Inhalt: Die
17jährige Francesca (Catherine Spaak) erwacht mit einem seltsamen Gefühl am
Morgen. Sie hatte intensiv von Enrico (Christian Marquand) geträumt, einem 20
Jahre älteren Architekten, in den sie sich verliebt hat. Ihr Bruder Eddy
(Oliviero Prunas) denkt dagegen an den Nachmittag, an dem er mit Freunden eine
Ausfahrt nach Frascati mit ihren Autos machen will. Francesca ist noch nicht
klar, ob sie mit ihm fahren will, aber sie weiß, dass sie auf die Schule
definitiv keine Lust hat.
Stattdessen geht sie zu Enrico, der im Zentrum von Rom lebt und besucht ihn, immer noch verwirrt von ihren nächtlichen sexuellen Emotionen. Doch Enrico, der parallel mit einer eifersüchtigen Freundin telefoniert, gelingt es nicht, sich auf Francesca einzulassen, weshalb sie kurzerhand entscheidet, doch in die Schule zu gehen...


Mit der Realität des italienischen Alltags haben diese Szenen wenig gemeinsam,
aber das täuscht, denn Lattuada benötigte diese ästhetische Optik, um sich
einem Lieblingsthema nähern zu können – der Sexualität. Schon in seiner Episode
„Gli Italiani si voltano“ in „L’amore in città“ (Liebe in der Stadt, 1953)
beobachtete er den schönen weiblichen Körper, genauso wie die sich daraus
ergebenden Reaktionen der Männer, in „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954)
konfrontierte Lattuada sein Publikum mit der Geschichte über eine ehemalige
Prostituierte, deren Vorleben an ihrem Urlaubsort bekannt wird, und in
„Guendalina“ (1957) inszenierte er mit der damals 17jährigen Jacqueline Sassard
erstmals eine sehr junge Darstellerin, was ihn zum „Entdecker junger Mädchenblüte“
(Corriere della sera) werden ließ, einem wenig vorteilhaften Ruf, den er sich
bis zu einem seiner letzten Filme „Cosi come sei“ (Bleib wie du bist, 1978),
mit dem er die damals 17jährige Nastassja Kinski international bekannt werden
ließ, bewahrte. In „I dolci inganni“ wurde seine Vorliebe für sehr junge
Darstellerinnen zum Anlass für einen veritablen Skandal, nicht nur weil die
Hauptdarstellerin Catherine Spaak damals erst 15 Jahre alt war, sondern weil
Lattuada seinen Film offensiv sexuell gestaltete.
Allein die ersten Minuten, in denen die Kamera die erwachende Francesca
(Catherine Spaak) genau beobachtet, ihren verklärten und gleichzeitig
verwirrten Gesichtsausdruck dokumentiert, ihren Körper umschmeichelt, ihre
Selbstberührungen zeigt - dabei ihre Brüste durchschimmern lassend - bis sie
sich räkelnd in ihrem knappen Pyjama erhebt, erfüllten jede schwülstige
Männerfantasie, hätte Lattuada diese Szene nicht gleichzeitig in seiner klaren,
ästhetischen Bildsprache inszeniert. Äußerlich beginnt damit der Tag, an dem
sie ihre Sexualität entdeckt - von dem deutschen Filmtitel „Süße Begierde“
zusätzlich noch betont - inhaltlich aber geht es um Selbstständigkeit und
Befreiung, im weiteren Sinn um weibliche Emanzipation. „I dolci inganni“
bezeichnet wörtlich „die süßen Betrüger“ und vermittelt damit ein Verhalten,
dass sich den Erwartungshaltungen an die weibliche Rolle entzieht.


Es ist nicht die Story selbst, sondern die Nuancen im Verhalten untereinander, die den Film nicht altmodisch wirken lassen, obwohl die Konzentration auf die Sexualität heute nicht mehr als Provokation verstanden werden kann. Die Oberfläche eines luxuriösen Lebens wird dabei mehrfach gebrochen, ohne das Lattuada damit dramatisieren oder Kritik daran üben will. Viel mehr geht es um generelle Muster, die sich auf allen Ebenen abspielen und denen sich niemand entziehen kann.
Der am Morgen noch ignorante Enrico nimmt, nachdem diese ihm am Abend ihre
Liebe offeriert hatte, die Position eines verantwortungsvollen Mannes ein, der
ihre Beziehung gesellschaftlich legitimieren will. Dass es zum Sex zwischen
ihnen kommt, liegt einzig an ihr. Er sprach im Gegenteil davon, noch ein Jahr
bis zu ihrem 18. Geburtstag warten zu wollen – die Selbstverständlichkeit ihrer
Jungfräulichkeit voraussetzend. Diese Wendung lässt ihn seine Verantwortung für
sie noch aufgeregter betonen, während sie ganz entspannt, fast erwachsener als
der ältere Mann wirkt. Sie ist keine „Femme fatale“ und sie verstößt ihn auch
nicht, aber sie lässt ihr weiteres Handeln offen. Die Erfahrung der Sexualität
hat sie befreit und Lattuada entlässt sie mit einem sanften Lächeln in ihrem
Gesicht. Mit diesem selbstbewussten, unabhängigen Ende verstieß der Film gegen
die damaligen moralischen und gesellschaftlichen Regeln, aber auch im Vergleich
zu populären Filmen der Gegenwart wirkt er nicht nur wegen seiner Ästhetik
immer noch modern.
"I dolci inganni" Italien, Frankreich 1960, Regie: Alberto Lattuada, Drehbuch: Alberto Lattuada, Franco Brusati, Claude Brulé, Darsteller : Catherine Spaak, Jean Sorel, Christian Marquand, Juanita Faust, Milly, Laufzeit : 95 Minuten
weitere im Blog besprochene Filme von Alberto Lattuada:
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