Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Donnerstag, 7. November 2013

Il tetto (Das Dach) 1956 Vittorio De Sica

Inhalt: Die Hochzeit von Luisa (Gabriella Pallotta) und Natale Pilon (Giorgio Listuzzi) ist schnell vorbei. Natales Geld reicht für ein paar Hochzeitsfotos und Luisas Kleid ist geliehen. Nachdem sie seine Eltern mit einem Taxi abgesetzt haben, fahren sie mit einem Bus ans Meer, wo Luisas Familie lebt. Doch ihr Vater, ein Fischer, der gegen ihre Hochzeit mit dem einfachen Hilfsarbeiter war, ist schon aufs Meer gefahren und will nicht mit ihr sprechen. Bevor er am nächsten Morgen wieder zurückkommt, müssen Luisa und Natale wieder den ersten Bus nach Rom nehmen.

Sie leben dort gemeinsam mit Natales Eltern in einer Wohnung, in der sein Schwager das Sagen hat. Zudem ist seine Schwester hochschwanger und erwartet ihr drittes Kind, mit dem sie dann zu Zehnt dort leben. Natale hofft, dass er bald als Maurer arbeiten kann, die deutlich besser verdienen als er als Steineschlepper, um vielleicht eine der Neubauwohnungen ergattern zu können, an denen er täglich mitbaut. Doch während er den ganzen Tag auf der Baustelle ist, leidet Luisa unter den Gängelungen seine Familie und unter der fehlenden Privatsphäre. Als er deshalb abends in Streit mit seinem Schwager gerät, packt er spontan ihre wenigen Sachen auf einen Karren und verlässt die Wohnung, obwohl ihre bisherige Wohnungssuche ergebnislos war…


Zu den menschlichen Grundbedürfnissen nach Maslow gehört neben den körperlichen Bedürfnissen wie Nahrung und Kleidung, besonders das Sicherheitsgefühl, das sich im Recht auf einen eigenen Wohnraum ausdrückt - das sprichwörtliche "Dach über dem Kopf". Miserable Lebensverhältnisse zeichnen sich in der Regel dadurch aus, das Menschen in primitiven Behausungen leben, die in der Peripherie von Großstädten zu riesigen Slums ausgewuchern - ein Sinnbild für die Unfähigkeit eines Landes, ausreichenden und geeigneten Wohnraum für die eigene Bevölkerung beschaffen zu können. Im bürokratisch durchorganisierten Europa gelten solche Verhältnisse als überwunden, aber die Grenze ist schmal, wie auch im überteuerten Wohnraum deutscher Großstädte zu beobachten ist - wer es sich nicht leisten kann, muss an den Rand der Stadt oder in ländliche Gebiete ziehen, wo es weniger Arbeitsplätze und eine schwächer ausgebaute Infrastruktur gibt.

Nach dem 2.Weltkrieg gehörte die schnelle Bereitstellung neuen Wohnraums zu den wichtigsten organisatorischen Aufgaben in den vom Bombardement zerstörten Ländern, denn der intakt gebliebene Bestand war hoffnungslos überbelegt. In Italien erschwerte eine zusätzliche Entwicklung die Beseitigung dieses Notstands - die enorme Zuwanderung aus ländlichen Gebieten in die Großstädte. Während die Einwohnerzahl der zweitgrößten Stadt Deutschlands, Hamburg, zwischen 1950 und 1970 um ca.200tsd auf 1,8 Millionen anstieg, verzeichnete Rom in diesem Zeitraum einen Zuwachs von 1,2 Millionen Menschen. Seit 1936, als Rom noch 1,16 Millionen Einwohner hatte, hatte sich ihre Zahl auf fast 2,8 Millionen mehr als verdoppelt. Auch in Mailand und Turin entstanden eine Vielzahl von Schwarzbauten, aber besonders Rom bekam die entstehenden Slums auf den Freiflächen am Rand der Stadt nicht in den Griff, obwohl gleichzeitig ganze Neubau-Stadtteile entstanden.

Das Menetekel dieser mangelhaften und menschunwürdigen Wohnsituation wurde die Hauptstadt Italiens lange Zeit nicht mehr los und zieht sich wie eine rote Linie durch das Filmschaffen kritischer Regisseure und Drehbuchautoren. Galt der zerstörte und überbelegte Wohnraum in den frühen neorealistischen Werken noch als unmittelbare Folge des Krieges, gab dieser Missstand in den späteren Filmen Anlass zu unterschiedlichen Interpretationen. Während Totò 1949 in einem Vorläufer der "Commedia all'italiana" in "Totò cerca casa" von Mario Monicelli und Steno auf eine absurde Wohnraumsuche geschickt wurde, betrachtete Vittorio De Sica diese Situation in "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand, 1951) von der ernsthaften Seite. Der Slum war noch Zufluchtsort, weshalb dessen rigorose Beseitigung die Bewohner vor erneute Probleme stellte. Dem entgegengesetzt schilderte Ettore Scola in "Brutti,sporchi e cattivi" (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen) 1976, ein Vierteljahrhundert später, die römischen Slums fatalistisch als einen Ort, an dem es sich seine Bewohner längst eingerichtet haben.

Für Pier Paolo Pasolini gab es aus den menschenunwürdigen Verhältnissen am Rande Roms in "Accattone" (Accattone - wer nie sein Brot mit Tränen aß, 1961) kein Entrinnen mehr und erneut Monicelli beschrieb in der ersten Episode von "Boccaccio '70" (1962), wie schwierig es für junge Paare war, eine Beziehung im überfüllten Haus der Eltern zu führen. Seinen Protagonisten gelingt es am Ende, ein Appartement in den neu gebauten Wohntürmen zu erlangen. Wie sich herausstellt auch keine ideale Situation, aber De Sicas Protagonisten in "Il tetto" (Das Dach) wären mehr als dankbar dafür gewesen. Denn der erste Eindruck des Films täuscht - die Hochzeit von Luisa (Gabriella Pallotta) und Natale Pilon (Giorgio Listuzzi) ist nur einen Moment lang feierlich. Danach stürzen die Gäste davon und Luisa zieht ihr geliehenes Hochzeitskleid noch im Taxi aus, während ihr frisch Vermählter versucht, den Preis beim Fahrer herunter zu handeln. Sie eilen zu einem Bus, der sie ans Meer zu Luisas Eltern bringt, um diesen die Nachricht ihrer Hochzeit zu überbringen. Doch vergebens, denn Luisas Vater, der strikt dagegen war, dass sie einen Hilfsarbeiter heiratet - Natale schleppt Steine auf einer der großen Baustellen Roms - will nicht mit seiner Tochter sprechen.

Was vordergründig dramatisch klingt, wird von De Sica und Drehbuchautor Cesare Zavattini fast lakonisch als Beschreibung einer sozialen Entwicklung geschildert, wie sie Mitte der 50er Jahre in Italien Realität wurde. Die jungen Erwachsenen, die von der Aufbruchstimmung der 50er Jahre erfüllt waren, lösten sich früher aus ihren Elternhäusern, suchten sich Arbeit und wollten ein eigenes Leben führen, auch wenn die materiellen Voraussetzungen dafür noch nicht gegeben waren. Ein Film wie "Il tetto", der die Schattenseiten dieser Entwicklung deutlich werden ließ, passte nicht in diese Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, auch weil De Sica und Zavattini konsequent auf den neorealistischen Stil zurückgriffen, der seinen Zenit seit den frühen 50er Jahren überschritten hatte - selbst "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) von 1948, heute als Höhepunkt des Neorealismus anerkannt, verfügt nicht über die sezierende Stringenz von "Il tetto", der ausschließlich mit Amateurdarstellern an authentischen Plätzen gedreht wurde – vor dem Hintergrund der riesigen Baustellen.

Die Stärke des Duos De Sica/Zavattini, der ihre Popularität zu verdanken war, lag in der emotionalen Ebene, mit der sie die gezeigten Missstände für den Betrachter erträglicher werden ließen. Wenn am Ende von "Ladri di biciclette" der verzweifelte Vater versucht, selbst ein Fahrrad zu stehlen, dann fühlte das Publikum mit ihm, ebenso wie mit dem einsamen alten Mann in "Umberto D." (1952), dem immer noch die Liebe zu seinem kleinen Hund blieb. Die Tragik dieser Geschichten ergab sich auch aus dem wachsenden Egoismus einer Gesellschaft, in der Jeder seinen eigenen Vorteil suchte, womit gleichzeitig eine dezente Schuldzuweisung verbunden war. Auf solche relativierende oder emotional abschwächende Elemente verzichteten De Sica und Zavattini in "Il tetto", was den Film sperriger und weniger tröstlich wirken lässt, weshalb er innerhalb ihres Gesamtwerks ein ungerechtfertigtes Schatten-Dasein fristet. Zudem entstand der Film in einer für Vittorio De Sica schwierigen Phase als Regisseur, denn sein Ruhm aus der neorealistischen Ära begann zu verblassen. Dass er noch einmal auf seinen früheren Erfolgsstil zurückgriff, wirkte 1956 rückständig und konnte diese Entwicklung nicht stoppen. Erst "La ciociara" (Und dennoch leben sie, 1960), ein während des Kriegs spielender Film, den Carlo Ponti für seine Frau Sophia Loren produzierte und der ihr den Oscar einbrachte, sollte De Sica wieder in die Erfolgsspur zurückbringen.

Wie heikel die Thematik der Schwarzbauten Mitte der 50er Jahre in Italien offensichtlich war, wird auch an der größtmöglichen Objektivität sichtbar, um die sich De Sica und Zavattini bemühten. Es existieren weder böswillige, noch sture Charaktere in ihrem Film - selbst die Behörden hinterlassen keinen negativen Eindruck, sondern wirken eher hilflos angesichts der schwierigen Umstände. Die wenigen zwischenmenschlichen Animositäten bleiben nachvollziehbar angemessen, während die gegenseitige Hilfsbereitschaft einen stärkeren Eindruck hinterlässt. Mit Luisa und Natale stehen zudem zwei Protagonisten im Mittelpunkt, die anständiger und fleißiger kaum vorstellbar sind. Damit wollte der Film konkret dem Vorurteil widersprechen, die Slums wären die Folge asozialer Verhältnisse oder beherbergten nur verantwortungslose Zeitgenossen.

Die soziale und berufliche Situation des jungen Paares, ihre Unterbringung im Haus der Eltern Natales, wo zehn Menschen auf engstem Raum schlafen müssen, und ihr verzweifelter Versuch, eine eigene Wohnung zu finden, verlässt nie die Ebene einer für Jeden nachvollziehbaren Realität. Dass sie schließlich wie viele Andere auch versuchen, zwischen Tiber und einer stark frequentierten Eisenbahnlinie ein winziges Häuschen über Nacht zu bauen, ist ihre einzige Möglichkeit. Zudem eine sehr riskante, denn nur wenn auch das Dach fertig gestellt wurde, verzichteten die Behörden am nächsten Morgen darauf, die Hütte wieder abreißen zu lassen. Der Film mündet in einen Wettlauf gegen die Zeit, doch mit der klassischen Frage nach Sieg oder Niederlage haben diese Vorgänge nichts mehr gemeinsam - einen Gewinner kann es hier nicht geben.

"Il tetto" Italien 1956, Regie: Vittorio De Sica, Drehbuch: Cesare Zavattini, Darsteller : Gabriella Pallotta, Giorgio Listuzzi, Gastone Renzelli, Maria Di Rollo, Maria Di Fiori, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.