Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Sonntag, 10. November 2013

Ennio Morricone, Compositore / Komponist 1928 -

Porträt zum Anlass des 85. Geburtstags von Ennio Morricone, geboren am 10.11.1928


Es ist der Klang der Mundharmonika, der beinahe Jeden sofort an „Spiel mir das Lied vom Tod“ („C’era una volta il west“) erinnert, den Sergio Leone 1968 in die Kinos brachte und der den Komponisten Ennio Morricone schlagartig berühmt werden ließ. Es geschah der seltene Fall, dass sich ein Soundtrack vom Film löste und unabhängig erfolgreich wurde, obwohl gerade Morricone größten Wert auf die Symbiose von Bild und Ton legte. Anders als in vielen aktuellen Filmen, deren Soundtrack aus Musikstücken unterschiedlicher Interpreten besteht, liegt die Stärke des Morriconeschen Scores in den Bildern, die seine Musik vor dem geistigen Auge des Hörers erzeugen, denn es ging ihm nicht allein um die Untermalung von Szenen oder die Betonung einer Situation, sondern er schuf eine zusätzliche Ebene, die mit Bildern allein nicht herzustellen gewesen wäre. Die Filme verbinden sich so eng mit seinen Kompositionen, dass sie beim Erklingen seiner Melodien wieder in Erinnerung gerufen werden.

Dass er vor seinem großen Erfolg mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ schon zu 85 Filmen den Score beigesteuert hatte, war außerhalb Italiens nur Insidern bekannt - einzig die Melodien zu den Italo-Western von Sergio Leone eilten seinem Ruf voraus, wie die Titelmelodie zu „Zwei glorreiche Halunken“ (Il buono, il brutto, il cattivo) von 1966. Es erstaunt deshalb nicht, dass der bis heute aktive Komponist Ennio Morricone, der am 10. November 2013 das 85. Lebensjahr vervollständigt, nach wie vor zuerst mit Sergio Leones Filmen und im weiteren Sinn mit dem Italo-Western identifiziert wird, obwohl das Western-Genre in seinem inzwischen 517 Soundtracks umfassenden Werk an Filmkompositionen nur einen kleinen Teil ausmacht und er mit anderen Regisseuren häufiger zusammen arbeitete.

Ennio Morricone, in Trastevere, Rom, geboren, studierte zuerst Trompete und Chormusik, bevor er 1954 sein Komponisten-Studium am Konservatorium abschloss. Als er als Arrangeur beim Radio begann, gehörte er schon zur musikalischen Avantgarde seines Landes – eine Leidenschaft, die ihn nicht mehr los ließ, weshalb er parallel zu seinen Filmkompositionen seit 1964 bei der "Gruppo di Improvisazione Nuova Consonanza" unter der Leitung von Franco Evangelisti mitwirkte – an der Trompete. Diese intensive Auseinandersetzung mit atonaler Musik und der Integrierung von jeder Art der Klangerzeugung, lässt sich auch an seiner Filmmusik ablesen. In „Zwei glorreiche Halunken“ ist gut herauszuhören, wie er Stimmen und Instrumente so verfremdet, dass sie mit den Schlaginstrumenten zu einem Rhythmus verschmelzen, der ein Western-Feeling verbreitet, dass stilbildend wurde. Obwohl einzig die Gitarre eine klassische Melodie spielt, wird das Stück als eingängig empfunden, woran deutlich wird, wie geschickt Morricone mit den Hörgewohnheiten spielte und diese damit gleichzeitig veränderte.

Warum Morricone trotz seiner Vielfältigkeit vor allem mit dem Western in Verbindung gebracht wird, liegt auch an der schieren Fülle und damit Unübersichtlichkeit seines Werkes, dessen innere Strukturen sich nur bei einer genauen Betrachtung entschlüsseln lassen. Doch mit Filmen, Namen und Hörbeispielen um sich zu schmeißen, hilft nicht bei der Annäherung an sein Werk, weshalb ich eine ganz persönliche Auswahl traf, um sein Schaffen zu repräsentieren - vierzehn Filme und die dazu gehörige Filmmusik aus der Zeit von 1961 bis Mitte der 80er Jahre, der kreativsten Phase im italienischen Film. Dass Ennio Morricone erst ab 1980 internationale Preise für seine Musik erhielt (der Oscar blieb ihm trotz einiger Nominierungen verwehrt – erst 2007 erhielt er den „Ehrenoscar“ für sein Lebenswerk), verdeutlicht auch, wie kontrovers seine Musik und die politische Haltung, die er in der häufigen, engen Zusammenarbeit mit politisch linksgerichteten Regisseuren ausdrückte, vor allem in den USA angesehen wurde.

Beginnen möchte ich mit den zwei Filmen, zu denen er seine ersten beiden Soundtracks schrieb, die schon beispielhaft für seine späteren Arbeiten stehen:


„Il federale“ (Zwei in einem Stiefel, 1961)

Bei „Il federale“ (Zwei in einem Stiefel) von 1961 handelt es sich um eine Satire auf das Soldatenleben im 2.Weltkrieg, deren beißender Humor typisch für die „Commedia all’italiana“ war, einer spezifischen Form der italienischen Komödie, die ihre Kritik unter dem Deckmäntelchen des Humors offensiv vortragen konnte. Besonders der abschließende Titel vermittelt in der Kombination aus soldatischem Marsch und einer melancholischen Melodie sehr schön die Intention des Films – ein wiederholt von Morricone angewendetes Motiv.


„La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962)

Kein Zufall ist es auch, dass sein zweiter vertonter Film „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) ebenfalls unter der Regie von Luciano Salce entstand, denn ein wesentlicher Zug seiner Karriere bestand darin, einen Regisseur bei dessen weiterer Arbeit zu begleiten – mit dem Ergebnis, dass die Anzahl der Filmemacher immer weiter wuchs, die ausschließlich Morricone als Komponisten verpflichteten. Bei „Lockende Unschuld“ handelt es sich um eine Komödie, die in der damaligen Gegenwart angesiedelt ist und von der Konfrontation der Nachkriegsgeneration am Beispiel eines 40jährigen Geschäftsmanns mit der aufkommenden Jugendbewegung erzählt. Sehr gelungen drückt er diese Situation mit dem Song „Jump up“ aus, der ironisch den Zwang zum „Jungsein“ kommentiert.


„Una pistola per Ringo“ (Eine Pistole für Ringo, 1965)

Nachdem mit Sergio Leones „Per un pugno di dollari“ (Für eine Handvoll Dollar) 1964 der Siegeszug des Italo-Western begann, fing auch für Ennio Morricone die intensivste Phase in der Zusammenarbeit mit dem Genre an. Ein weiteres, weniger bekanntes Genre-Beispiel verdeutlicht, wie unterschiedlich der Komponist den Western interpretieren konnte. Das Arrangement zu „Una pistola per Ringo“ (Eine Pistole für Ringo) war ganz auf den erst kürzlich verstorbenen Giuliano Gemma zugeschnitten, der einen gänzlich anderen Typus als Clint Eastwood in den Leone-Western verkörperte, weshalb auch die Musik einen vollständig anderen Charakter bekam - sanfter und mit zusätzlichem Gesang versehen.


„I pugni in tasca“ (Mit der Faust in der Tasche, 1965)

Parallel zu seinen Western-Kompositionen wandte sich Morricone schon früh dem gesellschaftskritischen und politischen Film zu, der Mitte der 60er Jahre verstärkt aufkam. Auch mit Regisseur Marco Bellocchio, dessen ersten Film „I pugni in tasca“ (Mit der Faust in der Tasche) er 1965 vertonte, blieb er noch bei weiteren Filmen in Verbindung. „Mit der Faust in der Tasche“ erzählt die Geschichte eines an der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelnden zornigen jungen Mannes, der beginnt, seine Familienmitglieder zu ermorden, um seinen älteren, angepasst lebenden Bruder von der Verantwortung für sie zu befreien. Signifikant für Morricones späteren Stil ist die intensive Verwendung des Cembalos, dessen rhythmischen Klang er im zweiten Teil mit ruhigen Streichern kontrastierte.


„Uccellacci e uccellini“ (Große Vögel, kleine Vögel, 1966)

Wie gegensätzlich Morricone in der Lage war auf die spezifischen Eigenarten der Filmemacher einzugehen, wird an den beiden folgenden Beispielen deutlich. Sowohl für Pier Paolo Pasolini, als auch Gillo Pontecorvo wurde er zum ständigen Begleiter ihrer Filme, doch während Pasolini sich in „Uccellacci e uccellini“ (Große Vögel, kleine Vögel, 1966), einer absurd erzählten Passionsgeschichte, von seiner humorvollen Seite zeigte, pflegte Pontecorvo grundsätzlich einen dokumentarischen, ernsthaften Stil. Das Lied zu „Große Vögel, kleine Vögel“ ist im Stil eines mittelalterlichen Bänkelsängers gehalten, in dem Morricone Humor beweist, in dem er sich selbst mit „Ennio Morricone, Musico – ho,ho,ho“ ankündigen lässt.


„La battaglia di Algeri“ (Die Schlacht von Algier, 1966)

Dagegen wird der Soundtrack zu Pontecorvos „La battaglia di algeri“ (Die Schlacht von Algier, 1966) von der tiefen Tragik seiner Betrachtung des Algerien-Krieges geprägt. An einigen Stellen des Scores betonte er mit einem marschartigen Rhythmus die unbarmherzige Vorgehensweise der französischen Armee. Im Gegensatz dazu steht das Stück "Rue de Tebes", dass ein Bombenattentat auf die Zivilbevölkerung untermalt. Die elegische, ruhige Musik kann die Verzweiflung der Beteiligten im Anblick der vielen Getöteten transportieren und bleibt trotzdem zurückhaltend und ohne Anflug von Kitsch. Besonders im Vergleich zu aktuellen, kompakt klingenden Soundtracks, die bewusst Emotionen schüren, wird die Qualität des transparent gesetzten Musiksatzes für Streicher mit Cembalobegleitung deutlich.


"Le clan des Siliciliens" (Der Clan der Sizilianer (1969))

Nach dem großen Erfolg 1968 mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ begann sich Ennio Morricone zunehmend im internationalen Film durchzusetzen. Für den französischen Regisseur Henri Verneuil schrieb er parallel erstmals einen Soundtrack zu dessen Film „San Sebastian“ (Die Hölle von San Sebastian, 1968), indem Charles Bronson auch die Hauptrolle spielte – ebenfalls der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit. Zudem hatte der Western Ende der 60er Jahre seinen Zenit schon überschritten und andere Genres wie der Kriminalfilm (Polizieschi), der „Giallo“ oder der erotische Film befanden sich auf dem Vormarsch. Zu Verneuils erfolgreicher Gangster-Ballade „Der Clan der Sizilianer“ mit Jean Gabin, Lino Ventura und Alain Delon in den Hauptrollen, der 1969 herauskam, gelang ihm ein weiterer großer Erfolg, indem er seinen Western-Style neu interpretierte.

Schön ist daran ein weiteres bestimmendes Stilelement in der Musik Morricones zu hören – die Solostimme für ein Blasinstrument (in der Regel Klarinette oder Oboe, seltener Flöte) vor einem Streicherhintergrund, begleitet von einem treibenden Continuo in Form einer rhythmisch wiederholten Melodie. Hier wird sie von einer E-Gitarre gespielt, wahlweise auch vom Cembalo (dem klassischen Basso Continuo), einer Orgel oder einem Cello. Morricone verwendete die Mittel der klassischen oder E-Musik und gab ihnen einen modernen, zeitgemäßen Charakter.


„La donna invisibile“ (1969)

Wie wandlungsfähig er war, zeigt seine Musik zu „La donna invisibile“ (Die unsichtbare Frau), die er ebenfalls 1969 schrieb. Wenn sich Giovanna Ralli zu seiner Musik in der ersten Szene anzieht, dann manifestiert sich der Begriff „Erotik“ im Film – eine Wirkung, die erst durch die Kombination aus Bild und Ton ermöglicht wird. 

Nicht nur beim aufkommenden Erotikfilm befand sich Ennio Morricone auf der Höhe der Zeit, er schrieb für viele populäre italienische Regisseure dieser Phase die Filmmusik, darunter Damiano Damiani, Carlo Lizzani, Salvatore Samperi, Dario Argento, Sergio Sollima, Lucio Fulci, Mario Bava oder Sergio Martino, aber eine besondere Beziehung verband ihn mit dem gesellschaftskritischen Regisseur Elio Petri. Dieser gab ihm und seiner avantgardistischen Combo "Gruppo di Improvisazione Nuova Consonanza" die Möglichkeit, für "Un tranquillo posto in campagna" (Das verfluchte Haus, 1969) ihre Musik einzuspielen, was zum Beginn einer engen Zusammenarbeit wurde, die erst mit dem frühen Tod Petris 1982 endete.


"Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, 1970)

Auch in den späteren Filmen des Regisseurs konnte Morricone mit atonaler Musik experimentieren, mit der er Petris fatalistische Haltung gegenüber der menschlichen Sozialisation adäquat ausdrückte  - beispielhaft dafür steht "La classe oparaia va in paradiso" (Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies) von 1971, in der der Score nur aus maschinellen oder metallisch klingenden Geräuschen besteht. Ein gefälligeres Musikstück stammt aus "Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Zweifel erhabenen Bürger), mit dem es Morricone gelang, den selbstgefälligen, narzistischen und gleichzeitig von Minderwertigkeitkomplexen gequälten Charakter des von Gian Maria Volonté gespielten Protagonisten zu vermitteln.


„Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti, 1971)

In dieser Phase der Proteste gegen den Vietnamkrieg, Massenstreiks und zunehmender terroristischer Anschläge, die die bürgerliche Gesellschaft Italiens zutiefst spaltete, war Ennio Morricone Teil der kritischen Intellektuellen, die die Gefahr einer erneuten Diktatur in ihrem Land befürchteten. Sein großartiger Score zu „Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti, 1971) unter der Regie von Giuliano Montaldo, brachte mit „Here’s to you“ eine Hymne hervor, die zwar zum Standard der Protestbewegung wurde - zudem gesungen von Joan Baez - aber nur selten mit dem Komponisten in Zusammenhang gebracht wird. Bemerkenswerter als dieses am Ende des Films gespielte Stück sind die drei jeweils 5minütigen Balladen, die Baez über die beiden zum Tode verurteilten Arbeiterführer singt. Während sich ihre Gesangsstimme in allen drei Variationen ähnelt, beginnt Morricone die Musik zunehmend zu dekonstruieren bis von der anfänglich melodischen Begleitung nur noch Geräusch-Fragmente zu hören sind. Der gesamte Soundtrack demonstriert Morricones Bandbreite in der Komposition vom eingängigen Musikstück bis zur atonalen Untermalung der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.



Dieser Einfluss zeigt sich auch an den zwei nächsten Beispielen zu populären Genres, denen sich Morricone nie verschloss. Zu dem Poliziesco von Umberto Lenzi „Milano odia: la polizia non vuole sparare“ (Der Berserker) mit Tomas Milian und Henry Silva in den Hauptrollen, schuf er eine Mischung aus treibendem Rhythmus und der Härte der Großstadt:

„Peur sur la ville“ (Angst über der Stadt, 1975)

Noch konsequenter schwenkt er in den atonalen Bereich in einem weiteren Score zu einem Henry Verneuil Film „Angst über der Stadt“ („Peur sur la ville“, 1975) mit Jean-Paul Belmondo – die Angst und das Grauen wird dank der Musik mit Händen greifbar.








„Ogro“ (1979)

Viele der Arbeiten in den 70er Jahre wurden von der langjährigen Zusammenarbeit mit Regisseuren geprägt, die er schon in seiner frühen Schaffensphase kennenlernte. Neben der Musik zu populären Genres wie Polizieschi, Giallo oder Erotikfilm, entstanden weiterhin Soundtracks zu politischen Filmen, wie zu „Ogro“ (1979) von Gillo Pontecorvo, für den Morricone seit Mitte der 60er Jahre („La battaglia di Algeri“) komponierte. Der Film über ein Attentat auf den spanischen Regierungschef, dem zweiten Mann im Staat unter dem Diktator General Franco, verdeutlicht den inneren Zwiespalt der Widerstandskämpfer, für ihre Ziele töten zu müssen und drückt sich in Morricones Musikstück „Atto di dolore“ angemessen aus, das ein erneutes Abbild seiner bevorzugten Stilelemente wurde.

„Once upon a time in America“ (Es war einmal in Amerika, 1984)

Zu diesem Zeitpunkt lagen schon fast 20 Jahre und nahezu 300 Soundtracks hinter Ennio Morricone, aber seine internationale Anerkennung – zumindest in Filmpreisen ausgedrückt - sollte erst noch kommen. Als weitere Initialzündung dafür gilt sein Soundtrack zum letzten Sergio Leone Film "Once upon a time in America" (Es war einmal in Amerika, 1984), der mit us-amerikanischem Geld entstand. So gelungen der Score klingt, so wird darin doch deutlich, dass er nur noch die Stilmittel variierte, die er schon bis Mitte der 70er Jahre entwickelte, die parallel zum gesamten italienischen Filmschaffen auch seine kreativste Phase blieb.

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.