Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 6. März 2013

Autostop rosso sangue (Wenn Du krepierst - lebe ich) 1977 Pasquale Festa Campanile


Inhalt: Walter Mancini (Franco Nero) befindet sich mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einer Reise durch den Süden der USA. Der italienische Journalist behandelt seine Frau abschätzig, beleidigt sie und fordert mit Gewalt Sex ein. Auch sie lässt kein gutes Haar an ihrem Mann, der bei der Zeitung ihres Vaters angestellt ist, gibt seinem fordernden Sex aber nach. Auf einem Campingplatz reagiert Walter betont unfreundlich auf andere Camper, besonders die singende Hippie-Gruppe geht ihm auf die Nerven.

Als ihnen am kommenden Tag ein Anhalter begegnet, der offensichtlich eine Autopanne hatte, hält Eve gegen den Willen ihres Mannes an und nimmt ihn mit. Zuerst unterhält sich Walter noch mit Adam Konitz (David Hess), aber als dieser sexistische Bemerkungen gegenüber seiner Frau macht, schlägt er ihn und schmeißt ihn aus dem Auto. Fast gelingt es ihm, ihn zu überwältigen, bis Konitz eine Waffe zieht und kein Geheimnis mehr daraus macht, dass er einer der Schwerverbrecher ist, die wegen eines Überfalls gesucht werden. Und er hat den Koffer mit der Beute von zwei Millionen Dollar bei sich, mit dem er über die mexikanische Grenze abhauen will. Dabei sollen ihm Walter und Eve helfen, aber Konitz hat noch andere Interessen…


"Autostop rosso sangue" (Wenn du krepierst - lebe ich) gilt im Werk des früh verstorbenen Regisseurs Pasquale Festa Campanile bis heute als ungewöhnliche Ausnahme, da er sich zuvor fast ausschließlich komödiantischen Filmen zugewandt hatte. Doch diese Betrachtungsweise ist ähnlich oberflächlich wie die Reduzierung von "Autostop rosso sangue" auf einen gewalttätigen Psycho-Thriller, ohne dessen gesellschaftspolitische Relevanz zum Zeitpunkt seiner Entstehung mit einzubeziehen.

"In Italien gibt es täglich mindestens 300 Diebstähle, jede Woche eine Entführung, jeden Monat politische Skandale und eine Regierungskrise pro Jahr"

Diese Aussage stammt von Walter Mancini (Franco Nero), einem italienischen Journalisten, der sich zusammen mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einem Trip mit dem Wohnwagen durch die USA befindet. Es ist seine Antwort auf die Frage, warum er nicht über ein Verbrechen schreibt, von dem sie gerade im Radio hören, und sagt nicht nur viel über dessen zynischen Charakter aus, sondern über einen Film, dem es gelingt, eine Vielzahl der Ängste einer sich verändernden Gesellschaft Mitte der 70er Jahre in eine klar strukturierte Handlung zu integrieren - das Verhältnis Mann und Frau, offen gelebte Sexualität, hohe Kriminalitätsraten, Jugendbanden und eine zunehmend egoistischere Lebensweise. Dass Campanile die Handlung gemäß der Romanvorlage in den USA spielen lässt, auch wenn der Film aus Kostengründen in Italien gedreht wurde, ermöglichte ihm die Verdichtung dieser Themen innerhalb eines Road-Movies, bediente damit aber auch die Vorurteile einer konservativen europäischen Bürgerschicht, die dem us-amerikanischen Einfluss die Schuld an der sich wandelnden Sozialisation gab.

Auch wenn Campanile die Klänge eines Hippie-Chores in unpassenden Momenten als ironischen Kommentar erklingen lässt und fast ausschließlich unsympathische Zeitgenossen in seinem Film auftreten, gilt sein Hauptaugenmerk Walter Mancini als Vertreter einer Bürgerschicht, der intellektuell geschult und optisch modern wirkend, nur Verachtung für Hippies, freie Liebe, Homosexuelle und Frauen äußert, aber gleichzeitig die Vorteile einer freieren Gesellschaft für sich nutzt. Die Beziehung zu seiner schönen Ehefrau spiegelt nicht die übliche Abnutzung einer inzwischen neunjährigen Ehe wider, sondern in ihrem gegenseitigen Hass die Unfähigkeit, mit den neuen Geschlechterrollen zurecht zu kommen. Während Eve sprachlich selbstbewusst auftritt und den Charakter ihres Mannes ätzend kommentiert, ist sie in ihrem sexuellen Verhalten unterwürfig (womit Corinne Cléry ihr Rolle in „O“ (Die Geschichte der O, 1975) zitiert). Lässt Walter kaum eine Gelegenheit aus, machohaft und selbstgerecht aufzutreten, leidet sein Ego schwer darunter, dass seine Frau als Tochter des Chefs für die materielle Grundlage sorgt, während seine berufliche Position nebensächlich ist. In dieser zugespitzten, den Wandel der Geschlechterrollen kommentierenden Konstellation befand sich Pasquale Festa Campanile ganz in der Tradition seiner früheren Filme.

Fälschlicherweise werden die erotischen Filme der späten 60er und 70er Jahre häufig nur als seichte Unterhaltung angesehen, dabei negierend, dass sie sehr früh den Zeitgeist wiedergaben und damit bewusst provozierten. Sicherlich spielten geschäftliche Gesichtspunkte dabei eine wesentliche Rolle, die zu einer Schwemme an Erotikkomödien im italienischen Kino der 70er Jahre führte, aber in Campaniles schon in den 50er Jahren als Drehbuchautor begonnener Karriere lassen sich tiefere Spuren feststellen. Nicht nur das er am Drehbuch zu Viscontis „Rocco e i suoi fratelli“ (Rocco und seine Brüder, 1960) und „Il gattopardo“ (Der Leopard, 1963) mitwirkte, gemeinsam mit Elio Petri an „L’assassino“ (Trauen sie Alfredo einen Mord zu?, 1961) arbeitete und mit Nanny Loy am Drehbuch zu „Le quattro giornate di Napoli“ (Die vier Tage von Neapel, 1962) schrieb, auch war er früh an Filmen der „Commedia all’italiana“ beteiligt wie „Poveri ma belli“ (1957) und „Belle ma povere“ (Puppe mit Pfiff, 1957) von Dino Risi. Die Nähe zu einer satirischen Sichtweise blieb auch in frühen Regiearbeiten etwa zu „La matriarca“ (Huckepack, 1968) oder „Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971) sichtbar, die als erotische Variante der „Commedia all’italiana“ zu verstehen sind und ihn zu einem entscheidenden Wegbereiter der "Commedia sexy all'Italiana" werden ließen. Auch Co-Autor Ottavio Jemma verfügte über einen komplexen Hintergrund, hatte das Drehbuch zu Montaldos „Sacco e Vanzetti“ (1971) geschrieben und gemeinsam mit Salvatore Samperi Erotik-Dramen wie „Malizia“ (1973) und „Scandalo“ (Submission, 1976), in dem Franco Nero ebenfalls eine sexuell dominante Position einnahm, entwickelt.

„Autostop rosso sangue“ fügt diese verschiedenen Strömungen zusammen, ist gleichzeitig Erotikfilm und Gesellschaftssatire, erinnert an den Italo-Western vor der Kulisse einer staubigen, weiten Landschaft, begleitet von Ennio Morricones bluesartiger Musik, erhält aber zusätzlich einen düsteren, pessimistischen Gestus durch die Hinzuziehung von aus „Gialli“ oder „Polizieschi“ bekannten, damals im italienischen Film häufig verwendeten Thriller-Elementen. Die Konfrontation mit dem Psychopathen Adam Konitz (David Hess) lässt die noch mühsam aufrecht gehaltene Fassade von Eve und Walter brüchig werden, denn obwohl Konitz rigoros über Leichen geht, verfügt er über ein sehr gutes Einfühlungsvermögen hinsichtlich der Charaktere der Eheleute, die er dazu zwingt, ihn zur mexikanischen Grenze zu bringen. Walter, der ihn erwartungsgemäß unterschätzt, wird nicht nur eines Besseren belehrt, sondern lässt sich umschmeicheln, bevor er in seiner Männlichkeit erniedrigt wird, während es Konitz scheinbar gelingt, Eve’s Hass auf ihren Mann für sich zu nutzen.

Auch wenn der reißerische deutsche Titel „Wenn du krepierst - lebe ich“ inhaltlich den Kern des Films trifft, betont er damit zu sehr dessen Exploitation-Charakter, der nur den Rahmen bildet für die genaue Sezierung einer Gesellschaft, die jugendlichen Herumtreibern rät, ihr Geld mit Arbeit zu verdienen, gleichzeitig aber keine Skrupel bei der Jagd nach dem eigenen Vorteil kennt. Pasquale Festa Campanile führt den Film zu einem logischen Ende, das nur Denjenigen überraschen wird, der „Autostop rosso sangue“ unter reinen Thriller-Gesichtspunkten betrachtet – und bewahrt damit die konsequente Sichtweise einer verrohenden Sozialisation.

"Autostop rosso sangue" Italien 1977, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Ottavio Jemma, Aldo Crudo, Peter Kane (Roman)Darsteller : Franco Nero, Corinne Cléry, David Hess, Joshua Sinclair, Carlo Puri, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Festa Campanile:

"Adulterio all'italiana" (1966) 
"La cintura di castità" (1967) 
"La matriarca" (1969)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.