Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Samstag, 7. März 2015

Il rossetto (Unschuld im Kreuzverhör) 1960 Damiano Damiani

Inhalt: Die zwölfjährige Silvana (Laura Vivaldi) ist verliebt in Gino Luciani (Pierre Brice), einen in der Nachbarschaft lebenden, elegant angezogenen Mann, der von ihr zwar keine Notiz nimmt, den sie aber heimlich von ihrem Fenster aus beobachtet. Als eines Tages in dessen Wohnhaus eine Frau ermordet aufgefunden wird, wird auch er von der Polizei befragt, behauptet aber, mit dieser nie ein Wort geredet zu haben. Stattdessen wird ein junger Laufbursche verhaftet, der Kontakt zu der Schönen hatte, obwohl er seine Unschuld bezeugt.

Im durch den Vorfall entstandenen Trubel auf der Strasse begegnet Luciani auch der jungen Silvana, die ausplappert, dass er die Ermordete doch auch gekannt hätte. Sie ergänzt, sie hätte ihn in der Wohnung der Toten gesehen, nicht ahnend, dass er gegenüber der Polizei das Gegenteil behauptet hatte. Als er sie plötzlich fragt, was sie am nächsten Tag vor hätte, reagiert sie beglückt, und verabredet sich mit ihm...

"Unschuld im Kreuzverhör" , (Il rossetto) erschien bei der PIDAX am 13.03.2015 und ist für mich der Anlass, meinen vor Jahren geschriebenen Text neu im Blog hervorzuheben. Schon die Aufführung von Damianos zweitem Film "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) bei dem Italo-Genre-Festival "Terza visione" in Nürnberg 2014 veranlasste mich, den Text zu überarbeiten, da mir erst nach vollständiger Kenntnis seiner ersten drei Filme ("Trilogia psicologica") seine und Cesare Zavattinis Intentionen klar wurden. Um so schöner ist es, dass sein erster Film jetzt sowohl in der Originalfassung, als auch der deutschen Synchronisation auf DVD erhältlich ist - nicht auszudenken, die beiden nächsten Filme folgten auch noch. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Bevor Damiano Damiani 1960 im Alter von 38 Jahren das erste Mal Regie führte, hatte er schon eine jahrelange Tätigkeit als Drehbuchautor hinter sich. 1946 war er von Mailand, wo er Kunst studiert hatte, nach Rom gekommen und geriet mitten in die Hochphase des "Neorealismus". Besonders Cesare Zavattini ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)) hatte als Drehbuchautor entscheidend an dieser Stil-Epoche mitgewirkt und wurde zum Partner Damianis bei dessen ersten Regie-Arbeiten. Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher zu "Il rossetto", "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) und "L'isola di Arturo" (Insel der verbotenen Liebe, 1962), inzwischen als "Trilogia psicologica" zusammen gefasst, und schufen damit ein Werk, das sowohl für Damianis neorealistische Wurzeln steht, als auch auf seine zukünftigen sozialkritischen Filme hinweist.

Ebenso wie bei Francesco Rosi, der früh 1948 mit Visconti zusammenarbeitete, bevor er ab Mitte der 50er Jahre selbst zu drehen begann, lässt sich auch an Damianis Filmen ablesen, dass der neorealistische Stil, inszenatorisch und stilistisch gewandelt, nach Mitte der 50er Jahre im italienischen Film weiter fortbestand. Der "Trilogia psicologica" ist die Verwandtschaft zum Neorealismus noch deutlich anzumerken, doch sie hatte die Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit hinter sich gelassen und begab sich mitten in die sich rasch wandelnde Sozialisation Anfang der 60er Jahre. Entsprechend atmet in "Il rossetto" alles die Moderne. Vom historischen Rom ist wenig zusehen - die Stadt scheint nur aus hohen Wohnhäusern, breiten Strassen, Geschäften und Cafés zu bestehen, in denen die Menschen nicht nach Privatsphäre suchen, sondern einer scheinbar grenzenlosen Zukunft entgegen fiebern, deren gleichzeitige Tristesse aber ebenso unübersehbar ist.

Nah an der heutigen Gegenwart skizzierten Damiani und Zavattini das Umfeld der 12jährigen Silvana (Laura Vivaldi), die bei einer allein erziehenden Mutter aufwächst, die Liebesprobleme plagen und bereit ist, ihre Tochter für den neuen Mann ins Internat zu steckenSilvana selbst schwärmt für den attraktiven und immer gut angezogenen Gino (Pierre Brice), der im Nachbarwohnblock wohnt. Sie muss deshalb das Gelächter der gleichaltrigen Mädchen ihrer Wohngegend ertragen, die sie vor dem jungen Mann bloßstellen. Dieser schmunzelt nur leicht über die aus seiner Sicht kindliche Silvana, die beschämt davonrennt. Er ahnt nicht, wie intensiv sie ihn von ihrem Fenster aus beobachten kann und deshalb auch mitbekam, dass er seine Nachbarin besucht hatte.

Schon in seinem ersten Film wählte Damiani ein Verbrechen als Ausgangspunkt, um die inneren Konflikte deutlicher heraus zu arbeiten. Ein Stilmittel, dass er in "Il sicario" wiederholte und das signifikant für seine Polit -Thriller der 70er Jahre wurde. Im Zusammenhang mit der Tat interessierten ihn weniger die kriminalistische Aufklärung - das Gino die Frau im Nachbarhaus ermordet hat, steht für den Betrachter von Beginn an außer Zweifel - sondern die Mechanismen, die sie in Gang setzt. Kurz nach der Entdeckung der Leiche wird ein Laufbursche verhaftet, weil er die Ermordete kannte. Sofort beginnt die Vorverurteilung des Verdächtigen, den die Fotoreporter gnadenlos ablichten, egal wie sehr er seine Unschuld beteuert. Für Gino, der als direkter Nachbar gegenüber der Polizei behauptet, er hätte noch nie mit der Frau gesprochen, eine ideale Situation. Zufällig begegnet ihm Silvana mitten in dem aufgeregten Treiben, die arglos ausplaudert, ihn mit der toten Frau zusammen gesehen zu haben. Ihm wird klar, dass er sie als Zeugin kontrollieren muss und überrascht das verliebte Mädchen damit, sich mit ihr treffen zu wollen.

Zwar schilderte Damiani detailliert die Polizeiarbeit, aber inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf Ginos Beweggründen, die sich mit dem Erscheinen seiner Verlobten Lorella (Gorgia Moll), einer Tochter aus reichem Hause, aufzuklären beginnen. Thematisch gaben Damiani und Zavattini damit die Linie vor, die sie auch in "Il sicario" und "L'isola di Arturo" weiter verfolgten. Schon der Vorspann mit den Bildern von Stars und Blitzlichtgewitter vermittelte die Sogwirkung eines besseren Lebens oder was sich die Menschen darunter vorstellten - Geld, schicke Klamotten, Häuser und Autos. Die Sucht danach macht auch vor einem Mord nicht halt - als Gino erkennen muss, dass die Affäre mit der Nachbarin seine geplante Einheirat in eine reiche Familie gefährdet, muss sie sterben. Bewusst verzichtete Damiani darauf, Gino als krankhaften oder gefährlichen Gewalttäter hinzustellen, um die Alltäglichkeit seines Denkens und Handelns noch zu betonen. Entsprechend ist er auch unfähig, Silvana Gewalt anzutun, um sie als Zeugin loszuwerden.

Mit Hilfe der Verhörmethoden des Commissario Fioresi (Regisseur Pietro Germi in einer seiner wenigen Auftritte als Darsteller), auf den sich die zweite Hälfte des Films konzentriert, werden der eitle Täter Gino und die leicht verführbare Silvana als Prototypen des gesellschaftlichen Wandels charakterisiert. Die Schlüsselszene gilt dem Titel gebenden Lippenstift („Il Rossetto“), den der Kommissar in der Handtasche des Mädchens fand - sie hatte ihn vor dem Treffen mit Gino aufgetragen. Er bemalt damit aggressiv ihr Gesicht, um eine Aussage gegen Nino zu erzwingen und erzeugt damit vor weiteren Zeugen eine aufgeladene Situation, in der die jeweiligen Vorurteile herausbrechen. Eine Momentaufnahme, in der keiner der Beteiligten einen positiven Eindruck hinterlässt, aber Damiani ruderte in "Il rossetto" zurück. Dank der sonst souveränen Figur des Commissarios, dessen rücksichtslose Polizeimethoden verzeihlich wirken, fehlt dem Film noch der spätere Fatalismus des Regisseurs.

"Il rossetto" wurde Rückblick und Ausblick zugleich. Trotz seiner im Neorealismus verankerten Filmsprache fing der Film die aufkommende Moderne mit bis heute anhaltender Zeitlosigkeit ein und formulierte darin eine kritische Sichtweise auf die sich wandelnde Gesellschaft - ein Prozess, den Damiani gemeinsam mit Zavattini in den folgenden Filmen der "Trilogia psicologica" fortsetzte. Damiano Damiani blieb die verdiente Anerkennung dafür verwehrt. Allein der deutsche Titel lässt schon den Versuch erahnen, den Film in eine sensationsheischende Ecke zu schieben, die angesichts der ruhigen, lakonischen, zeitweise dokumentarischen Erzählweise kaum unpassender sein könnte.

"Il rossetto" Italien 1960, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Cesare Zavattini, Darsteller : Pierre Brice, Giorgia Moll, Pietro Germi, Bella Darvi, Laura Vivaldi, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Donnerstag, 15. Januar 2015

Il momento della verità (Augenblick der Wahrheit) 1965 Francesco Rosi

Auf der Suche nach der Wahrheit

ein Nachruf auf Francesco Rosi, gestorben am 10.01.2015




Inhalt: Miguel (Miguel Romero) entscheidet sich, den elterlichen Bauernhof zu verlassen und in den Norden nach Barcelona zu gehen, um dort Arbeit zu finden. Der staubige Boden in Andalusien genügt kaum, um seine Eltern mit dem Nötigsten zu versorgen, weshalb er hier für sich keine Zukunft mehr sieht. Doch in Barcelona bessert sich seine Situation nicht, denn junge Männer aus ganz Spanien, die wie er keinen Beruf gelernt haben, versuchen irgendeine Hilfsarbeit zu bekommen. Einzig über Arbeitsvermittler gelangen sie an einen Job, werden aber so schlecht bezahlt, dass es nur für eine Massenunterkunft und die tägliche Nahrung reicht.

Deshalb überlegt Miguel nicht lange, als er die Chance erhält, als Torero in der Stierkampf-Arena anzutreten. Nach ein paar Lehrstunden bei einem alten Stierkampflehrer (Pedro Basauri), wagt sich Miguel von den Zuschauerrängen in die Arena und kann sein Talent beweisen, bevor er überwältigt wird. Von einem Impresario (José Gómez Sevillano) unter Vertrag genommen, steigt er zu einem großen Star auf…


Gleißendes Sonnenlicht liegt über dem Stadion - bis zum letzten Platz gefüllt mit applaudierenden und johlenden Menschen. Der Torero sieht dem schon stark blutenden und von der langen Hetzjagd erschöpften Stier in die Augen, fasst ihn zwischen dessen Hörner und rückt ihn für den abschließenden Todesstoß zurecht. Sekundenschnell führt er ihn aus, trifft das kräftige Tier genau zwischen zwei Rückenwirbel bis die Klinge tief in dessen Herz eindringt. Fast regungslos nimmt der Stier diese Aktion hin, schüttelt sich und versucht noch einmal anzugreifen, doch dann gerät er ins Schwanken, seine Beine geben nach und sein massiger Körper fällt wie in Zeitlupe in den Staub.

Diesen Moment, in dem der Torero dem Stier in die Augen sieht, nennt der alte Stierkampf-Lehrer "Pedrucho" den "Augenblick der Wahrheit" - ein Ausdruck, der nicht nur als Titel für Francesco Rosis sechsten Film diente, sondern das gesamte Werk des am 10.01.2015 im Alter von 92 Jahren verstorbenen Regisseurs aufs trefflichste zusammenfasst, dessen Filme von der Suche nach dem "Augenblick der Wahrheit" bestimmt waren. Eine Intention, die auf seine künstlerische Prägung während der Hochphase des Neorealismus zurückzuführen ist, dessen Einfluss er spätestens mit "Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?, 1961) zu einem eigenständigen Stil wandelte, mit dem er versuchte, komplexe, von staatlichen wie kriminellen Interessensgruppen bewusst verfälschte Ereignisse mit größtmöglicher Objektivität zu analysieren. An seiner kritischen, linksgerichteten politischen Haltung gab es keinen Zweifel, aber diese trieb ihn dazu, einen Sachverhalt möglichst aus allen Perspektiven zu betrachten, um typischen Unterstellungen wie "linke Paranoia" die Grundlage zu nehmen.

Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner bis ins Detail forschenden Herangehensweise setzte er sich bei seinen Recherchen über den sizilianischen Banditen Salvatore Giuliano, der von seinen Landsleuten als Freiheitskämpfer betrachtet wird, und über den Industriekapitän Enrico Mattei ("Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972)) einer unmittelbaren Gefahr aus, obwohl deren Tod jeweils schon ein Jahrzehnt zurücklag. Ein Journalist, der als Letzter mit Mattei vor dessen Flugzeugabsturz gesprochen hatte, und am Drehbuch mitarbeiten sollte, wurde ermordet. Denn Francesco Rosi besaß ein untrügliches Gespür für die Aktualität seiner Stoffe, die er sowohl gegenwartsbezogen anfasste, wie in „Le mani sulla cittá“ (Hände über der Stadt, 1963), der sich mit Bauspekulanten und gefährlichen Baumängeln auseinandersetzte, als auch in der Historie verankerte, wie bei „Uomini contro“ (Bataillon der Verlorenen, 1970), der zwar im ersten Weltkrieg spielte, sich aber als Reaktion auf den Vietnam-Krieg verstand.

Diese vielfältige Art der Suche nach der Wahrheit lässt sich auf seine intensive Zusammenarbeit mit Luchino Visconti zurückführen, dem er bei dessen Filmen "La terra trema" (Die Erde bebt, 1948), "Bellissima" (1952) und "Senso" (Sehnsucht, 1954) assistierte. War „La terra trema“ - am authentischen Ort spielend und ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt - noch ganz dem frühen Neorealismus verpflichtet, erzählte „Bellissima“ eine Geschichte aus der italienischen Gegenwart der Nachkriegszeit und befasste sich „Senso“ mit den ein Jahrhundert zurückliegenden Ereignissen um die Gründung Italiens. Rosis frühe Filme „La Sfida“ (Die Herausforderung) und „I magliari“ (Auf St. Pauli ist der Teufel los, 1959) lassen diesen neorealistischen Einfluss noch spüren – mit professionellen Darstellern besetzt, bettete Rosi eine dramatische Handlung in ein realistisches Umfeld - sein erster Film als Regisseur „Kean: Genio e sregolatezza“ (Genie und Wahnsinn, 1956) war dagegen mehr das Werk seines Regie-Partners Vittorio Gassman.

Den deutschen Titel „Auf St. Pauli ist der Teufel los“ verdankte „I magliari“ (wörtlich „Die Teppichhändler) - die Story spielt inmitten der ersten italienischen Gastarbeiter in Deutschland - seinen Original-Aufnahmen von der Reeperbahn. Dieser dokumentarische Ansatz wurde ab „Salvatore Giuliano“ zu einem beherrschenden Prinzip in Rosis Filmen, denen heute das Etikett „Doku-Drama“ verliehen würde. Auch wenn Rosi nie wieder so puristisch wie in „Salvatore Giuliano“ inszenierte - in „Le mani sulla cittá“, „Il caso Mattei“ und „Lucky Luciano“ (1973) besetzte er die tragenden Rollen mit renommierten Darstellern (Rod Steiger, Gian Maria Volonté) - ist allen vier Filmen eine enge Verzahnung von Spielszenen, einer Vielzahl an Fakten und dokumentarischen Aufnahmen gemein, die vom Betrachter hohe Aufmerksamkeit und historische Vorkenntnisse verlangen, die zum Zeitpunkt des Kino-Releases eher vorausgesetzt werden konnten als heute. Vielleicht ein Grund, warum diese vielfach ausgezeichneten Filme inzwischen nur noch wenig bekannt sind. „Le mani sulla cittá“ sticht aus dieser Gruppe hervor, da er sich keiner realen Persönlichkeit widmete, sondern von den kommunalpolitischen Mechanismen um ein großes Bauprojekt handelt. Über diese spezifischen italienischen Themen hinaus betonte Francesco Rosi die generellen Aspekte der gesellschaftspolitischen Prozesse, weshalb sich seine Filme bis heute eine anhaltende Zeitlosigkeit bewahrt haben.  

Ab „Cadaveri eccellenti“ (Die Macht und ihr Preis, 1976), der auf einem Roman Leonardo Sciascias basiert, wandelte sich sein Stil zwar erneut, Rosi blieb seiner kritischen politischen Sichtweise aber treu. Filme wie "Cristo si è fermato a Eboli" (Christus kam nur bis Eboli, 1979) oder „Tre fratelli“ (Drei Brüder, 1981), die sich mit dem Mussolini-Faschismus oder dem Terrorismus der 70er Jahre auseinandersetzten, bettete Rosi wieder in eine dramatische Handlung. Dagegen erscheint „Carmen“ (1984), eine Film-Adaption der Bizet-Oper, wie etwas vollkommen Neues in Rosis Oevre. Doch das täuscht. 1967 hatte er mit „C‘era una volta…“ (Die schöne Isabella) ein farbenprächtiges Märchen mit Sophia Loren und Omar Sharif in den Hauptrollen auf die Leinwand gebracht, das in Fantasie und Leichtigkeit schwelgte, auch wenn Rosi gegenüber Produzent und Loren-Ehemann Carlo Ponti nicht ganz die von ihm beabsichtigte volkstümliche, obrigkeitskritische Ursprünglichkeit bewahren konnte. Angesiedelt war die Handlung im „Carmen“-Land Spanien – wie zuvor schon in „Il momento della veritá“, der inszenatorisch aus dem Rahmen fällt, seiner Suche nach der Wahrheit aber sehr nah kam.

„Il momento della veritá“ wurde nicht nur Rosis erster allein verantworteter Farbfilm, sondern kehrte sein semi-dokumentarisches Prinzip um. Erzählt wird die fiktive Geschichte eines jungen Mannes (Miguel Romero), der den Bauernhof seiner Eltern zurücklässt, um in der Stadt Arbeit zu finden. Doch die Konkurrenz ist groß. Jobs gibt es nur über Vermittler, die so viel vom Lohn einstreichen, dass gerade genug zum Leben bleibt. Zufällig lernt er einen ehemaligen Torero (Pedro Basauri) kennen, der jungen Männern den Stierkampf lehrt – eine der wenigen Chancen, der Armut zu entrinnen. Allerdings eine lebensgefährliche, die Miguel aber nicht davon abhält nach wenigen Lektionen von den Zuschauerrängen in die Arena zu springen und sich einem Stier zu stellen. Bevor er überwältigt werden kann, kann er die Zuschauer von seinem Talent überzeugen und erhält eine reguläre Chance, sich als Torero zu beweisen.

Einzig dieser Handlungsrahmen ist erdacht, unterstützt von wenigen Spiel-Szenen. Der größte Teil des Films ist Dokumentation pur – die staubige Landschaft Andalusiens, die armselige Situation der Arbeitssuchenden in Barcelona, die religiösen Prozessionen vor den Stierkämpfen und der intensiv-betörende Blick in die gefüllten Arenen. Dass es sich bei dem Hauptdarsteller Miguel Romero, genannt „Miguelino“, um einen echten, in Spanien sehr berühmten Torero handelte, war nur konsequent, denn der Film räumt den Stierkämpfen die meiste Zeit ein, beobachtet die traditionellen Abläufe genau und spart weder die Tötung der Tiere, noch die Angriffe auf die Menschen aus. Anders als in „Salvatore Giuliano“, in dem Rosi versuchte, die Vergangenheit möglichst real auf Basis von Zeitzeugen an Original-Schauplätzen nachzustellen, bildete er in „Il momento della veritá“ die Realität als Hintergrund einer erfundenen Story ab.

Zwar nahm Rosi durch Schnitt und Kameraführung Einfluss auf die Bilder, aber er bewahrte Distanz und forcierte keine Haltung. Die Kritik an der Franco-Diktatur blieb subtil und erschließt sich nur als Subtext einer Situation, die junge Männer dazu zwingt, den gefährlichen Job in der Stierkampf-Arena anzunehmen, um der großen Armut zu entkommen. Die vom Staat geförderten Massenspektakel benötigten ständig neue Kräfte, die sich vor allem aus den armen, ländlichen Gebieten rekrutierten. Auch der Stierkampf selbst wurde von Rosi nicht offensiv kritisiert. Zwar ließ er keinen Zweifel an der Qual der Tiere, aber die prächtigen Panorama-Bilder können auch die Faszination der Kämpfe vermitteln – vielleicht ein Grund dafür, warum der Film zu Unrecht in jeder Auflistung seiner besten Werke fehlt, von denen es fünf in die „Top 100“ der zu bewahrenden italienischen Filme nach Meinung einer Experten-Kommission schafften. Mehr als in jedem seiner anderen Filme, überließ es Francesco Rosi in „Il momento della veritá“ dem Betrachter selbst, sich eine eigene Meinung zu bilden, um darin einen „Augenblick der Wahrheit“ zu finden.

"Il momento della verità" Italien, Spanien 1965, Regie: Francesco Rosi, Drehbuch: Francesco Rosi, Pedro Beltrán, Ricardo Munoz Suay, Pere Portabella, Darsteller : Miguel Romero, José Gómez Sevillano, Pedro Basauri, Linda ChristianLaufzeit : 108 Minuten 

Die Filme von Francesco Rosi :

"Kean: Genio e sregolatezza“ (Zwischen Genie und Wahnsinn, 1956) Regie mit Vittorio Gassman
"La sfida" (Die Herausforderung, 1958)
"I magliari" (Auf St.Pauli ist der Teufel los, 1959) 
"Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?.1961) 
"Le mani sulla città" (Hände über der Stadt, 1963)
"Il momento della verità" (Augenblick der Wahrheit, 1965)
"C'era una volta..." (Die schöne Isabella, 1967)
"Uomini contro" (Bataillon der Verlorenen, 1970)
"Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972) 
"Lucky Luciano" (1973)
"Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976)
"Christo si è fermato a Eboli" (Christus kam nur bis Eboli, 1979)
"Tre fratelli" (Drei Brüder, 1981)
"Carmen" (1984)
"Cronaca di una morte annunciata" (Chronik eines angekündigten Todes, 1986)
"12 registi per 12 cittá" - Segment "Napoli" (1989)
"Dimenticare Palermo" (Palermo vergessen, 1990)
"Diario napoletano" (Dokumentation, 1992)
"La tregua" (Die Atempause, 1997)

Dienstag, 23. September 2014

Salvatore Giuliano (Wer erschoß Salvatore G.?) 1961 Francesco Rosi

Inhalt: 05.Juli 1950 - auf dem staubigen Boden in dem kleinen sizilianischen Dorf Castelvetrano liegt die Leiche eines Mannes. Während die Carabinieri geschäftsmäßig die äußeren Umstände aufnehmen und erste Zeugen vernommen werden, wächst die mediale Aufmerksamkeit rasant an – bei dem Toten handelt es sich um Salvatore Giuliano, einem seit Jahren gesuchten Banditen, der sich in den sizilianischen Bergen versteckte und auf dessen Konto eine Vielzahl an Morden, besonders auch an Polizisten, geht. Allerdings fallen den herbei geeilten Journalisten einige Ungereimtheiten auf. Der bei einem angeblichen Schusswechsel von Carabinieri getötete, von den Einheimischen als Held verehrte Mann liegt in keiner Blutlache und Zeugen erinnern sich an zeitlich weit auseinander liegende Schüsse.

Sieben Jahre zuvor hatte Giuliano erstmals fliehen müssen, nachdem er nach einem Diebstahl einen Polizisten erschossen hatte, und war zu einem gefürchteten Bandenchef aufgestiegen, bevor er von der sizilianischen Separatistenbewegung zum Offizier ernannt wurde. Er und seine Männer fühlten sich als Freiheitskämpfer, aber als die Bewegung nach dem Krieg an Kraft verlor, wendete sich das Blatt für sie...


Eine ganze Generation junger italienischer Filmschaffender wurde in den 40er Jahren durch den "Neorealismus" sozialisiert, dessen Einfluss sich in vielen ihrer späteren Werke nachvollziehen lässt. Beispielhafte Filme wie Pier Paolo Pasolinis "Accattone" (1961), Damiano Damianis "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) oder Elio Petris "I giorni contati" (1963) entstanden ganz im Geist des gesellschaftskritisch motivierten Realismus - Pasolini besetzte zudem größtenteils Laien, wie in den frühen neorealistischen Filmen üblich - aber Niemand entwickelte den Stil konsequenter weiter als Francesco Rosi, dessen "Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?) die fundamentale Tradition eines authentischen Handlungsorts unter Beteiligung der dort heimischen Bevölkerung aufnahm, um ein tatsächlich stattgefundenes Ereignis auf Basis von Zeugenaussagen nachzustellen.

Damit ging er über Luchino Viscontis Grundidee hinaus, bei dessen "La terra trema" (Die Erde bebt, 1948) Rosi erstmals assistierte. Visconti wollte mit einer erdachten Handlung an einem originalen Schauplatz die Gegenwarts-Realität dokumentieren, während sich Rosi einem zurückliegenden Geschehen widmete - der Tod Salvatore Giulianis, mit dem sein Film beginnt, lag zum Entstehungszeitpunkt schon mehr als 10 Jahre zurück. Trotzdem wäre es falsch, "Salvatore Giuliano" als historischen Film anzusehen, denn der Regisseur, der mit "Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972) und "Lucky Luciano" (1973) zwei ähnlich konzipierte Filme folgen ließ, betrachtete die Vergangenheit von einem gegenwärtigen Standpunkt aus, der unmittelbar von den damaligen Ereignissen beeinflusst wird.

Mit "Salvatore Giuliano" wählte er eine Figur, die exemplarisch für die Phase der letzten Kriegsjahre und folgende Nachkriegszeit in Italien steht, nicht nur für dessen Heimat Sizilien. Seine kriminelle Laufbahn ging einher mit der vorherrschenden Armut - auf der Flucht nach einem Diebstahl erschießt er einen Polizisten und wird zum gesuchten Outlaw - und sein Aufstieg zu einem Volkhelden, eine Art "Robin Hood", wäre ohne die widerstreitenden Machtinteressen nach dem Krieg nicht möglich gewesen. Erst als Freiheitskämpfer für ein unabhängiges Sizilien zum Befehlshaber ernannt, wird er fallengelassen, als die separatistische Bewegung politisch an Kraft verliert. Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, hinter denen auch die auf Sizilien omnipotente Mafia stand, unter deren Schutz sich Salvatore Giuliano lange Zeit befand, der nur so eine Vielzahl an Morden und Entführungen begehen konnte. Trotzdem wurde die Verantwortung für das 1947 begangene Massaker an Mitgliedern der kommunistischen Partei, die ihren Wahlerfolg im Kreis ihrer Familien feiern wollte - bekannt als das "Blutbad von Portella della Ginestra"  - gerichtlich allein Giuliano und seinen Männern zugesprochen - ein bis heute umstrittenes Urteil, da die Frage nach den Hintermännern nie geklärt wurde, obwohl konservativen Kräften der Aufstieg der KPI ein Dorn im Auge war.

Ähnlich strittig sind die Umstände des Todes Salvatore Giulianis, der angeblich bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei in den Straßen Castelvetranos am 05.Juli 1950 erschossen wurde, dessen Leiche aber trotz ihrer schweren Verletzungen nicht in einer Blutlache, sondern auf staubigem Boden vorgefunden wurde - offensichtlich nicht der tatsächliche Sterbeort. Die Inszenierung der polizeilichen Untersuchung zu Beginn und die damit verbundene mediale Aufregung wurde von Francesco Rosi mit einer pedantischen Genauigkeit nachgestellt, die keinen Zweifel an der Authentizität entstehen lassen sollte. Er vermied jede Spekulation, sondern schilderte die Ereignisse nur aus der Sicht von Zeugen und zu Akten gebrachten Aufzeichnungen. Der Widerspruch zwischen den angeblichen Todesumständen und den Zeugenaussagen entsteht von allein, ohne dass der Film die Ereignisse beurteilen muss.

Im Gegenteil sind Rosis aus dem Off gesprochene Sätze von größtmöglicher Neutralität, signifikant für einen fast technokratisch zu nennenden Stil, der prägend für seine semi-dokumentarischen Filme wurde. Während die frühen neorealistischen Filme aus ihrer dem linken politischen Spektrum nahestehenden Haltung kein Geheimnis machten und ihre Anklagen gegen damalige Missstände noch emotional betonten, zwang sich Francesco Rosi zu Zurückhaltung. Die Bewertung Salvatore Giulianos, der zu den meist beschriebenen Persönlichkeiten Italiens nach dem Krieg gehört, ging zwischen Verbrecher und Volksheld weit auseinander und ist nicht von den Interessengruppen – Politiker, Wirtschaftsbosse und Mafia - zu trennen, die ihn für ihre Zwecke instrumentalisierten. Auf welch vermintes Feld er sich damit Anfang der 60er Jahre begab, wird an den mehrfachen Morddrohungen deutlich, die er während der Dreharbeiten erhielt. Eine Erfahrung, die sich bei den Vorbereitungen zu "Il caso Mattei" zehn Jahre später wiederholen sollte.

Rosis Auseinandersetzung mit Salvatore Giuliano und Sizilien, verbunden mit den bedrohlichen Umständen seiner Regie-Arbeit, führten zu seinem Ruf als „Mafia“-Spezialisten, eine typische mediale Vereinfachung, die der tatsächlichen Tragweite seiner Filme nicht gerecht wird. Erst in dem mehr als 10 Jahre später entstandenen „Lucky Luciano“ stand die Mafia wieder konkret im Mittelpunkt – erneut stellvertretend für die Entwicklung Italiens nach dem Krieg - während Rosis folgender Film „Le mani sulla città“ (Hände über der Stadt, 1963) die manipulativen Vorgänge im Zusammenhang mit der Vergabe von Bauprojekten am Beispiel eines Stadtparlaments durchspielte, dabei bewusst auf die Verantwortung einer kriminellen Vereinigung verzichtend.

Auch Salvatore Giuliano spielt in dem nach ihm benannten Film nur eine untergeordnete Rolle. Eine logische Konsequenz, denn von dem sich jahrelang in den sizilianischen Bergen aufhaltenden Banditen existieren keine verlässlichen Aussagen. Die Interviews, die er Pressevertretern in seinem Versteck gab, dienten nur seiner heroischen Außendarstellung, weshalb sie für Rosi keinen Wert besaßen. Außer Salvo Randone als Vorsitzender Richter und Frank Wolff als Giulianos engstem Vertrauten Gaspare Pisciotta, der sich bei dem Ginestra-Mord-Prozess als dessen Mörder selbst bezichtigte, nachdem er mit den Carabinieri kollaboriert hätte – eine Aussage, deren Tragweite sich erst durch den minutiösen Beginn um das Auffinden der Leiche erschließt - besetzte Rosi nur Laien, darunter viele Zeitzeugen, die Salvatore Giuliano noch persönlich gekannt hatten. Dass der Prozess gegen die des Massakers von Ginestra beschuldigten Bandenmitglieder in der zweiten Hälfte des Films eine zentrale Position einnahm, war nur folgerichtig, da Rosi auf eine detaillierte Dokumentation zurückgreifen konnte und dem Betrachter auf diese Weise sowohl die widerstreitenden Aussagen, wie das abschließende Gerichtsurteil vor Augen führen konnte.

Gemeinsam mit Suso Cecchi D’Amico, Enzo Provenzale und Franco Salinas („La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier, 1966)) entstand auf Basis historisch verbürgter Abläufe, Zeugenaussagen und den Prozess-Akten ein Drehbuch, dass weniger die Frage nach dem Mörder Salvatore Giulianos stellte, wie es der deutsche Titel suggeriert, sondern mehr das Machtgeflecht hinter dieser Figur offenbarte, dass nur Opfer kennt – die sizilianische Bevölkerung, besonders aber die Männer, die sich an der Seite Giulianos als Freiheitskämpfer fühlten. Damit entzauberte Rosi auch den als Helden verehrten Salvatore Giuliano, dessen Rolle vor allem der Mafia und ihren Verbündeten diente, bis er als Zeuge für die tatsächlichen Hintergrunde des Attentats auf die KPI zu unbequem wurde. So sachlich sich Rosi dieser Thematik näherte und damit wenig Rücksicht auf jeweilige Befindlichkeiten nahm, wollte und konnte er seine subjektive Ansicht nicht verbergen, die sich schon in der sparsam eingesetzten Musik gleich zu Beginn andeutet – die Darstellung eines manipulativen, die Öffentlichkeit täuschenden bis in die Gegenwart andauernden mörderischen Systems.

"Salvatore Giuliano" Italien, Frankreich 1961, Regie: Francesco Rosi, Drehbuch: Francesco Rosi, Suso Cecchi D'Amico, Enzo Provenzale, Franco Salinas, Darsteller : Salvo Randone, Frank Wolff, Laufzeit : 118 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Rosi:

Mittwoch, 7. Mai 2014

Il sicario (Das bittere Leben) 1961 Damiano Damiani

Inhalt: Als er sich mit einem früheren Freund seines verstorbenen Vaters trifft, ahnt er noch nicht dessen Beweggründe. Während sie gemeinsam die vielen Stufen einer Treppe hinaufgehen, macht der alte Mann, ein reicher römischer Geschäftsmann, dem agilen Bauunternehmer (Sergio Fantoni) unmissverständlich klar, dass er seinen hohen Kredit in Kürze zurück erhalten will. Ihm ist klar, dass die Laufzeit noch ein Jahr beträgt, aber er droht damit, falls das Geld nicht pünktlich an ihn überwiesen wird, dessen verschwenderisches Leben, dass nur der gute Name seines Vaters ermöglicht hätte, öffentlich anzuprangern. Nur sein Tod könnte das verhindern, wie er im Spaß hinzufügt.

Schon längere Zeit befindet sich das Bauunternehmen am Rand des Ruins, konnte aber dank des Kredits ebenso am Leben gehalten werden wie der Luxus, den er seiner schönen Frau (Sylva Koscina) bieten kann. Zuerst sucht er noch nach einem legalen Ausweg, aber immer mehr konkretisiert sich der Gedanke, den der alte Mann selbst geäußert hatte - nur dessen Tod kann ihn noch retten. Nur benötigt er dafür einen unauffälligen, ihn von jedem Verdacht befreienden Täter...


Wie entscheidend der frühe Einfluss des Neorealismus, speziell in Persona des Drehbuchautors Cesare Zavattini, für Damiano Damianis Weg zum Filmregisseur war, wird an ihrer intensiven Zusammenarbeit bei seinen drei ersten Filmen deutlich. Nach "Il rossetto" (Unschuld im Kreuzverhör, 1960) schrieben sie noch gemeinsam die Drehbücher zu "Il sicario" (Das bittere Leben) und "L'isola di Arturo" (Insel der verbotenen Liebe, 1962), deren inszenatorische Anlage noch die Nähe zum neorealistischen Stil der 40er Jahre verriet, die aber inhaltlich in der Gegenwart Italiens Anfang der 60er Jahre angekommen waren. Zusammengefasst werden sie heute als "Trilogia psicologica" (Psychologische Trilogie) bezeichnet, da sie sich komplex mit den Auswirkungen der sich parallel zum Wirtschaftswachstum der 50er Jahre verändernden Sozialisation der Nachkriegsgesellschaft befassten.

Doch während sich der nach einem Roman Elsa Morantes entstandene "L'isola di Arturo" am Beispiel des Lebens auf einer abgelegenen Insel dem Zerfall archaischer Familienstrukturen widmete, erscheint "Il sicario" wie eine unmittelbare Fortsetzung zu "Il rosetto" - nicht nur wegen des gemeinsamen Handlungsortes Rom, sondern in der Steigerung des Verlusts moralischer Integrität. Handelten die Protagonisten in „Il rossetto“ noch emotional und spontan, um sich einen Vorteil zu verschaffen – die Geliebte, die die Hochzeit mit einer jungen Frau aus reichem Haus gefährdet, wird im Affekt getötet – entwickelten Zavattini und Damiani in „Il sicario“ eine realistische Ausgangssituation, die zwei Männer aus gegensätzlichen Schichten zum Erhalt ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Reputation in einen unaufhaltsamen Strudel zieht, der sie auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken lässt.

Der deutsche Titel “Das bittere Leben“ übernahm zwar nicht die Bedeutung des Originaltitels „Der Meuchelmörder“, spielte aber auf die Furcht der beiden Protagonisten an, ein solches Dasein erleiden zu müssen. Vielleicht sollte damit auch ein Bezug zu Cesare Zavattinis neorealistischer Vergangenheit hergestellt werden, aber mit den Zuständen nach dem Krieg hat das hier geschilderte Leben in Rom, Anfang der 60er Jahre, nichts mehr gemeinsam. Ging es nach ’45 um das nackte Überleben, hat die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs längst allgemeine Begehrlichkeiten geweckt. „Il sicario“ entfaltet das Szenario einer nach Konsumgütern lechzenden Gesellschaft, die versucht, den äußeren Schein zu wahren. Das verbindet den Bauunternehmer (Sergio Fontani) und den Auto-Mechaniker (Alberto Lupo), die jeweils unter dem Erwartungsdruck ihrer Umgebung, nicht zuletzt ihrer attraktiven Frauen (Sylva Koscina, Belinda Lee) und Kinder stehen - unabhängig davon, ob es sich um den Erhalt eines luxuriösen Lebens mit mondäner Villa oder den Erwerb eines Fernsehers und eines eigenen kleinen Autos handelt.

Der Auslöser für die Mordpläne liegt im Entzug einer großen Geldsumme, die das schwankende Kartenhaus des Bauunternehmers bedroht. Ein alter Freund des verstorbenen Vaters verlangt das geliehene Geld gegen die vertragsgemäße Abmachung innerhalb weniger Tage zurück – und droht damit, den über seinen wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden und vom Ansehen des Vaters profitierenden Unternehmer öffentlich zu diskreditieren, falls dieser nicht, wie von ihm gefordert, zurückzahlt. Geschickt bettet der Film dieses Szenario in Nebengeschichten, die den Druck auf den Protagonisten noch erhöhen. Ein befreundetes Paar der römischen High Society ist pleite und gezwungen, sich von Luxusgütern zu trennen, was die Frau des Bauunternehmers, die gerade erst ein teures Bild für die Innenausstattung ihres Hauses erworben hat, dazu bewegt, ihre Überlegenheit auch als Paar zu betonen. Dass sie sich schon mehrfach gegenseitig betrogen haben, wirkt angesichts der Bedeutung von Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen nebensächlich.

Im Vergleich zur Situation des Mannes, der in Vittorio De Sicas, ebenfalls nach einem Drehbuch Zavattinis entstandenen „Ladri di biciclette“ (Fahrraddiebe, 1948) am Ende selbst zum Dieb wird, sind selbst die ärmlichen Voraussetzungen des Automechanikers von gediegener Solidität. Er hatte sich finanziell übernommen, saß schon ein paar Monate wegen Diebstahls im Gefängnis, und will nicht, dass seine Frau als Bardame für den Familienunterhalt sorgt. Er hatte früher einmal für den Bauunternehmer gearbeitet, weshalb sich dieser an ihn erinnert, als er nach einem geeigneten Täter für seinen Mordanschlag sucht. Diese Suche nutzte Damiani für tiefere Einblicke in eine Gesellschaft, die nur nach schnellem Erfolg zu streben scheint. Der ebenfalls vom Neorealismus geprägte Regisseur und Gelegenheitsdarsteller in seinen eigenen Filmen Pietro Germi („Divorzio all’italiana“ (Scheidung auf Italienisch, 1961) ließ es sich nicht nehmen, nach „Il rossetto“ ein zweites Mal unter der Regie Damianis zu spielen – diesmal einen glücklosen Spieler.

In „Il rossetto“ wurden die Protagonisten nicht nur als Täter, sondern gleichzeitig als Opfer einer sich wandelnden Sozialisation charakterisiert, in „Il sicario“ trieben es Damiani und Zavattini damit zynisch auf die Spitze, als ob der Erhalt wirtschaftlicher Prosperität eine Frage von Leben und Tod wäre. Die in der ersten Hälfte des Films entstehende Drohkulisse ist von solcher Intensität - auch dank der ausgezeichneten Darsteller - dass sie zwangsläufig auf einen Mord als einzige Lösung hinauszuführen scheint. Im Vergleich zu den fatalistischen Konsequenzen seiner 70er Jahre Polit-Thriller, gestand Damiani den Tätern noch Schuldgefühle und Selbstzweifel zu, die einen Rest an moralischer Instanz vermitteln können, aber innerhalb der „Trilogia psicologica“ hinterlässt das hier ausgebreitete, bis heute zeitlose Gesellschaftsszenario den pessimistischsten Eindruck, da es über keine positiv besetzte Figur verfügt. Als der Bauunternehmer seiner Ehefrau seinen Plan gesteht, weshalb er mit ihr per Zug eine Reise in den Süden antrat, um ein überzeugendes Alibi zu erhalten, offeriert er ihr kurz, dass er seinen Handlanger bei einem Zwischenhalt noch zurückhalten könnte, wenn sie es verlangt – sie lässt die Gelegenheit verstreichen und bezeichnet ihn als „widerlich“. Doch „widerlich“ ist nur, dass er sie eingeweiht hatte und damit in eine Tat einbezieht, deren Auswirkungen sie nur allzu gerne in Anspruch nimmt.

"Il sicario" Italien 1961, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Cesare ZavattiniDarsteller : Belinda Lee, Silva Koscina, Sergio Fantoni, Alberto Lupo, Pietro Germi, Laufzeit : 106 Minuten

Dieser rare Film war Eröffnungsfilm des zweiten Tages beim 1. Festival des italienischen Genre-Filmfestivals "Terza Visione" in Nürnberg vom 25. bis 27.04.2014

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.