In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Samstag, 4. Mai 2013

La lunga spiaggia fredda (Rocker sterben nicht so leicht) 1971 Ernesto Gastaldi


Inhalt: Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), ein gut situiertes Ehepaar, will ein Wochenende am Meer verbringen, in einem einsam an einem großen weiten Sandstrand gelegenen Ferienhaus. Während sie schon am Strand spazieren geht, kümmert er sich beflissen um ihre Unterkunft, was aber nicht verhindert, dass sie seine abendlichen Annäherungsversuche im Bett zurückweist. Auch sprachlich kommt ihre Beziehung über den Austausch von Floskeln nicht hinaus. Doch ihr Aufenthaltsort erweist sich als weniger einsam als gedacht, denn am Morgen stehen vier Männer mit langen Haaren und Ledermontur vor ihrem Fenster und treten ungebeten ein. 

Sie fackeln nicht lange und Fred (Robert Hoffmann), ihr Anführer, nimmt Jane mit nach oben, während die übrigen Männer auf Harry aufpassen, der kaum aufbegehrt. Sie würfeln aus, wer als Nächster ran darf, während sich Fred und Jane bei der Vergewaltigung näher kommen als sie beide wollten. Trotzdem überlässt er seinen Kumpanen die Frau, während er melancholisch auf den Strand hinaus tritt. Nur sein Freund Speed (Fabian Cevallos) folgt ihm, der kein Interesse an erzwungenem Sex zeigt. Nachdem die Männer wieder verschwunden sind, machen sich Jane und Harry gegenseitig Vorwürfe – er wirft ihr vor, Spaß gehabt zu haben, sie bezeichnet ihn als Feigling, was ihn nicht davon abhält, möglichst schnell das Weite zu suchen. Doch ihr Auto wurde sabotiert und die Flucht zu Fuß erweist sich als wenig erfolgreich…


Wenn zu Beginn die Kamera zu Stelvio Cipriatis rhythmisch melancholischer Musik die rötliche Sonne über einem sanft bewegten Meer erfasst, bevor sie zu der unendlich scheinenden Weite eines menschenleeren Sandstrands überblendet, vermittelt "La lunga spiaggia fredda" (wörtlich "Der lange kalte Strand") einen Moment lang den Eindruck eines Sommers voller Freiheit, der langsam zu Ende geht - eine Symbolik, die für den Film bestimmend bleiben wird.

Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), die mit ihrem Auto durch die Dünen zu einem einsam am Strand gelegenen Haus fahren, wirken wie Wochenendurlauber, die sich eine kurze Auszeit vom Alltagsleben nehmen wollen. Während Harry noch von seinen Geschäften redet und die Einkaufsbeutel in das Haus trägt, spaziert Jane schon halbnackt entlang des Strands und atmet die Atmosphäre ein. Auch darüber hinaus scheint das Ehepaar nur wenige Gemeinsamkeiten zu haben, denn ihre Gespräche wirken teilnahmslos und trotz Harrys Bemühungen verweigert die hübsche Jane jede körperliche Nähe. Beide verkörpern ein typisches noch recht junges, kinderloses amerikanisches Mittelklasse-Ehepaar der frühen 70er Jahre - finanziell gut situiert, modisch gekleidet und gesellschaftlich integriert. Während er einem gut bezahlten Bürojob nachgeht, trifft sie sich mit anderen gelangweilten Ehefrauen zum gemeinsamen Shoppen.

Die Konfrontation mit diesem Muster an Bürgerlichkeit lässt erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Am nächsten Morgen stehen vier Rocker vor dem Haus, die in der Nähe am Strand gecampt hatten und die blonde Jane von dort aus erblickten. Ohne zu Zögern schlagen sie Harry zusammen und beginnen Jane der Reihe nach zu vergewaltigen. Damit entwirft "La lunga spiaggia fredda" eine typische Sexploitation -Konstellation zwischen klischeehaften Gegnern, wie sie im Genre-Kino häufig für Gewaltdarstellungen und Sexszenen genutzt wurde, worauf auch der deutsche Titel "Rocker sterben nicht so leicht" hinzuweisen scheint. Doch der erfahrene Drehbuchautor Vittorio Salerno, der mit "Fango bollente" 1975 einen ähnlich vielschichtigen Film auf Basis einer plakativ wirkenden Story entwickeln sollte (und dabei auch Regie führte), nutzte diese Ausgangssituation für eine komplexe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 60/70er Jahre.

Unterstützt wurde er bei dem Entwurf eines Kammerspiel artigen Szenarios, das den großen, weiten Strand an beengten Raum wirken lässt, von Ernesto Gastaldi, einem der wichtigsten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Films der 60er bis 80er Jahre. Beginnend mit "L'amante del Vampiro" (Die Geliebte des Vampirs, 1960), hatte er eine Vielzahl an Drehbüchern zu Italo-Western ("Arizona Colt" (1966), "Il mio nome e nessuno" (Mein Name ist Nobody, 1973)), Gialli ("I corpi presentano tracce di violenza carnale" (Die Säge des Teufels, 1973)) und Polizieschi ("Milano odia:la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974)) geschrieben, um nur wenige stilbildende Beispiele zu nennen. Bei "La lunga spiaggia fredda" übernahm er eine seiner seltenen Regiearbeiten, nicht zufällig in Zusammenarbeit mit Vittorio Salerno, mit dem er auch "Libido" (1965, zudem mit Mara Maryl als Drehbuchautorin und Darstellerin), "Cin... cin... cianuro" (1968) und später "Fango bollente" gemeinsam verantwortete.

Die Konfrontation eines Ehepaars mit Motorrad-Rockern bestätigte zur Entstehungszeit des Films die typischen Vorurteile einer bürgerlichen Gesellschaft gegenüber langhaarigen Anarchisten und protestierenden Studenten. Die mehrfache Vergewaltigung der Ehefrau bediente darüber hinaus die Angst vor der sexuellen Revolution, die die moralischen Standards und damit die bisherigen Geschlechterrollen bedrohte. Dass Jane sich in Fred (Robert Hoffmann) verliebt, obwohl dieser sie als Erster vergewaltigte, erschiene heute als unerträgliche Verharmlosung eines Gewaltakts, provozierte damals aber die patriarchaisch geprägte Gesellschaft. So sehr sich die konservativen Kräfte auch bemühten, die 68er Bewegung zu diskreditieren, war die Attraktivität einer freien, die gesellschaftlichen Zwänge hinter sich lassenden Jugend nicht zu leugnen - gegen den abenteuerlichen, freiheitsliebenden Fred hat der angepasste Harry bei Jane keine Chance mehr.

Doch Gastaldi und Salerno ist nicht an einer vordergründigen Provokation gelegen, sondern sie nutzen den Konflikt, um beide Seiten differenziert zu betrachten. Nicht nur Jane verliebt sich in den Rocker, auch Fred erwidert ihre Gefühle und verstößt damit ebenso gegen Regeln. Die aus vier Männern bestehende Rocker-Gruppe verfügt im Inneren nicht über die nach außen behauptete Homogenität aus Lederkleidung, langen Haaren und bemalten Choppern. Fred ist seit vielen Jahren mit Speed (Fabian Cevallos) befreundet und der Beginn ihres freien Lebens auf dem Motorrad klingt in Speeds Erinnerung ähnlich den Intentionen der von Peter Fonda und Dennis Hopper verkörperten Männer in "Easy Rider" (1969) - brüderliche Gleichheit ohne jeden Besitzanspruch. Doch anders als diese werden sie nicht von Reaktionären getötet, ohne ihre Ideale zerstören zu können, sondern haben ihre früheren Absichten längst verraten.

Die Vergewaltigung wird nicht beschönigt, sondern steht in ihrer Kriminalität signifikant für den Niedergang einer Idee. Die sich daraus entwickelnde Liebe zwischen Jane und Fred wirkt wie ein letzter Versuch, die jeweiligen Seiten miteinander zu verbinden - sie, die Bürgerliche, wünscht sich den Ausbruch aus ihrem normierten, unemotionalen Leben, er, der Anarchist, will wieder zurück zu seinen alten Idealen. Das Scheitern dieses Ansinnens steht im Film symbolisch für das Scheitern des gesellschaftlichen Umbruchs der 68er. Ein Konsens ist nicht mehr möglich, denn die jeweiligen Haltungen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Jonathan (Riccardo Salvino) und Thomas (Gianni Loffredo), die erst später zu Fred und Speed stießen, halten Freds Absicht, Jane nicht mehr mit ihnen teilen zu wollen, für Verrat an der gemeinsamen Sache, obwohl er weiter mit ihnen fahren will. Als er dem Ehepaar ermöglicht zu fliehen, kommt es zum offenen Ausbruch ihres inneren Konflikts.

Der tiefe Pessimismus des Films zeigt sich aber weniger in der Beschreibung dieses Niedergangs als in der Rolle des Harry, der vordergründig unattraktivsten Figur. Anders als in typischen Revenge-Filmen, in denen der Gedemütigte irgendwann aufsteht und zurückschlägt, ist Harry dazu nicht in der Lage. Seine Frau verweigert ihm den Sex, verliebt sich in ihren Vergewaltiger und beleidigt ihn mehrfach als Feigling, den sie nie geliebt hätte. Selbst als er seine Waffe in der Hand hält, die im Handschuhfach seines Autos versteckt war, trifft er Jonathan nicht einmal aus nächster Nähe, da er sich nicht traut dabei hinzusehen. Er wird mehrfach verprügelt und gefesselt, erweist sich in fast allen Situationen als hilflos und geht doch als Sieger aus dem Konflikt hervor, denn anders als Fred und Jane zweifelt er nicht an seiner inneren Haltung und bleibt seinen bürgerlichen Ansichten treu. Er muss nur abwarten bis sich die Anderen selbst zerstören.

Entsprechend verlässt Harry den Ort des Geschehens so wie er gekommen war - seine Frau an seiner Seite, keinen Gedanken mehr an die Ereignisse der letzten Tage verschwendend, sondern schon auf einen kommenden Arbeitstermin vorausblickend - das Altbewährte hat gesiegt, der Sommer der Freiheit ist zu Ende.

"La lunga spiaggia fredda" Italien 1971, Regie: Ernesto Gastaldi, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Vittorio Salerno, Alberto Cardone, Darsteller : Robert Hoffmann, Mara Maryl, Riccardo Salvino, Walter Maestosi, Gianni Loffredo, Fabian CevallosLaufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme des Drehbuchautoren Ernesto Gastaldi:

"L'amante del Vampiro" (1960), Regie Renato Poselli
"La decima vittima" (1965), Regie Elio Petri
"Arizona Colt" (1966), Regie Michele Lupo
"Per 100,000 Dollari ti ammazzo" (1967), Regie Giovanni Fago
"Milano trema: la polizia vuole giustizia" (1973), Regie Sergio Martino
"Milano odia: la polizia non può sparare" (1974), Regie Umberto Lenzi
"Morte sospetta di una minorenne" (1975), Regie Sergio Martino
"Fango bollente" (1975), Regie Vittorio Salerno

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.