Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Montag, 18. Februar 2013

Morte sospetta di una minorenne 1975 Sergio Martino

Inhalt: Nachdem sie zuerst wenig Lust zeigte, mit ihm zu tanzen, ist die junge Frau (Patrizia Castaldi) plötzlich sehr zugänglich und lässt sich von Paolo Germi (Claudio Cassinelli) auf der Tanzfläche sogar küssen. Er ahnt nicht, dass sie nur versucht, einem Mann mit Sonnenbrille zu entkommen, der sie verfolgt. Als sie sich einen Moment unbemerkt glaubt, stößt sie Paolo zurück und flieht, um in einer nahen Telefonzelle den einflussreichen Geschäftsmann Gaudenzio Pesce (Massimo Girotti) zu erreichen. Doch dieser lässt sich von seinem Diener verleugnen und hilft ihr nicht, weshalb sie wenig später von ihrem Verfolger brutal ermordet wird.

Die Polizei zeigt nur wenig Initiative bei der Ermittlung wegen Mordes an einer minderjährigen Prostituierten, aber Paolo Germi will den Fall nicht auf sich beruhen lassen, sondern versucht mit unkonventionellen Methoden an weitere Informationen zu gelangen. Dabei kommt ihm der Taschendieb Giannino (Adolfo Caruso) gelegen, der die Tasche des ermittelnden Kommissars gestohlen hatte, in der dieser seine Toto-Scheine aufbewahrte. Mit seiner Hilfe beginnt er die Prostituierten am Straßenstrich zu bestehlen, was ihn auf eine entscheidende Spur bringt…


Mitte der 70er Jahre befand sich das italienische Kino auf seinem letzten Höhepunkt, bevor der Niedergang Ende des Jahrzehnts langsam eintrat. Noch zehrte die Filmbranche von ihrer großen Genre-Vielfalt, die zunehmend zu interdisziplinären Werken führte. Ob ein Regisseur gesellschaftskritischer Filme wie Elio Petri in "Todo modo" (1976) Anleihen beim "Giallo" nahm, Francesco Rosi seinen Polit-Film "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976) im Stil eines Poliziesco gestaltete oder Ettore Scola seinen zutiefst pessimistischen Film "Brutti,sporchi e cattivi" (Die Schmutzigen, die Hässlichen und Gemeinen) als Komödie erscheinen ließ - zunehmend wurde ein freier, kreativer Umgang mit den unterschiedlichen Stilmitteln deutlich. Selbst ein bisher so konsequenter Polizeifilm-Regisseur wie Umberto Lenzi verband seinen letzten Poliziesco "La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978) mit einem sensiblen Drama, während er die Action-Elemente deutlich herunter fuhr.

Diese Vorgehensweise war auch der Tatsache geschuldet, dass die stilistischen Gesetzmäßigkeiten formuliert und die entsprechenden Referenzwerke mehrfach zitiert worden waren. Zudem waren die Grenzen besonders zwischen dem "Giallo" und dem jüngsten Genre-Spross "Poliziesco" fließend, genauso wie die moralischen Standards des Italo-Western generell Einfluss genommen hatten. Auch Regisseur Sergio Martino blickte Mitte der 70er Jahre schon auf eine Werksliste zurück, die vom Italo-Western ("Arizona si scatenò... e li fece fuori tutti" (An den Galgen, Hombre, 1970)) über mehrere prägende Gialli (,Tutti i colori del buio" (Die Farben der Nacht, 1972)), erotische Komödien ("Giovannona Coscialunga disonorata con onore" (1973)) bis zum Poliziesco ("Milano trema - la polizia vuole giustizia" (1973)) in wenigen Jahren kaum etwas ausgelassen hatte. Ähnliches gilt für seinen Drehbuch-Co-Autor Ernesto Gastaldi, der dank seiner längeren Schaffenszeit noch am Sandalen-Film der frühen 60er Jahre und intensiv am Italo-Western-Genre mitgewirkt hatte.

In "Morte sospetta di una minorenne" (wörtlich "Mordverdacht bei einer Minderjährigen") werden diese Einflüsse auf Basis eines klassischen Poliziesco sichtbar. Dem Hauptstrang der Handlung - die Untersuchung eines Mordes an einer minderjährigen Prostituierten - werden Elemente des Giallo, der Komödie und des Buddy-Movie zugefügt, ohne den grundsätzlich ernsthaften Charakter des Films in Frage zu stellen. Seltsamerweise ist es diese originelle Gestaltung, der aus heutiger Sicht die Kritik gilt, als ob die Genres im Nachhinein nach starren Grenzen katalogisiert werden müssten. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Films hatten sich inzwischen gültig scheinende Filmklischees noch nicht verfestigt, weshalb Martino geschickt mit der Rolle Claudio Cassinellis spielte, der im ersten Drittel des Films einen zwiespältigen Charakter abgibt. Er hatte mit der jungen Prostituierten (Patrizia Castaldi) getanzt, die ihr enges Zusammensein allerdings nur dafür nutzte, ihrem Verfolger zu entkommen, was ihr trotzdem nicht gelingt. Nach dem brutalen Mord an ihr, der im Stil eines Giallo inszeniert wird, beginnt Paolo Germi (Claudio Cassinelli) auf eigene Faust und mit unorthodoxen Methoden zu ermitteln, sich dabei von der Polizei weit fern haltend.

Sergio Martino nahm diese Ausgangssituation zum Anlass, mit Giannino (Adolfo Caruso) dem Protagonisten einen jungen Mann zur Seite zu stellen, der unmittelbar aus seinen Erotik-Komödien stammen könnte. Der Kleinkriminelle verkörpert den Typus des sympathischen, aber wenig attraktiven Verlierers, der in der aufkommenden Erotik-Film-Welle immer den witzigen Side-Kick gab, der selber kein oder nur das unattraktivste Mädchen abbekam. Auch auf die Figur des „Bombolo“, der in der „Superbullen“ – Reihe mit Tomas Milian („Delitto a porta romana“ (Elfmeter für den Superbullen, 1980)) zu dessen „Buddy“ wurde, weist Martino hier schon hin. Dass sich die in dem Fall offiziell ermittelnden Polizisten nur wenig mit Ruhm bekleckern, gehörte dagegen zum Standard eines Polizeifilms, der meist eine kritische Distanz zu den Behörden einnahm. Dass Martino aus ihnen noch zusätzlich Witzfiguren machte, die nur an ihre Fußball-Toto-Wette denken, persifliert diese Sichtweise ebenso, wie er aus einer Auto-Verfolgungsjagd – ein klassisches Element des Poliziesco – eine irre Slapstick-Nummer entwickelt. Das verstößt zwar gegen die Regeln eines ernsthaften Polizeifilms, wirkt aber keineswegs unpassend, da Martino damit die generell übertrieben inszenierten Elemente des Genres ins Aberwitzige steigert.

Trotzdem – und das lässt "Morte sospetta di una minorenne" gleichzeitig so unterhaltend, wie spannend bleiben – nimmt der Film seine Figuren ernst und entwickelt eine überraschende Story, deren Verlauf gegen die übliche Erwartungshaltung entworfen wurde - auch in ihrer pessimistischen Sichtweise. Neben Cassinelli, dessen intellektuelle Interpretation eines eigenwillig vorgehenden Verbrechensbekämpfers („La polizia ha le mani legate“ (Killer Cop, 1974)) heute leider gegenüber den von Maurizio Merli verkörperten harten Typen in Vergessenheit geraten ist, können Mel Ferrer als zwar kritischer, aber fähiger Polizeichef und Massimo Girotti als seriös scheinender Geschäftsmann überzeugen. In dieser gestalterischen Mischung erinnert der Film an den Italo-Western „Sugar Colt“ (Rocco mit den zwei Gesichtern, 1966), dem es auch gelang, witzige Momente in den ernsthaften Zusammenhang zu integrieren und der damit einen Ausblick auf die spätere Entwicklung des Western-Genres warf, das zunehmend komödiantisch verarbeitet wurde.

Gerade Liebhaber des Poliziesco sollten sich an der abwechslungsreichen Story erfreuen und weniger den Vergleich zu Martinos früheren Filmen oder „ernsthaften“ Polizieschi der Marke Umberto Lenzi suchen, denn der Niedergang des italienischen Films ging einher mit der nachlassenden Lust an der Vielfalt. Allein an der „Superbullen“ – Reihe, die ein Jahr nach "Morte sospetta di una minorenne" mit „Squadra antiscippo“ (Der Superbulle mit der Strickmütze) startete, wird diese Entwicklung sichtbar. Zuerst noch als Mischung aus ernstem Polizeifilm und Komödie angelegt, wurde die Filmreihe zum reinen Klamaukspektakel. „Eindeutigkeit“ galt Anfang der 80er Jahre als scheinbar verkaufsfördernd an den Kinokassen, egal ob als Komödie oder Horrorfilm – Genre übergreifende Filme wie "Morte sospetta di una minorenne" hätten zu diesem Zeitpunkt keine Chance mehr gehabt. Aus heutiger Sicht sollte sich das wieder geändert haben.

"Morte sospetta di una minorenne" Italien 1975, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Sergio Martino, Ernesto Gastaldi, Darsteller : Claudio Cassinelli, Mel Ferrer, Massimo Girotti, Adolfo Caruso, Lia Tanzi, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.