Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Samstag, 9. März 2013

I vampiri (Der Vampir von Notre Dame) 1956 Riccardo Freda, Mario Bava


Inhalt: Auf der Seine wird eine tote junge Frau gefunden, was die Pariser Presse erneut dazu veranlasst, reißerische Überschriften über einen mörderischen Vampir zu veröffentlichen, da die Körper kein Blut mehr aufwiesen. Für Inspector Chantal (Carlo D'Angelo) sind diese  Schlagzeilen eher hinderlich, weshalb er sich über den Journalisten Pierre Lantin (Dario Michaelis) ärgert, der sich in seine Arbeit einmischt und eigene Nachforschungen betreibt.

Beide können aber nicht verhindern, dass bald schon die nächste junge Frau verschwindet, aber Lantin entdeckt eine Spur, als er auf dem letzten Foto der Entführten, dass ihr Verlobter aufgenommen hatte, einen Mann im Hintergrund entdeckt. Als er Lorette (Wandisa Guida), einer Kommilitonin, das Foto zeigt, glaubt diese, den Mann identifizieren zu können. Seinen Kontakt zu der jungen Frau hatte auch Giselle (Gianna Maria Canale) beobachtet, die in Lantin verliebt ist, obwohl dieser ihre Gefühle ablehnt. Wenig später wird auch Lorette entführt…


"I vampiri" (Der Vampir von Notre Dame) verdankt einigen Besonderheiten seine generelle Bedeutung - speziell für das Horror-Genre im italienischen Film nach dem Krieg, als dessen erster Vertreter er gilt. Riccardo Freda, verantwortlich für das Drehbuch und die Regie, hatte sich schon seit den frühen 40er Jahren einen Namen gemacht mit Verfilmungen von Klassikern ("Aquila nera" (Schwarzer Adler, 1946) nach Alexander Puschkin) oder Historienfilmen wie "Teodora, imperatrice di Bisanzio" (Theodora - Kaiserin von Byzanz, 1954). Sein Stil konnte sich in dieser Phase gegenüber dem "Neorealismus" behaupten, was ihn nicht daran hinderte, eng mit Mario Monicelli und Steno zusammen zu arbeiten, deren Wurzeln im Neorealismus zu finden sind. Sie wirkten unter anderen an den Drehbüchern zu "Il cavaliere misterioso" (Der geheimnisvolle Chevalier, 1948) oder "Il tradimento" (1951) mit.

Bei "Il tradimento" handelt es sich um ein Justiz-Drama über die Rache eines unschuldig verurteilten Mannes nach einer langen Gefängnisstrafe. Der Anlass für die im Film erzählten Ereignisse liegt viele Jahre zurück, worin sich Parallelen zu "I vampiri" zeigen, der wie eine Symbiose aus Historiendrama und modernem Thriller erscheint. Entgegen der Erwartung verkörpern die titelgebenden "Vampire" die Gegenwart als Teil einer sensationsgierigen Berichterstattung über die Morde an jungen Frauen, die blutleer aufgefunden wurden. Entsprechend genervt reagiert Inspector Chantal (Carlo D'Angelo) auf den Journalisten Pierre Lantin (Dario Michaelis), dessen Nachforschungen er nicht nur für hinderlich hält, sondern ausschließlich im Interesse an weiteren Schlagzeilen motiviert sieht.

"I vampiri" beginnt wie ein klassischer Polizeifilm mit einer genauen Untersuchungen der zuletzt aufgefundenen Leiche bis die nächste junge Frau in den Fokus des geheimnisvollen Täters gerät. Die Inszenierung des Überfalls - der nahende Schatten eines Mannes, die Einsamkeit der ahnungslosen jungen Frau, die ablenkenden Schreckensmomente bis zur Überwältigung des Opfers - trägt schon eindeutige Merkmale eines "Giallo" und verweist damit auf die Handschrift des Kameramannes Mario Bava, der erstmals als Regisseur die Dreharbeiten von Freda übernahm und den Film beendete. Noch prägnanter wird sein optischer Stil sichtbar, sobald "I vampiri" in die parallele Welt der Herzogin Margerita gerät - einer alten Frau, deren Gesicht schon lange Niemand mehr unverhüllt sah - die mit ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) in einem alten Schloss lebt. Die Schwarz-Weiß Bilder aus den herzoglichen Räumen vermitteln eine dichte, gruselige Atmosphäre, die sich über ganz Paris zu legen scheint.

Dank eines Drehbuchs, dass seine fantastische Story mit Pragmatismus erzählt, bleiben die Gegensätze aus "gotischem" Horror und Gegenwart jederzeit erhalten, verfällt "I vampiri" nicht in nivellierende Gleichförmigkeit. Journalist Lantin, der im Stil eines Detektivs ermittelt, tritt konkret auf, selbst als er von seinem Chef gezwungen wird, über ein gesellschaftliches Ereignis im Hause der Herzogin zu berichten. Deren Nichte ist verliebt in ihn - wie eine Generation zuvor die Herzogin in seinen Vater - aber Lantin hindert das nicht daran, deutlich seine Meinung über sie zu formulieren und sich klar abzugrenzen. Erst langsam erkennt er, dass sein Verhalten dazu geführt haben könnte, dass Lorette (Wandisa Guida) als nächstes Mädchen verschwand und offensichtlich in Todesgefahr schwebt. Er hatte sie bei seinen Nachforschungen kennengelernt und in ihr eine mögliche Zeugin erkannt, ganz abgesehen von der zarten Bande, die sich zwischen ihnen anbahnt.

"I vampiri" benötigt weder Action noch Vampire für seine Handlung, sondern entwickelt seine Wirkung in einer Mischung aus klassischen "Mad-Scientist"- Elementen und einer morbiden, erotisch aufgeladenen Atmosphäre, die nicht nur stilbildend für das Horror-Genre wurde, sondern als Reaktion auf den Wandel in der Sexualität nach dem Krieg zu verstehen ist. Dass Giselle den Männern vorwirft, sie würden sie wegen ihres direkten, unangepassten Verhaltens nicht akzeptieren, half ihr zum damaligen Zeitpunkt noch nicht - ihre fordernde Sexualität und ihre bewusst forcierte Schönheit hatten noch keine Chance gegen die Wirkung eines unschuldigen, jungen Mädchens - aber in ihrer Rolle zeigte sich schon ein Vorbote der zukünftigen Entwicklung.

"I vampiri" Italien 1956, Regie: Riccardo Freda, Mario Bava, Drehbuch: Riccardo Freda, Piero RegnoliDarsteller : Dario Michaelis, Carlo D'Angelo, Gianna Maria Canale, Wandisa Guida, Paul Muller, Laufzeit : 78 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.