Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
Posts mit dem Label Umberto Orsini werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Umberto Orsini werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 6. Dezember 2016

Roma bene (Roma bene - Liebe und Sex in Rom) 1971 Carlo Lizzani


Silvia Santi (Virna Lisi) will ihren Ohrring von Baron De Vittis zurück
Inhalt: Ein Sommer-Abend in Rom. Langsam füllt sich der Palazzo der Familie Santi mit Gästen, die den Abend bei Musik, Alkohol, Drogen und angenehmen Gesprächen ausklingen lassen wollen. Auch für weitere Vergnügungen wie Glücksspiel und Sex ist gesorgt. Während Commissario Tartamella (Nino Manfredi) das Eintreffen der Schönen und Reichen von Rom beobachtet, trifft auch Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) ein, der sich ein paar Lire von einem Gast geben lässt, um den Taxi-Fahrer zu bezahlen. Der Baron ist zwar notorisch klamm, aber die „gehobene“ Gesellschaft schmückt sich gerne mit einem Mitglied des alten Adels. 

Commissario Tartamella (Nino Manfredi) erträgt die Situation mit Humor
Wie zu erwarten war, muss sich der Commissario später noch um den als Kleptomanen bekannten Baron kümmern, denn dieser hatte ausgerechnet den wertvollen Ohrring der Hausherrin Silvia Santi (Virna Lisi) gestohlen und gleich herunter geschluckt. Zwar muss Di Vittis mit auf die Wache, bis der Ohrring wieder auftaucht, aber weitere Konsequenzen zieht sein Vergehen nicht nach sich. Bei der nächsten Party ist er wieder mit dabei. Ähnlich großzügig legen auch die übrigen Gäste die Gesetze für sich aus, die je nach Situation zu eigenen Gunsten ausgelegt werden. Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) nutzt ihre Attraktivität für die Beeinflussung von Politikern, Andere gehen weniger dezent vor… 


Der deutsche Verleih fügte Carlo Lizzanis Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana" noch die Worte "Liebe und Sex in Rom" hinzu. An welcher Stelle im Film die Texter des deutschen Titels die "Liebe" vermuteten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte man damit Lizzanis Film mehr Richtung sexy Komödie und damit Publikumsaffinität rücken. Gemessen am prominenten Cast, der hier vor der Kamera agierte und den unzweifelhaft vorhandenen Schauwerten, dürfte das nicht gelungen sein, denn "Roma bene" ist heute nahezu unbekannt.

Carlo Lizzanis Film steht trotz seiner freizügigen Optik und seines authentischen Zeitkolorits Anfang der 70er Jahre noch für die Vergangenheit der "Commedia all'italiana". Ein nur wenig kaschierter Episodenfilm im Geist der 60er Jahre - provokativ, zynisch und gesellschaftskritisch, aber Anfang der 70er Jahr nicht mehr "up-to-date". Aus heutiger Sicht hat sich das geändert - eine empfehlenswerte Wiederentdeckung. 


Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen. 
(aus „Die göttliche Komödie“, 19. Gesang von Dante Alighieri)

Principessa und Prince Marescialli (Senta Berger und Umberto Orsini)
Nur die Flucht in literarische Höhen lässt Commissario Tartamella (Nino Manfredi) eine Umwelt ertragen, mit der er täglich konfrontiert wird – die Schönen und Reichen von Rom. Ein Haufen korrupter und eitler Selbstdarsteller, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Moral, Respekt vor Anderen oder den Gesetzen des Landes? - Fehlanzeige. Als Polizist bleibt ihm nur wenig Handlungsspielraum. Er darf zwar den verarmten Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) verhaften, bis dieser den wertvollen Ohrring von Silvia Santi (Virna Lisi) auf der Wache wieder ausgeschieden hat – wegen seiner adligen Herkunft ist der notorische Kleptomane ein gern gesehener Gast auf den diversen Feierlichkeiten – , aber darüber hinaus kann er trotz klarer Beweislage Niemanden überführen. Weder bei einer vorgetäuschten Kindesentführung, noch bei Gatten-Mord. Die Beziehungen der Beschuldigten reichen bis in höchste politische Kreise. 

„Arme brauchen einen Grund zu feiern, Reiche haben immer Party“ 

Giorgio Santi (Phillippe Leroy) macht Geschäfte mit China
sind die ersten Worte des Commissario auf die Frage seines Adjutanten, aus welchem Anlass gerade zahlreiche Gäste mit ihren Luxus-Karossen vor einem römischen Palazzo vorfahren. Von oben betrachtet sieht Rom in der abendlichen Dunkelheit sehr friedlich aus. Die Silhouette des Kolosseum thront zwischen dem Lichtermeer, während ein von Luis Bacalov komponierter Song melancholisch erklingt. Alles „bene“ in Rom? – Zumindest für die fröhliche Gesellschaft im Hause Silvia Santi, deren Mann Giorgio (Philippe Leroy) gerade geschäftliche Kontakte mit China eingefädelt hat. Sexuelle Revolution und linke Ideologie lassen sich elegant mit Kapitalismus und Dekadenz kombinieren. Entsprechend ausgelassen wird gefeiert, während im intimen Rahmen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen und die nächste Sex-Affäre eingeleitet werden.

Ein Hoch auf Mao - Baron De Vittis (Vittorio Caprioli)
Ähnlich illustre wie die hier versammelte Gesellschaft war auch die Schauspielergarde, mit der die italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Leitung von Carlo Lizzani aufwarten konnte, der seine zynische Komödie zudem ganz zeitgemäß mit viel Erotik würzte. Leider ohne den gewünschten Erfolg. Trotz bester Voraussetzungen geriet „Roma bene“ schnell in Vergessenheit, denn wirklich neu war nichts an Lizzanis Werk. An kritischen Kommentaren über die sogenannte „bessere“ Gesellschaft hatte es im italienischen Film zuvor ebenso wenig gefehlt, wie an einer ironischen Aufarbeitung der sexuellen Liberalisierung und der Protestbewegung. Besonders der ab Mitte der 60er Jahre in Italien intensiv gepflegte Episodenfilm (siehe "L'amore in città und die Folgen") war früher Mittelpunkt respektloser und gesellschaftskritischer Statements einer Vielzahl italienischer Filmkünstler. Auch Carlo Lizzani hatte als Regisseur in den 60er Jahren an drei Episodenfilmen (zuletzt "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)) mitgewirkt.

Wilma Rappi (Michèle Mercier) mit ihrer Geliebten (Annabella Incontrera)
Der gesamte Cast liest sich wie ein „Who is who“ des Episodenfilms und der aufkommenden „Commedia sexy all’italiana“. Vittorio Caprioli führte früh Regie bei „I cuori infantri“ (1963) und wurde als Schauspieler quasi omnipräsent im erotischen Film ("L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)). Senta Berger hatte in „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) ebenso unter Komödien-Spezialist Pasquale Festa Campanile gespielt wie Episodenfilm-Dauergast Nino Manfredi in "Adulterio all'italiana" (Seitensprung auf Italienisch, 1966). Auch Virna Lisi ("Le bambole" (Die Puppen, 1965)), Michèle Mercier („I nostri mariti“ (Unsere Ehemänner, 1966)), Gastone Moschin ("Le fate" (Die Gespielinnen, 1966)) und Philippe Leroy („L’idea fissa“ (Wenn das die Männer wüssten, 1964)) gehörten zur regelmäßigen Besetzung im Episodenfilm. Und mit Ely Galleani („La dottoressa sotto il lenzuolo“ (Der Kleine mit der großen Schnauze, 1976)), Margaret Rose Keil („Il decamerone proibito“, 1972) und Malisa Longo („La bella Antonia, prima Monica e poi Dimonia“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972)) zeigten sich in „Roma bene“ schon attraktive kommende Darstellerinnen der „Commedia sexy“.

Den Eindruck einer Art Bestandsaufnahme der 60er Jahre betonte noch die Anlage des Films, der seinen episodenhaften Charakter nur wenig verbarg. Zwischen der Eingangs- und Endsequenz, in der die Darsteller-Riege jeweils zusammen kommt, werden die wenig schmeichelhaften Worte des Commissario zu Beginn mit einzelnen Stories untermauert. Zuerst setzte Carlo Lizzani die Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) ins Bild bei ihrem sexuellen Einsatz für ein großes Immobilienprojekt. Nach mehreren Bettgeschichten, die die Planung voranbringen, läuft ein Abendessen mit einem einflussreichen Politiker nicht wie vorgesehen. Statt Dede erweist sich ihr Mann Rubio (Umberto Orsini) als größere Attraktion, der in diesem Fall den Job übernimmt. Abgesehen von der unlauteren Einflussnahme die sympathischste Episode – ein Gradmesser, der zunehmend abnimmt.

Nino Rappi (Franco Fabrizi) wird bei Santi das Frühstück serviert
Beginnt die Geschichte um das Ehepaar Wilma und Nino Rappi (Michèle Mercier und Franco Fabrizi) noch komisch, als sie ihn in einem Edel-Bordell erwischt und ihm die Hölle heißmacht, ohne dass er ahnt, dass sie eine lesbische Beziehung mit dessen bevorzugter Prostituierten (Annabella Incontrera) hat, gleiten die einzelnen Episoden zunehmend in bösartigere Gefilde. Bei dem Versuch des zuvor gescholtenen Ehemanns Rappi, in die China-Connection des Industriellen Giorgio Santi einzusteigen, stirbt er in der Sauna an Herzversagen. Den tagelangen Marathon aus sportlicher Betätigung und Gruppensex, bei dem er an der Seite des durchtrainierten Santi mitmachen musste, überlebte der korpulente Mann nicht. Seiner Witwe ringt das keine Träne ab. Im Gegensatz zu Irene Papas als griechische Millionärs-Gattin Elena Teopoulos, die aus Anlass des Todes ihres reichen Ehemanns eine klassische Tragödie aufführt.

Noch lebt ihr Gatte (Mario Feliciani und Irene Papas)
Womit sie Commissario Tartamella aber nicht täuschen kann, der den gemeinschaftlich mit ihrer Mutter ausgeführten Mord sofort durchschaut. Unternehmen kann er ebenso wenig, wie bei der durch die verwöhnten Santi-Kinder Vivi und Lando (Ely Galleani und Dado Crostarosa) mit Hilfe der Mutter inszenierten Selbst-Entführung, mit der sie ihren Vater um Kleingeld für ihre Spielsucht und Shopping-Gelüste erleichtern wollten. Der Commissario durchkreuzt ihren Plan, aber der reiche Papa verzichtet großzügig auf eine Bestrafung, auch um negative Schlagzeilen zu verhindern. Mit dem Knaben, der auf einem Jagdausflug statt auf Enten auf Menschen schießt, bekommt er gar nicht erst etwas zu tun. Weniger kriminell, mehr entlarvend ist die Episode um einen Kardinal (Gaston Moschin), der ein Doppelleben führt. Schwerreich im Ölgeschäft tätig und ebenfalls an der China-Connection interessiert, führt er ein angenehmes Dasein zwischen Privatyacht und Vatikan. Fließend gelingt ihm der Übergang zwischen dem Absetzen der Geliebten per Ferrari und dem Einstieg als „Il monsignore“ in den Chauffeur gesteuerten Dienst-Mercedes.

Il monsignore (Gastone Moschin) im Ferrari mit der Principessa
Provokativ war das 1971 allemal, gehörte aber zum guten Ton im italienischen Episodenfilm. Noch im späten "I nuovi mostri" (Viva Italia, 1977)) wurde die Verlogenheit der katholischen Kirche genüsslich zelebriert. Einzig mit der abschließenden, alle noch lebenden Protagonisten zusammenführenden Sequenz, betrat Carlo Lizzani Neuland. Er bestrafte sie. Versammelt, um sich nach erfolgreichen Wochen hemmungslos zu vergnügen, vergessen sie einen Moment, dass sie ohne Personal auf der Yacht des Monsignore im Mittelmeer kreisen, der als Einziger neben Giorgio Santi noch anderweitig beschäftigt ist. Als sie von der Sonne erhitzt alle gemeinsam von Bord springen, um ein kühles Bad zu nehmen, stellen sie zu spät fest, dass Niemand die Leiter herunter gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden, die die Realität ironisch bis sarkastisch zuspitzten, wirkt die abschließende Szene wie reines Wunschdenken.

Verzweifelter Versuch zurück an Bord zu kommen
Tatsächlich symbolisierte sie die Verlorenheit des Einzelnen auch innerhalb dieser scheinbar glücklichen Gemeinschaft. Der Kardinal und der mit dem Privat-Jet herüberfliegende Santi hätten sie retten können, aber sie waren nur mit sich selbst beschäftigt, ohne Interesse an ihren Freunden und Verwandten. Minutenlang zeigt der Film die zunehmend Verzweifelten bei ihrem Versuch noch irgendwie auf das Schiff zu gelangen, während zwei leere Cocktail-Gläser über das hölzerne Deck kullern. Am Ende treibt Jeder im Wasser für sich allein. Auf den Punkt gebracht, als Baron De Vittis die einzelnen Namen ruft und sie jeweils mit „anwesend“ antworten. Ins Tragische will diese Situation nach den zuvor gezeigten Ereignissen nicht abkippen, Schadenfreude bereitet sie aber auch nicht. Ein zwiespältiges, zum Nachdenken anregendes Ende, das Lizzanis Film auch nicht mehr retten konnte, dessen launig böse Abrechnung mit den „Schönen und Reichen“ für das damalige Publikum offensichtlich zu spät kam. Für 1971 mag das gegolten haben, aus heutiger Sicht hat „Roma bene“ dagegen wieder an Aktualität gewonnen. 

"Roma bene" Italien, Frankreich, Deutschland 1971, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Nicola Badalucco, Edith Bieber, Luciano VincenzoniDarsteller : Nino Manfredi, Senta Berger, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Franco Fabrizi, Virna Lisi, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Umberto Orsini, Irene Papas, Annabella Incontrera, Malisa Longo, Ely GalleaniLaufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Dienstag, 13. November 2012

La caduta degli dei (Götterdämmerung) (Die Verdammten) 1969 Luchino Visconti


Inhalt: Das Oberhaupt der Industriellenfamilie Von Essenbeck (Albrecht Schönhals) feiert seinen Geburtstag, zu dem seine Verwandten alle zusammenkommen. Bevor sie sich am Esstisch versammeln, haben die jüngsten Familienmitglieder etwas für den Großvater vorbereitet, dass sie im hauseigenen Theatersaal vorführen wollen. Die beiden kleinen Töchter seines Neffen Herbert Thallmann (Umberto Orsini) und dessen Frau Elisabeth (Charlotte Rampling) tragen ein Gedicht vor, sein Enkelsohn Günther (Renaud Verley) spielt Cello, was dessen Vater Konstantin (Reinhard Koldehoff) nur wenig erfreut, und sein zweiter Enkelsohn Martin (Helmut Berger), einziges Kind von Sophie von Essenbeck (Ingrid Thulin), beginnt mit einer Travestie-Gesangsnummer.

Inzwischen war auch sein Betriebsleiter Frederick Bruckmann (Dirk Bogarde) in Begleitung des zivil gekleideten SS-Mannes Aschenbach (Helmut Griem) eingetroffen, weshalb er Zeuge wird, wie Martins Aufführung jäh unterbrochen wird, als die Nachricht vom Reichstagsbrand hereinplatzt. Sofort werden durch Konstantin Vorwürfe gegen die Kommunisten laut, denen Herbert vehement widerspricht, der den Nationalsozialisten zutraut, die Angelegenheit für eigene Zwecke inszeniert zu haben. Die Stimmung nach dem Essen ist verdorben und Jeder zieht sich zurück, auch Bruckmann, der eine Liebesbeziehung mit Sophie hat. Nur Martin spielt mit den kleinen Töchtern seines Onkels Verstecken und zieht sich mit der Älteren von ihnen unter einem Tisch zurück. Plötzlich hört man das Mädchen gellend schreien, gleichzeitig findet man im Schlafzimmer den Großvater, der erschossen in seinem Bett liegt. Aschenbach beschuldigt Herbert als Täter und wie bestellt steht die SS schon vor der Industriellenvilla…


Die Götterdämmerung

Obwohl nur in einer Szene, im betrunkenen Zustand von Konstantin von Essenbeck (Reinhard Koldehoff) auf der Feier der SA gesungen, Wagners Musik erklingt – der „Liebestod“ aus Tristan und Isolde -  hat Luchino Visconti seinen Film "La caduta degli dei" nach dem 4.Tag (3.Aufzug) des "Ring des Nibelungen" benannt. Dafür lassen sich vielfältige Gründe nennen - Adolf Hitlers Begeisterung für Wagners Musik und damit deren Bedeutung für die Nationalsozialisten, die Parallelen in der Schilderung einer Führungselite, die sich durch Machtgier selbst zerstört, und Viscontis grundsätzliche Affinität zur Oper, die seine Film-Inszenierungen prägte. Schon die flammenden Aufnahmen aus dem Stahlwerk zum Beginn und am Ende des Films, von orchestralem Furor begleitet, erinnern an die Unterwelt, in der Alberich den Unheil bringenden Ring schmiedete.

Schwer nachvollziehbar ist dagegen, warum der auch mit deutschen Produktionsgeldern hergestellte Film hierzulande den Titel "Die Verdammten" erhielt, außer man wollte eine zu große Nähe zu Wagners Oper vermeiden. So stimmig diese Bezeichnung im ersten Moment klingen mag, angesichts der Geschichte über eine Industriellen - Familie, die mit den Nationalsozialisten paktiert, so wenig ist sie im Hinblick auf Viscontis Intention korrekt. Eine Verdammnis setzte voraus, dass die Mitglieder der Familie von Essenbeck wegen nicht mehr beeinflussbarer äußerer Faktoren zu ihrem Handeln gezwungen gewesen wären. Viscontis "Götterdämmerung" impliziert aber das Gegenteil, denn hier agieren Menschen, die sich selbst für die maßgebende Instanz halten und Verantwortung für ihr Handeln tragen müssen. Der nationalsozialistischen Ideologie alleine die zerstörerische Kraft zuzuschreiben, hieße dagegen, diese von ihren Vertretern zu trennen. Denn um sie geht es generell in "la caduta degli dei", nicht allein um die Familiengeschichte der Von Essenbecks.

Dass sich diese an der Industriellen-Familie Krupp orientierte, die von Essen aus den Stahlkonzern zu einem der größten Unternehmen Europas aufbaute und maßgeblich an der Rüstungsindustrie während des Nationalsozialismus beteiligt war, ist hinlänglich bekannt, bildet aber nur den äußeren Rahmen für die Handlung. Auch wenn Bertha Krupp und ihre Nachkommen, nach ihrer Hochzeit mit dem preußischen Diplomaten Gustav von Bohlen und Halbach 1906, ebenfalls einen Adelstitel erhielten, weist die sonstige Familienkonstellation keine weiteren Parallelen zu der des Drehbuchs auf. Es ist der Faszination Viscontis für die deutsche Kultur zu verdanken, das er die Handlung nach Deutschland ins Ruhrgebiet des Jahres 1933 verlegte und damit seine „Deutsche Trilogie“ begann, die mit „Morte a Venezia“ (Tod in Venedig, 1971) und „Ludwig II.“ (1972) in thematisch unabhängigen Filmen ihre Fortsetzung fand.

Der tatsächliche Anlass für „La caduta degli dei“, der ursprünglich in Viscontis Heimatland spielen sollte, lag für den Regisseur in der damaligen Gegenwart, denn er erkannte bei vielen seiner Zeitgenossen nach wie vor die selbe Denkweise, wie sie zur Zeit des Faschismus vorgeherrscht hatte. Ende der 60er Jahre, gut 20 Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs und damit der faschistischen Diktatur, entstanden die Konflikte auf Grund der Auseinandersetzung einer jungen Nachkriegsgeneration mit Denjenigen, die nach dem Krieg wieder schnell zur Tagesordnung übergegangen waren. Es ist deshalb falsch, wie es häufig interpretiert wurde, „La caduta degli dei“ als ausschließlich historischen Film zu betrachten, auch wenn Visconti atmosphärisch genau die Zeit kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erfasste und sich hinsichtlich des Reichstagsbrands und des sogenannten „Röhm-Putschs“, den die SS zum Anlass nahm, den unbequem gewordenen Röhm und viele Mitglieder der SA zu ermorden, an die zeitlichen Abläufe hielt.

Betrachtet man Viscontis zuvor gedrehte Filme, kommt der Schritt zu „La caduta degli dei“ keineswegs überraschend. Schon „Il gattopardo“ (Der Leopard, 1963) wies in der Darstellung eines sich wandelnden Italiens auf den späteren Faschismus hin. Und in „Vaghe stelle dell’Orsa…“ (Sandra, 1965) entsteht der Konflikt aus der Konfrontation zweier junger Erwachsener, die nach Jahren zur Ehrung ihres jüdischen Vater in ihr Heimatdorf zurückkehren, mit einer Mutter, die ihren Mann während des Faschismus nicht nur verriet, sondern ihre Haltung seitdem nicht veränderte. Selbst „Lo straniero“ (Der Fremde, 1967), eine Verfilmung nach Albert Camus’ Novelle, verstand sich als unmittelbarer Kommentar zu den Ereignissen der Gegenwart, weshalb „La caduta degli dei“ auch in dieser Hinsicht betrachtet werden sollte – als ein Werk, dass in der hier formulierten Verschmelzung von Wirtschaft und Politik einen der infamsten Momente des Machtmissbrauchs in den Mittelpunkt stellte, und dass dank seiner stilistischen Mittel - einer schwelgerisch opernhaften, bewusst mit Übertreibungen arbeitenden Inszenierung, die Visconti zudem die Gelegenheit gab, seinen jungen Lebensgefährten Helmut Berger kongenial zu besetzen – auch den Bogen zur Gegenwart schlug.


Die „Nazi-Oper“

Die Story selbst ist einfach erzählt und verläuft, ähnlich einer Operninszenierung, linear und in verschiedene, zeitlich abgesetzte Akte aufgeteilt. Die Familienfeier zum Geburtstag des Oberhauptes Joachim von Essenbeck (Albrecht Schönhals) endet mit dessen Ermordung. Zuvor nutzt Visconti die Zusammenkunft aller Familienmitglieder, diese detailliert vorzustellen. Gleich zu Beginn erfasst die Kamera den grobschlächtigen Sohn Konstantin, der sich selbstbewusst auf dem Höhenflug wähnt. Als Offizier der SA ist er der Einzige in der Familie, der schon frühzeitig den Nationalsozialisten beitrat und sich nach Hitlers Machtergreifung vor wenigen Wochen bestätigt sieht. Seine Figur scheint das Klischee des lärmend, brachialen Nazis zu erfüllen, dem sein musisch veranlagter Sohn Günther (Renaud Verley) fremd ist, aber das hieße Visconti zu unterschätzen, denn tatsächlich handelt es sich bei dem nach Außen so direkt auftretenden Schwergewicht um einen Verlierer, der die tatsächlichen Vorgänge nicht begreift. Auch wenn Ernst Röhm bei der SA-Veranstaltung in Bad Wiessee verhaftet und nicht durch die SS ermordet wurde, orientiert sich die Figur des Konstantin von Essenbeck an ihm – nicht nur in der Statur, sondern auch in dem soldatischen Gestus, dem das Gefühl für politische Ränkeschmiede fehlte.

Dieses hingegen besitzt Konstantins Schwester und Tochter des Familienoberhauptes Sophie von Essenbeck (Ingrid Thulin), die eine Liebesbeziehung mit Frederick Bruckmann (Dirk Bogarde), dem Betriebsleiter der Firma, eingegangen ist. Dieser befindet sich noch auf dem Weg zur Villa der von Essenbecks, in Begleitung von Aschenbach (Helmut Griem), mit dem er ein Gespräch über seine Beziehung zu Sophie führt. In diesem Moment wirkt Aschenbach noch wie ein Begleiter, der einem Freund Mut zuspricht, doch der SS-Mann in Zivil ist mit seinen Plänen schon viel weiter. Er wird an diesem Abend den Mord an dem Familienoberhaupt arrangieren, den Bruckmann in Abstimmung mit Sophie ausüben wird und für den er als Zeuge deren Cousin Herbert Thallmann (Umberto Orsini) beschuldigen wird, der sich durch Flucht der Verhaftung der SS entziehen kann. Damit wiederholt Aschenbach nur den Vorgang, der zuvor schon als Meldung in die Familienfeier hineinplatzte – der Reichstagsbrand, der der NSDAP durch eine falsche Anschuldigung ermöglichte, die bürgerlichen Rechte in Deutschland außer Kraft zu setzen.

Herbert Thallmann, der gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth (Charlotte Rampling) und ihren beiden kleinen Töchtern zu der Geburtstagsfeier gekommen war, ist das einzige Familienmitglied, dass vehement gegen die Nationalsozialisten argumentiert, weshalb es zwischen ihm und Konstantin fast folgerichtig zum Disput kommt, worin Viscontis Intention deutlich wird. Beide, die so lautstark ihre Position vertreten, spielen für die weiteren Vorgänge keine wesentliche Rolle mehr. Eine klare Haltung zu besitzen, unabhängig davon, ob sie humanistisch geprägt ist oder mit menschenverachtender Attitüde vorgetragen wird, ist für die Machtinteressen eher eine hinderliche Eigenschaft. Besonders deutlich wird der Verrat an den angeblichen Idealen der Nationalsozialisten in einer beeindruckenden Szene, die Visconti als 15minütige Sequenz komplett in Deutsch beließ, während die Darsteller sonst italienisch sprechen. Es handelt sich um die Feier der SA in Bad Wiessee Ende Juni 1934, die Ernst Röhm im Rahmen des Urlaubslagers seiner Truppen veranstalten ließ.

Viscontis wurde häufig vorgeworfen, die Feier sei in ihrer dekadenten, offen homosexuellen Gestaltung mit schönen, gut gebauten Jünglingen zu sehr stilisiert, zu wenig an der Realität orientiert. Abgesehen davon, dass Ernst Röhm sich frühzeitig zu seiner Homosexualität bekannt hatte – was Adolf Hitler zusätzlich nutzte, dessen Hinrichtung zu begründen – liegt das Gewicht der Szene weniger in der durch die Homosexualität nur noch betonten Männerkameradschaft, als in den gemeinsamen Gesängen. Nachdem sie sich in Wehrsportübungen gemessen hatten oder im nahe gelegenen See schwimmen waren, lässt Visconti minuten- und strophenlang das SA-Lied und das Deutschlandlied erklingen. Auch Adolf Hitler und die Partei lassen die SA-Männer hochleben, so wie sie ihre gemeinsamen Feinde beschimpfen, aber das ändert nichts daran, dass sie in den frühen Morgenstunden alle von den Maschinengewehren der SS niedergemäht werden. Visconti inszenierte dank dieser Hochstilisierung die Selbstzerstörung eines nationalsozialistischen Ideals und machte deutlich, dass dieses nur zu Propagandazwecken und der Rekrutierung der Massen benötigt wurde. Die inneren Mechanismen einer Diktatur bleiben dagegen immer gleich und offenbaren die ideologischen Argumentationen als hohles Gerede, dass jederzeit auch gegen gleich gesinnte Kameraden verwendet werden kann, wenn diese sich zu weit vorwagen.

Bis zu diesem Zeitpunkt spielt Sophies Sohn Martin von Essenbeck (Helmut Berger), Enkel des ermordeten Familienoberhauptes, nur eine untergeordnete Rolle, denn für eine Machtposition in dem Familienunternehmen kommt er nicht in Frage. Im Gegenteil irritiert Martin mit seiner Travestie-Nummer aus Anlass der Geburtstagsfeier die konservativen Familienmitglieder und hinterlässt auch sonst einen unreifen Eindruck. Einzig seine machtbewusste Mutter, die ihre Hochzeit mit Bruckmann vorbereitet, um so die Führung zu übernehmen, hält seine Hand über ihn und bewahrt ihn auch davor, wegen seiner pädophilen Neigungen eingeliefert zu werden. So zurückhaltend Helmut Berger im Umgang mit den Mädchen spielt, so verstörend sind diese Szenen, weshalb seine Figur, auch wegen ihrer Entwicklung zum späteren SS-Mann, als dämonisch und besonders widerwärtig angesehen wird.

Doch Martin ist keine selbstständig handelnde Person, sondern obsessiv von Kontrolle abhängig. Als er sich bei seinen regelmäßigen Besuchen bei der leichtlebigen Olga (Florinda Bolkan) zur Verführung der kleinen Tochter der Nachbarin hinreißen lässt, die darauf hin Selbstmord begeht, gerät er in die Hände der SS. Wenn ihm der eloquent lächelnde Aschenbach erzählt, dass er gar kein Verbrechen begangen hätte, da es sich bei der kleinen Lisa (Irina Wanka) um ein jüdisches Mädchen gehandelt hätte, dann spürt man, wer das wirkliche Monster ist. Bruckmann, der sich zunehmend schuldig fühlt, und Sophie von Essenbeck sind ihm zu selbstständig geworden, aber wahrscheinlich hatte Aschenbach die Option, Martin als zukünftigen Firmenchef einzusetzen, schon von Beginn an in Betracht gezogen. Auch der Versuch von Sophie, sich ihm anzubiedern – eine Gelegenheit, die Aschenbach dazu nutzt, ihr zu zeigen, das alle Deutschen unter Beobachtung stehen – ändert daran nichts.

Das Martin die Trennung von seiner Mutter, deren Verhältnis inzestiöse Züge trägt, mit ihrer Vergewaltigung vollzieht, womit er die bisherige Abhängigkeit zerstört, erscheint sehr plakativ in der Darstellung eines psychisch kranken Menschen, der fast folgerichtig zum brutalen Handlanger der SS wird. Diese provokante Sichtweise fügt sich aber nicht nur stimmig in das gestalterisch opulente Gesamtbild von „La caguta degli dei“ ein, der in seinem Mut zur Übertreibung und Plakativität von hohem Unterhaltungswert ist, sondern beschreibt Martin letztlich als einen Charakter unter Vielen, die innerhalb eines restriktiven, diktatorischen Systems nur zum Verlierer werden können.

"La caduta degli dei (Götterdämmerung)" Italien, Deutschland, Schweiz 1969, Regie: Luchino Visconti, Drehbuch: Luchino Visconti, Nicola Badalucco, Enrico Medioli, Darsteller : Dirk Bogarde, Ingrid Thulin, Helmut Griem, Helmut Berger, Umberto Orsini, Charlotte Rampling, Laufzeit : 150 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luchino Visconti:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.