Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Freitag, 29. August 2014

Incubo sulla città contaminata (Großangriff der Zombies) 1980 Umberto Lenzi

Inhalt: Während Dean Miller (Hugo Stiglitz) in die Redaktion des Fernsehsenders kommt, für den er arbeitet, berichtet ein Nachrichtensprecher von dem Austritt einer radioaktiven Wolke am gestrigen Tag. Miller erhält den Auftrag, den Leiter der Nuklearanlage, Professor Hagenbeck (Eduardo Fajardo), am Flughafen zu interviewen, wo dieser in Kürze ankommen soll, um über die Gefahren des Vorfalls zu informieren.

Miller und sein Kameramann werden entsprechend Zeuge, als die Maschine auf dem Rollfeld landet, allerdings ohne sich vorher per Funk angemeldet zu haben. Das aus Polizei und Militärs bestehende Empfangskomitee ist gewarnt, kann aber nichts gegen das Inferno unternehmen, das über sie herein bricht. Professor Hagenbeck und seine Männer, viele von ihnen durch die Kontamination im Gesicht gezeichnet, werfen sich blutrünstig auf sie und lassen sich auch nicht durch einen Kugelhagel aufhalten. Miller kann entkommen, aber nicht verhindern, dass die Infizierten, deren Anzahl sich ständig vergrößert, weiter Richtung Stadt vordringen…


"Incubo sulla città contaminata" (übersetzt: Alptraum von einer kontaminierten Stadt) gehört zu jenen Ende der 70er Jahre während der Phase des Niedergangs der italienischen Filmindustrie entstandenen Produktionen (siehe "Das italienische Kino frisst sich selbst"), die dank mangelhafter Synchronisation und eines Marketings, das auf die von George A. Romero „Dawn of the dead“ (Zombie, 1978) und Lucio Fulci ("Zombi 2" (Woodoo – die Schreckensinsel der Zombies, 1979)) losgetretenen Zombie-Welle aufsprang (deutscher Verleihtitel: Großangriff der Zombies), keine faire Chance hinsichtlich ihrer tatsächlichen Qualitäten erhielten. Zudem bot die billige und hinsichtlich der Gewalt- und Nacktszenen kalkulierte Machart genügend Angriffsfläche. Der Gesichts-Maske der Infizierten und den Splatterszenen sind die Improvisationskünste der Maskenbildner ebenso anzusehen, wie der Inszenierung, an Hand kleinteiliger Schauplätze und einer stark zergliederten Handlung apokalyptische Ausmaße vorgaukeln zu müssen.

Oberbefehlshaber General Murchinson (Mel Ferrer) ist nur in seinem Hauptquartier zu sehen, von wo er aus die Gegenmaßnahmen gegen die grassierende Verseuchung leitet, die die Bevölkerung einer Großstadt zu blutgierigen Monstern mutieren lässt. An Hand eines Lage-Modells wird die Größenordnung der unaufhaltsam scheinenden Gefahr visualisiert, während Murchinsons Mann vor Ort, Major Holmes (Francisco Rabal), nach einer anfänglichen Liebesszene mit seiner Frau Sheila (Maria Rosaria Omaggio) hauptsächlich per Hubschrauber über dem Gebiet kreist und damit Überblick beweisen sollte. Stellvertretend für das Fußvolk steht der Fernsehreporter Dean Miller (Hugo Stiglitz), der Zeuge der Ankunft der kontaminierten Männer um Professor Hagenbeck (Eduardo Fajardo) am Flughafen wird,  und seine Frau Anna (Laura Trotter), die sich durch das Chaos am Boden schlagen müssen.

Garniert wird die Handlung noch mit kleinen Nebenstorys, etwa um die Tochter des Generals, Jessica (Stefania D'Amorio), und deren Mann Bob (Pierangelo Civera), die, ohne von den Vorkommnissen zu ahnen, da wie gewohnt die Bevölkerung nicht informiert wird, um keine Panik zu erzeugen, ihren Urlaub auf dem friedlich scheinenden Land verbringen. Beginnend am Flughafen, über das Eindringen der Infizierten in Deans Fernsehstudio, das Krankenhaus, in dem seine Frau Anna als Ärztin arbeitet, diverse Villen oder eine außerhalb gelegene Tankstelle bis zum Showdown in einem Vergnügungspark, mussten Lenzi und seinen Mitstreitern kleinere Schauplätze mit einer überschaubaren Anzahl an Angreifern genügen, um Größe vorzutäuschen. Das gelang angesichts der Voraussetzungen erstaunlich gut. Die Außenaufnahmen entstanden zwar in Madrid, aber die Ansiedlung der Handlung in einer anonym bleibenden Großstadt der USA wirkt dank der Betonung von Industrie, kühler Architektur und einer weitläufigen Landschaft glaubwürdig, auch wenn den Villen ihre spanische Herkunft anzusehen ist.

Der im damaligen italienischen Genre-Film häufig gewählte US-Hintergrund weist auf die kassenträchtigen Vorbilder hin, von denen einige in Lenzis Film wiederzuerkennen sind. Die Ausgangssituation einer radioaktiven Verseuchung lässt sich auf „China Syndrom“ (1979) zurückführen, der im Jahr zuvor die aktuelle Diskussion über die Atomkraft befeuerte, ebenso wie apokalyptische Untergangsszenarien seit „Mad Max“ (1979) Konjunktur hatten, ganz abgesehen von den Hollywood-Katastrophenfilmen der 70er Jahre („Earthquake“ (Erdbeben, 1974)), die ebenfalls versuchten, das große Ganze an Einzelschicksalen zu vermitteln. Selbstverständlich lässt sich auch der Einfluss von „Dawn of the dead“ nicht übersehen, aber „Incubo sulla città contaminata" mischte daraus einen individuellen Genre-Mix, der selbst bei konkreten Zitaten Eigenständigkeit bewies.

Dean und Anna hören auf ihrer Flucht Kirchenglocken und glauben an einen sicheren Ort, denn die Kirche gilt besonders für Anna noch als letzter Hort der Menschlichkeit. Das erinnert an Don Siegels „Invasion of the Body Snatchers“ (Die Dämonischen, 1956), als die Protagonisten den Klang von Musik mit derselben Annahme verbinden. Beides erweist sich als Fehleinschätzung. Doch Lenzis Film geht darüber hinaus, zerstört das Symbol der Kirche brutal, während bei Siegel die Musik nur verschwindet, weil der Radiokanal gewechselt wurde. Diese Stringenz gehört zu den wichtigsten Unterscheidungs-Merkmalen zwischen den italienischen Filmproduktionen und ihren Hollywood-Vorbildern, die die horrorartigen Geschehnisse in der Regel mit der Betonung menschlicher Emotionen zu kompensieren versuchten. Trotz diverser Paar-Konstellationen verfällt der straff inszenierte, knapp 90minütige Film nie in vergleichbaren Gefühlskitsch, sondern bleibt jederzeit konsequent und häufig auch sehr spannend in der Darstellung einer fortschreitenden Katastrophe.

Zu viel Gesellschaftskritik sollte in "Incubo sulla città contaminata" nicht hineininterpretiert werden, dazu nutzte das Drehbuch zu sehr damals aktuelle Strömungen. Aber verbunden mit der Filmmusik Stelvio Ciprianis, die selbst den Auftritt einer Fernseh-Tanzgruppe dank seines Stücks „Masquerade“ aufwertet, gelangen Lenzi bedrückende Bilder einer unmenschlich wirkenden Ordnung. Beginnend mit der etwa zweiminütigen Eingangssequenz, die allein schon den gesamten Film rechtfertigt, fängt die Kamera, von oben auf die Stadt blickend, die sich wiederholenden Muster und Reihen ein - ein Blick auf eine Umwelt, der sich im weiteren Verlauf noch mehrfach wiederholt. Nicht die blutrünstigen Monster, die diese Ordnung zerstören, sind die eigentliche Gefahr, sondern das Perpetuum Mobile eines gleichförmigen Lebens – wie der Film mit seinem überraschenden Ende eindrucksvoll demonstriert.

"Incubo sulla città contaminata" Italien, Spanien, Mexiko 1980, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Piero Regnoli, Antonio Cesare Corti, Luis Maria Delgado, Darsteller : Hugo Stiglitz, Laura Trotter, Francisco Rabal, Maria Rosaria Omaggio, Mel Ferrer, Laufzeit : 88 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Il giustiziere sfida la città" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.