Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Donnerstag, 30. August 2012

Profondo rosso (Rosso - die Farbe des Todes) 1975 Dario Argento


Inhalt: Während eines Kongresses für Parapsychologie kommt es zu einem Eklat, als das Medium Helga Ulmann (Masha Méril) spürt, das sich ein Mensch unter den Besuchern befindet, der schon einmal gemordet hat. Sie kann die Person nicht identifizieren, aber als sie – stark von dessen Bösartigkeit getroffen – ihren Vortrag abbricht und nach Hause geht, wird sie verfolgt. Doch in ihrer Wohnung findet sie keinen Schutz, denn der unbekannte Mörder will nicht riskieren, von ihr erkannt zu werden.

Der Musiker Marcus Daly (David Hemmings), der am späten Abend zu seiner Wohnung im Zentrum Roms unterwegs ist, wo er oberhalb von Helga Ulmann lebt, wird unmittelbar Zeuge des Verbrechens, als er - auf dem Platz vor dem Gebäude stehend - sieht, wie der Mörder die junge Frau mit der Fensterglasscheibe tötet. Obwohl er sofort zu ihr rennt, kann er sie nicht mehr retten, entdeckt aber auch den Mörder nicht, der sich geschickt in der Wohnung verbirgt. Von oben muss er mit ansehen, wie sich eine dunkle Gestalt langsam über den leeren Platz entfernt. Nur sein Freund Carlo (Gabriele Lavia), der in einer nahe gelegenen Nachtbar als Pianist arbeitet, müsste diese gesehen haben, kann sich aber an keine Details erinnern.

Daly will herausfinden, wer der Mörder ist, wird aber nicht nur mit dem Verschwinden seines Freundes Carlo konfrontiert, sondern mit weiteren Morden…


Im Gegensatz zu vielen italienischen Filmemachern der von mir betrachteten Epoche, existieren zu den Werken Dario Argentos schon umfangreiche Texte im Internet. Erst die Gelegenheit, zwei seiner früheren Werke beim „Cinestrange“ – Festival in Dresden auf der Kinoleinwand sehen zu können (Neben „Profondo rosso“ noch „Suspiria“ (1977)), eröffnete mir den Zugang zu seinen Filmen. Entscheidend waren aber die für mich überraschende persönliche Anwesenheit des Regisseurs und dessen ausführliche Erläuterungen zu beiden Filmen. Diese bilden die Grundlage zu meinem Text, der bewusst knapp gehalten ist und sich auf Argentos analytische Angaben konzentriert, verbunden mit meinen eigenen Eindrücken.



Das Attribut "profondo" bezeichnet nicht nur die Tiefe der Farbe Rot im Titel "Profondo rosso", sondern geht im Italienischen darüber hinaus. Hintergründigkeit und Verinnerlichung verbergen sich hinter dem Rot des Blutes, dem äußeren Zeichen des Todes - genauer konnte Dario Argento seinen Film nicht überschreiben. Der deutsche Titel "Rosso - Farbe des Todes" bleibt dagegen oberflächlich. 

Von der ersten Szene an, als der Pianist und Dirigent Marcus Daly (David Hemmings) sein Orchester freundlich zurecht weist, bevor Argento die Szene zum Kongress für Parapsychologie wechselt, wo das Medium Helga Ulmann (Macha Méril) von ihren Erfahrungen spricht, wird die Stilisierung deutlich, die Argento anstrebt. Mehr Menschen als in dem Theatersaal werden im weiteren Film innerhalb einer Einstellung nicht mehr zu sehen sein, aber auch in dieser wird schon spürbar, das die eigentliche Handlung im Hintergrund abläuft - nie überdeckt Argento die innere Symbolik mit äußerlichem Aktionismus.  

Der Ort, an dem Daly zufällig Zeuge des Mordes an Helga Ulmann wird, befindet sich im Zentrum Turins, ein Platz mit einem wunderschönen Brunnen inmitten klassischer Bürgerhäuser, aber er wirkt wie eine Theaterkulisse. Seitlich dieses Platzes befindet sich eine stylische Bar mit einer Glasfassade, aber Leben wird diesem Ort nicht eingehaucht. Einzig Daly und sein Freund Carlo (Gabriele Lavia), ebenfalls Pianist, der seine Rolle als Barpianist im Suff ertränkt, agieren innerhalb dieser Kulisse. Auch Helga Ulmann war allein in ihre Wohnung zurückgekehrt, nachdem sie die Anwesenheit eines Mörders bei dem Kongress gespürt hatte und deshalb ihren Vortrag unterbrach. Ihre Wohnung ist riesig, voller Gemälde und weiterer Kunstgegenstände, aber sie wirkt innerhalb dieser Fülle schutzlos und einsam, dem Angreifer hilflos ausgeliefert.  

Argento hatte David Hemmings nicht nur wegen seiner Rolle in "Blow up" (1966) als Hauptdarsteller engagiert, indem er ebenfalls Zeuge eines Mordes wurde, sondern wegen seiner Begeisterung für Michelangelo Antonionis Stil. Mit diesem verbindet ihn die Begeisterung für die Architektur, die ein bestimmendes Element in "Profondo rosso" bleibt und erst den Raum für seine Kreationen schafft - Straßen und Plätze, das Dach mit den Glaseinfassungen, die Schulbibliothek, die große Villa mit dem geheimnisvollen Zimmer. Immer sind diese Räume leer, bevölkert nur von den wenigen handelnden Personen, ohne das es deutlich wird, wer der Mörder ist. Argento nutzt diese Stilmittel für einen geschickt aufgebauten Giallo, der Daly von einer Spur zur nächsten treibt, nur um ihn mit weiteren Morden zu konfrontieren, die teilweise mit großer Brutalität inszeniert werden. 

Trotzdem wäre es falsch, "Profondo rosso" auf einen "Who done it ?" - Film zu reduzieren, denn seine eigentliche Spannung zieht er nicht aus diesem Rätsel, sondern aus den genau inszenierten, klar strukturierten Szenen, der morbiden Atmosphäre, deren Wirkung stark durch die gezielt eingesetzte, mal getrieben rhythmische, mal unwirklich klingende Filmmusik beeinflusst wird, und einer Leere, die nicht nur die äußerliche Situation der Agierenden widerspiegelt, sondern auch ihre innere Leere verdeutlicht, worin sich wieder Parallelen zu Antonionis Stil zeigen. Das daraus keine sprichwörtlich "todernste" Angelegenheit wurde, liegt am Zusammenspiel von Daly und der Jornalistin Gianna (Daria Nicolodi), die ihn auf der Suche nach dem Mörder begleitet. Daly ist davon keineswegs begeistert, wodurch sich urkomische Streitgespräche um das Verhältnis von Mann und Frau ergeben, die auch in schwierigen Situationen nicht enden. 

Dario Argento beabsichtigte damit keineswegs eine gezielt witzige Auflockerung, sondern ließ seinen Protagonisten den Freiraum für ihre Diskussionen, die trotz ihrer Komik nie wie ein Bruch innerhalb der Handlung wirken. Im Gegenteil entstand durch diese Lebendigkeit erst das Gleichgewicht zwischen der tiefgründigen Ästhetik, der akustischen Effekte und der mörderischen Handlung, der "Profondo rosso" zu einem stilbildenden Giallo werden ließ.

"Profondo rosso" Italien, Spanien 1975, Regie: Dario Argento, Drehbuch: Dario Argento, Bernadino Zapponi, Darsteller : David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Macha Méril, Clara Calamai, Laufzeit : 127 Minuten

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Der Film spielt nicht in Rom, sondern in Turin. Auf dem Piazza C.L.N. wurde die Szene gedreht als Daly seinen Freund Carlo am Brunnen trifft. Die Bar in der Nähe des Platzes ähnelt dem Bild von Edward Hopper "Nighthawks" sehr. Die Bilder in der Wohnung des Mediums scheint eine Obsession in Bezug auf Munchs Gemälde "Der Schrei" entwickelt zu haben. Argento war immer sehr an den schönen Künsten interessiert. Der Stil seiner Filme wurde leider auch häufig über den Sinn der Handlung gestellt. Trotz allem ist profondo Rosso ein sehr guter Film.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.