Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 21. Mai 2013

Le journal d'une femme de chambre (Tagebuch einer Kammerzofe / Il diario di una cameriera) 1964 Luis Buñuel


Inhalt: Celestine (Jeanne Moreau) tritt, aus Paris kommend, ihre neue Stelle als Kammerzofe im Hause Monteuil an. Schon die unfreundliche Begrüßung des wortkargen Joseph (George Géret), der sie am Bahnhof abholt, deutet auf eine nicht ganz einfache Anstellung hin. Madame Monteuil stellt sich als leicht verbitterte Dame des Hauses heraus, die ihre sexuellen Probleme am liebsten mit dem katholischen Pfarrer teilt. Ihr Mann (Michel Piccoli) hat aus Notgeilheit schon die letzte Kammerzofe geschwängert, was seine Frau vor allem wegen der zu zahlenden Alimente ärgert. Und Madames Vater nutzt Celestines elegante Pariser Erscheinung, um seinem Schuh-Fetischismus zu frönen.

Auch die Dienstboten führen ein Eigenleben. So ist Joseph nicht nur ein unsympathischer Zeitgenosse, sondern auch ein rechtsradikaler Aktivist, der zusammen mit seinen Kameraden Hetzschriften gegen Juden und Bolschewisten verfasst. Eine solche Umgebung erfordert eine gewisse Anpassungsfähigkeit, aber Celestine zeigt sich der Situation gewachsen...


„Le journal d’une femme de chambre“ (Tagebuch einer Kammerzofe) läutete Buñuels letzte Schaffensperiode ein, die ihn nach seinem langen Aufenthalt in Mexiko wieder in Europa arbeiten ließ. Auf Grund der nach wie vor in seinem Heimatland Spanien herrschenden Franco-Diktatur, die die Dreharbeiten zu "Viridiana" (1961) stark behinderte, ging er wie schon zu Beginn der 30er Jahre nach Frankreich, wo er unter italienisch / französischer Produktion seinen Film herstellte. Doch auch seine Erinnerungen an Frankreich waren keineswegs positiv. Der rechtsradikale Mob hatte die Vorführung seines zweiten Films "L'age d'or" (Das goldene Zeitalter, 1930)  angegriffen, worauf dieser in Frankreich 50 Jahre lang verboten war. Bunuel machte aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem reaktionären, fremdenfeindlichen und selbstverliebten Bürgertum kein Geheimnis, was ihn im Auge der staatstragenden Institutionen grundsätzlich verdächtig werden ließ und ihn nach dem Krieg ins mexikanische Exil trieb.

„Le journal d’une femme de chambre“ behielt in seinem Oevre lange Zeit den Ruf, einer seiner schwächeren Filme zu sein, als ob der 64jährige Schwäche gezeigt hätte, um wieder nach Europa zurückkehren zu können. Zwar fehlen dem Film die surrealen Effekte, für die Luis Buñuel berühmt wurde, aber genauso bestimmend für seine Filme blieb auch immer ihr unterhaltender Charakter. Hier bediente er sich zwar einer prägnanten Schwarz/Weiß Optik, die den historischen Charakter der 1928 spielenden Geschichte – also wenige Jahre bevor „L’age dor“ in Frankreich erschien – unterstreicht, aber er bleibt optisch konventionell. Ähnliches lässt sich zur Erzählstruktur sagen, die auf Octave Mirbeaus gesellschaftskritischem Roman aus dem Jahr 1900 basiert.

Buñuel schildert die Geschichte um die Erlebnisse der Pariser Kammerzofe Celestine (Jeanne Moreau) in einem kleinen Ort in der Normandie abwechslungsreich und mit hohem Unterhaltungswert. Sie tritt ihre Stelle in einem herrschaftlichen Anwesen an, in dem neben dem Ehepaar Monteil nur noch der Vater der Hausherrin lebt. Sofort stellt sich heraus, dass Madame Monteuil (Françoise Lugagne) hier das Sagen hat, weshalb sie Celestine auf kleinliche Art und Weise einweist. Der erste Bruch in der bis zu diesem Zeitpunkt homogen wirkenden Story, zeigt sich, als eine andere Hausangestellte Celestine nach ihrem Eindruck zu Madame befragt, und diese, die sich bis dahin nur eines äußerst gepflegten Sprachstils befleißigt hatte, die Hausherrin als "Hure" bezeichnet.

Buñuel seziert die hier versammelten Personen genau und ohne Relativierung ihrer Charaktere, dabei einen beiläufigen Stil annehmend, der bewusst auf künstliche Zuspitzungen verzichtet, um damit die menschlichen Abgründe erst ernsthaft erfahrbar werden zu lassen. Angesichts aktueller Inszenierungen, in denen extreme Verhaltensweisen selten ohne Übertreibungen auskommen und damit von der Konfrontation eher ablenken, lassen die Protagonisten hier keinen Zweifel an ihren wahren Charakter, auch dank des hervorragenden Darsteller-Ensembles. Michel Piccoli spielt die Figur des verklemmten und notgeilen Hausherrn äußerlich mit angenehmen Umgangsformen und bürgerlichem Anstand, allerdings unfähig auf das weibliche Geschlecht zuzugehen, authentisch und vertraut. Er wird von seiner Frau gehasst wird und kann sich gegen sie nicht durchsetzen, weshalb er nur in der Lage ist, sich am schwächsten Glied einer Kette zu vergehen. 

Im Gegensatz dazu hält seine Frau immer die Fassade der verantwortlichen Hausherrin aufrecht, ohne deshalb in despotische Verhaltensmuster zu verfallen. Sie ist freundlich und keineswegs besonders autoritär, nur in wenigen Momenten durchbricht sie diese Fassade, wenn sie sich mit einem Einlauf auf den Besuch des Priesters vorbereitet und diesen unverhohlen mit ihrer gehemmten Sexualität konfrontiert. Auch ihr Vater (Jean Ozenne) wirkt fast liebenswert in seiner Höflichkeit gegenüber Celestine und nahezu schüchtern, sie dazu aufzufordern, seinen Schuh-Fetischismus mit ihm zu frönen. Als er tot, dabei die zuvor von Celestine getragenen Schuhe im Arm haltend, fast nackt in seinem Bett liegt, wirkt er in seiner Embryo-Haltung wie ein Kind.

Buñuel liegt es fern, die herrschende bürgerliche Klasse direkt zu diskreditieren, vielmehr verdeutlicht er menschlich nachvollziehbar die tatsächlichen Verhaltensmuster hinter deren äußerlicher Fassade. Wesentlich unbarmherziger ist sein Blick auf das "normale" Volk, das sich ständig in antisemitischen und rechtsradikalen Äußerungen vergeht, was Frankreichs Rolle während der nationalsozialistischen Besatzungszeit im 2.Weltkrieg in einem Licht erscheinen lässt, dass noch heute konfrontiert. Besonders Joseph (Georges Géret), der schon lange im Hause Monteuil angestellt ist, gebiert sich als Radikaler, der zusammen mit einem Kollegen Flugblätter mit rechtsradikalen Hetzreden entwirft und dem es sichtlich Vergnügen bereitet, andere zu quälen. Captain Mauger (Daniel Ivernel) verkörpert das verlogene Beispiel eines Soldaten im Ruhestand, der auf der einen Seite die modernen Zeiten beschwört, um zu rechtfertigen, dass seine Hausangestellte unverheiratet mit ihm schläft, auf der anderen Seite rücksichtslos seine Armeevergangenheit zu seinem eigenen Vorteil nutzt.

Doch das Herzstück des Films bleibt Jeanne Moreau als Kammerdienerin, deren Spiel erst die Abläufe zwischen den Protagonisten glaubwürdig werden lässt. Ihre Anwesenheit in dem kleinen Ort in der Normandie fördert erst die Veränderungen, die Buñuel die Gelegenheit geben, ein abgrundtief pessimistisches Bild der französischen Gesellschaft zu zeichnen. Ihre ungewöhnliche Schönheit, gepaart mit einer absoluten Coolness und dem leicht verbitterten Mundzug, macht es nachvollziehbar, dass ihr nicht nur diverse Herren zu Füßen liegen, sondern sie auch über ein überlegenes Selbstwertgefühl verfügt. Nur sie strahlt so etwas wie Gewissen und Verantwortungsgefühl aus, aber gleichzeitig ist sie sich ihrer schwachen gesellschaftlichen Position bewusst und entscheidet letztlich wie alle Anderen - zum eigenen Vorteil. Damit nimmt Buñuel dem Betrachter die letzte Hoffnung, irgendeiner moralisch vertretbaren Handlung beiwohnen zu können. Angesichts des brutalen pädophilen Verbrechens, dass er ins Zentrum des Geschehens stellt, ein nur schwer zu ertragener Zustand. Celestine, die den Ort schon verlassen wollte, kehrt aus diesem Grund zwar wieder zurück, aber nicht um einen Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Selbst in diesem leicht erzählten, unterhaltenden Film, bleibt Buñuel in seiner Sezierung des Bürgertums konsequent und keineswegs zu Kompromissen bereit. Eine Identifikation mit einer der handelnden Personen wird von ihm nicht angestrebt. Im Gegenteil fällt sein letzter Blick auf den marschierenden rechtsradikalen Mob, der die Parole "Frankreich den Franzosen" schreit - dabei von Josephs begeisterten Rufen begleitet, der jetzt eine Kneipe führt. Wenig später lassen sie den Polizeipräfekten Chiappe hochleben und damit den Mann, der 1930 Bunuels zweiten Film verbieten ließ - trotz aller gesellschaftskritischen Gedanken kann Bunuel seinem Film am Ende noch einen gewissen selbst ironischen Humor abgewinnen.

"Le journal d'une femme de chambre" Frankreich / Italien 1964, Regie: Luis Bunuel, Drehbuch: Luis Bunuel, Jean-Claude Carrière, Octave Mirbeau (Roman), Darsteller : Jeanne Moreau, Michel Piccoli, Francoise Lugagne, Georges Géret, Daniel Ivernel, Laufzeit : 94 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.