Antonio Margheriti's erster Vietnam-Kriegsfilm - eigenständiger als sein Ruf :

Montag, 14. April 2014

L'ultimo cacciatore (Jäger der Apokalypse) 1980 Antonio Margheriti

Inhalt: Nachdem Captain Henry Morris (David Warbeck) nicht verhindern konnte, dass einer seiner besten Freunde erst einen Kameraden und dann sich selbst erschoss, ist er bereit, einen gefährlichen Auftrag anzunehmen, der ihn mitten in den vom Vietcong kontrollierten Dschungel führt. Er soll eine Radiostation zerstören, deren englischsprachige Sendung die Moral der US-Soldaten untergräbt.

Nachdem er von einem Hubschrauber abgesetzt wurde, trifft er auf eine Gruppe Soldaten und die Kriegsberichterstatterin Jane Foster (Tisa Ferrow), die ihre Aktion begleiten will. Morris macht sich sofort auf den Weg, der ihn zu einer mitten im Dschungel stationierten, von vietnamesischen Kämpfern umzingelten US-Einheit führt, die jede militärische Disziplin vermissen lässt...


Nach einer längeren Durststrecke in der ersten Hälfte der 70er Jahre - Kriegs-Action galt angesichts der Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg als wenig opportun - hatte die italienische Filmindustrie auch das Kriegsfilm-Genre wieder entdeckt. Umberto Lenzi brachte mit "Il grande attacco" (Die große Offensive, 1978) und "Da Dunkerque alla vittoria" (Nur Drei kamen durch, 1979) zwei mit internationaler Beteiligung gedrehte Weltkrieg II-Filme auf die Leinwand, die parallel zur beginnenden Welle der Hollywood-Epigonen und im Dschungel gedrehten Kannibalen-Filme entstanden. Auch Regisseur Antonio Margheriti hatte sich in dieser Hinsicht vorgetan, war mit "Killer-Fish" (Piranha II - Die Rache der Killerfische, 1978) auf Spielbergs "Der weiße Hai"-Spuren gewandelt und schuf mit "Apocalypse domani" (Asphalt-Kannibalen, 1980) einen Film, der die Vietnam-Thematik schon streifte, sie aber mit der aktuellen Zombie/Kannibalismuswelle verband. 

"L'ultimo cacciatore" (Jäger der Apokalypse) kam nicht nur unmittelbar nach "Apocalypse domani" in die italienischen Kinos, sondern wurde ebenfalls nach einem Drehbuch von Dardano Sacchetti auf den Philippinen gedreht. Weitere Querverbindungen sind trotz der verschiedenen Produzenten und Darsteller - wie im italienischen Film-Business gewohnt - mannigfaltig. Die Karriere von Gianfranco Couyoumdijan als Produzent und später Co-Autor fand im Erotik- („La bella Antonia, prima Monica e poi Domina“ ( Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972) und im Polizieschi-Genre („La banda del trucido“ (Die Gangster-Akademie, 1977) ihren Ursprung, bevor er mit „Zombie Holocaust“ (Zombies unter Kannibalen, 1980) seinen Beitrag zur Kannibalismus-Welle leistete. Mit Dardano Sacchetti hatte er erstmals bei „La banda del trucido“ zusammengearbeitet, der parallel das Drehbuch zu Lucio Fulcis „Paura nella città die morti viventi“ (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980) schrieb. In Fulcis Vorgängerfilm „Zombie 2“ (Woodoo,1979) war neben ihm und Couyoumdjian auch Tisa Ferrow schon mit an Bord, die im selben Jahr noch in D’Amatos „Antropophagus“ (Man-Eater,1980) in der weiblichen Hauptrolle auftrat, bevor sie ihre Karriere früh beendete. 

Dass die Produzenten von „Apocalypse domani“ zuvor schon an Lenzis Kriegsfilm „Nur Drei kamen durch“ beteiligt waren, überrascht da schon nicht mehr, denn „L’ultimo cacciatore“ kombinierte eine Vielzahl damals aktueller Strömungen: die Kriegsfilmthematik - konsequent an den Hollywood-Vorbildern „The deer hunter“ (Die durch die Hölle gehen, 1978) und „Apocalypse now“ (1979) orientiert - die vom Kannibalismusfilm gewohnte exotische Dschungel-Optik und diverse Splatter-Einlagen, die gemessen an den üblichen Kriegsverletzungen übertrieben wirkten. Als einer der verzichtbaren Begleit-Soldaten von einer mit angespitzten Bambushölzern ausgestatteten Falle erwischt wird, quellen gleich seine Gedärme heraus. Entsprechend wenig Reputation erfuhr Margheritis Film, der trotz der zitierten Hollywood-Antikriegsfilme schnell den Ruf eines reinen Action- und Baller-Vehikels erhielt, dass den Hintergrund des Vietnam-Kriegs nur für eine besonders gewalttätige und dreckige Umsetzung nutzte. Auch Regisseur Margheriti machte keinen Hehl aus seinen vor allem der Unterhaltung dienenden Absichten mit einem US-Soldaten als Helden im Mittelpunkt, der sich im Dschungel einem gesichtslosen Vietcong ausgesetzt sieht.

Angesichts der sensiblen Thematik um den erst wenige Jahre zuvor beendeten Kampfeinsatz der US-Armee, war eine differenzierte Betrachtungsweise zur Entstehungszeit des Films kaum zu erwarten, aber „L’ultimo cacciatore“ vermittelt aus heutiger Sicht trotz der ausführlich gezeigten Kampfhandlungen weder einen befriedigenden, noch heroischen Charakter und verwendete die Zitate aus „Deer hunter“ und „Apocalypse now“ eigenständig. Michael Ciminos „Deer hunter“ wird nur in einer der letzten Szenen des Films konkret kopiert, als Captain Morris (David Warbeck) in einen Wasserkäfig gesperrt wird, wo er nicht nur von Wasserratten angegriffen wird, sondern miterleben muss, wie ein Mithäftling aufgefressen wird. Wie üblich steigerten die italienischen Epigonen das Gewalt-Level der US-Vorbilder, aber damit verstießen sie auch gegen deren Tabus. Der Wahnsinn, der in Coppolas „Apocalypse now“ zum allgegenwärtigen, bewusst überzeichneten Zustand innerhalb der US-Armee wird, bekam in „L’ultimo cacciatore“ einen realistischeren Anstrich und vermittelte einen ungeschönten Blick. 

John Steiner als Befehlshaber einer mitten im Dschungel stationierten Einheit verwahrloster und unmotivierter Soldaten wirkt im Vergleich zu Marlon Brandos ähnlich angelegter Rolle in Coppolas Film zwar wie ein seriöser Offizier, schickt aber einen seiner Männer nur zum Spaß unter dem Dauerbeschuss der Vietnamesen in den Urwald, um eine Kokosnuss vom Baum zu pflücken. Besonders die Eingangssequenz, in der ein alter Freund von Captain Morris erst einen Kameraden und dann sich selbst in einem herunter gekommenen Strip-Lokal erschießt oder später die Vergewaltigungsszene um die Bildreporterin Jane Foster (Tisa Ferrow) lassen kein gutes Haar an den US-Soldaten, die gegenüber den anonym bleibenden vietnamesischen Angreifern größtenteils als wehrloses Kanonenfutter herhalten müssen. 

Margheriti verfolgte damit weder kritische Absichten, noch bemühte er gesellschaftspolitische Zusammenhänge, aber die geradlinige und kurzweilige Inszenierung lässt in ihrer kompromisslosen Direktheit keine positiven Emotionen aufkommen - zu verdanken auch dem reduzierten, in der Originalfassung wortkargen Spiel des Neuseeländers David Warbeck, der der Hauptrolle in „L’ultimo cacciatore“ nach jahrelanger Untätigkeit seine zweite Karriere als Schauspieler verdankte. Zwar schlägt er sich erfolgreich durch alle Widrigkeiten, aber patriotische Töne sind von ihm nicht zu hören. Sein gern zitierter Satz, er hasse den Vietcong nicht, sondern erschießt ihn, wirkt aus dem Zusammenhang gerissen zynisch und menschenverachtend, verliert diese Dimension aber angesichts der Beiläufigkeit, mit der Captain Morris nicht nur so die Frage der Journalistin beantwortet, sondern generell seinem Auftrag nachgeht. Der Anlass, eine die Moral der US-Armee untergrabende Radio-Station auszuheben, mag etwas konstruiert scheinen, aber die Szenen, in denen die Soldaten zu der freundlichen weiblichen Stimme abgeschlachtet werden, die ihnen empfiehlt, sich lieber nach Hause zu ihrer Freundin zu begeben, verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch die von Mia Ferrows Schwester Tisa gespielte Kriegsberichterstatterin ist weniger klischeehaft als im Genre üblich - optisch glaubwürdig und ohne Bunny-Attitüde, verzichtete der Film auf die gebetsmühlenartigen Vorträge, dass Frauen hier nichts zu suchen hätten, und kehrte einmal sogar die Rettungssituation um.

„L’ultimo cacciatore“ reihte sich Anfang der 80er Jahre hinsichtlich seines Action- und Gewaltpotentials zwar mühelos in die parallel entstandenen Horror- und Apocalypse-Filme ein, aber die mit einem im Vergleich zu den US-Produktionen geringen Budget ausgestattete italienische Machart hielt sich nicht mit Ausgewogenheiten auf, sondern schuf einen atmosphärisch stimmigen Kriegsfilm, der ohne Verherrlichungen auskam.

"L'ultimo cacciatore" Italien 1980, Regie: Antonio Margheriti, Drehbuch: Gianfranco Couyoumdijan, Dardano Sacchetti,  Darsteller : David Warbeck, Tisa Ferrow, Tony King, Bobby Rhodes, John Steiner, Laufzeit : 97 Minuten

Donnerstag, 27. März 2014

Il cittadino si ribella (Ein Mann schlägt zurück) 1974 Enzo G.Castellari

Inhalt: Als der Ingenieur Antonelli (Franco Nero) Geld bei der Post einzahlen will, wird die Filiale mitten in Genua überfallen. Die drei Täter gehen rigoros vor und schüchtern damit die anwesenden Kunden und Angestellten ein. Nur Antonelli will sich so leicht nicht bestehlen lassen und versucht sein noch am Tresen liegendes Geld wieder einzustecken. Ein Fehler, denn sein Handeln wird nicht nur brutal geahndet, sondern er wird von den Verbrechern als Geisel mit geschleift und erlebt unter Todesangst deren rasende Flucht. Ernst nehmen die Männer ihn nicht, ziehen ihre Masken vom Gesicht und schmeißen ihn aus dem Wagen, nachdem sie die Polizei hinter sich gelassen hatten.

Antonelli, der erst wenige Monate zuvor schon Opfer der Verbrecherwelle geworden war, als Vandalen seine Wohnung verwüsteten, fühlt sich gedemütigt und von der Polizei im Stich gelassen, die ihm sogar eine Mitschuld zuspricht, da er sich in der Post nicht passiv verhalten hätte. Die Justizbehörden stehen bei der Bevölkerung generell als unfähig in der Kritik, weshalb sich Antonelli im Recht fühlt, als er versucht, die drei Räuber selbst ausfindig zu machen…


"Il cittadino si ribella" (Ein Mann schlägt zurück) kam wenige Monate nach Michael Winners "Death wish" (Ein Mann sieht rot, USA 1974) in die Kinos, in dem Charles Bronson die Hauptrolle spielte, der in den Jahren zuvor an vielen italienischen Produktionen beteiligt war - zuletzt an "Valdez, il mezzosangue" (Wilde Pferde, 1973) -  weshalb er Enzo G.Castellari hinsichtlich der Selbstjustiz-Thematik als Vorbild gedient haben könnte. Doch abgesehen vom generellen Einfluss des Italo-Western - in "C'era una volta il west" (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) verkörperte Bronson einen Rächer, dessen Vorgehen durch den weniger zivilisatorischen Hintergrund des "Wilden Westen" legitimiert war - verfügt "Il cittadino si ribella" über einen spezifisch italienischen Stammbaum, der maßgeblich das Polizieschi-Genre beeinflusste und das Motiv bürgerlicher Selbstjustiz unterschiedlich zu Winner interpretierte.

"Il cittadino si ribella" (wörtlich: Der Bürger lehnt sich auf) kombinierte zwei der wichtigsten Protagonisten des Polizieschi miteinander - Regisseur Enzo G.Castellari und Drehbuchautor Massimo De Rita. De Rita hatte nicht nur mit "Banditi a Milano" (1968) und "Rome come Chicago" (Mord auf der Via Veneto, 1968) die stilistische Basis gesetzt, sondern diese über Sollimas "Città violenta" (Brutale Stadt, 1970) bis zu Romolo Guerrieris "La polizia è al servizio del cittadino?" (Auf verlorenem Posten, 1973) weiter entwickelt. Enzo G.Castellari, Guerrieris Neffe, schuf mit "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht, 1973) parallel einen frühen stilbildenden Poliziesco, der ähnlich wie Guerrieris Film die Grenzen zur Selbstjustiz am Verhalten des ermittelnden Beamten auslotete. Die Frage nach der "Wahl der Mittel" im Kampf gegen das Verbrechen wurde zum Grundbestandteil des Polizieschi-Genres.

Dass Franco Nero nach seiner Rolle als Commissario in Castellaris Vorgängerfilm hier als Bürger versucht, die Verbrecher zu überführen, war ein geschickter Schachzug. Nero verkörperte im Western wie im Kriminalfilm meist den cool vorgehenden Vigilanten, der die Sympathien des seine Intentionen teilenden Publikums hinter sich wusste. Nicht zufällig erinnert „Il cittadino si ribella“ in der Charakterisierung des gesellschaftlich anerkannten Ingenieurs Antonelli (Franco Nero), der sich von den behördlichen Instanzen nicht ausreichend unterstützt sieht, an Neros Rolle in Damiano Damianis „l’istruttoria è chiusa: dimentichi“ (Das Verfahren ist eingestellt: vergessen Sie's, 1971), denn dort brach Massimo De Rita erstmals mit Neros überlegen agierendem Image und verwandelte die nur vordergründig kämpferische Attitüde in ein angepasstes Verhalten – eine fatalistische Interpretation des sonst in seinen Rollen so couragiert agierenden Schauspielers.

Auch wenn die Polizei in „Il cittadino si ribella“ nur eine untergeordnete Rolle spielte, ist sie in der Figur des lakonischen, scheinbar passiv handelnden Commissario (Renzo Palmer) notwendig als kontrastierendes Element zu dem aktionistischen Antonelli, der die Erniedrigung durch die drei brutalen Räuber, die ihn nach ihrem Postraub als Geisel nahmen, nicht überwinden kann. Schon „La polizia ringrazia“ (Das Syndikat, 1972) gewährte einen Blick auf die Vielfalt krimineller Aktivitäten, aber erst Castellari fügte in seiner atemberaubenden, von der treibenden Musik der De Angelis-Brüder begleiteten Eingangssequenz, Verbrechen an Verbrechen wie es im Polizieschi-Genre später üblich werden sollte: etwa unter der Regie von Umberto Lenzi in „Roma a mano armata“ (Die Viper, 1976) - thematisch noch weiter ausgeführt - oder von Bruno Corbucci mehr humorvoll genutzt in „Squadra antiscippo“ (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976).

Antonelli nimmt in diesem Chaos aus Überfällen, Mord und Diebstahl nur eine Nebenrolle ein, mehr als zufällig störendes Element, und kommt fast mit heiler Haut davon, weshalb sowohl seine Freundin Barbara (Barbara Bach), als auch die Polizei seine Rachegelüste ablehnen, ihm sogar vorwerfen, sich selbst in die gefährliche Situation gebracht zu haben – eine gegensätzliche Ausgangssituation zu der in „Death wish“. Bronsons eigenmächtiges Vorgehen erhielt seine Akzeptanz durch das ihm persönlich zugefügte schwere Leid – der Mord an seiner Frau und Tochter. Franco Neros Rolle steht dagegen stellvertretend für das Bürgertum. Geschickt trennten Castellari und De Rita sein weiteres Vorgehen von seinem minderschweren persönlichen Schicksal, indem sie mit einem übergeordneten Blick auf eine ausufernde Kriminalität populistische Forderungen nach Selbstjustiz vordergründig legitimierten, diese letztlich aber als egoistisch, kleingeistig und selbst korrumpierend offen legten.

Antonelli gerät bei dem eigenmächtigen Versuch, die drei Räuber ausfindig zu machen, schnell an seine Grenzen. Die Szene, in der er sich in eine einschlägig bekannte Bar begibt, um an Informationen zu gelangen, gehört zu den bekanntesten Stilelementen des Polizieschi-Genres. Doch während ein Maurizio Merli oder Luc Merenda auch allein in der Lage waren, die versammelten Verbrecher zu vermöbeln, häufig unter Verwendung eines Billard-Queues, steht Antonelli der Übermacht chancenlos gegenüber und kann nur fliehen. Erst durch die Hilfe des Klein-Kriminellen Tommy (Giancarlo Prete) gelingt es ihm, näher an die Täter heranzukommen. Dass er Tommy dazu erpresst, lässt schon seine persönliche Auslegung des Rechtsempfindens erkennen, aber Antonelli begreift immer noch nicht die inneren Zusammenhänge der Szene, deren Gesetze er schmerzhaft lernen muss. Erneut in die Gewalt der drei Verbrecher geraten, nachdem er Tommy zu früh vertraut hatte, rettet ihm dieser schließlich doch das Leben – ein Umstand, der Antonelli nur weiter antreibt.

Der abschließende Show-Down, den Antonelli mit einer vorgetäuschten Straftat provoziert, besitzt keine kathartische Wirkung und dient nicht als Vorbild. Im Gegenteil – das Ergebnis ist ein Zufallsprodukt der Gewalt, ohne das der selbst ernannte Rächer einen Moment lang Herr der Lage ist. Dass die Polizei ihn am Ende gehen lässt, ohne ihn wegen seiner begangenen Straftaten zu belangen, ist kein Zugeständnis, sondern lässt erst dessen amateurhaftes, selbstherrliches Vorgehen deutlich werden, dass keine weitere Aufmerksamkeit verdient. Der - angesichts eines weiteren bei der Polizei aufbegehrenden Bürgers - zufrieden grinsende Antonelli begreift nicht, dass er sich längst selbst in den Niederungen aufhält, die er zu bekämpfen vorgibt. Enzo G.Castellaris und Massimo De Ritas gemeinsamer Poliziesco prägte nicht nur das Genre, sondern wurde auch zu einem so fulminanten wie differenzierten Beitrag zum Thema Selbstjustiz.

"Il cittadino si ribella" Italien 1974, Regie: Enzo G. Castellari, Drehbuch: Massimo De Rita, Arduino Maiuri, Darsteller : Franco Nero, Barbara Bach, Giancarlo Prete, Renzo Palmer, Nazzareno Zamperla, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Enzo G. Castellari:

Mittwoch, 12. März 2014

La mala ordina (Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: In der New Yorker Mafia-Zentrale erteilt Corso (Cyril Cusack) geschäftsmäßig den Befehl an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), nach Mailand zu fliegen, um dort Luca Canali (Mario Adorf) zu töten – ganz offiziell und mit Unterstützung der Mailänder Mafia. Deren Boss Tressoldi (Adolfo Celi) reagiert keineswegs erfreut auf die Ankunft der US-Killer, die ihn dazu auffordern, ihnen Canali auszuliefern, denn er versteht nicht, warum seine eigenen Leute den Job nicht erledigen sollen.

Tressoldi befürchtet, dass ihm die New Yorker auf die Schliche gekommen sind, dass er selbst die Drogengelder gestohlen hat und nicht der Zuhälter Canali, dem er diese Tat untergeschoben hat. Canali, der sich wie gewohnt um seine Prostituierten kümmert und zwischendurch seine kleine Tochter trifft, die er nach der Scheidung von seiner Frau (Silvia Koscina) nur noch selten sieht, ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Nicht nur die beiden Killer, auch Tressoldi hat es auf ihn abgesehen, um den New Yorkern zuvor zu kommen…


Neben dem schrillen deutschen Filmtitel "Der Mafia Boss - sie töten wie Schakale" existieren noch eine Vielzahl weiterer Varianten in unterschiedlichen Sprachen, darunter "Manhunt in the city" oder "L'empire du crime". Nur die schlichte Übersetzung des Originaltitels "La mala ordina" fehlt, obwohl damit der Inhalt des Films ideal beschrieben wurde. "Ordina" bedeutet Reihenfolge, Ordnung, Auftrag oder Befehl und fasst in einem Begriff die Grundlagen des organisierten Verbrechens zusammen, die auf strengen hierarchischen Regeln beruhen, die keine Abweichung dulden. Das Attribut "mala" (schlecht) scheint entsprechend überflüssig, aber es vermittelt erst die Komplexität einer inneren Abhängigkeit, der sich Niemand entziehen kann.

Der Befehl der New Yorker Mafia-Zentrale an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), den Mailänder Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) zu töten, erscheint vordergründig "schlecht", ist aber nur die Folge eines Verstoßes gegen die innere Ordnung. Der ortsansässige Boss Tressoldi (Adolfo Celi) hatte sich persönlich an Drogengeldern bedient und den Kleinkriminellen Canali als Bauernopfer vorgeschoben. Fernando Di Leo lässt offen, ob die ungewöhnliche Maßnahme, zwei Profis aus den USA für einen Job zu schicken, den jeder gedungene Mörder in Mailand auch hätte ausführen können, darauf beruht, dass New York die Mailänder Abteilung durchschaut hat, aber er offenbart damit die Fragilität eines Systems, dass keine Abweichung verträgt und jeden Beteiligten zum Opfer werden lässt.

Auch in Di Leos zuvor gedrehtem Film "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1972) ging es um die inneren Mechanismen des organisierten Verbrechens und geriet der Protagonist in eine unausweichlich scheinende tödliche Situation, aber die Auseinandersetzungen fanden noch persönlich statt und wurden entsprechend emotional geführt. Dass Luca Canali getötet werden soll, ist dagegen nur noch die Folge strategischer Überlegungen ohne persönliche Ressentiments. Mario Adorf agiert hier zwar sympathischer als in seiner Rolle als Mann fürs Grobe in "Milano calibro 9", aber sein Wechsel vom Täter zum Opfer bedarf nur einer minimalen Verschiebung innerhalb des Mafia-Kosmos. Mit dem Verzicht auf staatliche Ermittler betonte Di Leo zudem die Gefährlichkeit dieser kriminellen Institution nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für jedes seiner Mitglieder. Dass sich Luca Canali gegen seine Opferrolle wehrt und dem Film nach dem brutalen Mord an seiner Ex-Frau und seiner kleinen Tochter mit seinem Furor Emotionen verleiht, erzeugt zwar Schwung und lässt einige Mafia-Granden alt aussehen, ändert wie das äußerlich coole Verhalten der nur auf Befehl handelnden beiden Killer aber nichts daran, dass sie reagierende und innerhalb des Systems schwache Figuren bleiben – dem Ende, dem keine kathartische Wirkung mehr anhaftete, lässt sich entsprechend wenig Optimistisches abgewinnen. 

Viel mehr nutzte Fernando Di Leo die Charaktere der drei Protagonisten und ihr Umfeld zu einer kritischen Betrachtung des damaligen moralischen Wandels in der Gesellschaft, womit er sich endgültig vom Italo-Western verabschiedete, dessen Einfluss auf „Milano calibro 9“ noch deutlich spürbar war. Sex findet nur noch am Straßenstrich, auf Hotelzimmern oder nach Partys statt und die Anzahl nackt agierender Frauen hätte jedem Erotik-Film gut zu Gesicht gestanden. Luca Canali schläft zwar mit Nana (Femi Benussi), eine seiner Prostituierten, aber mit Liebe hat das nichts mehr zu tun, wie sie in „Milano calibro 9“ noch eine - wenn auch tragische - Rolle spielte. Di Leos fatalistische Sichtweise sollte sich im nachfolgenden „Il boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973) weiter fortsetzen. Die Beziehung zwischen dem Profi-Killer und der entführten Mafiaboss-Tochter ist ein Paradebeispiel an selbstsüchtiger Egozentrik, während die attraktive weibliche Darstellerriege hier – neben Femi Benussi, noch Luciana Paluzzi, Silvana Koscina und Francesca Romana Caluzzi – selbstbewusst agierte. Francesca Romana Caluzzi als der freien Liebe frönende Linke mit Che Guevara-Poster an der Wand ist zwar ein Klischee, aber als eine von Wenigen entzieht sie sich der Erwartungshaltung ihrer Umgebung und gewinnt durch ihre Unabhängigkeit Sympathien.

„La mala ordina“ scheint angesichts der Abwesenheit jeder Staatsgewalt weniger als Fernando Di Leos frühere Filme „I ragazzi del massacro“ (Note 7 – die Jungen der Gewalt, 1969) und „Milano calibro 9“ dem „Polizieschi“ – Genre anzugehören, entwickelte den Kriminalfilm aber entscheidend weiter. Neben der zunehmenden Verzahnung mit den moralischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, wie sie typisch für das Genre werden sollte, blieb es in „La mala ordina“ zwar noch einem Mitglied des Milieus vorbehalten, Selbstjustiz zu üben, aber schon in dem wenig später gedrehten "Milano trema - la polizia vuole giustizia" (1973) von Sergio Martino übernahm der Commissario diese Aufgabe selbst. Gespielt von Luc Merenda, dem Fernando Di Leo in „Il poliziotto é marcio“ (1974), der „Il boss“ folgte, die Rolle des gnadenlosen Rächers zuweisen sollte.

"La mala ordina" Italien, Deutschland 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Giorgio Scerbanenco (Kurzgeschichte), Darsteller : Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Luciana Paluzzi, Adolfo Celi, Femi Benussi, Cyril Cusack, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"Milano calibro 9" (1972)

Sonntag, 9. März 2014

Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: Mit scheinbarer Perfektion wechselt ein Geldpaket unauffällig von Hand zu Hand, doch als es bei seinem Adressaten anlangt, befindet sich nur Zeitungspapier darin. Jemand aus der Kette der Beteiligten muss das Geld gestohlen haben, wodurch Rocco (Mario Adorf) auf den Plan gerufen wird, der als Mann fürs Grobe dem „Americano“ (Lionel Stander) dient, einem einflussreichen Mailänder Boss, der aus den USA stammt. Doch auch sein hartes Durchgreifen lässt die verschwundenen Dollars nicht wieder auftauchen, weshalb aus Sicht des Gangsterbosses nur noch Ugo Piazza (Gastone Moschin) als möglicher Täter übrig bleibt, der unmittelbar nach dem Diebstahl verhaftet wurde und drei Jahre im Gefängnis saß.

Es hilft ihm nicht, zu beteuern, dass er das Geld nicht genommen hat, denn Rocco wartet schon auf ihn und lässt ihn keinen Moment in Ruhe. Mehrfach wird er verprügelt und bleibt nur am Leben, weil seine Peiniger erst das Versteck erfahren wollen. Fast verzweifelt wäre Piazzas Lage, wäre da nicht die schöne Nachtclub-Tänzerin Nelly (Barbara Bouchet), mit der er früher zusammen war. Sie hatte ihn zwar nie im Gefängnis besucht, aber jetzt empfängt sie ihn mit offenen Armen…


Fernando Di Leos von 1972 bis 1973 in die Kinos gekommenen Filme "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1971), "La mala ordina" (Der Mafiaboss - sie töten wie Schakale, 1972) und "Il boss" (Der Teufel führt Regie, 1973) gelten heute als "Mafia"-Trilogie, da sie sich - obwohl inhaltlich voneinander unabhängig - jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der "Mafia"- Thematik auseinandersetzten. So griffig und werbewirksam eine solche Bezeichnung der frühen Phase Di Leos, Anfang der 70er Jahre, heute erscheinen mag, so sehr vermittelt diese eine thematische Abgeschlossenheit, die seinen insgesamt zehn zwischen 1969 und 1977 dem Genre des "Polizieschi" zuzurechnenden Filmen nicht gerecht wird, die fast prototypisch dessen Entwicklung ausgehend vom Italo-Western parallel zu den gesellschaftspolitischen Veränderungen nachzeichneten.

"I ragazzi del massacro" (Note 7 - die Jungen der Gewalt,1969) war noch mehr Gesellschaftsstudie als Kriminalfilm und reagierte auf typische bürgerliche Ängste angesichts einer revoltierenden Jugend, bevor Fernando Di Leo mit "Milano calibro 9" seinen einzigen Italo-Western als Regisseur schuf, genauer die neben Sergio Sollimas "Città violenta" (Brutale Stadt, 1970) und "Revolver" (Die perfekte Erpressung, 1973) ideale Kombination aus Polizeifilm und Western - ein Genre, an dem er als Drehbuchautor entscheidend mitgewirkt hatte. Nachdem er bei den zwei ersten Sergio Leone-Western "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) und "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) dem Autoren-Team angehörte, bewies er mit "Il ritorno di Ringo" (Ringo kommt zurück, 1965) und "Le colt cantarono la morte e fu... tempo di massacro" (Django - sein Gesangsbuch war der Colt, 1966) früh Eigenständigkeit. Mit "Ognuno per se" (Das Gold von Sam Cooper, 1968) hatte er noch wenige Jahre zuvor einen prägenden Western geschrieben, bevor er das Thema eines Einzelgängers, der nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt und sich seiner Vergangenheit stellen muss, in die italienische Gegenwart transferierte.

Dass er die Story von "Milano calibro 9" innerhalb des organisierten Verbrechens ansiedelte, war folgerichtig und wurde prägend für den Polizieschi, in dem es fast immer ums große Ganze und selten um einzelne Kriminalfälle ging. Auch im Italo-Western bekam es der "Held" in der Regel mit einer Übermacht zu tun, die von einem in der bürgerlichen Gesellschaft angesehenen Großgrundbesitzer streng hierarchisch geleitet wurde. Zu einer solchen Truppe gehörte immer ein Mann für die Drecksarbeit, eine Figur, die Mario Adorf als Rocco geradezu beängstigend überzeugend in ihrer Mischung aus Brutalität, Sadismus und absoluter Hörigkeit gegenüber seinem Boss interpretierte. Auch Gastone Moschin als Piazza, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit den ehemaligen Kumpanen konfrontiert wird, die ihm unterstellen, Drogengelder gestohlen zu haben, agierte faszinierend als stoischer Einzelgänger, der erst leiden muss, bevor der von seiner Umgebung unterschätzte Mann zurückschlägt - eine klassische Western Konstellation.

Die "Mafia"-Thematik spielte in "Milano calibro 9" dagegen noch eine untergeordnete Rolle, mehr als Hintergrund für die inneren psychologischen Abhängigkeiten unter den ehemaligen und aktuellen Bandenmitgliedern. Eine in ihrer Ganovenehre fast romantisch anmutende Figur wie Chino (Phillipe Leroy), der seinen erblindeten Boss in einer einfachen Wohnung betreut, und den Piazza (Gastone Moschin) als Einzigen um Hilfe bittet, wäre in Di Leos folgenden, die Mechanismen der Mafia in ihrem ganzen Zynismus entlarvenden Filmen unvorstellbar. Auch die Beziehung zu der Nachtclub-Tänzerin Nelly (Barbara Bouchet), die Piazza wieder mit offenen Armen aufnimmt, entsprach in ihrer Zwiespältigkeit mehr einem klassischen Drama und erzeugte eine emotionale Nähe zu dem Protagonisten, unterstützt von der eindringlichen Musik Luis Bacalovs, die Fernando Di Leo in seinen folgenden Filmen zunehmend verlor. Dank seines Temperaments konnte Mario Adorf in "La mala ordina" noch eine Identifikation mit seiner Rolle als Zuhälter aufbauen, in "Il boss" existieren solche Emotionen nicht mehr.

Eine von Di Leo beabsichtigte Richtung, die den Weg zum klassischen Poliziesco, in dem ein Einzelgänger gegen eine Übermacht aus Korruption und Verbrechen antrat, vorbereitete. Der in Deutschland nahezu unbekannte "Il poliziotto è marcio" (1974) mit Luc Merenda in der Hauptrolle als Rache nehmender Polizist setzte diese Linie konsequent fort. Anders als „Milano calibro 9“ der über die grobe Mafia-Thematik hinaus kaum Ähnlichkeiten zu „Il boss“ aufweist, werden die Parallelen in „Il poliziotto è marcio“ schon in der Anfangsszene offensichtlich, in der ein Gangsterboss und seine mit Maschinengewehren bewaffneten Männer eine Gruppe gnadenlos massakrieren, weil sie es gewagt hatten, mit Anderen Geschäfte zu machen. Dagegen erinnern die Szenen in „Milano calibro 9“, in denen zwei Polizei-Offiziere (Frank Wolff und Luigi Pistilli) politisch kontrovers die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen diskutieren, noch an den Vorgängerfilm "I ragazzi del massacro" - ein solches gedankliches Engagement, unabhängig von der jeweiligen Haltung, traute Di Leo den Polizisten in "Il boss" nicht mehr zu.

Die Einordnung in eine Trilogie und besonders die damit verbundene Vergleichbarkeit können einem solitären Werk wie "Milano calibro 9" nicht gerecht werden, in dem Di Leo noch das menschliche Element suchte. Möglicherweise führte die daraus entstehende Tragik zur Konsequenz der folgenden Filme, in denen die Befindlichkeiten des Einzelnen innerhalb der Mechanismen einer gnadenlosen Verbrecherordnung keine Rolle mehr spielten.

"Milano calibro 9" Italien, Frankreich 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Giorgio Scerbanenco (Roman), Darsteller : Gastone Moschin, Mario Adorf, Barbara Bouchet, Philipp Leroy, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Lionel Stander, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"La mala ordina" (1972)

Mittwoch, 26. Februar 2014

La polizia è al servizio del cittadino? (Auf verlorenem Posten) 1973 Romolo Guerrieri

Inhalt: Als im Hafengebiet Genuas nachts ein Mann auf ein Auto zutritt, um mit dessen Fahrer zu sprechen, wird er plötzlich von hinten niedergeschlagen. Brutal treten mehrere Männer unter den Augen ihres Anführers (John Steiner) auf den am Boden liegenden Mann ein, bevor sie den leblosen Körper für alle sichtbar an den Haken eines Verladekrans hängen und hochziehen.

Dass es sich dabei um eine Warnung handeln soll, ist Nicola Sironi (Enrico Maria Salerno), dem verantwortlichen Ermittler, sofort klar, weshalb es sich als äußerst schwierig herausstellt, einen Zeugen zu finden. Doch Sironi lässt sich davon nicht abschrecken, übt selber Druck aus und erhält so den Namen von Scalesi, einem stadtbekannten Gangsterboss, der den Markt am Hafen kontrollieren soll. Um seinen Informanten zu decken, täuscht er vor, ein zum Syndikat gehörender Anwalt hätte etwas ausgeplaudert. Kurz darauf wird dieser ermordet, während parallel Demonstrationen stattfinden, in denen gefordert wird, dass die Polizei dem Bürger dienen soll. Auch Sironis Sohn Michele (Alessandro Momo) beteiligt sich daran…


Enrico Maria Salerno, Held des Polizeifilms

Sobald vom Polizieschi der 70er Jahre die Rede ist, wird reflexartig der Name Maurizio Merli genannt, als prototypischer Darsteller des eisenharten Strafverfolgers, der die Verbrecher mit deren eigenen Methoden bekämpfte und auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckte. Auch Tomas Milian und Franco Nero kommen noch zur Sprache, die jeweils den Ermittler in den frühen Genre-Beiträgen "Banditi a Milano" (1968) und "Un detective" (1969) spielten, sich während der Hochphase in den 70er Jahren aber ähnlich wie Henry Silva auf unterschiedlichen Seiten verdingten, etwa als Gesetzloser (Milian in "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) oder als Bürger (Nero in "Il cittadino si ribella" (Ein Mann schägt zurück, 1974).

Selten Erwähnung finden hingegen die drei Darsteller, die das Polizieschi Genre in den ersten Jahren maßgeblich beeinflussten und einem Maurizio Merli, der 1975 in "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) zum ersten Mal als Commissario auftrat, den Weg bereiteten: Luc Merenda ("Milano trema: la polizia vuole giustizia" 1973), Claudio Cassinelli ("La polizia chiede aiuto" (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) und - an erster Stelle zu nennen - Enrico Maria Salerno der von 1972 bis 1975 in sieben Filmen des Genres als führender Ermittler auftrat und in zwei weiteren Polizeifilmen Nebenrollen spielte. Ein Pensum, für das Maurizio Merli sechs Jahre von 1975 bis 1980 benötigte. Im Gegensatz zu den von Merli und Luc Merenda verkörperten aktionistischen "Law and Order" -Typen und dem intellektuellen Cassinelli, vertrat Salerno (Jahrgang 1926) die Generation des erfahrenen Polizeioffiziers und übernahm damit eine wichtige Funktion hinsichtlich der Akzeptanz eines Genres, dessen Wurzeln im Italo-Western und Giallo, aber auch im politischen Film zu finden sind.

Die Parallelen in der gesellschaftskritischen Relevanz zwischen Damiano Damianis "Confessione di un commissario di polizia al procutatore della reppublica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971) und Salernos erstem Auftritt als Commissario in "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972) sind ebenso offensichtlich, wie die Seriosität der Ermittler. Enrico Maria Salerno gelang es, Zuverlässigkeit und Anstand inmitten einer Gesellschaft auszustrahlen, die zwischen Protesten, Streiks, einer steigenden Kriminalitätsrate und mächtigen Verbrecherbossen aus den Fugen zu geraten drohte. Die Wahl der polizeilichen Mittel war entsprechend das zentrale Thema in "La polizia ringrazia" und blieb es auch in Salernos folgenden Filmen "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) und  "La polizia è al servizio del cittadino?" (Auf verlorenem Posten, 1973). Der ebenfalls 1973 erschienene "No il caso è felicemente risolto" (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen), in dem Salerno einen Journalisten spielte, variierte die Thematik aus einem anderen Blickwinkel..


Auf verlorenem Posten

Die wörtliche Übersetzung des Filmititels "Steht die Polizei im Dienst ihrer Bürger?" traf mitten ins Mark der damaligen Diskussion, aber Regisseur Romolo Guerrieris zweiter Poliziesco, mit dem er den Faden seines "Un detective" wieder aufnahm, wird auch der deutsche Titel "Auf verlorenem Posten" gerecht, denn dieser bezeichnet exakt die Situation, in der sich Commissario Nicola Sironi (Enrico Maria Salerno) befindet. An dem im italienischen Film, Anfang der 70er Jahre, wiederholt gezeigten Motiv einer inhaftierten Gruppe von Studenten, die ihren Protest in der Zelle fortsetzen (siehe beispielsweise "Indagine su un cittadino al di sopra di ognisospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, 1970), wird auch der private Druck verdeutlicht, unter dem er steht. Anders als seine jüngeren "Polizieschi" - Kollegen hat er einen erwachsenen Sohn – hier von dem leider viel zu früh verstorbenen Alessandro Momo ("Malizia" 1973) gespielt - der seinen bürgerlichen Vater und dessen Staats-Job verabscheut. Auch seine Frau hat sich schon von ihm getrennt.

Sein einziger Freund ist sein Kollege Marino (Giuseppe Pambieri), mit dem er in einer Mordserie ermittelt, die mit einem im Hafen Genuas an einem Kran aufgehängten Mann beginnt, der in der Nacht zuvor brutal ermordet wurde. Er war an ein Fahrzeug getreten, um ein Gespräch mit dem einflussreichen Geschäftsmann Scalesi zu beginnen, aber dazu kam es nicht - mehrere Männer schlagen ihn unter den Augen ihres Anführers Lambro (John Steiner) zusammen. Die Story ist eng mit der Situation Genuas verzahnt und weist nur wenige, aber sehr konsequent umgesetzte Gewaltszenen auf. Im Mittelpunkt stehen die mafiösen Strukturen in der Hafenstadt, in der den Händlern der am Hafen gelegenen Markthalle übertriebene Ankaufspreise aufgezwungen werden, die sie an ihre Kunden weitergeben müssen.

Sironis Versuch, an die Hintermänner heranzukommen, gerät zunehmend in die Grauzone korrekter Strafverfolgung. Als er, um einen seiner Informanten zu schützen, vortäuscht, ein mit dem Syndikat zusammenarbeitender Anwalt hätte ihm Interna verraten, wird dieser kurz darauf ermordet aufgefunden. Wie verzweifelt sich Sironis Bemühungen entwickeln, lässt die Rolle John Steiners deutlich werden, der als Killer immer im Hintergrund bleibt. Steiner agiert nur und sagt im Film kaum ein Wort, denn seine Figur bleibt unantastbar. Stattdessen gerät Sironi in einen Strudel aus Polizei-Korruption, medialen Druck und dem bestens vernetzten, einen guten Ruf genießenden Unternehmer Brera (Daniel Gélin), dessen Verantwortung an den Morden nicht nachweisbar scheint.

Die Gene der Handlung lassen sich auf die früheren Drehbücher Massimo De Ritas zurückführen, der schon "Banditi a Milano" schrieb und den Stil des Poliziesco über Sergio Sollimas "Città violenta" (Brutale Stadt, 1970) und Damianis "L'istruttoria è chiusa: dimentichi" (Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!, 1971) weiter entwickelte. Mit Drehbüchern zu Filmen Enzo G.Castellaris, Romolo Giuerrieris Neffen, "Il cittadino si ribella" (1974) und "Il grande Racket" (1976) setzte er diese Linie konsequent fort, bis es in Damianis "L'avvartimento" (Die tödliche Warnung, 1980) zu einer erneuten Kombination aus Polizei- und Politfilm kam. "La polizia è al servizio del cittadino?" trieb den Stil des klassischen "Polizieschi all'Italiana" entscheidend voran, auch dank eines ausgezeichnet als Commissario agierenden Enrico Maria Salerno, der am Ende zum letzten Mittel greifen musste, das ihm noch blieb. Doch das er, der erfahrene, souveräne Polizeioffizier diese Konsequenz zog, kam anders als später bei Maurizio Merli noch einer Kapitulation gleich.

"La polizia è al servizio del cittadino?" Italien, Frankreich 1973, Regie: Romolo GuerrieriDrehbuch: Massimo De RitaDarsteller : Enrico Maria Salerno, Giuseppe Pambieri, John Steiner, Alessandro Momo, Venantino Venantini, Ganiel Gélin, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Romolo Guerrieri:

Freitag, 21. Februar 2014

Nove ospiti per un delitto (Neun Gäste für den Tod) 1977 Ferdinando Baldi

Inhalt: Mehrere bewaffnete Männer steigen aus einem Fahrzeug und nähern sich einem Paar, das sich am Strand liebt. Der Liebhaber der jungen Frau versucht zu fliehen, wird aber gnadenlos von Hinten angeschossen und bleibt blutend im Sand liegen. Die Männer heben eine Grube aus und schmeißen den Schwerverletzten hinein, um ihn lebend zu begraben.

Einige Jahre später befindet sich der reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) auf dem Weg zu seiner Insel, um dort mit seiner Familie einen erholsamen Urlaub zu verbringen. Neben seiner erst kürzlich geheirateten deutlich jüngeren Frau Giulia (Caroline Laurence) begleiten ihn seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) mit ihren Ehepartnern. Schon auf der Yacht lassen sich die gegenseitigen Animositäten nicht übersehen, die besonders zwischen den Brüdern und ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini) auftreten. Lorenzo gilt bei den anderen Männern als Schlappschwanz, da er sich nicht dagegen wehrt, dass ihn seine Frau Greta (Rita Silva) mit Walter betrügt. Und Patrizia, die dem Treiben ihres Mannes ebenfalls scheinbar wehrlos gegenüber steht, wird auch von den anderen Frauen als hysterisch und überspannt angesehen. Nur mit sich selbst beschäftigt, fallen ihnen die ersten Todesfälle zuerst nicht auf…


Der ältere, reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) lädt seine nächsten Anverwandten zu einem sommerlichen Aufenthalt im gut ausgestatteten Ferienhaus auf der familieneigenen Insel ein. Mit an Bord des Segelschiffs befinden sich seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) nebst Anhang. Auch Ubaldos viel jüngere Ehefrau Giulia (Caroline Laurence) und die allein stehende Tante Elisabetta (Dana Ghia) begleiten sie. Doch wie der Filmtitel "Nove ospiti per un delitto" (Neun Gäste für den Tod) schon verrät, erwartet sie kein vergnüglicher Aufenthalt, sondern ein Verbrechen, zu dem sie als Gäste beitragen sollen. In einer zwei Jahrzehnte zurückliegenden Eingangssequenz wird der Anlass dafür geliefert - brutal erschießen mehrere Männer den Liebhaber einer jungen Frau und verscharren den noch Lebenden im Sand.

Als Regisseur Fernando Baldi den Film 1977 in die Kinos brachte, hatte der Giallo seinen Zenit schon überschritten, aber "Nove ospiti per un delitto" sollte kein klassischer Genre-Vertreter werden, sondern wirkt im Zusammenspiel aus Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein"-Thematik, grafischen, aber nicht übertrieben brutal inszenierten Morden, erotischen Aufnahmen schöner Frauen und den ausschließlich egoistischen und selbstverliebten Protagonisten wie ein Kommentar auf zwei Jahrzehnte italienisches Genre-Kino, an dem Baldi und sein Drehbuchautor Fabio Pittorru intensiv mitgewirkt hatten. Während Fernando Baldi Sandalen-Filme ("Orazi e Curiazi" (Die verlorene Legion, 1961)) und später eine Vielzahl an Italo-Western ("Texas, addio" (Django, der Rächer, 1966)) drehte, war Pitturro mehr im Polizieschi ("La polizia accusa: il servizio segreto uccide" (Der lautlose Killer, 1975)), im Erotik - ("Una ondata di piacere", 1975) und politischen Film ("Mussolini: ultimo atto" (Mussolini - Die letzten Tage, 1974)) involviert  - eine Mischung, die sich in "Nove ospiti per un delitto" wiederentdecken lässt.

Die gnadenlose Hinrichtung zu Beginn erinnert an einen Lynch-Mord im Western – eine gemeinschaftliche, ohne Eile durchgeführte Aktion von Tätern, die sich im Recht glauben und vor der Justiz geschützt wissen. Die Kamera fängt deren Gesichter nicht ein, aber der Film lässt keinen Zweifel an der Identität der Mörder und der zurückgelassenen Geliebten, bei der es sich um die inzwischen als wunderlich geltende Tante Elisabetta handelt. Mit dem klassischen Szenario einer Jahrzehnte zurückliegenden, verschwiegenen Tat, deren Folgen eruptiv an die Oberfläche gelangen, hat diese Ausgangssituation nichts gemeinsam. Weder werden die Täter von schlechtem Gewissen, noch von unterdrückten Schuldgefühlen geplagt – im Gegenteil erweisen sie sich als genau die rücksichtslosen, egoistischen Zeitgenossen, denen ein solcher Mord zur Wahrung der Familieninteressen zuzutrauen ist. Autor Pitturro nutzte diese Konstellation zu der genüsslich ausgearbeiteten Charakterisierung einer dekadenten, nur mit sich selbst beschäftigten Ansammlung reicher Schnösel mittleren Alters, ohne deshalb - wie in seinen früheren Filmen - den gesellschaftskritischen Aspekt zu betonen. Viel mehr diente deren Verhalten im ersten Drittel des Films für Testosteron geschwängerte Auseinandersetzungen und sexuelle Wechselspielchen, die genügend Gelegenheiten boten, schöne Frauen erotisch ins Bild zu rücken und den Hass der Protagonisten untereinander anzufachen.

Michele treibt es mit der Frau seines Vaters, Lorenzos Frau Greta (Rita Silva) wiederum mit ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini), wodurch sich mögliche Mordmotive leicht erahnen lassen, als die ersten Leichen auftauchen. Für die Protagonisten erscheint es zuerst, als ob es sich bei den Todesfällen um Unfälle handelt, aber der Betrachter weiß es besser, nachdem kurz nach der Ankunft auf der Insel die Crew des Segelschiffs von einem Taucher massakriert wird und damit ein leichtes Entkommen von der Insel unmöglich gemacht wurde. Baldi und Pittorro entwickelten aus dieser vertrauten Situation keine neuen Ideen, aber sie reduzierten die Anlage auf ihre wesentlichen Elemente und kamen schnell zur Sache. Nach der kurzen Eingangssequenz und der Einführung der Charaktere werden die klassischen Stufen durchlaufen: nachdem sich die Unfalltheorie als falsch herausstellte beginnt die Phase der Panik und gegenseitigen Verdächtigungen, zwischendurch werden okkulte Kräfte bedient im Glauben an die Wiederauferstehung des Ermordeten bis es zum Showdown der wenigen Übriggebliebenen kommt, unter denen sich der Täter befinden muss.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen. Das „Giallo“ – Genre erlebte seinen Höhepunkt in den frühen 70er Jahren und verstand sich in seiner Mischung aus Sex und Tod innerhalb einer zunehmend hedonistischeren Gesellschaft als Provokation auf die vorherrschende bürgerliche Moral. Anhänger und Kenner des Genres werden sich in „Nove ospiti per un delitto“ an den durchgehend sinistren Charakteren, den erotischen Aufnahmen und abwechslungsreichen Morden bis zum abschließenden Höhepunkt zwar erfreuen, aber das lässt nicht übersehen, dass es sich um eine Stilübung zweier erfahrener Filmemacher handelte, die zu oberflächlich blieb, um Ende der 70er Jahre noch Tabus zu brechen.

"Nove ospiti per un delitto" Italien 1977, Regie: Ferdinando Baldi, Drehbuch: Fabio PittorruDarsteller : Arthur Kennedy, Massimo Foschi, Caroline Laurence, John Richardson, Rita Silva, Laufzeit : 88 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.