Von "Ultimo mondo cannibale" bis "Cannibal Holocaust" / Teil 2

Von "Ultimo mondo cannibale" bis "Cannibal Holocaust" / Teil 2
Sergio Martino auf seinem einmaligen Kannibalen-Trip

Samstag, 2. Februar 2013

L'armata Brancaleone (Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone) 1966 Mario Monicelli

Inhalt: Der Ritter Arnolfo (Alfio Caltabiano) eilt den Menschen eines Dorfes zu Hilfe, als diese von Strauchdieben überfallen werden, wird aber selbst Opfer von Pecoro (Folco Lulli) und Taccone (Gianluigi Crescenzi), die ihn von hinten mit einem Stein niederschlagen. Nachdem sie dem vermeintlich Getöteten seinen Besitz geraubt hatten, schmeißen sie ihn in einen Fluss. Bei dem Händler Abacus (Carlo Pisacane) versuchen sie ihr Diebesgut zu verscherbeln, ohne zu begreifen, welche Kostbarkeit sich darunter befindet. Bis Abacus ihnen den Text einer Urkunde vorliest, der den Inhaber des Papiers als Besitzer des Lehensguts Aurocastro ausweist.

Doch den Räubern würde Niemand diese Rolle abnehmen, weshalb sie einen Ritter brauchen, der Aurocastro übernimmt und sie zur Hälfte daran beteiligt. Ihre Wahl fällt auf Brancaleone (Vittorio Gassman), da dieser selbst völlig verarmt ist. Umso stärker ist sein Stolz und Ehrgefühl, weshalb er das Angebot des Gesindels hochmütig ablehnt und sein Heil in einem Ritterturnier sucht, um die Hand einer Tochter aus gutem Hause zu erobern. Das misslingt schmählich, weshalb er sich gezwungen sieht, wieder auf die armselige, kleine Gruppe zurück zu kommen, nicht ohne diese zu seiner Armee zu ernennen, bevor er sich in das Abenteuer stürzt…


Für seine Idee, einen Film im Stil eines Schelmenromans über die tragikomischen Abenteuer des Ritters Brancaleone da Norcia (Vittorio Gassman) zu drehen, hatte Mario Monicelli wieder sein bewehrtes Team an der Seite. Agenore Incrocci, genannt "Age", und Furio Scarpelli hatten schon eine Vielzahl an Drehbüchern gemeinsam mit ihm erarbeitet, darunter mit "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer, 1958) den Film, der den Beginn der "Commedia all'italiana" markierte, die in der Tradition des Neorealismus ihren kritischen Gestus geschickt unter einer komödiantischen Handlung verbarg. "L'armata Brancaleone" (Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone) war in seiner Anlage nicht weniger originell und neuartig, nicht nur wegen der ins 11.Jahrhundert versetzten Handlung, sondern besonders hinsichtlich der Tatsache, dass eine eigene Sprache dafür kreiert wurde - italienische Dialekte, vermischt mit spätlateinischen Elementen und dem studentischen Jargon der Gegenwart, zudem noch nach den Eigenarten der Charaktere unterschiedlich gestaltet. Gassman als adliger Ritter hält seine häufig theatralischen Reden in einem mit Latein vermischten Hochitalienisch, der Händler Abacus (Carlo Pisacane) spricht eine jüdisch gefärbte Version, während die einfachen Räuber eine vulgäre Ausdrucksweise pflegen.

Auch die Darstellerriege bestand aus alten Bekannten. Vittorio Gassman und Carlo Pisacane hatten ebenfalls in "I soliti ignoti" mitgewirkt, Gian Maria Volontè, der den byzantinischen Jung-Ritter Teofilatto spielt, der sich nach einem unentschiedenen Duell mit Brancaleone der kleinen Gruppe anschließt, hatte in "A cavallo della tigre" (Vergewaltigt in Ketten, 1961), zu dem Monicelli, Age und Scarpelli unter der Regie von Luigi Comencini das Drehbuch schrieben, eine frühe Rolle inne gehabt, und Enrico Maria Salerno als religiöser Eiferer hatte ein Jahr zuvor in Monicellis "Casanova '70" (1965) gespielt. Catherine Spaak arbeitete zwar noch nicht direkt mit Monicelli zusammen, wurde aber seit ihrer Rolle an der Seite von Vittorio Gassman in "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962) mehrfach in italienischen Komödien besetzt.

Diese Vertrautheit unter den Beteiligten war eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen eines Films, dessen absurde, teils urkomische Handlung nie in Albernheit abdriftet, sondern immer mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Authentizität in den Charakteren vorgetragen wird. Schon der Beginn verdeutlicht, dass es im Mittelalter nicht harmlos zuging, denn als eine Räuberbande ein Dorf überfällt, wird ohne Rücksicht vergewaltigt und gemordet. Dem zu Hilfe eilenden Ritter Arnolfo (Alfio Caltabiano) gelingt es zwar, die Räuber zu töten oder zu verjagen, aber er wird Opfer von Pecoro (Folco Lulli) und Taccone (Gianluigi Crescenzi), die ihn aus dem Hinterhalt niederschlagen bis sie seinen vermeintlich toten Körper in den Fluss schmeißen. Nicht ohne ihn zuvor zu berauben, weshalb ihnen eine Schriftrolle in die Hände fällt, die sie nicht entziffern können.

Gemeinsam mit dem Räuber Mangold (Ugo Fangareggi), der als Einziger außer ihnen den Überfall überlebte, begeben sie sich zu dem jüdischen Händler Abacus, der sofort begreift, welchen Wert die Schriftrolle hat. Der Inhaber dieses Papiers darf Aurocastro, eine Festung und die sie umgebende Stadt, sein Eigen nennen. Allerdings benötigen sie dafür einen Ritter, der diesen Besitz mit ihnen teilt, womit Brancaleone da Norcia ins Spiel kommt. Dieser, obwohl mittellos und herunter gekommen, denkt gar nicht daran, mit dem Gesindel zusammen zu arbeiten. Viel mehr will er bei einem Turnier die Hand einer Tochter aus wohlhabendem Hause gewinnen, scheitert aber schon am ersten Wettkampf, als sein gelb gestrichenes Pferd Aquilante davon läuft. Schnell ändert er deshalb seine Meinung und macht sich mit den vier Männern, die er zu seiner Armee ernennt, auf den Weg nach Aurocastro.

Nach dieser Einleitung erleben sie gemeinsam eine Vielzahl von Abenteuern, deren Reihenfolge beliebig änderbar ist, nachdem sich mit dem Ritter Teofilatto ein weiterer Mann angeschlossen hatte. Monicelli gibt das die Gelegenheit, unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, die trotz ihrer Einbettung in das Mittelalter eine unverkennbare Nähe zu bis heute aktuellen Themen aufweisen. Das Bild, dass er vom Mittelalter zeichnet, ist zwar komödiantisch gebrochen - besonders die schönen Frauen sind optisch bewusst der Gegenwart angelehnt - aber der gesamte Eindruck einer gewalttätigen, dummen und ärmlichen Sozialisation wirkt wesentlich realistischer als die üblichen Ritter-Geschichten. Die Konfrontation der einfachen Männer unter der Leitung eines Ritters, dessen beste Absichten regelmäßig in der Katastrophe enden, mit der herrschenden Klasse, nutzt Monicelli entsprechend, um unverhohlene Seitenhiebe auf Moral und Sozialisation der sich verändernden italienischen Gesellschaft Mitte der 60er Jahre auszuteilen.

Ob sie sich dem religiösen Fanatiker Zenone anschließen, der seine Gottesurteile nach Gelegenheit anpasst, Abacus als Ungläubigen bezeichnet und ihn zur Taufe zwingt, ob sich eine schöne Witwe sexuell Brancaleone hingeben will, bis er merkt, dass die Stadt, in der sie sie als einzige Überlebende angetroffen hatten, von der Pest heimgesucht wurde, ob er sein Versprechen zu halten versucht, eine Jungfrau (Catherine Spaak) heil ihrem zukünftigen Gemahl zu übergeben oder ob sie versuchen für Teofiletto bei dessen Vater ein Lösegeld zu erpressen - natürlich unter Mithilfe ihres Kameraden - immer geraten sie in Schwierigkeiten. Nichts bleibt ihnen erspart - Eisenkäfig, vergiftete Pfeile, Pfählung oder Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. So einfältig, abgerissen und egoistisch Brancaleone und seine kleine Truppe daher kommen - im Vergleich zu ihrer verlogenen und missgünstigen Umgebung werden sie zunehmend zu Sympathieträgern.

Das ist besonders Vittorio Gassman zu verdanken, der mit Ernsthaftigkeit und Verve einen Mann spielt, der trotz seiner Selbstüberschätzung und Eitelkeit, immer auch Anstand und Würde ausstrahlt. Sein ständiges Scheitern hält ihn nicht davon ab, auch in niederschmetternden Momenten pathetische Reden zu halten. Dank Gassmans Spiel gleitet diese Figur nie ins Lächerliche ab, sondern verkörpert ganz ohne heroisches Benehmen Standfestigkeit und Haltung. "L'armata Brancaleone" ist eine derbe, nicht vor drastischen Bildern haltmachende Komödie, zudem in ihrem hohen, die Schauplätze häufig wechselndem Tempo von großem Unterhaltungswert, aber sie bleibt in sich schlüssig, da sie ihre satirischen Mittel immer nur so weit ausreizt, dass der realistische Hintergrund spürbar bleibt. Es erstaunt nicht, dass Brancaleone in „Brancaleone alle grociate“ (Brancaleone auf Kreuzzug ins heilige Land, 1970) in seiner unkonventionellen Art erneut gegen die Mächtigen und Meinungsmacher antreten durfte, denn man möchte ihm mit der großartigen Musik Carlo Rustichellis hinterher rufen: Branca! Branca! Branca! Leone! Leone! Leone!

"L'armata Brancaleone" Italien 1966, Regie: Mario Monicelli, Drehbuch: Mario Monicelli, Furio Scarpelli, Agenore Incrocci (Age),  Darsteller : Vittorio Gassman, Gian Maria Volonté, Catherine Spaak, Enrico Maria Salerno, Carlo Pisacane, Folco Lulli, Laufzeit : 115 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Mario Monicelli:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.