Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Mittwoch, 13. März 2013

Perché si uccide un magistrato (Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?) 1974 Damiano Damiani


Inhalt: Aufgeregt kommt ein Mitarbeiter des Staatsanwalts Traini (Marco Guglielmi) in dessen Büro, um ihn darüber zu informieren, dass er den Regisseur Giacomo Solaris (Franco Nero) wegen Beleidigung des Gerichts und des Staatsanwalts verklagen will. Traini lässt sich Solaris’ Film vorführen und reagiert gelassen auf die darin enthaltenen Vorwürfe gegen ihn, er ließe sich von der Mafia bestechen. Dass er zudem am Ende des Films stirbt, erzeugt eher Neugier, weshalb er Solaris zu einer Abendveranstaltung in seine Villa einlädt.

Solaris nimmt die Einladung an und begegnet im Haus des Staatsanwalts diversen Abgeordneten und dem Rechtsanwalt Meloria (Luciano Catenacci), denen Kontakte zur Mafia nachgesagt werden. Gegenüber Traini verteidigt er seinen Film, was diesen nicht von der großzügigen Geste abhält, die Anklageschrift vor seinen Augen zu zerreißen. Einzig dessen Ehefrau, Antonia Traini (Françoise Fabian), drückt ihr Missfallen gegenüber Solaris aus und bittet ihn, ihr Haus wieder zu verlassen. Diese Reaktion lässt dem Regisseur keine Ruhe, weshalb er versucht, Signora Traini dazu zu überreden, sich die Beweise seiner Vorwürfe anzusehen…


"Perché si uccide un magistrato" (Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?) war 1974 nicht nur Damiano Damianis letzter Film mit Franco Nero, sondern der Beginn einer dreijährigen Phase, bevor er 1977 mit "Io ho paura" (Ich habe Angst) erneut einen kritischen Blick auf die politischen Verhältnisse in Italien werfen sollte. Dieser zeitliche Abstand erscheint aus heutiger Sicht überraschend, da Damiani, beginnend mit "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule, 1968) schon früh auf die Unterwanderung des politischen Systems durch die Mafia reagiert hatte. Mit "Confessione di un commissariodi polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) und "L'istruttoria è chiusa: dimentichi" (Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's) legte er bereits 1971 zwei das Genre prägende Filme nach, die verdeutlichten, wie weit die Korruption und damit der Einfluss des organisierten Verbrechens in die italienische Gesellschaft vorgedrungen war.

Damit befand er sich auf der Höhe der Zeit, denn Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre wurde Italien von Massenstreiks, Studentenunruhen und Bombenanschlägen erschüttert, aber die "Anni piombo" (Bleiernen Jahre) hatten gerade erst begonnen und sollten das Land noch jahrelang mit einer hohen Kriminalitätsrate, Terrorismus und unsicheren politischen Verhältnissen im Griff behalten, worauf Damiani später mit "Io ho paura" reagieren sollte. "Perché si uccide un magistrato" wirkte dagegen geradezu handzahm in seiner sprachintensiven, intellektuellen Umsetzung, während gleichzeitig die Hochphase der "Polizieschi" im italienischen Film begann, die die Ängste der Gesellschaft in sehr direkter Form widerspiegelten.

Schon in seinen früheren Polit-Filmen lag Damianis Gewicht vermehrt auf den Dialogen, streute er nur wenige Action-Szenen ein, aber die unmittelbare Bedrohung für seine Protagonisten blieb immer spürbar. "Perché si uccide un magistrato" beginnt stattdessen wie ein Kammerspiel, als sich zu Beginn der Staatsanwalt Traini (Marco Guglielmi) den Film vorführen lässt, der in seiner Behörde für viel Aufregung sorgt. Der Regisseur Giacomo Solaris (Franco Nero) hatte ihn darin angegriffen, sich von der Mafia kaufen zu lassen und Verbrechen zu vertuschen. Als Konsequenz ließ Solaris ihn am Ende sogar sterben, ermordet von denen, die ihn zuvor bestochen hatten. Doch Traini reagiert souverän, lädt den Regisseur sogar zu einem Abendessen in seine Villa in Palermo ein, wo Solaris auch jene Politiker und Juristen antrifft, die im Verdacht stehen, mit der Mafia zusammen zu arbeiten. Einzig Trainis Ehefrau Antonia (Françoise Fabian) gefällt seine Anwesenheit nicht und wirft ihm vor, ihren Mann zu Unrecht zu verunglimpfen. 

Häufig wird "Perché si uccide un magistrato" als schwächster der vier Polit-Filme mit Franco Nero betrachtet, auch weil Damiani sich thematisch zu wiederholen schien, aber das täuscht. Es ist ein Spiel mit verschiedenen Ebenen, das der Regisseur hier treibt, und das als Reflexion auf seine vorherigen Mafia-Filme zu verstehen ist. Solaris dabei nur als Alter-Ego Damianis zu verstehen, wäre zu einfach, auch wenn die Konstellation des "Films im Film" eine selbstironische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Wirkung eines Politfilms und dessen Wahrheitsgehalt ist. Viel mehr nutzt Damiani den Charakter des Regisseurs als Deckmantel für seine unterschwellige Intention.

Dass dieser vor allem Antonia Traini, die solidarische Ehefrau des Beschuldigten, von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugen will, verdeutlicht den besonderen Wert, den ihre Meinung für ihn hat. Entsprechend viel Raum nimmt ihr Dialog in Damianis Film ein, besonders nachdem der Staatsanwalt erschossen auf einem Parkplatz aufgefunden wurde, womit Solaris'  Voraussage zur Realität geworden ist. Er ist davon überzeugt, dass die Mafia Traini ermorden ließ, weshalb ihn die Verhaftung eines Parkplatzwächters sehr erregt, der als Bauernopfer auserkoren wurde, um die wahren Täter laufen zu lassen. Vordergründig schlüpft Franco Nero wieder in die Rolle des einsamen Aufklärers, aber Damiani nutzt dessen Aktionismus nur dafür, die wesentlichen Ereignisse im Hintergrund abspielen zu lassen.

Ganz selbstverständlich findet der Kontakt zwischen dem zwielichtigen Anwalt Meloria (Luciano Catenacci), der auch Senora Traini vertritt, und dem von der Polizei gesuchten Mafia-Boss Bellolampo (Sergio Valentini) statt, der jedesmal gewarnt wird, wenn eine Razzia gegen ihn geplant ist. Ebenso nutzen die Abgeordneten Ugo Selimi (Elio Zamuto) und Derrasi (Giancarlo Badessi), zu deren Bekanntenkreis selbstverständlich auch der Anwalt gehört, ihre Beziehungen, um gegeneinander Stellung zu beziehen, obwohl sie letztlich alle im selben Boot sitzen. Wenn für die eigenen Interessen notwendig, wird unauffällig oder ganz öffentlich gemordet, ohne das die Taten aufgeklärt werden. Solaris selbst ist dagegen nie in Gefahr, woran deutlich wird, dass seine Suche nach dem Mörder Trainis trotz kleinerer Erkenntnisse nicht als ernste Bedrohung angesehen wird.

Mit dieser Konstellation gelang es Damiano Damiani, fast nebenbei die vollständige Infiltrierung einer Gesellschaft durch die Mafia darzustellen. Weder Solaris' Film, noch sein aufklärerisches Bemühen, konnten ein selbstverständlich gewordenes System verunsichern, dass notfalls in den eigenen Reihen für Ordnung sorgt, indem es schwache Mitglieder opfert. Das sie am Ende nicht einmal dazu gezwungen werden, weil die Lösung des Mordes von alltäglicher Profanität ist, ist letztlich nicht mehr entscheidend. So oder so wären die Mechanismen der Macht nicht in Gefahr geraten - Solaris hatte von Beginn an keine Chance.

Darin unterscheidet sich Damianis vierter Politfilm mit Franco Nero von seinen drei Vorgängern, indem er selbst die vage Illusion, mit moralischem Anstand, Unbestechlichkeit oder Kampfeswille ließe sich noch etwas bewegen, zerstört, womit er inhaltlich schon auf seinen folgenden Polit-Thriller "Io ho paura" verweist. Gleichzeitig entwirft "Perché si uccide un magistrato" damit hintergründig das Bild einer korrupten Gesellschaft, an dessen Richtigkeit kein Zweifel mehr bleibt.

"Perché si uccide un magistrato" Italien 1974, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Enrico RibulsiDarsteller : Franco Nero, Francois Fabian, Marco Gugliemi, Luciano Catenacci, Elio Zamuto, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.