Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

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Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 28. Mai 2013

Sorcerer (Atemlos vor Angst) 1977 William Friedkin

William Friedkin widmete seinen Film „Sorcerer“ Henri-Georges Clouzot und dessen italienisch / französischem Film "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst) von 1953. Seine Interpretation der Romanvorlage von Georges Arnaud gelang eigenständig, konnte sich aber in der Meinung des Publikums nie von seinem Vorbild lösen – eine genaue Analyse: 


Inhalt: Vera Cruz - Nilo (Francisco Rabal) kommt in eine Wohnung und erschießt einen unbewaffneten Mann, bevor er in aller Ruhe wieder das Haus verlässt.

Jerusalem - Kassem (Amidou) wartet mit ein paar Freunden auf den Bus. Als sie einsteigen, lassen sie wie zufällig ihre Taschen zurück, die wenig später explodieren. Schnell gelingt es der Polizei ihren Stützpunkt auszumachen, aber Kassem kann inmitten der aufgebrachten Menge unerkannt entkommen.

Paris – der reiche Geschäftsmann Victor Manzon (Bruno Cremer) erhält von seiner Frau eine Uhr als Geschenk, aber er hat nicht viel Zeit, sich darüber zu freuen. Ihm steht ein unangenehmer Termin bei der Börsenaufsicht bevor, denn er hatte falsche Angaben gemacht, weshalb er innerhalb von 24 Stunden einen hohen Millionenbetrag aufbringen muss, um nicht wegen Börsenbetrugs angezeigt zu werden. Nur der Vater seines Partners kann die Firma noch retten, aber er wagt es nicht, mit ihm zu sprechen, weil er dessen unbarmherzige Reaktion ahnt. Als Manzon während des Mittagessens mit seiner Frau und Freunden aus dem Restaurant heraustritt, um noch einmal auf seinen Partner einzudringen, erschießt sich dieser kurz darauf selbst. Ohne zu seiner Frau zurückzukehren, flieht Manzon.

Elizabeth, New Jersey - Jackie Scanlon (Roy Scheider) hält gemeinsam mit drei Männern vor einer Kirche, wo eine Hochzeitsgesellschaft zur Messe eintrifft. Sie gehen in die Kirche, in deren Nebenräume die Einnahmen aus den Bingospielen gezählt werden. Während der Priester dem Brautpaar– die Braut hat ein blaues Auge – einen Vortrag hält, überfallen Scanlon und seine Kumpane die Geldsammelstelle und entkommen mit großer Beute. Doch die Flucht misslingt, denn der Wagen gerät in einen Unfall. Nur Scanlon kann verletzt entkommen, wird aber von der Organisation gesucht, die das Bingo-Spiel kontrolliert. Er ist gezwungen, zu fliehen.

Sie landen an einem verwahrlosten Ort in Südamerika, dessen Bewohner für eine nahe gelegene Ölraffinerie unter erbärmlichen Bedingungen arbeitet. Auch die Männer übernehmen kleinere Jobs, haben aber zu wenig Geld, um sich wieder absetzen zu können. Als die Anlage nach einem Anschlag brennt, scheint sich die Gelegenheit zu bieten, ausreichend Geld zu verdienen, denn die Firma braucht vier Männer für einen sehr gefährlichen Job…



"Sorcerer" - Abgesang auf "New Hollywood" und Blick in die Zukunft


Als William Friedkin "Sorcerer" (wörtlich "Zauberer" - deutscher Titel "Atemlos vor Angst", um die Nähe zum bekannteren Vorgänger "Lohn der Angst" herzustellen) 1977 herausbrachte, waren nicht nur vier Jahre seit seinem letzten Film "The exorcist" (Der Exorzist) vergangen, sondern hatte er auch eine Vielzahl an Problemen bei der Fertigung seines neuen Films zu bewältigen. Zuerst musste er auf Steve McQueen verzichten, weshalb er Roy Scheider für die Hauptrolle besetzte, dann stellten sich die Dreharbeiten vor Ort als so schwierig heraus, dass er sowohl das Budget, als auch die Zeitvorgabe deutlich überschritt - auch weil er nicht bereit war, Kompromisse einzugehen. Mit welcher Konsequenz er vorging, wird allein daran deutlich, dass er "Tangerine Dream" bei der Komposition des Scores freie Hand ließ - sie sollten sich nicht nach Rahmenbedingungen richten, sondern unabhängig künstlerisch arbeiten können.

Das Ergebnis war mehr als ernüchternd. Die Kritik verriss den Film, der in den Kinos nur einen Bruchteil seiner Kosten wieder einspielte. In Deutschland kam "Sorcerer" zudem ohne Friedkins Autorisierung ummontiert und deutlich gekürzt in die Kinos, obwohl sogar Szenen verwendet wurden, auf die der Regisseur in der von ihm geschnittenen 119 Minuten langen Fassung verzichtet hatte. Der Grund dafür lässt sich leicht feststellen. Es sind die Szenen, die die größte Nähe zur ersten Verfilmung von Georges Arnauds Roman "Le salaire de la peur" - "Lohn der Angst" unter der Regie von Henri-Georges Clouzot aus dem Jahr 1953 - aufwiesen. Sieht man von der grundsätzlichen auf dem Roman basierenden Thematik ab, bemühte sich Friedkin um eine eigenständige Interpretation und Umsetzung, konnte aber aus dem langen Schatten des großen Vorbilds nicht heraustreten.


"Sorcerer" vs. "Le salaire de la peur"

Auch Clouzot hatte den Roman frei adaptiert, verfilmte ihn aber kurz nach dessen Erscheinen an der Schnittstelle zwischen Nachkriegsdepression und prosperierendem Wirtschaftswachstum, Anfang der 50er Jahre – eine Phase, die von Zukunftsglauben, aber auch von rücksichtsloser Ausbeutung geprägt wurde. Seine Protagonisten sind Gestrandete einer vergangenen Zeit, die versuchen, wieder Anschluss an die Zukunft zu finden. Um nicht als endgültige Verlierer zurück zu bleiben, sind sie bereit, sich zu erniedrigen und jedes Risiko dafür einzugehen. Die Einöde - von Clouzot im ersten Drittel seines Films eindringlich beschrieben - symbolisiert den inneren Stillstand, aus dem sie auszubrechen versuchen, aber es handelt sich um keinen Zufluchtsort wie in Friedkins Film.

Als der bis dahin ausschließlich als Dokumentarfilmer tätige Walon Green sein Drehbuch Mitte der 70er Jahre entwarf, musste er sich mit einer vollständig gewandelten Sozialisation auseinander setzen. Nach dem 2.Weltkrieg war alles dem Wirtschaftswachstum und einem ungebremsten Fortschrittsglauben untergeordnet worden, aber in Folge des Vietnamkriegs kam es zu Massen-Protesten, die das bisherige Establishment in Frage stellten. Eine allgemeine Ernüchterung trat ein, nachdem auch die Wirtschaft in eine Krise geriet und die Arbeitslosenzahlen stiegen. Nicht nur der Wachstumsglauben zeigte erste Nebenwirkungen, auch der seit drei Jahrzehnten andauernde "Kalte Krieg" hatte an vielen Orten der Welt neue Brennpunkte geschaffen, deren Folgen bis heute andauern. Auch Hollywood reagierte darauf, setzte jahrzehntelang gültige Codes außer Kraft und brachte politisch relevante Stoffe in die großen Kinos - später unter dem Begriff "New Hollywood" zusammen gefasst.

"Sorcerer" entstand während dieser Phase des wirtschaftlichen Niedergangs und gesellschaftspolitischer Proteste, aber die us-amerikanische Gesellschaft hatte inzwischen die Lust am kritischen Diskurs verloren, was in der Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten 1980 gipfelte, die eine erneut von ökonomischen Gesichtspunkten bestimmte Zeit einläuten sollte. Hollywood war dem schon zuvor gekommen und setzte wieder verstärkt auf reines Unterhaltungskino. Entsprechend wirkte Friedkins „Sorcerer“ bei seinem Kinostart 1977 wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Zu verdanken ist dieser Eindruck auch dem inszenatorischen Kniff, der seinen Film vordergründig am deutlichsten von Clouzots Werk unterscheidet – die der Handlung vorangestellten Biografien der vier Protagonisten, von der jede für einen eigenen Themenbereich steht: die steigende Gewalt im „Nahen Osten“, das Ende des ungebremsten wirtschaftlichen Aufschwungs, die Bandenkriminalität und die zunehmende Korrumpierung der us-amerikanischen Gesellschaft.

Im Vergleich zum Attentäter Kassem (Amidou), dem Auftragskiller Nilo (Francisco Rabal), sowie dem Finanzbetrüger Victor Manzon (Bruno Cremer) wirkt Jackie Scanlons (Roy Scheider) Beteiligung an einem Überfall einer Bingo-Geldsammelstelle eher gewöhnlich, aber Friedkin gelang in dieser kurzen Sequenz das eindringliche Bild einer maroden Sozialisation, fernab jeder Hollywood-Idealisierung. Während der Priester bei einer Hochzeit eine verlogene Moral predigt, werden in den Hinterzimmern der Kirche die Einnahmen aus dem Bingo-Spiel gezählt, das von der Mafia kontrolliert wird. Zwar gelingt der Raub, aber bei der Flucht vor der Polizei verunglückt ihr Wagen so schwer, dass nur Scanlon ohne Beute entkommen kann. Doch die Organisation verzeiht weder den Eingriff in ihre Hoheitsrechte, noch das der Bruder des Bosses dabei angeschossen wurde, weshalb Scanlon nur die Flucht in einen abgelegenen und verwahrlosten Ort in Südamerika bleibt, wo er den anderen Männer begegnet. Die Besetzung Roy Scheiders anstatt des coolen Steve McQueen erscheint aus heutiger Sicht ideal, denn Scanlon ist zwar fähig und abgeklärt, aber auch ein Verlierer, der in die Mühlen aus wirtschaftlicher Notlage und Kriminalität geriet. Scheider konnte die Ambivalenz seiner Situation authentisch vermitteln.

Diesen vier der Handlung vorangestellten „Biografien“ gilt die häufigste Kritik im Vergleich zu Clouzots „Lohn der Angst“, der bewusst auf nähere Hintergründe seiner Protagonisten verzichtete, um den existentialistischen Charakter seines Films noch zu betonen. Die Vergangenheit existierte nur noch in ihrer Erinnerung, Stillstand war gleichbedeutend mit dem Tod und für die Chance auf eine Zukunft waren sie bereit, ein hohes Risiko einzugehen. Friedkin hätte diese Konstellation wiederholen können, aber Mitte der 70er Jahre war sie nicht mehr authentisch. Die vergangenen Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen – der Zufluchtsort ist eine elende Ansammlung baufälliger Baracken, die Arbeitskraft und Gesundheit seiner Bewohner wurde von der nahe liegenden Raffinerie ausgebeutet und der Militär-Diktator des südamerikanischen Staats laviert zwischen Kapitalinteressen gegenüber der US-Ölgesellschaft und dem Versuch, die stärker werdende Opposition im Zaum zu halten. Das gilt auch für die vier Männer, die ihrer Vergangenheit nicht entkommen können und die auch keine Zukunft mehr haben. In Clouzots „Le salaire de la peur" existierte noch die Illusion, in der Heimat neu anfangen zu können, in „Sorcerer“ geht es nur noch darum, an einem anderen Ort unter halbwegs menschlichen Bedingungen weiter zu existieren.

Deshalb war es konzeptionell falsch, die Hintergründe der vier Männer verzahnt mit dem späteren Geschehen zu schildern, wie es die eigenmächtig geschnittene deutsche Fassung vorsah. Damit wurde eine Nähe zu den Protagonisten vorgegaukelt, die Friedkin mit seiner Trennung von der eigentlichen Handlung vermeiden wollte. Zwar liegt in ihrer jeweiligen Vergangenheit der Grund, warum sie ein hohes Risiko eingehen, aber das Kernstück der Handlung – der Transport des Dynamits mit schrottreifen LKWs durch den Dschungel –  besitzt einen autarken Charakter, den Friedkin noch damit betonte, dass er einige Szenen ausschließlich mit der Tangerine Dream - Musik unterlegte. Basierend auf treibenden elektronischen Beats, die sie zuvor schon in ihrem Live-Album „Ricochet“ anklingen ließen, entwickelte die Band einen Sog, der keine Erlösung versprach, sondern die fortschreitende Zersetzung spürbar werden ließ. Zurecht verzichtete Friedkin im Filmtitel auf den Begriff der „Angst“, denn anders als in „Le salaire de la peur" wird hier die Angst, die bei Clouzot mit Händen greifbar wurde, noch von einer nihilistischen Haltung übertroffen, die einen Freudesausbruch, wie er Yves Montand am Ende von „Le salaire de la peur" zum Verhängnis wird, nicht vorstellbar werden lässt. 

Auch wenn sich das Grundgerüst beider Filme ähnelt, verdient Friedkins Interpretation eine unabhängige Beurteilung. Clouzots Film ist in der Demaskierung menschlicher Verhaltensmuster zeitlos, Friedkins Gewicht liegt mehr auf einer sich selbst zerstörenden übergeordneten Sozialisation, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Sein Film ist emotionsloser und sperriger als „Le salaire de la peur", der auch tragische Momente und zwischenmenschliche Vertrautheit zulässt. In "Sorcerer" ist dagegen jede Annäherung zwischen den Protagonisten gleichbedeutend mit dem Vorboten eines Todes. Untermalt von der elektronischen Musik Tangerine Dreams, entsteht so der Eindruck einer technokratischen Welt, die das Handeln der Menschen bestimmt. Nur ein Zauberer könnte den vier Männern aus ihrer widrigen Situation helfen, aber der "Sorcerer" existiert hier nur als verblassender Schriftzug unter der Tür eines rostigen LKW's.

"Sorcerer" USA 1977, Regie: William Friedkin, Drehbuch: Walon Green, Georges Arnaud (Roman), Darsteller : Roy Scheider, Francisco Rabal, Bruno Cremer, Amadou, Friedrich von Ledebur, Laufzeit : 119 Minuten

1 Kommentar:

Rajko Burchardt hat gesagt…

Die Screenshots sind nicht im korrekten Format, da keine vollständige, adäquate Fassung des Films vorliegt

Das wird sich in Küprze ändern: Die Restauration ist in vollem Gange. Die Neuabstastung wird ihre Premiere in Venedig feiern, kurz darauf erscheint der Film im korrekten Format auf DVD/BD.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.