nicht begnügen zu können, das Vater und Sohn in Person von Assurdina Cai zufällt. Erneut scheinen die Männer gezwungen, sich eine neue Frau suchen zu müssen, aber diese erweist sich als zäher als erwartet.

Pasolinis tragikomisches Possenspiel ist voller Poesie und absurder Einfälle, brachte aber die Thematik der Geschlechterrollen und damit die Intention des Episodenfilms auf den Punkt. Ob alt oder jung, rückwärtsgewandt oder fortschrittlich, in den Köpfen der Männer hatte sich nichts geändert. Parallel zu den gesellschaftspolitischen Ereignissen der späten 60er Jahre steht „Le streghe“ am Wendepunkt einer Entwicklung in Richtung einer stärkeren politischen Ausrichtung, wie sie auch in den wenigen späten Episodenfilmen festzustellen ist ("Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)). Für die erotische Komödie bedeutete das kein Ende. Im Gegenteil startete diese dank der zunehmenden Liberalisierung erst richtig durch, verlor aber zunehmend ihre gesellschaftskritische Relevanz zugunsten einer allein auf die sexuelle Komponente beschränkte Sichtweise.

"Le streghe" Italien, Frankreich 1967, Regie: Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini, Vittorio De Sica, Franco Rossi, Mauro Bolognini, Drehbuch: Cesare Zavattini, Luigi Magni, Agenor Incrocci, Furio Scarpelli, Pier Paolo Pasolini, Mauro Bolognini, Fabio Carpi, Franco Rossi, Darsteller : Silvana Mangano, Alberto Sordi, Clint Eastwood, Totò, Ninetto Davoli, Annie Girardot, Francisco Rabal, Massimo Girotti, Clara Calamai, Veronique Vendell, Marilù Tolo, Helmut Berger, Laura Betti, Laufzeit : 102 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luchino Visconti:
"Rocco e i suoi fratelli" (1960)
"Boccaccio '70" (1962)
"Il gattopardo" (1963)
"Vaghe stelle dell'orsa" (1965)
"Lo straniero" (1967)
"La caduta degli dei" (1969)
"Morte a Venezia" (1971) 
"L'innocente" (1976) 

weitere im Blog besprochene Filme von Mauro Bolognini :

"Le bambole" (1965)
"Le fate" (1966)
"Imputazione di omicidio per uno studente" (1972)

weitere im Blog besprochene Filme von Pier Paolo Pasolini :

"Accattone" (1961)
"Amore e rabbia" (1969)
"Salò e le 120 giornate di Sodoma" (1975)

weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi :

"Tre notti d'amore" (1964)
"Le bambole" (1965)

weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:

"Ladri di biciclette" (1948)
"Miracolo a Milano" (1951)
"Umberto D." (1952)
"Stazione Termini" (1953)
"L'oro di Napoli" (1954)
"Il tetto" (1956)
"La ciociara" (1960)
"Boccaccio '70" (1962)
"I sequestrati di Altona" (1962)
"Ieri, oggi, domani" (1963)


Sonntag, 26. Juni 2016

La cintura di castità (Der Keuschheitsgürtel) 1967 Pasquale Festa Campanile

Boccadoro (Monica Vitti) will alles für ihn tun...
Inhalt: Dank seiner Verdienste im Kampf gegen die Ungläubigen wird Guerrando da Montone (Tony Curtis) zum Ritter geschlagen und erhält so viel Land, wie er mit seinem Pferd bis zum Sonnenuntergang durchreiten kann. Das stellt sich für den erschöpften Ritter schwerer dar als gedacht. Ausgerechnet als er an der primitiven Hütte des Wildhüters ankommt, in der Boccadoro (Monica Vitti) bei ihrem Vater lebt, fällt er vom Pferd und schläft ein. Da ihr der stattliche Mann gefällt, versetzt sie sein Schwert um ein paar Meter und erklärt sich zu dessen Besitz.

...doch Ritter Guerrando (Tony Curtis) zeigt sich erst wenig begeistert...
Doch Guerrando, ganz begeistert von seiner frisch erworbenen Macht, die ihm das Recht der ersten Nacht bei den Frauen seiner Untertanen einräumt, ist die unter seinem Stand befindliche Boccadoro lästig, obwohl sie ihm gefällt. Als er sich endlich bereit erklärt, sie trotzdem in sein Bett zu nehmen, verweigert sie sich zu seiner Überraschung. Jetzt will sie nicht mehr. Einen solchen Widerstand nicht gewohnt, ersinnt er einen Plan. Er will sie heiraten und nach der Hochzeitsnacht hinrichten lassen – nur dumm, dass sie seinen Antrag nicht annimmt. Erst als er droht, ihren Vater köpfen zu lassen, willigt sie ein. Doch am Ziel ist er noch lange nicht…


Wild trieben es unsere Vorfahren

...viel mehr interessiert ihn das "Jus primae noctis"
Der titelgebende "La cintura di castità" (Keuschheitsgürtel) ist im Bild nie zu sehen. Mal klappert es etwas blechern unter Boccadoros (Monica Vitti) Kleid, aber in ihrem Bewegungsdrang wird sie nicht behindert. Pragmatische Aspekte wie die mangelnde Hygiene spielten in Pasquale Festa Campaniles Film ebenso wenig eine Rolle, wie die Tatsache, dass Keuschheitsgürtel im Mittelalter aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existierten. Wichtig ist allein der Schlüssel - der Schlüssel zum Verhältnis der Geschlechter.

Knappe Marculfo (Nino Castelnuovo) bleiben dagegen nur die Reste
Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet war es Pech für die Filmemacher. Pech, dass der Prozess der soziokulturellen Veränderungen Ende der 60er Jahre so an Dynamik gewann, dass "La cintura di castità" schnell an Aktualität verlor. Die Emanzipation schritt voran, die Freizügigkeit nahm zu und die Idee, die Handlung zeitlich weit zurückzusetzen, um Freiräume für Frivolitäten zu schaffen, fand viele Nachahmer und wurde zur weiteren Initialzündung in Richtung moderne „Commedia sexy“ der 70er Jahre. Bald schon feierte Guido Malateste „Le calde notte die Poppaea“ (Die heißen Nächte der Poppea, 1969) oder schickte Bruno Corbucci die barbusige Isabella ins Degen-Gefecht („Isabella, duchessa dei diavoli“ (Isabella - Mit blanker Brust und spitzem Degen, 1969)). Festa Campanile selbst versetzte die Handlung seines „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) noch weiter in die Vergangenheit und spätestens als in Folge von Pier Paolo Pasolinis „Il Decameron“ (1971) die Decamerotichi wie Pilze aus dem Boden schossen, erlebte der Rückblick in das Sexleben unserer Vorfahren seinen Höhepunkt – der 1973 wieder rasch abflaute.

Um Boccadoro doch zu gewinnen...
Dank der Vielfalt im italienischen Kino entwickelte sich der erotische Seitenarm der „Commedia all’italiana“ zwar nicht homogen, setzte aber eindeutige Schwerpunkte. Lag das Gewicht Mitte der 60er Jahre noch auf dem Episodenfilm – auch viele der unter einer Regie entstandenen Filme wie „Come imparai ad amare le donne“ (Das gewisse Etwas der Frauen, 1966) besaßen eine episodische Inszenierungs-Form – hatte der Blick in eine weit zurückliegende Vergangenheit in den späten 60er/frühen 70er Jahren Konjunktur. Die Gründe dafür geben ein Spiegelbild der damaligen gesellschaftlichen Entwicklung. Die Kritik an der offensiven sexuellen Thematik der Episodenfilme konnte sich dank der großen Anzahl an Mitwirkenden vor und hinter der Kamera auf viele Schultern verteilen. Zudem besaß die Kurzfilmform den Vorteil, verschiedene Sichtweisen zuzulassen und die davon ausgehenden Provokationen unterschiedlich zu gewichten.

...greift Guerrando zu wenig subtilen Methoden
Verglichen damit waren die Ausflüge ins Mittelalter oder in die Zeit des römischen Imperiums modern, denn sie kümmerten sich nicht mehr um Ausgewogenheit oder Differenzierung. Trotzdem war die Verlegung der Handlung in eine wenig authentisch gestaltete, selten zeitlich konkretisierte Vergangenheit eine Konzession an die weiterhin vorhandenen Widerstände gegenüber dem Erotikfilm. Die knappe Kleidung, der häufig grobschlächtige, direkte Umgang der Geschlechter untereinander und die regelmäßigen Seitenhiebe gegen Religion und Kirche wären in einem realen gegenwartsbezogenen Umfeld nur schwer durchzusetzen gewesen. Ganz abgesehen davon, dass der Komödienton vulgärer und überdrehter wurde, als ob so die Nähe zu jeder Ernsthaftigkeit vermieden werden sollte.

Doch ihm stehen auch die Kirche...
"La cintura di castità" stand am Anfang dieser Komödien-Spezies, verfügte aber schon über alle wesentlichen Charakteristika. Als Vorbild könnte Monicellis „L’armata Brancaleone“ (Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone, 1966)) gedient haben, hinter dessen Absurdität aber immer auch das Drama spürbar blieb. Die Szene, in der Ritter Guerrando da Montone (Tony Curtis) einen zum Tode Verurteilten erst herzt und umarmt, weil dieser ihm einmal das Leben gerettet hatte, um dann doch dessen Strafe vollziehen zu lassen, ist bei Campanile ein makabrer Scherz. Die damit verbundene Tragik blieb, anders als in Monicellis Werk, außen vor. Von der Ritter-Thematik abgesehen ist "La cintura di castità" näher an Campaniles im Jahr zuvor erschienenen Beziehungskomödien „Adulterio all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch) und „Il marito è mio e l'ammazzo quando mi pare“, deren Paar-Streitigkeiten unter dem Gesichtspunkt der aufkommenden Emanzipation er hier konsequent fortführte.

...der Kreuzzug...
Dass Campanile nach Catherine Spaak diesmal Monica Vitti für die weibliche Hauptrolle verpflichtete, stellte einen unmittelbaren Zusammenhang zum langsam ausklingenden Episodenfilm her, an dem beide Schauspielerinnen intensiv mitwirkten. Wie Spaak wurde die frühere Antonioni-Muse Vitti („Il deserto rosso“ (Die rote Wüste, 1964)) zu einer der profiliertesten Vertreterinnen des aufkommenden Feminismus im 60er und 70er Jahre Film. Damaligen Kinogängern dürfte bewusst gewesen sein, dass sie nicht als Nackedei auf der Kinoleinwand zu sehen sein würde – in dieser Hinsicht ist "La cintura di castità" insgesamt noch sehr zurückhaltend – aber auch ihr bäuerliches Auftreten zu Beginn, als sie sich dem Ritter an den Hals wirft, konnte Niemanden täuschen. Wie in Monicellis im Jahr darauf erschienenen „La ragazza con la pistola“ (Mit Pistolen fängt man keine Männer, 1968) wandelt sie sich schnell vom Naivchen zur selbstbewussten Frau und bringt die Männer, allen voran natürlich Ritter Guerrando, um den unflexiblen Verstand.

...und Scheich Ibn-El-Rascid (Hugh Griffith) im Weg
Außergewöhnlich ist die Besetzung ihres männlichen Widerparts mit dem Hollywood-Star Tony Curtis. Curtis‘ Stern befand sich zwar in leichtem Sinkflug bevor er in den 70er Jahren zunehmend für das Fernsehen zu drehen begann, aber zum italienischen Kino hatte er nur wenig Kontakt. Möglicherweise kam dieser durch das Zusammenspiel mit Claudia Cardinale in „Don’t make waves“ (Die nackten Tatsachen, 1967) zustande, in dem Curtis unter der Regie von Alexander Mackendrick aufgetreten war. Mackendrick reagierte mit seiner in Süd-Kalifornien spielenden Komödie ebenfalls auf die sich verändernden Geschlechterrollen, blieb aber wesentlich zurückhaltender als Campanile, der seinen Hang zu brachialer Direktheit in "La cintura di castità" weiter auslebte.

Entsprechend war das von den Autoren Ugo Liberatore und Luigi Magni verfasste Drehbuch an leisen Zwischentönen oder dezenten Anspielungen wenig interessiert, womit es eine spezifische Eigenschaft der italienischen Komödie, beginnend beim Komödianten Totò über das Duo Franco Franchi/Ciccio Ingrassia in Richtung „Commedia sexy“ fortführte. Eine Stärke der „Commedia all’italiana“, auch wenn Tony Curtis‘ Macho-Gehabe im Ritter-Gewand, Monica Vittis Forderung nach sexueller Selbstbestimmung oder die von der Kirche propagierte Überlegenheit des Mannes aus heutiger Sicht so altbekannt wie stilistisch grob wirken. Das täuscht darüber hinweg, wie gewagt diese unmissverständliche Ausdrucksweise 1967 noch war – und noch den Rückgriff in die Vergangenheit bedurfte.

"La cintura di castità" Italien 1967, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Ugo Liberatore, Luigi Magni, Larry GelbartDarsteller : Monica Vitti, Tony Curtis, Nino Castelnuovo, Hugh Griffith, John Richardson, Franco Sportelli, Leopoldo Trieste, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Festa Campanile:

Montag, 13. Juni 2016

Casanova '70 1965 Mario Monicelli

Leichte Verfügbarkeit macht Andrea (Marcello Mastroianni) schläfrig...
Inhalt: Nicht nur das der NATO-Offizier Andrea Rossi-Colombotti (Marcello Mastroianni) selbst in einer Strip-Bar einschläft, bei seinen diversen Geliebten stößt er mit seiner ständigen Gefahrensuche zunehmend auf Unverständnis. Er kann nicht zugeben, dass er das Risiko braucht, um noch als Liebhaber zu funktionieren, seitdem es ihm die Frauen zu leicht machen. Gewohnt, den Widerstand einer Frau brechen zu müssen, führt ihn deren selbstbestimmte Bereitwilligkeit direkt in die Impotenz.

...und zum Fall für seinen Psychotherapeuten (Enrico Maria Salerno)
Und zum Psychotherapeuten (Enrico Maria Salerno), dessen Hass auf Frauen ihn auch nicht weiter bringt. Hoffnungsvoll lernt er Gigliola (Virna Lisi) kennen, Tochter aus gutem Hause, mit der er eine Ehe eingehen will, um seinen Dämonen zu entkommen. Ein Trugschluss wie sich bald herausstellt, denn nach wie vor fehlt ihm der Reiz des Widerstands. Da ist Thelma (Marisa Mell) ein ganz anderes Kaliber – eine erotische Versuchung, die streng von ihrem Ehemann (Marco Ferreri) überwacht wird.


"Die Frauen sind heute viel zu bereitwillig, viel zu leicht zu haben"

Der Angeklagte beteuert seine Unschuld
An seiner neidvollen Reaktion wird deutlich, dass der Staatsanwalt diese Erfahrung gerne geteilt hätte, aber ganz so einfach wie es der des Mordes angeklagte Berufs-Offizier Andrea Rossi-Colombotti (Marcello Mastroianni) schildert, ist es nun doch nicht. Gewisse optische Vorzüge sollte man als Mann schon mitbringen. Trotzdem kulminiert in dieser Aussage der gesamte Film - für den Protagonisten ist es die Ursache seiner Impotenz, für seinen Psychiater (Enrico Maria Salerno) der Bodensatz allen Übels und für die damaligen Kritiker der Grund, Mario Monicellis Film Oberflächlichkeit zu unterstellen. Anders als es die sexuellen Abenteuer des modernen Casanova vermittelten, begannen die Moralvorstellungen Mitte der 60er Jahre erst langsam zu bröckeln, besaß eine sexuell offensive Frau nach wie vor einen miserablen Ruf. Die Ironie des Films zeigt sich in der Parallelität bürgerlicher Scheinmoral: in ihrer Abscheu gegenüber der sich verändernden Frauenrolle waren sich Filmkritiker, ein konservatives Publikum und – selbstverständlich aus anderen Beweggründen - der Schwerenöter Andrea einig.

Gefahrenpotentiale: die sizilianische Familie,...
Dieser provokative Subtext war das Wesen der „Comedia all’italiana“, zu dessen führenden Vertretern Monicelli seit seinem gemeinsamen Beginn mit Regie-Partner Steno („Guardie e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951)) zählte. Direkt komisch ist der Film nur selten, sieht man von seiner generellen Absurdität ab. Beispielhaft ist dafür eine zentrale Szene, als Andrea Zeuge eines Familienzwists in einer sizilianischen Osteria wird. Der Bräutigam einer Schönen (Jolanda Modio) weigert sich, diese zu heiraten, weil sie keine Jungfrau mehr wäre, wird aber mit Händen und Füßen von ihren zahlreichen Brüdern an der Flucht gehindert. Für Andrea, der nur unter Lebensgefahr zum Sex in der Lage ist, eine Idealsituation. Er gibt sich als Arzt aus, der die Wahrheit feststellen will, und schläft mit ihr, während die aufgeputschten Brüder vor der Tür auf das Ergebnis warten. Leider kommt ihm ein echter Arzt in die Quere und er wird von den Brüdern gnadenlos gejagt, bis er mit seinem Auto von einer hohen Klippe stürzt. So überdreht diese Situation auf den heutigen Betrachter wirken mag – unrealistisch ist daran nur, dass Andrea sie mit ein paar Schrammen überlebt.

..., sein General mit Ehefrau (Margaret Lee),...
Trotz dieser Konzession an eine Komödie blieb in „Casanova ‘70“ immer die persönliche Tragik des Frauenhelden spürbar. Mastroianni gab ihn im Stil eines konservativen Bonvivants, der irritiert auf die sich verändernde Sozialisation und damit das Verhalten der Frauen reagiert. Seine lebensgefährlichen Trips sind kein Ausdruck wachsenden Irrsinns, sondern der verzweifelte Versuch, an seinen bisherigen Erfahrungen festzuhalten. Für einen klassischen Liebhaber wie ihn war es die größte Herausforderung, den Widerstand einer geliebten Frau zu brechen. Um noch Lust empfinden zu können, sucht er äußerliche Gefahren bei der Beziehungsanbahnung

...,der eifersüchtige Ehemann (Marco Ferreri)...
Eine selbstzerstörerische Konsequenz, die ihm trotzdem Sympathien einbringt, denn sie wendet sich nicht gegen die Frauen, wie bei seinen Geschlechtsgenossen sonst üblich. Deren Schwierigkeiten mit der Emanzipation lassen sich in Enrico Maria Salernos Verkörperung eines misogynen Psychotherapeuten und in der Figur des eifersüchtigen Ehemanns der schillernden Marisa Mell nicht übersehen. Dass Regisseur Marco Ferreri diesen in einem seiner seltenen Leinwandauftritte mit diabolischem Gestus gab, war mehr als ein Fingerzeig, denn Ferreri („La grande bouffe“ (Das große Fressen, 1973)) blieb bis zu seinem Tod in den 90er Jahren ein so kritischer, wie vehementer Begleiter der soziokulturellen Entwicklung nach dem Krieg. Schon 1953 beteiligte er sich am Drehbuch von „L’amore in città“ und wurde als junger Regisseur in den frühen 60er Jahren zu einem glühenden Vertreter des Episodenfilms („Controsesso“, 1964).

...der Angebeteten (Marisa Mell)
Das galt auch für Mario Monicelli. Die Nähe zum Episodenfilm ist „Casanova ‘70“ entsprechend in mehrfacher Hinsicht anzumerken: die episodenhafte Struktur der Story, die nur durch wenige erzählerische Klammern (die Sitzung beim Psychotherapeuten, die abschließende Gerichtsszene) aufgehoben wird, der provokative Umgang mit der bürgerlichen Moral, der zum Markenzeichen des Episodenfilms wurde, und nicht zuletzt die breite Mitwirkung künstlerischer Wegbegleiter. Neben den Leib-Autoren Agenor Incrocci und Furio Scarpelli waren noch die Antonioni- („Il deserto rosso“ (Die rote Wüste, 1964)) und Visonti-Vertrauten („Vaghe stelle dell'orsa...“ (Sandra, 1965)) Tonino Guerra und Suso Checchi D’Amico mit am Drehbuch beteiligt. Gemeinsam mit Checchi D’Amico hatte Monicelli auch seine Episode zu „Bocacccio ‘70“ entworfen, auf den er mit seinem Filmtitel unmissverständlich anspielte. Beide Filme verstanden sich als Blick in die Zukunft gesellschaftlicher Veränderungen.

Andrea mit seiner Verlobten (Virna Lisi)
Dass dabei auch die Frauen nicht ungeschoren davon kamen, war zu erwarten. Besonders Marisa Mell als Ehegattin des so reichen, wie eifersüchtigen Conte (Marco Ferreri) nutzt den risikoreichen Hang ihres Möchtegern-Liebhabers für ihre Zwecke. Berechnend setzt sie ihre erotische Wirkung ein, um Andrea immer im letzten Moment mit Verweis auf ihren brutalen Ehemann zurückzuweisen. Prinzipiell eine „Win-win“-Situation: sie will ihren Ehemann loswerden und er kann sich über zu wenig Gefahr nicht beklagen. Den entgegengesetzten Part übernahm Virna Lisi als Tochter aus gutem Hause. Gigliola (Virna Lisi) entspricht noch ganz dem Anforderungsprofil an eine integre kommende Ehefrau, für die Sex vor der Ehe nicht in Frage kommt. Angesichts der schönen Virna Lisi normalerweise eine Geduldsprobe für jeden angehenden Ehemann. Nicht so bei Andrea. Sein Versuch, sein Seelenheil in einer konventionellen Beziehung zu finden, erweist sich als Irrtum, weshalb er froh über ihre Enthaltsamkeit ist. Als Gigliola aber zu seiner Überraschung bereit ist, vor der Ehe eine Nacht mit ihm zu verbringen, beendet er die Verlobung – offiziell aus moralischen Gründen.

„Casanova 70“ verfügt über eine Vielzahl an schönen Darstellerinnen, die Monicelli erotisch inszenierte, auch wenn die einzigen konkreten Nacktaufnahmen gleich zu Beginn in einem Pariser Striptease-Club stattfinden (und den Protagonisten Andrea storygemäß zum Einschlafen bringen). Der „Katholische Filmdienst“ bezeichnete Monicellis Film trotzdem als „Sexualposse“. Ein Fehlurteil, geschuldet der damals grundsätzlich Empörung hervorrufenden Sexual-Thematik, denn die optischen Reize des Films stehen ganz im Dienst eines satirischen Blicks auf die sich wandelnden Geschlechterrollen – die „70“ im Filmtitel ließe sich bequem bis in die Gegenwart verschieben. 

"Casanova '70" Italien 1965, Regie: Mario Monicelli, Drehbuch: Mario Monicelli, Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Tonino Guerra, Suso Cecchi D'Amico, Darsteller : Marcello Mastroianni, Virna Lisi, Marisa Mell, Michelle Mèrcier, Margaret Lee, Rosemarie Dexter, Enrico Maria Salerno, Marco Ferreri, Laufzeit : 115 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Mario Monicelli:

Sonntag, 29. Mai 2016

Le bambole (Die Puppen) 1965 Luigi Comencini, Franco Rossi, Dino Risi, Mauro Bolognini

Nino Manfredi und Virna Lisi
Inhalt: „La telefonata“ – (Regie Dino Risi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Nicht nur die Hitze macht dem jungen Ehemann (Nino Manfredi) zu schaffen, auch seine spärlich bekleidete Frau (Virna Lisi) lässt seine Gefühle hochkochen. Doch deren Interesse gilt nur den letzten Seiten ihres Romans – eine Phase, die ihr Mann mit Geduld zu überbrücken versucht. Endlich legt seine Frau das Buch zur Seite, als das Telefon klingelt. Seine Schwiegermutter ruft an…

Piero Foccaccio und Elke Sommer
„Il trattato di Eugenetica“ – (Regie Luigi Comecini, Drehbuch Luciano Salce, Steno): Valerio (Piero Foccaccio) soll eine junge Deutsche abholen, um sie durch Rom zu chauffieren. Zu seiner Überraschung tauscht Ulla (Elke Sommer) sofort die Rollen, denn fahren will sie selbst. Valerio soll ihr stattdessen Orte zeigen, an denen sich Männer versammeln. Dort will sie nach dem idealen Erzeuger für ihr Kind suchen – streng nach wissenschaftlichen Kriterien selbstverständlich.

John Karlsen und Monica Vitti
„La minestra“ – (Regie Franco Rossi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Wie jeden Abend sitzen Giovanna (Monica Vitti) und ihr älterer Ehemann (John Karlsen) wortlos am Tisch in ihrer einfachen Hütte, während er die von ihr gekochte Minestrone schlürft. Von außen klingt ein Lied an ihr Ohr, das von Freiheit und Aufbruch spricht und ihre Emotionen voll trifft. Sie spricht einen alten Kraftfahrer an und will ihn dafür bezahlen, ihren Mann zu überfahren…

Gina Lollobrigida und Jean Sorel
„Monsignor cupido“ – (Regie Mauro Bolognini, Drehbuch Leo Benvenuti, Piero De Bernardi): Vincenzo (Jean Sorel) begleitet als Assistent seinen Onkel, Monsignor Arendi (Akim Tamiroff), nach Rom zu einem Konzil im Vatikan. Für den jungen Mann der erste Besuch in einer Großstadt. Auch im Umgang mit Frauen ist er vollkommen unerfahren, wie Beatrice (Gina Lollobrigida) feststellen muss, deren Verführungsversuche nicht fruchten. Erst als sie gegenüber dem Priester behauptet, sein Neffe würde sie belästigen, dreht sich das Blatt…


Über die in Vergessenheit geratene Bedeutung des italienischen Episodenfilms oder die Vergänglichkeit nah am Zeitgeist orientierter Stoffe war in meinen Texten schon häufig die Rede. Aber kaum ein Film repräsentiert diese Konsequenzen mehr als "Le bambole" (Die Puppen), der Anfang 1965 in die Kinos kam, als sich der Episodenfilm auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand und die sexuelle Liberalisierung langsam Fahrt aufnahm. 

Sieht man von dem frühen "Boccaccio '70" (1962) ab, versammelte sich selten eine illustrere Gesellschaft auf dem Regie-Stuhl, hinter dem Drehbuch und vor der Kamera. Doch die Prominenz half nicht vor der italienischen Zensur, die "Le bambole" vier Monate lang wegen "Obszönität" sperrte, woran die Tragweite der damaligen Provokation deutlich wird. Trotzdem ist "Le bambole" - auch im Vergleich zu seinen Genre-Verwandten - dem Film-Gedächtnis nahezu entschwunden.

Ein Star-Ensemble lässt die Puppen tanzen

Stand der Episodenfilm für viele Regisseure am Beginn ihrer Karriere, kamen in "Le bambole" ausschließlich erfahrene und preisgekrönte Künstler zusammen. Für Dino Risi war es die erste Beteiligung seit „L’amore in città“ (1953), nachdem er in den Jahren zuvor schon unter alleiniger Regie der Kurzfilmform gefrönt hatte („I mostri“ (Die Monster, 1963)). Luigi Comencini („Tre notti d’amore“ (Drei Liebesnächte, 1964)), Mauro Bolognini („La mia signora“ (1964)) und besonders Franco Rossi („Controsesso“ (1964)) hatten schon diverse Genre-Beiträge abgeliefert (siehe den Essay „L’amore in città und die Folgen“) und blieben dem Episodenfilm bis in die 70er Jahre treu, kamen aber nicht mehr in dieser geballten Form zusammen.

Wie seine Regie-Kollegen gehörte auch Drehbuchautor Rodolfo Sonego seit den 50er Jahren („Achtung! Banditi!“ 1951, Regie Carlo Lizzani) zu den führenden Filmschaffenden in Italien. Über ihn, der zwei der vier Episoden verantwortete, lässt sich die Entwicklung des Erotikfilms von Alberto Lattuadas stilbildendem „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954) über die vielfache Beteiligung am Episodenfilm der 60er Jahre (“Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)) bis zur „Commedia sexy“ in die 70er Jahre verfolgen („Di che segno sei? (1975) Regie Sergio Corbucci.). Nicht weniger einflussreich waren die hier nur als Autoren aktiven Regisseure Luciano Salce und Steno, die die Idee zur zweiten von Comencini gedrehten Episode beisteuerten. Auch das Autoren Duo Leo Benvenuti und Piero De Bernardi war über Jahrzehnte nicht aus der „Commedia all’italiana“ wegzudenken („Fantozzi“(1975)) - für die vierte, von Bolognini umgesetzte Episode, nahmen sie sich eine Boccaccio-Novelle aus dem Dekameron zum Vorbild.

Besitzt die Aufzählung der hinter der Kamera Verantwortlichen immer einen theoretischen Charakter, verliert sich dieser Eindruck bei der Nennung der Darstellerinnen sofort. Virna Lisi, Monica Vitti und Gina Lollobrigida gehören zu den ganz großen Stars des italienischen Kinos - und die deutsche Schauspielerin Elke Sommer befand sich damals in der Hochphase ihrer internationalen Karriere. Ihre männlichen Co-Stars Nino Manfredi, Jean Sorel und Maurizio Arena können hinsichtlich des Glamour-Faktors nicht ganz mithalten, aber auch ihre Namen haben bis heute einen guten Klang. Umso mehr stellt sich die Frage, wieso „Le bambole“ vollständig in der Versenkung verschwand und über keinerlei Reputation verfügt? - Die Antwort fällt leicht. Die Stories sind bis auf „Monsignor cupido“ nach Boccaccio schwach und klischeehaft.


Die Männer schlagen zurück

Der Ehemann tröstet sich mit der Nachbarin (Alicia Brandet)
In der ersten Episode „La telefonata“ fühlt sich der junge Ehemann (Nino Manfredi) von seiner schönen, mit ihrer Mutter dauertelefonierenden Ehefrau (Virna Lisi) zurückgesetzt. Gerade hatte er sich auf das Liebesspiel mit ihr gefreut – sie hatte ihn hingehalten bis sie ihren Roman ausgelesen hatte – wird seine Geduld schon wieder auf die Probe gestellt. Die Kamera umschmeichelt Virna Lisis Körper so ausführlich, dass die Begehrlichkeiten des Ehemanns verständlich werden, was ihn aber nicht davon abhält, zu der jungen Nachbarin (Alicia Brandet) auf die andere Straßenseite zu wechseln. Während die Ehefrau noch gegenüber ihrer Mutter von ihrem braven Ehemann schwärmt, der an der üppig gebauten nymphomanen Frau von Gegenüber keinen Gefallen findet, wurde er von dieser schon mit offenen Armen empfangen.

Ulla endet als Hausfrau
Ähnlich daneben liegt Ulla (Elke Sommer), eine junge Deutsche, die in Italien nach dem idealen „Latin Lover“ als Samenspender für ihr Kind sucht. Beziehung, gar Ehe kommen für sie nicht in Frage, da sie nur Abhängigkeit bedeuten. In „Il trattato di Eugenetica“ lässt sie sich vom wenig attraktiven Chauffeur Valerio (Piero Foccaccio) Rom zeigen, wo sie die Männer nach strengen Kriterien vermisst und begutachtet. Da die Blondine sehr hübsch ist, lassen sie es sich gerne gefallen, aber Keiner von ihnen entspricht ihren umfangreichen Anforderungen. Schon gar nicht Valerio, der in Liebe zu Ulla entflammt ist und es nicht mitansehen kann, wie sie einen Mann ausschließlich für die Kindszeugung sucht. Als er sich weigert, weiter für sie zu arbeiten, begegnet Ulla Massimo (Maurizio Arena), der die Kriterien erfüllt. Nur kommt der Macho mit seiner Rolle als „Zuchthengst“ nicht zurecht, weshalb sie ihn mit Pillen vor dem Sex still stellen will. Erwartungsgemäß scheitert sie an der praktischen Umsetzung ihrer Theorie und landet schließlich als Hausfrau und vielfache Mutter in einem einfachen Wohnblock, wo sie schon die Nudeln für ihren von der Arbeit heimkehrenden Ehemann Valerio bereitet hat.

Der schlürfende Ehemann bleibt
In der dritten Episode „La minstra“ trieben die Macher ihr böses Spiel mit den Frauen weiter auf die Spitze. Schon optisch ist die Grundkonstellation eine Provokation. Monica Vitti als schöne Ehefrau sitzt in einer einfachen Behausung einem deutlich älteren, hageren Ehemann (John Karlsen) gegenüber, der die von ihr gekochte Minestrone missmutig in sich hinein schlürft. Wer will es ihr da verdenken, dass sie ihn umbringen lassen will? – Leider nur mit mäßigem Erfolg. Die Männer, die sie dafür anheuert, nehmen ihr erst ihr Geld, dann ihren Körper. Immer mit demselben Ergebnis – ihr Ehemann kommt nach Hause und schlürft seine Suppe. Begleitet wird die Szenerie von einem Gitarristen, dessen Gesang von Freiheit und Aufbruch in den Kopf der jungen Frau dringt. Spätestens hier wird deutlich, dass Sonego und seine Kollegen die Vorurteile gegenüber einer sich verändernden Sozialisation, besonders gegenüber der Emanzipation, mit überzeichneten weiblichen Figuren veralberten: - die ihren Ehemann vernachlässigende Hausfrau, die allzeitbereite Nachbarin, die intellektuelle Technokratin und die von Rock-Musik beeinflusste Träumerin.

Monsignore (Akim Tamiroff) achtet auf seinen Neffen
Wer die Werke der beteiligten Herren hinter der Kamera, mehr noch die Filme der Darstellerinnen um Monica Vitti und Gina Lollobrigida kannte, wusste die Ironie hinter den geballten Klischees einzuschätzen – dem damaligen Publikum war das zuzutrauen. Dazu gehört auch, „Le bambole“ in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht - wie inzwischen üblich - die Episoden als unabhängige Kurzfilme zu bewerten. Erst die innere Dynamik, die direkt auf die letzte Episode zuläuft, wird dem Film gerecht. Auch „Monsignor cupido“ entwickelt sich zuerst gegen die weiblichen Absichten. Beatrice (Gina Lollobrigida), die mit ihrem Ehemann gemeinsam ein Hotel leitet, wird auf einen hübschen jungen Mann (Jean Sorel) aufmerksam, der seinen Onkel (Akim Tamiroff), einen Priester, zu einem Treffen im Vatikan nach Rom begleitet. Beatrice wendet alle ihre Verführungskünste bei ihm an – ohne Wirkung, denn scheinbar gilt dessen Interesse nur der katholischen Kirche. Erst als Beatrice dem Priester vorlügt, sein Neffe würde ihr nachstellen, wendet sich das Blatt. Dessen Wut über die angebliche Unmoral seines Schützlings führt den jungen Mann direkt in die Arme der Schönen - eine logische Konsequenz ganz im Sinn von Boccaccio.

Die Schwäche von „Le bambole“, seine Klischeehaftigkeit und vorhersehbare Konsequenz zugunsten der Männer, ist gleichzeitig seine Stärke. Deutlich wird daran, wie sehr der Episodenfilm in mehr als 80 Kurzfilmen der Jahre 1962 bis 1966 versuchte, die zunehmende gesellschaftliche Liberalisierung von allen Seiten zu betrachten (nimmt man die nur unter einem Regisseur entstandenen Episodenfilme hinzu, vergrößert sich diese Zahl noch erheblich). „Le bambole“ war Teil eines Diskurses, der die gesellschaftliche Doppelmoral und die Macho-Allüren der Männer genauso mit Humor anprangerte, wie er sich über die neuen Frauen-Rollen lustig machte. Die Macher wechselten ständig den Blickwinkel und gaben sich nicht ohne Selbstironie dem Voyeurismus hin, immer verbunden mit ihrer Sympathie für die gesellschaftlichen Veränderungen und ihrer Lust an der Provokation. Die negativen Reaktionen auf "Le bambole" konnten sie nicht überraschen, denn die Quintessenz lässt sich schon an den Anfangscredits ablesen – wir alle sind Marionetten.

"Le bambole" Italien, Frankreich 1965, Regie: Luigi Comencini, Dino Risi, Franco Rossi, Mauro Bolognini, Drehbuch: Rodolfo Sonego, Luciano Salce, Steno, Leo Benvenuti, Piero De Benardi, Darsteller : Monica Vitti, Gina Lollobrigida, Virna Lisi, Elke Sommer, Nino Manfredi, Jean Sorel, Alicia Brandet, Piero Focaccia, Maurizio Arena, Akim Tamiroff, Laufzeit : 105 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

"Pane, amore e fantasia" (1953)

- weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi :
"Il sorpasso" (1962)
"I mostri" (1963)
"I nuovi mostri" (1977)

- weitere im Blog besprochene Filme von Mauro Bolognini :

- weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi :

"Tre notti d'amore" (1964) 
"Le streghe" (1967)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.