Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Montag, 14. Oktober 2013

Il giustiziere sfida la città (Flash Solo) 1975 Umberto Lenzi

Inhalt: Rambo (Tomas Milian) besucht nach vielen Jahren seinen alten Freund Pino (Mario Piave) und dessen Familie in Mailand. Pino will Rambo dazu überreden, ebenfalls bei dem privaten Sicherheitsdienst mitzumachen, für den er seit neuestem arbeitet. Auf Grund der steigenden Anzahl an Entführungen haben diese Dienste Konjunktur und Pino erhofft sich davon, endlich Karriere zu machen. Rambo tut ihm den Gefallen und besucht ihn auf dem Trainingsgelände seiner Firma, aber obwohl er sowohl im Nahkampf, als auch im Schießen überzeugen kann, lehnt er die Offerte des Chefs dankend ab - für den Individualisten ist das kein geeigneter Job.

Auch Pino verfolgt eigene Pläne, denn er will die Entführung des Sohnes des reichen Industriellen Dr. Marco Marsili (Silvano Tranquili) aufklären, um sich weiter zu profilieren. Er entdeckt eine Spur zu der Bande von Conti (Luciano Catenacci) und bittet Rambo, ihn als Freund zu unterstützen, aber bevor dieser eingreifen kann, wird Pino ermordet am Straßenrand aufgefunden. Jetzt wird der Fall zu einer persönlichen Angelegenheit für Rambo...


Umberto Lenzis zweiter gemeinsam mit Tomas Milian gedrehter Film "Il giustiziere sfida la città" (Der Scharfrichter fordert die Stadt heraus) wirkt zwischen "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) und "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976) wie ein Fremdkörper. In Deutschland wurde der Film erst in den 80er Jahren unter dem stimmigen Titel "Flash Solo", der die alleinige Vorgehensweise des von Milian gespielten Individualisten betonte, auf Video veröffentlicht, später wurde daraus "Der Vernichter", der eine stringente Linie zwischen den Milian / Umberto Lenzi Filmen vermitteln sollte, die nicht existiert. Hatte er als "Berserker" und "Viper" (später noch als "Kröte" in "La banda del gobbo" (1978)) jeweils gefährliche Verbrechertypen verkörpert, ist er in "Il giustiziere sfida la città" der eindeutige Sympathieträger, der im Alleingang den Mord an seinem Freund Pino (Mario Piave) rächt.

Auf Grund der Veröffentlichungspraxis in Deutschland, aber auch in Unkenntnis über den genauen Erscheinungszeitpunkt, wird "Il giustiziere sfida la città" häufig als typischer Vertreter des 70er Jahre Polizieschi-Genres angesehen, auch wenn die Polizei im Film kaum eine Rolle spielt. Übersehen wird dabei, dass der Film einen vollständig neuen Helden-Typus schuf, der nicht nur entscheidenden Einfluss auf Tomas Milians weitere Karriere haben sollte. Das Drehbuch stammte von Vincenzo Mannino, der zuvor an Enzo G.Castellaris "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht, 1973) mitgearbeitet hatte und Maurizio Merlis ersten Auftritt als knallharter Cop in "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) verantwortete, der fast zeitgleich zu "Il giustiziere sfida la città" in die italienischen Kinos kam und auch darüber hinaus Parallelen aufweist.

Milian und Merli, die in Lenzis "Roma a mano armata" wenig später zu erbitterten Gegnern wurden, verkörpern Beide einen Typus, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, dabei auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckend. Diese Konstellation war nicht neu, sondern griff ein Motiv aus dem Italo-Western auf, das angesichts steigender Kriminalitätsraten, Anfang der 70er Jahre, zunehmend die Charakterisierung von Gesetzesvertretern veränderte, die bereit waren, die Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen. In den frühen "Polizieschi" wurde diese Vorgehensweise noch kontrovers betrachtet, aber schon in Sergio Martinos "Milano trema - la polizia vuole giustizia" von 1973 erschießt Luc Merenda in seiner Rolle als Commissario gleich zu Beginn zwei unbewaffnete Gangster, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Trotz dieses offensichtlichen Einflusses ging der von Tomas Milian gespielte Rambo in "Il giustiziere sfida la città" einen neuen, eigenständigen Weg, der ihn unmittelbar zu seiner Figur Nico Giraldi in "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) führen sollte - bekanntlich der Beginn der langjährigen "Superbullen" - Reihe. Zwar startet Rambo seinen Rache-Feldzug genretypisch erst nachdem sein Freund Pino ermordet wurde, aber anders als in klassischen Revenge - Filmen, in denen aus einem friedlichen Bürger ein rächender Killer wird, veränderte er seinen Charakter nicht. Im Gegenteil bleibt sich Rambo im gesamten Film treu und verlässt Mailand auf gleiche Weise, wie er gekommen ist - cool, immer überlegt agierend und jederzeit freundlich. Die Zwiespältigkeit dieser Figur ist aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehen, aber der aus dem kriminellen Milieu stammende Motorradfahrer, immer in Lederkluft gekleidet, war 1975 ein klassischer Bürgerschreck, dem Niemand als Tomas Milian besser hätte Leben einhauchen können.

Als "Superbulle" Nico Giraldi griff er ein Jahr später erneut auf das Motorrad zurück (allerdings eine geländetaugliche Maschine), auch die Strickmütze zitierte die hier etwas gefälligere Kopfbedeckung, aber Milian kombinierte diese Figur noch mit seinem "Er monnezza" aus "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976), womit er Nico Giraldi einen komischeren Anstrich gab. Dagegen bleibt er als Rambo jederzeit ernst und verfällt der Film weder in trashige, noch alberne Momente, auch wenn die Story um die beiden Gangsterbosse Conti (Luciano Catenacci) und Paternò (Joseph Cotten), die Rambo gegeneinander ausspielt, vorhersehbar bleibt. Cotton und Catenacci agieren zwar wie gewohnt souverän, aber die Rolle von Paternòs Sohn Ciccio (Adolfo Lastretti) bleibt zu inkonsequent, um wirkliche Gefahr ausstrahlen zu können.

Zudem lässt der Film schon in den den ersten Minuten deutlich werden, dass Rambo ein in jeder Hinsicht fähiger Mann ist, dem Niemand wirklich gewachsen ist. Auch die Szene mit der Schutzweste, die ihm sein Freund Pino vorführt, als Rambo sich dessen Firma - es handelt sich um einen privaten Sicherheitsdienst - ansieht, lässt eine erneute Verwendung im Film erwarten. Doch das spielt in "Il giustiziere sfida la città" letztlich keine Rolle, denn Programm ist nur Tomas Milian in einer Rolle, die einen individualistischen, außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stehenden Mann in den Mittelpunkt rückt, der weder das Gesetz vertritt, noch Anpassung anstrebt. Gleichzeitig gibt es keinen sozialeren und vorurteilsfreieren Menschen im Film, was seinen Selbstjustiz-Aktionen die Schärfe nimmt, da Milian Emotionen wie Hass, Verzweiflung oder übertriebene Befriedigung vermeidet.

Rambo ist eine konsequent künstliche Figur, die dank des Gleichgewichts zwischen Outlaw-Attitüde und Kumpeltyp sympathisch bleibt - und stilprägend für Milians späteren Rollentypus wurde. Dahinter verbarg sich ein politisches Statement des politisch links stehenden Mimen, der sich am Set häufige Wortgefechte mit dem konservativen Maurizio Merli lieferte und auch den von ihm gespielten Verbrechertypen zunehmend menschlichere Züge verlieh ("La banda del gobbo"), denn sein Protagonist wurde nicht zum Vorbild für Vigilantismus, sondern - besonders im Zeitkontext betrachtet - für mehr Toleranz.

"Il giustiziere sfida la città" Italien 1975, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Vincenzo Mannino, Darsteller : Tomas Milian, Joseph Cotton, Luciano Catenacci, Silvano Tranquilli, Mario Piave, Femi Benussi, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

1 Kommentar:

Oliver hat gesagt…

Sehr schöner Text mit einigen erhellenden Hinweisen. Zwar kenne ich zahlreiche Milian- sowie italienische Polizei- und Gangsterfilme jener Zeit, habe mir aber auch noch nie die Mühe gemacht, eine Entwicklung nachzuzeichnen. Wahrscheinlich verfährt man mit diesem Genre in Deutschland immer noch zu lax und zu wenig systematisch. Schön, dass du da eine Alternative bietest.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.