Vittorio De Sica und Cesare Zavattini können auch anders:

Vittorio De Sica und Cesare Zavattini können auch anders:
Alberto Sordi in einer bitter-bösen "Commedia all'italiana"

Freitag, 6. Januar 2017

Il boom (1963) Vittorio De Sica


Giovanni Alberti (Alberto Sordi) mit Ehefrau Silvia (Gianna Maria Canale)
Inhalt: Zwar hält Giovanni Alberti (Alberto Sordi) ein dickes Geldbündel in der Hand – es sind die Ersparnisse seiner Mutter -  aber er weiß, dass es nicht reichen wird, um die Schulden zu begleichen, die er auf Grund seines verschwenderischen Lebensstils angehäuft hat. Nachdem er vergeblich seinen Gläubiger um einen Aufschub gebeten hatte, versucht er während seiner üblichen Tagesaktivitäten – Tennis, Besuch der Pferderennbahn, Restaurant – seine Freunde und Geschäftspartner um einen Kredit zu bitten. Doch diese halten sein Anliegen entweder für einen Witz oder reagieren abweisend. Sein Compagnon schläft ein, während Alberti ihm von ihrer langjährigen Zusammenarbeit vorschwärmt. 

Alberti hofft auf eine Chance bei Bausetti (Ettore Geri)
Einzig die zufällige Begegnung mit dem älteren, sehr angesehenen Ehepaar Bausetti verspricht noch eine Chance, weshalb Alberti am nächsten Vormittag im Büro des vielbeschäftigten Bauunternehmers vorspricht. Doch Bausetti lehnt Albertis spekulative Investitions-Pläne ab und will ihn rausschmeißen. Nur dessen Frau (Elena Nicolai) ergreift Position für den zunehmend verzweifelten Alberti und lädt ihn für den Nachmittag in ihren Palazzo ein. Voller Hoffnung belügt er noch seine Frau Silvia (Gianna Maria Canale), der Geldsorgen fremd sind, dass alles in Ordnung wäre, aber Signora Alberti macht ihm ein Angebot, auf das er nicht vorbereitet war…


Nach ersten Erfahrungen als Regisseur Anfang der 40er Jahre mit komödiantischen Filmen, in denen er auch die Hauptrolle übernommen hatte, begann mit "I bambini ci guardano" (1944) Vittorio De Sicas ernsthafte Auseinandersetzung mit der italienischen Gegenwart, auch gekennzeichnet durch seine erste Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Cesare Zavattini. Gemeinsam prägten sie den Neorealismus, dem sie bis 1956 mit "Il tetto" (Das Dach) treu blieben. Länger als jeder andere Vertreter dieses Stils, der seinen Höhepunkt Anfang der 50er Jahre überschritten hatte - ein Grund dafür, warum De Sicas Regie-Karriere nach "Umberto D." (1952) zunehmend ins Stocken geriet.

Erst 1960 - vier Jahre nach "Il tetto" - begann ein neuer Abschnitt, der die Phase seiner größten Popularität und Erfolge einleiten solle. Für ihre Hauptrolle in "La ciociara" (Und dennoch leben sie, 1960) erhielt Sophia Loren den Oscar für die weibliche Hauptrolle. "Ieri, oggi, domani" (Gestern, Heute und Morgen, 1963) wurde mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. De Sica stieg zum Star der "Commedia all'italiana" auf - in seiner amüsanten Form zwischen italienischem Temperament und dezent gesellschaftskritischem Gestus, dem er noch mit "Matrimonio all'italiana" (Hochzeit auf Italienisch) fröhnte, jeweils mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen. Auch die internationalen Produktionen "Caccia alla volpe" (Jagt den Fuchs, 1966) mit Peter Sellers und "Woman times seven" (Siebenmal lockt das Weib, 1967) mit Shirley MacLaine schlossen an ein Image an, in dass ein Film wie "Il boom" nicht passen wollte. Obwohl dieser mitten in De Sicas Erfolgsphase entstanden war und nahezu prototypisch für die "Commedia all'italiana" steht, blieb der Film über Italien hinaus unbekannt. Offensichtlich fehlte der Wohlfühl-Charakter. 


Das dicke Geldbündel täuscht, denn...
Das Instrumentalstück „Wheels“ des Billy Vaughn-Orchesters stand 1961 monatelang an der Spitze der deutschen Single-Charts. Der Titel und der Interpret sind heute nur noch Wenigen bekannt, aber die treibende Melodie hat fast Jeder schon einmal gehört. Regisseur Vittorio De Sica nutzte sie als rhythmischen Hintergrund eines Films, der das Lebensgefühl in Italien Anfang der 60er Jahre, nach einem Jahrzehnt des wirtschaftlichen Aufschwungs, beschreibt. Die Wirtschaft boomt, das Bruttosozialprodukt steigt, der Konsum wächst – und Jeder will ein Stück vom Kuchen abbekommen. Dass es dabei nicht ausgeglichen zugeht, daran gibt es schon in der ersten Szene keinen Zweifel. Während ein alter Mann einen knittrigen Schein in den Händen hält, zählt Giovanni Alberti (Alberto Sordi) die Lire-Scheine seines dicken Bündels. Der Unternehmer Alberti braucht das Geld für seinen luxuriösen Lebensstil. Ein Appartement in Top-Lage, ein schnelles Auto für sich, ein Fiat für seine schöne Frau Silvia (Gianna Maria Canale) und jeden Abend Party in angesagten römischen Locations mit seinen Freunden und Geschäftspartnern. Ein Leben im ständigen Vorwärtsgang – „the wheels go on“.

... nur Albertis Mamma hält noch zu ihrem Sohn
Diesem Tempo passt sich auch der Rhythmus eines Films an, der nicht lange braucht, um den Moment des Glücks zu Beginn als Illusion herauszustellen. Das Geldbündel stammt vom Sparbuch seiner alten Mutter, aber es reicht nicht annähernd, um seine hohen Schulden zu begleichen. Albertis Gläubiger gewährt ihm keinen Aufschub und seine Versuche, seine Freunde um einen Kredit zu bitten – auf dem Tennisplatz, an der Rennbahn oder im Restaurant – scheitern. Sein wichtigster Geschäftspartner schläft ein, während Alberti ihm von ihrer langen Freundschaft vorsäuselt. Einzig die Begegnung mit dem schwerreichen Baumagnaten Bausetti (Ettore Geri) verspricht eine Chance, aber dieser lehnt den Investitions-Vorschlag des jüngeren Kollegen ab. Er hätte sich seine Firma in 50 Jahren mit harter Arbeit aufgebaut, während Alberti mit windigen Spekulationen versuche, das gleiche Geld in einem Jahr zu verdienen.

Seinen gehobenen Lebensstil kann sich Alberti nicht mehr leisten...
Das langjährige Team Cesare Zavattini / Vittorio De Sica griff in „Il boom“ auf seine neorealistischen Wurzeln zurück und kombinierte sie mit einem komödiantischen Unterton. Herauskam eine „Commedia all‘italiana“ in Reinform, versehen mit einem gnadenlosen Humor, bei dem das Lachen nicht mehr im Hals stecken bleibt, sondern gar nicht erst aufkommen will. In seiner Anlage erinnert „Il boom“ an "Il tetto" (Das Dach, 1956), in dem ein junges aus armen Verhältnissen stammendes Ehepaar auf vielfältige Weise versucht, im prosperierenden Rom eine eigene Wohnung zu finden. Daran knüpfte Autor Zavattini seine Kritik an einem Wirtschaftswachstum, das einen Großteil der Bevölkerung in Armut zurückließ, um in "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) auf die Seite der Profiteure zu wechseln. Der unter der Regie von Damiano Damiani entstandene Film nahm die Thematik von „Il boom“ konkret vorweg und beschrieb die Situation eines Bauunternehmers aus der Oberschicht, dessen Firma nicht genug Geld für seinen verschwenderischen Lebensstil abwirft. Um die Pleite zu verhindern, lässt er den alten Freund seines Vaters, dem er viel Geld schuldet, umbringen. Als Mörder beauftragt er einen einfachen Arbeiter, der auf Grund seiner Arbeitslosigkeit nach einem Gefängnisaufenthalt nicht mehr in der Lage ist, seiner Familie etwas zu bieten und der deshalb fürchtet, Frau und Kind zu verlieren.

...und seine Freunde verweigern ihm die Hilfe
Die Verlockungen der Konsumgesellschaft und die Sucht nach dem schnellen, leichten Erfolg waren in ihrer Auswirkung auf alle Bevölkerungs-Schichten eine Folge des Wirtschaftswachstums nach dem Krieg. Eine Entwicklung, die auch zu einer leichteren Durchdringung der sozialen Ebenen führte. Die Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg bestand ebenso, wie die Gefahr des Verlusts an Ansehen. Der Bauunternehmer in "Il sicario" beauftragt den Killer, um seine traditionelle familiäre Stellung zu bewahren, Giovanni Alberti in „Il boom“ versucht dagegen, seine mühsam erreichte soziale Position nicht wieder zu verlieren. Seine Eltern sind Kleinbürger, die nur wenig mit seinem luxuriösen Lebensstil anfangen können, ihren Sohn aber selbstlos unterstützen. Dieser hatte mit Silvia, der Tochter eines Generals, nicht nur in die Oberschicht eingeheiratet, seine Partnerschaft mit einem angesehenen Investor ermöglichte ihm den Zugang in die besseren Kreise.

Seine Frau und ihr Vater (Federico Giordano) machen ihm schwere Vorwürfe...
Erst nach mehr als einem Drittel der Laufzeit findet der 2jährige Sohn Albertis in einem Nebensatz Erwähnung, obwohl „Il boom“ ausführlich den Tagesablauf des Protagonisten und seiner Frau beschreibt bis sie tief in der Nacht wieder nach Hause kommen. Berührung mit ihrem Kind gibt es keine. Dafür ist allein das Hausmädchen zuständig, das in einem kleinen Zimmer in der geräumigen Wohnung schläft. Doch dieses Leben zwischen Statussymbolen und teuren Freizeitvergnügungen übersteigt Albertis finanzielle Möglichkeiten bei weitem. Als seine Schulden bekannt werden, verlässt ihn nicht nur seine Frau, sondern auch seine Freunde wenden sich von ihm ab. Es bietet sich ihm nur ein Ausweg, auf den er in seiner hoffnungslosen Situation wieder zurückkommt. Er verkauft für viel Geld die Hornhaut seines linken Auges an den Magnaten Bausetti, der seit seiner Jugend auf dieser Seite nahezu blind ist. Die Spende der Hornhaut eines gesunden Menschen verspricht medizinischen Erfolg.

...weshalb Alberti auf Signora Bausettis (Elena Nicolai) Angebot zurückkommt
Wenn Jemand bereit ist, nur für den Erhalt seiner gesellschaftlichen Stellung und ein luxuriöses Leben auf ein Auge zu verzichten, warum sollte man an seinem Schicksal teilhaben? – Was sich nach einer Satire auf die Konsumgesellschaft anhört, ist in „Il boom“ von demaskierender Realität. Zu verdanken ist das vor allem dem Spiel Alberto Sordis, dessen komisches Talent zwingend notwendig ist, um die Tragik hinter seiner Figur ertragen zu können. Sein Giovanni Alberti ist weder ein skrupelloser Geschäftemacher, noch der Vertreter einer hedonistischen Spaßgesellschaft. Er liebt seine Familie und spielt den ewigen Witzbold und Unterhalter nur, um in der besseren Gesellschaft anerkannt zu werden. Wie viele andere vor und nach ihm träumte er von einem besseren Leben und ist in eine Falle geraten, aus der er nicht mehr herauskommt.

Die zentrale Szene des Films, in der Alberti einer Einladung der Ehefrau Bausettis (großartig die Operndiva Elena Nicolai in ihrer ersten Filmrolle) in deren Palazzo nachkommt, steht für die komplexe Sichtweise Zavattinis. Einen Moment lang hatte er geglaubt, die knapp 60jährige wäre seinem Charme erlegen und suche ein Abenteuer mit einem jüngeren Mann, aber Signora Bausetti ist von einem anderen Kaliber als seine sonstige Umgebung – ernsthaft, unerschütterlich und standesbewusst. Als sie ihm das Geschäft mit seinem Auge anbietet, frieren seine Gesichtszüge ein, denn er weiß, dass er verloren hat – unabhängig davon, ob er sich weigert oder zustimmt. Ihre Frage entsprang keiner Arroganz, sondern der Sorge um ihren Mann. Doch allein, dass sie ihn fragte, beweist ihm, dass er nie zu Ihresgleichen gehören wird. Die Transparenz eines gesellschaftlichen Aufstiegs und die Versprechungen des Wirtschaftswunders erweisen sich als fragile Illusion.

Zuerst lehnt Alberti das Ansinnen der Signora Bausetti ab, aber als er feststellen muss, dass ihn seine Frau verlassen hat und ganz Rom von seinen Schulden weiß, muss er handeln. Der Strudel, in den der zunehmend Verzweifelte gerät, ist ein Paradebeispiel für einen tragikomischen Parforceritt. Albertis Gefühlslage wechselt ständig zwischen Verdrängung und ungeschönter Offenheit. Doch weder kann er damit sich selbst helfen, noch versteht seine Umgebung seine Kritik. Der sympathische Durchschnittstyp Giovanni Alberti böte sich als Identifikationsfigur geradezu an, wäre sein Beispiel nicht gleichzeitig so entlarvend. Obwohl Vittorio de Sicas frivoler Beitrag zum Episodenfilm „Boccacio '70“ (1962) sehr gut ankam, und er mit seinem wenige Monate später folgenden Film „Ieri, oggi e domani“ (Gestern, heute und morgen, 1963) große Erfolge feierte und Preise bis zum Oscar einheimste – jeweils nach einem Drehbuch Cesare Zavattinis - blieb „Il boom“ die internationale Vermarktung verwehrt. Auch in Deutschland kam der Film nicht in die Kinos, gegen den De Sicas populäre Werke dieser Phase von zahnloser Harmlosigkeit sind. 

"Il boom" Italien 1963, Regie: Vittorio De Sica, Drehbuch: Cesare Zavattini, Darsteller : Alberto Sordi, Gianna Maria Canale, Ettore Geri, Elena Nicolai, Federico Giordano, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:

"Ladri di biciclette" (1948) 
"Miracolo a Milano" (1951) 
"Umberto D." (1952)
"Stazione Termini" (1953) 
"L'oro di Napoli" (1954) 
"Il tetto" (1956) 
"La ciociara" (1960) 
"I sequestrati di Altona" (1962) 
"Boccaccio '70" (1962) 
"Ieri, oggi, domani" (1963) 
"Le streghe" (1967)

Dienstag, 27. Dezember 2016

Le farò da padre... (1974) Alberto Lattuada

Die Contessa (Irene Papas) stellt Anwalt Mazzacolli (Luigi Proietti)...
Inhalt: Der umtriebige, aber finanziell klamme römische Anwalt Saverio Mazzacolli (Luigi Proietti) ist ständig unterwegs, um Interessenten und mögliche Geldgeber für ein ehrgeiziges Projekt zu begeistern. Er will eine ganze Stadt für reiche Urlauber an der Adriaküste im südlichen Puglia entstehen lassen. Der Adlige Don Amilcare de Loyola (Mario Sciaccia), in dessen nahe gelegenem Stadthaus er untergekommen ist, unterstützt ihn. Hier befindet sich auch Mazzacollis Büro, von wo er aus mit Hilfe seines Sekretärs Peppe Colizzi (Bruno Cirino) die Strippen zieht. Don de Loyola verschafft ihm auch Kontakt zu der Contessa Raimonda Spina Tommaselli (Irene Papas), der einflussreichsten Persönlichkeit vor Ort, der auch die Ländereien gehören, auf denen der Anwalt sein Vorhaben plant. 

...ihre Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy) vor
Mazzacolli, ganz von seinem Charme und seiner Wirkung auf Frauen überzeugt, glaubt bei der attraktiven und etwas älteren Contessa leichtes Spiel zu haben, unterschätzt aber deren Selbstbewusstsein. Sie verbringt zwar eine Nacht mit ihm, hat darüber hinaus aber kein weiteres Interesse an einer persönlichen Beziehung. An einer Geschäftsbeziehung schon, aber dafür fordert sie als Voraussetzung, dass Mazzacolli ihre Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy) heiratet – eine sehr hübsche, knapp 16jährige junge Frau, die geistig auf dem Stand einer Zweijährigen geblieben ist. Für den Anwalt eine nur schwer zu erfüllende Bedingung, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt...

 
Die 18jährige Theresa Ann Savoy in ihrer ersten Rolle...
Der Ruf eines "Entdeckers junger Mädchenblüte" (Corriere della sera) haftete Alberto Lattuada schon lange an. Neben der Besetzung der damals 17jährigen Jacqueline Sassard in „Guendalina“ (1957), verdankte er diese Einschätzung besonders Catherine Spaak, die als 15jährige in "I dolci inganni" (Süße Begierde, 1960) eine Schülerin im Moment ihres sexuellen Erwachsens spielte. In der Kombination junger Schauspielerinnen mit dem Thema Sex lag der entscheidende Grund für Lattuadas wenig schmeichelhaften Ruf, der gemessen an seinem Gesamtwerk nicht haltbar ist. Überwiegend besetzte er gestandene Darstellerinnen wie die damals 34jährige Martine Carol als Prostituierte in "La spiaggia" (Der Skandal, 1954), die mit der Doppelmoral des italienischen Bürgertums konfrontiert wird, als sie mit ihrer kleinen Tochter Ferien am Meer machen will. Mehr als das Alter seiner Darstellerinnen galt Lattuadas Augenmerk der Verlogenheit einer Zivilisation im Spannungsfeld von Religion und unterdrückter Sexualität.

...als Clotilde an der Seite von Irene Papas in der Rolle ihrer Mutter
Sein zwischen Voyeurismus und Sezierung pendelnder Stil wirkt aus heutiger Sicht inkonsequent. Einerseits legte er die damalige Situation offen und betonte den Anspruch der Frau auf Selbstbestimmung, andererseits stellte er den weiblichen Körper provokativ zur Schau. Für Lattuada kein Widerspruch, denn der Bruch moralischer Tabus war für den überzeugten Linken Ausdruck seiner Kritik an der stark vom Katholizismus geprägten italienischen Gesellschaft. Eine Haltung, die sich über zwei Jahrzehnte bis in die 70er Jahre im italienischen Filmschaffen wiederfinden lässt. Besonders im Episodenfilm der 60er Jahre lebte sich eine große Anzahl von Künstlern mit Lust an der Provokation innerhalb der sexuellen Thematik aus und schuf damit die Grundlage für die „Commedia sexy all’italiana“ (siehe den Essay "L'amore in città und die Folgen").

Saverio Mazzacolli in seinem Büro...
Alberto Lattuada selbst beteiligte sich nach "L'amore in città" (1953) an keinem weiteren Episodenfilm, aber er gab seinem überwiegend ernsthaften Stil zusätzlich eine humorvolle Richtung. Mit dem Komiker Totò drehte er „La mandragola“ (Mandragola oder Der Liebhaber als Arzt, 1965) und bei „Don Giovanni in Sicilia“ (1967) arbeitete er mit Lando Buzzanca zusammen, einem Protagonisten der „Commedia sexy all’italiana“ der 60er und frühen 70er Jahre. Parallel schritt der soziokulturelle Wandel voran, einhergehend mit der sexuellen Liberalisierung. Trotz der nach wie vor sehr konservativen italienischen Gesellschaft, wurde es Anfang der 70er Jahre im Kinofilm zunehmend schwieriger, mit Tabubrüchen zu provozieren. Inhaltliche und optische Freizügigkeiten, mit denen Lattuada früher das Publikum (und die italienische Zensur) aus der Reserve locken konnte, wurden zur Normalität.

...und beim Abendessen mit Don de Loyola (Mario Sciaccia)
Auch „Le farò da padre...“ fiel weder inszenatorisch, noch stilistisch aus dem Rahmen typischer Erotik-Komödien seiner Zeit. Luigi „Gigi“ Proietti, Anfang der 70er Jahre in allen Genres aktiv - zuletzt in Elio Petris Polit-Farce „La proprietà non è più un furto“ (1973) - spielte den so charmanten, wie skrupellosen römischen Anwalt Saverio Mazzacolli, der im Süden Italiens große Geschäfte machen will. In Puglia an der Adria-Küste plant er eine ganze Stadt für zahlungskräftige Urlauber hochzuziehen – neben Appartement-Häusern mit Meeresblick sollen ein Einkaufszentrum und ein Krankenhaus für eine Vollversorgung in der sonst strukturschwachen Region dienen. Sein Büro befindet sich in einem alten Palazzo, der dem Landadligen Don Amilcare de Loyola (Mario Sciaccia) gehört, der Mazzacolli bei seinem Vorhaben unterstützt. In dem nahe gelegenen kleinen Ort stehen die herrschaftlichen Stadthäuser mit ihren hohen, dunklen Räumen dicht gedrängt. Alles atmet noch den Geist der Vergangenheit.

Concettina (Lina Polito) steht bereit, Peppe (Bruno Cirino) muss zusehen
Das Aufeinanderprallen der Moderne mit dem als rückständig angesehenen Süden Italiens gehörte genre-übergreifend zum Standard-Repertoire im italienischen Film. Auch in „Le farò da padre...“ scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen, wenn Mazzacolli mit seinem Jaguar durch die engen Gassen rast und wie selbstverständlich dem Dienstmädchen Concettina (Lina Polito) unter den Rock fasst, als sie das Abendessen serviert. Sein ihm zur Seite gestellter einheimischer Sekretär Peppe Colizzi (Bruno Cirino) möchte ihm nacheifern, verfügt aber nicht über die Reputation eines modernen Lebemanns wie Mazzacolli, dem die junge Concettina abends noch zur Verfügung steht. Nach außen herrscht strengstes Patriarchat, während die Herren heimlich ihren frivolen Gelüsten nachgehen? – Für Alberto Lattuada ein alter Hut. Nicht die einheimische Bevölkerung ist es, die hier mit einer liberalen Lebensart provoziert wird - der junge Anwalt wird an seine Grenzen geführt.

Mazzacolli glaubt sich nach einer Nacht mit der Contessa am Ziel...
Um Geldgeber für seine teuren Investitionen zu finden, hatte ihn De Loyola in die bessere Gesellschaft eingeführt, genauer mit Contessa Raimonda Spina Tommaselli (Irene Papas) bekannt gemacht, die einflussreichste und finanzkräftigste Persönlichkeit vor Ort. Sie steht einem reinen Frauen-Haushalt vor mit ihrer Mutter Principessa Anastasia (Maria Pia Attanasio), zwei alten Tanten (Isa Miranda und Clelia Matania) und ihrer knapp 16jährigen Tochter Clotilde (Theresa Ann Savoy). Ihr Mann ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Schon bei dieser ersten Begegnung wird Mazzacolli stark irritiert, als Clotilde inmitten der Gesellschaft vor seinen Augen ihren Rock hebt und in ihr Höschen nässt. Für die Umstehenden keine Überraschung, da sie wissen, dass Clotilde geistig zurück geblieben ist und sich noch wie eine knapp Zweijährige verhält. Gleichzeitig ist ihre Libido voll entwickelt, weshalb sie von ihrer Amme (Nina de Padova) erst gefüttert und dann vor dem Einschlafen mit der Hand körperlich befriedigt wird. Ein für alle Beteiligten selbstverständlich ausgeübter Umgang.

...aber diese hat eigene Pläne mit dem Anwalt
Mazzacolli versucht diese Erfahrung zu vergessen und konzentriert sich auf die Contessa, bei der er als jüngerer Mann leichtes Spiel zu haben glaubt. Er verbringt mit ihr eine gemeinsame Nacht in einem Landhaus inmitten ihrer Ländereien, aber das Ergebnis entspricht nicht seinen Erwartungen. Die attraktive und selbstbewusste Adlige nahm den Sex gerne mit, aber an ihre geschäftliche Zusammenarbeit knüpft sie eine andere Bedingung – er soll ihre Tochter Clotilde heiraten. Dem finanziell klammen Anwalt bleibt keine Wahl und ihr Arrangement wird notariell beglaubigt. Doch um sich der Verantwortung zu entziehen, ersinnt er einen perfiden Plan. Es ist der römische Jungspund Mazzacolli, der sich hier einer alten Regel des patriarchalischen Südens bedient. Er lässt Clotilde mit Hilfe seines Sekretärs und des Dienstmädchens Concettina entführen. Clotilde soll vergewaltigt werden, worauf er die Ehe ablehnen kann, weil sie keine Jungfrau mehr ist. Diese im Italienischen „Fuitina“ genannte Methode zwang die Vergewaltigte ihren Schänder zu heiraten – nur das Clotilde nicht dazu in der Lage sein wird, diesen zu benennen. 

Mazzacolli nimmt sich der entführten Clotilde an...
Wieder scheint „Le farò da padre...“ eine eindeutige Richtung zu nehmen, aber erneut wechselt der Film die Perspektive. Schon die Charakterisierung des Anwalts vermittelt die komplexe Herangehensweise Lattuadas und seiner Co-Autoren Bruno di Geronimo und Ottavio Jemma, denn trotz der rücksichtslosen Vorgehensweise und sexuellen Übergriffigkeit, verliehen sie dieser Figur sympathische Züge. Überzeugend von Proietti umgesetzt: freundlich, jungenhaft und wenig verbissen versucht er mit möglichst geringem Aufwand ein bequemes Leben zu führen. Entsprechend glaubwürdig wirkt es, als er sich der entführten Clotilde annimmt, die herausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung wie jedes Kleinkind verstört und weinend reagiert. Concettina war nicht in der Lage, sie zu beruhigen, aber Mazzacolli findet den Zugang zu ihr. Er nimmt sich viel Zeit für sie und stellt eine enge, zärtliche Nähe zu ihr her. Er verhält sich wie ein Vater.

Doch ein Kleinkind ist Clotilde nur dem Verhalten nach, äußerlich ist sie eine junge Frau. Die Nacktaufnahmen der damals 18jährigen Theresa Ann Savoy in ihrer ersten Rolle fielen nicht aus dem Rahmen gängiger Erotikfilme, aber die Kombination eines Frauen-Körpers mit einem kindlichen Verstand führte direkt ins Zentrum der Frage nach der eigenen Auffassung von Sexualität und Geschlechterrolle – sowohl aus der Sicht des Protagonisten, wie des Voyeurs vor der Leinwand. Lattuada trieb mit dieser Konstellation die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers auf die Spitze. Clotilde ist die Verkörperung einer unschuldigen, wehrlosen jungen Frau – ein archaischer männlicher Wunschtraum. Mazzacolli wahrt im Umgang mit Clotilde zwar die Grenze zum Geschlechtsakt, aber seine Zärtlichkeiten lassen sich nur schwer zwischen Vater und Liebhaber trennen. Dass er - bisher offensichtlich bindungsunfähig - sich in Clotilde verliebt, ist nur erträglich, weil er ihr entgegen seiner ursprünglichen Absicht gut tut.

Erst verhindert er Clotildes Vergewaltigung durch Peppe Colizzi, der damit nur Mazzacollis Anweisungen folgte, dann bringt er sie unversehrt zu ihrer Mutter zurück. Ohne ihm eine Mittäterschaft nachweisen zu können, durchschaut die Contessa den Anwalt und widerruft ihren Wunsch, ihre Tochter mit ihm zu verheiraten. Und stürzt damit den in Liebe entflammten Mazzacolli, der jedes Interesse an seinen Geschäften verloren hat, in tiefe Verzweiflung. Doch auch Clotilde hat sich verändert und ist nicht mehr durch ihre Amme zu beruhigen. Ihr fehlt die Liebe und Zärtlichkeit des Vaters. Ihre Mutter will sie beschützen, ist aber nicht in der Lage, ihre Nähe zu geben und wird damit konfrontiert, dass die Behörden ihr das Mädchen wegnehmen und in ein Heim einweisen wollen.

...um nach der Trennung jedes andere Interesse zu verlieren
Ganz in der Tradition der „Commedia all’italiana“ verliert „Le farò da padre...“ trotz der ins Bösartige driftenden Handlung nie seinen komödiantischen Unterton. Und kann zudem mit einem überzeugenden Happy-End aufwarten. Zumindest im Auge des männlichen Protagonisten in seiner absoluten Hingabe an die Kind-Frau. Doch weder eignet sich Mazzacolli zur Identifikation, noch erlaubt die Charakterisierung der Clotilde den notwendigen Abstand, um als visuelles Objekt zu dienen. Alberto Lattuada nutzte die Mittel der Erotik-Komödie, ging im Detail noch darüber hinaus, konfrontierte den Betrachter aber so direkt mit dessem eigenem Voyeurismus, dass „Le farò da padre...“ nahezu vergessen ist und keinen Eingang fand in die heute noch große Anzahl bekannter Erotikfilme dieser Zeit. Angesichts der Qualität und des hohen Unterhaltungswerts des Films zu unrecht, aber der Beweis dafür, dass Alberto Lattuada in seiner Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral immer noch provozieren konnte. 

"Le farò da padre" Italien, Frankreich 1974, Regie: Alberto Lattuada, Drehbuch: Alberto Lattuada, Ottavio Jemma, Bruno Di Geronimo,  Darsteller : Luigi Proietti, Theresa Ann Savoy, Irene Papas, Mario Sciaccia, Isa Miranda, Bruno Cirino, Lina Polito, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alberto Lattuada:

"L'amore in città" (1953)
"La spiaggia" (1954) 
"I dolci inganni" (1960)

Dienstag, 6. Dezember 2016

Roma bene (Roma bene - Liebe und Sex in Rom) 1971 Carlo Lizzani


Silvia Santi (Virna Lisi) will ihren Ohrring von Baron De Vittis zurück
Inhalt: Ein Sommer-Abend in Rom. Langsam füllt sich der Palazzo der Familie Santi mit Gästen, die den Abend bei Musik, Alkohol, Drogen und angenehmen Gesprächen ausklingen lassen wollen. Auch für weitere Vergnügungen wie Glücksspiel und Sex ist gesorgt. Während Commissario Tartamella (Nino Manfredi) das Eintreffen der Schönen und Reichen von Rom beobachtet, trifft auch Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) ein, der sich ein paar Lire von einem Gast geben lässt, um den Taxi-Fahrer zu bezahlen. Der Baron ist zwar notorisch klamm, aber die „gehobene“ Gesellschaft schmückt sich gerne mit einem Mitglied des alten Adels. 

Commissario Tartamella (Nino Manfredi) erträgt die Situation mit Humor
Wie zu erwarten war, muss sich der Commissario später noch um den als Kleptomanen bekannten Baron kümmern, denn dieser hatte ausgerechnet den wertvollen Ohrring der Hausherrin Silvia Santi (Virna Lisi) gestohlen und gleich herunter geschluckt. Zwar muss Di Vittis mit auf die Wache, bis der Ohrring wieder auftaucht, aber weitere Konsequenzen zieht sein Vergehen nicht nach sich. Bei der nächsten Party ist er wieder mit dabei. Ähnlich großzügig legen auch die übrigen Gäste die Gesetze für sich aus, die je nach Situation zu eigenen Gunsten ausgelegt werden. Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) nutzt ihre Attraktivität für die Beeinflussung von Politikern, Andere gehen weniger dezent vor… 


Der deutsche Verleih fügte Carlo Lizzanis Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana" noch die Worte "Liebe und Sex in Rom" hinzu. An welcher Stelle im Film die Texter des deutschen Titels die "Liebe" vermuteten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte man damit Lizzanis Film mehr Richtung sexy Komödie und damit Publikumsaffinität rücken. Gemessen am prominenten Cast, der hier vor der Kamera agierte und den unzweifelhaft vorhandenen Schauwerten, dürfte das nicht gelungen sein, denn "Roma bene" ist heute nahezu unbekannt.

Carlo Lizzanis Film steht trotz seiner freizügigen Optik und seines authentischen Zeitkolorits Anfang der 70er Jahre noch für die Vergangenheit der "Commedia all'italiana". Ein nur wenig kaschierter Episodenfilm im Geist der 60er Jahre - provokativ, zynisch und gesellschaftskritisch, aber Anfang der 70er Jahr nicht mehr "up-to-date". Aus heutiger Sicht hat sich das geändert - eine empfehlenswerte Wiederentdeckung. 


Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen. 
(aus „Die göttliche Komödie“, 19. Gesang von Dante Alighieri)

Principessa und Prince Marescialli (Senta Berger und Umberto Orsini)
Nur die Flucht in literarische Höhen lässt Commissario Tartamella (Nino Manfredi) eine Umwelt ertragen, mit der er täglich konfrontiert wird – die Schönen und Reichen von Rom. Ein Haufen korrupter und eitler Selbstdarsteller, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Moral, Respekt vor Anderen oder den Gesetzen des Landes? - Fehlanzeige. Als Polizist bleibt ihm nur wenig Handlungsspielraum. Er darf zwar den verarmten Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) verhaften, bis dieser den wertvollen Ohrring von Silvia Santi (Virna Lisi) auf der Wache wieder ausgeschieden hat – wegen seiner adligen Herkunft ist der notorische Kleptomane ein gern gesehener Gast auf den diversen Feierlichkeiten – , aber darüber hinaus kann er trotz klarer Beweislage Niemanden überführen. Weder bei einer vorgetäuschten Kindesentführung, noch bei Gatten-Mord. Die Beziehungen der Beschuldigten reichen bis in höchste politische Kreise. 

„Arme brauchen einen Grund zu feiern, Reiche haben immer Party“ 

Giorgio Santi (Phillippe Leroy) macht Geschäfte mit China
sind die ersten Worte des Commissario auf die Frage seines Adjutanten, aus welchem Anlass gerade zahlreiche Gäste mit ihren Luxus-Karossen vor einem römischen Palazzo vorfahren. Von oben betrachtet sieht Rom in der abendlichen Dunkelheit sehr friedlich aus. Die Silhouette des Kolosseum thront zwischen dem Lichtermeer, während ein von Luis Bacalov komponierter Song melancholisch erklingt. Alles „bene“ in Rom? – Zumindest für die fröhliche Gesellschaft im Hause Silvia Santi, deren Mann Giorgio (Philippe Leroy) gerade geschäftliche Kontakte mit China eingefädelt hat. Sexuelle Revolution und linke Ideologie lassen sich elegant mit Kapitalismus und Dekadenz kombinieren. Entsprechend ausgelassen wird gefeiert, während im intimen Rahmen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen und die nächste Sex-Affäre eingeleitet werden.

Ein Hoch auf Mao - Baron De Vittis (Vittorio Caprioli)
Ähnlich illustre wie die hier versammelte Gesellschaft war auch die Schauspielergarde, mit der die italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Leitung von Carlo Lizzani aufwarten konnte, der seine zynische Komödie zudem ganz zeitgemäß mit viel Erotik würzte. Leider ohne den gewünschten Erfolg. Trotz bester Voraussetzungen geriet „Roma bene“ schnell in Vergessenheit, denn wirklich neu war nichts an Lizzanis Werk. An kritischen Kommentaren über die sogenannte „bessere“ Gesellschaft hatte es im italienischen Film zuvor ebenso wenig gefehlt, wie an einer ironischen Aufarbeitung der sexuellen Liberalisierung und der Protestbewegung. Besonders der ab Mitte der 60er Jahre in Italien intensiv gepflegte Episodenfilm (siehe "L'amore in città und die Folgen") war früher Mittelpunkt respektloser und gesellschaftskritischer Statements einer Vielzahl italienischer Filmkünstler. Auch Carlo Lizzani hatte als Regisseur in den 60er Jahren an drei Episodenfilmen (zuletzt "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)) mitgewirkt.

Wilma Rappi (Michèle Mercier) mit ihrer Geliebten (Annabella Incontrera)
Der gesamte Cast liest sich wie ein „Who is who“ des Episodenfilms und der aufkommenden „Commedia sexy all’italiana“. Vittorio Caprioli führte früh Regie bei „I cuori infantri“ (1963) und wurde als Schauspieler quasi omnipräsent im erotischen Film ("L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)). Senta Berger hatte in „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) ebenso unter Komödien-Spezialist Pasquale Festa Campanile gespielt wie Episodenfilm-Dauergast Nino Manfredi in "Adulterio all'italiana" (Seitensprung auf Italienisch, 1966). Auch Virna Lisi ("Le bambole" (Die Puppen, 1965)), Michèle Mercier („I nostri mariti“ (Unsere Ehemänner, 1966)), Gastone Moschin ("Le fate" (Die Gespielinnen, 1966)) und Philippe Leroy („L’idea fissa“ (Wenn das die Männer wüssten, 1964)) gehörten zur regelmäßigen Besetzung im Episodenfilm. Und mit Ely Galleani („La dottoressa sotto il lenzuolo“ (Der Kleine mit der großen Schnauze, 1976)), Margaret Rose Keil („Il decamerone proibito“, 1972) und Malisa Longo („La bella Antonia, prima Monica e poi Dimonia“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972)) zeigten sich in „Roma bene“ schon attraktive kommende Darstellerinnen der „Commedia sexy“.

Den Eindruck einer Art Bestandsaufnahme der 60er Jahre betonte noch die Anlage des Films, der seinen episodenhaften Charakter nur wenig verbarg. Zwischen der Eingangs- und Endsequenz, in der die Darsteller-Riege jeweils zusammen kommt, werden die wenig schmeichelhaften Worte des Commissario zu Beginn mit einzelnen Stories untermauert. Zuerst setzte Carlo Lizzani die Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) ins Bild bei ihrem sexuellen Einsatz für ein großes Immobilienprojekt. Nach mehreren Bettgeschichten, die die Planung voranbringen, läuft ein Abendessen mit einem einflussreichen Politiker nicht wie vorgesehen. Statt Dede erweist sich ihr Mann Rubio (Umberto Orsini) als größere Attraktion, der in diesem Fall den Job übernimmt. Abgesehen von der unlauteren Einflussnahme die sympathischste Episode – ein Gradmesser, der zunehmend abnimmt.

Nino Rappi (Franco Fabrizi) wird bei Santi das Frühstück serviert
Beginnt die Geschichte um das Ehepaar Wilma und Nino Rappi (Michèle Mercier und Franco Fabrizi) noch komisch, als sie ihn in einem Edel-Bordell erwischt und ihm die Hölle heißmacht, ohne dass er ahnt, dass sie eine lesbische Beziehung mit dessen bevorzugter Prostituierten (Annabella Incontrera) hat, gleiten die einzelnen Episoden zunehmend in bösartigere Gefilde. Bei dem Versuch des zuvor gescholtenen Ehemanns Rappi, in die China-Connection des Industriellen Giorgio Santi einzusteigen, stirbt er in der Sauna an Herzversagen. Den tagelangen Marathon aus sportlicher Betätigung und Gruppensex, bei dem er an der Seite des durchtrainierten Santi mitmachen musste, überlebte der korpulente Mann nicht. Seiner Witwe ringt das keine Träne ab. Im Gegensatz zu Irene Papas als griechische Millionärs-Gattin Elena Teopoulos, die aus Anlass des Todes ihres reichen Ehemanns eine klassische Tragödie aufführt.

Noch lebt ihr Gatte (Mario Feliciani und Irene Papas)
Womit sie Commissario Tartamella aber nicht täuschen kann, der den gemeinschaftlich mit ihrer Mutter ausgeführten Mord sofort durchschaut. Unternehmen kann er ebenso wenig, wie bei der durch die verwöhnten Santi-Kinder Vivi und Lando (Ely Galleani und Dado Crostarosa) mit Hilfe der Mutter inszenierten Selbst-Entführung, mit der sie ihren Vater um Kleingeld für ihre Spielsucht und Shopping-Gelüste erleichtern wollten. Der Commissario durchkreuzt ihren Plan, aber der reiche Papa verzichtet großzügig auf eine Bestrafung, auch um negative Schlagzeilen zu verhindern. Mit dem Knaben, der auf einem Jagdausflug statt auf Enten auf Menschen schießt, bekommt er gar nicht erst etwas zu tun. Weniger kriminell, mehr entlarvend ist die Episode um einen Kardinal (Gaston Moschin), der ein Doppelleben führt. Schwerreich im Ölgeschäft tätig und ebenfalls an der China-Connection interessiert, führt er ein angenehmes Dasein zwischen Privatyacht und Vatikan. Fließend gelingt ihm der Übergang zwischen dem Absetzen der Geliebten per Ferrari und dem Einstieg als „Il monsignore“ in den Chauffeur gesteuerten Dienst-Mercedes.

Il monsignore (Gastone Moschin) im Ferrari mit der Principessa
Provokativ war das 1971 allemal, gehörte aber zum guten Ton im italienischen Episodenfilm. Noch im späten "I nuovi mostri" (Viva Italia, 1977)) wurde die Verlogenheit der katholischen Kirche genüsslich zelebriert. Einzig mit der abschließenden, alle noch lebenden Protagonisten zusammenführenden Sequenz, betrat Carlo Lizzani Neuland. Er bestrafte sie. Versammelt, um sich nach erfolgreichen Wochen hemmungslos zu vergnügen, vergessen sie einen Moment, dass sie ohne Personal auf der Yacht des Monsignore im Mittelmeer kreisen, der als Einziger neben Giorgio Santi noch anderweitig beschäftigt ist. Als sie von der Sonne erhitzt alle gemeinsam von Bord springen, um ein kühles Bad zu nehmen, stellen sie zu spät fest, dass Niemand die Leiter herunter gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden, die die Realität ironisch bis sarkastisch zuspitzten, wirkt die abschließende Szene wie reines Wunschdenken.

Verzweifelter Versuch zurück an Bord zu kommen
Tatsächlich symbolisierte sie die Verlorenheit des Einzelnen auch innerhalb dieser scheinbar glücklichen Gemeinschaft. Der Kardinal und der mit dem Privat-Jet herüberfliegende Santi hätten sie retten können, aber sie waren nur mit sich selbst beschäftigt, ohne Interesse an ihren Freunden und Verwandten. Minutenlang zeigt der Film die zunehmend Verzweifelten bei ihrem Versuch noch irgendwie auf das Schiff zu gelangen, während zwei leere Cocktail-Gläser über das hölzerne Deck kullern. Am Ende treibt Jeder im Wasser für sich allein. Auf den Punkt gebracht, als Baron De Vittis die einzelnen Namen ruft und sie jeweils mit „anwesend“ antworten. Ins Tragische will diese Situation nach den zuvor gezeigten Ereignissen nicht abkippen, Schadenfreude bereitet sie aber auch nicht. Ein zwiespältiges, zum Nachdenken anregendes Ende, das Lizzanis Film auch nicht mehr retten konnte, dessen launig böse Abrechnung mit den „Schönen und Reichen“ für das damalige Publikum offensichtlich zu spät kam. Für 1971 mag das gegolten haben, aus heutiger Sicht hat „Roma bene“ dagegen wieder an Aktualität gewonnen. 

"Roma bene" Italien, Frankreich, Deutschland 1971, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Nicola Badalucco, Edith Bieber, Luciano VincenzoniDarsteller : Nino Manfredi, Senta Berger, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Franco Fabrizi, Virna Lisi, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Umberto Orsini, Irene Papas, Annabella Incontrera, Malisa Longo, Ely GalleaniLaufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.