In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Freitag, 14. Dezember 2012

Appassionata 1974 Gianluigi Calderone


Inhalt: Während die Freundinnen Eugenia (Ornella Muti) und Nicola (Eleonora Georgi) gemeinsam Hausaufgaben machen, werden sie wieder Zeuge, wie Eugenias Mutter Elisa (Valentina Cortese) sich beim Klavierspielen ihren immer heftiger werdenden Emotionen hingibt, bis die Haushälterin sie stoppt. Besonders Eugenia ist von ihrer Mutter genervt, die sie wegen ihrer ständigen Gefühlsschwankungen für verrückt hält. Dagegen liebt sie ihren Vater Dr.Emilio Rutelli (Gabriele Ferzetti) abgöttisch, den sie entsprechend begeistert begrüßt als er nach Hause kommt.

Auch Nicola scheint von Dr.Rutelli sehr angetan zu sein, denn unter dem Vorwand einer Untersuchung besucht sie ihn in seiner Zahnarztpraxis, um ihn nach der Verabreichung einer Betäubungsspritze zu verführen. Er reagiert irritiert und glaubt, es läge an dem neuen Mittel, da sie nach ihrem Erwachen nichts mehr von ihrer Aktion zu wissen scheint, fühlt sich aber geschmeichelt. Gegenüber seiner Frau, die ihn mit ihren übermäßigen Liebesbekundungen dagegen überfordert, plagt ihn sein schlechtes Gewissen, da sie ihre Karriere als Pianistin für ihn aufgegeben hatte. Doch die kurze Erfahrung mit Nicola lässt ihm keine Ruhe…


"Appassionata" war der erste Film des damals 30jährigen Regisseurs Gianluigi Calderone, der zuvor als Assistent an dem Episodenfilm "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969) mitgearbeitet hatte, und der so nur in der ersten Hälfte der 70er Jahre entstehen konnte. Verglichen wurde "Appassionata" seinerzeit mit den Filmen Salvatore Samperis, der seine erotischen Geschichten ("Malizia" (1973), an dessen Drehbuch Co-Autor Alessandro Parenzo ebenfalls mitgearbeitet hatte) aus einem atmosphärisch stimmig entworfenen, historischen Kontext erzählte. Ähnlichkeiten lassen sich hinsichtlich des weichen, indirekten Lichts feststellen, auch die üppige, an Farben reiche Ausstattung der Villa erinnert an Samperi, aber Calderones Film spielte stattdessen in der italienischen Gegenwart in Rom.

Im Zuge des sexuellen Wandels, Ende der 60er Jahre, hatte die Darstellung von Sexualität im Film zugenommen, aber sein Schmuddel-Image noch nicht abgelegt. Deshalb wurde versucht, die Nacktheit der Darstellerinnen in einen seriösen Kontext zu bringen, obwohl kein Zweifel daran bestehen konnte, dass erst der damit verbundene Skandal den Reiz und damit die Werbewirksamkeit dieser Filme ausmachte. Allein die Besetzung der beiden weiblichen Hauptrollen mit der damals 19jährigen Ornella Muti und der wenig älteren Eleonora Georgi, die zwei befreundete 16jährige Schülerinnen spielen, war eine gezielte Maßnahme, denn an Schönheit waren sie nur schwer zu übertreffen. Aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, dass sich dieses Image bis in die Gegenwart gehalten hat, obwohl die wenigen Momente der Nacktheit sehr dezent integriert wurden und der Film eine darüber hinaus gehende eigenständige Szenerie entwickelte.

Zur Entstehungszeit des Films war es in Italien keineswegs üblich, dass die weibliche Jugend selbstbewusst ihre eigene Sexualität ausübte, schon gar nicht in den gehobenen Kreisen, zu denen die Diplomatentochter Nicola (Eleonora Georgi) und ihre Freundin Eugenia (Ornella Muti), Tochter des Zahnarztes Dr. Emilio Rutelli (Gabriele Ferzetti), gehören. Dessen harsche Reaktion, als er ein Telefonat mit anhört und von den angeblichen Amouren seiner Tochter erfährt, ist absolut authentisch, denn ein Vater achtete auf die Jungfräulichkeit seiner Tochter. Ihr dabei das Oberteil einzureißen und damit ihre Brust freizulegen, bedeutete einen gewünschten Nebeneffekt für den Betrachter, war letztlich aber nicht weniger verlogen als die moralische Haltung des Vaters.

Ähnlich wie in vielen erotischen Filmen dieser Phase, kommt es auch in "Appassionata" zu keinen sexuellen Kontakten zwischen Gleichaltrigen. Dahinter verbirgt sich noch die stark von der katholischen Kirche bestimmte Moral, dass nur in der Ehe sexuelle Handlungen vollzogen werden sollten, weshalb bewusst Konstellationen für die ersten Erfahrungen gewählt wurden, die als legitime Verbindungen nicht in Frage kamen. Üblicherweise wurden sie aus der männlichen Sicht betrachtet, da es für den zukünftigen Patriarchen selbstverständlich war, eine Jungfrau zu heiraten, er aber sein aufblühendes sexuelles Verlangen schon früher befriedigen wollte. Ob in "Malizia" das Hausmädchen, in "L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975) die Lehrerin oder in "Lezioni private" (1975) die Klavierpädagogin - immer waren es attraktive ältere Frauen, die den jungen Männern sexuell zu Diensten waren.

Dagegen entwickelt "Appassionata" seine Story aus der Sicht zweier selbstbewusster weiblicher Teenager, weshalb der Film in seiner Anlage irritierte. Einerseits sollten Muti und Georgi mit ihrer Optik die voyeuristischen Bedürfnisse männlicher Betrachter befriedigen, andererseits agieren sie keineswegs wie willfährige Objekte. Den beiden Jungschauspielerinnen wurden zudem mit Gabriele Ferzetti und Valentina Cortese zwei renommierte Darsteller an die Seite gestellt, die stimmig das Abbild eines Ehepaares mittleren Alters wiedergeben, dessen Konstellation seine Gültigkeit bis heute bewahrt hat. Während ihr Mann seinem Beruf als Zahnarzt nachging, verzichtete die Pianistin auf ihre Musik-Karriere, ganz im Sinn der klassischen Rollenverteilung. Valentina Cortese spielt überzeugend eine Frau um die 50, die in ihre eigene Falle getappt ist. Ihre emotionalen Schwankungen gelten als Anzeichen einer Depression, weshalb sie im Auge ihres Mannes, aber besonders ihrer Tochter, stets am Rande der Einlieferung in ein Sanatorium für psychisch Kranke steht.

Doch ihr Mann agiert nicht souveräner, auch wenn er im gesellschaftlichen Sinn funktioniert. Er bemüht sich um seine Frau, kann aber mit ihren Ausbrüchen nicht umgehen, weshalb er sehr empfänglich auf Nicolas Verführungskünste reagiert, die ihn in wilden Fantasien verfolgen. Zwischen Nicola und Eugenia, die ihren Vater mit nicht weniger erotischer Energie um den Finger zu wickeln versucht, scheint ein Wettkampf um die Gunst des älteren Mannes zu entstehen, weshalb die Freundinnen zunehmend in Streit geraten, aber das täuscht. Nicht Dr. Rutelli bestimmt das Handeln, sondern die beiden jungen Frauen dosieren ihre Zuneigung ganz nach ihrem Belieben, auch im Umgang mit Eugenias Mutter.

Seltsamerweise wird das Verhalten von Eugenia und Nicola häufig negativ bewertet, obwohl sie in ihrem pubertären Austesten der eigenen Möglichkeiten nicht anders agieren als ihre männlichen Pendants. Dabei ist es die Schwäche der Erwachsenen, die ihnen ihre Überlegenheit erst ermöglicht. Doch während die Mutter spät noch eine konsequente Haltung beweist, ist es der Vater, der zum eigentlichen Objekt wird. Indem "Appassionata" am Ende nicht deutlich werden lässt, ob und mit wem der sexuelle Akt tatsächlich stattfindet - man sieht nur wie Nicola hinein geht und wie Eugenia am Morgen nackt das Bett ihres Vaters verlässt - gesteht der Film dem Mann keinen Erfolg zu. Das letzte Bild gehört entsprechend den Freundinnen, die wieder vereint fröhlich davon gehen - eine selten gelungene emanzipierte Konstellation trotz der voyeuristischen Absichten des Films.

"Appassionata" Italien 1974, Regie: Gianluigi Calderone, Drehbuch: Gianluigi Calderone, Allessandro Parenzo, Domenico Rafele, Darsteller : Ornella Muti, Eleonora Giorgi, Gabriele Ferzetti, Valentina Cortese, Ninetto Davoli, Laufzeit : 92 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.