Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Mittwoch, 9. Januar 2013

Qualcosa striscia nel buio (Etwas kriecht im Dunkeln) 1971 Mario Colucci


Inhalt: Das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) befindet sich bei schlechtem Wetter auf einer Fahrt zu einer ihrer Freundinnen, die ihre frisch vom Schönheitschirurgen operierte Nase feiern lassen möchte, worüber sich Donald sehr abschätzig auslässt. Während sie weiter streiten, werden sie von zwei waghalsig rasenden Fahrzeugen überholt, deren Verfolgungsjagd an einer vom Unwetter zerstörten Brücke endet. Inspektor Wright (Dino Fazio) gelingt es so, den gesuchten Mörder Spike (Farley Granger) zu verhaften, aber das ändert nichts daran, dass sie genauso an diesem Ort festsitzen wie das Ehepaar Forrest und das wenig später eintreffende Fahrzeug von Dr. Williams (Stelvio Rossi), der zu einem dringenden Notfall unterwegs war.

Gezwungenermaßen begeben sie sich zu einer alten Villa, die nur sehr widerstrebend von Joe (Gianni Medici) geöffnet wird, der sich gerade mit seiner Freundin (Giulia Rovai) vergnügt hatte. Er hatte das Haus von der verstorbenen Lady Marlowe erworben, die ein unglückliches Schicksal ereilt hatte. Die gelangweilte und immer nach Unterhaltung gierende Silvia Forrest schlägt deshalb vor, eine Seance zu veranstalten, um den Geist von Lady Marlowe herauf zu beschwören...


"Qualcosa striscia nel buio" (Etwas kriecht im Dunkeln) bedeutete für Einige der Beteiligten den Endpunkt ihrer Karriere, andere nahmen sie wieder auf. Während Regisseur Mario Colucci, der in den 60er Jahren hauptsächlich als Drehbuchautor tätig war, nach seiner zweiten Regiearbeit (zuvor drehte er den Italowestern "Vendetta per vendetta" (Rache für Rache, 1969)) die Filmbranche nicht einmal 40jährig verließ und Mia Genberg als Darstellerin letztmals auftrat, befand sich Lucia Bosé nach einer langjährigen Schaffenspause wieder voll im Geschäft. Und Farley Granger, dessen einzige Arbeit in Italien - Viscontis "Senso" (Sehnsucht, 1954) - viele Jahre zurücklag, hatte eine zweite Karriere in Italien begonnen, die ihn an vielen Genre-Filmen bis Mitte der 70er Jahre mitwirken ließ. 

Auch die sonstige Besetzung bestand aus im Genre erfahrenen Darstellern wie Stelvio Rosi, Giacomo Rossi-Stuart und Angelo Francesco Lavagnino, die für die notwendige Qualität sorgten. Denn Colucci entwarf die klassische Ausgangssitution einer zusammen gewürfelten Gruppe, die gezwungen wird, sich für eine Nacht gemeinsam an einem Ort aufzuhalten. Die Art wie er diese Situation vorbereitet, gibt schon einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse, denn während das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich nur in ihrer gegenseitigen Abneigung einig sind, während sie bei schlechtem Wetter mit ihrem Auto unterwegs sind, nähern sich in rasender Fahrt zwei Autoscheinwerfer, die von einem anderen Paar Lichter verfolgt werden – eine sehr atmosphärische Zusammenführung der Beteiligten, die sich alle an einer vom Unwetter zerstörten Brücke begegnen.

Nicht nur Spike (Farley Granger), ein gesuchter Mörder, wird zum Halt gezwungen, auch Inspektor Wright (Dino Fazio) und Detective Sam (Franco Beltramme) kommen nicht weiter, können ihn aber festnehmen. Nur wenig später stößt das kurz zuvor überholte Ehepaar Forrest auf die drei Männer, gefolgt von einem weiteren Fahrzeug, indem sich Dr.Williams (Stelvio Rosi) und seine Assistentin Susan (Mia Genberg) befinden, die noch einen liegen gebliebenen Fahrer mitgenommen hatten, den undurchsichtigen Professor Lawrence (Angelo Francesco Lavagnino). Sie alle sind gezwungen, sich zu einer nahe gelegenen Villa zu begeben, in der Hoffnung telefonieren zu können. Der dortige Bewohner Joe (Gianni Medici) zeigt sich wenig begeistert von deren Ankunft, aber Inspektor Wright weiß sich durchzusetzen, weshalb Joe das Schäferstündchen mit seiner Freundin (Giulia Rovai) unterbrechen muss. Damit ist die Gruppe, klassisch aus 10 Personen bestehend, vollständig und das fröhliche Reduzieren kann beginnen.

Doch obwohl die Telefonleitung während Wrights Gespräch unterbrochen wird und mit einer Seance die tragisch verstorbene Lady Marlowe, die frühere Besitzerin der Villa, gerufen werden soll, setzt Colucci nicht auf den typischen Agatha Christie-Effekt, sondern variiert die Thematik in einer Balance aus Gesellschaftssatire und Gruselfilm. Besonders Lucia Bosè als gelangweilte Ehefrau aus besseren Kreisen gelingt eine überzeugende Performance als ständig nach Unterhaltung gierender Nervensäge, der ihr Ehemann mit seinen zynischen Bemerkungen Paroli bietet. Mit ihrer übergriffigen Art provoziert sie nicht nur die unscheinbare Susan, der sie unterstellt, in Dr.Williams verliebt zu sein, sondern auch Spike, dessen Erfahrungen als Mörder sie faszinieren. Selbstverständlich ist sie es, die die Seance gegen den Willen ihres Mannes vorschlägt, den sie als Medium auserkoren hatte. Trotz seiner Weigerung scheint die Stimme Lady Marlowes aus ihm zu sprechen.

Ab diesem Moment beginnt Colucci mit scheinbar übernatürlichen Kräften zu spielen, ohne die Balance zur Realität zu verlieren. Er nutzt die inneren Konflikte und geheimen Sehnsüchte der unfreiwillig Zusammengepferchten dazu, jederzeit auch eine logisch erscheinende Lösung anzubieten. Als sich Susan (wenig überraschend) als schöne Frau entpuppt und Dr.Williams auf seinem Zimmer verführt, wirkt sie wie verwandelt, erschrickt aber plötzlich vor ihrem eigenen Verhalten. War der Geist Lady Marlowes in sie gedrungen oder hatte sie einfach ihre Sehnsucht überwältigt? – Auch als der erste Mord geschieht, ist Inspektor Wright sofort klar, wer der Mörder ist, auch wenn es dazu widersprüchlich scheinende Indizien gibt. Immer versucht er, die Ereignisse logisch zu erklären bis auch er von unerklärlichen Vorkommnissen heimgesucht wird.

„Qualcosa striscia nel buio“ bleibt immer im Gleichgewicht zwischen Konkretem und Ungefähren, ohne die Ereignisse erklären zu wollen, womit der Film trotz seiner zurückhaltenden, wenig aufwändigen Inszenierung modernen Gruselfilmen, die nicht mehr ohne eine noch so an den Haaren herbei gezogene Begründung auskommen, überlegen ist. So ist Farley Granger als cooler Krimineller für die handfesten Vorkommnisse zuständig, prügelt sich und versucht zu fliehen, gerät dann aber in eine geheimnisvolle Situation, die der Betrachter nur erahnen kann. Innerhalb der stimmigen Atmosphäre der alten Villa gibt es nur wenige aktionistische Momente, bleiben die fantastischen Augenblicke zurückhaltend, jederzeit unterbrochen von der Realität des Banalen, aber über allem bleibt die Frage offen, was wirklich in den Schatten des Hauses geschah. Auch das Lachen am Ende kann diese Frage nicht beantworten, denn vielleicht gilt es nur den Zuschauern?

"Qualcosa striscia nel buio" Italien 1971, Regie: Mario Colucci, Drehbuch: Mario Colucci, Darsteller : Stelvio Rosi, Lucia Bosé, Mia Genberg, Farley Granger, Giacomo Rossi-Stuart, Dino Fazio, Laufzeit : 92 Minuten

Montag, 18. April 2011

Senso (Sehnsucht) 1954 Luchino Visconti

Inhalt: Venedig 1866 - Während einer Aufführung im Opernhaus von Venedig "La Fenice" kommt es nach dem 3.Akt von Verdis "Il trovatore" zu einem Eklat, als die italienischen Patrioten, die von der Niederlage Österreichs gegen das mit Italien verbündete Preußen gehört hatten, gegen die österreichische Besatzungsmacht protestiert. Dabei wird Roberto Ussoni (Massimo Girotti) von dem österreichischen Offizier Franz Mahler (Farley Granger) beleidigt, worauf er diesen zu einem Duell fordert. Um das zu verhindern, bittet Ussonis Cousine, Gräfin Livia Serpieri (Alida Valli), Mahlers Vorgesetzten um ein Gespräch mit dem als Frauenheld bekannten Mann. 

Da Duelle verboten sind, hat sich das Problem schnell gelöst und Ussoni wird ausgewiesen, aber Livia verfällt zunehmend dem Charme des jüngeren Mannes und trifft sich heimlich mit ihm. Als sie wieder am verabredeten Ort auf ihn wartet, erscheint Mahler nicht. Auch ihr Versuch, ihn bei den anderen Offizieren anzutreffen scheitert. Zudem muss die Gedemütigte feststellen, dass ihre Haarlocke, die sie ihm in einem Anhänger geschenkt hatte, lieblos auf dem Tisch liegt.

Als sich die Ereignisse zwischen Italien und Österreich in Venedig zuspitzen, wird sie von ihrem Ehemann zu ihrem Landhaus in Sicherheit gebracht. Sie versucht Franz Mahler zu vergessen, aber plötzlich, während die Hunde noch anschlagen, steht er in ihrem Schlafzimmer...



"Senso" (Sehnsucht) wird filmhistorisch eine entscheidende Funktion zugeschrieben, denn nach verbreiteter Auffassung beendete Luchino Visconti damit die Phase des italienischen "Neorealismus", wie er sie mit "Ossessione" 1941 begonnen haben soll. Diese Meinung kann nur dem Versuch, zeitgenössische Entwicklungen greifbarer und damit katalogisierbar werden zu lassen, entsprungen sein, denn - unabhängig davon, dass der Realismus im italienischen Film weiter stilbildend blieb - handelt es sich bei "Senso" eher um einen Beginn als einen Abschluss in Viscontis Werk, denn hier setzte er sich das erste Mal intensiv mit der italienischen Geschichte und der Rolle des Adels auseinander - und damit mit seiner eigenen adeligen Herkunft.

"Senso" weist schon signifikante Parallelen zu "Il gattopardo" von 1963 auf. Da ist zum Einen der historische Hintergrund der Gründung eines vereinigten Italiens 1861, hier aus dem Blickwinkel Venedigs, dort von Sizilien aus gesehen, zum Anderen die Rolle des Adels innerhalb einer Entwicklung, die das Bürgertum stärkte, ihre eigene Machtposition aber schwächte. "Senso" ist zeitlich ein wenig später angesiedelt als "Il gattopardo", der die Anfänge der Vereinigung schildert, während Venedig und Triest noch von den Österreichern besetzt waren.

Die Handlung setzt ein, als sich 1866 - also 5 Jahre nach der offiziellen Gründung des italienischen Staates - herum sprach, dass Österreich von dem mit Italien verbündeten Preußen besiegt worden war. Gleich zu Beginn des Films kommt es nach dem dritten Akt von Verdis "Il trovatore" zu einem Tumult im venezianischen Opernhaus "La Fenice", in dessen Folge der adlige Freiheitskämpfer Roberto Ussoni (Massimo Girotti) den österreichischen Offizier Franz Mahler (Farley Granger) zu einem Duell fordert. Dadurch kommt Ussonis Cousine, Gräfin Livia Serpieri (Alida Valli), ins Spiel, die Mahler überreden will, auf das Duell zu verzichten. Dabei wäre ihr Bemühen gar nicht notwendig gewesen, denn noch besitzen die Österreicher die Kontrolle und weisen den aufmüpfigen Ussoni einfach aus.

Während "Il gattopardo" seinen Blick deutlich weiter in die Zukunft legte, und negative Entwicklungen aufzeigte, deren Auswirkungen schon auf den Faschismus unter Mussolini hinwiesen, verblieb Visconti in "Senso" noch ganz in der damaligen historischen Situation. Ähnlichkeit besteht wiederum darin, die unterschiedliche Reaktion des Adels durch die handelnden Personen wider zu spiegeln. Während Ussoni ganz auf der Seite der Befürworter eines vereinigten Italiens gegen die österreichische Besatzungsmacht kämpft, hat sich der Graf Serpieri (Heinz Moog), Livias Mann, mit dieser arrangiert und hält sich heraus. Er ist zwar Patriot, aber er misstraut dem neuen italienischen Staat.

Der entscheidende Unterschied zu "Il gattopardo" liegt aber darin, dass die Rolle Ussonis oder des Grafen, die ganzen detailliert dargestellten Befreiungskämpfe und Schlachten, denen man das Prädikat "historischer Realismus" verlieh - als ob nicht alle Filme Viscontis diese Qualität aufweisen - letztlich nur die Funktion einer Nebenhandlung einnehmen, denn wirklich im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen der Gräfin Livia und dem österreichischen Offizier Franz Mahler. Darin liegt keine Abwertung der Historie, sondern Viscontis legitimer Versuch, sich einer wichtigen Entwicklungsphase weniger durch die Beschreibung historischer Fakten zu nähern, als sie auf diese Weise emotional erfahrbar werden zu lassen.

Beide Protagonisten bestechen durch eine Ambivalenz, die weniger mit den Gefühlen für einander zu tun hat, als mit ihrer Position innerhalb der Gesellschaft. Livia führt eine kinderlose, standesgemäße Ehe mit einem deutlich älteren Mann, mit dem sie sonst wenig verbindet. Ihr Herz schlägt für ihren Cousin, dessen Ideale sie teilt, weshalb ihr auch das Geld der Freiheitskämpfer anvertraut wird. Ihre Liebe zu dem jüngeren Franz Mahler ist in mehrerer Hinsicht ein Verstoß gegen die Traditionen - nicht nur der Ehebruch an sich, sondern das Einlassen mit dem Feind und letztlich sogar der Verrat an den Verbündeten. Alida Valli gelingt es, ihren inneren Kampf spürbar werden zu lassen, weshalb sie nie die Sympathien verliert, aber zunehmend zu einer tragischen Figur wird. In ihr symbolisiert Visconti eine Phase wachsender Unsicherheit, die dazu führt, dass sie sich nicht mehr auf die Regeln verlassen kann, die ihre Position bisher bestimmten.

Ähnliches lässt sich auch zu Franz Mahler feststellen. Dass er mit Livia anbändelt, ist noch kein Bruch mit seiner Rolle, denn Mahler hatte schon vor der ersten Begegnung mit ihr den weit reichenden Ruf eines Verführers, aber als Offizier hat ihn der soldatische Ehrgeiz und die Lust auf den Kampf gegen den Feind längst verlassen. Farley Granger wirkt, trotz seiner scheinbar berechnenden Art, nie geradeheraus oder brachial. Auch wenn seine Liebesversprechungen gegenüber Livia zunehmend unglaubwürdig werden, bleibt sein Gesichtsausdruck merkwürdig somnambul - der Blick eines Menschen, der keine echte Lebensfreude mehr hat. Das nimmt seinem Umgang mit Livia und ihrer vermeintlich naiven Reaktion die Schärfe, denn Franz wirkt wie ein Mensch, der selbst nicht weiß, was er will.

Zwar ist der deutsche Titel "Sehnsucht" nicht exakt übersetzt (wörtlich "Gefühl"), aber er trifft den Inhalt genau. Nur sollte man das nicht allein auf die Liebesgeschichte beziehen, die Visconti aus dem Blickwinkel der Frau schildert, denn diese bedeutet vor allem Flucht - aus einer Tradition, die sich überholt hat, aber auch vor einer Moderne, deren Auswirkungen man nicht kennt. Daraus erwächst eine Sehnsucht nach vermeintlicher Sicherheit, die Livia noch in eine Beziehung zu Franz treibt, als deren Scheitern schon lange offensichtlich ist, während dieser wie ein Selbstmörder auf sein Ende hin zuwandelt - in beiden manifestiert Visconti eine Zeit des Umbruchs, deren Folgen noch nicht absehbar sind.

"Senso" Italien 1954, Regie: Luchino Visconti, Drehbuch: Luchino Visconti, Suso Cecchi d'Amico, Camillo Boito (Roman), Darsteller : Alida Valli, Farley Granger, Heinz Moog, Rina Morelli, Massimo Girotti, Laufzeit : 114 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luchino Visconti:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.