Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 6. Dezember 2016

Roma bene (Roma bene - Liebe und Sex in Rom) 1971 Carlo Lizzani


Silvia Santi (Virna Lisi) will ihren Ohrring von Baron De Vittis zurück
Inhalt: Ein Sommer-Abend in Rom. Langsam füllt sich der Palazzo der Familie Santi mit Gästen, die den Abend bei Musik, Alkohol, Drogen und angenehmen Gesprächen ausklingen lassen wollen. Auch für weitere Vergnügungen wie Glücksspiel und Sex ist gesorgt. Während Commissario Tartamella (Nino Manfredi) das Eintreffen der Schönen und Reichen von Rom beobachtet, trifft auch Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) ein, der sich ein paar Lire von einem Gast geben lässt, um den Taxi-Fahrer zu bezahlen. Der Baron ist zwar notorisch klamm, aber die „gehobene“ Gesellschaft schmückt sich gerne mit einem Mitglied des alten Adels. 

Commissario Tartamella (Nino Manfredi) erträgt die Situation mit Humor
Wie zu erwarten war, muss sich der Commissario später noch um den als Kleptomanen bekannten Baron kümmern, denn dieser hatte ausgerechnet den wertvollen Ohrring der Hausherrin Silvia Santi (Virna Lisi) gestohlen und gleich herunter geschluckt. Zwar muss Di Vittis mit auf die Wache, bis der Ohrring wieder auftaucht, aber weitere Konsequenzen zieht sein Vergehen nicht nach sich. Bei der nächsten Party ist er wieder mit dabei. Ähnlich großzügig legen auch die übrigen Gäste die Gesetze für sich aus, die je nach Situation zu eigenen Gunsten ausgelegt werden. Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) nutzt ihre Attraktivität für die Beeinflussung von Politikern, Andere gehen weniger dezent vor… 


Der deutsche Verleih fügte Carlo Lizzanis Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana" noch die Worte "Liebe und Sex in Rom" hinzu. An welcher Stelle im Film die Texter des deutschen Titels die "Liebe" vermuteten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte man damit Lizzanis Film mehr Richtung sexy Komödie und damit Publikumsaffinität rücken. Gemessen am prominenten Cast, der hier vor der Kamera agierte und den unzweifelhaft vorhandenen Schauwerten, dürfte das nicht gelungen sein, denn "Roma bene" ist heute nahezu unbekannt.

Carlo Lizzanis Film steht trotz seiner freizügigen Optik und seines authentischen Zeitkolorits Anfang der 70er Jahre noch für die Vergangenheit der "Commedia all'italiana". Ein nur wenig kaschierter Episodenfilm im Geist der 60er Jahre - provokativ, zynisch und gesellschaftskritisch, aber Anfang der 70er Jahr nicht mehr "up-to-date". Aus heutiger Sicht hat sich das geändert - eine empfehlenswerte Wiederentdeckung. 


Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen. 
(aus „Die göttliche Komödie“, 19. Gesang von Dante Alighieri)

Principessa und Prince Marescialli (Senta Berger und Umberto Orsini)
Nur die Flucht in literarische Höhen lässt Commissario Tartamella (Nino Manfredi) eine Umwelt ertragen, mit der er täglich konfrontiert wird – die Schönen und Reichen von Rom. Ein Haufen korrupter und eitler Selbstdarsteller, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Moral, Respekt vor Anderen oder den Gesetzen des Landes? - Fehlanzeige. Als Polizist bleibt ihm nur wenig Handlungsspielraum. Er darf zwar den verarmten Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) verhaften, bis dieser den wertvollen Ohrring von Silvia Santi (Virna Lisi) auf der Wache wieder ausgeschieden hat – wegen seiner adligen Herkunft ist der notorische Kleptomane ein gern gesehener Gast auf den diversen Feierlichkeiten – , aber darüber hinaus kann er trotz klarer Beweislage Niemanden überführen. Weder bei einer vorgetäuschten Kindesentführung, noch bei Gatten-Mord. Die Beziehungen der Beschuldigten reichen bis in höchste politische Kreise. 

„Arme brauchen einen Grund zu feiern, Reiche haben immer Party“ 

Giorgio Santi (Phillippe Leroy) macht Geschäfte mit China
sind die ersten Worte des Commissario auf die Frage seines Adjutanten, aus welchem Anlass gerade zahlreiche Gäste mit ihren Luxus-Karossen vor einem römischen Palazzo vorfahren. Von oben betrachtet sieht Rom in der abendlichen Dunkelheit sehr friedlich aus. Die Silhouette des Kolosseum thront zwischen dem Lichtermeer, während ein von Luis Bacalov komponierter Song melancholisch erklingt. Alles „bene“ in Rom? – Zumindest für die fröhliche Gesellschaft im Hause Silvia Santi, deren Mann Giorgio (Philippe Leroy) gerade geschäftliche Kontakte mit China eingefädelt hat. Sexuelle Revolution und linke Ideologie lassen sich elegant mit Kapitalismus und Dekadenz kombinieren. Entsprechend ausgelassen wird gefeiert, während im intimen Rahmen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen und die nächste Sex-Affäre eingeleitet werden.

Ein Hoch auf Mao - Baron De Vittis (Vittorio Caprioli)
Ähnlich illustre wie die hier versammelte Gesellschaft war auch die Schauspielergarde, mit der die italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Leitung von Carlo Lizzani aufwarten konnte, der seine zynische Komödie zudem ganz zeitgemäß mit viel Erotik würzte. Leider ohne den gewünschten Erfolg. Trotz bester Voraussetzungen geriet „Roma bene“ schnell in Vergessenheit, denn wirklich neu war nichts an Lizzanis Werk. An kritischen Kommentaren über die sogenannte „bessere“ Gesellschaft hatte es im italienischen Film zuvor ebenso wenig gefehlt, wie an einer ironischen Aufarbeitung der sexuellen Liberalisierung und der Protestbewegung. Besonders der ab Mitte der 60er Jahre in Italien intensiv gepflegte Episodenfilm (siehe "L'amore in città und die Folgen") war früher Mittelpunkt respektloser und gesellschaftskritischer Statements einer Vielzahl italienischer Filmkünstler. Auch Carlo Lizzani hatte als Regisseur in den 60er Jahren an drei Episodenfilmen (zuletzt "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)) mitgewirkt.

Wilma Rappi (Michèle Mercier) mit ihrer Geliebten (Annabella Incontrera)
Der gesamte Cast liest sich wie ein „Who is who“ des Episodenfilms und der aufkommenden „Commedia sexy all’italiana“. Vittorio Caprioli führte früh Regie bei „I cuori infantri“ (1963) und wurde als Schauspieler quasi omnipräsent im erotischen Film ("L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)). Senta Berger hatte in „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) ebenso unter Komödien-Spezialist Pasquale Festa Campanile gespielt wie Episodenfilm-Dauergast Nino Manfredi in "Adulterio all'italiana" (Seitensprung auf Italienisch, 1966). Auch Virna Lisi ("Le bambole" (Die Puppen, 1965)), Michèle Mercier („I nostri mariti“ (Unsere Ehemänner, 1966)), Gastone Moschin ("Le fate" (Die Gespielinnen, 1966)) und Philippe Leroy („L’idea fissa“ (Wenn das die Männer wüssten, 1964)) gehörten zur regelmäßigen Besetzung im Episodenfilm. Und mit Ely Galleani („La dottoressa sotto il lenzuolo“ (Der Kleine mit der großen Schnauze, 1976)), Margaret Rose Keil („Il decamerone proibito“, 1972) und Malisa Longo („La bella Antonia, prima Monica e poi Dimonia“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972)) zeigten sich in „Roma bene“ schon attraktive kommende Darstellerinnen der „Commedia sexy“.

Den Eindruck einer Art Bestandsaufnahme der 60er Jahre betonte noch die Anlage des Films, der seinen episodenhaften Charakter nur wenig verbarg. Zwischen der Eingangs- und Endsequenz, in der die Darsteller-Riege jeweils zusammen kommt, werden die wenig schmeichelhaften Worte des Commissario zu Beginn mit einzelnen Stories untermauert. Zuerst setzte Carlo Lizzani die Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) ins Bild bei ihrem sexuellen Einsatz für ein großes Immobilienprojekt. Nach mehreren Bettgeschichten, die die Planung voranbringen, läuft ein Abendessen mit einem einflussreichen Politiker nicht wie vorgesehen. Statt Dede erweist sich ihr Mann Rubio (Umberto Orsini) als größere Attraktion, der in diesem Fall den Job übernimmt. Abgesehen von der unlauteren Einflussnahme die sympathischste Episode – ein Gradmesser, der zunehmend abnimmt.

Nino Rappi (Franco Fabrizi) wird bei Santi das Frühstück serviert
Beginnt die Geschichte um das Ehepaar Wilma und Nino Rappi (Michèle Mercier und Franco Fabrizi) noch komisch, als sie ihn in einem Edel-Bordell erwischt und ihm die Hölle heißmacht, ohne dass er ahnt, dass sie eine lesbische Beziehung mit dessen bevorzugter Prostituierten (Annabella Incontrera) hat, gleiten die einzelnen Episoden zunehmend in bösartigere Gefilde. Bei dem Versuch des zuvor gescholtenen Ehemanns Rappi, in die China-Connection des Industriellen Giorgio Santi einzusteigen, stirbt er in der Sauna an Herzversagen. Den tagelangen Marathon aus sportlicher Betätigung und Gruppensex, bei dem er an der Seite des durchtrainierten Santi mitmachen musste, überlebte der korpulente Mann nicht. Seiner Witwe ringt das keine Träne ab. Im Gegensatz zu Irene Papas als griechische Millionärs-Gattin Elena Teopoulos, die aus Anlass des Todes ihres reichen Ehemanns eine klassische Tragödie aufführt.

Noch lebt ihr Gatte (Mario Feliciani und Irene Papas)
Womit sie Commissario Tartamella aber nicht täuschen kann, der den gemeinschaftlich mit ihrer Mutter ausgeführten Mord sofort durchschaut. Unternehmen kann er ebenso wenig, wie bei der durch die verwöhnten Santi-Kinder Vivi und Lando (Ely Galleani und Dado Crostarosa) mit Hilfe der Mutter inszenierten Selbst-Entführung, mit der sie ihren Vater um Kleingeld für ihre Spielsucht und Shopping-Gelüste erleichtern wollten. Der Commissario durchkreuzt ihren Plan, aber der reiche Papa verzichtet großzügig auf eine Bestrafung, auch um negative Schlagzeilen zu verhindern. Mit dem Knaben, der auf einem Jagdausflug statt auf Enten auf Menschen schießt, bekommt er gar nicht erst etwas zu tun. Weniger kriminell, mehr entlarvend ist die Episode um einen Kardinal (Gaston Moschin), der ein Doppelleben führt. Schwerreich im Ölgeschäft tätig und ebenfalls an der China-Connection interessiert, führt er ein angenehmes Dasein zwischen Privatyacht und Vatikan. Fließend gelingt ihm der Übergang zwischen dem Absetzen der Geliebten per Ferrari und dem Einstieg als „Il monsignore“ in den Chauffeur gesteuerten Dienst-Mercedes.

Il monsignore (Gastone Moschin) im Ferrari mit der Principessa
Provokativ war das 1971 allemal, gehörte aber zum guten Ton im italienischen Episodenfilm. Noch im späten "I nuovi mostri" (Viva Italia, 1977)) wurde die Verlogenheit der katholischen Kirche genüsslich zelebriert. Einzig mit der abschließenden, alle noch lebenden Protagonisten zusammenführenden Sequenz, betrat Carlo Lizzani Neuland. Er bestrafte sie. Versammelt, um sich nach erfolgreichen Wochen hemmungslos zu vergnügen, vergessen sie einen Moment, dass sie ohne Personal auf der Yacht des Monsignore im Mittelmeer kreisen, der als Einziger neben Giorgio Santi noch anderweitig beschäftigt ist. Als sie von der Sonne erhitzt alle gemeinsam von Bord springen, um ein kühles Bad zu nehmen, stellen sie zu spät fest, dass Niemand die Leiter herunter gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden, die die Realität ironisch bis sarkastisch zuspitzten, wirkt die abschließende Szene wie reines Wunschdenken.

Verzweifelter Versuch zurück an Bord zu kommen
Tatsächlich symbolisierte sie die Verlorenheit des Einzelnen auch innerhalb dieser scheinbar glücklichen Gemeinschaft. Der Kardinal und der mit dem Privat-Jet herüberfliegende Santi hätten sie retten können, aber sie waren nur mit sich selbst beschäftigt, ohne Interesse an ihren Freunden und Verwandten. Minutenlang zeigt der Film die zunehmend Verzweifelten bei ihrem Versuch noch irgendwie auf das Schiff zu gelangen, während zwei leere Cocktail-Gläser über das hölzerne Deck kullern. Am Ende treibt Jeder im Wasser für sich allein. Auf den Punkt gebracht, als Baron De Vittis die einzelnen Namen ruft und sie jeweils mit „anwesend“ antworten. Ins Tragische will diese Situation nach den zuvor gezeigten Ereignissen nicht abkippen, Schadenfreude bereitet sie aber auch nicht. Ein zwiespältiges, zum Nachdenken anregendes Ende, das Lizzanis Film auch nicht mehr retten konnte, dessen launig böse Abrechnung mit den „Schönen und Reichen“ für das damalige Publikum offensichtlich zu spät kam. Für 1971 mag das gegolten haben, aus heutiger Sicht hat „Roma bene“ dagegen wieder an Aktualität gewonnen. 

"Roma bene" Italien, Frankreich, Deutschland 1971, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Nicola Badalucco, Edith Bieber, Luciano VincenzoniDarsteller : Nino Manfredi, Senta Berger, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Franco Fabrizi, Virna Lisi, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Umberto Orsini, Irene Papas, Annabella Incontrera, Malisa Longo, Ely GalleaniLaufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Keine Kommentare:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.